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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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Sechsunddreißigstes Kapitel.

Enthusiasmus.

Ich begann den nächsten Tag abermals mit einem Kopfsprunge in das kalte Bad und machte mich dann nach Highgate auf den Weg. Ich war nicht mehr entmutigt. Ich scheute mich nicht vor einem schäbigen Rock und fühlte keine Sehnsucht nach stolzen Grauschimmeln. Ich betrachtete heute den Unfall, der uns betroffen hatte, in ganz anderer Weise als gestern. Ich hatte nichts weiter zu tun, als meiner Tante zu zeigen, daß ihre frühere Güte nicht an ein gefühlloses, undankbares Subjekt weggeworfen worden war. Ich hatte nichts weiter zu tun, als die mühselige Schule meiner jungen Jahre zu benutzen und mit entschlossenem und standhaftem Herzen ans Werk zu gehen. Ich hatte nichts weiter zu tun, als die Axt in die Hand zu nehmen und mir durch den Wald der Hindernisse einen Weg zu bahnen bis zu Dora. Und ich ging raschen Schrittes darauf los, als könnte ich es schon durch das bloße Gehen erzwingen.

Als ich mich auf der vertrauten Straße nach Highgate befand, nicht wie sonst in der Erwartung von irgendeinem Vergnügen, die ich stets daran geknüpft hatte, schien in mein Leben ein vollständiger Umschwung gekommen zu sein. Aber das entmutigte mich nicht. Mit dem neuen Leben kamen auch neue Anstrengungen, ein neuer Inhalt. Groß war die Arbeit, kostbar der Lohn! Dora war der Lohn, und Dora mußte gewonnen werden.

Ich geriet so sehr in Begeisterung, daß es mir ordentlich leid tat, daß mein Rock nicht schon ein klein wenig schäbig geworden war. Ich sehnte mich unter Umständen, die einen Beweis von meiner Kraft ablegten, auf die Bäume in dem Walde der Schwierigkeiten loszuhauen. Ich hatte große Lust, einen Alten mit einer Drahtbrille vor dem Gesicht, der Steine am Wege klopfte, einen Augenblick um seinen Hammer zu bitten, damit ich mir durch den Granit für Dora einen Pfad bahnen könnte. Meine Aufregung versetzte mich jedenfalls in eine solche Hitze und brachte mich so sehr außer Atem, daß es mir vorkam, als ob ich schon wer weiß wieviel verdient hätte.

In diesem Zustande trat ich in ein Häuschen, das zu vermieten war, und besichtigte es ganz genau, denn ich fühlte mich gedrungen praktisch zu sein. Es paßte für mich und Dora ausgezeichnet: vorn ein kleiner Garten, in dem Jip herumlaufen und durch das Gitter die Leute anbellen konnte, und oben eine schöne Stube für meine Tante. Ich verließ das Haus noch erhitzter und rannte nach Highgate mit einer Schnelligkeit, daß ich eine volle Stunde zu früh ankam; und selbst wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich erst herumgehen müssen, um mich abzukühlen, ehe ich vor anständigen Leuten erscheinen konnte.

Nachdem ich dies getan hatte, war meine erste Sorge, des Doktors Haus zu suchen. Es befand sich nicht in dem Teile von Highgate, wo Mrs. Steerforth wohnte, sondern gerade auf der entgegengesetzten Seite der kleinen Stadt. Als ich diese Entdeckung gemacht hatte, ging ich, einem unwiderstehlichen Zuge folgend, auf einem schmalen Wege zurück, neben Mrs. Steerforths Haus und blickte um die Ecke der Gartenmauer. Sein Zimmer war dicht verhängt, die Türen des Treibhauses standen offen, und auf einem Kieswege an der einen Seite des Rasens ging Rosa Dartle barhäuptig mit schnellen, hastigen Schritten ruhelos auf und ab. Sie kam mir vor wie ein wildes Geschöpf, das die Last seiner Kette auf abgemessenem Wege hin und her schleppt und sich innerlich verzehrt.

Ich verließ leise meinen Beobachtungsplatz, und während ich jenen Teil der Nachbarschaft vermied und wünschte, ich wäre nie in seine Nähe gekommen, schlenderte ich umher, bis es zehn Uhr war. Die Kirche mit dem schlanken Turm, die jetzt auf der Spitze des Hügels steht, war damals noch nicht da, um mir zu sagen, wie spät es sei. An ihrer Stelle stand ein großes, altes Haus von roten Ziegeln, das als Schule benutzt wurde: ein prächtiges altes Haus muß es gewesen sein, um darin in die Schule zu gehen, wie ich mich noch recht gut erinnere.

Als ich das Haus des Doktors erreichte – ein hübsches altes Haus, das er nicht ohne einige Unkosten umgebaut haben mochte, nach einigen noch ganz neu aussehenden Verzierungen und Ausbesserungen zu urteilen – sah ich ihn in dem Garten an der Seite des Hauses herumgehen, mit Gamaschen und Brille, ganz wie ehedem, als ob er seit meiner Schulzeit nie aufgehört hätte spazieren zu gehen. Auch seine alten Gesellschafter hatte er um sich; denn in der Nachbarschaft waren viele hohe Bäume, und zwei oder drei Krähen saßen auf dem Rasen und sahen ihm nach, als hätten ihnen die Domkrähen aus Canterbury über ihn geschrieben, und beobachteten ihn infolgedessen scharf.

Da ich wußte, wie es ganz nutzlos war, aus dieser Entfernung seine Aufmerksamkeit auf mich lenken zu wollen, so erlaubte ich mir die Tür zu öffnen und ihm nachzugehen, damit ich ihm begegnete, wenn er sich umdrehte. Als er dies tat und auf mich zukam, sah er mich ein paar Augenblicke lang gedankenvoll an, offenbar, ohne im geringsten an mich zu denken; dann erhellte sein wohlwollendes Gesicht außerordentliche Freude, und er ergriff meine beiden Hände.

»Ah, lieber Copperfield,« sagte der Doktor; »Sie sind ja zum Manne geworden! Wie geht's Ihnen? Es freut mich, Sir, Sie zu sehen. Mein lieber Copperfield, Sie sehen ausgezeichnet aus! Sie sind ganz – ja – o Gott!«

Ich sprach die Hoffnung aus, ihn wohl zu finden, sowie Mrs. Strong.

