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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Dreiundsechzigstes Kapitel.

Ein Besuch.

Was ich niederschreiben wollte, ist jetzt bald zu Ende; aber ein Vorfall ist mir noch lebhaft im Gedächtnis, das oft mit Wohlgefallen dabei verweilt, und ohne das ein Faden in dem Gewebe meiner Geschichte ein verworrenes Ende hätte.

Ich war an Ruhm und Wohlstand gewachsen, meine häusliche Freude war vollständig, und ich war zehn glückliche Jahre verheiratet gewesen. Agnes und ich saßen an einem Frühlingsabend in unserm Hause in London am Feuer, und drei unserer Kinder spielten im Zimmer, als mir ein Fremder gemeldet wurde, der mich zu sehen wünschte.

Man hatte ihn gefragt, ob er in Geschäften komme, aber er hatte mit Nein geantwortet. Er wollte nur das Vergnügen haben, mich zu sehen, und käme weit her. Er sei ein alter Mann, sagte mein Diener, und er sähe aus wie ein Farmer.

Da dieses den Kindern geheimnisvoll klang, und noch dazu im Anfang meiner Lieblingsgeschichte ähnlich war, die ihnen Agnes oft erzählte, in der die Ankunft einer bösen alten Fee in einem Mantel vorkam, die jedermann haßte, so brachte es einige Aufregung hervor. Einer unserer Knaben versteckte den Kopf in den Schoß der Mutter, um außer Gefahr zu sein, und die kleine Agnes – unser ältestes Kind – setzte an ihre Stelle die Puppe in den Stuhl und guckte mit dem goldgelockten Köpfchen zwischen den Vorhängen hervor, um zu sehen, was da kommen werde.

»Laß ihn hereintreten!« sagte ich.

Bald darauf erschien ein sonnengebräunter, krausköpfiger Mann in der dunkeln Tür und blieb dort stehen. Angezogen von seinem Äußern war die kleine Agnes auf ihn zugelaufen, um ihn hereinzuführen, und ich hatte sein Gesicht noch nicht deutlich gesehen, als meine Frau aufsprang und mir erfreut und aufgeregt zurief: »Es ist Mr. Peggotty.«

Es war Mr. Peggotty. Ein alter Mann jetzt, aber im frischen kräftigen Greisenalter. Als unsere erste Überraschung vorüber war, und er vor dem Feuer saß, ein Kind auf jedem Knie, und die Glut sein Gesicht erhellte, da erschien er mir als ein so kräftiger, rüstiger und auch so schöner Greis, wie ich kaum jemals einen gesehen hatte.

»Master Davy«, sagte er. Und der alte Name in dem alten Ton klang mir so natürlich! »Master Davy, das ist eine freudige Stunde für mich, Sie noch einmal neben Ihrer guten Frau zu sehen!«

»Gewiß eine freudige Stunde, alter lieber Freund!« rief ich aus.

»Und die hübschen Kinderchen«, sagte Mr. Peggotty. »Die frischen Gesichter zu sehen! Ach, Master Davy, Sie waren nicht größer, als das kleinste von diesen, als ich Sie zuerst sah, und Emilie war auch nicht größer, und unser armer Ham war auch erst ein Junge!«

»Die Zeit hat mich seitdem mehr verändert als Sie«, erwiderte ich. »Aber lassen wir diese kleinen Schelme erst zu Bett gehen, und da Sie kein andres Haus in England aufnehmen darf als dieses, so sagen Sie, wo Ihr Gepäck abzuholen ist – ich möchte wissen, ob das alte schwarze Felleisen darunter ist, das so weite Wanderungen gemacht hat, – und dann wollen wir uns bei einem Glas Yarmouthgrog von den letzten zehn Jahren erzählen.«

»Sind Sie allein?« fragte Agnes.

»Ja, Madame,« erwiderte er und küßte ihr die Hand, »ganz allein!«

Wir ließen ihn zwischen uns sitzen, und wußten nicht, wie wir ihn gut genug bewillkommen konnten; und wie ich zuerst die alte, vertraute Stimme hörte, hätte ich mir einbilden können, er sei immer noch auf der langen Reise zur Aufsuchung seiner geliebten Nichte begriffen.

»Es ist eine große Strecke Wasser zu einer Reise,« sagte Mr. Peggotty, »zumal, wenn man nur ein paar Wochen bleiben will. Aber Wasser, vorzüglich wenn es salzig ist, ist mir eine vertraute Sache, und Freunde sind viel wert und ich bin heimgekehrt. – Aber das sind ja Reime,« sagte Mr. Pegotty, ganz erstaunt über diese Entdeckung, »und ich hab gar keine machen wollen.«

»Wollen Sie so bald schon wieder diese vielen tausend Meilen zurückreisen?« fragte Agnes.

