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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

Wonnevoll.

Die ganze Zeit über hatte ich Dora glühender als je geliebt. Der Gedanke an sie war meine Zuflucht in Schmerz und Mißbehagen und entschädigte mich sogar einigermaßen für den Verlust meines Freundes. Je mehr ich mich selbst oder andere bedauerte, desto mehr suchte ich Trost in dem Bilde Doras. Je mehr Betrug und Ungemach die Welt erfüllte, desto strahlender und reiner glänzte mir der Stern Doras hoch über der Welt. Ich glaube nicht, daß ich mir eine bestimmte Vorstellung darüber machte, woher Dora sei und welchem Range höherer Wesen sie angehöre, aber das weiß ich bestimmt, daß ich den Gedanken, sie sei einfach irdischer Abkunft, wie jede andere junge Dame auch, mit Entrüstung und Verachtung zurückgewiesen hätte.

Ich war nicht nur bis über die Ohren in sie verliebt, sondern auch durch und durch von Liebe zu ihr durchtränkt, wenn man so sagen kann. Man hätte genug Liebe aus mir auswringen können, um bildlich zu sprechen, um wer weiß wie viele darin zu ertränken; und doch wäre noch genug in mir geblieben, um mein ganzes Ich zu durchdringen.

Das erste, was ich nach meiner Ankunft tat, war, einen Abendspaziergang nach Norwood zu machen und dort »fortwährend das Haus zu umkreisen, ohne es zu berühren«, wie es in einem Rätsel aus meiner Kinderzeit heißt, und immer dabei an Dora zu denken. Ich glaube, Gegenstand dieses unbegreiflichen Rätsels war der Mond. Einerlei – ich, der mondsüchtige Sklave Doras, umwanderte immer wieder Haus und Garten zwei Stunden lang, um durch die Spalten in der Gartenplanke zu gucken, mit großer Anstrengung mein Kinn über die verrosteten Nägel auf der obersten Planke zu bringen, den Lichtern in den Fenstern Kußhände zuzuwerfen und romantisch die Nacht anzurufen, meine Dora zu schützen – ich weiß nicht recht mehr wovor, wahrscheinlich vor Feuer. Aber vielleicht auch vor Mäusen, vor denen sie eine große Furcht hatte.

Meine Liebe erfüllte mir so sehr die Seele, und es war mir so natürlich, mich Peggotty anzuvertrauen, als sie eines Abends, mit dem alten Nähapparat ausgerüstet, eifrig der Ausbesserung meiner Garderobe oblag und neben mir saß, daß ich ihr das große Geheimnis mitteilte, natürlich nicht allzu zusammenhängend.

Peggotty schenkte mir ihre vollste Teilnahme und hörte mir mit dem lebhaftesten Interesse zu, aber zu meiner Ansicht von der Sache konnte ich sie nicht bekehren. Sie war außerordentlich zu meinen Gunsten eingenommen und konnte durchaus nicht begreifen, wie ich Zweifel hegen oder niedergeschlagen sein konnte. »Die junge Dame kann sich zu einem solchen Schatz gratulieren«, bemerkte sie. »Und was ihren Vater betrifft,« sagte sie, »was verlangt denn der eigentlich?«

Ich bemerkte jedoch, daß Mr. Spenlows Proktorenwürde, der schwarze Talar und die steife Halsbinde, Peggotty ein wenig einschüchterten und ihr etwas mehr Ehrfurcht vor dem Manne einflößten, der in meinen Augen jeden Tag ätherischer wurde und den, wenn er im Gericht unter seinen Papieren aufrecht saß, ein Strahlenglanz zu umgeben schien, daß er aussah wie ein kleiner Leuchtturm in einem Meere von Pergament und Papier. Und beiläufig gesagt, kam es mir ungewöhnlich seltsam vor, wenn ich bedachte, während ich im Gericht war, wie diese duseligen alten Richter und Doktoren sich nicht um Dora kümmern würden, wenn sie sie gekannt hätten: wie sie nicht vor Entzücken von Sinnen gekommen wären, wenn ihnen eine Heirat mit Dora angetragen worden wäre: wie Dora ihnen hätte vorsingen und auf jener herrlichen Gitarre vorspielen können, bis ich um den Verstand gekommen wäre, ohne einen dieser Bedächtigen auch nur einen Zoll breit aus seinem Geleise zu bringen!

Ich verachtete sie alle ohne Ausnahme. Als ausgefrorene alte Gärtner in den Blumenbeeten des Herzens erschienen sie mir wie persönliche Feinde. Die Richterbank erschien mir als eine gefühllose Schlafmütze. Und die Barre war aller Zärtlichkeit und Poesie gerade so bar, wie jeder sonstige gewöhnliche Balken oder Barren, so hölzern wie der Name Holz an sich schon klingt.

Ich übernahm nicht ohne Stolz die Leitung von Peggottys Erbschaftsangelegenheiten, prüfte das Testament auf seine Gültigkeit, machte alles auf der Erbschaftssteuer ab, nahm sie mit nach der Bank und hatte bald alles in besten Zug gebracht. Wir brachten in diese juristischen Maßnahmen einige Abwechselung, indem wir uns in Fleetstreet ein Wachsfigurenkabinett besahen – das schwitzen konnte und in den zwanzig Jahren, sollte ich meinen, wohl längst geschmolzen ist –, dann Miß Linwoods Ausstellung besuchten, deren ich mich als eines Mausoleums von Handarbeiten erinnere, Selbsteinkehr und Reue zu erwecken geeignet, dann ferner den Tower besichtigten und die Spitze der St. Pauls Kathedrale erkletterten. Alle diese Wunderwerke gewährten Peggotty soviel Vergnügen, als sie unter den obwaltenden Verhältnissen zu genießen fähig war, die St. Paulskirche ausgenommen, die wegen Peggottys langer Anhänglichkeit an ihren Arbeitskastendeckel zum Nebenbuhler des Bildes auf dessen Deckel wurde, und ihrer Meinung nach von diesem Kunstwerk in einigen Punkten übertroffen wurde.

