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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Fünfunddreißigstes Kapitel.

Sorgen.

Sobald ich meine Geistesgegenwart, die mich bei dem ersten überwältigenden Eindruck der eben gehörten Nachricht ganz und gar verlassen hatte, wiedergewonnen, schlug ich Mr. Dick vor, mit mir zu dem Kleinkrämer zu gehen, und das durch Mr. Peggottys Abreise frei gewordene Bett in Besitz zu nehmen.

Der Kramladen war am Hungerford Market, und Hungerford Market hatte damals ein ganz anderes Aussehen; vor der Tür war eine niedrige, hölzerne Kolonnade – nicht unähnlich der vor dem Häuschen im Wetterglas, mit dem kleinen Manne und der kleinen Frau darin – die Mr. Dick ungemein gefiel. Das Glück, über diesem Bauwerk zu wohnen, würde ihn, glaube ich, für viele Unbequemlichkeiten entschädigt haben; aber da es nur wenige zu ertragen gab, ausgenommen den schon erwähnten gemischten Duft und vielleicht ein wenig Enge, so war er von seiner Wohnung geradezu entzückt. Mrs. Crupp versicherte ihm entrüstet, dort wäre nicht Raum, eine Katze aufzuhängen; aber, wie Mr. Dick sehr richtig bemerkte, sich ans Bettende setzend und sein Bein streichelnd, »du weißt ja, Trotwood, ich will gar keine Katze aufhängen. Ich hänge nie eine Katze auf. Deshalb, was geht das mich an?«

Ich versuchte zu erfahren, ob Mr. Dick etwas von der plötzlichen großen Veränderung in den Umständen meiner Tante wußte. Wie ich hätte voraussehen können, wußte er nicht das mindeste.

Er konnte mir weiter nichts sagen, als daß meine Tante vorgestern zu ihm gesagt hatte: »Jetzt wollen wir einmal sehen, Dick, ob Sie wirklich und wahrhaftig der Philosoph sind, für den ich Sie halte.«

Darauf hatte er erwidert, ja, er hoffe es. Dann hatte meine Tante gesagt: »Dick, ich bin zugrunde gerichtet.« Dann hatte er gesagt: »Wirklich!« Dann hatte meine Tante ihn sehr gelobt, worüber er sich ungemein freute. Und dann waren sie zu mir gereist und hatten unterwegs ein paar Flaschen Porter und Butterschnitte mit Fleisch genossen.

Mr. Dick war so heiter und ruhig, wie er mir dies erzählte, am Bettende sitzend und sein Bein streichelnd, mit weit offenen Augen und einem verwunderten Lächeln, daß ich mich leider verleiten ließ, ihm zu erklären, daß »zugrunde gerichtet« Not und Mangel bedeute; aber ich sah mich bald bestraft für diese Rücksichtslosigkeit, denn er wurde ganz blaß, und Tränen strömten über seine Wangen, während er mir einen Blick so unsäglichen Kummers zuwarf, daß davon ein härteres Herz als das meinige hätte erweicht werden können. Ihn wieder aufzuheitern kostete mich viel mehr Mühe, als ich vorhin gehabt hatte, um ihn zu bekümmern, und ich ersah bald, was ich gleich hätte wissen können, daß er nur zuversichtlich gewesen war, weil er in die weiseste und wunderbarste aller Frauen und in die Hilfsquellen meines Geistes das unbedingteste Vertrauen setzte. Von letztern glaubte er, daß sie es mit allem außer dem Tode aufnehmen könnten.

»Was ist da zu tun, Trotwood?« sagte Mr. Dick. »Wir haben die Denkschrift –«

»Jawohl«, sagte ich. »Aber vorderhand können wir weiter nichts tun, als uns unsern Kummer nicht merken zu lassen und ein freundliches Gesicht zu machen.«

Er stimmte dem auf das angelegentlichste bei, und beschwor mich, ihn, falls er auch nur einen Zoll breit vom richtigen Wege abwiche, durch eins meiner ausgezeichneten Mittel wieder darauf zurückzurufen. Aber ich muß leider sagen, daß der Schreck, den ich ihm verursacht hatte, doch stärker war als seine Fähigkeit, dessen Wirkungen zu verheimlichen. Den ganzen Abend schweiften seine entsetzenerfüllten Blicke zu meiner Tante hinüber, als ob er sie plötzlich abmagern sähe. Er fühlte das wohl und beherrschte sich; aber seinen Kopf unbeweglich halten und die Augen wie die eines Automaten rollen zu lassen, machte die Sache nicht besser.

Ich bemerkte, wie er während des Abendessens das Brot betrachtete, das zufällig recht klein ausgefallen war, als ob es unser letztes Rettungsmittel vor dem Verhungern wäre, und als die Tante ihn zum Essen nötigte, ertappte ich ihn, wie er heimlich Stücke von seinem Brot und Käse in die Taschen steckte: wahrscheinlich, um uns mit dem Aufgehobenen wieder lebendig zu machen, sobald wir dem Hungertode nahe wären.

Dagegen war meine Tante sehr gefaßt und darin uns allen ein Muster – mir wenigstens. Sie war sehr gnädig gegen Peggotty, außer wenn ich sie unversehens bei diesem Namen rief, und schien ganz zu Hause zu sein, obgleich ich recht wohl wußte, daß sie sich in London nicht recht heimisch fühlte. Sie sollte in meinem Bett schlafen, und ich wollte mich in das Wohnzimmer legen, um sie zu bewachen. Sie legte großes Gewicht darauf, daß sie dem Flusse nahe war im Fall eines Feuers; und ich glaube wirklich, sie fühlte sich dadurch einigermaßen beruhigt.

»Nein, lieber Trot,« sagte meine Tante, als ich Vorbereitungen machte, um ihren gewöhnlichen Schlaftrunk zu mischen, »nein.«

»Nichts, Tante?«

»Keinen Wein, lieber Junge, Ale.«

»Aber ich habe Wein hier, Tante. Und du hast es dir immer aus Wein machen lassen.«

»Hebe den für Krankheitsfälle auf,« erwiderte meine Tante – »wir dürfen nicht verschwenderisch damit umgehen, Trot. Für mich ist Ale gut. Ein Viertel.«

Ich dachte, Mr. Dick wollte zur Erde sinken. Aber meine Tante blieb auf ihrem Willen bestehen, und ich holte das Ale selbst. Da es schon spät wurde, benutzten Peggotty und Mr. Dick diese Gelegenheit, um zusammen nach Hause zu gehen. Ich schied an der Ecke der nächsten Straße von dem Armen, der seinen großen Drachen auf dem Rücken trug, ein wahres Denkmal menschlicher Trübsal.

Als ich zurückkehrte, ging meine Tante im Zimmer auf und ab und zupfte die Spitzen ihrer Nachtmütze mit den Fingern zurecht. Ich wärmte das Ale und bereitete den Toast nach den gewöhnlichen unumstößlichen Grundsätzen. Als der Schlaftrunk für sie fertig war, war sie fertig für ihn, hatte die Nachtmütze aufgesetzt und das untere Teil ihres Überkleides zurück auf die Knie gelegt.

»Lieber Trot,« sagte meine Tante, nachdem sie einen Löffel voll genossen hatte, »das ist viel besser als Wein. Es ist lange nicht so schwer verdaulich.«

Ich muß ein zweifelndes Gesicht gemacht haben, denn sie fügte hinzu:

»Sei nur ruhig, Kind. Wenn uns nichts Schlimmeres passiert als Ale, so befinden wir uns gewiß wohl.«

»Das möchte ich auch denken, Tante«, antwortete ich.

»Nun, warum denkst du da nicht so?« sagte meine Tante.

»Weil wir ganz verschieden voneinander sind«, erwiderte ich.

