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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zweiundsechzigstes Kapitel.

Ein Licht fällt auf meinen Weg.

Die Weihnachtszeit nahte, und ich war nun seit zwei Monaten im Vaterlande. Ich hatte Agnes oft gesehen. So laut mich auch die öffentliche Anerkennung ermutigte, und zu so eifrigen Anstrengungen sie mich auch anstachelte, ihr leisestes Wort des Lobes ging mir doch über alles.

Wenigstens einmal die Woche, und manchmal öfter, ritt ich nach Canterbury und brachte den Abend bei ihr zu. Meistens ritt ich nachts zurück; denn das alte unglückliche Gefühl lastete immer noch auf mir – am schmerzlichsten, wenn ich sie verlassen hatte – und ich war froh, wenn ich in Bewegung sein konnte, anstatt im unerquicklichen Wachen oder in quälenden Träumen durch die Vergangenheit zu schweifen. Ich verbrachte lieber den längsten Teil mancher dieser regnerischen trüben Nächte auf dem Ritte, und die Gedanken, die mich während meiner langen Abwesenheit beschäftigt hatten, lebten dabei immer in mir auf.

Oder ich sollte lieber sagen, ich lauschte dem Widerhall dieser Gedanken. Sie sprachen zu mir aus weiter Ferne. Ich hatte sie weit von mir gewiesen und meine Stellung als unvermeidlich ruhig hingenommen. Wenn ich Agnes vorlas, was ich geschrieben hatte, wenn ich ihr horchendes Gesicht sah, sie zum Lächeln oder zu Tränen bewegte und ihre herzliche Stimme so innig über die schattenhaften Ereignisse der phantastischen Welt, in der ich lebte, sprechen hörte, da dachte ich manchmal, welch ein Los das meinige sein könnte – aber ich dachte daran nur so, wie ich nach der Heirat mit Dora gedacht hatte, welche Eigenschaften ich meiner Frau gewünscht hatte.

Meine Pflicht gegen Agnes, die mich mit einer Liebe liebte, die ich, wenn ich sie gestört hätte, höchst selbstsüchtig und kleinlich verletzt haben würde und niemals wiedergewinnen konnte, die jetzt reif gewordene Überzeugung, daß ich, der Schmied des eigenen Schicksals, und früher im Besitz dessen, wonach ich mit der ganzen Leidenschaft meines Herzens gestrebt hatte, kein Recht hatte zu murren, und ruhig tragen müsse, waren der Inbegriff dessen, was ich fühlte und was ich gelernt hatte. Aber ich liebte sie. Und jetzt diente es mir einigermaßen zum Trost, wenn ich mir dunkel einen fernen Tag vorstellte, wo ich es ihr ungehindert gestehen durfte, wo alles dieses vorüber war, wo ich sagen konnte: »Agnes, so war es als ich zurückkehrte, und jetzt bin ich alt und habe seitdem nie wieder geliebt!«

An ihr selbst ließ sich keine Veränderung erkennen. Was sie mir immer gewesen, war sie noch.

Zwischen meiner Tante und mir war seit dem Abend meiner Rückkehr in bezug auf diese Sache etwas entstanden, was ich nicht ein gezwungenes Verhältnis nennen will oder ein Vermeiden dieses Gegenstandes, sondern eher ein stillschweigendes Übereinkommen, daß wir beide darüber nachdachten, aber unsern Gedanken keine Worte gaben. Wenn wir nach alter Sitte abends vor dem Feuer saßen, beschäftigten uns diese Gedanken oft so natürlich und so erkennbar für den andern, als ob wir es uns offen gesagt hätten. Aber wir beobachteten ein heiliges Schweigen. Ich glaube, daß sie an jenem Abend meine Gedanken wenigstens zum Teil gelesen, und daß sie vollständig begriff, warum ich sie nicht deutlicher ausgesprochen hatte.