»Ja, Madame«, gab er zur Antwort. »Ich habe es Emilie versprochen, ehe ich abreiste. Sehen Sie, ich werde nicht jünger mit den Jahren, und wenn ich nicht jetzt die Reise gemacht hätte, so wäre wahrscheinlich nie etwas daraus geworden. Und es hat mir immer auf der Seele gelegen, daß ich Master Davy und Ihr eigenes liebes Gesicht als glückliche Eheleute sehen müßte, ehe ich zu alt würde.«

Er betrachtete uns, als könnten seine Augen nicht satt weiden an uns. Lachend strich ihm Agnes ein paar seiner grauen Locken von der Stirn, damit er uns besser sehen könnte.

»Und jetzt erzählen Sie uns, wie es Ihnen ergangen ist«, sagte ich.

»Unsere Geschichte ist bald erzählt, Master Davy«, erwiderte er. »Es ist uns nicht gerade prächtig ergangen, aber wir sind immer durchgekommen. Wir haben gearbeitet, wie es unsere Pflicht war, und im Anfang haben wir uns vielleicht ein bißchen anstrengen müssen, aber wir sind immer durchgekommen. Bald mit Schafzucht und bald mit Feldbau, und bald mit dem und bald mit jenem haben wir uns durchgeholfen, und wir befinden uns so wohl, wie wir es nur wünschen können. Gottes Segen hat uns nicht gefehlt,« fuhr Mr. Peggotty fort, und verbeugte sich ehrerbietig, »und es ist uns zuletzt gut ergangen. Das heißt, so im ganzen. Wenn nicht gestern, dann doch heute, wenn nicht heute, dann morgen.«

»Und Emilie?« fragten Agnes und ich aus einem Munde.

»Ja, Em'ly«, sagte er. »Ich hab sie nie ihr Abendgebet sprechen hören hinter der Zeltwand, als wir uns zuerst im Busch niedergelassen hatten, ohne daß sie Ihren Namen, Mrs. Copperfield, genannt hätte! Als Sie von ihr fortgegangen waren, Madam, und wir beide auch Mas'r Davy nicht mehr bei dem hellen Sonnenuntergange sehen konnten, da war sie zuerst so niedergeschlagen, daß sie gewiß dahingesiecht wäre, wenn sie das gewußt hätte, was Mas'r Davy uns so freundlich und fürsorglich verschwiegen hatte. Das ist meine feste Überzeugung. Aber es waren arme Leute an Bord, unter denen es viel Krankheit gab, und da hat sie sie gepflegt und dann sorgte sie auch für die Kinder, die da waren, und so fand sie Beschäftigung und konnte etwas Gutes tun, und das half ihr.«

»Wann erfuhr sie es zuerst?« fragte ich.

»Ich hielt es ihr wohl noch ein Jahr lang geheim, nachdem ich es gehört hatte«, sagte Mr. Peggotty. »Wir wohnten damals an einem einsamen Orte, aber unter den schönsten Bäumen, und die Rosen bedeckten unsere Hütte bis zum Dach. Da kam eines Tages, als ich draußen auf dem Felde arbeitete, ein Reisender aus Norfolk oder Suffolk in England – ich weiß nicht recht mehr, aus welchem von beiden – und natürlich nahmen wir ihn auf, und gaben ihm zu essen und zu trinken, und behandelten ihn als unsern Gast. So geschieht es immer dort in der Kolonie. Er hatte eine alte Zeitung mitgebracht, und noch eine andere gedruckte Nachricht über den Sturm. So erfuhr sie es. Als ich abends nach Hause kam, fand ich, daß sie es wußte.«

Seine Stimme war gedämpfter als er diese Worte sprach, und der Ernst, den ich an ihm kannte, verbreitete sich über sein Gesicht. .

»Bewirkte die Nachricht eine große Veränderung bei ihr?« fragten wir.

»Jawohl, für eine sehr lange Zeit,« erwiderte er, und schüttelte den Kopf; »wenn nicht bis zu dieser Stunde. Aber ich glaube, die Einsamkeit hat ihr gut getan. Nun hatte sie viel zu tun mit dem Federvieh und der Wirtschaft, und so kam sie durch. Ich möchte wohl wissen,« sagte er nachdenklich, »ob Sie meine Emilie jetzt noch kennen würden, Master Davy!«

»Hat sie sich so verändert?« fragte ich.

