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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Vierunddreißigstes Kapitel.

Meine Tante überrascht mich.

Ich schrieb an Agnes, sowie ich mich mit Dora verlobt hatte. Ich schrieb an sie einen langen Brief, in dem ich ihr begreiflich zu machen suchte, wie glücklich ich sei und welch kostbares Kleinod Dora mir war. Ich bat Agnes, dies nicht als eine leichtsinnige Leidenschaft zu betrachten, die ich jemals über einer andern vergessen könnte, oder die nur im mindesten den knabenhaften Grillen gliche, wegen deren wir uns oft neckten. Ich versicherte ihr, daß ihre Tiefe ganz unergründlich sei, und sprach die Überzeugung aus, daß so etwas noch nie dagewesen wäre.

Als ich so eines schönen Abends am offenen Fenster an Agnes schrieb und mich die Erinnerung an ihre klaren ruhigen Augen und an ihr liebes Gesicht leise überkam, goß sie eine so friedvolle Wirkung über die Hast und Unruhe aus, worin ich in der letzten Zeit gelebt hatte, und die selbst meinem Glück nicht fern geblieben waren, daß ich zu Tränen gerührt wurde. Ich erinnere mich, daß ich, den Kopf auf die Hand gestützt, dasaß, als der Brief zur Hälfte geschrieben war, und eine wohlige allgemeine Vorstellung hegte, daß Agnes zu den Elementen meiner angebornen Heimat gehöre. Als ob Dora und ich in der Zurückgezogenheit des für mich durch ihre Gegenwart beinahe geheiligten Hauses glücklicher als irgendwo sonst sein müßten. Als ob sich mein Herz in Liebe, Freude, Kummer, Hoffnung oder Enttäuschung, in allen Gemütsbewegungen naturgemäß dorthin wenden und seine Zuflucht und seinen besten Freund dort finden müsse.

Von Steerforth schrieb ich nichts. Ich sagte nur, daß Emiliens Flucht in Yarmouth großes Leidwesen angerichtet, und daß es wegen der diesen Vorfall begleitenden Umstände mich doppelt verletzt hätte. Ich wußte, daß sie rasch die Wahrheit erraten und nie seinen Namen zuerst wieder nennen würde.

Auf diesen Brief erhielt ich mit umgehender Post Antwort. Wie ich ihn las, war es mir, als ob ich Agnes selbst hörte. Er klang wie ihre herzgewinnende Stimme in meinen Ohren. Was kann ich mehr sagen!

Ein paarmal während meiner häufigen Abwesenheit hatte mich Traddles aufgesucht. Da er Pegotty vorfand und von Peggotty vernahm – sie sagte es jedem, der es anhören wollte – daß sie meine alte Kinderwärterin sei, war er rasch mit ihr bekannt geworden und war da geblieben, um mit ihr ein wenig von mir zu plaudern. So erzählte wenigstens Peggotty; aber ich fürchte sehr, daß das Gespräch ganz auf ihrer Seite und von übermäßiger Länge war, denn sie war sehr schwer zum Schweigen zu bringen, wenn ich der Gegenstand ihrer Rede war.

Das erinnert mich nicht nur daran, daß ich Traddles an einem gewissen Nachmittag, den er selbst bestimmt hatte, erwartete, sondern auch, daß Mrs. Crupp ihr Amt – aber natürlich nicht den Gehalt – aufgegeben hatte, bis Peggotty nicht mehr erscheinen würde. Nachdem Mrs. Crupp mit sehr lauter Stimme auf der Treppe – wahrscheinlich mit einem unsichtbaren Hauskobold, denn körperlich war sie stets allein – verschiedene Gespräche über Peggotty gehalten hatte, richtete sie ein Schreiben an mich.