Die Weihnachtszeit war da, und weil mir Agnes nichts über sich vertraut hatte, begann ein schon mehrmals in mir entstandener Zweifel mich schwer zu bedrücken – ob sie eine Ahnung von dem wahren Zustande meines Herzens hätte, der sie abhielt, mir Vertrauen zu schenken, aus Furcht, mir Schmerz zu verursachen. – Wenn das der Fall war, so war mein Opfer vergebens, meine einfachste Pflicht war dann unerfüllt, und gerade die Schwäche, die ich hatte vermeiden wollen, hätte ich stündlich begangen. Ich beschloß, dies unzweifelhaft klar zu machen, und wenn eine solche Schranke noch zwischen uns bestehen sollte, sie mit entschlossener Hand niederzureißen.

Es war an einem kalten, rauhen Wintertag – wievielen Grund habe ich seiner zu gedenken! Es hatte einige Stunden vorher geschneit, und der Schnee bedeckte jetzt nicht tief, aber hart gefroren den Boden. Draußen auf dem Meere vor meinem Fenster wehte der Wind rauh aus Norden. Ich hatte ihn mir vorgestellt, wie er über die jetzt dem menschlichen Fuß unzugänglichen Schneewüsten der Schweizer Berge rasen mußte, und hatte darüber nachgedacht, was wohl einsamer sein möchte, diese öden Regionen oder das einsame Weltmeer.

»Du reitest heute aus, Trot«, sagte meine Tante, die den Kopf zur Tür hereinsteckte.

»Ja,« entgegnete ich, »ich will nach Canterbury. Es ist ein guter Tag zum Reiten.«

»Ich hoffe, dein Pferd wird das auch finden,« sagte meine Tante, »aber vorderhand senkt es den Kopf und die Ohren, dort vor der Tür draußen, als ob es den Stall vorziehen möchte.«

Ich muß beiläufig bemerken, daß meine Tante mein Pferd auf dem verbotenen Rasen ließ, aber gegen die Esel nicht gnädiger geworden war.

»Es wird schon munter werden«, sagte ich.

»Der Ritt wird jedenfalls dem Herrn gut tun«, bemerkte meine Tante mit einem Blick auf die Papiere auf dem Tische. »Ach, Kind, du bringst viele, viele Stunden hier zu! Ich habe niemals beim Bücherlesen gedacht, wieviele Mühe das kostete, sie zu schreiben.«

»Es kostet manchmal Mühe genug, sie zu lesen«, gab ich zurück. »Und was das Schreiben betrifft, Tante, so hat das seine eignen Reize.«

»Ja, ich verstehe«, sagte meine Tante. »Ehrgeiz, Lust an Beifall und auch Teilnahme und noch viel mehr, vermute ich. Nun mache, daß du fortkommst!«

»Weißt du jetzt mehr über jene Neigung von Agnes?« sagte ich und stand ruhig vor ihr – sie hatte mich auf die Schulter geklopft und sich in meinen Stuhl gesetzt.

Sie sah mich eine Weile an, ehe sie antwortete.

»Ich glaube wohl, Trot.«

»Bist du in deiner Meinung bestärkt worden?« fragte ich weiter.

»Ich glaube wohl, Trot.«

Sie sah mich so beharrlich an, mit einer Art Zweifel oder Bedauern, oder ängstlicher Teilnahme in dem Blicke, daß ich nur um so fester entschlossen war, ihr ein heiteres Gesicht zu zeigen.

»Und was noch mehr ist, Trot –« fuhr meine Tante fort.

»Ja!«

»Ich glaube, Agnes wird bald heiraten.«

»Gott gebe ihr Glück!« bemerkte ich heiter.

»Ja, Gott gebe ihr Glück!« sagte meine Tante, »und auch ihrem Gatten.«

Ich wiederholte es, schied von meiner Tante und ging rasch die Treppe hinab, bestieg mein Pferd und ritt fort. Ich hatte jetzt um so mehr Grund, meinen Entschluß auszuführen.

Wie deutlich ich mich des Rittes durch die Winterlandschaft erinnere! Der Wind blies die kleinen Eiskörnchen von den Grashalmen und trieb sie mir in das Gesicht; die Hufe meines Pferdes klangen hart wie eine einförmige Melodie auf dem festgefrornen Erdboden; die aufgepflügten Ackerschollen waren steif gefroren, die Schneewehen in der Kalkgrube wurden leise von dem wirbelnden Winde zusammengetrieben; oben auf der Anhöhe hielten die dampfenden Pferde vor einem mit Heu beladenen Wagen und beim Schütteln klingelten ihre Schellen melodisch durch die Luft; die beschneiten Bodenerhebungen und weiten Flächen der Downs hoben sich gegen den dämmrigen Himmel ab, als wären sie auf eine riesige Schiefertafel gezeichnet!