»Ich weiß es nicht. Ich sehe sie jeden Tag und weiß es nicht. Aber vielmals habe ich es gedacht. Eine zarte Gestalt,« sagte Mr. Peggotty, und sah ins Feuer, »etwas abgezehrt; sanfte, traurige, blaue Augen, ein blasses Gesicht; ein hübscher Kopf, ein wenig geneigt; ein stilles Wesen und eine sanfte Stimme – fast schüchtern. Das ist Emilie!«

Wir beobachteten ihn stillschweigend, wie er dasaß, und immer noch ins Feuer blickte.

»Niemand kennt ihre wahre Geschichte. Manche Leute meinen,« fuhr er fort, »sie hätte einen Mann geliebt, der ihrer nicht wert gewesen wäre; manche, ihr wäre der Bräutigam kurz vor der Hochzeit gestorben. Sie hätte sich viele, viele Male gut verheiraten können, ›aber Onkel‹, sagte sie zu mir, ›damit ist es für immer vorbei‹. Heiter, wenn ich bei ihr bin, zurückhaltend, wenn andere da sind, immer bereit, noch so weit zu gehen, wo es gilt, ein Kind zu unterrichten, oder einen Kranken zu pflegen, oder bei der Hochzeit eines jungen Mädchens gefällig zu sein – und das hat sie oft getan, obgleich sie nie eine mitgemacht hat, – voll zärtlicher Liebe für ihren Onkel, geduldig, beliebt bei jung und alt, gesucht von allen, die einen Kummer auf dem Herzen haben. Das ist Emilie!«

Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, unterdrückte einen Seufzer und wendete den Blick von dem Feuer.

»Ist Martha noch bei Ihnen?« fragte ich.

»Martha heiratete im zweiten Jahre, Master Davy«, gab er zur Antwort. »Ein junger Bursche, ein Ackerknecht, der mit den Waren seines Herrn bei uns vorüber zum Markte fuhr – eine Reise von über hundert Meilen hin und zurück – bot ihr an, sie zum Weibe zu nehmen – Weiber sind dort sehr selten – und dann wollten sie sich selbst Land kaufen. Sie bat mich, ihm ihre wahre Geschichte zu erzählen; ich tat es, sie heirateten sich, und sie wohnen ein paar hundert Meilen entfernt von jeder Stimme, als ihrer eignen und dem Gesange der Vögel.«

»Und Mrs. Gummidge?«

Damit berührte ich eine angenehme Saite, denn Mr. Peggotty brach plötzlich in lautes Gelächter aus und rieb sich die Schenkel mit den Händen, wie er es zu tun pflegte, wenn er sich in dem längst untergegangenen Boot einmal so recht freute.

»Werden Sie es glauben!« sagte er. »Sogar der hat jemand einen Heiratsantrag gemacht! Wenn ein Schiffskoch, der sich niederlassen wollte, Master Davy, Mrs. Gummidge keinen Heiratsantrag machte, so will ich verdebelholmert – sein und mehr kann ich nicht sagen!«

Ich habe Agnes nie so lachen sehen. Dieser plötzliche Freudenausbruch Mr. Peggottys machte ihr so viel Vergnügen, daß sie gar nicht aufhören konnte zu lachen, und je mehr sie lachte, desto mehr machte sie mich lachen, und desto lauter wurde Mr. Peggottys Freude, und desto mehr rieb er sich die Schenkel.

»Und was sagte Mrs. Gummidge dazu?« fragte ich, als ich wieder ernsthaft genug war.

»Werden Sie mir's glauben?« entgegnete Mr. Peggotty. »Statt zu sagen ›ich danke Ihnen, bin Ihnen sehr verbunden, aber ich will mich in diesen Jahren nicht mehr verändern‹, nimmt Mrs. Gummidge einen Wassereimer, der neben ihr stand, und bearbeitet damit den Kopf des Schiffskochs, bis er nach Hilfe rief, und ich hinzukam, und ihn befreite.«

Mr. Peggotty brach in ein schallendes Gelächter aus, und Agnes und ich leisteten ihm Gesellschaft.

