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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Achtundfünfzigstes Kapitel.

Abwesenheit.

Eine lange und finstere Nacht hüllte mich ein, bewohnt von den Geistern vieler Hoffnungen, vieler teuern Erinnerungen, vieler Irrtümer, mancher vergeblichen Sorgen und mancher Reue.

Ich verließ England, aber selbst da wußte ich noch nicht, wie groß der Verlust war, den ich zu tragen hatte. Ich ließ alles, was ich liebte, zurück und reiste ab; ich glaubte, ich hätte es jetzt ertragen und alles sei vorüber. Wie ein Krieger auf dem Schlachtfelde eine tödliche Wunde erhält, und kaum weiß, daß er getroffen ist, so hatte auch ich, als ich mich allein befand, mit meinem ungeschulten Herzen keinen Begriff von der Wunde, deren Schmerz ich zu bekämpfen hatte.

Ich fühlte es nicht rasch, sondern ganz langsam, ganz allmählich. Das Gefühl der Vereinsamung, mit dem ich meine Reise antrat, wurde mit jeder Stunde tiefer und stärker. Anfangs war es nichts als eine drückende Empfindung des Verlustes und des Schmerzes, worin ich kaum etwas andres unterscheiden konnte. Ganz allmählich wurde es zu einem hoffnungslosen Bewußtsein alles dessen, was ich verloren hatte – Liebe, Freundschaft, Lust am Leben, alles dessen, was vernichtet war – mein erstes Vertrauen, meine erste Liebe, das ganze Luftschloß meines Lebens; alles dessen, was mir blieb – ein ödes, leeres Leben, das sich rund um mich hin erstreckte, wie ein Wüste am dunkeln Horizont.

Wenn mein Gram egoistisch war, so wußte ich es wenigstens nicht. Ich betrauerte mein kindisches Weibchen, das so jung aus ihres Lenzes blühendem Leben scheiden mußte. Ich betrauerte ihn, der sich die Liebe und Bewunderung von Tausenden hätte erwerben können, wie er meine längst gewonnen hatte. Ich betrauerte das gebrochene Herz, das im stürmischen Meere Ruhe gefunden hatte, und die wandernden Reste der einfachen Familie, in deren Mitte ich als Kind den Nachtwind hatte klagen hören.

Aus dieser Menge so schmerzhafter Gedanken mich wieder jemals herauszureißen, hatte ich endlich keine Hoffnung mehr. Ich wanderte von Ort zu Ort und trug meinen Schmerz überall mit mir. Ich fühlte jetzt seine ganze Last, und ich sank unter ihm, und sagte mir innerlich, daß er nie leichter werden könne.

Als diese Niedergeschlagenheit ihren höchsten Grad erreicht hatte, glaubte ich, ich würde sterben. Manchmal war es mir, als möchte ich lieber zu Hause sterben, und dann kehrte ich um auf meiner Straße, um bald das Vaterland zu erreichen. Zu andern Zeiten wanderte ich weiter und weiter von Stadt zu Stadt, und suchte, ich wußte nicht was, und bemühte mich, ich weiß nicht welches Etwas zurückzulassen.

Ich bin nicht imstande, die traurigen Veränderungen meiner Seelenleiden der Reihe nach zu schildern. Es gibt Träume, die nur unvollkommen und unbestimmt beschrieben werden können, und wenn ich mich zwinge, auf jene Zeit meines Lebens zurückzublicken, so scheint es mir, als riefe ich einen solchen Traum zurück. Ich sehe mich selbst wie einen Träumenden hindurcheilen mitten unter den Sehenswürdigkeiten fremder Städte, Paläste, Kathedralen, Tempel, Gemälde, Schlösser, Grabmäler, phantastischer Straßen – den alten Heimstätten der Geschichte und Dichtung – und meine Schmerzenslast überall mit hintragen, mir selbst kaum bewußt aller dieser Gegenstände, wie sie vor mir dahinschwinden. Gleichgültigkeit gegen alles, außer gegen den nagenden Gram, hieß die Nacht, die über mein ungeschultes Herz hereinbrach. Laßt mich daraus aufblicken – wie ich es, dem Himmel sei Dank, endlich tat! – aus diesem langen, traurigen, unseligen Traum empor zum anbrechenden Tage.

