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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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Neunundfünfzigstes Kapitel.

Die Rückkehr.

Ich stieg in London an einem winterähnlichen Herbstabend ans Land. Es regnete und war finster, und ich sah in einer Minute mehr Nebel und Schmutz, als ich in einem Jahre gesehen hatte. Ich mußte vom Zollhause bis zum Monument gehen, ehe ich einen Mietwagen fand; und obgleich mich die Häuser, die auf die überlaufenden Straßenrinnen herabblickten, wie alte Freunde ansahen, mußte ich doch zugeben, daß es sehr schmutzig aussehende Freunde waren.

Ich habe oft bemerkt – und ich vermute, es ergeht jedem so – daß, sobald wir einen uns wohlvertrauten Ort verlassen, dies das Signal zu seiner Veränderung zu sein scheint. Als ich aus dem Wagenfenster sah und bemerkte, daß ein altes Haus auf Fishstreet Hill, das seit einem Jahrhundert weder Maler noch Zimmermann und Maurer berührt hatte, in meiner Abwesenheit niedergerissen war, und daß eine benachbarte Straße, die von alters her ein Anrecht auf Unsauberkeit und Mangel an Bequemlichkeit zu haben schien, entwässert und erweitert wurde, erwartete ich halb und halb, auch die Kathedrale von St. Paul verändert zu finden.

Auch auf einige Veränderungen in den Verhältnissen meiner Freunde war ich gefaßt. Meine Tante hatte sich längst wieder in Dover eingelebt, und Traddles hatte schon in der ersten Sessionszeit nach meiner Abreise einige Praxis als Advokat erlangt. Er hatte jetzt sein Bureau in Graysinn, und hatte mir in seinen letzten Briefen geschrieben, daß er nicht ohne Hoffnung sei, bald mit dem geliebtesten Mädchen von der Welt verbunden zu werden.

Sie erwarteten mich noch vor Weihnachten, aber ahnten nicht, daß ich so bald zurückkehren würde. Ich hatte ihnen absichtlich nichts davon geschrieben, weil ich mir das Vergnügen machen wollte, sie zu überraschen. Und dennoch war ich töricht genug, mich getäuscht und verstimmt zu fühlen, daß ich keinen Willkommen fand, und allein und schweigend durch die nebligen Straßen fahren mußte.

Aber die alten bekannten Läden mit ihrem heitern Lichterglanz frischten mich wieder etwas auf; und als ich vor dem Kaffeehaus in Graysinn ausstieg, war ich nicht mehr verstimmt. Das Haus erinnerte mich zuerst an die so ganz verschiedene Zeit, wo ich im Goldenen Kreuz abgestiegen war, und an die Veränderungen, die sich seit der Zeit ereignet hatten; aber das war natürlich.

»Wissen Sie, wo Mr. Traddles wohnt?« fragte ich den Kellner, als ich mich an dem Kamin des Speisezimmers wärmte.

»Holborn Court, Nummer zwei«, antwortete der Kellner.

»Mr. Traddles Ruf ist unter den Advokaten im Wachsen, glaube ich«, sagte ich.

»Das ist wohl möglich, Sir,« entgegnete der Kellner, »ich selber weiß nichts davon.«

Dieser Kellner, ein hagerer Mann in mittleren Jahren sah sich nach der Unterredung fragend nach einem Kellner von mehr Autorität um – einem dicken, stattlichen Manne mit einem Doppelkinn, mit schwarzen Strümpfen und Kniehosen, der aus einem Verschlage am Ende des Speisesaals kam, der einem Kirchenstuhl glich. Hier hauste er mit einem Geldkasten, einem Adreßkalender, einem Advokatenverzeichnis und andern Büchern und Papieren.

»Mr. Traddles,« sagte der hagere Kellner, »Nummer zwei, im Hofe.«

Der Kellner von wichtigem Aussehen winkte ihm ab, und wandte sich voll Würde an mich.

»Ich fragte«, sagte ich, »ob Mr. Traddles in Nummer zwei im Hofe ein Mann ist, dessen Ansehen bei den Advokaten im Wachsen ist.«

»Habe nie seinen Namen gehört«, meinte der Kellner mit einer vollen, etwas heisern Stimme.

Ich fühlte mich in Traddles Namen ordentlich gedemütigt.

»Er ist wohl noch ein junger Mann«, fragte der Kellner, und musterte mich mit strengen Augen. »Wie lange hat er die Advokatur?«

»Noch nicht über drei Jahre«, erwiderte ich.

Der Kellner, der wohl seine vierzig Jahre in seinem Kirchenstuhlverschlage gesessen haben mochte, konnte einen so unbedeutenden Gegenstand nicht weiter verfolgen. Er fragte mich, was ich zu Mittag essen wolle?

Ich fühlte, daß ich wieder in England war, und war wegen Traddles wirklich ganz niedergedrückt. Er schien auch gar keine Aussicht zu haben. Bescheiden bestellte ich Fisch und dann Beefsteak, und stand vor dem Feuer, in Gedanken mit meines Freundes bescheidener Stellung beschäftigt.

Als ich dem Oberkellner mit den Augen folgte, konnte ich den Gedanken nicht unterdrücken, daß der Garten, in dem er allmählich zu dieser Blume herangewachsen war, ein schwieriger Boden sein müsse: so verjährt, steifnackig, altgewohnt, feierlich und ältlich sah er aus. Ich blickte mich im Zimmer um, dessen Fußboden unzweifelhaft genau in derselben Weise mit Sand bestreut wurde wie damals, als der Oberkellner noch ein Junge war – wenn er je ein Junge gewesen war, was aber unwahrscheinlich schien – und sah auf die glänzend polierten Tische, in deren durch kein Untätchen entstellten Mahagoniplatten ich mich spiegelte, und blickte auf die tadellos gereinigten und geputzten Lampen, und auf die behaglichen grünen Vorhänge, die an saubern Messingstäben die besonderen Kabinette traulich verhüllten, und ich betrachtete die beiden großen, hellflackernden Kohlenfeuer und die Reihen von Humpen, die sich aufblähten in dem Bewußtsein, unter sich Fässer mit kostbarem altem Portwein zu haben, und ich hatte die Empfindung, als sei sowohl England wie die ganze Juristerei schwer im Sturm zu nehmen. Ich ging sodann hinauf in mein Schlafzimmer, um meine nassen Kleider zu wechseln, und die große Ausdehnung des alten, getäfelten Gemachs – das, wie ich mich erinnere, über dem großen gewölbten Torweg des Gasthofs lag – und die ehrfurchterweckende Riesengröße des Himmelbettes, der unerschütterliche Ernst der Kommode, alles dies schien sich zu vereinigen, um stirnrunzelnd das Geschick von Traddles oder irgend eines wagehalsigen Jünglings zu bedrohen. Ich ging wieder hinab, um mein Mittagsbrot zu verzehren, und selbst der langweilige Komfort des Mahles und das gesittete Schweigen des Lokals – das ganz leer von Gästen war, da die großen Ferien noch nicht zu Ende waren – sprachen beredt gegen Traddles' Dreistigkeit und seine bescheidenen Hoffnungen auf eine Einnahme in den nächsten zwanzig Jahren.