»Aber ich muß der guten Alten nachsagen,« fing er wieder an, und wischte sich das Gesicht, als er vom Lachen ganz erschöpft war, »sie ist uns alles gewesen, was sie versprochen hatte, und mehr noch. Sie war die willigste, treueste, ehrlichste Gehilfin, Master Davy, die jemals gelebt hat. Ich habe sie keinen einzigen Augenblick klagen hören, daß sie ›ein armes und verlassenes Geschöpf‹ sei, selbst als die Kolonie noch ganz neu für uns war. Und an den Alten hat sie auch nicht ein einziges Mal gedacht, versichere ich Sie, seitdem sie England verlassen.«

»Und nun der Letzte, aber nicht der Schlimmste, Mr. Micawber«, sagte ich. »Er hat hier alle seine Schulden bezahlt – selbst Wechsel, wie du weißt, liebe Agnes – und deshalb können wir als gewiß annehmen, daß er sich wohl befindet. Aber wie sind die letzten Nachrichten von ihm?«

Mr. Peggotty steckte mit einem Lächeln die Hand in die Brusttasche und zog ein zusammengefaltetes Papierpaket heraus, aus dem er mit großer Sorgfalt eine kleine, wunderlich aussehende Zeitung herausbrachte.

»Sie müssen wissen, Mr. Davy,« sagte er, »daß wir jetzt nicht mehr im Hinterwald sind, weil wir was vor uns gebracht haben, und daß wir jetzt in Port-Middlebay-Harbor wohnen, was eine Stadt ist – wir nennen sie wenigstens so.«

»Mr. Micawber wohnte im Busch neben Ihnen?« fragte ich.

»Jawohl,« entgegnete Mr. Peggotty, »und ist tüchtig dran gegangen. Ich mag nie einen Bessern zum Tüchtigdrangehen treffen. Ich habe seinen kahlen Kopf in der Sonne schwitzen sehen, Master Davy, bis ich fast dachte, er würde wegschmelzen, und jetzt ist er Friedensrichter.«

»Was? ein Friedensrichter!« sagte ich.

Mr. Peggotty zeigte auf eine Stelle in der Zeitung, wo ich folgendes laut aus den »Port-Middlebay Times« vorlas:

»Das Festmahl zu Ehren unseres ausgezeichneten Mitkolonisten und Mitbürgers Wilkins Micawber Esquire, Distriktfriedensrichter von Port-Middlebay, fand gestern im großen Saale des Hotels statt, der zum Ersticken voll war. Man nimmt an, daß nicht weniger als siebenundvierzig Personen auf einmal am Essen teilnahmen, ungerechnet die Gesellschaft auf den Gängen und auf den Treppen.

Die ganze schöne und vornehme Welt von Port-Middlebay drängte sich herbei, um einen so verdienstlich geachteten, so hochbegabten und vielgenannten Mann zu ehren. Doktor Mell – von dem Kolonial-Salemhouse Gymnasium Port-Middlebay – hatte den Vorsitz, und auf seiner rechten Seite saß der ausgezeichnete Held des Abends. Nach Entfernung des Tischtuchs und Absingung des Lieds Non nobis – das vortrefflich ausgeführt wurde, und aus dem wir leicht die glockenreinen Töne des begabten Dilettanten Wilkins Micawber Esquire junior heraushören konnten – wurden die gewöhnlichen patriotischen Toaste ausgebracht und mit Enthusiasmus aufgenommen. In einer sehr gefühlvollen Rede brachte dann Doktor Mell einen Toast aus auf unsern ausgezeichneten Gast, die Zier unsrer Stadt: ›Möge er uns nur verlassen, um sich zu verbessern, und möge sein Erfolg unter uns derart sein, daß er sich gar nicht verbessern könnte!‹ Das Hurra, mit dem dieser Toast begrüßt wurde, geht über alle Beschreibung, und immer wieder rauschte es empor, wie die Wellen des Ozeans. Endlich war alles still, und Wilkins Micawber Esquire stand auf, um zu danken. Fern sei es von uns in dem gegenwärtigen verhältnismäßig unvollkommenen Zustande der Mittel unserer Anstalt, uns bemühen zu wollen, unserm ausgezeichneten Mitbürger durch die glattfließenden Perioden seiner klassisch gerundeten und reichgeschmückten hochpoetischen Rede zu folgen. Möge die Bemerkung genügen, daß es ein Meisterwerk der Beredsamkeit war, und daß die Stelle, in der er die Erfolge seines Lebens genauer bis an ihre Quelle verfolgte, und den jüngern Teil der Anwesenden vor der Gefahr warnte, pekuniäre Verpflichtungen einzugehen, deren Bezahlung eine Unmöglichkeit ist, Tränen in die Augen der männlichen Anwesenden brachte. Die übrigen Toaste bezogen sich auf Doktor Mell, auf Mrs. Micawber – die sich mit anmutsvollem Dank in der Tür eines Seitenzimmers verbeugte, wo ein Sternenkranz von Schönheiten auf Stühlen saß, um zugleich Zeugen und Zierden des wohltuenden Schauspiels zu sein; – auf Mrs. Ridger Begs (geborne Micawber), auf Mrs. Mell, auf Wilkins Micawber junior Esquire – der mit großem Humor das heitere Gelächter der Versammlung durch die Bemerkung erregte, daß er sich außerstande sehe, seinen Dank in einer Rede auszusprechen, daß er aber mit Erlaubnis der Versammlung ihr mit einem Liede danken wolle; auf Mrs. Micawbers Familie – die, wie wohl nicht erst zu bemerken ist, wohlbekannt im Vaterlande ist – usw.