Sie begann mit jener Behauptung voll allgemeiner Anwendbarkeit, die auf jede Begebenheit ihres Lebens paßte, daß sie selbst eine Mutter sei, und benachrichtigte mich alsdann, daß sie früher ganz andere Tage gesehen habe, aber daß sie zu allen Zeiten ihres Lebens eine angeborene Abneigung gegen Spione, Eindringlinge und Denunzianten gehabt habe. Sie nenne keine Namen, sagte sie, wen es juckt, der kratzte sich, aber Spione, Eindringlinge und Denunzianten, vorzüglich in Witwenkleidern – das war unterstrichen – habe sie stets verachtet. Wenn ein Herr ein Opfer von Spionen, Eindringlingen und Denunzianten sei – sie wolle keine Namen nennen – so sei das seine Sache. Er könne etwas ganz nach seinem Gefallen tun, und niemand habe etwas dawider. Nur das eine machte Mrs. Crupp für sich aus, daß sie mit solchen Personen nicht »in Kontrakt« gebracht würde. Deshalb wolle sie von der fernern Bedienung in den obern Zimmern entschuldigt sein, bis die Dinge wieder waren wie früher und wie sie die Dinge wünschte; außerdem erwähnte sie noch, daß ihre kleine Rechnung jeden Sonnabend auf dem Frühstückstisch liegen würde, und daß sie um sofortige Bezahlung bitte, um alle Mühe und Unannehmlichkeiten zu ersparen.

Nach diesem Briefe beschränkte sich Mrs. Crupp darauf, auf den Treppen vorzüglich mit Wasserkannen Fallen zu stellen und Peggotty zu einem Beinbruch zu verlocken. Es war mir ziemlich unbequem, in diesem Belagerungszustand zu leben, aber ich fürchtete mich zu sehr vor Mrs. Crupp, um an eine Abhilfe zu denken.

»Lieber Copperfield, wie geht es?« fragte Traddles, der trotz allen diesen Hindernissen pünktlich und gesund in meiner Tür erschien.

»Lieber Traddles,« antwortete ich, »es freut mich, dich endlich zu sehen, und es tut mir sehr leid, daß du mich nicht früher zu Hause gefunden hast. Aber ich habe soviel Abhaltung gehabt.«

»Natürlich,« sagte Traddles, »ich weiß schon. Sie ist in London, glaube ich.«

»Was meinst du?«

»Sie – verzeihe – Miß D. meine ich,« sagte Traddles und wurde vor lauter Zartgefühl rot – »wohnt in London, glaube ich.«

»Jawohl, in der Nähe von London.«

»Meine Braut«, sagte Traddles mit ernstem Blick, »ist in Devonshire – eine von zehn Schwestern. Daher habe ich nicht so viel Abhaltung wie du – in dieser Hinsicht.«

»Es wundert mich, daß du es ertragen kannst, sie so selten zu sehen«, gab ich zur Antwort.

»Hm!« sagte Traddles nachdenklich. »Es ist wirklich fast wie ein Wunder. Wahrscheinlich ertrage ich es, weil es nicht anders geht, Copperfield.«

»Wohl möglich«, sagte ich mit einem Lächeln und nicht ohne etwas zu erröten. »Und weil du so beständig und geduldig bist, Traddles.«

»Mein Gott!« meinte Traddles nachdenklich. »Kommt das dir so vor, Copperfield? Ich hätte mir das wirklich nicht zugetraut. Aber sie selbst ist ein so ausgezeichnetes Mädchen, daß sie mich vielleicht mit diesen Tugenden angesteckt hat. Es sollte mich wahrhaftig gar nicht wundern. Ich sage dir, sie vergißt sich immer selbst und trägt Sorge für die andern neun.«

»Ist sie die älteste?« fragte ich.

»O je, nein«, entgegnete Traddles. »Die älteste ist eine Schönheit.«

Vermutlich sah er, daß ich nicht anders konnte, als über die Einfalt seiner Antwort zu lächeln, denn, mit einem Lächeln auf seinem treuherzigen Gesicht, fügte er hinzu: »Nicht etwa, daß meine Sophie – welch hübscher Name, Copperfield, denke ich immer!«

»Sehr hübsch«, sagte ich.

»Nicht etwa, daß meine Sophie in meinen Augen nicht auch hübsch ist, und sicher würde sie in jedes Menschen Augen eins der besten Mädchen sein, das es jemals gab, möchte ich glauben. Aber wenn ich sage, die älteste ist eine Schönheit, so meine ich, sie ist wirklich eine« – es war, als ob er mit beiden Händen Wolken um sich herum beschriebe: »glänzend, weißt du«, sagte Traddles energisch.

»In der Tat?« erwiderte ich.