Ich hatte nichts dem ähnliches gesehen, seitdem ich abgereist war, und dies schlug meine Hoffnungen für den Freund gänzlich nieder.

Der Oberkellner hatte auch genug von mir. Er kam mir nicht mehr zu nahe, sondern widmete sich ganz einem alten Herrn in langen Gamaschen, für den eine ganz besondere Flasche Port freiwillig aus dem Keller heraufgekommen zu sein schien, denn er hatte sie nicht bestellt. Der zweite Kellner erzählte mir flüsternd, daß dieser alte Herr ein in der Nähe wohnender Notar sei, der sich zur Ruhe gesetzt habe. Er sei steinreich, und werde wahrscheinlich sein Vermögen der Tochter seiner Waschfrau hinterlassen; auch gehe das Gerücht, daß er sein ganzes silbernes Service, ganz blind geworden vom langen Liegen, in einem Schranke habe, obgleich sterbliche Augen nie mehr als einen silbernen Löffel und eine silberne Gabel in seiner Wohnung gesehen hätten. Jetzt gab ich Traddles ganz verloren, und war innerlich überzeugt, daß für ihn keine Hoffnung mehr übrig war.

Da ich jedoch meinen lieben alten Freund gar zu gern sehen wollte, fertigte ich mein Mittagessen in einer Weise ab, die nicht geeignet war, mich in der Achtung des Oberkellners zu heben, und eilte zu einer Hintertür hinaus. Nummer zwei im Hofe war bald erreicht; und da mich ein Schild an der Tür benachrichtigte, daß die Bureaustube von Mr. Traddles im obersten Stock sei, stieg ich die Treppe hinauf. Es war eine alte gebrechliche Treppe, auf jedem Absatz schwach erleuchtet von einem kleinen dickköpfigen Docht, der in einem kleinen Kerker von schmutzigem Glas hinstarb.

Während meines Hinaufstolperns glaubte ich ein angenehmes Lachen zu hören; es war nicht das Lachen eines Notars, oder eines Advokaten, oder eines Advokatenschreibers, sondern das Lachen von zwei oder drei lustigen Mädchen. Da ich jedoch, als ich stillstand, um zu lauschen, zufällig mit dem Fuße in ein Loch kam, wo die ehrenwerte Gesellschaft von Graysinn ein schadhaftes Brett nicht ausgebessert hatte, fiel ich mit einigem Lärm hin, und als ich aufstand, war alles still.

Nun tappte ich vorsichtig weiter, und mein Herz klopfte laut, als die Wohnungstür, mit einem Schilde mit Mr. Traddles' Namen, offen stand. Ich klopfte. Man hörte drinnen das Geräusch von eiligen Schritten und Tritten, aber weiter nichts. Ich klopfte daher noch einmal.

Ein kleiner Bursche mit pfiffigem Gesicht trat heraus, halb Laufbursche und halb Schreiber, der außer Atem war, mich aber ansah, als fordere er mich auf, ihm erst jede etwaige Bemerkung rechtskräftig zu beweisen.

»Ist Mr. Traddles zu sprechen?« fragte ich.

»Ja, Sir, aber er ist beschäftigt.«

»Ich möchte ihn aber sprechen!«

Nachdem er mich eine Weile gemustert hatte, entschloß sich der Bursche mit dem pfiffigen Gesicht, mich einzulassen, machte die Tür zu diesem Zweck weiter auf, und ließ mich erst in ein kleines Kämmerchen von einem Vorsaal, und dann in ein kleines Wohnzimmer treten, wo ich meinen alten Freund – ebenfalls außer Atem – an einem Tische, über Papiere gebeugt, sitzen sah.

»Guter Gott!« rief Traddles, als er aufblickte. »Copperfield!« und stürzte mir in die Arme, in denen ich ihn fest umschlungen hielt.

»Befindet sich alles wohl, lieber Traddles?«

»Alles wohl, mein lieber, lieber Copperfield. Und nichts als gute Nachrichten!«

Wir weinten beide vor Freude. »Lieber Freund,« sagte Traddles, und fuhr sich in seiner Aufregung in den Haaren herum, was eigentlich höchst unnötig war, »liebster Copperfield, mein lang entbehrter und höchst willkommener Freund, wie froh bin ich, dich zu sehen! Und wie gebräunt du aussiehst, und, und – auf Ehre! so habe ich mich noch nie im Leben gefreut – noch nie!«

Ich war ebenfalls nicht imstande, meinem Gefühl Ausdruck zu geben. Anfangs konnte ich gar nicht sprechen.

»Bester Freund!« sagte Traddles. »Und so berühmt geworden! Mein herrlicher Copperfield! Guter Gott, wann bist du gekommen, woher bist du gekommen, was hast du getrieben?«

Ohne auf eine Antwort zu warten, schürte Traddles, der mich in einen Lehnstuhl neben den Kamin gedrückt hatte, die Zeit über mit einer Hand das Feuer, und zog mit der andern an meinem Halstuch, beherrscht von einer abenteuerlichen Täuschung, daß es ein Überrock sei. Ohne das Schüreisen hinzulegen, umarmte er mich wieder, und ich umarmte ihn; und lachend und uns die Augen trocknend, setzten wir uns beide wieder hin, und schüttelten uns noch immer die Hände.