Nach dem Essen waren die Tische wie durch Zauber weggeräumt, um zum Tanzen Platz zu machen. Unter den Verehrern der Terpsichore, die sich ergötzten, bis Helios zum Aufbruch mahnte, zeichneten sich vor allen aus Wilkins Micawber junior Esquire, und die liebenswürdige und hochgebildete Miß Helena, vierte Tochter Doktor Mells

Ich beschäftigte mich mit Doktor Mell, voller Freude in diesen glücklichern Umständen Mr. Mell, den armen tyrannisierten Unterlehrer des Friedensrichters von Middlessex entdeckt zu haben, als Mr. Peggotty auf eine andere Stelle der Zeitung wies, wo meine Augen auf meinen Namen fielen, und ich folgendes las:

»An den ausgezeichneten berühmten Schriftsteller David Copperfield Esquire.

Verehrter Herr!

Jahre sind dahingeschwunden, seitdem ich Gelegenheit hatte, mit eigenen Augen die Züge zu sehen, die jetzt der Phantasie eines beträchtlichen Teiles der zivilisierten Welt vertraut sind.

Aber, verehrter Herr, obgleich mich die Gewalt von Umständen, über die ich keine Macht hatte, der persönlichen Gesellschaft des Freundes und Gefährten meiner Jugend entfremdet hat, so bin ich doch von seinem stolzen Hochflug recht wohl unterrichtet. Auch habe ich nicht unterlassen:

›ob Meere wild auch zwischen uns sich türmten,‹ (Burns)

die köstlichen geistigen Genüsse zu teilen, die Sie vor uns ausgebreitet haben.

Ich kann daher nicht die Abreise eines Individuums, das wir beide ehren und achten, stattfinden lassen, ohne, verehrter Herr, diese öffentliche Gelegenheit zu ergreifen, um in meinem Namen und, wie ich wohl hinzusetzen darf, im Namen sämtlicher Bewohner von Port-Middlebay Ihnen für den Genuß zu danken, den uns die Begabung Ihres Geistes verschaffte.

Fahren Sie fort, verehrter Herr! Sie sind hier nicht unbekannt, Sie sind hier nicht ungewürdigt; obgleich im fernen Lande, sind wir doch nicht unbefreundet, noch philisterhaft, noch, darf ich wohl hinzusetzen, sitzen wir in Finsternis! Fahren Sie fort, verehrter Herr, in Ihrem Adlerflug! Die Bewohner von Port-Middlebay können sich wenigstens bestreben, zu Ihnen mit Entzücken, mit Unterhaltung, mit Belehrung emporzusehen.

Doch unter den von diesem Teile des Erdballes zu Ihnen erhobenen Augen wird sich, solange es Licht und Leben hat, immer finden

Das
Auge
Ihres
Jugendfreundes

Wilkins Micawber,
Friedensrichter.«

Als ich den Rest der Zeitung durchlas, fand ich, daß Mr. Micawber ein fleißiger und geachteter Korrespondent des Blattes war. In derselben Nummer war noch ein Brief von ihm, über ein Brücke, dann eine Anzeige einer Sammlung ähnlicher Briefe von ihm, die in einem hübschen Bande mit beträchtlichen Zusätzen binnen kurzem erscheinen sollte.

Wir sprachen an den vielen Abenden, wo Mr. Peggotty bei uns war, noch oft von Mr. Micawber. Peggotty wohnte bei uns während seines ganzen Aufenthaltes – ich glaube, er dauerte nicht ganz einen Monat – und seine Schwester und meine Tante kamen nach London, um ihn zu besuchen. Agnes und ich schieden erst von ihm an Bord des Schiffes, als er absegelte, und wir werden auch nie mehr auf Erden voneinander scheiden.

Aber ehe er ging, reiste er mit mir nach Yarmouth, um einen kleinen Grabstein zu sehen, den ich Ham zum Gedächtnis gesetzt hatte. Während ich die einfache Inschrift auf seine Bitte für ihn abschrieb, bückte er sich nieder und nahm ein paar Halme Gras und ein wenig Erde von dem Grabe.

»Für Emilie«, sagte er, als er es in die Brust steckte. »Ich versprach es Master Davy.«

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