»O, ich versichere dich,« fuhr Traddles fort, »wirklich etwas ganz Ungewöhnliches! Und weißt du, da sie für Geselligkeit und Bewunderung geschaffen, aber infolge ihrer beschränkten Mittel nicht in der Lage ist, dergleichen zu genießen, so ist sie ganz selbstverständlich manchmal etwas reizbar und anspruchsvoll. Sophie versetzt sie wieder in gute Stimmung!«

»Ist Sophie die jüngste?« wagte ich zu fragen.

»O, nicht doch!« sagte Traddles und strich sich das Kinn. »Die beiden jüngsten sind erst neun und zehn. Sophie erzieht sie.«

»Vielleicht die zweite Tochter?« wagte ich weiter zu fragen.

»Nein«, sagte Traddles. »Sarah ist die zweite. Sarah, das arme Mädchen, hat etwas an ihrem Rückgrat. Die Krankheit wird mit der Zeit vorübergehen, meinen die Ärzte, aber unterdessen muß sie ein ganzes Jahr liegen. Sophie pflegt sie, Sophie ist die vierte.«

»Lebt die Mutter?« fragte ich.

»O ja,« sagte Traddles, »sie lebt. Sie ist wirklich eine ganz ausgezeichnete Frau, aber der feuchte Landaufenthalt taugt nicht für ihre Konstitution, und – nun ja, sie hat den Gebrauch ihrer Glieder verloren.«

»O weh!« sagte ich.

»Recht traurig, nicht wahr?« meinte Traddles. »Aber rein vom Standpunkte des Haushalts ist es nicht so schlimm, denn Sophie vertritt ihre Stelle. Sie vertritt gerade so gut Mutterstelle an ihrer Mutter wie an den andern neun.«

Ich empfand die größte Bewunderung für die Tugenden dieser jungen Dame, und fragte jetzt in der ehrlichen Absicht, mein möglichstes zu tun, daß nicht die Gutmütigkeit von Traddles zum Schaden ihrer gemeinsamen Zukunft mißbraucht würde, wie sich Mr. Micawber befände.

»Er befände sich ganz wohl«, sagte Traddles. »Ich wohne jetzt nicht bei ihm.«

»Nicht?«

»Nein. Die Sache ist nämlich die,« sagte Traddles geheimnisvoll, »er hat infolge einer vorübergehenden Verlegenheit den Namen Mortimer angenommen und geht nur nach Dunkelwerden aus, und zwar mit einer Brille. Es war Exekution bei uns im Hause wegen des Zinses. Mrs. Micawber geriet in einen so schrecklichen Zustand, daß ich wirklich nicht umhin konnte, meinen Namen zu dem zweiten Wechsel herzugeben. Du kannst dir denken, wie angenehm es mir sein mußte, als die Sache damit abgemacht war und Mrs. Micawber wieder zu sich kam.«

»Hm!« sagte ich.

»Freilich war das Glück nicht von langer Dauer,« fuhr Traddles fort, »denn leider kam die Woche darauf eine zweite Exekution. Das brachte die Sache zu einer Krisis. Ich habe seitdem eine Stube für mich gemietet, und die Mortimers leben sehr eingezogen. Du wirst mich wohl nicht für selbstsüchtig halten, Copperfield, wenn ich dir sage, daß der Exekutor auch meinen kleinen runden Tisch mit der Marmorplatte und Sophies Blumentopf mitgenommen hat.«

»Das ist recht hart!« rief ich entrüstet.

»Es war – etwas hart«, sagte Traddles mit seinem gewöhnlichen Mundzucken bei diesem Worte. »Ich erwähne es jedoch nicht, um jemand einen Vorwurf zu machen, sondern aus einem besondern Grunde. Die Sache ist die, Copperfield, daß ich die Sachen damals nicht zurückkaufen konnte, erstlich weil der Trödler, der wohl merkte, daß mir viel daran lag, den Preis entsetzlich in die Höhe trieb, und zweitens, weil ich – weil ich kein Geld hatte. Aber ich habe den Laden des Trödlers nicht aus dem Auge verloren,« sagte Traddles im Hochgenuß seines Geheimnisses – »er ist am obern Ende von Tottenham Court Road – und heute endlich sind die Sachen zum Verkauf ausgestellt. Ich habe sie nur von der andern Seite der Straße gesehen, denn wenn der Trödler mich erblickte, so würde er jeden Preis dafür verlangen! Da ich nun das Geld habe, ist mir der Gedanke gekommen, ob du etwas dawider hast, wenn ich deine gute Kinderfrau frage, ob sie mit mir nach dem Laden gehen – ich kann ihn ihr von der Ecke der nächsten Straße zeigen – und sie so billig wie möglich für mich zurückkaufen will, als ob sie für sie selbst wären.«