»O ja, ja!« sagte der Doktor; »Annie befindet sich ganz wohl und wird sich freuen, Sie zu sehen – Sie waren immer ihr Liebling. Sie äußerte es gestern abend, als ich ihr Ihren Brief zeigte, und – ja natürlich – Sie erinnern sich noch an Mr. Jack Maldon, Copperfield?«

»Vollkommen noch, Sir.«

»Natürlich«, sagte der Doktor. »Natürlich. Er befindet sich auch recht wohl.«

»Ist er wieder zurückgekehrt, Sir?« fragte ich.

»Aus Ostindien?« sagte der Doktor. »Ja. Mr. Jack Maldon konnte das Klima nicht vertragen. Mrs. Markleham – Sie haben Mrs. Markleham doch nicht vergessen?«

Den »alten Soldaten« vergessen! Und in so kurzer Zeit!

»Die arme Mrs. Markleham«, sagte der Doktor, »sorgte sich sehr um den Armen; und so haben wir ihn wieder nach Hause geholt und haben ihm eine kleine Stelle im Patentamt gekauft, die ihm viel besser zusagt.«

Ich kannte Mr. Jack Maldon genug, um aus diesem Bericht zu schließen, daß dies eine Stelle war, in der es wenig zu tun gab, und die ziemlich gut bezahlt wurde.

Der Doktor, der die Hand auf meine Schulter gestützt, das freundliche Gesicht mir ermutigend zugewendet hatte und auf und ab ging, fuhr fort:

»Aber um von Ihrem Vorschlag zu sprechen, lieber Copperfield! Er ist mir gewiß höchst angenehm; aber können Sie Ihre Zeit nicht besser anwenden? Sie haben sich seinerzeit bei uns ausgezeichnet. Sie haben Anlagen zu vielen guten Dingen. Sie haben einen Grund gelegt, auf dem sich jedes Gebäude erheben kann; und ist es nicht schade, daß Sie die schönste Zeit Ihres Lebens einer so armseligen Beschäftigung widmen sollen, wie Sie bei mir finden?«

Ich wurde wieder sehr enthusiastisch und unterstützte meine Bitte mit einer etwas poetischen Deklamation, erinnerte aber den Doktor dabei, daß ich bereits einen Beruf habe.

»Das ist freilich richtig«, entgegnete der Doktor. »Jedenfalls macht es einen Unterschied, daß Sie schon ein bestimmtes Studium haben. Aber, mein lieber junger Freund, was sind siebzig Pfund jährlich?«

»Es verdoppelt unser Einkommen, Doktor Strong«, sagte ich.

»Gott! Gott!« entgegnete der Doktor. »Wer sollte das denken! Nicht daß ich meine, mich streng auf siebzig Pfund jährlich zu beschränken, weil ich stets beabsichtigt habe, dem jungen Freunde, den ich auf diese Weise beschäftige, ein Geschenk zu machen. Sicher habe ich immer ein jährliches Geschenk mit in Rechnung gebracht«, sagte der Doktor, der immer noch, die Hand auf meine Schulter gestützt, auf und ab ging.

»Verehrter Lehrer,« sagte ich – und diesmal wirklich ohne alle Deklamation – »dem ich mehr Verpflichtungen schuldig bin, als mein Dank jemals aussprechen kann –«

»Nein, nein«, unterbrach mich der Doktor. »Verzeihen Sie!«

»Wenn Sie meine freie Zeit benutzen wollen, und dies sind meine Morgen- und Abendstunden, und glauben, daß sie siebzig Pfund jährlich wert ist, so erweisen Sie mir einen so großen Dienst, daß ich meinen Dank gar nicht aussprechen kann.«

»O Gott! Gott!« sagte der Doktor naiv. »Daß man mit so wenig so viel ausrichten kann! Gott! Gott! Aber wenn Sie sich verbessern können, werden Sie es annehmen! Geben Sie mir Ihr Wort darauf«, sagte der Doktor – womit er sich immer sehr ernstlich an die Ehre von uns Schulknaben gewendet hatte.

»Auf mein Wort, Sir!« gab ich zurück, indem ich in unserer alten Schulweise antwortete.

»So sei es denn!« sagte der Doktor, klopfte mich auf die Schulter und ging, die Hand dort lassend, weiter neben mir her.

»Und ich werde zwanzigmal glücklicher sein,« sagte ich mit ein wenig, ich hoffe, unschuldiger Schmeichelei, »wenn Sie mich bei dem Wörterbuch beschäftigen wollten.«

Der Doktor blieb stehen, klopfte mir lächelnd auf die Schulter und rief mit einem höchst ergötzlich aussehenden Triumph aus, als ob ich die tiefsten Tiefen menschlichen Scharfsinnes erschöpft hätte: »Mein lieber junger Freund, Sie haben es erraten. Es ist das Wörterbuch.«

Was konnte es auch wohl andres sein! Seine Taschen waren damit so angefüllt wie sein Kopf. Es guckte bei ihm an allen Ecken und Enden etwas davon heraus. Er sagte mir, daß er wieder wunderbare Fortschritte damit gemacht habe, seitdem er sich von der Schule zurückgezogen hätte und daß ihm nichts besser passen könnte als mein Vorschlag, früh und abends ein paar Stunden daran zu arbeiten, da er am Tage die Gewohnheit habe, auf und ab zu gehen und sich dabei die Dinge im Kopf zurechtzulegen. Seine Papiere seien etwas in Verwirrung geraten, weil sich Mr. Jack Maldon neuerlich manchmal als Sekretär angeboten habe und an diese Art Beschäftigung nicht gewöhnt sei; aber wir würden es bald in Ordnung bringen und flott vorwärtskommen.

Später fand ich, daß mir Mr. Jack Maldons Bemühungen die Sache viel schwieriger gemacht hatten als ich erwartete, denn er hatte sich nicht darauf beschränkt, unzählige Mißverständnisse zu machen, sondern hatte auch auf die Manuskripte des Doktors so viele Soldaten und Damenköpfe gezeichnet, daß ich oft gar nicht klug daraus werden konnte.

Der Doktor war ganz erfreut über die Aussicht, bald mit mir ans Werk gehen zu können, und wir verabredeten, am nächsten Morgen um sieben Uhr anzufangen. Wir wollten jeden Morgen zwei Stunden und jeden Abend zwei oder drei Stunden arbeiten, mit Ausnahme von Sonnabend, wo ich ruhen sollte. Dasselbe war natürlich Sonntags der Fall, und ich mußte dies für sehr leichte Bedingungen halten.