Viele Monate reiste ich mit dieser immer düsterer werdenden Wolke über meinem Gemüt. Einige Gründe, nicht nach Hause zurückzukehren, die ich mir aber vergeblich recht deutlich zu machen suchte, ließen mich meine Reise fortsetzen. Manchmal war ich ruhelos von Ort zu Ort geschweift und hatte nirgends gerastet; manchmal verweilte ich lange an einer Stelle. Nirgends hatte ich ein Ziel oder einen Gedanken, der mich aufrechterhielt.

Ich war in der Schweiz. Ich war aus Italien über einen der großen Alpenpässe gekommen und seitdem mit einem Führer in den Seitentälern des Gebirges herumgewandert. Wenn diese grauenhaften Einöden zu meinem Herzen gesprochen hatten, so wußte ich es nicht. Die schauerlichen Höhen und Abgründe, die tosenden Wasserfälle und die Eis- und Schneewüsten hatten mich mit erhabenem Schauer und Bewunderung erfüllt, aber bis jetzt hatten sie mich nichts andres gelehrt.

Eines Abends vor Sonnenuntergang kam ich in ein Tal, wo ich die Nacht bleiben wollte. Während ich auf dem vielgewundenen Pfade herunterstieg über einem Bergesabhang, von dem ich das Tal schon tief unter mir erblickte, da überkam mich ein langentwöhntes Gefühl für Schönheit und Ruhe, und ein durch den Frieden der Umgebung erweckter, sänftigender Einfluß regte sich leise in meinem Herzen. Ich weiß noch, wie ich einmal stehen blieb, erfüllt von einer Art Schmerz, der gar nicht erdrückend, nicht ganz verzweifelt war. Ich weiß noch, daß ich fast hoffte, es könnte sich noch mit mir zum Bessern wenden.

Ich erreichte das Tal, als die Abendsonne schon die höchsten Schneehäupter bestrahlte, die es gleich ewigen Wolken umschlossen hielten. Der Fuß der Berge, an den sich das Dörfchen in einer schluchtartigen Talsenkung anschmiegte, war üppig grün, und hoch über dieser zarten Vegetation wuchsen schwarze Fichtenwaldungen, die bestimmt waren, sich wie ein Bollwerk dem Winterschneesturm entgegenzustellen und der Lawine in den Weg zu treten. Darüber erhoben sich reihenweise steile Wände, grauer Fels, glänzendes Eis und einzelne samtene Matten, die sich nach und nach in dem alles überragenden Schnee verloren. Über die Berglehnen verstreut lagen einzelne winzigkleine Holzhäuser, die gegen die mächtigen Höhen kaum wie Spielzeug erschienen. So klein sahen auch die dicht aneinandergedrängten Häuser des Dorfes aus, und die hölzerne Brücke über dem Bach, der bald über zertrümmerte Felsen schäumte, bald donnernd zwischen Bäumen dahinschoß. Durch die stille Luft klang ein fernes Singen – es waren die Stimmen der Sennhirten; aber auf der Hälfte des Bergabhanges schwamm eine glänzende Abendwolke, und ich hätte fast glauben können, das Singen käme von dort, und sei keine irdische Musik. Da auf einmal in diesem Abendfrieden sprach die große Natur zu mir, und sprach mir zu, mein müdes Haupt auf den Rasen zu legen und zu weinen, wie ich seit Doras Tod noch nicht geweint hatte!

Ich hatte im Gasthaus erst vor wenigen Minuten ein Paket Briefe für mich vorgefunden, und ging außerhalb des Dorfes spazieren, um sie zu lesen, während man mein Abendessen bereitete. Andere Briefsendungen hatten mich verfehlt, und ich hatte lange keine erhalten. Mit Ausnahme von wenigen Zeilen mit Nachricht, daß ich mich wohl befände, und an diesem oder jenem Orte eingetroffen sei, hatte ich, aus Mangel an Kraft oder Beständigkeit, keine Briefe seit meiner Abreise aus der Heimat geschrieben.