Ich fand Agnes allein. Die kleinen Mädchen waren nach Hause gereist, und sie saß vor dem Feuer und las. Sie legte das Buch hin, als sie mich eintreten sah, und nachdem sie mich, wie gewöhnlich, bewillkommnet hatte, nahm sie ihr Arbeitskörbchen und setzte sich in eins der altmodischen Fenster.

Ich saß neben ihr auf dem Fenstersitz, und wir sprachen von meinen Arbeiten, und wann ich fertig sein würde, und welche Fortschritte ich seit meinem letzten Hiersein gemacht habe. Agnes war sehr heiter und prophezeite mir lachend, ich werde bald viel zu berühmt werden, als daß man mit mir über solche Gegenstände werde sprechen dürfen.

»So benutze ich denn die Gegenwart aufs beste, wie du siehst,« sagte Agnes, »und rede mit dir davon, solange ich's noch darf.«

Als ich ihr schönes Gesicht, das auf die Arbeit blickte, ansah, erhob sie die sanften, klaren Augen und sah, daß ich sie anblickte.

»Du bist heute sehr nachdenklich, Trotwood.«

»Agnes, soll ich dir sagen, warum? Ich kam her, um dir es zu sagen.«

Sie legte die Arbeit weg, wie gewöhnlich, wenn wir etwas ernstlich besprachen, und schenkte mir ihre Aufmerksamkeit.

»Liebe Agnes, bezweifelst du, daß ich dir treu bin?«

»Nein!« erwiderte sie mit einem Blick des Erstaunens.

»Bezweifelst du, daß ich noch derselbe bin, der ich früher war?«

»Nein!« gab sie wie vorhin zur Antwort.

»Erinnerst du dich noch, daß ich dir nach meiner Rückkehr zu sagen versuchte, welche Schuld der Dankbarkeit ich an dich habe, geliebte Agnes, und wie tief ich das fühlte?«

»Ich erinnere mich dessen noch recht gut«, sagte sie sanft.

»Du hast ein Geheimnis,« sagte ich, »laß mich daran Anteil nehmen.«

Sie schlug die Augen nieder und zitterte.

»Es konnte mir kaum verborgen bleiben,« sagte ich, »selbst wenn ich es nicht gehört hätte – aber, was seltsam erscheint, von andern Lippen, als von den deinen – daß du jemand das Kleinod deiner Liebe geschenkt hast. Verbirg mir nicht das, was dein Glück so nahe angeht! Wenn du mir so vertrauen kannst, wie du es sagst, und wie ich es weiß, so laß mich dein Freund, dein Bruder in dieser Sache vor allen andern sein!«

Mit einem flehenden, fast vorwurfsvollen Blick stand sie vom Fenster auf und eilte nach dem Hintergrund des Zimmers, als wisse sie nicht wohin, bedeckte das Gesicht mit den Händen und brach in Tränen aus, die mir das Herz zerrissen.

Und dennoch erweckten sie leise Hoffnungen in mir. Ohne zu wissen warum, verbanden sich diese Tränen mit dem stillen Lächeln der Wehmut, das ich so gar nicht vergessen konnte, und machten mich mehr von Hoffnungen, als von Besorgnis oder Schmerz zittern.

»Agnes! Schwester! liebste Schwester! was habe ich getan!«

»Laß mich fort, Trotwood. Mir ist nicht wohl. Ich bin nicht bei mir selber. Ich will später mit dir davon sprechen – ein andermal. Ich werde schreiben. Sprich jetzt nicht weiter zu mir. Bitte, bitte, tue es nicht!«

Ich suchte mich auf ihre Worte zu besinnen, als ich mit ihr an jenem Abend von ihrer Liebe gesprochen hatte, die keiner Erwiderung bedürfe. Es war, als ob ich eine ganze Welt in einem Augenblick durchforschen müßte.