Nachdem Peggottys Angelegenheit in den Commons erledigt war – wir nannten derlei »einfache Formgeschäfte«, aber sehr leicht und einträglich waren diese einfachen Formgeschäfte –, führte ich sie in das Bureau hinunter, um ihre Sporteln zu bezahlen. Mr. Spenlow war fortgegangen, wie mir der alte Tiffey sagte, um einen Herrn wegen eines Heiratsscheins zu vereidigen; da er aber bald wiederkommen mußte, indem der Gerichtshof für letztwillige Verfügungen sowie das geistliche Obergericht dicht nebenan war, bat ich Peggotty zu warten.

Wir in den Commons hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit den Leichenbesorgern, denn in Testamentsangelegenheiten hatten wir es uns zur Regel gemacht, einigermaßen betrübt auszusehen, wenn wir mit Klienten in Trauer zu tun hatten. Aus einem ähnlichen Zartgefühl machten wir immer heitere und frohe Gesichter Heiratskandidaten gegenüber. Darum deutete ich Peggotty an, sie würde Mr. Spenlow bereits sehr erholt von dem Schlage finden, der Mr. Barkis' Tod gewesen war: und in der Tat kam er mit der Miene eines Bräutigams.

Aber weder Peggotty noch ich hatten Augen für ihn, als ich in seinem Begleiter Mr. Murdstone erkannte. Er hatte sich sehr wenig verändert. Sein Haar war noch so voll und so schwarz wie je; seinem Auge war so wenig zu trauen wie ehedem.

»Ach Copperfield«, sagte Mr. Spenlow. »Sie kennen diesen Herrn, glaube ich.«

Ich machte, dem Herrn eine kalte Verbeugung, Peggotty tat, als ob sie ihn kaum kannte. Anfangs war er bei unserm Anblick etwas außer Fassung gekommen, aber er sammelte sich sogleich wieder und kam auf mich zu.

»Ich hoffe, Sie befinden sich wohl«, sagte er.

»Das kann Sie schwerlich interessieren«, erwiderte ich. »Wenn Sie es aber wissen wollen, so sage ich ja.«

Wir sahen einander an, dann wendete er sich an Peggotty.

»Und Sie?« sagte er. »Ich habe zu meinem Leidwesen erfahren, daß Sie Ihren Mann verloren haben.«

»Es ist nicht der erste Verlust in meinem Leben, Mr. Murdstone«, gab ihm Peggotty, die von Kopf bis zu Fuß zitterte, zur Antwort. »Es freut mich hoffen zu dürfen, daß niemand schuld ist an diesem Verlust – daß ihn niemand zu verantworten hat.«

»Ach,« sagte er, »das ist ein großer Trost. Sie haben also Ihre Pflicht getan.«

»Ich habe keines Menschen Leben auf dem Gewissen,« sagte Peggotty, »dafür preise ich Gott! Nein, Mr. Murdstone, ich habe kein gutes Geschöpf gepeinigt und gequält, bis es in ein frühes Grab sank!«

Er sah sie düster – und wie mir vorkam, fast voll Reue – an und sagte dann, zu mir gewendet, aber ohne mir ins Gesicht zu sehen:

»Wir werden uns wahrscheinlich nicht so bald wieder treffen; – was uns beiden gewiß ganz recht sein wird, denn derartige Begegnungen können nie angenehm sein. Ich erwarte nicht, daß Sie, der sich immer gegen meine begründete Autorität auflehnte, die zu Ihrem Guten und zu Ihrer Besserung ausgeübt wurde, mich jetzt mit freundlichen Blicken ansehen werden. Eine Antipathie herrscht zwischen uns –«

»Eine alte, glaube ich«, unterbrach ich ihn.

Er lächelte und sah mich mit einem so bösen Blick an, wie er nur aus seinem dunkeln Auge kommen konnte.

»Sie keimte in Ihnen schon, als Sie noch Kind waren«, sagte er. »Sie verbitterte das Leben Ihrer armen Mutter. Sie haben recht. Ich hoffe, Sie werden sich noch bessern.«

Damit endete das Zwiegespräch, das leise in einer Ecke des vordersten Zimmers auf dem Wege nach Mr. Spenlows Zimmer geführt worden war, und er sagte jetzt mit seiner sanftesten Stimme laut:

»Geschäftsmänner von Mr. Spenlows Beruf sind mit Familienzwistigkeiten nicht unbekannt und wissen, wie verwickelt und schwer zu schlichten sie sind!« Damit bezahlte er die Gebühren für seinen Trauschein und verließ das Bureau, nachdem er ihn, zierlich zusammengefaltet, mit einem höflichen Glückwunsch für sich und seine zukünftige Gattin von Mr. Spenlow empfangen hatte.

Es wäre mir vielleicht schwer geworden, mich ihm gegenüber zum Schweigen zu zwingen, wenn ich weniger Mühe gehabt hätte, Peggotty zu überzeugen (die Gute war doch nur meinetwegen erbittert), daß hier nicht der geeignete Ort zu Erklärungen sei, und daß sie still sein müsse. Sie war so ungewöhnlich aufgeregt, daß ich froh war, mit einer zärtlichen Umarmung, zu der sie die Erinnerung an unsere alten Leiden veranlaßte, davon zu kommen, und sie, so gut es ging, vor Mr. Spenlow und den Schreibern hinnahm.

Mr. Spenlow schien von meinem Verhältnis zu Mr. Murdstone nichts zu wissen, was mir wohl tat, denn ich konnte es nicht über mich bringen, wenn ich an meine arme Mutter zurückdachte, ihn selbst vor mir als meinen Verwandten anzuerkennen. Mr. Spenlow schien der Meinung zu sein, wenn er überhaupt eine Meinung über diese Sache hatte, daß meine Tante die Führerin der Regierungspartei in unserer Familie sei, und daß jemand an der Spitze einer aufrührerischen Partei stehe – so schloß ich wenigstens aus seinen Äußerungen, während Mr. Tiffey Peggottys Rechnung auszog.

»Miß Trotwood«, bemerkte er, »ist von sehr entschiedenem Charakter und gibt opponierenden Elementen nicht leicht nach. Ich bewundere Ihren Charakter, Copperfield, und ich kann Ihnen nur gratulieren, Copperfield, daß Sie auf der richtigen Seite der Parteien stehen. Zwistigkeiten zwischen Verwandten sind sehr zu beklagen – aber sie sind außerordentlich häufig – und die Hauptsache ist, auf der richtigen Seite zu stehen«, womit er nach meinem Dafürhalten die reiche Seite meinte.