Ich hatte das Paket in der Hand. Ich öffnete es und erblickte die Handschrift von Agnes.

Sie war glücklich und machte sich nützlich, und es ging ihr so gut, wie sie gehofft hatte. Weiter sagte sie mir nichts von sich. Das übrige bezog sich auf mich.

Sie gab mir keinen Rat, sie stellte mir keine Verpflichtungen vor Augen, sie sagte mir nur in der ihr eigenen eindringlichen und innigen Weise, was sie von mir vertrauend erwarte. Sie wüßte, sagte sie, daß ein Charakter wie der meinige auch den Schmerz zum Guten wenden werde. Sie sei gewiß, daß durch das Leid, das ich erfahren, all mein Streben eine festere und höhere Richtung gewonnen hätte. Sie, die so stolz auf meinen Ruhm sei und fest erwarte, daß er immer noch steigen werde, bis ich beglückt, verehrt und geliebt wegen meiner Werke sein würde, sie wisse, daß ich weiter arbeiten werde. Sie wisse, daß in meinem, wie in allen großen und guten Herzen der Schmerz zu einer Kraft und nicht zur Schwäche werde. Da die harte Schule in meiner Kindheit ihr Teil an dem gehabt hätte, was ich geworden sei, so würden mich diese größeren Unglücksschläge nur stählen, und mich immer nur besser machen, so daß ich wieder andre lehren könne, nachdem ich durch sie gelernt hätte. Sie empfahl mich Gott, der meinen unschuldigen Liebling in seine Ruhe aufgenommen hätte, und sie versicherte mich ihrer schwesterlichen Zuneigung, die mich begleiten werde, wohin ich auch ginge, die stolz sei auf das, was ich vollbracht hätte, aber noch unendlich viel stolzer auf das, was mir noch vorbehalten wäre zu tun.

Ich barg den Brief an meiner Brust und dachte, wie verzagt ich doch noch eine Stunde vorher gewesen war! Als ich hörte, wie die Stimmen in der Ferne erstarben, und sah, wie die friedliche Abendwolke dunkel wurde, alle Farben im Tale dahinschwanden, und der goldige Schnee der Bergspitzen wie zu einem fernen Teil des bleichen Nachthimmels wurde, und doch fühlte, daß die Nacht von meiner Seele wich und alle ihre Schatten sich erhellten, da war die Liebe, die ich für sie hegte, namenlos groß geworden, für sie, die mir von nun an teurer war, als sie je gewesen.

Ich las ihren Brief vielmals. Ich schrieb an sie vor dem Schlafengehen. Ich sagte ihr, daß ich ihres Beistandes gar sehr benötigt gewesen; daß ich ohne sie nie geworden wäre, wofür sie mich hielt; aber daß sie mich aufmunterte zu dem Bestreben, so zu werden, und daß ich es versuchen würde.

Ich versuchte es. Nach Ablauf von noch drei Monaten wäre ein ganzes Jahr vergangen seit dem Anfang meines großen Schmerzes. Ich beschloß, vor Ablauf dieser drei Monate keinen festen Entschluß zu fassen, aber den Versuch zu machen. Ich blieb die ganze Zeit über in diesem Tale und seiner Nachbarschaft.

Nach Ablauf der drei Monate beschloß ich, noch einige Zeit länger von Hause wegzubleiben, mich vorderhand in der Schweiz, die mir durch die Erinnerungen an diesen Abend so lieb geworden war, niederzulassen, wieder die Feder zur Hand zu nehmen und zu arbeiten.

Bescheiden wandte ich mich dahin, wohin mich Agnes empfahl: ich suchte Trost bei der Natur, die niemals vergeblich aufgesucht wird, und ich erlaubte der Teilnahme an menschlichen Interessen den Zutritt zu meiner Brust, den ich ihr bis jetzt verweigert hatte. Es dauerte nicht lange und ich hatte schon fast so viele Freunde im Tal wie in Yarmouth; und als ich es vor Anbruch des Winters verließ, um nach Genf zu gehen, und im Frühling zurückkehrte, heimelten mich ihre herzlichen Begrüßungen an, obgleich sie keine vaterländischen Töne hatten.