»Wie schade,« sagte Traddles, »daß du so bald nach Hause kommen solltest, lieber alter Freund, und nun nicht einmal bei der Feierlichkeit warst.«

»Bei welcher Feierlichkeit, lieber Traddles?«

»Du lieber Gott!« rief Traddles, und sperrte in seiner alten Weise die Augen auf. »Hast du meinen letzten Brief nicht erhalten?«

»Gewiß nicht, wenn darin von einer Feierlichkeit die Rede war.«

»Liebster Copperfield,« sagte Traddles und strich sich das Haar mit beiden Händen gerade in die Höhe, und legte dann seine Hand auf meine Knie, »ich bin verheiratet!«

»Verheiratet!« rief ich erfreut.

»Jawohl, gottlob!« sagte Traddles – »getraut durch Sr. Ehrwürden Horace mit Sophien – dort unten in Devonshire. Ja, bester Freund, und sie steht ja dort hinter dem Fenstervorhang, sieh nur hin!«

Zu meinem Erstaunen trat das beste Mädchen in diesem Augenblick lachend und errötend aus ihrem Versteck hervor. Und ein froheres, liebenswürdigeres, ehrlicheres, glücklicheres Brautgesicht, glaube ich, hat die Welt nie gesehen, und ich mußte es ihr auch auf der Stelle aussprechen. Ich küßte sie, kraft meines Rechts als alter Bekannter, und wünschte ihr von ganzem Herzen Glück.

»Mein Gott,« sagte Traddles, »welch ein freudiges Wiedersehen! Du bist so schrecklich braun geworden, lieber Copperfield! Mein Gott, wie glücklich bin ich!«

»Und ich auch!« sagte ich.

»Und ich gewiß auch!« sagte die errötende und lachende Sophie.

»Wir sind alle so glücklich wie nur möglich!« sagte Traddles. »Auch die Mädchen sind glücklich. Ach, Himmel, die habe ich ja ganz vergessen!«

»Wen vergessen?« fragte ich.

»Die Mädchen«, sagte Traddles. »Sophies Schwestern. Sie sind bei uns auf Besuch. Sie wollen sich ein bißchen London besehen. Und um die Wahrheit zu gestehen – als du zur Treppe heraufgestolpert kamst, denn das warst du doch, Copperfield?«

»Jawohl«, bekannte ich lachend.

»Nun also, als du die Treppe heraufstolpertest,« sagte Traddles, »spielte ich grade mit den Mädchen; und noch dazu ›der Plumpsack geht rum!‹ Aber da sich das in Westminster-Hall nicht schickt, und es auch nicht sonderlich für einen Advokaten paßt, wenn ein Klient kommt, so sind sie ausgerissen. Und sie horchen jetzt ganz gewiß«, sagte Traddles, und sah nach der Tür eines andern Zimmers.

»Tut mir leid, daß ich eine solche Störung verursacht habe«, bemerkte ich, und lachte wieder.

»Auf mein Wort,« entgegnete Traddles hocherfreut, »wenn du gesehen hättest, wie sie ausrissen und wieder zurückkamen, als du geklopft hattest, um die Kämme zu holen, die sie aus den Haaren verloren hatten, und ganz verschüchtert waren, so würdest du das nicht sagen. Liebe Sophie, willst du die Mädchen holen?«

Sophie trippelte hinaus, und wir hörten gleich darauf, wie sie im Nebenzimmer mit frohem Gelächter begrüßt wurde.

»Wahre Musik, lieber Copperfield, nicht wahr?« sagte Traddles. »Sehr angenehm zu hören. Es heitert ordentlich diese alten Gemächer auf. Für einen alten Junggesellen, der sein ganzes Leben lang an die Einsamkeit gewöhnt war, ist es eine köstliche Erquickung. Es ist reizend. Die armen Mädchen, sie haben viel verloren an Sophie – die, ich versichere es dich, Copperfield, das beste Mädchen ist und immer war! – und es tut mir über alle Maßen wohl, daß sie in so heiterer Stimmung ist. Solch ein Kranz junger Mädchen ist eine sehr angenehme Sache, Copperfield. Es schickt sich eigentlich nicht in einem Advokaten-Bureau, aber es ist sehr angenehm.«

Da ich bemerkte, daß seine Stimme etwas unsicher wurde, und ich wohl begriff, daß sein vortreffliches Herz fürchtete, er hätte mir durch die letzten Worte einigen Schmerz verursachen können, so drückte ich meine Zustimmung mit einer Lebhaftigkeit aus, die ihn offenbar tröstete und freute.

»Aber unsere ganze häusliche Einrichtung«, sagte Traddles, »ist, die Wahrheit zu gestehen, ganz und gar unschicklich für ein Advokaten-Bureau, lieber Copperfield. Selbst daß Sophie hier ist, schickt sich nicht für ein Advokaten-Bureau. Und wir haben keine andere Wohnung. Wir haben uns in einer Nußschale auf das Meer gewagt, aber sind auf alles gefaßt. Und Sophie ist eine so gewandte Hausfrau; du würdest dich wundern, zu sehen, wie sie die Mädchen untergebracht hat – ich weiß wahrhaftig selber kaum, wie sie es zustande gebracht hat.«

»Sind viele von den jungen Damen bei dir zu Besuch?« fragte ich.

»Die älteste ist hier, die Schönheit,« sagte Traddles im leisen vertraulichen Tone, »Karoline. Und Sara ist hier, die, von der ich dir sagte, daß sie etwas mit dem Rückgrat hat. Viel, viel besser geworden! und die zwei jüngsten, die Sophie erzogen hat, sind hier. Und Luise ist da.«

»Wirklich!« rief ich.

»Ja«, sagte Traddles. »Und dennoch, siehst du, besteht die ganze Wohnung nur aus drei Zimmern; aber Sophie hat alles auf das Wunderbarste eingerichtet, und die Mädchen sind für die Nacht ganz vortrefflich untergebracht. Drei schlafen in diesem Zimmer«, sagte Traddles, und wies mit dem Finger auf die Tür, »und zwei in jenem.«

Ich konnte nicht anders, und mußte mich nach dem Platze umsehen, der für Mrs. und Mr. Traddles übrig blieb. Traddles verstand mich.