»Dummes Zeug und Unsinn, Trot!« entgegnete meine Tante.

Meine Tante empfand stilles Vergnügen und verstellte sich dabei sehr wenig, wenn überhaupt; sie trank das warme Ale mit einem Teelöffel und tunkte die Schnitte Toast hinein.

»Trot,« sagte sie, »im ganzen mache ich mir aus fremden Gesichtern nichts, aber ich möchte deine Barkis fast leiden können!«

»Das zu hören ist mir lieber als hundert Pfund!« sagte ich.

»Es ist doch eine seltsame Welt,« bemerkte meine Tante und rieb sich die Nase; »wie dieses Weib jemals mit diesem Namen in die Welt gekommen ist, ist mir unerklärlich. Es wäre doch viel leichter, als eine Jackson oder etwas ähnliches geboren zu werden, sollte man meinen.«

»Vielleicht meint sie das auch; es ist nicht ihr Fehler«, sagte ich.

»Freilich wohl,« entgegnete meine Tante, »aber es ist doch schlimm. Wenigstens heißt sie jetzt Barkis. Das ist ein kleiner Trost. Barkis hat dich recht sehr lieb, Trot.«

»Sie würde alles tun, um es zu beweisen«, sagte ich.

»Alles, glaube ich«, entgegnete meine Tante. »Da hat das arme Närrchen mich gebeten und angefleht, etwas von ihrem Gelde anzunehmen – weil sie zuviel hat! Die Närrin!« Dabei rannen meiner Tante die Freudentränen in das warme Ale.

»Sie ist das lächerlichste Wesen, das jemals geboren wurde«, sagte meine Tante. »Vom ersten Augenblick an, wo ich sie bei meinem armen guten Kinde, deiner Mutter, sah, wußte ich, daß sie die allerlächerlichste Person auf der Welt war. Aber die Barkis hat ihre guten Seiten!«

Sie stellte sich, als ob sie lachte, und benutzte die Gelegenheit, um mit der Hand nach den Augen zu fahren. Alsdann begann sie wieder mit ihrem Toast und ihrer Rede zugleich.

»Ach du meine Güte!« seufzte meine Tante. »Ich weiß alles, Trot! Während du mit Dick fort warst, habe ich mit Barkis ein langes Gespräch gehabt. Ich weiß alles. Ich weiß nicht, wo diese unglücklichen Mädchen eigentlich hinaus wollen. Es wundert mich nur, daß sie sich nicht den Kopf einrennen an – an Kaminsimsen«, sagte meine Tante – ein Gedanke, der ihr wahrscheinlich einfiel, weil sie den bei mir betrachtete.

»Arme Emilie!« sagte ich.

»O sprich mir nicht von arm«, entgegnete meine Tante. »Sie hätte daran denken sollen, ehe sie so viel Unheil anrichtete! Gib mir einen Kuß, Trot. Ich bedaure dich, daß du so frühzeitig so traurige Erfahrungen machen mußtest.«

Als ich mich zu ihr hinbeugte, setzte sie ihr Glas auf mein Knie, um mich bei sich zu behalten, und sagte:

»O Trot, Trot! Du bildest dir also ein, du wärst verliebt! Also wirklich!«

»Einbilden, Tante!« rief ich aus mit feuerrotem Gesichte. »Ich bete sie mit ganzer Seele an!«

»Dora, hm, hm!« entgegnete meine Tante. »Und du willst behaupten, das kleine Ding sei ganz reizend.«

»Liebe Tante,« entgegnete ich, »niemand kann sich den geringsten Begriff von dem machen, was sie wirklich ist.«

»Ach! Und kein Gänschen?« fragte meine Tante.

»Gänschen, Tante!«

Ich glaube ernstlich, es war mir nie eingefallen, mich zu fragen, ob sie das sei oder nicht. Der Gedanke verletzte mich natürlich; aber dennoch machte er durch seine Neuheit einigen Eindruck auf mich.

»Nicht oberflächlich?« sagte meine Tante.

»Oberflächlich, Tante!«

Ich konnte diese kühne Behauptung nur mit demselben Gefühl wiederholen, mit dem ich die vorhergegangene Frage wiederholt hatte.

»Gut, gut«, sagte meine Tante. »Ich frage ja nur. Ich will sie nicht herabsetzen. Ihr armen Leutchen! Und ihr glaubt also, ihr wäret füreinander geschaffen, und wollt ein Leben miteinander führen, wie zwei hübsche kleine Zuckerpüppchen, nicht wahr, Trot?«

Sie war bei dieser Äußerung so freundlich und fragte mit einer so sanften, halb scherzenden, halb bekümmerten Miene, daß ich mich ordentlich gerührt fühlte.

»Ich weiß wohl, liebe Tante, wir sind jung und unerfahren,« gab ich ihr zur Antwort, »und ich glaube wohl, wir sagen und denken vieles, was kindisch genug ist. Aber wir lieben uns wahrhaft, das weiß ich auch. Wenn ich denken könnte, daß Dora je einen andern lieben oder aufhören könnte mich zu lieben; oder daß ich eine andere liebte oder sie zu lieben aufhörte, so weiß ich nicht, was ich tun würde – ich glaube, ich würde wahnsinnig.«

»Ach Trot!« sagte meine Tante und schüttelte mit schwermütigem Lächeln den Kopf; »blind, blind, blind!«

»Jemand, den ich kenne, Trot,« fuhr meine Tante nach einer Pause fort, »besitzt bei einem fügsamen Charakter eine Tiefe des Gemüts, die mich an das arme Kind erinnert. Nach Gemütstiefe muß sich dieser jemand umsehen, damit sie ihn aufrechterhalte und bessere. Wirkliche, echte Gemütstiefe.«

»Wenn du nur Doras Gemüt kenntest, Tante«, sagte ich.

»O Trot!« wiederholte sie; »blind, blind!« und ohne zu wissen, warum, fühlte ich ein dunkles Gefühl des Mangels an etwas, das mich wie eine Wolke überschattete.

»Doch, ich will nicht etwa zwei junge Geschöpfe auseinanderbringen oder unglücklich machen,« sagte meine Tante; »und obgleich es eine Knaben- und Mädchenliebe ist, und aus Knaben- oder Mädchenliebschaften sehr oft – ich sage nicht, immer – nichts wird, so wollen wir doch ernsthaft davon sprechen und hoffen, daß sie seinerzeit einen glücklichen Ausgang nehmen wird. Wir haben Zeit genug vor uns zum Warten!«

Das war für einen leidenschaftlich Liebenden nicht allzu tröstlich; aber es freute mich, daß ich meine Tante ins Vertrauen gezogen hatte, und ich bedachte, daß sie müde war.

So bedankte ich mich denn bei ihr innig für diesen Beweis ihrer Liebe und für alles andere Gute, was sie an mir getan, und nach einem zärtlichen ›Gute Nacht!‹ nahm sie ihre Nachthaube und ging in mein Schlafzimmer.

Wie unglücklich ich mich fühlte, als ich mich hinlegte! Wie ich immer und immer wieder daran dachte, daß mich Mr. Spenlow als armen Menschen betrachten würde: daß ich nicht mehr derselbe war wie damals, wo ich mich mit Dora verlobte: daß ich als Ehrenmann verpflichtet war, Dora zu sagen, wie es sich mit mir verändert hatte, und ihr Wort ihr zurückzugeben. Dazu kamen noch Gedanken, wie ich während meiner Lehrzeit, wo ich nichts verdiente, leben sollte: wie ich etwas für meine Tante tun mußte, und doch nichts entdecken konnte: wie ich zuletzt soweit herunterkommen würde, daß ich kein Geld mehr in der Tasche hätte und einen schäbigen Rock tragen müßte, und Dora keine kleinen Geschenke mehr bringen und auf keinem wackern Grauschimmel mehr reiten konnte!