Ich arbeitete früh und spät angestrengt und mit Ausdauer. Ich schrieb einen Roman, dessen Sujet in näherer Beziehung zu meinen Erlebnissen stand, und schickte ihn an Traddles, der seine Veröffentlichung unter sehr vorteilhaften Bedingungen für mich besorgte; Nachrichten meines wachsenden Rufs erreichten mich allmählich durch Reisende, die ich zufällig traf. Nach einiger Rast und Zerstreuung fing ich wieder in meiner alten eifrigen Weise an einem Werke zu schreiben an, das mich auf das lebhafteste beschäftigte. Dieses Interesse wuchs, je weiter ich damit vorrückte, und ich strengte die Kräfte meines Geistes aufs äußerste an. Das war mein dritter Roman. Er war noch nicht halb fertig, als ich in einer Ruhepause an das Nachhausereisen dachte.

Seit längerer Zeit hatte ich mich, trotz eifrigem Studieren und Arbeiten, an körperliche Übungen gewöhnt. Meine bei der Abreise aus England sehr geschwächte Gesundheit war ganz wiederhergestellt. Ich hatte viel gesehen. Ich war in vielen Ländern gewesen, und hatte, glaube ich, meine Kenntnisse bereichert.

Ich habe von dieser Reisezeit alles, was ich für notwendig hielt, offenbart – mit einem Vorbehalt. Ich habe ihn bisher nicht zu dem Zwecke gemacht, einen meiner Gedanken zu verheimlichen; denn wie ich bereits sagte, diese Erzählung ist mein geschriebenes Gedächtnis. Ich wünschte die geheimste Seite meines Gemüts bis zuletzt zu verbergen. Ich werde sie jetzt darlegen.

Ich kann das Geheimnis meines Herzens nicht so vollständig durchdringen, daß ich wüßte, wann ich anfing zu denken, ich hätte seine frühesten und schönsten Hoffnungen auf Agnes stützen können. Ich weiß nicht, in welcher Periode meines Schmerzes mir zuerst der Gedanke kam, daß ich in gedankenloser Jugend das Kleinod ihrer Liebe verschmäht hätte. Ich glaube, eine Ahnung dieses Gedankens kam mir zuerst in dem alten schmerzlichen Vermissen eines nie zu verwirklichenden Etwas, das ich schon früher beschrieben hatte. Aber der Gedanke war mir ein neuer Vorwurf und eine neue Reue, als ich so bekümmert und einsam in der Welt dastand.

Wenn ich zu jener Zeit viel mit Agnes verkehrt hätte, so hätte ich es ihr in der Schwäche meiner Bekümmernis gewiß verraten. Eine entfernte Ahnung davon veranlaßte mich zuerst, nicht so bald nach England zurückzukehren. Ich konnte nicht den Verlust des kleinsten Teiles ihrer schwesterlichen Liebe ertragen; und doch, wenn ich es verriet, hätte ich ein uns bis dahin unbekanntes und gezwungenes Verhältnis veranlaßt.

Ich konnte nicht vergessen, daß das Gefühl, mit dem sie mich jetzt betrachtete, aus meiner eignen freien Wahl und meiner Handlungsweise erwachsen war. Wenn sie mich je anders geliebt hatte – und ich dachte manchmal, es hätte eine Zeit gegeben, wo das möglich gewesen wäre – so hatte ich sie verschmäht. Jetzt konnte es mir nichts helfen, daß ich mich gewöhnt hatte, an sie, als wir beide noch Kinder waren, als an ein Wesen zu denken, das hoch erhaben über meinen kindischen Träumen stand. Ich hatte meine leidenschaftliche Zärtlichkeit einer andern gewidmet, und was ich hätte tun können, hatte ich nicht getan, und was Agnes mir jetzt war, dazu hatte ich selbst und ihr eignes edles Herz sie gemacht.