»Ich glaube, er macht eine gute Partie«, meinte Mr. Spenlow.

Ich sagte ihm, daß ich gar nichts von der Sache wisse.

»Wirklich!« erwiderte er. »Nach den wenigen Worten, die Mr. Murdstone fallen ließ, und nach dem, was Miß Murdstone sagte, muß ich es für eine ganz gute Partie halten.«

»Ist sie reich?« fragte ich.

»Ja,« sagte Mr. Spenlow, »sie ist reich. Und auch schön, wie ich höre.«

»Wirklich? und ist die Braut noch jung?«

»Eben mündig geworden«, sagte Mr. Spenlow. »Vor so kurzer Zeit, daß ich fast meine, sie müsse darauf gewartet haben.«

»Gott wolle sie bald in Gnaden zu sich nehmen!« sagte Peggotty so nachdrücklich und unerwartet, daß wir alle drei aus der Fassung kamen, bis Tiffey die Rechnung brachte.

Er übergab sie Mr. Spenlow zur Durchsicht. Das Kinn in die Halsbinde gesteckt und es sanft reibend, ging er mit einer entschuldigenden Miene die einzelnen Posten durch – als ob Jorkins ganz allein daran schuld wäre, und gab das Papier Tiffey mit einem Seufzer zurück.

»Ja«, sagte er. »Es ist richtig. Ganz richtig. Ich würde mich sehr glücklich geschätzt haben, Copperfield, wenn ich die Rechnung auf die baren Auslagen hätte beschränken können. Aber es ist eine unangenehme Seite meines Geschäftslebens, daß ich meinen Wünschen nicht freien Lauf lassen kann. Ich habe einen Associé – Mr. Jorkins.«

Da er dies mit einer sanften Melancholie aussprach – und mehr konnte man nicht von ihm verlangen, wenn man nicht die Kosten ganz gestrichen wissen wollte – so dankte ich ihm in Peggottys Namen und bezahlte Tiffey in Banknoten.

Peggotty kehrte nun wieder in ihre Wohnung zurück und Mr. Spenlow und ich gingen aufs Gericht, wo wir eine Scheidungsklage hatten, infolge einer kleinen sinnreichen Gesetzesbestimmung, die jetzt wohl aufgehoben ist, kraft deren ich jedoch so manche Ehe annulliert gesehen habe.

Der Ehemann, der Thomas Benjamin hieß, hatte sich für den Trauschein nur Thomas genannt, Benjamin weglassend, falls er es in der Ehe nicht so behaglich finden sollte, wie er erwartete. Da er es richtig nicht so behaglich fand, ließ er, nachdem er ein oder zwei Jahre verheiratet war, oder auch weil der arme Teufel seiner Frau etwas überdrüssig geworden war, durch einen Freund erklären, daß sein Name Thomas Benjamin und er daher gar nicht verheiratet sei. Und so entschied der Gerichtshof, zu des Mannes höchster Genugtuung.

Ich muß gestehen, daß ich hinsichtlich der strengen Gerechtigkeit dieses Verfahrens meine Zweifel hatte und mich nicht einmal durch den Scheffel Weizen, der doch alle Widersinnigkeiten aufhebt, ins Bockshorn jagen ließ.

Aber Mr. Spenlow erörterte die Sache mit mir recht eindringlich. Er sagte:

»Sehen Sie sich die Welt an. Es gibt Gutes und Schlechtes drin; sehen Sie sich das Kirchengesetz an – da gibt es auch Gutes und Schlechtes drin. Es sind alles Teile eines in Ordnung zusammenhängenden Ganzen. Gut! Da haben wir's ja!«

Ich hatte nicht die Kühnheit, Doras Vater vorzuschlagen, daß wir möglicherweise die Welt etwas verbessern könnten, wenn wir frühzeitig morgens aufständen und uns in Hemdärmeln an die Arbeit machten; aber ich gestand, daß ich dafür hielt, wir könnten die Commons verbessern. Mr. Spenlow gab zur Antwort, daß er mir ganz besonders raten möchte, gerade diesen Gedanken aufzugeben, weil er meines gentlemanartigen Charakters unwürdig sei, es würde ihm aber angenehm sein zu hören, welcher Verbesserungen ich die Commons für fähig hielte.

Ich hielt mich an jenen Teil der Commons, der uns zunächst lag – denn unser Mann war zur Zeit schon geschieden, und wir schlenderten beim Prärogativengericht aus dem Gerichtsgebäude hinaus – und trug meine Ansicht vor, daß ich dieses Amt für etwas wunderlich hielte.

»In welcher Hinsicht«, fragte Mr. Spenlow.

Ich erwiderte mit aller schuldigen Ehrfurcht vor seiner Erfahrung, doch mit mehr Ehrfurcht, fürchte ich, vor dem Umstande, daß er Doras Vater war, daß es doch vielleicht ein bißchen unsinnig wäre, wenn die Registratur dieses Gerichtshofs, der die letzten Willen aller Leute enthielt, die seit 300 Jahren in der großen Provinz Canterbury etwas zu hinterlassen hatten, ein ganz gewöhnliches Gebäude sei, niemals für seine Bestimmung gebaut gewesen, und von den Registratoren in ihrem eigenen Nutzen vermietet sei, nicht diebessicher, nicht einmal feuerfest, mit wichtigen Dokumenten vollgepfropft, vom Dache bis zu den Grundmauern eine einzige feile Spekulation der Registraturbeamten, die riesige Gebühren vom Publikum bezögen, nur damit sie die Testamente der Leute irgendwohin wegpackten und sie auf bequemste Art loswürden. Vielleicht sei es auch ein klein wenig unvernünftig, daß diese Registratoren bei Einnahmen von 8-9000 Pfund jährlich nicht dazu gebracht werden können, ein Weniges davon auf Beschaffung eines sichern Ortes für die wichtigen Urkunden zu verwenden, die ihnen alle Stände, ob gern oder ungern, überlassen müssen. Daß es vielleicht etwas ungerecht sei, daß alle höheren Stellen in diesem großen Amte prächtige Sinekuren seien, während die unglücklichen Schreiber oben in dem kalten dunkeln Zimmer, die die wichtigen Arbeiten verrichteten, am schlechtesten bezahlt und am wenigsten angesehen wären. Vielleicht sei es auch ein wenig unanständig, daß der erste Registrator, dessen Pflicht es wäre, dem an diesem Orte fortwährend sich einfindenden Publikum alle benötigten Bequemlichkeiten zu verschaffen, ein großartiger privilegierter Nichtstuer, der obendrein Geistlicher, mehrfacher Pfründenbesitzer, Kirchenstuhlinhaber und wer weiß was sonst noch sein könne, während das Publikum Unannehmlichkeiten ausgesetzt wäre, auf die wir jeden Nachmittag, wo es lebhaft hergeht, die Probe machen könnten, und die geradezu ungeheuerlich wären. Kurz – daß vielleicht dies Prärogativenamt der Diözese von Canterbury eine solche Pestbeule, ein so verderblicher Unsinn sei, daß, wofern man es nicht mit eisernem Besen auskehren und in einem ganz versteckten Winkel des St. Paulkirchhofs verscharren könne, es längst wie ein Handschuh umgestülpt und das oberste zu unterst hätte gekehrt werden müssen.