Obwohl ich wußte, daß es schmutzig und selbstsüchtig war, mich so ganz nur mit meiner Person und meinem Kummer zu beschäftigen, und der Gedanke mich quälte, daß ich das recht gut wußte, so konnte ich es doch nicht ändern – ich liebte Dora zu sehr. Ich wußte, daß es niedrig von mir war, mehr an mich als an meine Tante zu denken, aber Dora machte mich insofern unvermeidlich selbstsüchtig, als ich Dora ganz unmöglich gegen irgend ein anderes irdisches Wesen zurückstellen konnte. O wie elend fühlte ich mich doch in dieser Nacht!

Im Schlafe träumte ich von Armut in allen möglichen Gestalten; aber es war fast, als ob ich träumte, ohne vorerst in Schlaf zu versinken. Jetzt befand ich mich in Lumpen und wollte an Dora Streichhölzchen verkaufen, sechs Päckchen für einen halben Penny. Dann befand ich mich auf dem Amte im Nachtkleid und in hohen Stiefeln, und Mr. Spenlow machte mir Vorstellungen darüber, daß ich vor den Klienten in so luftigem Gewande erschien; jetzt hob ich gierig die Krümchen auf, die von des alten Tiffey täglichem Zwieback zur Erde fielen, den er regelmäßig aß, wenn es von St. Paul eins schlug, dann machte ich hoffnungslose Versuche, einen Heiratskonsens mit Dora zu erhalten, und hatte als Gegenleistung nichts als einen von Uriah Heeps Handschuhen anzubieten, der von den ganzen Commons mit Hohn zurückgewiesen wurde: und mir selbst halb und halb bewußt, in meinem eignen Zimmer zu sein, wälzte ich mich umher, wie ein Schiff in Not, auf einem Meer von Bettlaken.

Auch meine Tante war unruhig, denn ich hörte sie mehrere Male im Zimmer auf und ab gehen. Zwei- oder dreimal kam sie, in einen langen Flanellrock gekleidet, in dem sie sieben Fuß hoch aussah, wie eine Spukgestalt in mein Zimmer und trat an mein Sofa. Das erstemal sprang ich erschrocken auf und erfuhr von ihr, daß sie aus einem eigentümlichen hellen Scheine am Himmel schloß, die Westminsterabtei stehe in Flammen, und wissen wollte, ob bei verändertem Winde das Feuer wohl die Buckinghamstraße ergreifen könnte. Die beiden andern Male blieb ich still liegen, aber da setzte sie sich auf einen Stuhl in meiner Nähe und sagte leise vor sich hin: »Das arme Kind!« und dann fühlte ich mich zwanzigmal unglücklicher durch das Bewußtsein, wie uneigennützig sie und wie eigensüchtig ich an mich dachte.

Es war mir schwer zu glauben, daß eine Nacht, die für mich so lang war, für irgend jemand kurz sein könne, und diese Betrachtung veranlaßte mich wieder und wieder, mir eine Gesellschaft vorzustellen, in der die Menschen die Stunden mit Tanzen verbrachten, bis auch daraus ein Traum wurde, und ich die Musik unaufhörlich dieselbe Melodie spielen hörte und Dora ununterbrochen denselben Tanz tanzen sah, ohne daß sie von mir die geringste Notiz nahm. Der Mann, der die ganze Nacht die Harfe gespielt hatte, versuchte vergeblich, sie mit einer Nachtmütze von gewöhnlicher Größe zu bedecken; dann erwachte ich, oder eigentlich, ich gab den Versuch einzuschlafen auf und sah die Sonne endlich durch mein Fenster in das Zimmer scheinen.

Zu jenen Zeiten war noch am Ende in einer der Nebenstraßen, die in den Strand ausmünden, ein kaltes Bad (und vielleicht besteht es noch), wohinein ich manchen kühlen Sprung getan habe. Ich zog mich so still wie möglich an, überließ Peggotty die Sorge für meine Tante, machte einen Kopfsprung in das Bad, um alsdann einen Spaziergang nach Hampstead zu machen. Ich hoffte, daß mir diese frische Kur den Kopf etwas aufhellen würde; und ich glaube auch, daß dies die Folge war, denn ich kam bald zu dem Entschluß, daß mein erster Schritt ein Versuch sein müßte, zu sehen, ob mein Lehrkontrakt aufgehoben und das Lehrgeld wieder zurückgezahlt werden könnte. Ich ließ mir in einer Wirtschaft auf der Heide Frühstück geben und ging auf den taubenetzten Wegen und umgeben von einem angenehmen Duft von Sommerblumen, die in den Gärten wuchsen oder in die Stadt getragen wurden, nach dem Bureau zurück, um hier den ersten Versuch zu machen, uns nach unsern veränderten Umständen einzurichten.

Ich kam so früh, daß ich noch eine halbe Stunde vor dem Bureau auf und ab gehen konnte, ehe der alte Tifey, der immer der erste war, mit dem Schlüssel kam. Dann setzte ich mich in meinen schattigen Winkel, betrachtete das Sonnenlicht an den Essen gegenüber und dachte an Dora, bis Mr. Spenlow frisch und schmuck wie immer hereintrat.

»Wie geht's, Copperfield?« fragte er. »Ein schöner Morgen!«

»Ein schöner Morgen, Sir«, entgegnete ich. »Könnte ich ein paar Worte mit Ihnen sprechen, ehe Sie zu Gericht gehen?«

»Warum nicht?« sagte er. »Kommen Sie in mein Zimmer.«

Ich folgte ihm in sein Zimmer, wo er seinen Talar anzog und sich vor einem kleinen Spiegel auf der innern Seite einer Schranktür zurechtstutzte.

»Es tut mir sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen,« sagte ich, »daß ich einigermaßen unangenehme Nachrichten von meiner Tante erhalten habe.«

»O!« sagte er. »Doch kein Schlaganfall, hoffe ich?«

»Sie haben auf ihre Gesundheit keinen Bezug, Sir«, erwiderte ich. »Sie hat große Verluste erlitten. Die Wahrheit ist, daß ihr sehr wenig übrig bleibt.«

»Sie setzen mich in Erstaunen, Copperfield«, rief Mr. Spenlow.

Ich schüttelte traurig den Kopf.

»Ihre Verhältnisse«, sagte ich, »sind so gänzlich verändert, daß ich Sie fragen möchte, ob es möglich wäre, – natürlich mit Aufopferung eines Teiles des Lehrgeldes« – das setzte ich aus freien Stücken hinzu, veranlaßt durch den Anblick seines langen Gesichts – »meinen Lehrkontrakt rückgängig zu machen.«

Niemand kann sich denken, was mich dieser Vorschlag kostete. Es war so gut wie eine Bitte, aus Gnade zur Verbannung von Dora verurteilt zu werden.

»Ihren Lehrkontrakt rückgängig zu machen, Copperfield? Rückgängig machen?« wiederholte er.

Ich setzte ihm mit ziemlicher Festigkeit auseinander, daß ich in der Tat nicht wüßte, wo ich meine Subsistenzmittel hernehmen sollte, wenn ich sie nicht selbst verdiente. Ich hegte keine Besorgnis wegen der Zukunft, sagte ich – und ich legte darauf großen Nachdruck, als ob ich andeuten wollte, daß ich seinerzeit immer noch zu einem Schwiegersohn passen würde – aber für jetzt sei ich auf meine eigenen Mittel angewiesen.

