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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Sechzigstes Kapitel.

Agnes.

Als ich und meine Tante allein waren, unterhielten wir uns bis spät in die Nacht hinein. Wie die Auswanderer nie anders als hoffnungsvoll und guter Dinge nach Hause schrieben, wie Mr. Micawber wirklich zu verschiedenen Malen kleine Summen Geld geschickt hätte zur Tilgung der pekuniären Verpflichtungen, die er so geschäftsmäßig übernommen hatte, wie es sich »zwischen Männern geziemt«, wie Janet, die bei ihrer Rückkehr nach Dover wieder zu meiner Tante in Dienst getreten war, endlich ihrer Lossagung vom Menschengeschlecht damit die Krone aufgesetzt, daß sie einen wohlhabenden Wirt geheiratet, und wie auch meine Tante diesem großen Prinzip die Krone aufgesetzt, indem sie die Braut in ihrem Vorhaben bestärkt und die Trauung mit ihrer Anwesenheit beehrt hätte.

Dies und vieles andere, was mir zum Teil schon durch die von Hause erhaltenen Briefe mehr oder weniger bekannt war, besprachen wir jetzt ausführlich. Mr. Dick wurde natürlich nicht vergessen. Meine Tante erzählte mir, daß er alles, was ihm in die Hände komme, abschreibe, und durch diese scheinbare Beschäftigung den unsterblichen König Karl den Ersten in achtungsvoller Entfernung halte, daß es eine der Hauptbelohnungen ihres Lebens sei, weil er anstatt in gezwungener Einsamkeit zu vertrauern, in Freiheit und glücklich sei, und setzte als neue allgemeine Schlußfolgerung hinzu, daß nur sie allein vollständig wissen könne, was an dem Manne sei.

»Und wann wirst du nach Canterbury gehen, Trot?« fragte meine Tante, und klopfte mich auf die Hand, wie wir in unserer alten Weise vor dem Feuer saßen.

»Ich werde ein Pferd nehmen und morgen früh hinüberreiten, wenn du nicht etwa mitfahren willst.«

»Nein!« sagte meine Tante in ihrer kurz angebundenen Weise. »Ich will bleiben, wo ich bin.«

»Dann werde ich reiten«, sagte ich. »Wenn ich zu jemand anders gereist wäre, hätte ich heute nicht durch Canterbury fahren können, ohne anzuhalten.«

Das freute sie, aber sie antwortete: »Nicht doch, Trot, meine alten Knochen hätten auch bis morgen zusammengehalten!« und klopfte mich wieder sanft auf die Hand, während ich gedankenvoll ins Feuer sah.

Gedankenvoll, denn ich konnte nicht wieder hier sein, und so ganz in der Nähe von Agnes, ohne daß die schmerzlichen Gedanken in mir auflebten, die mich so lange beschäftigt hatten. »Ach Trot, blind, blind, blind!« schien meine Tante wieder zu sagen, und ich verstand sie jetzt besser –

Wir schwiegen beide mehrere Minuten lang. Als ich meine Augen wieder erhob, sah ich, daß sie mich aufmerksam beobachtete. Vielleicht folgte sie meinen Gedanken, denn sie waren jetzt leicht zu verfolgen, so launenhaft sie früher gewesen waren.

»Ihren Vater wirst du als weißköpfigen Greis wiederfinden,« sagte meine Tante, »obgleich er in allen Hinsichten besser ist – ein wiedergewonnener Mensch. Du wirst auch nicht mehr hören, daß er alle menschlichen Interessen und Freuden und Schmerzen nach seinem kleinen Zollstabe mißt. Glaube mir, Kind, solche Sachen müssen sehr zusammenschrumpfen, ehe sie sich in dieser Weise messen lassen.«

»Das glaube ich wohl«, sagte ich.

»Und sie«, fuhr meine Tante fort, »wirst du so gut, so schön, so voll Innigkeit und Uneigennützigkeit wiederfinden, wie sie immer war. Wenn ich ein größeres Lob kennte, Trot, ich würde ihrer damit gedenken.«

Es gab kein größeres Lob für sie; keinen größern Vorwurf für mich. Ach, warum hatte ich mich so weit verirrt!

»Wenn sie die Mädchen, die sie unter sich hat, nach ihrem Vorbilde erzieht,« fuhr meine Tante fort, und Tränen traten ihr in die Augen, »so hat sie ihr Leben gut angewendet, nützlich und glücklich, wie sie damals sagte. Wie könnte sie auch anders, als nützlich und glücklich sein.«

»Hat Agnes einen« – dachte ich eigentlich mehr laut, als daß ich sprach.