»Nun ja, Freundchen, wir sind auf alles gefaßt, wie ich vorhin schon sagte,« lächelte Traddles; »und wir versuchten es vorige Woche mit einem Bett auf dem Fußboden hier. Aber oben unter dem Dach ist ein Zimmerchen – ein ganz hübsches Zimmerchen, wenn man erst oben ist – das Sophie, um mich zu überraschen, selbst tapeziert hat; und das ist jetzt unser Schlafzimmer. Es ist ein ganz herrliches Zigeunerplätzchen. Man hat sogar eine Aussicht aus dem Fenster.«

»Und du bist nun glücklich verheiratet, lieber Traddles«, sagte ich. »Wie mich das freut!«

»Ich danke dir, lieber Copperfield«, erwiderte Traddles, als wir uns von neuem die Hände schüttelten. »Ja, ich bin so glücklich, wie es nur möglich ist. Da ist dein alter Freund,« sagte Traddles, und wies mit dem Kopf frohlockend auf den Blumentopf mit dem Untergestell; »und da ist der Tisch mit der Marmorplatte! Die übrigen Möbel sind einfach und bequem, wie du siehst. Und von Silber, du mein Himmel, haben wir auch nicht einen einzigen Teelöffel.«

»Alles das muß erst verdient werden!« sagte ich heiter.

»Sehr wahr,« entgegnete Traddles, »alles muß erst verdient werden. Natürlich haben wir so etwas wie Teelöffel, weil wir unsern Tee umrühren. Aber sie sind von Neusilber.«

»Das Silber wird euch um so mehr Freude machen, wenn es mit der Zeit kommt«, meinte ich.

»Genau das sagen wir auch!« rief Traddles. »Und,« fuhr er fort, indem er wieder in den leisen, vertraulichen Ton fiel, »und siehst du, mein lieber Copperfield, nachdem ich meine Beweisschrift über ›Jipes versus Wigzell‹ eingereicht hatte, was mir große Dienste in meinem Berufe tat, ging ich hinunter nach Devonshire und hatte eine ernste Unterredung unter vier Augen mit Seiner Ehrwürden. Ich betonte die Tatsache, daß Sophie, die, ich versichere dich, Copperfield, das beste Mädchen ist –«

»Sicherlich ist sie das!« sagte ich.

»Das ist sie wirklich!« erwiderte Traddles. »Aber ich fürchte, ich schweife ab. Erwähnte ich nicht Seine Ehrwürden?«

»Du sagtest, daß du die Tatsache betont –«

»Richtig! Die Tatsache, daß Sophie und ich eine lange Zeit verlobt gewesen sind und zwar mit der Erlaubnis ihrer Eltern, und daß Sophie mehr als zufrieden wäre, mich – kurz,« sagte Traddles mit seinem alten freimütigen Lächeln, »mit unsrer augenblicklichen Neusilbergarnitur zu nehmen. Nun gut. Ich machte Seiner Ehrwürden dann den Vorschlag, – er ist nämlich ein ganz ausgezeichneter Geistlicher, Copperfield, und sollte eigentlich Bischof sein oder wenigstens so viel haben, daß er davon leben könnte, ohne darben zu müssen – daß, wenn ich erst über den Berg wäre und, sagen wir, 250 Pfund jährliche Einnahme hätte und fürs nächste Jahr dasselbe oder auch noch etwas mehr, und dabei eine kleine Wohnung, wie diese, einfach möblieren könnte, dann Sophie und ich in diesem Falle heiraten wollten. Ich nahm mir die Freiheit, vorzustellen, daß wir eine hübsche Anzahl von Jahren geduldig gewartet hätten, und daß Sophies außerordentliche Nützlichkeit zu Hause ihre zärtlichen Eltern nicht bestimmen dürfe, sie an ihrer Lebensversorgung zu hindern – meinst du nicht auch?«

»Gewiß sollte das nicht der Fall sein«, sagte ich.

»Ich freue mich, daß du auch so denkst, Copperfield,« erwiderte Traddles, »denn ohne dem ehrwürdigen Herrn zu nahe zu treten, glaube ich doch, daß Eltern, Brüder und so weiter in solchen Fällen manchmal sehr selbstsüchtig sind. Nun, ich wies auch darauf hin, daß ich den lebhaftesten Wunsch hegte, mich der Familie nützlich zu machen, und daß, wenn ich in der Welt vorwärts käme, und ihm – ich meine Seiner Ehrwürden – etwas zustieße –«

»Ich verstehe«, sagte ich.

»Oder Mrs. Crewler – so würde es mir zur höchsten Genugtuung gereichen, den Mädchen ein Vater zu werden. Er antwortete in vortrefflicher Weise, außerordentlich schmeichelhaft für meine Gefühle und unternahm es, die Einwilligung von Mrs. Crewler zu diesem Plane zu erlangen. Sie hatten dann eine schlimme Zeit mit ihr. Es stieg ihr von den Beinen in die Brust und dann in den Kopf –«

»Was stieg?« fragte ich.

»Ihr Kummer«, antwortete Traddles ganz ernsthaft. »Überhaupt die ganze Aufregung. Wie ich schon bei einer frühern Gelegenheit erwähnte, ist sie eine sehr bedeutende Frau, hat aber den Gebrauch ihrer Gliedmaßen verloren. Wenn irgend etwas geschieht, das sie beunruhigt, so wirft es sich auf ihre Beine, aber bei dieser Gelegenheit stieg es ihr in die Brust und dann in den Kopf, kurz, es durchdrang ihren ganzen Körper in einer höchst erschreckenden Weise. Indessen, mit unablässiger und zärtlicher Pflege wurde sie durchgebracht, und gestern vor sechs Wochen heirateten wir. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich als Ungeheuer fühlte, Copperfield, als ich sah, wie die ganze Familie weinte und nach allen Richtungen in Ohnmacht fiel! Mrs. Crewler war es unmöglich, mich vor unserer Abreise zu sehen – sie konnte mir damals noch nicht verzeihen, daß ich sie ihres Kindes beraubte – aber sie ist ein gutes Wesen und hat mir seitdem verziehen. Ich habe erst heute früh einen reizenden Brief von ihr erhalten.«