Mr. Spenlow lächelte, als ich mich bescheiden für mein Thema erwärmte, und erörterte dann diesen Punkt mit mir wie den frühern. Was wäre es denn nun nach allem? Es sei Gefühlssache. Wenn das Publikum seine Testamente sicher aufgehoben glaubte und als ausgemacht annähme, die Räumlichkeiten seien nicht in einen bessern Stand zu setzen – wer wäre dabei schlechter daran? Niemand. Wer aber hätte den Vorteil? Alle die privilegierten Nichtstuer. Gut, gut! Das Gute wiege also vor. Das System möge ja nicht vollkommen sein – nichts auf der Welt ist ja vollkommen – aber wogegen er sich erklären müsse, das sei das Eintreiben eines Keils. Unter dem Prärogativenamt habe das Land ruhmvoll geblüht. Treib einen Keil ins Prärogativenamt, und das Land hört auf zu blühen. Er hielt es für die Maxime eines Edelmanns, die Dinge zu nehmen, wie er sie fände, und er bezweifelte nicht, daß das Prärogativenamt unsere Zeit überdauern werde. Ich fügte mich seiner Ansicht, obwohl ich meine starken Zweifel hatte.

Er hatte gleichwohl recht, denn es besteht nicht nur bis heute, sondern hat sogar einer großen parlamentarischen vor achtzehn Jahren – nicht eben sehr willig – abgelegten Berichterstattung gegenüber standgehalten, worin alle meine Einwendungen einzeln durchgenommen wurden, auch war der Nachweis geliefert worden, daß der noch verfügbare Raum nur mehr für eine weitere Aufstapelung von zwei und einem halben Jahr reiche.

Was man seitdem mit den Testamenten angefangen, ob man sie haufenweise verloren, oder ob man sie von Zeit zu Zeit an die Käsegeschäfte verkauft, weiß ich nicht. Ich bin nur froh, daß meines nicht dort ist, und hoffe, daß es noch eine ganze Weile nicht hinkommt.

Ich habe das alles in diesem wonnigen Kapitel niedergeschrieben, weil es hier an seinem natürlichen Platze steht.

Mr. Spenlow und ich vertieften uns in ein Gespräch, während wir auf und ab gingen, bis wir über allgemeinere Gegenstände zu sprechen anfingen.

Und so kam es, daß mir Mr. Spenlow zuletzt mitteilte, über acht Tage sei Doras Geburtstag, und daß er sich freuen würde, mich an diesem Tage zu einem kleinen Picknick bei sich zu sehen.

Ich kam sofort von Sinnen und wurde am nächsten Tag zum vollständigen Narren, als ich ein feines Billettchen mit durchbrochenem Rande und der Aufschrift empfing: »Durch Papas Güte und bitte nicht zu vergessen!« und brachte die nächsten sieben Tage in halbem Delirium zu.

Ich glaube, ich machte mich bei der Vorbereitung auf das herrliche Fest jeder möglichen Torheit schuldig. Ich werde noch heute rot, wenn ich an das Halstuch denke, das ich mir kaufte. Meine Stiefel würden in jede Sammlung von Marterwerkzeugen passen. Ich kaufte einen allerliebsten kleinen Speisekorb, der an sich schon fast eine Liebeserklärung war. Es waren Knallbonbons darin mit den zärtlichsten Mottos, die überhaupt aufzutreiben waren. Um sechs Uhr früh war ich schon auf dem Coventgarden-Markt und kaufte einen Strauß für Dora. Um zehn Uhr saß ich im Sattel – ich hatte mir einen feurigen Grauschimmel gemietet – den Strauß im Hute, um ihn frisch zu erhalten, und trabte nach Norwood.

Als ich Dora im Garten sah und tat, als ob ich sie nicht sähe, und vor dem Hause vorbeiritt, als wenn ich es recht sehr suchte, mag ich wohl zwei kleine Torheiten begangen haben, die andere Jünglinge in gleicher Stimmung auch begangen hätten – wenigstens kamen sie mir sehr natürlich vor. Aber ach! als ich das Haus nun fand, an der Gartentür abstieg und die hartherzigen Stiefel über den Rasenplatz zu Dora hinschleppte, die auf einer Gartenbank unter einem Hollunderbaum saß, wie herrlich sah sie da aus an jenem schönen Morgen, unter Schmetterlingen, in weißem Strohhut und himmelblauem Kleide.

In ihrer Gesellschaft war eine junge Dame – verhältnismäßig ältlich aussehend – vielleicht zwanzig Jahr. Sie hieß Miß Mills; Dora nannte sie Julie. Sie war Doras Busenfreundin. Glückliche Miß Mills!

Jip war ebenfalls da, und Jip mußte mich wieder anbellen. Als ich ihr meinen Strauß überreichte, knirschte er aus Eifersucht mit den Zähnen. Wohl hatte er Ursache dazu, wenn er auch nur im geringsten ahnte, wie sehr ich seine Herrin anbetete.

»O, ich danke Ihnen, Mr. Copperfield! Was für schöne Blumen!« sagte Dora.