Nachdem unsere Pläne so zur gegenseitigen Befriedigung geordnet waren, führte mich der Doktor ins Haus, um mich Mrs. Strong vorzustellen. Wir fanden sie in dem neuen Studierzimmer des Doktors, wo sie seine Bücher abstäubte – eine Freiheit, die nur sie sich mit diesen geheiligten Lieblingen erlauben durfte.

Sie hatten meinetwegen das Frühstück verschoben, und wir setzten uns zusammen an den Tisch. Wir hatten noch nicht lange Platz genommen, als ich in Mrs. Strongs Gesicht, noch ehe ich etwas hörte, das Zeichen einer nahen Ankunft erblickte. Ein Herr kam an das Tor geritten, führte das Pferd in den kleinen Hof, als ob er hier zu Hause wäre, band es an einen Ring in der Mauer an der leeren Wagenremise und trat, die Peitsche in der Hand, in das Frühstückszimmer. Es war Mr. Jack Maldon; und Mr. Jack Maldon schien mir in Ostindien durchaus nichts gewonnen zu haben. Ich befand mich indessen jungen Leuten gegenüber, die die Bäume im Walde der Schwierigkeiten nicht niederschlugen, augenblicklich in einem Zustande bärbeißiger Tugend, und mein Eindruck muß mir mit der nötigen Rücksicht hierauf angerechnet werden.

»Mr. Jack!« sagte der Doktor. »Copperfield.«

Mr. Jack Maldon schüttelte mir die Hand, aber, wie mir vorkam, nicht sehr herzlich und mit einer gleichgültigen, fast hochnäsigen Gönnermiene, die mich im geheimen sehr ärgerte. Seine Blasiertheit war überhaupt höchst merkwürdig, und sie verschwand nur, wenn er mit seiner Cousine Annie redete.

»Haben Sie schon gefrühstückt, Mr. Jack?« fragte der Doktor.

»Ich frühstücke eigentlich nie«, erwiderte er und lehnte den Kopf in den Großvaterstuhl zurück. »Es langweilt mich.«

»Steht heute etwas Neues in der Zeitung?« fragte der Doktor.

»Durchaus nicht, Sir«, erwiderte Mr. Maldon. »Man spricht davon, die Leute oben im Norden wären hungrig und unzufrieden. Aber sie sind immer irgendwo hungrig und unzufrieden.«

Der Doktor machte ein ernstes Gesicht und sagte, als ob er von etwas anderm zu sprechen wünschte: »So gibt's also gar nichts Neues; und nichts Neues, heißt es ja, ist soviel wie etwas gutes Neues.«

»In den Zeitungen steht eine lange Geschichte von irgendeinem Morde«, bemerkte Mr. Maldon. »Aber es wird immer irgendwo gemordet, und ich habe sie nicht gelesen.«

Eine absichtlich zur Schau getragene Gleichgültigkeit gegen alle Handlungen und Leidenschaften der Menschheit galt damals noch nicht, wie jetzt, für ein Erfordernis des guten Tones, wie es leider seitdem Mode geworden ist. Ich habe sie aber seitdem in der Tat als guten Ton kennen gelernt und mit solchem Erfolg zur Schau tragen sehen, daß einige feine Damen und Herren, die mir begegnet sind, ebensogut Raupen hätten sein können. Vielleicht machte es damals mehr Eindruck auf mich, weil es etwas Neues für mich war, aber jedenfalls trug es nicht dazu bei, meine Meinung von Mr. Jack zu erhöhen oder mein Vertrauen zu ihm zu befestigen.

»Ich bin gekommen zu fragen, ob Ännie heute abend in die Oper gehen wollte«, sagte Mr. Maldon, zu ihr gewendet. »Es ist die letzte gute Vorstellung in dieser Saison, und es tritt eine Sängerin auf, die sie wirklich hören sollte. Sie ist ganz ausgezeichnet. Außerdem ist sie dabei so fabelhaft häßlich«, schloß er, wieder in Gleichgültigkeit versinkend.

Der Doktor, der regelmäßig auf alles einging, was Aussicht hatte, seiner jungen Frau zu gefallen, sagte zu ihr:

»Du mußt gehen, Ännie, du mußt gehen.«

»Ich möchte lieber zu Hause bleiben«, sagte sie zum Doktor. »Ich möchte viel lieber zu Hause bleiben.«

Ohne ihren Vetter anzusehen, wendete sie sich dann an mich und fragte nach Agnes, und ob sie vielleicht heute herkommen würde. Sie legte so deutlich ihre Unruhe an den Tag, daß ich mich wunderte, daß es der Doktor nicht sah, der auf seinen Toast Butter strich, so offenbar war es. Aber er sah nichts. Er sagte ihr scherzend, sie sei jung und müsse sich unterhalten und zerstreuen, und müsse sich von einem alten langweiligen Kerl nicht langweilen lassen. Überdies wünsche er, daß sie ihm alle die Lieder der neuen Sängerin vorsinge, und schon darum müsse sie gehen. So verabredete es der Doktor an ihrer Statt, und Mr. Jack Maldon sollte mittags wiederkommen. Als dies abgemacht war, ging er wahrscheinlich nach seinem Patentamte; auf alle Fälle ritt er fort und sah aus, als hätte er gar nichts zu tun!

Ich war gespannt, am nächsten Morgen zu erfahren, ob sie in der Oper gewesen war. Sie war nicht dort gewesen, sondern hatte nach London geschickt, um ihrem Vetter absagen zu lassen, und einen Nachmittagsbesuch bei Agnes gemacht, und hatte den Doktor beredet, sie zu begleiten; dann waren sie über das freie Feld nach Hause zurückgekehrt, da das Wetter so schön gewesen war, wie mir der Doktor erzählte. Ich dachte dann, ob sie wohl in die Oper gegangen sein würde, wenn Agnes nicht in der Stadt gewesen wäre, und ob Agnes auch auf sie ihren heilsamen Einfluß ausübte!

Ännie sah etwas bedrückt aus, wie mir vorkam; es war entweder ein gutes Gesicht oder ein sehr heuchlerisches. Ich sah sie oft an, denn sie saß die ganze Zeit, wo wir arbeiteten, am Fenster und bereitete unser Frühstück, das wir während der Arbeit verzehrten. Als ich um neun Uhr fortging, kniete sie vor dem Doktor und zog ihm Schuhe und Gamaschen an. Ein sanftgetönter Schatten von einigen grünen Blättern, die zum Fenster hereinhingen, lag auf ihrem Gesicht, und ich dachte auf dem ganzen Heimwege an den Abend, wo ich gesehen hatte, wie sie ihn so eigentümlich anblickte, als er las.