Das Entzücken, womit mir Traddles dies vorschlug, sowie das Bewußtsein von seiner ungewöhnlichen Schlauheit, das er hatte, gehören zu den Dingen, die am frischesten in meiner Erinnerung haften.

Ich sagte ihm, daß meine alte Freundin ihn recht gern unterstützen würde, und daß wir alle drei gehen wollten, aber unter einer Bedingung. Diese Bedingung war das feierliche Versprechen, Mr. Micawber nie mehr seinen Namen oder sonst etwas anderes zu leihen.

»Lieber Copperfield, ich habe mir das Versprechen schon gegeben, weil ich jetzt zu fühlen anfange, daß ich nicht nur leichtsinnig, sondern auch höchst ungerecht gegen Sophie gewesen bin. Da ich mir selbst das Wort gegeben habe, so brauchst du hierin nichts mehr zu befürchten, aber ich wiederhole dir das Versprechen mit der größten Bereitwilligkeit. Den ersten unglücklichen Wechsel habe ich bezahlt. Ich bezweifle gar nicht, daß ihn Mr. Micawber bezahlt haben würde, wenn er gekonnt hätte, aber er konnte nicht. Etwas muß ich erwähnen, was mir an Micawber sehr gefällt, Copperfield. Es bezieht sich auf den zweiten Wechsel, der noch nicht fällig ist. Er sagt mir nicht, daß er ›gedeckt‹ sei, aber er sagt, er würde ›gedeckt‹ werden, und das scheint mir wirklich recht offen und ehrlich zu sein!«

Ich wollte meines guten Freundes Zuversicht nicht irre machen, und stimmte ihm daher bei. Darauf gingen wir nach Peggottys Wohnung, um diese abzuholen, denn Traddles wollte den Abend bei mir zubringen, sowohl weil er in der lebhaftesten Angst schwebte, seine Sachen könnte jemand anders kaufen, ehe er sie selbst wieder in seinen Besitz brächte, als auch, weil er abends, wie er sagte, immer an das beste Mädchen auf der Welt schrieb.

Ich werde nie vergessen, wie er um die Straßenecke herumguckte, während Peggotty um die ihm so kostbaren Sachen handelte, und wie aufgeregt er war, als Peggotty nach vergeblichem Handeln langsam auf uns zukam und von dem Trödler zurückgerufen wurde und umkehrte. Das Ende des Handels war, daß sie die Sachen verhältnismäßig billig zurückkaufte und Traddles vor Freude ganz entzückt war.

»Ich danke Ihnen recht sehr«, sagte Traddles, als er vernahm, daß ihm die Sachen diesen Abend noch in die Wohnung geschickt werden sollten. »Wenn ich noch um etwas bitten dürfte, aber du darfst mich nicht für närrisch halten, Copperfield –«

Ich versicherte ihm im voraus das Gegenteil.

»Wenn Sie so gut sein wollten,« sagte Traddles zu Peggotty, »den Blumentopf gleich jetzt zu holen, so möchte ich ihn gern – er gehört ja Sophie, Copperfield – selbst nach Hause tragen.«

Peggotty erfüllte gern seine Bitte, und er überschüttete sie mit Danksagungen und ging, den Blumentopf zärtlich in den Armen tragend, mit einem der angenehmsten Gesichter von der Welt die Straße hinab.

Wir kehrten dann nach meiner Wohnung zurück. Da die Läden Reize für Peggotty hatten, wie für niemand anders, so gingen wir langsam unseres Weges, während sie mit großen Augen zu allen Fenstern hineinsah und ich auf sie wartete, solange sie wollte. So brauchten wir ziemlich lange Zeit, bis wir Adelphi erreichten.