»Agnes, ich kann diesen Anblick nicht ertragen, wenn ich denke, daß ich die Ursache bin. Teuerstes Mädchen, mir teurer, als alles andre auf der Welt, wenn du unglücklich bist, so laß mich dein Unglück teilen. Wenn du Hilfe oder Rat suchst, so will ich versuchen, ihn dir zu geben. Wenn du wirklich eine Last auf dem Herzen hast, so laß mich versuchen, sie zu erleichtern. Für wen lebe ich denn jetzt, Agnes, wenn ich nicht für dich lebe!«

»O schone mich! Ich bin nicht bei mir selber! Ein andermal! –« weiter konnte ich nichts verstehen.

Führte mich ein selbstsüchtiger Irrtum in die Irre? Oder tat sich mir mit diesem kleinen Schimmer der Hoffnung etwas auf, woran ich zu denken nicht gewagt hatte?

»Ich muß noch mehr sagen. So darfst du mich nicht verlassen!« rief ich. »Um des Himmels willen, Agnes, laß kein Mißverständnis nach allen diesen Jahren, und nach allem, was mit ihnen gekommen und gegangen ist, zwischen uns entstehen! Ich muß deutlich sprechen. Wenn du noch einen leisesten Gedanken hegst, daß ich jemand das Glück, das du spendest, neiden, daß ich dich nicht einem geliebten Beschützer deiner eignen Wahl hingeben, daß ich nicht von einem entferntern Platze aus ein zufriedener Zeuge deines Glückes sein könnte, so vergiß diesen Gedanken, denn ich verdiene ihn nicht! Ich habe nicht ganz vergebens gelitten. Du hast mich nicht ganz vergebens erzogen. Es ist keine Beimischung von Selbstsucht in dem, was ich für dich fühle.«

Sie war jetzt wieder ruhiger geworden. Nach einer kleinen Weile wendete sie mir ihr blasses Gesicht zu und sagte mit leiser, dann und wann stockender, aber sehr deutlicher Stimme:

»Ich bin es deiner reinen Freundschaft für mich schuldig, Trotwood, und ich setze keinen Zweifel in sie – dir zu sagen, daß du dich irrst. Ich kann weiter nichts tun. Wenn ich manchmal im Verlauf der Jahre Hilfe und Rat gebraucht habe, so sind sie gekommen. Wenn ich manchmal unglücklich gewesen bin, so ist der Schmerz vergangen. Wenn ich jemals eine Last auf dem Herzen hatte, so ist sie leichter geworden. Wenn ich ein Geheimnis habe, so ist es – kein neues, und ist nicht – das, was du denkst! Ich kann es nicht enthüllen oder teilen. Es ist so lange mein gewesen und muß mein bleiben.«

»Agnes! warte einen Augenblick!«

Sie wollte fortgehen, aber ich hielt sie zurück. Ich umschlang sie mit meinen Armen. ›Im Verlaufe der Jahre!‹ ›Es ist kein neues!‹ Neue Gedanken und Hoffnung stürmten mir durch die Seele, und alle Farben meines Lebens veränderten sich.

»Teuerste Agnes! die ich so verehre und hochachte – die ich so innig liebe! Als ich heute hierher kam, glaubte ich, daß mir nichts dieses Bekenntnis entreißen könnte. Ich glaubte, ich würde es in meiner Brust verschlossen halten können, bis wir alt wären. Aber Agnes, wenn ich wirklich zu der neugebornen Hoffnung berechtigt bin, daß ich dich jemals anders nennen kann als Schwester, daß du mir mehr, viel mehr werden kannst als Schwester –«

Ihre Tränen flossen reichlich; aber sie waren nicht wie die vorhin geweinten, und meine Hoffnungen erstarkten in ihnen.

»Agnes! die du immer meine Führerin und beste Stütze warst! Wenn du mehr an dich, und weniger an mich gedacht hättest, als wir hier zusammen aufwuchsen, so glaube ich wohl, mein achtlos leichtsinniges Herz hätte sich nie von dir weg verirrt. Aber du warst so viel besser, als ich war, mir so notwendig in jeder knabenhaften Hoffnung und Enttäuschung, daß es mir zur zweiten Natur wurde, dich zur Vertrauten und Stütze in allem zu haben, und daß dadurch die erste und größere, dich zu lieben, wie ich es tue, in den Hintergrund gedrängt wurde.«

Sie weinte immer noch, aber nicht vor Schmerz – sondern vor Freude! Ich hielt sie an meiner Brust, wie ich sie noch nie gehalten hatte, wie ich nie gedacht hatte, sie jemals umarmt zu halten!