»Es tut mir außerordentlich leid, das zu hören, Copperfield«, sagte Mr. Spenlow. »Es tut mir außerordentlich leid. Es ist nicht Sitte, aus einem solchen Grunde Lehrkontrakte rückgängig zu machen. Es ist kein Geschäftsbrauch. Es würde auch ein unerwünschter Präzedenzfall sein. Durchaus! Aber doch –«

»Sie sind sehr gütig, Sir«, murmelte ich, in Voraussicht eines Zugeständnisses.

»O ich bitte Sie«, sagte Mr. Spenlow. »Aber doch, wollte ich sagen, wenn es mir vergönnt wäre, freie Hände zu haben – wenn ich nicht einen Associé hätte – Mr. Jorkins –«

Meine Hoffnungen waren in einem Augenblick vernichtet, aber ich machte dennoch einen Versuch.

»Meinen Sie wohl, Sir,« sagte ich, »wenn ich mit Mr. Jorkins spräche –«

Mr. Spenlow schüttelte entmutigend den Kopf. »Gott verhüte, Copperfield,« antwortete er, »daß ich jemand unrecht tun sollte, am allerwenigsten Mr. Jorkins. Aber ich kenne meinen Associé, Copperfield. Mr. Jorkins ist nicht der Mann, der auf einen Vorschlag dieser eigentümlichen Art eingehen würde. Mr. Jorkins ist sehr schwer von dem gewohnten Wege abzubringen. Sie wissen ja, wie er ist.«

Ich wußte gar nichts von ihm, außer daß er ursprünglich allein im Geschäft gewesen war und jetzt in einem sehr alt aussehenden Hause nicht weit von Montague-Square wohnte; daß er sehr spät ins Geschäft kam und sehr frühzeitig wegging; daß ihn niemals jemand zu Rate zu ziehen schien, und daß er eine Treppe höher eine kleine finstere Stube für sich hatte, wo nie Geschäfte verrichtet wurden, und wo auf dem Pulte eine alte Papiermappe lag, unbefleckt von Tinte und einem Gerüchte nach zwanzig Jahre alt.

»Würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich mit ihm davon spräche, Sir?« fragte ich.

»Durchaus nicht«, sagte Mr. Spenlow. »Aber ich kenne Mr. Jorkins einigermaßen, Copperfield. Ich wollte, es wäre anders, denn ich würde mich glücklich schätzen, Ihren Wünschen entsprechen zu können. Ich habe nicht das mindeste dagegen, daß Sie mit Mr. Jorkins darüber sprechen, Copperfield, wenn Sie es der Mühe für wert halten.«

Entschlossen, diese Erlaubnis zu benutzen, die er mir mit einem warmen Händedruck gab, setzte ich mich wieder hin und dachte an Dora und sah dem Sonnenschein zu, wie er von den Essen herab auf die Mauer des gegenüberliegenden Hauses glitt, bis Mr. Jorkins kam. Dann verfügte ich mich in sein Zimmer und überraschte offenbar Mr. Jorkins durch mein Erscheinen.

»Nur herein, Mr. Copperfield«, sagte Mr. Jorkins. »Nur herein.«

Ich trat ein und setzte mich und brachte mein Anliegen Mr. Jorkins ziemlich in denselben Worten wie Mr. Spenlow vor. Mr. Jorkins war gar nicht der schreckliche Mensch, den man hätte erwarten sollen, sondern ein großer, starker Mann von sechzig Jahren mit einem sanften Gesicht, der so viel Schnupftabak nahm, daß in den Commons eine Sage ging, er lebe hauptsächlich von diesem Reizmittel, da er für einen andern Nahrungsstoff in seinem Körper wenig Platz habe.

»Sie haben darüber wahrscheinlich schon mit Mr. Spenlow gesprochen«, fragte Mr. Jorkins, als er mich sehr unruhig zu Ende gehört hatte.

Ich gab eine bejahende Antwort und sagte ihm, daß Mr. Spenlow seinen Namen genannt hätte.

»Er sagte, ich würde Einwendungen erheben?« fragte Mr. Jorkins.

Ich mußte zugeben, daß Mr. Spenlow dies für wahrscheinlich gehalten hatte.

»Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, Mr. Copperfield, daß ich Ihren Wunsch nicht erfüllen kann«, sagte Mr. Jorkins verlegen. »Ich muß Ihnen nur sagen – aber ich habe eine Bestellung auf der Bank, und Sie werden gewiß die Güte haben, mich zu entschuldigen.«

Damit stand er in großer Eile auf und wollte das Zimmer verlassen, als ich noch einmal äußerte, daß sich also leider wohl die Sache nicht arrangieren lasse.

»Nein«, sagte Mr. Jorkins und blieb in der Tür stehen, um den Kopf zu schütteln. »Nein! Ich erhebe Einwand dagegen«, sagte er rasch und ging hinaus. »Sie müssen bedenken, Mr. Copperfield,« setzte er wieder hinzu und sah wieder zur Tür herein, »wenn Mr. Spenlow Einwendungen erhebt –«

»Persönlich machte er keine Einwendungen«, sagte ich.

»O! persönlich!« wiederholte Mr. Jorkins ungeduldig. »Ich versichere Ihnen, es sind Einwendungen da, Mr. Copperfield. Die Sache ist hoffnungslos. Was Sie wünschen, kann nicht geschehen. Ich – ich habe wirklich eine Bestellung auf der Bank.« Damit riß er geradezu aus und zeigte sich, soviel ich weiß, vor drei Tagen nicht wieder in den Commons.

Da ich nichts unversucht lassen wollte, wartete ich, bis Mr. Spenlow wieder zurückkehrte, und erzählte ihm, was geschehen war, wobei ich ihm zu verstehen gab, daß ich nicht ohne einige Hoffnung sei, er werde das steinerne Herz Jorkins' erweichen können, wenn er es nur auf sich nehmen wollte.

»Copperfield,« erwiderte Mr. Spenlow mit einem schlauen Lächeln, »Sie kennen meinen Associé Jorkins noch nicht so lange wie ich. Nichts kommt mir weniger in den Sinn, als Mr. Jorkins irgendwelche Unaufrichtigkeit zuzutrauen. Aber Mr. Jorkins hat eine eigentümliche Art, seine Einwendungen auszusprechen, durch die sich oft die Leute täuschen. Nein, Copperfield!« sagte er und schüttelte den Kopf. »Mr. Jorkins läßt sich nicht bewegen, darauf können Sie sich verlassen.«

Ich wußte wahrhaftig nicht, wen ich von beiden, Mr. Spenlow oder Mr. Jorkins, für den Einwände erhebenden Associé halten sollte; aber ich sah klar genug, daß irgendwo in der Firma ein unbeugsamer Wille sitze und daß das Wiedererlangen der tausend Pfund meiner Tante außer Frage sei. In tiefer Niedergeschlagenheit, an die ich durchaus nicht mit Befriedigung denke, denn sie bezog sich noch gar zu sehr auf mich (wenn auch in Verbindung mit Dora), verließ ich das Bureau und ging heimwärts. Ich versuchte mich im Gedanken an das Schlimmste zu gewöhnen und mir die Einrichtungen, die wir in Zukunft zu machen hätten, in den schwärzesten Farben auszumalen, als ein hinter mir herfahrender Mietwagen dicht bei mir hielt und mich veranlaßte, aufzublicken. Eine zierliche Hand wurde mir durch das Fenster gereicht, und das Gesicht, das ich nie ohne eine Empfindung von Beruhigung und Glück gesehen, lächelte mich an.

»Agnes!« rief ich freudig aus. »Liebe Agnes, welch Vergnügen macht es mir, von allen Leuten in der Welt gerade dich zu sehen!«

»Wirklich?« fragte sie mit ihrer herzlichen Stimme.