»Nun, was?« fragte meine Tante kurz.

»Einen Bewerber«, sagte ich.

»Dutzende«, rief meine Tante mit einer Art von entrüstetem Stolz aus. »Sie hätte zwanzigmal heiraten können, seit du fort bist!«

»Das glaube ich«, entgegnete ich. »Das glaube ich. Aber hat sie einen Bewerber, der ihrer würdig ist? Agnes würde sich um keinen andern kümmern.«

Meine Tante saß eine Zeitlang nachdenklich da, das Kinn auf die Hand gestützt. Dann erhob sie langsam die Augen, sah mich an und sagte: »Ich vermute, daß sie eine Neigung hat, lieber Trot.«

»Eine glückliche?« fragte ich.

»Trot,« entgegnete meine Tante mit großem Ernst, »das kann ich dir nicht sagen. Selbst nur soviel zu sagen, habe ich kein Recht. Sie hat mir das nie anvertraut, aber ich vermute es.«

Sie sah mich so aufmerksam und teilnehmend an – ich bemerkte sogar, daß sie zitterte, – daß ich jetzt mehr als je fühlte, daß sie vorhin meine Gedanken verfolgte. Ich nahm alle Entschlüsse, die ich in diesen vielen Tagen und Nächten und in vielen Kämpfen meines Herzens gefaßt hatte, zusammen.

»Wenn es sich so verhält,« fing ich an, »und ich hoffe, es ist der Fall –«

»Ich weiß nicht, daß es der Fall ist«, sagte meine Tante kurz, »Du darfst dich nicht nach meinen Vermutungen richten. Du mußt sie geheimhalten. Sie sind vielleicht unbegründet. Ich habe kein Recht, darüber zu sprechen.«

»Wenn es der Fall ist,« wiederholte ich, »so wird es mir Agnes seinerzeit sagen. Eine Schwester, der ich soviel anvertraut habe, Tante, wird nicht karg mit ihrem Vertrauen gegen mich sein.«

Meine Tante wendete ihre Augen so langsam von mir, als sie sie auf mich gewendet hatte, und deckte sie mit der Hand gedankenvoll zu. Etwas später legte sie ihre Hand auf meine Schulter, und so saßen wir beide da und schauten in die Vergangenheit zurück, ohne ein Wort miteinander zu sprechen, bis wir uns gute Nacht sagten.

Frühzeitig am andern Morgen ritt ich nach dem Schauplatz meiner Schulzeit. Ich kann nicht sagen, daß ich so ganz glücklich war in der Hoffnung, einen Sieg über mich selbst zu erringen, selbst bei der Aussicht, ihr Antlitz so bald wiederzusehen.

Die wohlbekannte Umgebung lag bald hinter mir, und ich kam in die stillen Straßen, wo mir jeder Stein ein Kinderbuch war. Ich ging zu Fuß nach dem alten Hause und kehrte wieder um, weil mein Herz zu voll war, um einzutreten. Ich kam wieder, und als ich im Vorbeigehen durch die niedrigen Fenster des runden Zimmers blickte, wo zuerst Uriah Heep und später Mr. Micawber gesessen hatten, sah ich, daß es jetzt ein kleines Wohnzimmer war, und kein Bureau mehr.

Sonst war das ehrwürdige alte Haus in seiner Reinlichkeit und Ordnung noch ganz so, wie ich es zum erstenmal gesehen hatte. Ich trug dem neuen Mädchen, das mich einließ, auf, Miß Wickfield zu sagen, daß ein Herr da sei, im Auftrage eines Freundes im Auslande, und sie führte mich die dunkle alte Treppe hinauf – sie warnte mich vor den mir wohlbekannten Stufen – in das noch unveränderte Empfangzimmer. Die Bücher, die Agnes und ich zusammen gelesen hatten, standen noch auf ihren Brettern, und das Pult, an dem ich manchen Abend meine Schularbeiten gemacht hatte, stand noch auf derselben Ecke des Tisches. Alle die kleinen Veränderungen, die sich, während Heeps hier gewohnt, eingeschlichen hatten, waren wieder beseitigt. Alles war, wie es in der guten alten Zeit gewesen.