Zu Anfang der Veränderung, die allmählich mit mir vor sich ging, als ich versuchte, mich richtiger zu verstehen und ein besserer Mensch zu werden, dachte ich mir nach einer unbestimmten Prüfungsfrist eine Zeit, wo ich vielleicht meine mißverstandene Vergangenheit vergessen machen und so glücklich sein könnte, sie zu heiraten. Aber mit dem Verlauf der Zeit verblich diese unbestimmte Aussicht, und verließ mich zuletzt ganz. Damals sagte ich mir, wenn sie mich jemals geliebt hätte, so mußte ich sie um so heiliger halten, wenn ich bedachte, welches Vertrauen ich ihr geschenkt, welche Kenntnis sie von meinem irrenden Herzen hatte, welche Opfer sie mir gebracht haben mußte, um meine Freundin und Schwester zu sein, und welchen Sieg sie über sich errungen hätte. Wenn sie mich aber nicht geliebt hatte, konnte ich dann glauben, sie werde mich jetzt lieben?

Ich hatte immer im Vergleich mit ihrer Beständigkeit und Stärke meine Schwäche gefühlt, und jetzt fühlte ich sie immer mehr. Was ich ihr oder sie mir auch vor langer Zeit hätte sein können, jetzt war das vorbei. Ich hatte die Zeit verstreichen lassen und verdient, sie zu verlieren.

Wahr ist, daß ich viel an diesen innern Kämpfen litt, daß sie mich unglücklich machten und mit Reue erfüllten, und daß mich dabei doch das Gefühl aufrechterhielt, daß Recht und Ehre von mir verlangten, mit Beschämung den Gedanken von mir fernzuhalten, mich nach dem Welken meiner Hoffnungen an das geliebte Mädchen zu wenden, von dem ich mich in der Blütezeit meiner Hoffnungen leichtsinnig abgewendet hatte – und diese Rücksicht lag jedem Gedanken zugrunde, den ich ihr weihte. Ich mache mir jetzt kein Hehl mehr daraus, daß ich sie auf das innigste liebte; aber ich prägte mir auch die Überzeugung ein, daß es jetzt zu spät sei, und daß ich unser so lange bestehendes geschwisterliches Verhältnis nicht verschieben dürfe.

Ich hatte oft und viel daran gedacht, was, wie Dora es angedeutet hatte, wohl in den Jahren geschehen sein würde, die uns als Prüfungszeit vergönnt waren. Ich hatte darüber nachgedacht, wie Dinge, die nie geschehen, in ihren Folgen ebensooft Wirklichkeiten für uns sind wie andere, die sich erfüllen. Gerade die Jahre, von denen sie gesprochen hatte, waren jetzt Wirklichkeit und dienten zu meiner Besserung und würden sich eines Tages, vielleicht ein bißchen später, verwirklicht haben, selbst wenn wir uns in unsrer frühesten Torheit getrennt hätten. Ich versuchte das, was zwischen mir und Agnes hätte sein können, in ein Mittel zu verwandeln, mich selbstverleugnender, entschlossener, meiner selbst und meiner Fehler und Irrtümer bewußter zu machen. Und so kam ich durch den Gedanken, daß es einst hätte sein können, zu der Überzeugung, daß es niemals mehr sein würde.

Diese Gedanken und die aus ihnen entstehende Verwirrung und Inkonsequenz jagten sich wie bestandloser Flugsand in meinem Geiste von der Zeit meiner Abreise aus der Heimat bis zu meiner Rückkehr dahin, drei Jahre später.

Drei Jahre waren seit der Abfahrt des Auswandrerschiffes vergangen, als ich zu derselben Abendstunde und an derselben Stelle auf dem Verdeck des heimkehrenden Paketschiffes stand, und in das von der Abendsonne rosig angehauchte Wasser blickte, wo ich das Bild jenes Schiffes sich hatte abspiegeln sehen.

Drei Jahre! Eine lange Zeit, wenn man sie zusammen betrachtet, obgleich sie kurz war in ihrem Verlauf. Und die Heimat war mir teuer und auch Agnes – aber sie war nicht mein – sie sollte nie mein werden. Sie hätte es werden können, aber das war vorbei.

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