Als wir die Treppe hinaufgingen, lenkte ich ihre Aufmerksamkeit auf das plötzliche Verschwinden der Fallen von Mrs. Crupp und auf frische Fußspuren. Als wir hinaufkamen, fanden wir zu unserer Verwunderung meine Stubentür offen stehen und hörten drinnen Stimmen.

Wir sahen einander an, ohne zu wissen, was das bedeuten sollte, und traten in die Stube. Wie groß war meine Überraschung, als wir meine Tante und Mr. Dick vorfanden!

Meine Tante saß auf einem Haufen Gepäck, vor sich ihre zwei Vögel und auf dem Schoß ihre Katze, ein weiblicher Robinson Crusoe, und trank Tee. Mr. Dick lehnte gedankenvoll auf einem großen Drachen, wie wir ihn manchmal hatten steigen lassen, und auch er war von Koffern umgeben.

»Liebe Tante!« rief ich, »welch unerwartete Freude!«

Wir umarmten uns innig; Mr. Dick und ich gaben uns herzlich die Hand, und Mrs. Crupp, die Tee machte und nicht aufmerksam genug sein konnte und geschmeidig wie ein Ohrwurm war, sagte ebenfalls herzlich, daß sie wohl gewußt habe, Mr. Copperfield werde das Herz auf der Zunge haben, wenn er seine lieben Verwandten sähe.

»Holla!« sagte meine liebe Tante zu Peggotty, die vor ihrer imponierenden Gestalt schüchtern zurücktrat. »Wie geht es Ihnen?«

»Du erinnerst dich noch an meine Tante, Peggotty?« sagte ich.

»Um des Himmels willen, Kind,« rief meine Tante aus, »nenne die Frau nicht bei diesem hottentottischen Namen! Wenn sie verheiratet und ihn los ist, das beste, was sie tun konnte, warum soll sie davon keinen Vorteil ziehen? Wie heißen Sie jetzt – P.?« sagte meine Tante, um den verhaßten Namen zu vermeiden.

»Barkis, Madame«, erwiderte Peggotty mit einem Knicks.

»Nun, das ist doch ein menschlicher Name. Er klingt nicht so sehr danach, als ob Sie einen Missionar brauchten. Wie geht es ihnen, Barkis? Ich hoffe, Sie befinden sich wohl.«

Ermutigt durch diese gnädigen Worte und durch die ihr dargebotene Hand meiner Tante, trat Barkis vor, nahm die Hand und knickste dankend.

»Wir sind älter geworden, sehe ich«, sagte meine Tante. »Wir haben uns nur ein einziges Mal früher gesehen. Und eine schöne Geschichte haben wir damals angerichtet! Lieber Trot, noch eine Tasse Tee!«

Ich erfüllte den Wunsch meiner Tante, die wie gewöhnlich aufrecht und unbeugsam dasaß, und wagte eine Vorstellung gegen ihren unbequemen Sitz auf dem Koffer zu machen.

»Ich will das Sofa herrücken, oder den Lehnstuhl, Tante«, sagte ich. »Warum willst du so unbequem sitzen?«

»Ich danke dir, Trot«, entgegnete meine Tante. »Ich will lieber auf meinem Eigentum sitzen.« Hier sah meine Tante Mrs. Crupp scharf an und bemerkte: »Wir brauchen Sie nicht länger zu bemühen, Madame.«

»Soll ich vorher noch ein wenig Tee in die Kanne tun?« fragte Mrs. Crupp.

»Nein, ich danke Ihnen, Madame«, gab ihr meine Tante zur Antwort.

»Soll ich noch ein Stückchen Butter heraufholen, Madame?« fragte Mrs. Crupp. »Oder wollen Sie vielleicht ein frisch gelegtes Ei versuchen, oder soll ich einen Schnitt Schinken rösten? Kann ich gar nichts für Ihre gute Tante tun, Mr. Copperfull?«

»Gar nichts Madame«, entgegnete meine Tante. »Ich bin mit allem versorgt, ich danke Ihnen.«

Mrs. Crupp, die unaufhörlich gelächelt hatte, zum Zeichen ihres sanften Gemüts, die beständig ihren Kopf auf eine Seite geneigt hatte, zum Zeichen ihrer schwachen Konstitution, die sich beständig die Hände gerieben hatte, zum Zeichen ihres Wunsches, dem Verdienste zu Diensten zu sein, lächelte und rieb sich allmählich schiefköpfig zum Zimmer hinaus.