Ich stand in einer Fensternische, blickte über die alte Straße nach den gegenüberliegenden Häusern und erinnerte mich daran, wie ich sie, als ich zuerst hierher kam, an regnerischen Nachmittagen beobachtet hatte, und wie ich über die Leute, die an einem Fenster erschienen, nachdachte und ihnen mit meinen Augen treppauf treppab folgte, während die Frauen mit Holzschuhen über das Pflaster klapperten und der eintönige Regen in schrägen Linien herabfiel, aus der Dachrinne stürzte und auf die Straße floß. Das Gefühl, mit dem ich die Wanderburschen oder Herumstreicher beobachtet hatte, wenn sie an regnerischen Abenden beim Dunkelwerden in die Stadt kamen und vorbeihumpelten, mit ihren triefenden Bündeln, die sie am Stockende auf den Schultern trugen, überkam mich wieder lebhaft, und darein mischte sich wieder der Geruch der feuchten Erde, der nassen Blätter und Gesträuche, und selbst die Luft meinte ich zu verspüren, die mich während meiner eigenen mühevollen Wanderschaft angeweht hatte.

Das Aufgehen der kleinen Tür in der getäfelten Wand schreckte mich aus meinem Brüten auf, und veranlaßte mich, mich umzuwenden. Ihre schönen und klaren Augen begegneten den meinen. Sie blieb stehen und legte die Hand aufs Herz, und ich schloß sie in meine Arme.

»Agnes! liebe Agnes! ich habe dich so unvorbereitet erschreckt!«

»Nein, nein! ich bin ja so froh, dich zu sehen, Trotwood!«

»Liebe Agnes, welches Glück es für mich ist, dich wiederzusehen!«

Ich drückte sie an meine Brust, und eine kleine Weile lang schwiegen wir beide. Dann setzten wir uns nebeneinander hin, und ihr Engelsgesicht blickte mich an mit dem Willkommen, von dem ich ganze Jahre lang wachend und schlafend geträumt hatte.

Sie war so wahr, sie war so schön, sie war so gut und treu – ich schuldete ihr so viel Dankbarkeit, sie war mir so teuer, daß ich keine Worte für meine Empfindungen finden konnte. Ich versuchte, ihr zu danken, versuchte, ihr zu sagen – wie ich es oft schon in Briefen getan hatte, – welchen Einfluß sie auf mich gehabt: aber alle meine Bemühungen waren vergeblich. Meine Liebe und meine Wonne waren stumm.

Doch mit der ihr eigenen lieblichen Ruhe beschwichtigte sie meine Aufregung, führte mich zurück zu der Zeit unsres Abschiedes, erzählte mir von Emilie, die sie im geheimen vielmals besucht hatte, und sprach mit zartem Mitleid von Doras Grabe. Mit dem nie fehlgreifenden Takte ihres edlen Herzens berührte sie die Saiten meines Gedächtnisses so sanft und harmonisch, daß auch nicht eine verstimmt klang: ich konnte der trauervollen fernen Musik zuhören, ohne daß sie mir Schmerz machte. Wie konnte es auch sein, wenn in alles ihr teures Selbst, der bessere Engel meines Lebens, innig verwebt war?

»Und du, Agnes,« sagte ich endlich, »erzähle mir von dir. Du hast mir noch kein Wort gesagt, wie du die ganze Zeit über gelebt hast.«

»Was soll ich dir erzählen«, gab sie mir mit ihrem glücklichen Lächeln zur Antwort. »Der Vater befindet sich wohl. Du findest uns hier friedlich und still in unserm alten Hause, unsre Sorgen sind zu Ende, unsre alte Umgebung ist uns wieder geschaffen, und wenn du das weißt, lieber Trotwood, weißt du alles.«

»Alles, Agnes?« fragte ich.

Sie sah mich an, wie mir vorkam nicht ganz ohne Erregung.

»Weiter nichts, Schwester?« fragte ich.

Das Blut in ihren Wangen, das eben geschwunden war, kam wieder und schwand wieder. Sie lächelte, wie mir schien, mit einer stillen Wehmut und schüttelte den Kopf.

Ich hatte versucht, sie auf den von meiner Tante angedeuteten Gegenstand zu bringen, denn so tief schmerzlich es auch für mich sein mußte, dieses Geheimnis zu vernehmen, mußte ich doch mein Herz verhärten und meine Pflicht gegen sie tun. Ich sah jedoch, daß sie peinlich davon berührt wurde, und gab es auf.