»Und mit einem Worte, lieber Freund,« sagte ich, »du bist so glücklich, wie du nur verdienst es zu sein!«

»O! das ist dein Vorurteil für mich!« lachte Traddles. »Aber ich gestehe es ein, ich bin ein ganz beneidenswerter Mensch, ich arbeite angestrengt und studiere unermüdlich. Ich stehe um fünf Uhr jeden Morgen auf, und es fällt mir nicht beschwerlich. Den Tag über verstecke ich die Mädchen und sie müssen sich still verhalten, und abends spielen wir kreuzvergnügt miteinander. Und ich versichere dich, es tut mir ordentlich leid, daß sie Dienstag, wo der Michaelistermin beginnt, wieder abreisen; aber da sind die Mädchen« – und jetzt seine vertrauliche Mitteilung abbrechend, sprach er laut, »Mr. Copperfield, Miß Crewler – Miß Sara – Luise – Margarete und Lucy!«

Sie sahen so frisch und gesund aus wie ein Rosenstrauß. Sie waren alle hübsch, und Miß Karoline war wirklich sehr schön; aber in Sophies freundlichem Gesicht lag etwas so Gemütliches, Zärtliches, Häusliches, was noch viel besser war, und mir die Versicherung gab, daß mein Freund gut gewählt habe. Wir nahmen alle um den Kamin Platz, während der Bursche mit dem pfiffigen Gesicht, der, wie ich nun erriet, außer Atem gekommen war, weil er schnell die Aktenstücke auf dem Tische ausgelegt hatte, sie wieder wegräumte und das Teezeug brachte. Dann entfernte er sich für den Abend, indem er die Außentür laut genug zuschlug. Mrs. Traddles, aus deren lieben Augen nur Freude und stille Ruhe strahlten, bereitete den Tee, und röstete dann ganz ruhig in ihrer Ecke am Feuer den Toast.

Sie hätte Agnes besucht, erzählte sie mir unterdessen. Tom hatte mit ihr nach der Hochzeit einen kleinen Ausflug nach Kent gemacht, und dort hatte sie auch meine Tante gesehen, und meine Tante und Agnes befanden sich wohl, und hatten von nichts gesprochen als von mir. »Tom« hätte mich während meiner Abwesenheit beständig im Kopfe gehabt, glaube sie. »Tom« war die Autorität für alles. »Tom« war offenbar der Abgott ihres Lebens, der sich durch nichts auf seinem Thron erschüttern ließ, und dem sie mit dem ganzen Glauben ihres Herzens, komme was da wolle, anhing und huldigte.

Die Ehrerbietung, die sowohl sie, wie Traddles gegen die »Schönheit« an den Tag legte, machte mir viel Vergnügen. Wohl nicht, weil ich das für sehr verständig hielt; aber es kam mir erfreulich vor, und schien mir wesentlich zu ihrem Charakter zu gehören. Wenn Traddles einen Augenblick die noch zu erwerbenden Teelöffel vermißte, so konnte es nur sein, als er der »Schönheit« die Teetasse reichte.

Wenn seine sanftmütige Frau gegen jemand so etwas wie Selbstbewußtsein hätte herauskehren können, so konnte das sicherlich nur deswegen der Fall sein, weil ihre Schwester eine »Schönheit« war. Einige leise Andeutungen launischen Wesens, die ich an der »Schönheit« bemerkte, betrachteten Traddles und seine Gattin offenbar als ihr angebornes Recht, und als eine Gabe der Natur. Wenn jene als Königin der Bienen und sie als Arbeitsbienen geboren worden wären, so hätten sie nicht zufriedener sein können.

Aber dieses Vergessen ihres eigenen Selbst entzückte mich. Ihr Stolz auf die Schwestern, und ihr Nachgeben bei allen ihren Launen, war das hübscheste Zeugnis ihres eigenen Wertes, das ich mir wünschen konnte zu sehen. Wenigstens zwölfmal jede Stunde wurde der »gute, liebste« Traddles von einer oder der andern seiner Schwägerinnen gebeten, das herzubringen oder jenes fortzutragen, oder etwas aufzuheben, oder etwas hinzulegen, oder etwas zu holen, oder etwas zu suchen.

Ebensowenig konnte etwas ohne Sophie geschehen. Der einen ging das Haar auf, und nur Sophie konnte es wieder aufstecken. Die eine konnte sich nicht auf eine bestimmte Melodie besinnen, und nur Sophie kannte diese Melodie. Eine konnte sich nicht auf den Namen eines Ortes in Devonshire besinnen, und nur Sophie wußte ihn. Es war etwas nach Hause zu schreiben, und nur Sophie konnte es übernehmen, am nächsten Morgen vor dem Frühstück zu schreiben. Eine ließ ein paar Maschen fallen, und nur Sophie konnte den Fehler wieder gut machen. Sie waren vollständig Herrinnen im Hause, und Sophie und Traddles warteten ihnen auf. Das beste von allem war, daß alle Schwestern trotz diesen vielfältigen Anforderungen Sophie und Traddles sehr liebten und ihnen große Achtung bezeugten. Als ich Abschied nahm, und Traddles mit fortging, um mich bis an das Kaffeehaus zu begleiten, dachte ich bei mir, nie einen struppigern Haarschopf und einen andern Haarschopf in einem solchen Regen von Küssen gesehen zu haben.

Alles in allem war es ein Anblick, an den ich noch lange mit Vergnügen denken mußte, nachdem ich zurückgekehrt war und Traddles gute Nacht gesagt hatte; und wenn ich tausend blühende Rosen in einer Obergeschoßwohnung des verwitterten Graysinn gesehen hätte, sie würden den Raum nicht halb so freundlich gemacht haben. Der Gedanke an diese Mädchen aus Devonshire mitten unter den trockenen Schreibern und den Bureaus der Advokaten, an den Tee und Toast und an die Kinderlieder in der schrecklichen Atmosphäre von Streusand und Pergament, Aktenbänden, staubigen Oblaten, Tintenfässern, allen Sorten Papier, juristischen Berichten, Klageschriften, Zeugenaussagen und Kostenrechnungen erschien fast wie ein ebenso liebliches Märchen, als wenn ich geträumt hätte, daß jenes Sultans berühmte Familie in das Verzeichnis der Advokaten aufgenommen worden wäre und den sprechenden Vogel, den singenden Baum und das goldene Wasser nach Graysinn gebracht hätte.