»Dick!« sagte meine Tante, »Sie wissen, was ich Ihnen von Liebedienern und Mammonsverehrern sagte.«

Mr. Dick gab mit etwas erschrockenem Blick, als ob er es vergessen hätte, hastig eine bejahende Antwort.

»Mrs. Crupp gehört zu diesen Leuten«, sagte meine Tante. »Barkis, Sie sind wohl so gut und besorgen den Tee und schenken mir noch eine Tasse ein, denn das Einschenken dieser Frau gefällt mir nicht.«

Ich kannte meine Tante genügend, um zu wissen, daß ihr etwas Wichtiges auf der Seele lag, und daß hinter ihrer unerwarteten Ankunft viel mehr verborgen war, als ein Fremder hätte voraussetzen sollen. Ich sah, wie ihr Auge auf mir ruhte, wenn sie sich unbemerkt glaubte, und wie sie innerlich zu kämpfen schien, während sie äußerlich ihre ganze Steife und Fassung beibehielt. Ich fing an zu überlegen, ob ich sie irgendwie beleidigt habe, und mein Gewissen flüsterte mir zu, daß ich ihr noch nichts von Dora gesagt hatte. Ob es vielleicht das sein konnte?

Da ich wußte, daß sie ganz nach eigenem Belieben anfangen würde, setzte ich mich neben sie und sprach mit den Vögeln und tändelte mit der Katze und war so unbefangen, als ich sein konnte. Aber in Wahrheit war ich gar nicht so unbefangen, und hätte es auch nicht sein können, selbst wenn Mr. Dick, der hinter meiner Tante auf dem großen Drachen lehnte, nicht jede Gelegenheit ergriffen hätte, um geheimnisvoll den Kopf zu schütteln und auf sie mit dem Finger zu deuten.

»Trot,« sagte endlich meine Tante, als sie ihren Tee getrunken, sich sorgfältig das Kleid glatt gestrichen und den Mund abgewischt hatte – »Sie brauchen nicht hinauszugehen, Barkis! – Trot, bist du ein fester und selbständiger Charakter geworden?«

»Ich hoffe es, Tante!«

»Glaubst du es?« fragte Miß Betsey.

»Ich glaube es, Tante!«

»Nun, so sage mir,« sagte meine Tante, und sah mich mit ernstem Blick an, »warum, meinst du wohl, sitze ich heute abend lieber auf diesem Eigentum?«

Ich schüttelte den Kopf, unfähig, es zu erraten.

»Weil es alles ist, was ich habe,« sagte meine Tante, »weil ich ruiniert bin, lieber Sohn!«

Wenn das Haus und wir alle zusammen in den Fluß hinab gefallen wären, so hätte ich kaum mehr überrascht sein können.

»Dick weiß es«, sagte meine Tante, und legte ihre Hand ruhig auf meine Schulter. »Ich bin ruiniert, lieber Trot! Alles was ich in der Welt besitze, befindet sich in diesem Zimmer, mit Ausnahme des Häuschens, und das soll Janet vermieten. Barkis, ich brauche ein Bett für diesen Herrn heute. Der Ersparnis wegen können Sie vielleicht etwas für mich hier zurecht machen. Es brauchen keine Umstände gemacht zu werden. Es ist nur für heute nacht. Wir wollen morgen weiter davon sprechen.«

Mein Erstaunen und mein Mitleid mit ihr – nur mit ihr – wurde dadurch gestört, daß sie mir einen Augenblick lang um den Hals fiel und mir weinend sagte, daß es ihr nur meinetwegen leid tue. In einem zweiten Augenblick hatte sie diese Bewegung unterdrückt, und sagte mit mehr triumphierender als niedergeschlagener Miene:

»Wir müssen solche Schicksalsschläge beherzt hinnehmen und uns nicht von ihnen einschüchtern lassen, lieber Trot. Wir müssen lernen das Spiel auszuspielen. Wir müssen das Unglück müde machen, Trot!«

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