Ich hatte antworten wollen, und hatte mir die schönste Phrase auf den letzten drei Meilen einstudiert, daß auch ich sie für schön gehalten hätte, bevor ich sie neben ihr gesehen; aber ich konnte es nicht herausbringen. Sie verwirrte mich zu sehr. Wer es sah, wie sie die Blumen an ihr liebliches Kinn mit dem kleinen Grübchen legte, der verlor alle Geistesgegenwart und das Vermögen der Sprache in halb ohnmächtiger Bewunderung. Es wundert mich nur, daß ich nicht sagte: »Töten Sie mich, wenn Sie ein Herz haben, Miß Mills. Lassen Sie mich hier sterben.«

Dann gab Dora meine Blumen Jip zum Riechen. Aber Jip knurrte und wollte nicht daran riechen. Dora lachte und hielt sie ihm noch näher zur Nase. Und Jip faßte mit seinen Zähnen eine Geraniumblüte und zauste sie hin und her wie eine Katze. Dora schlug ihn und schmollte und sagte: »Meine armen schönen Blumen!« so mitleidig, wie mir vorkam, als ob er mich zerzaust hätte. Ich wollte, er hätte es getan!

»Sie werden es gewiß gern hören, Mr. Copperfield,« sagte Dora, »daß diese abscheuliche Miß Murdstone nicht hier ist. Sie ist zu ihres Bruders Hochzeit und wird wenigstens drei Wochen wegbleiben. Ist das nicht ein Glück?«

Ich sagte ihr, es müsse wohl ein Glück für sie sein, und versicherte ihr, daß alles, was ein Glück für sie sei, auch ein Glück für mich wäre. Miß Mills lächelte dazu mit wohlwollender überlegener Weisheit.

»Sie ist das unangenehmste Geschöpf, das ich kenne«, sagte Dora. »Du kannst dir gar nicht denken, wie grämlich und abscheulich sie ist, Julie.«

»Ich kann es wohl, meine Gute!« sagte Julie.

»Ach ja, vielleicht kannst du es, gute, liebe Julie«, entgegnete Dora und legte die Hand auf die ihrer Gefährtin. »Vergib mir, daß ich dich nicht gleich ausnahm.«

Ich ersah daraus, daß Miß Mills in dem Laufe eines wechselnden Lebens ihre Prüfungen gehabt habe, und daß davon vielleicht das gemessene Wohlwollen ihres Benehmens herrühre.

Ich fand im Laufe des Tages, daß dies der Fall war.

Miß Mills hatte unglücklich geliebt und hatte sich, gesättigt von ihren schrecklichen Erfahrungen, von der Welt zurückgezogen, bekundete aber noch eine stille Teilnahme an den Hoffnungen und liebenden Gefühlen der Jugend, auf die noch kein giftiger Mehltau gefallen war.

Aber jetzt kam Mr. Spenlow heraus, und Dora ging auf ihn zu und sagte: »Sieh, Vater, was für schöne Blumen«; und Miß Mills lächelte gedankenvoll, als ob sie sagen wollte: »Ihr Frühlingsschmetterlinge, genießt euer kurzes Dasein am hellen Morgen des Lebens«, und wir gingen nach dem Wagen, der zum Abfahren bereit stand.

Ich werde nie wieder eine solche Fahrt machen. Ich habe seitdem nie eine solche Fahrt gemacht. Nur die drei Personen, ihr Korb, mein Korb, und die Gitarre im Futteral befanden sich im Phaeton, der natürlich offen war; ich ritt hinterher, und Dora saß auf dem Rücksitz, das Gesicht mir zugewendet.

Sie legte den Blumenstrauß dicht neben sich auf das Kissen und wollte Jip nicht erlauben, sich auf diese Seite zu legen, damit er ihn nicht zerdrücke. Sie nahm ihn oft in die Hand und erquickte sich an seinem Duft. Unsere Blicke begegneten sich viele Male; und ich wundre mich nur darüber, daß ich nicht über den Kopf meines wackern Grauschimmels in den Wagen schoß.

Ich glaube, der Weg war staubig. Ich glaube, es war sehr staubig. Ich habe eine dunkle Vorstellung, daß Mr. Spenlow mir Vorstellungen machte, wie ich darin reiten könnte. Mir kam nichts zum Bewußtsein wie ein Nebel von Liebe und Schönheit, der Dora umgab. Mr. Spenlow stand zuweilen auf und fragte mich, was ich von der Aussicht halte. Ich fand sie entzückend, und sie war es wohl auch, aber für mich war alles Dora. Die Sonne schien Dora, und die Vögel sangen Dora. Der Südwind wehte Dora, und die Feldblumen in den Hecken und alle ihre Knospen waren lauter Doras. Mein Trost war – Miß Mills verstand mich. Miß Mills allein konnte meine Gefühle ganz begreifen.

Ich weiß nicht, wie lange die Fahrt dauerte, und bis heute weiß ich ebensowenig, wohin wir fuhren. Vielleicht war es in der Nähe von Guildford. Vielleicht ließ ein indischer Zauberer für uns diesen Tag emporsteigen und ihn wieder versinken, als wir fort waren. Es war ein grüner Fleck auf einem Hügel, mit weichem Rasen bedeckt. Über und um uns schattige Bäume und Heide, und soweit das Auge reichen konnte, eine schöne Landschaft.

Es war eine ärgerliche Sache, daß hier Leute auf uns warteten; und meine Eifersucht selbst gegen die Damen kannte keine Grenzen. Aber alle Männer – vorzüglich ein Kerl, drei oder vier Jahre älter als ich, und mit einem roten Backenbart, auf den er eine unerträgliche Anmaßung stützte – waren meine Todfeinde.

Wir packten unsere Körbe aus und fingen an, das Essen zu bereiten. Der rote Backenbart behauptete, er könne Salat machen – was ich nicht glaube – und drängte sich der allgemeinen Beachtung auf. Einige von den jungen Damen wuschen den Salat und zerschnitten ihn nach seiner Anleitung. Dora war unter ihnen. Ich sah, daß mich das Verhängnis diesem Manne feindlich gegenübergestellt hatte, und daß einer von uns untergehen mußte.