Ich hatte jetzt ziemlich viel zu tun, stand früh um fünf auf und kam erst um neun oder zehn Uhr abends nach Hause. Aber es machte mir außerordentliche Freude, so stark beschäftigt zu sein. Ich ging niemals langsam und sagte mir voll Begeisterung, je mehr ich mich bemühe, desto mehr tue ich, um mir Dora zu verdienen.

Ich hatte Dora noch nichts von meinen veränderten Umständen gesagt, weil sie Miß Mills in wenigen Tagen besuchen sollte, und ich hatte alle Mitteilungen bis dahin aufgeschoben. In meinen Briefen, die Miß Mills im geheimen besorgte, hatte ich ihr nur gesagt, daß ich ihr viel zu erzählen hätte. Unterdessen setzte ich mich auf halbe Rationen von Bärenfettpomade, gab wohlriechende Seife und Lavendelwasser ganz auf und verkaufte mit großem Schaden drei Westen, weil alles dies zu luxuriös für mein ernstes Lebensziel war.

Damit noch nicht zufrieden und von Ungeduld erfüllt, noch mehr zu tun, suchte ich Traddles auf, der jetzt hinter dem Dachgiebel eines Hauses in Castlestreet, Holborn wohnte. Ich nahm Mr. Dick mit, der schon zweimal mit mir in Highgate gewesen war und seinen Verkehr mit dem Doktor wieder aufgenommen hatte, weil er, das Mißgeschick meiner Tante lebhaft fühlend und von dem aufrichtigen Glauben erfüllt, daß kein Galeerensklave oder Sträfling angestrengter arbeite als ich, anfing, Laune und Appetit zu verlieren, aus Kummer, daß er nichts Nützliches zu tun hatte.

In dieser Stimmung war er unfähiger als je, die Denkschrift zu Ende zu bringen, und je angestrengter er daran arbeitete, desto öfter kam das unglückliche Haupt König Karls des Ersten hinein. Von der ernsten Besorgnis erfüllt, daß seine Krankheit zunehmen könnte, wenn wir ihn nicht durch eine unschuldige Täuschung glauben machten, daß er uns von Nutzen sei, oder wenn wir ihn nicht auf irgend eine Weise nützlich verwendeten, was natürlich noch besser war, hatte ich mich entschlossen zu sehen, ob Traddles uns helfen könnte. Ehe ich zu ihm ging, setzte ich ihm schriftlich das Geschehene ausführlich auseinander, und Traddles schrieb mir in Erwiderung eine prächtige Antwort, in der er seiner Teilnahme und seiner Freundschaft Ausdruck gab.

Wir fanden ihn eifrig beschäftigt am Schreibtische, vor Tintenfaß und Aktenbündeln, erquickt durch den Anblick des Blumenuntersetzers und des kleinen runden Tisches in einer Ecke des Zimmers. Er empfing uns sehr herzlich, und seine Freundschaft mit Mr. Dick war im Augenblick geschlossen. Mr. Dick gab die feste Überzeugung zu erkennen, ihn schon einmal gesehen zu haben, und wir beide sagten dazu: Sehr wahrscheinlich.

Der erste Gegenstand, über den ich Traddles zu Rate zu ziehen hatte, war folgender. Ich hatte gehört, daß viele Personen, die sich später in verschiedenen Fächern ausgezeichnet hatten, ihre Laufbahn mit Berichterstatten über die Parlamentssitzungen begonnen hatten. Da Traddles auch die Zeitungskarriere als eine seiner Hoffnungen gegen mich erwähnt hatte, so hatte ich gleichfalls daran gedacht und Traddles geschrieben, daß ich zu wissen wünschte, wie ich mich zum Berichterstatten fähig machen könnte. Traddles sagte mir jetzt, daß die reinmechanische Kunst, die einem guten Berichterstatter unentbehrlich sei, seltene Fälle ausgenommen, nämlich eine vollständige und gänzliche Herrschaft über das Geheimnis der Stenographie, fast ebenso schwer sei, wie das Erlernen von sechs Sprachen, und daß sich diese Kunst mit großer Ausdauer vielleicht in einigen Jahren lernen lasse. Traddles meinte natürlich, daß dies genüge, um mich von meinem Entschluß abzubringen, aber ich, der ich nur erkannte, daß hier wirklich ein paar recht große Bäume niederzuhauen wären, beschloß sofort, mir meinen Weg zu Dora durch diesen Urwald zu bahnen.

»Ich bin dir recht sehr verpflichtet, lieber Traddles!« sagte ich. »Ich werde morgen anfangen.«

Traddles' Erstaunen sprach sich in seinem Gesicht aus, denn er wußte noch nichts von meiner begeisterten Stimmung.

»Ich werde mir ein gutes Lehrbuch der Stenographie kaufen,« sagte ich, »werde mich damit in den Commons beschäftigen, wo ich nicht halb genug zu tun habe; werde zur Übung die Reden in unserm Gericht nachschreiben, lieber Traddles, kurz, ich werde es lernen!«

»Mein Gott,« sagte Traddles, und machte die Augen weit auf, »ich hätte nicht gedacht, daß du ein so entschlossener Charakter wärest, Copperfield.«

Ich weiß nicht, wie er es gewußt haben sollte, denn mein gegenwärtiger Charakter kam mir selbst neu genug vor. Ich ging jedoch darüber hinweg und brachte Mr. Dick aufs Tapet.

»Sehen Sie,« sagte Mr. Dick und sah ihn gespannt an, »wenn ich etwas tun könnte, Mr. Traddles – wenn ich die Trommel schlagen könnte – oder etwas Flöte spielen?«

Der Arme! Ich zweifle nicht, daß er eine solche Beschäftigung jeder andern vorgezogen hätte. Traddles, der um alles in der Welt das Gesicht nicht verzogen hätte, erwiderte mit ruhiger Fassung:

»Sie schreiben sehr gut, Sir. Sagtest du es mir nicht, Copperfield?«

»Vortrefflich!« sagte ich. Und das war wirklich der Fall, er schrieb ungewöhnlich sauber und hübsch.

»Könnten Sie wohl Akten abschreiben, wenn ich Ihnen diese verschaffe?« fragte Traddles.