»Als ich Dora liebte – herzlich und aufrichtig liebte, Agnes, wie du weißt, Agnes –«

»Ja«, sagte sie voll Ernst, »Und ich freue mich, es zu wissen.«

»Als ich sie liebte – selbst da wäre meine Liebe unvollständig gewesen ohne deine Teilnahme. Ich besaß sie, und sie war vollkommen. Und als ich sie verlor, Agnes, was wäre ich da ohne dich gewesen?«

Ich drückte sie fester in meine Arme, und sie näherte sich meinem Herzen, die Hand zitternd auf meine Schulter gestützt, die lieben Augen durch Tränen den meinen entgegenglänzend!

»Ich verließ die Heimat, geliebte Agnes, und liebte dich. Ich war in der Fremde und liebte dich. Ich kehrte zurück und liebe dich!«

Und jetzt versuchte ich ihr den Kampf, den ich ausgestanden, und den Entschluß, den ich endlich gefaßt hatte, begreiflich zu machen. Ich versuchte, ihr meine Seele offen vorzulegen und ohne Vorbehalt. Ich versuchte ihr zu zeigen, wie ich gehofft hätte, zu einer besseren Erkenntnis meiner und selbst ihrer gekommen zu sein, wie ich mich in das ergeben hätte, was diese bessere Einsicht mir gebracht, und wie ich auch heute in der Treue gegen dies Gelübde zu ihr gekommen sei. Wenn sie mich so liebe, sagte ich, daß sie mich zu ihrem Manne nehmen könne, so täte sie das nicht, weil ich irgend ein Verdienst hätte, außer meiner aufrichtigen Liebe für sie, und wegen des Kummers, in dem diese Liebe herangereift zu dem, was sie jetzt war. Agnes, und aus deinen treuen Augen sah in diesem Augenblick der Geist meiner Dora auf mich herab und sagte, so sei es gut, und weckte in mir durch dich die lieblichsten Erinnerungen an das Maßliebchen, das in seiner schönsten Blütezeit verwelkt war! –

»Ich bin so selig, Trotwood – mein Herz ist so voll – aber eines muß ich dir noch sagen.«

»Geliebteste, was?«

Sie legte ihre Hand sanft auf meine Schulter, und sah mir ruhig ins Gesicht.

»Weißt du jetzt, was es ist?«

»Ich scheue mich, darüber nachzugrübeln. Sage es mir lieber.«

»Ich habe dich geliebt mein ganzes Leben lang!«

Ach, wir waren glücklich! so glücklich!

Unsere Tränen galten nicht den Prüfungen – die ihrigen waren bei weitem die größern – durch die wir soweit gekommen waren, sondern der Wonne, dahin gekommen zu sein und nie wieder getrennt zu werden.

Wir gingen an diesem Winterabend draußen durch die Felder spazieren, und die selige Ruhe in uns schien sich der kalten Luft mitzuteilen. Die ersten Sterne fingen an zu scheinen, während wir noch draußen waren, und als wir zu ihnen hinaufblickten, dankten wir Gott, daß er uns zu dieser Ruhe geführt habe.

Wir standen spät abends zusammen in demselben altmodischen Fenster, als der Mond schien: Agnes blickte mit ihren milden Augen hinauf, und ich folgte ihrem Blick. Lange Meilen Wegs taten sich da auf vor meinem Geist, und ich sah einen zerlumpten, verlassenen und vernachlässigten Knaben mit erlahmenden Kräften die Straße wandern, der einstmals das Herz, das jetzt an meinem schlug, sein eigen nennen sollte.

Es war fast Essenszeit am nächsten Tage, als wir vor meiner Tante erschienen. Sie sei in meinem Studierzimmer, sagte Peggotty – es war nämlich ihr Stolz, es für mich stets in Ordnung zu halten. Sie saß dort mit der Brille am Feuer.