Der Rotbart bereitete seinen Salat – ich wundre mich nur, wie sie ihn essen konnten – mich hätte nichts verführt, ihn anzurühren! – und riß die Verwaltung des Weinkellers an sich, den er in einem hohlen Baumstamme anlegte. Dann sah ich ihn auf seinem Teller den größten Teil eines Hummers zu den Füßen Doras essen!

Ich habe nur einen dunkeln Begriff von dem, was zunächst geschah. Ich war sehr heiter, das weiß ich noch; aber die Heiterkeit war Heuchelei. Ich gesellte mich zu einem Mädchen in rosarotem Kleide, mit kleinen Augen, und machte ihr in ganz erschrecklicher Weise den Hof. Sie nahm meine Aufmerksamkeiten günstig auf; aber ob nur meinetwegen oder weil sie Absichten auf den Rotbart hatte, weiß ich nicht.

Doras Gesundheit wurde ausgebracht. Als ich anstieß, tat ich, als ob ich mein Gespräch nur deshalb unterbräche und es gleich darauf wieder aufnähme. Ich begegnete dem Blicke Doras, als ich mich vor ihr verbeugte; er kam mir flehend vor! Aber sie sah mich an über den Kopf des roten Backenbartes, und mein Herz blieb starr.

Das junge Mädchen in Rosa hatte eine Mutter in Grün, und ich glaube, letztere trennte uns aus Gründen der Politik. Endlich stand die Gesellschaft auf, während die Reste des Essens weggeräumt wurden, und ich verlor mich einsam, von Wut und Zerknirschung erfüllt, unter die Bäume. Ich ging eben mit mir zu Rate, ob ich Unwohlsein vorschützen und auf meinem wackern Grauschimmel entfliehen sollte, als ich Dora und Miß Mills begegnete.

»Mr. Copperfield,« sagte Miß Mills, »Sie sind verstimmt.«

Ich bat sie um Verzeihung und versicherte, daß dies durchaus nicht der Fall sei.

»Und auch du, Dora, bist verstimmt«, sagte Miß Mills.

»Ach Gott, nein! Nicht im mindesten.«

»Mr. Copperfield und Dora«, sagte Miß Mills mit fast ehrwürdiger Miene. »Genug damit. Laßt nicht durch ein kleinliches Mißverständnis die Blumen des Lenzes verwelken, die nicht wiederkehren, wenn sie einmal dahin sind. Ich spreche,« fuhr Miß Mills fort, »belehrt durch die Erfahrung der Vergangenheit – der fernen, unwiederbringlichen Vergangenheit. Die reichen Quellen, die in der Sonne funkeln, dürfen nicht aus bloßer Grille verstopft werden! Die Oase in der Wüste Sahara darf nicht mutwillig vernichtet werden.«

Ich weiß nicht, was ich tat; ich war über und über brennend rot, aber ich nahm Doras kleine Hand und küßte sie – und sie wehrte mir nicht! Ich küßte auch Miß Mills die Hand; und wir alle schienen nach meinem Gefühl auf dem geraden Wege nach dem siebenten Himmel zu sein.

Wir kamen auch nicht wieder sogleich auf die Erde zurück. Wir blieben den ganzen Abend dort oben. Anfangs schlenderten wir unter den Bäumen auf und ab, Doras Arm lag schüchtern in dem meinigen, und, der Himmel weiß es, so groß die Torheit war, ich hätte mir kein glücklicheres Los gewünscht, als mit diesen Gefühlen unsterblich zu werden und für immerdar unter diesen Bäumen zu wandeln.

Aber viel zu bald hörten wir die andern lachen und sprechen und rufen: »Wo ist Dora!«

Wir kehrten also um, und sie verlangten, Dora sollte singen. Rotbart wollte die Gitarre aus dem Wagen holen, aber Dora sagte, nur ich wisse, wo sie liege. Damit war Rotbart in einem Augenblick beseitigt; und ich holte das Futteral, und ich schloß es auf, und ich nahm die Gitarre heraus, und ich saß neben ihr, und ich hielt ihr Taschentuch und ihre Handschuhe, und ich sog jede Note ihrer lieben Stimme ein, und sie sang für mich, der sie liebte, und alle die andern konnten soviel Beifall schenken, wie sie wollten, doch ging es sie nichts an!

Ich war trunken vor Freude. Ich fürchtete, das Glück sei zu groß, um wirklich zu sein, und ich würde sogleich wieder aufwachen in der Buckinghamstraße und hören, wie Mrs. Crupp mit den Frühstückstassen klimperte.

Aber Dora sang, und andere sangen, und Miß Mills sang – von den in den Höhlen der Erinnerung schlummernden Echos, gerade als wäre sie hundert Jahre alt – und so kam der Abend heran, und es gab Tee aus einem Kessel, der nach Zigeunerart angebracht war, und ich war wieder so glücklich wie zuvor.

Ja, ich wurde noch glücklicher als je, als die Gesellschaft aufbrach und die andern, unter ihnen der geschlagene rote Backenbart, ihre Wege gingen, und wir auch den unsern wandelten durch den stillen Abend und den sterbenden Tag, während süße Düfte rings um uns emporstiegen.

Da Mr. Spenlow nach dem Champagner etwas schläfrig geworden war – Ehre dem Boden, auf dem die Traube wuchs, der Traube, die den Wein gab, der Sonne, die diese Trauben gereift, und dem Kaufmann, der den Wein verfälscht hat! – und fest in einer Ecke des Wagens schlief, ritt ich dicht heran und sprach mit Dora. Sie bewunderte mein Pferd und klopfte ihm den Nacken – o wie reizend sah ihr Händchen auf dem Pferde aus! – und ihr Schal wollte nicht richtig sitzen, und dann zog ich ihn wieder um ihren Leib; und ich glaube, selbst Jip begann einzusehen, wie die Sachen standen, und daß er sich entschließen müsse, mit mir gut Freund zu sein.

Und die scharfblickende Miß Mills, diese liebenswürdige, obgleich weltmüde Nonne, dieser kleine Patriarch von noch nicht ganz zwanzig Jahren, die mit der Welt fertig war und um keinen Preis die in den Höhlen der Erinnerung schlummernden Echos wecken durfte – was für einen Gefallen sie mir tat!