»Ich möchte so gern mit dir sprechen!« sagte ich. »Es wird mir das Herz so leicht, wenn ich dich nur ansehe! Wenn ich ein Wünschelrütchen gehabt hätte, gewiß hätte ich mir niemand anders herbeigewünscht als dich.«

»Wie?« entgegnete Agnes.

»Nun vielleicht zuerst Dora«, gab ich errötend zu.

»Gewiß, das hoffe ich, zuerst Dora«, sagte Agnes lachend.

»Aber dich zunächst«, sagte ich. »Wo willst du hin?«

Sie wollte in meine Wohnung, um meine Tante zu besuchen. Da das Wetter sehr schön war, verließ sie gern den Wagen, der – ich hatte die ganze Zeit den Kopf drinnen – wie ein Stall unter einem Gurkenbeet roch. Ich schickte den Kutscher fort, sie nahm meinen Arm, und wir gingen zusammen weiter. Sie kam mir vor wie die verkörperte Hoffnung. Wie ganz anders fühlte ich nach einer kurzen Minute, da jetzt Agnes neben mir ging!

Meine Tante hatte ihr in ihrer wunderlichen Art nur eins der kurzen Billette geschrieben – nicht viel länger als eine Banknote – auf die sich ihre Korrespondenzen gewöhnlich beschränkten. Sie hatte darin gesagt, daß sie ein Mißgeschick befallen habe und daß sie Dover verlasse, sich aber darein ergeben habe und sich wohl genug befinde, daß sich ihre Freunde keine Sorge um sie zu machen brauchten. Agnes war nach London gekommen, um meine Tante zu besuchen, mit der sie schon seit mehreren Jahren sehr gut stand – meine Tante hatte sie bereits damals lieb gewonnen, als ich zuerst zu Mr. Wickfield zog. Sie sei nicht allein gekommen, sagte sie. Ihr Vater hatte sie begleitet – und Uriah Heep.

»Und jetzt sind sie Associés«, sagte ich. »Der verwünschte Kerl!«

»Ja«, sagte Agnes. »Sie haben Geschäfte hier zu verrichten, und ich benutzte die Gelegenheit, um ebenfalls zu kommen. Du mußt nicht glauben, daß mein Besuch ganz uneigennützig ist, Trotwood, denn ich muß es dir nur gestehen, ich lasse den Vater nicht gern mit ihm allein reisen.«

»Hat er immer noch denselben Einfluß auf Mr. Wickfield, Agnes?«

Agnes schüttelte den Kopf. »Zu Hause hat sich alles so verändert,« sagte sie, »daß du kaum das alte liebe Haus wieder erkennen würdest. Sie wohnen jetzt bei uns.«

»Sie?« fragte ich.

»Mr. Heep und seine Mutter. Dein ehemaliges Zimmer ist sein Schlafgemach«, sagte Agnes und sah mich an.

»Ich wollte, ich könnte seine Träume bestellen«, sagte ich. »Er würde dort nicht lange mehr schlafen.«

»Ich habe noch mein kleines Zimmerchen,« fuhr Agnes fort, »wo ich früher meine Lektionen lernte. Wie die Zeit vergeht! Erinnerst du dich noch, das kleine getäfelte Zimmerchen neben dem Salon?«

»Ob ich mich dessen noch erinnere, Agnes? Wo ich dich zum ersten Male sah, wie du mit dem hübschen kleinen Schlüsselkörbchen an der Seite zur Tür heraustratest.«

»Es ist wahr«, sagte Agnes lächelnd. »Es freut mich, daß du noch daran denkst. Wir waren damals sehr glücklich.«

»Ja, das waren wir«, sagte ich.

»Es ist immer noch mein Zimmer, aber ich kann Mrs. Heep nicht immer allein lassen, und daher muß ich ihr manchmal Gesellschaft leisten,« sagte Agnes ruhig, »wenn ich lieber allein sein möchte. Aber sonst habe ich keine Ursache, mich über sie zu beklagen. Wenn sie mich manchmal durch ihre ewigen Lobsprüche auf ihren Sohn langweilt, so ist das nur natürlich bei einer Mutter. Er handelt als guter Sohn an ihr.«

Ich sah Agnes an, als sie dies sprach, und merkte ihr nicht im geringsten an, daß sie etwas von Uriahs Plänen erriet. Ihre sanften, aber ernsten Augen sahen mich mit ihrer gewöhnlichen schönen Offenheit an, und auf ihrem Antlitz war keine Veränderung zu bemerken.

»Die unangenehmste Seite ihrer Anwesenheit ist,« sagte Agnes, »daß ich nicht mehr so beständig in des Vaters Nähe sein und ihn bewachen kann, wenn ich mich damit nicht zu kühn ausdrücke. Beständig ist Uriah Heep im Wege. Aber wenn sie einen verräterischen Plan gegen ihn spinnen, so hoffe ich doch, daß einfache Liebe und Wahrheit am Ende stärker sein werden, ja, ich hoffe es, stärker als jedes Übel und Unglück auf der ganzen Welt.«

Das gewisse heitere Lächeln, das ich nie auf einem andern Gesicht erblickt habe, verschwand, während ich noch dachte, wie schön es sei und wie oft ich es gesehen, und sie fragte mich mit rasch verändertem Ausdruck – wir kamen in die Nähe meiner Wohnung – ob ich wüßte, wie es mit dem Vermögensverlust meiner Tante zugegangen sei? Auf meine verneinende Antwort wurde Agnes nachdenklich, und es kam mir vor, als ob ihr Arm auf meinem zitterte.

Meine Tante war allein und in einiger Aufregung. Eine Meinungsverschiedenheit hatte sich zwischen ihr und Mrs. Crupp über die abstrakte Frage erhoben, ob eine Junggesellenwohnung auch von Personen weiblichen Geschlechtes bewohnt werden dürfe, und meine Tante, gegen die Magenkrämpfe der Mrs. Crupp gänzlich unempfindlich, hatte den Streit dadurch kurz abgeschnitten, daß sie dieser Dame rund heraussagte, sie rieche nach Branntwein und sie möge so gut sein, lieber hinauszugehen. Beide Äußerungen betrachtete Mrs. Crupp als strafbare Injurien, und sie hatte den festen Vorsatz ausgesprochen, sie vor die »britische Judith« zu bringen – womit sie wahrscheinlich das Bollwerk unserer nationalen Freiheiten meinte.

Meine Tante hatte jedoch Zeit gehabt, sich zu beruhigen, denn Peggotty war mit Mr. Dick ausgegangen, um ihm die Wache von dem Generalkommando zu zeigen, und freute sich sehr, Agnes zu sehen. Sie bildete sich auch auf ihren Streit mit Mrs. Crupp fast etwas ein, und so empfing sie uns in bester Laune. Als Agnes ihren Hut ablegte und sich neben sie setzte, konnte ich nicht umhin, zu denken, wie hier so recht ihr natürlicher Platz war, wie trotz ihrer Jugend und Unerfahrenheit meine Tante ihr so fest vertraute, und wie stark sie war in ihrer echten Liebe und Wahrhaftigkeit.

Wir sprachen von den Verlusten meiner Tante, und ich erzählte ihnen, was ich heute morgen versucht hatte.

»Das war unüberlegt, Trot,« sagte meine Tante, »aber gut gemeint. Du bist ein guter Junge – junger Mann muß ich jetzt wohl sagen – und ich bin stolz auf dich! So weit wäre es gut. Aber jetzt, Trot und Agnes, wollen wir dem Fall ›Betsey Trotwood‹ ins Angesicht sehen und untersuchen, wie es damit steht.«

Ich bemerkte, daß Agnes blaß wurde, als sie meine Tante aufmerksam ansah, und die Tante streichelte die Katze und blickte Agnes aufmerksam an.