Mr. Dick sah mich ungewiß an. »Meinen Sie, Trotwood?«

Ich schüttelte den Kopf. Mr. Dick schüttelte auch den Kopf und seufzte. »Sagen Sie es ihm von der Denkschrift«, sagte Mr. Dick.

Ich setzte Traddles auseinander, daß es schwer sei, König Karl den Ersten aus Mr. Dicks Manuskripten herauszubringen, und Mr. Dick hörte zu, während er Traddles sehr ehrerbietig und ernst ansah und an seinem Daumen saugte.

»Aber die Akten, die ich meine, sind schon ganz fertig und brauchen ja nur abgeschrieben zu werden«, sagte Traddles nach einigem Besinnen. »Würde das nicht einigen Unterschied machen, Copperfield? Jedenfalls könnte man es ja versuchen.«

Das flößte uns neue Hoffnung ein. Traddles und ich besprachen uns heimlich, während uns Mr. Dick besorgt von seinem Stuhle aus beobachtete, und so sannen wir einen Plan aus, infolgedessen wir ihn am nächsten Tage mit vortrefflichem Erfolge in Tätigkeit setzten.

Auf einen Tisch am Fenster in der Buckinghamstraße legten wir die ihm von Traddles verschaffte Arbeit – die darin bestand, eine Anzahl Kopien eines gerichtlichen Dokuments über ein Wegerecht zu besorgen – und auf einem andern Tische lag das letzte unbeendigte Original der großen Denkschrift. Wir instruierten Mr. Dick dahin, genau abzuschreiben, was vor ihm lag, ohne im mindesten vom Original abzuweichen; dagegen wenn er sich gedrungen fühle, König Karl den Ersten nur im mindesten zu erwähnen, sich schleunigst zur Denkschrift auf dem andern Tische zu verfügen. Wir ermahnten ihn, darin unerbittlich zu sein, und ließen meine Tante bei ihm sitzen, damit sie ihn beobachtete.

Meine Tante erzählte uns später, daß er zuerst wie ein Paukenschläger gewesen sei, und seine Aufmerksamkeit beständig zwischen den beiden Tischen geteilt habe, daß er aber bald, da er davon seht verwirrt und müde wurde und seine Abschrift gehörig vor Augen hatte, sich in ordentlicher geschäftsmäßiger Weise daran machte und die Denkschrift auf eine passendere Zeit verschob. Mit einem Worte, obgleich wir Sorge trugen, daß er nicht zuviel arbeitete und obgleich er nicht mit dem Beginn der Woche angefangen hatte, so hatte er doch nächsten Sonnabend abend zehn Schillinge und neun Pence verdient, und mein Leben lang werde ich nicht vergessen, wie er in allen Läden in der Nachbarschaft herumlief, um seinen Schatz in Sechspencestücke umzuwechseln, und diese meiner Tante auf einem Teller in der Form eines Herzens zusammengelegt, mit Tränen der Freude und des Stolzes in den Augen brachte.

Er glich von dem Augenblicke an, wo er sich nützlich beschäftigt wußte, einem Manne, der von dem wohltuenden Einfluß eines Zaubers beherrscht ist, und wenn es an jenem Sonnabend Abend einen glücklichen Mann auf der Welt gab, so war es dieser dankbare Mensch, der meine Tante für die wunderbarste Frau in der Welt und mich für den wunderbarsten jungen Mann hielt.

»Jetzt ist nicht mehr vom Verhungern die Rede, Trotwood«, sagte Mr. Dick, als er mir in einer Ecke die Hände schüttelte. »Ich werde für Sie sorgen!« Und er fuhr mit seinen zehn Fingern in der Luft herum, als ob sie zehn Banken wären.

Ich weiß kaum, wer sich mehr freute, Traddles oder ich. »Ich habe darüber wahrhaftig Mr. Micawber ganz vergessen«, sagte Traddles plötzlich, indem er einen Brief aus der Tasche zog und ihn mir gab.

Der Brief – Mr. Micawber ließ nie die geringste Gelegenheit, einen Brief zu schreiben, vorübergehen – war an mich adressiert: »Durch gütige Besorgung von T. Traddles Esquire vom Inner Temple.« Er lautete:

»Mein lieber Copperfield!

Sie sind vielleicht nicht ganz unvorbereitet auf die Nachricht, daß sich etwas für mich gefunden hat. Ich habe es vielleicht bei einer früheren Gelegenheit erwähnt, daß ich ein solches Ereignis erwartete.

Ich stehe im Begriff, mich in einer Provinzialstadt unserer glücklichen Insel, wo die Bevölkerung eine glückliche Mischung des Agrikultur- und des Klerikal-Elements genannt werden kann, in unmittelbarer Verbindung mit einem der gelehrten Berufsfächer zu etablieren. Mrs. Micawber und unsere Sprößlinge werden uns begleiten. In einer spätern Zeit wird unsere Asche wahrscheinlich vermischt werden mit der heiligen Erde des Friedhofs um einen ehrwürdigen Dom, durch den die von mir erwähnte Stadt einen Ruf erlangt hat, der, wie ich wohl sagen kann, von China bis Peru reicht.

Indem ich von dem modernen Babylon scheide, wo wir so manchen Schicksalswechsel, und ich hoffe nicht ohne Ehre, ertragen haben, können Mrs. Micawber und ich uns nicht verhehlen, daß wir für Jahre und vielleicht für immer von einem Individuum scheiden, das durch starke Bande an den Altar unseres häuslichen Lebens gefesselt ist. Wenn Sie am Vorabend eines solchen Abschiedes unsern gemeinschaftlichen Freund Mr. Thomas Traddles in unsere gegenwärtige Wohnung begleiten und dort die einer solchen Gelegenheit angemessenen Wünsche austauschen wollen, so werden Sie unendlich verpflichten

einen,
der
sich
immer
nennen wird
der Ihrige,

Wilkins Micawber

Ich war froh, daß Mr. Micawber nichts mehr mit Staub und Asche zu tun hatte und daß sich endlich wirklich »etwas gefunden« hatte. Da ich von Traddles erfuhr, daß die Einladung für den heutigen angebrochenen Abend galt, so sprach ich meine Bereitwilligkeit aus, ihr nachzukommen, und wir gingen zusammen nach der Wohnung, die Mr. Micawber unter dem Namen Mr. Mortimer inne hatte, und die an dem einen Ende von Grays-Inn-Road lag.