»Du hast viel zu tun, liebe Agnes?«

»Mit meiner Schule?« fragte sie, und blickte mich wieder mit der alten heitern Fassung an.

»Ja. Es ist anstrengende Arbeit, nicht wahr?«

»Aber diese Arbeit ist mir so angenehm,« gab sie zurück, »daß es kaum dankbar ist, wenn ich sie so nenne.«

»Nichts Gutes ist schwer für dich«, bemerkte ich.

Wieder wechselte sie die Farbe, und wieder sah ich dasselbe trübe Lächeln, wie sie den Kopf senkte.

»Du wartest doch, bis mein Vater wiederkommt?« sagte Agnes heiter, »und schenkst uns den ganzen Tag? Vielleicht schläfst du gern in deinem eigenen Zimmer? Wir nennen es immer noch dein Zimmer.«

Das ging nicht an, denn ich hatte meiner Tante versprochen, heute nacht noch zurückzukehren, aber mit Freuden wollte ich den Tag bei ihr bleiben.

»Ich bin noch für kurze Zeit beschäftigt,« sagte Agnes, »aber hier sind die alten Bücher, Trotwood, und die alten Musikalien.«

»Selbst die alten Blumen sind noch da,« bemerkte ich, und sah mich um, »wenn auch nicht dieselben Stöcke.«

»Ich habe während deiner Abwesenheit ein Vergnügen darin gesucht,« gab Agnes lächelnd zur Antwort, »alles so zu erhalten, wie es während unserer Kinderzeit war. Denn wir waren damals sehr glücklich, glaube ich.«

»Das kann der Himmel bezeugen!« meinte ich.

»Und jede Kleinigkeit, die mich an meinen Bruder erinnerte,« fuhr Agnes fort, und ihre heiteren Augen ruhten treuherzig auf mir, »war mir ein willkommener Gefährte. Selbst dieses«, sagte sie, und zeigte mir das Körbchen mit Schlüsseln, das immer noch an ihrer Seite hing, »scheint mir eine alte Melodie zu klingeln!«

Sie lächelte wieder und verließ durch die Tür, durch die sie eingetreten war, das Zimmer.

Mir lag es ob, diese schwesterliche Liebe mit frommer Sorgfalt zu hüten. Es war alles, was ich mir durch meine eigenen Handlungen übriggelassen hatte, und es war ein großer Schatz. Wenn ich einmal an den Grundlagen dieses heiligen Vertrauens rüttelte und an der Gewohnheit, kraft deren es mir zuteil geworden, so war es verloren und konnte nie wieder erworben werden. Ich hielt mir das beständig vor. Je mehr ich sie liebte, je mehr ziemte es mir, das nie zu vergessen.

Ich ging durch die Straßen spazieren, und da ich auch meinen alten Gegner, den Fleischer sah, jetzt Konstabler, denn der Amtsstab hing im Laden – so ging ich auch nach dem Platze, wo wir geboxt hatten, und dachte dort an Miß Shepherd und die älteste Miß Larkins und an alle die leeren Liebschaften und flüchtigen Feindschaften jener Zeit. Nichts schien diese Zeit überlebt zu haben, als eins, und Agnes, immer ein Stern über mir, strahlte heller und höher.

Als ich zurückkehrte, war Mr. Wickfield nach Hause gekommen. Er war, wie fast täglich, in einem Garten beschäftigt gewesen, den er außerhalb der Stadt hatte. Ich fand ihn ganz so, wie ihn meine Tante beschrieben hatte. Wir setzten uns mit einem halben Dutzend kleiner Mädchen zum Essen, aber er schien nur noch der Schatten seines schönen Bildes an der Wand zu sein.

Der stille Frieden, der von alters her mit diesen Räumen in meinen Erinnerungen verbunden war, durchdrang sie wieder. Da nach dem Essen Mr. Wickfield keinen Wein trank, und ich keinen wünschte, so gingen wir gleich hinauf, wo Agnes und ihre kleinen Schülerinnen sangen, spielten und arbeiteten. Nach dem Tee verließen uns die Kinder, und wir drei setzten uns zusammen und sprachen von alten Zeiten.

»Mein Anteil daran«, sagte Mr. Wickfield und schüttelte sein weißes Haupt, »ist für mich eine Ursache der tiefsten Reue und größten Zerknirschung, Trotwood, wie Sie wissen. Aber ich möchte es nicht ungeschehen machen, wenn es in meiner Macht stände.«

Ich mochte das gern glauben, wenn ich in das Antlitz ihm zur Seite sah.