»Betsey Trotwood,« sagte meine Tante, »die immer ihre Geldangelegenheiten für sich betrieben hat, – ich meine nicht deine Schwester, lieber Trot, sondern mich selbst – hatte einiges Vermögen. Es kommt nicht darauf an, wieviel; es war genug, um zu leben. Mehr noch, denn sie hatte etwas gespart und dazu gelegt. Betsey legte ihr Vermögen für einige Zeit in Fonds und dann auf den Rat ihres Sachwalters auf Hypotheken an. Das machte sich sehr gut und gab recht anständige Zinsen, bis Betsey das Kapital ausbezahlt wurde. Jetzt hatte sich Betsey (ich rede von ihr, wie von einer ganz Fremden) nach einer neuen Gelegenheit umzusehen, ihr Geld unterzubringen. Sie glaubte, sie sei klüger als ihr Sachwalter, der jetzt kein so guter Geschäftsmann mehr war wie früher – ich meine deinen Vater, Agnes – und sie setzte es sich in den Kopf, das Geld selbst anzulegen. So trieb sie ihre Lämmer auf einen auswärtigen Markt, und das war ein sehr schlechter Markt. Zuerst verlor sie bei dem Bergbau, und dann verlor sie bei einer Tauchergesellschaft, die nach Schätzen aus dem Meere fischte, oder was es sonst für Unsinn war,« setzte meine Tante hinzu und rieb sich die Nase, »und dann verlor sie wieder beim Bergbau und zuletzt, um es ganz fertig zu machen, verlor sie bei der Bank. Ich weiß nicht, wieviel die Bankaktien eine kurze Zeit lang wert waren; eine kurze Zeit standen sie mindestens hundert Prozent über pari, aber die Bank stand am andern Ende der Welt und muß wohl da über den Rand gefallen sein, jedenfalls verkrachte sie und wird und kann niemals sechs Dreier bezahlen, und Betseys sechs Dreier waren alle dort, und damit ist die Geschichte aus. Je weniger Worte darüber verloren werden, desto besser!«

Meine Tante schloß diesen philosophischen knappgehaltenen Bericht mit einer Art triumphierenden Blickes auf Agnes, deren Farbe allmählich wieder zurückkehrte.

»Ist das die ganze Geschichte, liebe Miß Trotwood?« fragte Agnes.

»Ich denke, es ist genug, Kind«, sagte meine Tante. »Wenn noch mehr Geld zuzusetzen gewesen wäre, würde sie gewiß noch nicht alle sein. Es wäre Betsey schon gelungen, auch noch den Rest dem übrigen nachzuwerfen und ein zweites Kapitel zu füllen. Aber das Geld war alle, und die Geschichte ist auch alle.«

Agnes hatte zuerst mit angehaltenem Atem zugehört. Sie wurde noch immer abwechselnd blaß und rot, aber sie atmete freier auf. Ich glaube, ich wußte, warum. Ich glaube, sie fürchtete, ihr armer Vater wäre in irgendeiner Weise an dem geschehenen Unglück schuld. Meine Tante ergriff ihre Hand und lachte.

»Ist das alles?« wiederholte meine Tante. »Nun ja, das ist alles, außer etwa noch: ›und sie lebte von da an glücklich lange Zeit.‹ Vielleicht kann ich dir das seinerzeit auch von Betsey sagen. Du, Agnes, bist ein gescheites Kind, und auch du, Trot, in manchen Sachen, obgleich man es nicht immer von dir sagen kann«; bei diesen Worten schüttelte meine Tante mit einer ihr eigentümlichen Energie den Kopf. »Was ist zu tun? Zuerst haben wir das Häuschen, das, eins ins andere gerechnet, etwa siebzig Pfund einbringt. Ich glaube, so können wir es taxieren. Nun, das ist alles, was ich habe«, sagte meine Tante, die auch die Eigenheit hatte, daß sie, wie manche Pferde, plötzlich Halt machte, wenn sie im besten Zuge zu sein schien.

»Dann«, sagte meine Tante nach einer Pause, »haben wir Dick. Er zahlt hundert Pfund jährlich, aber natürlich muß das Geld für ihn selber ausgegeben werden. Ich würde ihn lieber fortschicken, obgleich ich weiß, daß ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der ihn gehörig würdigt, als daß ich ihn behielte und nicht sein Geld für ihn verwendete. Wie können Trot und ich am besten mit unsern Mitteln auskommen? Was meinen Sie, Agnes?«

»Ich meine, Tante,« unterbrach ich sie, »daß ich etwas tun muß!«

»Unter die Soldaten gehen, meinst du wohl,« entgegnete meine Tante ganz erschrocken, »oder Matrose werden; davon mag ich nichts hören. Du sollst ein Proktor werden. In dieser Familie soll niemand etwas auf den Kopf bekommen, wenn du erlaubst.«

Ich wollte auseinandersetzen, daß ich daran gar nicht gedacht hätte, als Agnes fragte, ob meine Zimmer für lange Zeit gemietet seien?

»Sie kommen zur Sache, meine Liebe«, sagte meine Tante. »Für die nächsten sechs Monate wenigstens sind sie nicht los zu werden, wir müßten sie denn weiter vermieten können, und das glaube ich nicht. Der letzte Abmieter starb hier. Fünf Menschen von sechsen müßten natürlich an dieser Frau in Nankingkleidern mit flanellenem Unterrock sterben. Ich besitze eine kleine Summe bar, und ich glaube, es ist das beste, die noch übrigen sechs Monate hier zu bleiben und für Dick ein Zimmer zum Schlafen in der Nähe zu suchen.«

Ich hielt es für meine Pflicht, die Tante auf die Unannehmlichkeit eines beständigen Guerillakriegs mit Mrs. Crupp aufmerksam zu machen; aber sie beseitigte diesen Einwand summarisch durch die Erklärung, daß sie bei dem ersten Ausbruch von Feindseligkeiten Mrs. Crupp für den ganzen Rest ihres irdischen Lebens in Erstaunen setzen wolle.

»Ich habe mir gedacht, Trotwood,« sagte Agnes schüchtern, »daß, wenn du Zeit hättest –«

»Ich habe viel Zeit, Agnes. Ich bin stets nach vier oder fünf Uhr frei und habe auch Zeit in den frühen Morgenstunden. Auf die eine und auf die andere Weise habe ich vollauf Zeit übrig«, sagte ich und fühlte, daß ich etwas errötete bei dem Gedanken, wie viele, viele Stunden ich in den Straßen der Stadt und auf der Landstraße nach Norwood vertrödelt hatte.

»Ich glaube, dir würden die Obliegenheiten eines Sekretärs nicht schwer fallen«, sagte Agnes, indem sie an mich heran trat und mit leiser, von Vertrauen erfüllter Stimme zu mir sprach.

»Schwer fallen, liebe Agnes?«

»Weil Doktor Strong«, fuhr sie fort, »jetzt wirklich seine Stelle niedergelegt hat und nach London gezogen ist; er hat meinen Vater nach einem Sekretär gefragt. Meinst du nicht, er würde seinen ehemaligen Lieblingsschüler lieber als jeden andern um sich haben?«

»Liebe Agnes!« sagte ich, »was wäre ich ohne dich! Du bist immer mein rettender Engel. Ich sagte es dir immer. Ich kann dich mir in keiner andern Gestalt vorstellen.«

Agnes gab mit ihrem angenehmen Lachen zur Antwort, daß ein guter Engel genüge – sie meinte Dora – und erinnerte mich daran, daß der Doktor gewöhnlich die frühen Morgenstunden und die Abende am Arbeitstisch verbringe, und daß ihm meine freie Zeit wahrscheinlich vortrefflich passen würde. Die Aussicht mein Brot selbst zu verdienen, war mir kaum angenehmer als die Hoffnung, es bei meinem alten Lehrer zu verdienen; so setzte ich mich denn hin und schrieb, dem Rate von Agnes sogleich folgend, einen Brief an den Doktor, worin ich meinen Wunsch ausdrückte und ihn am nächsten Morgen um zehn Uhr zu besuchen versprach. Ich adressierte den Brief nach Highgate – denn in dieser für mich denkwürdigen Gegend wohnte er – und trug ihn selbst auf die Post, ohne einen Augenblick zu verlieren.