Wie es kam, weiß ich nicht, aber es war so: nachdem ich Traddles gute Nacht gesagt hatte und wieder ins Kaffeehaus getreten war, hatte sich mein Mißtrauen in seine Zukunft außerordentlich verändert. Ich fing an zu denken, er werde schon vorwärtskommen, trotz den Prophezeiungen aller Oberkellner in England.

Ich zog mir einen Stuhl vor den Kamin im Speisezimmer, um ruhig über ihn nachzudenken, aber allmählich lenkte sich meine Aufmerksamkeit von der Betrachtung seines Glückes ab; ich sah brütend in die Kohlen, und fing allmählich an, wie sie zusammenbrachen und ihre Gestalt veränderten, die hauptsächlichsten Schicksalsfälle und Bekümmernisse meines Lebens zu überblicken. Ich hatte seit meiner Abreise aus England, vor drei Jahren, kein Steinkohlenfeuer gesehen, obgleich ich manches Holzfeuer beobachtet hatte, wie es in graue Asche zerfiel, die mir in meiner Niedergeschlagenheit nicht unpassend meine erstorbenen Hoffnungen darzustellen schien.

Ich konnte jetzt ernst, aber nicht mit Bitterkeit an die Vergangenheit denken und der Zukunft mutig entgegensehen. Ein Familienleben im eigentlichen Sinne hatte ich nicht mehr. Die, der ich eine innigere Liebe hätte einflößen können, hatte ich gelehrt, sich als meine Schwester zu betrachten; sie würde seinerzeit heiraten, und dann ihre Liebe andern schenken, und würde dann nie wissen, welche Liebe zu ihr in meinem Herzen aufgekeimt gewesen war. Es schien mir ganz in der Ordnung zu sein, daß ich die Strafe für meine leichtsinnige Leidenschaft trug. Was ich erntete, hatte ich gesäet.

Ich brütete noch darüber, ob ich auch wirklich mein Herz dazu geschult hätte, und ob ich es entschlossen ertragen und in ihrem Hause ruhig die Stelle einnehmen könnte, die sie in meinem Hause eingenommen hatte – als ich entdeckte, daß meine Augen auf einem Angesicht ruhten, das sich aus dem Feuer hätte erheben können, in so naher Verbindung stand es mit meinen Jugenderinnerungen.

Der kleine Mr. Chillip, der Arzt, dessen geschickter Hand ich in dem allerersten Kapitel dieser Geschichte Dank schuldig war, saß bei einer Zeitung in dem Schatten einer Ecke mir gegenüber. Er war während dieser Zeit ziemlich alt geworden; da er aber ein sanftes, ruhiges, stilles Männchen war, so hatte der Doktor im Verhältnis zu den langen Jahren scheinbar wenig gealtert, und es kam mir vor, daß er jetzt gerade so aussähe, wie er ausgesehen haben mochte, als er auf meine Geburt wartend, in unserm Wohnzimmer saß.

Mr. Chillip war vor sechs oder sieben Jahren von Blunderstone weggezogen, und ich hatte ihn seitdem nicht wieder gesehen. Er las sehr ruhig seine Zeitung, den Kopf auf eine Seite geneigt und neben sich ein Glas Glühwein. Er war so bescheiden in seinem ganzen Wesen, daß er selbst die Zeitung um Verzeihung zu bitten schien, daß er sich die Freiheit nahm, sie zu lesen.

Ich stand auf, trat vor ihn hin und sagte: »Wie geht es Ihnen, Mr. Chillip?«

Er war sehr erschrocken, so unerwartet von einem Unbekannten angeredet zu werden, und antwortete in seiner langsamen Weise: »Ich danke Ihnen, Sir, Sie sind sehr gütig. Ich danke Ihnen, Sir. Ich hoffe, Sie befinden sich wohl.«

»Können Sie sich auf mich besinnen?« fragte ich.

»Allerdings,« entgegnete Mr. Chillip, und schüttelte mit einem sehr bescheidenen Lächeln den Kopf, »allerdings kommt es mir fast vor, als ob mir Ihr Gesicht etwas Bekanntes hätte; aber auf Ihren Namen könnte ich mich wahrhaftig nicht besinnen.«

»Und doch kannten Sie ihn viel früher, als ich ihn kannte«, gab ich zur Antwort.

»Wirklich, Sir!« sagte Mr. Chillip. »Wäre es möglich, daß ich die Ehre hatte, Dienste zu leisten, als –?«

»Ja«, sagte ich.

»Mein Gott!« rief Mr. Chillip. »Aber jedenfalls haben Sie sich während der Zeit sehr verändert?«

»Wahrscheinlich«, sagte ich.

»Nun, so werden Sie hoffentlich entschuldigen,« bemerkte Mr. Chillip, »wenn ich Sie um Ihren Namen bitten muß.«

Als ich ihm meinen Namen nannte, war er wirklich gerührt. Er schüttelte mir die Hand – was bei ihm ein leidenschaftliches Verfahren war, denn gewöhnlich ließ er nur eine kalte kleine Hand ein oder zwei Zoll vor seiner Hüfte sehen, und kam ganz außer Fassung, wenn sie jemand hart anfaßte. Selbst jetzt fuhr er mit der Hand in die Rocktasche, so wie sie wieder frei war, und schien ordentlich froh zu sein, daß er sie in Sicherheit gebracht hatte.

»Was Sie sagen, Sir!« sagte Mr. Chillip, und betrachtete mich, den Kopf auf eine Seite geneigt. »Also Mr. Copperfield, wirklich? und ich glaube jetzt wahrhaftig, ich hätte Sie erkannt, wenn ich mir die Freiheit genommen hätte, Sie genau anzusehen. Sie sehen Ihrem seligen Vater außerordentlich ähnlich, Sir.«

»Ich hatte nie das Glück, meinen Vater zu kennen«, bemerkte ich.