Der Raum der Wohnung war so klein, daß die Zwillinge, die jetzt acht oder neun Jahre alt waren, in einer Klappbettstelle im Familienzimmer schliefen, wo Mr. Micawber in einem Wasserkrug aus dem Waschständer ein »Gebräu« – so nannte er's – des angenehmen Getränks bereitet hatte, wegen dessen er berühmt war. Ich hatte bei dieser Gelegenheit das Vergnügen, die Bekanntschaft mit Master Micawber zu erneuern; ich fand diesen vielversprechenden Jüngling von zwölf oder dreizehn Jahren mit jener Ruhelosigkeit der Gliedmaßen behaftet, die keine seltene Erscheinung bei Jünglingen dieses Alters ist. Auch wurde ich noch einmal seiner Schwester Miß Micawber vorgestellt, in der, wie uns Mr. Micawber sagte, »ihrer Mutter Jugend sich erneuerte, wie Phönix«.

»Lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber, »Sie und Mr. Traddles finden uns auf dem Punkte, unsere Pilgerfahrt anzutreten, und werden daher alle kleinen Unordnungen in unserer Behausung entschuldigen, die von einem solchen Stadium unzertrennlich sind.«

Ich sah mich um, während ich ihm antwortete, und bemerkte, daß die Familiensachen bereits gepackt und durchaus nicht allzu umfänglich waren. Ich wünschte Mr. Micawber zur bevorstehenden Veränderung Glück.

»Lieber Mr. Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, »von Ihrer freundlichen Teilnahme an allen unsern Schicksalen bin ich fest überzeugt. Meine Familie mag es als eine Verbannung betrachten, wenn es ihr beliebt, aber ich bin Gattin und Mutter und werde Mr. Micawber nie verlassen.«

Traddles, an den sich Mrs. Micawbers Auge bittend wandte, stimmte mit großem Gefühl bei.

»So wenigstens«, sagte Mrs. Micawber, »ist meine Ansicht von der Verpflichtung, die ich übernahm, als ich die unwiderruflichen Worte wiederholte: ›Ich, Emma, nehme dich, Wilkins.‹ Ich las die Trauungsformel gestern abend bei einem Talglicht wieder einmal durch, und ich bin zu dem Schluß gekommen, daß ich Mr. Micawber nie verlassen kann. Und«, setzte sie hinzu, »wenn ich mich vielleicht auch in meiner Auffassung der Eheschließung irren mag, so will ich meinen Mann dennoch nie verlassen!«

»Liebe Frau,« sagte Mr. Micawber etwas ungeduldig, »ich wüßte nicht, daß man von dir verlangte, du solltest etwas derartiges tun.«

»Ich weiß, lieber Mr. Copperfield,« fuhr Mrs. Micawber fort, »daß mich jetzt das Schicksal in eine fremde Umgebung wirft, und ich weiß auch, daß die verschiedenen Mitglieder meiner Familie, denen Mr. Micawber in der höflichsten Weise von der Welt die Sache angezeigt hat, nicht die mindeste Rücksicht auf Mr. Micawbers Mitteilung genommen haben. Es mag Aberglaube sein,« sagte Mrs. Micawber, »aber es scheint mir Mr. Micawbers Los zu sein, niemals Antworten auf den größten Teil der Mitteilungen, die er schreibt, zu erhalten. Aus dem Stillschweigen meiner Familie bin ich berechtigt zu mutmaßen, daß sie gegen meinen Entschluß Einwendungen machen, aber ich würde mich von dem Pfade der Pflicht selbst nicht durch Vater und Mutter abwendig machen lassen, wenn sie noch lebten.«

Ich sprach mich dahin aus, daß ich das für den rechten Weg halte.

»Es ist vielleicht ein Opfer, sich in einen Bischofssitz einzuschließen, der nichts weiter bietet als eine Kathedrale,« meinte Mrs. Micawber, »aber sicherlich, Mr. Copperfield, wenn es für mich ein Opfer ist, so ist es ein noch viel größeres Opfer für einen Mann von Mr. Micawbers Fähigkeiten.«

»O! Sie ziehen nach einem Bischofssitz?« fragte ich.

Mr. Micawber, der uns allen unterdes aus dem Wasserkruge eingeschenkt hatte, erwiderte:

»Nach Canterbury. Die Sache ist die, lieber Copperfield: ich habe einen Kontrakt abgeschlossen, kraft dessen ich mich verpflichtet habe, unserm Freunde Heep als Geheimschreiber zu dienen und beizustehen.«

Ich starrte Mr. Micawber, dem meine Überraschung große Freude machte, erstaunt an.

»Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen mitzuteilen,« fuhr er mit wichtiger Miene fort, »daß die Geschäftsgewohnheit und die einsichtsvollen Ratschläge der Mrs. Micawber einen großen Anteil an diesem Ausgange tragen. Nachdem der Handschuh, den Mrs. Micawber bei einer frühern Gelegenheit erwähnte, in Form einer Annonce der Welt ins Angesicht geschleudert worden war, hob ihn mein Freund Heep auf, und das führte zu einer Zusammenkunft. Von meinem Freunde Heep, der ein Mann von merkwürdigem Scharfblick ist,« sagte Mr. Micawber, »wünsche ich mit der allergrößten Achtung zu sprechen. Mein Freund Heep hat die vorher bestimmte Entschädigung allerdings nicht zu hoch angesetzt, hat aber einen großen Teil seiner Beihilfe, mich von dem Druck peinlicher Verlegenheit zu erlösen, von dem Werte meiner Dienste abhängig gemacht, und auf den Wert dieser Dienste setze ich meine Hoffnung. Was ich überhaupt von Gewandtheit und Einsicht besitze,« sagte Mr. Micawber mit prahlerischer Bescheidenheit, »werde ich dem Dienste meines Freundes Heep widmen. Ich habe bereits einige Einsicht in die Jurisprudenz erlangt – als Beklagter im Zivilprozeß – und ich werde ohne Verzug die Kommentarien eines der ausgezeichnetsten und merkwürdigsten unserer englischen Juristen studieren. Ich glaube nicht erst hinzusetzen zu müssen, daß ich Mr. Justice Blackstone meine.«

Diese Bemerkungen und überhaupt der größere Teil der Gespräche, die an diesem Abend gefallen waren, wurden durch die von Mrs. Micawber gemachte Entdeckung unterbrochen, daß Master Micawber auf seinen Stiefeln saß oder seinen Kopf mit beiden Armen stützte, als wäre er lose, oder Traddles zufällig unter dem Tisch mit den Füßen stieß, oder diese aneinander rieb, oder sie so weit von sich streckte, daß es allem Natürlichen scheinbar Hohn sprach, oder sich auf die Seite legte, so daß sein Haar zwischen die Weingläser geriet, oder die Ruhelosigkeit seiner Gliedmaßen auf irgendeine andre, mit den allgemeinen Interessen der Gesellschaft unvereinbare Weise betätigte, und daß Master Micawber diese Rügen und Entdeckungen grollend aufnahm. Ich saß unterdessen wie betäubt von Mr. Micawbers Enthüllung und zerbrach mir den Kopf, was dahinter stecke, bis Mrs. Micawber den Faden des Gesprächs wieder aufnahm und meine Aufmerksamkeit beanspruchte.