Wo Agnes hinkam, schien eine liebliche Spur ihrer geräuschlosen Gegenwart unzertrennlich von dem Orte zu sein. Als ich zurückkehrte, hatten die Vogelbauer meiner Tante einen Platz gefunden, genau so, wie sie so lange in dem Fenster der Wohnstube des Landhäuschens gehangen hatten, und mein Lehnstuhl, der allerdings nicht so bequem wie der meiner Tante war, stand an der entsprechenden Stelle am offenen Fenster, und selbst der runde grüne Schirm, den meine Tante mitgebracht hatte, war auf das Fensterbrett festgeschraubt. Ich wußte, wer das alles gemacht hatte, weil es ruhig von selbst geschehen zu sein schien, und ich hätte in einem Augenblick erraten, wer meine lang vernachlässigten Bücher in der aus meiner Schulzeit gewohnten Ordnung aufgestellt hatte, selbst wenn ich geglaubt hätte, Agnes sei meilenweit entfernt, anstatt daß ich zusah, wie sie diese ordnete und über die Unordnung lächelte, in die sie gekommen waren.

Meine Tante war sehr gnädig hinsichtlich der Themse – die im Sonnenschein wirklich nicht übel aussah, wenn sie sich auch nicht mit dem Meere vor dem Landhäuschen vergleichen ließ – aber sie ließ sich nicht hinsichtlich des Londoner Rauches erweichen, der, wie sie erklärte, »alles schwarz verpfeffere«. Wegen des Pfeffers wurde eine vollständige Revolution, in der Peggotty eine hervorragende Rolle spielte, in jedem Winkel meiner Zimmer bewerkstelligt, und ich sah zu und dachte mir, wie wenig selbst Peggotty mit sehr viel Geräusch zu tun schien, und wieviel Agnes ohne alles Geräusch verrichtete, als man an die Tür klopfte.

»Ich glaube, das ist der Vater«, sagte Agnes und wurde blaß. »Er versprach mir, herzukommen.«

Ich machte die Tür auf und ließ nicht nur Mr. Wickfield, sondern auch Uriah Heep herein. Ich hatte Mr. Wickfield seit längerer Zeit nicht gesehen. Nach dem, was Agnes sagte, hatte ich mich darauf gefaßt gemacht, ihn sehr verändert zu finden, aber sein Aussehen erschütterte mich.

Nicht das war's, daß er viele Jahre älter aussah, obgleich er noch dieselbe skrupulöse Sauberkeit zur Schau trug, oder daß sich eine ungesunde Röte auf seinem Gesicht zeigte, oder daß sein Auge trübe oder rot unterlaufen war, oder daß seine Hand unruhig zitterte – ich wußte warum, und hatte es schon seit einigen Jahren kommen sehen. Nicht daß er sein angenehmes Äußere oder seine vornehme Haltung verloren hatte – denn das war nicht der Fall, nein – was mir am meisten auffiel, war, daß er sich bei allen noch vorhandenen Zeichen seiner angeborenen Überlegenheit dieser kriechenden Verkörperung von Gemeinheit, Uriah Heep, unterordnete. Der Wechsel, welcher sich in der Stellung dieser beiden Naturen vollzogen hatte, daß Uriah die Macht besaß und Mr. Wickfield in Abhängigkeit geraten war, erfüllte mich mit tieferem Schmerz, als ich sagen kann. Wenn ich einen Schimpansen hätte einem Menschen befehlen sehen, würde es mir nicht so entwürdigend vorgekommen sein.

Er schien sich dessen nur zu sehr bewußt zu sein. Als er hereintrat, blieb er stehen und ließ den Kopf sinken, als ob er es fühlte. Das war nur einen Augenblick, denn Agnes sagte mit sanfter Stimme zu ihm: »Vater, hier ist Miß Trotwood – und Trotwood, den du so lange nicht gesehen hast!« Und dann trat er näher und gab meiner Tante mit gezwungener Miene die Hand und schüttelte die meinige mit größerer Herzlichkeit. In der kurzen Pause sah ich, wie sich Uriahs Gesicht zu einem abscheulichen Lächeln verzerrte. Ich glaube, auch Agnes sah es, denn sie zog sich scheu vor ihm zurück.

Was meine Tante sah oder nicht sah, hätte ohne ihren Willen der scharfsinnigste Physiognom nicht herausgebracht. Ich glaube, es gab niemand, der ein so vollkommen gleichgültiges Gesicht machen konnte, wenn sie wollte. In diesem Falle hätte ihr Gesicht eine kahle Mauer sein können, so wenig Licht warf es auf ihre Gedanken, bis sie mit ihrer gewöhnlichen schroffen Plötzlichkeit das Schweigen brach.

»Na, Wickfield«, sagte meine Tante, und er sah sie jetzt zum erstenmal an. »Ich habe Ihrer Tochter erzählt, wie gut ich mein Geld ganz allein angelegt habe, weil ich es Ihnen nicht anvertrauen wollte, da Sie in Geschäftssachen schläfrig wurden. Wir sind zusammen zu Rate gegangen, und ich glaube, wir haben im ganzen unsere Sache gut gemacht. Agnes ist meiner Meinung nach die ganze Firma wert.«

»Wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, die Bemerkung zu machen,« sagte Uriah Heep und krümmte sich wie ein Wurm, »so erlaube ich mir, mit Miß Betsey Trotwood ganz übereinzustimmen und würde mich glücklich schätzen, Miß Agnes zur Partnerin zu haben.«

»Sie sind ja schon Partner,« entgegnete meine Tante kurz, »und das ist gerade genug für Sie, sollte ich meinen. Wie befinden Sie sich sonst, Sir?«

Auf diese Frage, die mit ungewöhnlicher Kürze an ihn gerichtet wurde, erwiderte Mr. Heep, indem er unruhig den blauen Aktenbeutel festhielt, daß er sich ziemlich wohl befinde, meiner Tante danke, und er hoffe von ihr das gleiche.

»Und Sie, Master – ich sollte sagen, Master Copperfield?« fuhr Uriah fort, »ich hoffe, Sie sind auch wohl! Es freut mich außerordentlich, Sie zu sehen, Mr. Copperfield, selbst unter gegenwärtigen Umständen.« – Ich glaubte das, denn er schien sich sehr daran zu letzen. – »Ihre gegenwärtigen Umstände sind nicht so, wie ihre Freunde wünschen möchten, Mr. Copperfield, aber das Geld macht nicht den Mann. Es ist – meine bescheidenen Kräfte reichen wahrhaftig nicht aus, es auszudrücken,« sagte Uriah mit einer kriechenden Bewegung seines Körpers, »aber Geld ist es nicht!«

Dabei schüttelte er mir die Hand, nicht auf die gewöhnliche Weise, sondern indem er in ziemlicher Entfernung von mir stehen blieb und meine Hand wie einen Pumpenschwengel auf und nieder bewegte, als ob er sich davor fürchtete.

»Und wie, meinen Sie, sehen wir aus, Master Copperfield – ich wollte sagen, Mister?« – schmeichelte Uriah weiter. »Finden Sie nicht, daß Mr. Wickfield sehr blühend aussieht? In unserm Geschäft machen Jahre nicht viel aus, Master Copperfield, außer daß sie die Niedrigen, nämlich meine Mutter und mich, erheben – und«, setzte er nach einigem Besinnen hinzu, »das Schöne, nämlich Miß Agnes, entwickeln.«

Er zuckte und schnellte bei diesem Kompliment auf eine so unausstehliche Weise in die Höhe, daß meine Tante, die ihn starr angesehen, alle Geduld verlor.