»Sehr wahr, Sir«, erwiderte Mr. Chillip in besänftigendem Tone. »Und es war in jeder Hinsicht sehr zu bedauern! Dort unten in der Provinz«, sagte Mr. Chillip, und wiegte wieder langsam das Köpfchen, »ist uns Ihr Ruhm nicht unbekannt geblieben. Große Anstrengungen müssen Sie sich hiermit machen, Sir«, meinte Mr. Chillip und tupfte mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Eine anstrengende Beschäftigung, nicht wahr, Sir?«

»Wo wohnen Sie jetzt?« fragte ich und setzte mich neben ihn.

»Ich habe mich ein paar Meilen von Bury St. Edmunds niedergelassen«, sagte Mr. Chillip. »Mrs. Chillip erbte durch ihres Vaters Tod ein kleines Besitztum dort, und ich kaufte mir dazu eine kleine Praxis, in der es mir recht gut geht. Meine Tochter wird jetzt ein großes Mädchen«, bemerkte Mr. Chillip, und wiegte abermals das Köpfchen. »Ihre Mutter hat erst vorige Woche zwei Aufnäher an ihren Kleidern auslassen müssen. Ja, ja, so vergeht die Zeit, Sir!«

Da der kleine Doktor bei dieser Bemerkung sein jetzt leeres Glas an den Mund setzte, schlug ich ihm vor, es noch einmal füllen zu lassen, und mir zu erlauben, ihm mit einem Glase Gesellschaft zu leisten.

»Es ist eigentlich mehr als ich gewohnt bin,« sagte er in seiner langsamen Weise, »aber ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, mich mit Ihnen zu unterhalten. Es ist, als ob es erst gestern gewesen wäre, als ich die Ehre hatte, Sie während der Masern zu behandeln. Sie machten sie prächtig durch, Sir!«

Ich sprach meine Anerkennung für das Kompliment aus, und bestellte den Glühwein, der bald kam.

»Eine ganz ungewöhnliche Ausschweifung!« sagte Mr. Chillip, und rührte ihn um. »Aber ich kann einer so außerordentlichen Gelegenheit nicht widerstehen. Sie haben keine Familie, Sir?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ich wußte schon vor einiger Zeit, daß Sie einen Verlust erlitten haben«, sagte Mr. Chillip. »Ich erfuhr es von Ihres Stiefvaters Schwester. Ein sehr entschiedener Charakter das, Sir!«

»Nun ja,« erwiderte ich, »entschieden genug. Wo sind Sie mit ihr zusammen getroffen, Mr. Chillip?«

»Wissen Sie nicht, daß Ihr Stiefvater wieder mein Nachbar geworden ist?« fragte Mr. Chillip mit seinem gefälligsten Lächeln.

»Nein«, erwiderte ich.

»Er ist mein Nachbar, Sir!« sagte Mr. Chillip. »Er heiratete eine junge Dame aus jener Gegend mit einem recht hübschen Vermögen – das arme Ding. – Und diese Kopfarbeit, Sir? ermüdet Sie das nicht?« fragte Mr. Chillip, und sah mich bewundernd an wie ein neugieriges Rotkehlchen.

Ich wich dieser Frage aus und fing wieder von den Murdstones an.

»Ich wußte, daß er sich mit ihr verheiratet hat«, sagte ich. »Behandeln Sie die Familie?«

»Nur gelegentlich«, gab er zur Antwort. »Starke phrenologische Entwicklung des Organs der Entschiedenheit bei Mr. Murdstone und seiner Schwester, Sir.«

Ich antwortete ihm mit einem so ausdrucksvollen Blick, daß Mr. Chillip dadurch, und durch den Glühwein ermutigt wurde, den Kopf mehrmals zu wiegen, und gedankenvoll auszurufen:

»Ja, ja, du lieber Gott, man erinnert sich alter Zeiten, Mr. Copperfield!«

»Und der Bruder und die Schwester verfolgen noch ihren alten Weg, nicht wahr?« fragte ich.

»Sehen Sie,« entgegnete Mr. Chillip, »ein Arzt, der so viel in Familie kommt, sollte eigentlich für andre Sachen als für seine Kunst weder Augen noch Ohren haben. Aber doch muß ich sagen, sie sind sehr streng, sowohl was dieses, als was jenes Leben betrifft.«

»Jenes Leben wird ohne viel Rücksicht auf sie regiert werden, darf man wohl sagen,« entgegnete ich; »was machen sie aber in diesem Leben?«

Mr. Chillip wiegte den Kopf, rührte den Wein um, und trank langsam.

»Sie war ein reizendes Mädchen«, bemerkte er mit klagender Stimme.

»Die jetzige Mrs. Murdstone?«

»Ein reizendes Mädchen,« sagte Mr. Chillip; »so liebenswürdig, wie es nur möglich ist! Mrs. Chillip meint, ihr Selbstgefühl sei seit ihrer Heirat vollständig gebrochen worden, und sie sei so gut wie trübsinnig. Und Frauen«, bemerkte Mr. Chillip schüchtern, »sind scharfäugige Beobachter, Sir.«

»Ich vermute, sie sollte nach ihrer abscheulichen Manier umgeformt werden, die Arme!« sagte ich. »Und das haben sie nun wohl erreicht?«

»Ja, im Anfang gab es heftigen Streit, das können Sie nur glauben,« sagte Mr. Chillip, »aber jetzt ist sie ein bloßer Schatten. Ich weiß nicht, ob ich mir es herausnehmen darf, Ihnen im Vertrauen zu sagen, daß Bruder und Schwester die arme Frau fast blödsinnig gemacht haben, seit die Schwester zu Hilfe kam.«

Ich sagte ihm, ich könnte das gut und gern glauben.