»Ich müßte damit«, fuhr er fort, »solche Ergebung, solche Treue, solche Kindesliebe ungeschehen machen, wie ich sie nicht vergessen darf, o nein! Selbst wenn ich mich vergessen könnte.«

»Ich verstehe Sie, Sir,« sagte ich leise. »Ich empfinde für diese Engelstugenden – und habe das immer getan – die größte Verehrung.«

»Aber niemand weiß es, selbst Sie nicht,« erwiderte er, »wieviel sie getan hat, wieviel sie ertragen, wie hart sie gekämpft hat. Meine liebe Agnes!«

Sie hatte ihre Hand flehend auf seinen Arm gelegt, um ihm Einhalt zu tun, und sah sehr, sehr blaß aus.

»Ja, ja!« sagte er mit einem Seufzer, und damit, wie ich es damals ansah, von irgend einer schmerzlichen Prüfung ablenkend, die sie ertragen oder noch zu tragen hatte, und die ich in Verbindung mit dem brachte, was meine Tante mir mitgeteilt hatte.

»Nun! Ich habe Ihnen nie von ihrer Mutter erzählt, Trotwood. Hat es sonst wer getan?«

»Nein, Sir.«

»Es ist nicht viel – obgleich es viel Leid war. Sie heiratete mich gegen den Wunsch ihres Vaters, und er verstieß sie. Sie bat ihn, ihr zu vergeben, ehe meine Agnes auf die Welt kam. Er war ein sehr harter Mann, und ihre Mutter war lange tot. Er wies sie zurück. Es brach ihr das Herz.«

Agnes lehnte an seiner Schulter und schlang leise ihren Arm um seinen Hals.

»Sie hatte ein liebevolles und weiches Herz,« sagte er, »und es brach unter diesem Schlage. Ich kannte ihre zärtliche Natur sehr gut. Niemand kannte sie, wenn nicht ich. Sie liebte mich innig, aber sie war nie glücklich. Sie quälte und marterte sich im geheimen mit diesem Kummer ab, und da sie leidend und niedergeschlagen zur Zeit dieser letzten Abweisung war – denn es war nicht die erste, die sie erhalten hatte – siechte sie dahin und starb. Sie hinterließ mir Agnes, zwei Wochen alt – und das graue Haar, dessen Sie sich noch erinnern werden, als Sie zum erstenmal zu uns kamen.«

Er küßte Agnes auf die Wange.

»Meine Liebe zu meinem teuren Kinde war eine krankhafte. Aber mein gesamter Seelenzustand war damals ein ungesunder. Nichts mehr davon. Ich spreche nicht von mir selbst, Trotwood, sondern von ihr und ihrer Mutter. Wenn ich Ihnen einen Aufschluß dafür gebe, was ich bin oder was ich gewesen bin, so werden Sie sich leicht alles enträtseln können, das weiß ich! Was Agnes ist, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Ich habe in ihrem Charakter immer etwas von dem Schicksal ihrer armen Mutter gelesen, und ich erzähle es Ihnen heute abend, wo wir drei nach so großen Veränderungen wieder allein beisammen sind. Ich habe jetzt alles gesagt.«

Sein gebeugtes Haupt, ihr Engelantlitz, ihre kindliche Liebe erschienen heute viel rührender als je zuvor. Dies würde mir, wenn es dessen bedurft hätte, diesen Abend unserer Wiedervereinigung für immer ins Gedächtnis eingeprägt haben.

Nach einer kurzen Weile stand Agnes auf, ging leise nach dem Piano und spielte ein paar von den alten Melodien, denen wir so oft in diesem Zimmer zugehört hatten.

»Beabsichtigst du, England wieder zu verlassen?« fragte mich Agnes, als ich neben ihr stand.

»Was meint meine Schwester dazu?«

»Ich hoffe nicht!«

»Dann beabsichtige ich es nicht, Agnes.«

»Ich glaube, du solltest es nicht tun, Trotwood, da du mich einmal fragst«, sagte sie sanft. »Dein wachsender Ruf erweitert dein Vermögen, Gutes zu tun, und wenn ich meinen Bruder entbehren könnte, könnte es vielleicht die Zeit nicht«, sagte sie mit einem Blick auf mich.