»Der Kuckuck hole den Menschen«, sagte meine Tante streng. »Was haben Sie denn? Zappeln Sie doch nicht unaufhörlich!«

»Ich bitte um Verzeihung, Miß Trotwood,« entgegnete Uriah; »ich weiß wohl, Sie haben schwache Nerven.«

»Damit hören Sie auf!« sagte meine Tante, durchaus nicht besänftigt. »Wie können Sie sich so eine Äußerung erlauben! Ich habe durchaus keine schwachen Nerven. Wenn Sie ein Aal sind, Sir, so benehmen Sie sich meinethalben wie ein Aal. Wenn Sie aber ein Mensch sind, so behalten Sie Ihre Glieder in der Gewalt, Sir! – Guter Gott!« sagte meine Tante mit großer Entrüstung, »ich will mich nicht aus meinem Verstande herausschlängeln und korkziehern lassen.«

Wie man sich leicht denken kann, war Mr. Heep von diesem Ausfall etwas beschämt, der dadurch nachträglich noch kräftigern Eindruck machte, daß meine Tante sich entrüstet und unzufrieden in ihrem Stuhl bewegte und ihm mit dem Kopfe drohte, als wollte sie über ihn herfallen. Aber er nahm mich beiseite und sagte zu mir schüchtern:

»Ich weiß recht wohl, Master Copperfield, daß Miß Trotwood bei aller ihrer Vortrefflichkeit ein reizbares Temperament hat – ja, ich habe schon das Vergnügen ihrer Bekanntschaft vor Ihnen gehabt, Master Copperfield, als ich noch ein bescheidener Schreiber war – und es ist nur natürlich, daß sie unter den gegenwärtigen Umständen noch gereizter erscheint. Es ist nur ein Wunder, daß es nicht noch schlimmer ist! Ich komme nur her, um zu erklären, daß wir sehr erfreut sein würden, wenn wir, meine Mutter oder ich, oder Wickfield und Heep unter den gegenwärtigen Umständen etwas tun könnten. Darf ich mir soviel herausnehmen?« sagte Uriah, und lächelte seinen Associé verlegen an.

»Uriah Heep«, sagte Mr. Wickfield in eintöniger, gezwungener Weise, »ist sehr tätig im Geschäft, Trotwood. Dem, was er sagt, stimme ich ganz bei. Sie wissen, ich interessiere mich aus alter Zeit für Sie. Abgesehen davon, stimme ich ganz dem bei, was Uriah sagt.«

»O, welcher Lohn,« sagte Uriah und zog ein Bein in die Höhe, auf die Gefahr hin, wieder eine Strafpredigt von meiner Tante auf sein Haupt zu ziehen, »soviel Vertrauen zu finden! Aber ich hoffe, imstande zu sein, ihm in mancherlei von den Anstrengungen des Geschäfts Erholung zu verschaffen, Master Copperfield!«

»Uriah Heep ist mir eine große Stütze,« sagte Mr. Wickfield in derselben tonlosen Weise; »eine Last ist von meiner Seele, Trotwood, seitdem ich ihn zum Associé habe.«

Der rote Fuchs hatte ihn zu allen diesen Äußerungen gebracht, um ihn mir in dem Lichte zu zeigen, wie er ihn in jener Nacht, wo er meinen Schlummer vergiftet, dargestellt hatte.

»Du gehst doch noch nicht, Vater?« fragte Agnes besorgt. »Willst du nicht warten, bis Trotwood und ich dich heim begleiten?«

Ich glaube, er hätte, ehe er antwortete, Uriah angesehen, wenn dieser Würdige ihm nicht zuvorgekommen wäre.

»Ich habe Geschäfte,« sagte Uriah, »sonst würde ich mich glücklich schätzen, hier bleiben zu können. Aber ich lasse meinen Associé als Stellvertreter der Firma da. Miß Agnes, immer der Ihrige! Ich wünsche Ihnen guten Tag, Master Copperfield, und empfehle mich Ihnen mit aller Ergebenheit, Miß Betsey Trotwood.«

Mit diesen Worten entfernte er sich, indem er uns mit seiner großen Hand einen Kußfinger zuwarf und uns alle anschielte wie eine Maske.

Wir saßen nun wohl ein paar Stunden zusammen und sprachen von den schönen alten Zeiten in Canterbury. Neben Agnes gewann Mr. Wickfield viel von seinem alten Wesen wieder; obgleich eine gewisse Niedergedrücktheit von ihm unzertrennlich schien. Trotz alledem erheiterte er sich und hatte sichtlich Freude daran, wenn wir die kleinen Ereignisse unseres frühern Lebens besprachen, von denen ihm manche ganz gut erinnerlich waren. Er sagte, mit Agnes und mir wieder allein zu sein, führe fast jene alten Zeiten wieder herauf, und er wünschte zu Gott, es wäre nie anders geworden. Ich bin überzeugt, in dem ruhigen Gesicht von Agnes, in der Berührung ihrer Hand lag ein Einfluß, der Wunder auf ihn übte.

Meine Tante, die sich während der ganzen Zeit in dem andern Zimmer mit Peggotty beschäftigte, wollte uns nicht nach ihrer Wohnung begleiten, drang aber darauf, daß ich gehen sollte, und ich fügte mich ihrem Wunsche. Wir aßen zusammen. Nach dem Essen setzte sich Agnes neben den Vater wie früher und schenkte ihm seinen Wein ein. Er nahm was sie ihm gab und nicht mehr – wie ein Kind – und wir setzten uns, als der Abend kam, alle drei zusammen an das Fenster. Als es fast dunkel geworden war, legte er sich auf ein Sofa, Agnes rückte ihm das Kissen zurecht und beugte sich eine Weile über ihn; und als sie wieder nach dem Fenster zurückkehrte, war es noch nicht so dunkel, daß ich nicht hätte sehen können, wie Tränen in ihrem Auge standen.

Ich bitte Gott, daß ich das geliebte Mädchen in ihrer Liebe und Treue aus jener Zeit meines Lebens nie vergessen möge; denn könnte ich das, dann wäre das Ende meiner Tage nah, und gerade dann wünschte ich am meisten, mich ihrer zu erinnern! Sie erfüllte mein Herz mit so guten Entschlüssen, stärkte meine Schwäche so sehr durch ihr Beispiel und – wie, weiß ich nicht, denn sie war zu bescheiden und sanft, um mir mit vielen Worten zu raten – lenkte meinen umhertastenden Eifer und die unbestimmten Vorsätze in mir so, daß ich, wie ich ernsthaft glaube, ihr verdanke, was ich an Gutem getan, und was ich an Bösem unterlassen habe.

Und wie sprach sie mit mir über Dora, während sie im Dunkeln am Fenster saß, wie hörte sie meine Lobsprüche an; wie sie wieder lobte und die kleine Elfengestalt mit einigen Strahlen ihres eigenen reinen Lichts umgab, das sie mir nur noch kostbarer und unschuldvoller erscheinen ließ! Ach Agnes! Schwester meiner Jugendzeit, wenn ich damals gewußt hätte, was ich erst viel später erfahren habe! . . .

Als ich auf die Straße trat, begegnete ich einem Bettler; und als ich nach dem Fenster zurücksah und an ihre ruhigen Engelsaugen dachte, erschreckte er mich dadurch, daß er, als wäre er ein Echo des Morgens, murmelte:

»Blind! blind! blind!«

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