»Mr. Copperfield,« sagte Miß Mills, »kommen Sie einen Augenblick auf diese Seite des Wagens – wenn Sie einen Augenblick übrig haben. Ich muß mit Ihnen sprechen.«

Seht mich, wie ich auf meinem wackern Grauschimmel mich zu Miß Mills herabbeuge, die Hand auf die Wagentür gestützt.

»Dora kommt zum Besuch zu mir, um ein paar Tage bei mir zu bleiben. Sie kommt übermorgen. Wenn Sie uns besuchen wollen, so wird sich der Vater gewiß glücklich schätzen, Sie zu sehen.«

Konnte ich etwas anderes tun, als einen stummen Segen auf Miß Mills Haupt herabrufen und Miß Mills Adresse in dem sichersten Winkel meines Gedächtnisses aufbewahren! Konnte ich etwas anderes tun, als Miß Mills mit dankbarem Blick und feurigen Worten sagen, wie sehr ich ihre Gefälligkeit würdige und welch unschätzbaren Wert ihre Freundschaft für mich habe!

Dann entließ mich Miß Mills wohlwollend mit den Worten: »Reiten Sie wieder zu Dora«, und ich ritt; Dora beugte sich aus dem Wagen heraus, um mit mir zu sprechen, und wir unterhielten uns während der ganzen übrigen Fahrt. Ich brachte meinen wackern Grauschimmel so dicht an das Rad, daß ihm am Vorderfuße die Haut abgeschunden wurde, wofür ich dem Besitzer drei Pfund sieben Schilling zahlen mußte, – eine Summe, die mir für so hohen Genuß außerordentlich gering vorkam. Die ganze Zeit über sah Miß Mills den Mond an, murmelte halblaut Verse und erinnerte sich wahrscheinlich an die alten Zeiten, wo sie und die Erde noch etwas miteinander gemein hatten.

Norwood war viele Meilen zu nahe, und wir langten viele Stunden zu früh dort an; aber kurz vor unserer Ankunft wachte Mr. Spenlow auf und sagte: »Sie müssen mit hereinkommen, Copperfield, und ein wenig ausruhen«; ich folgte der Einladung, und wir genossen noch eine kleine Erfrischung.

In dem hellen Zimmer sah die errötende Dora so bezaubernd aus, daß ich mich nicht losreißen konnte, sondern sie halb träumend ansah, bis mich Mr. Spenlows Schnarchen so weit zum Bewußtsein brachte, daß ich mich beurlaubte. So schieden wir. Während des ganzen Rückritts nach London fühlte ich noch die leichte Berührung von Doras Hand und rief mir jeden Umstand und jedes Wort wohl zehntausendmal ins Gedächtnis, und als ich endlich im Bette lag, war ich vor Liebe so entzückt, wie nur je ein junger Tropf seinen gesunden Menschenverstand verloren hatte.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, faßte ich den Entschluß, Dora meine Liebe zu erklären und mein Schicksal kennen zu lernen. Seligkeit oder Hölle, war jetzt die Frage! Für mich gab es keine andere Frage in der Welt, und nur Dora konnte sie beantworten.

Drei Tage verbrachte ich in grenzenloser Qual, die ich selbst noch dadurch vermehrte, daß ich allem, was zwischen Dora und mir vorgefallen war, die allerentmutigendste Auslegung gab. Endlich ging ich zu Miß Mills, mit großen Kosten zu dem Zwecke herausstaffiert und begeistert von meiner Erklärung.

Wieviele Male ich die Straße auf und ab ging und um den Platz herum – es fiel mir dabei ein, daß ich persönlich eine viel bessere Lösung des alten Rätsels sei als die eigentliche – bevor ich es über mich bringen konnte, an die Tür zu klopfen, ist hier nicht von Wichtigkeit. Sogar als ich endlich geklopft hatte und an der Tür wartete, kam mir in der Aufregung der Gedanke, zu fragen, ob hier Mr. Blackboy wohne (eine Nachahmung des armen Barkis), um Verzeihung zu bitten und mich zu entfernen. Aber ich hielt standhaft aus.

Mr. Mills war nicht zu Hause. Ich erwartete es gar nicht. Nach ihm verlangte niemand. Miß Mills war zu Hause. Miß Mills genügte.

Man wies mich in ein Zimmer eine Treppe hoch, wo ich Miß Mills und Dora fand. Jip war auch dort. Miß Mills schrieb Noten ab – ich erinnere mich, es war ein neues Lied mit dem Titel: »Der Liebe Leichenlied« – und Dora malte Blumen. Was ich fühlte, als ich meine eigenen Blumen erkannte – den wirklichen und echten Strauß von Coventgardenmarkt! Ich kann nicht sagen, daß sie sehr ähnlich waren, oder daß sie irgendwelchen Blumen besonders glichen, die ich jemals gesehen hatte, aber ich erkannte sie an der sie umgebenden Papiermanschette, die ganz genau kopiert war.

Miß Mills freute sich sehr, mich zu sehen, und es tat ihr sehr leid, daß der Papa nicht zu Hause war, obgleich wir es alle mit großer Fassung zu ertragen schienen. Miß Mills führte das Gespräch ein paar Minuten fort, legte dann ihre Feder auf das »Leichenlied der Liebe«, stand auf und verließ das Zimmer.

Ich beschäftigte mich schon mit dem Gedanken, es bis morgen aufzuschieben.

»Ich hoffe, Ihr Pferd war nicht müde, als es gestern nacht nach Hause kam«, sagte Dora und sah mich mit ihren schönen Augen an. »Es hat einen weiten Weg gemacht.«

Ich fing an zu denken, ich wollte es heute tun. »Es war ein weiter Weg für mein Pferd,« entgegnete ich, »denn es hatte auf der Reise nichts, was es munter erhalten konnte.«

»Hat es kein Futter bekommen, das arme Pferd?« fragte Dora.

Ich dachte wieder, ich wollte es lieber bis morgen aufschieben.

»O ja,« sagte ich, »es hat an nichts gefehlt. Ich meine nur, es fühlte nicht das unaussprechliche Glück, das ich in Ihrer Nähe genoß.«

Dora beugte sich auf ihre Zeichnung herab und sagte nach einer kleinen Pause – ich hatte inzwischen wie im hitzigen Fieber mit starren Gliedern dagesessen –

»Zu einer Zeit des Tages schienen Sie selbst dieses Glück nicht besonders zu fühlen.«

Ich erkannte jetzt, daß keine Umkehr mehr möglich war und daß es auf der Stelle geschehen mußte.