»Du hast mich zu dem gemacht, was ich bin, Agnes. Das solltest du am besten wissen.«

»Ich dich dazu gemacht, Trotwood?«

»Ja, Agnes, liebes Mädchen!« antwortete ich und beugte mich über sie. »Als wir heute beisammen saßen, versuchte ich, dir etwas zu sagen, was mir nicht aus den Gedanken gekommen ist, seit Doras Tode. Du weißt noch, als du zu mir in unser kleines Zimmer tratest – und aufwärts wiesest, Agnes?«

»Ach, Trotwood!« entgegnete sie, die Augen mit Tränen gefüllt. »So liebevoll, so vertrauensvoll und so jung! Kann ich das jemals vergessen?«

»So wie du damals vor mir standest, habe ich seitdem oft gedacht, bist du immer für mich gewesen, Schwester. Du wiesest immer nach oben, Agnes; du führtest mich immer zu etwas Besserem, du zeigtest mir immer Höheres.«

Sie schüttelte nur den Kopf; durch ihre Tränen sah ich das alte wehmütige Lächeln.

»Und ich bin dir dafür so dankbar, Agnes, so verpflichtet, daß ich keinen Namen für die Hingebung meines Herzens habe. Ich will, daß du es weißt, obgleich ich nicht weiß, wie ich dir das sagen soll, daß ich mein ganzes Leben lang zu dir hinaufblicken und von dir geleitet sein will, wie du mich durch die Nacht geleitet hast, die vorüber ist. Was auch geschehen möge, welche neue Bande du knüpfen mögest, welche Veränderungen zwischen uns treten mögen, immer werde ich nach dir schauen, immer werde ich dich lieben, wie jetzt und wie von jeher. Stets wirst du mir ein Trost und eine Hilfe sein, wie du es immer warest. Bis ich sterbe, teuerste Schwester, werde ich dich immer vor mir sehen, nach oben deutend!«

Sie reichte mir ihre Hand und sagte mir, sie sei stolz auf mich und auf das, was ich eben gesagt hätte; obgleich ich sie weit über ihr Verdienst lobe. Dann spielte sie leise weiter, aber ohne ihre Augen von mir zu wenden.

»Weißt du, Agnes, was ich heute abend gehört habe,« sagte ich, »scheint wunderbarerweise ein Teil von dem Gefühl zu sein, mit dem ich dich betrachtete, als ich dich zuerst sah, mit dem ich neben dir in meiner ersten Schulzeit saß.«

»Du wußtest, daß ich keine Mutter hatte,« antwortete sie mit einem Lächeln, »und warst deshalb teilnahmsvoll gegen mich gesinnt.«

»Mehr als das, Agnes. Ich wußte, fast als hätte ich diese Geschichte gekannt, daß dich etwas unaussprechlich Liebevolles und Sanftes umgab, etwas, das bei einem andern hätte traurig erscheinen können – wie ich es jetzt kennen gelernt habe, – aber bei dir war es nicht so.«

Sie spielte leise weiter und sah mich immer noch an.

»Wirst du mich auslachen, daß ich mich solchen Träumen hingebe, Agnes?«

»Nein!«

»Oder wenn ich sage, daß ich wirklich damals zu fühlen glaubte, daß du, aller Entmutigung zum Trotz, in treuer Zuneigung ausharren würdest, und deine Liebe nur mit deinem Leben aufhören könnte? Wirst du einen solchen Traum belächeln?«

»O nein! O nein!«

Einen Augenblick lang schwebte ein schmerzlicher Schatten über ihr Gesicht, aber er war schon verschwunden, als ich sie überrascht ansah; und sie spielte weiter und sah mich wieder an mit ihrem ruhigen Lächeln.

Wie ich in der einsamen Nacht nach Hause ritt, und der Wind an mir vorüberzog wie eine ruhelose Erinnerung, da dachte ich daran, und konnte mich nicht von der Befürchtung befreien, daß sie nicht glücklich sei. Auch ich war nicht glücklich; aber soweit hatte ich getreulich mit der Vergangenheit abgeschlossen, und dachte mir sie, wie sie nach jenem Himmel über mir wies, wo ich sie in der uns unenträtselbaren Zukunft vielleicht mit einer auf Erden unbekannten Liebe lieben und ihr sagen könnte, welchen Kampf ich in mir durchgekämpft hatte, als ich sie hienieden liebte.

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