»Auf das eine, mein lieber Mr. Copperfield, möchte ich vorzüglich Mr. Micawbers Aufmerksamkeit lenken,« sagte Mrs. Micawber, »daß er sich nicht während seiner Beschäftigung mit diesem untergeordnetem Zweige der Jurisprudenz die Fähigkeit raubt, später den Gipfel des Baumes zu erreichen. Ich hin fest überzeugt, daß er sich auszeichnen muß, wenn sich Mr. Micawber mit ganzer Seele einem Berufe widmet, der seiner Fruchtbarkeit an Hilfsquellen und seiner fließenden Rednergabe so angemessen ist.«

»Liebe Frau,« bemerkte Mr. Micawber, sah aber auch Traddles dabei fragend an, »zur Beantwortung solcher Fragen haben wir noch Zeit genug.«

»Nein, Micawber,« entgegnete sie, »dein Irrtum ist stets gewesen, daß du nicht weit genug in die Zukunft blickst. Du bist es deiner Familie, wenn nicht dir selbst, schuldig, daß du mit einem umfassenden Blick den entlegensten Punkt des Horizonts, bis zu dem dich deine Fähigkeiten führen können, ins Auge fassest.«

Mr. Micawber hustete und trank seinen Punsch mit einer Miene außerordentlicher Befriedigung aus – blickte dabei aber immer noch auf Traddles, als wenn er dessen Meinung zu wissen wünschte.

»Die Sache ist einfach die, Mrs. Micawber,« sagte Traddles, um ihr möglichst schonend die nötige Aufklärung zu geben, »ich meine, die wirkliche prosaische Tatsache –«

»Ganz recht, lieber Mr. Traddles,« sagte Mrs. Micawber, »ich wünsche über einen so hochwichtigen Gegenstand so prosaisch und buchstäblich wie möglich zu sein.«

»– ist,« fuhr Traddles fort, »daß dieser Zweig der juristischen Laufbahn, selbst wenn Mr. Micawber ein wirklicher Anwalt wäre –«

»Ganz recht«, entgegnete Mrs. Micawber. – »Wilkins, du schielst und wirst deine Augen gar nicht wieder gerade kriegen.« –

»– damit gar nichts zu tun hat«, fuhr Traddles fort. »Nur ein Barrister ist zu diesen Ämtern wählbar. Und Mr. Micawber kann nicht eher Barrister werden, bevor er nicht bei einem Gerichtshofe auf fünf Jahre als Student eingeschrieben ist.«

»Verstehe ich Sie recht?« fragte Mrs. Micawber mit ihrer leutseligsten Geschäftsmiene. »Verstehe ich Sie recht, lieber Mr. Traddles, wenn ich meine, daß nach dem Ablauf dieser Zeit Mr. Micawber als Richter oder Kanzler wählbar wäre?«

»Wählbar wäre er«, entgegnete Traddles und legte einen großen Nachdruck auf das erste Wort.

»Ich danke Ihnen«, erwiderte Mrs. Micawber. »Das genügt vollkommen. Wenn das der Fall ist und Mr. Micawber durch den Antritt seines neuen Amtes kein Recht aufgibt, so ist meine Besorgnis zu Ende. Ich spreche natürlich als Frau,« sagte Mrs. Micawber, »aber ich bin immer der Meinung gewesen, daß Mr. Micawber das besitzt, was mein Vater, als ich noch zu Hause war, das richterliche Talent nannte; und ich hoffe, Mr. Micawber betritt jetzt eine Laufbahn, bei der sich dieses Talent entwickeln und ihm zu einer einflußreichen Stellung verhelfen wird.«

Ich glaube, wahrhaftig, Mr. Micawber sah sich schon im Geiste auf dem Wollsack sitzen. Er strich sich mit der Hand wohlgefällig über den kahlen Schädel und sagte mit selbstgefälliger Resignation:

»Liebe Frau, wir wollen den Beschlüssen des Schicksals nicht vorgreifen. Wenn ich bestimmt bin, eine Perücke zu tragen, so bin ich wenigstens äußerlich auf diese Auszeichnung vorbereitet« – auf seinen kahlen Kopf anspielend. – »Ich beklage mein Haar nicht und bin vielleicht zu einem besondern Zweck dessen beraubt worden. Es ist meine Absicht, lieber Copperfield, meinen Sohn der Kirche zu widmen. Ich will nicht leugnen, daß es mich seinetwegen glücklich machen würde, wenn er es zu etwas Bedeutendem brächte.«

»Der Kirche?« fragte ich, während ich immer noch an Uriah Heep dachte.

»Ja«, sagte Mr. Micawber. »Er hat eine merkwürdige, ganz ausgezeichnete Kopfstimme und wird seine Laufbahn als Chorknabe beginnen. Unser Aufenthalt in Canterbury und unsre lokalen Verbindungen werden ihn ohne Zweifel in den Stand setzen, aus einer eintretenden Vakanz in dem Chor der Kathedrale Nutzen zu ziehen.«

Als ich Master Micawber wieder ansah, bemerkte ich, daß er ein Gesicht schnitt, als ob seine Stimme hinter seinen Augenbrauen stecke, worauf er uns »Es klopft der Specht« vorsang (nachdem er vor die Wahl zwischen Singen und Zubettgehen gestellt war). Nach vielen Komplimenten über seine Kunstfertigkeit wendete sich das Gespräch auf allgemeine Gegenstände, und da mich meine verzweifelten Entschlüsse zu sehr erfüllten, als daß ich meine veränderten Verhältnisse für mich hätte behalten können, so teilte ich sie Mr. und Mrs. Micawber mit. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie außerordentlich erfreut sie über den Gedanken waren, daß meine Tante in Verlegenheit sei, und wie sehr es zur Vermehrung ihrer behaglichen und freundschaftlichen Stimmung beitrug.