»Du meine Güte!« sagte meine Tante und versuchte durch die Dämmerung zu blicken, »wen bringst du denn da mit nach Hause?«

»Agnes«, sagte ich.

Da wir uns verabredet hatten, anfangs nichts zu sagen, war es meiner Tante nicht wenig unbehaglich. Sie warf mir einen hoffnungsvollen Blick zu, als ich sagte »Agnes«; aber da ich ganz so aussah, wie gewöhnlich, nahm sie in ihrer Verzweiflung die Brille ab und rieb sich damit die Nase.

Sie empfing dennoch Agnes auf das herzlichste, und wir befanden uns bald in dem hellen Parterrezimmer beim Essen. Meine Tante setzte zwei- oder dreimal die Brille auf, um mich jedesmal anzusehen, nahm sie ebenso oft getäuscht wieder ab und rieb sich die Nase damit. Dies geschah sehr zu Mr. Dicks Unbehagen, der darin ein schlechtes Symptom fand.

»Apropos, Tante,« sagte ich nach dem Essen, »ich habe mit Agnes wegen der Sache, von der du mir sagtest, gesprochen.«

»Dann, Trot,« sagte meine Tante und wurde purpurrot, »hast du unrecht getan und dein Versprechen gebrochen.«

»Du bist doch nicht böse, Tante, du kannst es nicht sein, wenn du erfährst, daß Agnes kein unglückliches Liebesverhältnis hat.«

»Dummes Zeug«, erwiderte meine Tante.

Da sie unangenehm berührt zu sein schien, hielt ich es für das beste, der Sache ein Ende zu machen. Ich führte Agnes hinter ihren Stuhl, und wir beide beugten uns über sie herab. Die Hände zusammenschlagend, und nach einem Blick durch die Brille bekam meine Tante sogleich einen Weinkrampf, das erste und einzige Mal in ihrem Leben, soviel ich weiß.

Das Schluchzen rief Peggotty herbei. Sowie meine Tante wieder zu sich gekommen war, stürzte sie auf Peggotty los, nannte sie ein törichtes altes Geschöpf und umarmte sie aus allen Kräften. Danach umarmte sie Mr. Dick – der sich hochgeehrt fühlte, aber sehr überrascht war – danach sagte sie ihm, warum. Dann waren wir alle sehr glücklich.

Ich konnte nicht entdecken, ob sich meine Tante in ihrer letzten, kurzen Unterredung mit mir einen frommen Betrug erlaubt oder meinen Gemütszustand wirklich mißverstanden hatte. Es wäre gerade genug, sagte sie, daß sie mir gesagt habe, Agnes würde sich verheiraten, und ich wisse jetzt besser als jeder andere, wie wahr es sei.

In vierzehn Tagen war Hochzeit. Traddles und Sophie und Doktor und Mrs. Strong waren die einzigen Gäste bei unsrer stillen Trauung. Wir verließen sie voller Freude und fuhren zusammen nach London. In meinen Armen hielt ich jetzt die Quelle von jedem würdigen Streben, das mich erfüllt hatte: den Mittelpunkt meines Selbst, den Umkreis meines Lebens, meine teure, teure Gattin, und meine Liebe zu ihr war auf einen Felsen gegründet!

»Bester Mann!« sagte Agnes. »Jetzt, wo ich dir diesen Namen geben darf, habe ich dir noch etwas zu sagen.«

»Was ist es, Geliebte?«

»Es hängt mit dem Abend zusammen, wo Dora starb. Sie ließ mich durch dich rufen.«

»Ja.«

»Sie sagte mir, daß sie mir ein Vermächtnis hinterließe. Hast du erraten, was es war?«

Ich glaubte, ich könnte es. Ich zog das Weib, das mich so lange geliebt, dichter an mich.

»Sie sagte, sie habe eine letzte Bitte an mich, und hinterlasse mir einen letzten Auftrag –«

»Und der war? –«

»Daß nur ich an diese leere Stelle treten möchte.«

Und Agnes legte ihr Haupt an meine Brust und weinte, und ich weinte mit ihr, obgleich wir so glücklich waren.

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