»Ich stehe nicht an, unter uns zu sagen,« bemerkte Mr. Chillip, und stärkte sich mit einem neuen Schluck Glühwein, »daß Ihre Mutter daran gestorben ist – oder daß tyrannische Behandlung, finstres Wesen und Quälereien Mrs. Murdstone fast schwachsinnig gemacht haben. Vor der Heirat war sie ein lebhaftes, munteres Mädchen, aber jene finstre Strenge hat sie zugrunde gerichtet. Sie gehen jetzt mit ihr mehr wie Wärter, als wie Gatte und Schwägerin, um. Das äußerte Mrs. Chillip erst vorige Woche gegen mich. Und ich versichere Sie, Sir, Frauen sind scharfäugige Beobachter. Mrs. Chillip besonders beobachtet sehr scharf.«

»Spielt er bei seinem finstern Wesen immer noch den Frommen – ich schäme mich fast, das Wort in der Verbindung zu gebrauchen«, sagte ich.

»Sie erraten das rechte«, erwiderte Mr. Chillip, dessen Augen von dem ungewohnten Getränk ganz rot wurden – »Sie nehmen damit eine der bemerkenswertesten Bemerkungen von Mrs. Chillip vorweg. Mrs. Chillip elektrisierte mich ordentlich«, fuhr er in der ruhigsten und langsamsten Weise fort, »als sie mir zeigte, daß Mr. Murdstone sich selbst als Götzen hinstellte, und diesen göttliches Wesen nennt. Sie hätten mich mit einer Flaumfeder zu Boden strecken können, sage ich Ihnen, als Mrs. Chillip dies äußerte. Die Damen sind scharfäugige Beobachter, Sir!«

»Von Natur«, bemerkte ich zu seiner größten Freude.

»Ich schätze mich glücklich, bei Ihnen die Bestätigung meiner Meinung zu finden«, sagte er. »Ich gebe Ihnen die Versicherung, ich erlaube mir nur selten ein nichtärztliches Urteil auszusprechen. Mr. Murdstone hält manchmal Vorträge, und man sagt – Mrs. Chillip nämlich sagt es – daß seine Lehren um so fanatischer werden, je tyrannischer er in der letzten Zeit gewesen ist.«

»Ich glaube, die vortreffliche Mrs. Chillip hat darin vollkommen recht«, bemerkte ich.

»Mrs. Chillip geht sogar so weit zu behaupten,« fuhr der sanfteste aller kleinen Männer ermutigt fort, »daß das, was solche Leute fälschlich ihre Religion nennen, nur ein Ausfluß ihrer bösen Launen und ihrer Anmaßung ist. Und wissen Sie, daß ich gestehen muß, Sir,« fuhr er fort, und legte sanft den Kopf auf eine Seite, »daß ich im neuen Testamente keinerlei Gründe für Mr. und Miß Murdstones Lehren finde?«

»Ich auch nicht«, erklärte ich.

»Übrigens«, sagte Mr. Chillip, »kann sie kein Mensch leiden, und da sie sehr schnell bei der Hand sind, jedermann, der sie nicht leiden kann, der ewigen Verdammnis zu empfehlen, so haben wir wahrhaftig recht viel ewige Verdammnis in unserer Nachbarschaft! Jedoch, wie Mrs. Chillip sagt, sie erleiden eine beständige Strafe, denn sie müssen sich in sich kehren und von ihrem eigenen Herzen zehren, und ihre Herzen sind schlechte Nahrung. Aber um wieder von Ihrer Gehirntätigkeit zu sprechen, Sir, wenn Sie mir erlauben wollen, wieder darauf zurückzukommen. Setzen Sie es nicht sehr anstrengender Aufregung aus, Sir?«

Es wurde mir bei der Aufregung in Mr. Chillips Gehirn infolge des Glühweins nicht schwer, seine Aufmerksamkeit von diesem Gegenstande wieder auf seine eigenen Angelegenheiten abzulenken, und er wurde darüber in der nächsten halben Stunde fast geschwätzig. Unter anderm erzählte er mir, daß er sich jetzt hier befände, um als Arzt Zeugnis vor einer Untersuchungskommission wegen des Gemütszustandes eines Patienten abzulegen, den übermäßiger Trunk um den Verstand gebracht hatte.

»Und ich versichere Sie, Sir,« sagte er, »ich bin bei solchen Gelegenheiten sehr ängstlich. Ich kann mich nicht anfahren lassen. Das nimmt mir alle Fassung. Können Sie glauben, daß viel Zeit dazu gehörte, ehe ich mich von dem Benehmen jener beunruhigenden Dame an dem Abend Ihrer Geburt erholte, Mr. Copperfield?«

Ich sagte ihm, daß ich jetzt gerade zu meiner Tante, dem Drachen jener Nacht, reise, und daß sie eine der vortrefflichsten und liebevollsten Frauen sei, wie er erfahren würde, wenn er sie besser kennen lernte. Die bloße Andeutung der Möglichkeit, sie jemals wiederzusehen, schien ihn in Schrecken zu setzen. Er erwiderte mit einem halb gezwungenen Lächeln: »Wirklich, Sir, in der Tat?« und bestellte fast unmittelbar darauf ein Licht, und ging zu Bett, als ob er anderswo nicht ganz sicher sei. Er wankte nicht gerade von dem Glühwein, aber ich glaube, sein ruhiger, schwacher Puls muß zwei- oder dreimal mehr die Minute pulsiert haben, als er gewohnt gewesen seit der großen Nacht, wo meine Tante sich getäuscht sah, und nach ihm mit ihrem Hute schlug.

Todmüde ging auch ich um Mitternacht zu Bett, brachte den nächsten Tag in der Postkutsche von Dover zu; trat frisch und gesund in die alte Wohnstube meiner Tante, als sie beim Tee saß – sie trug jetzt eine Brille – und wurde von ihr und Mr. Dick und der guten alten Peggotty, die ihr die Wirtschaft führte, mit offenen Armen und Freudentränen empfangen.

Als wir uns erst wieder ruhig unterhalten konnten, machte meiner Tante die Erzählung von meinem Zusammentreffen mit Mr. Chillip, und wie er immer noch soviel Angst vor ihr hätte, viel Spaß, und sowohl sie als Peggotty hatten gar vielerlei von dem zweiten Mann meiner armen Mutter und von diesem »mörderischen Frauenzimmer von Schwester« zu erzählen, der einen Tauf- oder Zunamen oder irgend eine andere Benennung zu geben keine Marter oder Strafe meine Tante hätte vermögen können.

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