»Sie schienen dieses Glück nicht im mindesten zu fühlen«, sagte Dora, zog die Augenbrauen in die Höhe und schüttelte den Kopf, »als Sie neben Miß Kitt saßen.«

Kitt hieß nämlich das Mädchen in Rosa.

»Und ich wüßte auch gar nicht, warum Sie es tun sollten,« sagte Dora, »oder warum Sie es überhaupt ein Glück nennen. Aber natürlich meinen Sie es nicht im Ernst. Und gewiß zweifelt niemand daran, daß Sie tun können, was Sie wollen. Jip, komm, böser Jip, komm her.«

Ich weiß nicht wie ich es anfing. Aber es war sogleich geschehen. Ich kam Jip zuvor. Dora lag in meinen Armen. Ich war voller Beredsamkeit. Ich war nie um ein Wort verlegen. Ich sagte ihr, wie sehr ich sie liebte. Ich sagte ihr, ich würde ohne sie sterben, sagte ihr, ich betete sie an. Jip bellte die ganze Zeit über wie toll.

Als Dora das Köpfchen sinken ließ und weinte und zitterte, da stieg meine Beredsamkeit noch.

Wenn sie von mir verlangte, ich sollte für sie sterben, so hätte sie es nur zu sagen, und ich war bereit. Das Leben ohne Doras Liebe war unter keiner Bedingung zu ertragen. Ich konnte es nicht ertragen und wollte es nicht. Ich hätte sie, seit ich sie zuerst gesehen, geliebt jede Minute, Tag und Nacht. Ich liebte sie im Augenblicke zum Wahnsinnigwerden und würde sie jeden Augenblick zum Wahnsinnigwerden lieben. Es sei vorher auf Erden geliebt worden und es werde nachher geliebt werden; aber kein Liebender hätte je so geliebt, dürfte, konnte oder würde je wieder so lieben, wie ich Dora liebte. Je inniger ich wurde, desto mehr bellte Jip. Jeder von uns wurde in seiner Weise mit jeder Minute toller.

Endlich saßen Dora und ich leidlich beruhigt nebeneinander auf dem Sofa; Jip lag auf ihrem Schoße und blinzelte mich friedlich an. Die Last war von meinem Herzen. Ich war ganz der Erde entrückt. Dora und ich waren verlobt.

Ich glaube, wir hatten einige Ahnung, daß zuletzt eine Heirat daraus werden sollte. Es muß wohl so gewesen sein, denn Dora machte es zur Bedingung, daß wir uns ohne die Einwilligung des Vaters nie heiraten wollten. Wir wollten die Sachen vor Mr. Spenlow geheimhalten, aber ich glaube nicht, daß ich einen Augenblick daran dachte, das sei unehrenhaft.

Miß Mills war ungewöhnlich nachdenklich, als sie Dora, die sie gesucht hatte, zurückbrachte; – ich fürchte, weil das Geschehene Neigung hatte, die in den Höhlen der Erinnerung schlummernden Echos zu wecken. Aber sie gab uns ihren Segen und die Versicherung ihrer dauernden Freundschaft, und sprach zu uns im allgemeinen, wie es sich für eine Stimme aus dem Kloster schickte.

Was für eine traumhafte, himmlische, glückliche, törichte Zeit das war!

Als ich an Doras Finger das Maß für einen Ring nahm, der aus lauter Vergißmeinnichten bestehen sollte und wie der Juwelier, dem ich es überbrachte, mich durchschaute und über seinem Bestellbuche lachte und mir wer weiß wie viel für das kleine niedliche Dingelchen mit den blauen Steinen anrechnete – in meiner Erinnerung ist es so unauslöschlich mit Doras Hand verknüpft, daß mein Herz einen augenblicklichen Schmerz empfand, als ich gestern am Finger meiner Tochter einen ähnlichen erblickte. –

Als ich umherging, die Brust von meinem Geheimnis geschwellt, und das Würdevolle meiner Liebe zu Dora und ihrer Liebe als etwas so Erhabenes empfand, daß ich mich nicht mehr über den andern Menschen stehend hätte empfinden können, die, ungleich mir, auf der Erde herumkrochen, wenn ich wirklich in den Lüften gewandelt wäre –

Als wir jene beseligenden Zusammenkünfte in den Gartenanlagen des Squares hatten und in dem staubigen Gartenhause so glücklich beisammen saßen, daß ich die Londoner Spatzen nur deswegen bis zur Stunde gern habe und in ihrem rauchgrauen Gefieder die Federnpracht der Tropen zu erblicken glaube –

Als wir unsern ersten großen Zank hatten – eine Woche nach unserer Verlobung – und Dora mir den Ring in einem verzweifelten zerknitterten Briefe zurückschickte, worin der schreckliche Ausdruck vorkam: »Unsere Liebe fing mit Torheit an und endet in Wahnsinn«, was mich dazu brachte, mir das Haar zu raufen und zu jammern, daß alles vorbei sei –

Als ich unter dem Deckmantel der Nacht zu Miß Mills floh, die ich verstohlen in einer Hintertreppenküche sah, worin eine Rolle stand, und sie anflehte, zwischen uns zu vermitteln und mich vor dem Irrsinn zu bewahren! Als Miß Mills dieses Amt übernahm und mit Dora zurückkam, und von der Kanzel ihrer eigenen bittern Jugend herab ermahnend zu gegenseitiger Nachgiebigkeit riet und bat die Wüste Sahara zu vermeiden –

Als wir weinten, uns wieder versöhnten und wieder so selig waren, daß die Hinterküche samt der Rolle und allem sonstigen in einen Liebestempel verwandelt wurde, wo wir einen Plan verabredeten, durch Miß Mills zu korrespondieren, demzufolge von jeder Seite täglich mindestens ein Brief geschrieben werden sollte –

Was für eine traumhafte, unirdische, glückliche, törichte Zeit! Von allen Zeiten, die ich durchlebt habe, ist keine, an die ich so lächelnd und zärtlich zurückdenken kann.

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