Als wir mit dem Punsch ziemlich bis auf die Neige waren, erinnerte ich Traddles, daß wir uns nicht trennen dürften, ohne unsern Freunden Gesundheit, Glück und Erfolg auf ihrer neuen Laufbahn zu wünschen. Ich bat Mr. Micawber, unsere Gläser zu füllen, und brachte den Toast in der angemessenen Form aus, worauf ich ihm über den Tisch die Hände schüttelte und zur Feier des großen Ereignisses Mrs. Micawber küßte. In dem ersten Punkte ahmte Traddles mir nach, hinsichtlich des zweiten hielt er seine Freundschaft noch nicht für alt genug, um eine Nachahmung zu wagen.

»Mein lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber, indem er aufstand und jeden seiner Daumen in eine Westentasche steckte, »der Gefährte meiner Jugend, wenn ich mir diesen Ausdruck erlauben darf – und mein geschätzter Freund Traddles, wenn er mir gestatten will, ihn so zu nennen – Sie werden mir erlauben, Ihnen im Namen der Mrs. Micawber, meiner selbst und unserer geliebten Kinder in den wärmsten und umfassendsten Worten für Ihre guten Wünsche zu danken. Man könnte mit Recht erwarten, daß ich am Vorabend einer Reise, die uns zu einem ganz neuen Dasein führen wird« – Mr. Micawber redete, als ob er fünfhunderttausend Meilen reisen sollte – »einige Scheideworte an zwei solche Freunde, wie ich sie vor mir sehe, richten würde. Aber alles, was ich in diesem Sinne zu sagen hatte, habe ich bereits gesagt. Welche Stellung in der Gesellschaft ich auch einnehmen möge, infolge meines Eintritts in den gelehrten Stand, dessen unwürdiges Mitglied ich jetzt zu werden im Begriff stehe, hoffe ich ihm keine Schande zu machen, und Mrs. Micawber wird ihm sicher zur Zierde gereichen. Unter dem vorübergehenden Druck pekuniärer Verbindlichkeiten, eingegangen mit der Absicht ihrer sofortigen Bezahlung, aber leider ungetilgt durch eine Verkettung von Umständen, habe ich mich genötigt gesehen, eine Tracht anzulegen, die meinen natürlichen Gefühlen widersteht, – ich meine die Brille – und einen Namen anzunehmen, auf den ich keinen gerechtfertigten Anspruch habe. Über diese Sache habe ich nur zu sagen, daß die Wolke nicht mehr die Trauerszene beschattet und daß der Gott des Tages wieder hoch über den Bergesgipfeln schwebt. Nächsten Montag mit der Ankunft der Nachmittagspost in Canterbury berührt mein Fuß die heimatliche Heide – und mein Name ist wieder Micawber!«

Mr. Micawber nahm nach Schluß dieser Bemerkungen seinen Platz wieder ein und trank mit gewichtigem Ernst zwei Gläser Punsch hintereinander. Dann sprach er feierlich:

»Noch etwas habe ich zu tun, ehe diese Trennung vor sich geht, und zwar eine Tat der Gerechtigkeit. Mein Freund Mr. Thomas Traddles hat bei zwei verschiedenen Gelegenheiten mir zur Aushilfe seinen Namen zu Wechseln geliehen. Bei der ersten Gelegenheit ließ ich Mr. Thomas Traddles – Sie werden mir erlauben, mich kurz auszudrücken – in der Tinte sitzen. Die Verfallzeit des zweiten ist noch nicht da. Der Betrag des ersten Wechsels« – hier sah Mr. Micawber prüfend in seine Brieftasche – »war, wenn ich nicht irre, dreiundzwanzig – vier – neun und ein halb; der des zweiten nach meiner Notiz über dieses Geschäft achtzehn – sechs – zwei. Diese Summen machen zusammengerechnet, wenn ich nicht ganz irre, einundvierzig – zehn – elf und ein halb. Mein Freund Copperfield wird vielleicht die Güte haben, es nachzurechnen.«

Ich tat es und fand es richtig.

»Diese große Stadt und meinen Freund Thomas Traddles zu verlassen,« sagte Mr. Micawber, »ohne mich von dem pekuniären Teile dieser Verpflichtungen zu entledigen, würde in unerträglicher Weise auf meinem Gemüt lasten. Ich habe daher für meinen Freund Thomas Traddles ein Dokument, das den gewünschten Zweck erfüllt, entworfen und habe es hier in der Hand. Ich erlaube mir, meinem Freunde Mr. Thomas Traddles meinen Schuldschein für einundvierzig – zehn – elf und ein halb zu überreichen, und ich schätze mich glücklich, meine sittliche Würde wieder zu gewinnen und zu wissen, daß ich jetzt wieder mit aufgerichtetem Haupte vor meinen Mitmenschen vorübergehen kann.«

Mit dieser Einleitung – die ihn sehr rührte – legte Mr. Micawber seinen Schuldschein in Traddles Hände und sagte, daß er ihm in allen Verhältnissen seines Lebens so viel Glück wie möglich wünsche. Ich bin überzeugt, daß nicht nur das eben Geschehene in Mr. Micawbers Augen ebensogut war, als ob er das Geld bezahlt hätte, sondern auch daß Traddles selbst kaum den Unterschied erkannte, bevor er dazukam, näher darüber nachzudenken.

Mr. Micawber ging kraft seiner tugendhaften Handlung mit so stolz aufgerichtetem Haupte an seinen Mitmenschen vorüber, daß seine Brust noch einmal so breit aussah, wie er uns die Treppe hinunterleuchtete. Wir schieden mit großer Herzlichkeit voneinander, und als ich Traddles bis an seine Tür begleitet hatte und allein heimwärts ging, dachte ich mir unter vielen andern verschiedenen und widersprechenden Sachen, daß, so leichtsinnig Mr. Micawber mit dem Gelde anderer Leute war, ich es wahrscheinlich einer mitleidigen Rückerinnerung an die Zeit verdankte, wo ich bei ihm als Knabe wohnte, daß er mich nie um Geld angesprochen hatte. Ich hätte gewiß nicht den Mut gehabt, es ihm abzuschlagen, und ich bezweifle nicht – zu seiner Ehre sei dies gesagt –, daß er das so gut wußte wie ich.

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