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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Siebenundfünfzigstes Kapitel.

Die Auswanderer.

Noch eins hatte ich zu verrichten, bevor ich mich der Erschütterung über diese Ereignisse hingeben konnte. Ich mußte nämlich das Geschehene vor den Abreisenden verheimlichen und sie in glücklicher Unwissenheit scheiden lassen. Um das zu tun, hatte ich keine Zeit zu verlieren.

Ich nahm Mr. Micawber noch denselben Abend beiseite und betraute ihn mit dem Auftrag, von Mr. Peggotty jede Nachricht von dem neuen Unglück seiner Familie fernzuhalten. Er übernahm das Amt mit großem Eifer und versprach jede Zeitung fernzuhalten, die Mr. Peggotty ohne diese Vorsichtsmaßregeln in die Hand bekommen konnte.

»Wenn er eine in die Hand bekommt, Sir,« sagte Mr. Micawber, und schlug sich auf die Brust, »so muß sie erst durch diesen Leib gehen.«

Ich muß bemerken, daß Mr. Micawber, im Bestreben, sich seiner neuen gesellschaftlichen Stellung anzupassen, etwas trotzig Seeräuberliches angenommen hatte, nicht gerade gesetzloser Art, aber kampfbereit und entschlossen. Man hätte ihn für einen Sohn der Wildnis halten können, der lange gewöhnt gewesen war, außerhalb der Grenzen der Zivilisation zu leben, und im Begriff stand, in seine heimatlichen Einöden zurückzukehren.

Unter anderm hatte er sich mit einem vollständigen Anzug aus Wachstuch und einem sehr niedrigen Strohhut versehen, der von außen einen Kalk- oder Teerüberzug hatte. In dieser urwüchsigen Kleidung, ein gewöhnliches Matrosenfernrohr unter dem Arm und sein Auge schlau nach dem Himmel richtend, als ob er nach schlechtem Wetter auslugte, sah er auf seine Art viel seemännischer aus als Mr. Peggotty. Seine ganze Familie, wenn ich mich so ausdrücken darf, war »klar zum Gefecht«. Ich fand Mrs. Micawber in einem Hute, so eng anschließend und unkleidsam wie möglich, und unter dem Kinn zugebunden, und in einem Tuch, in das sie fest eingewickelt war wie ein Bündel, – wie ich eingewickelt wurde, als mich meine Tante das erstemal bei sich aufnahm – das hinten in der Taille zu einem festen Knoten geknüpft war. Miß Micawber war auf dieselbe bequeme Weise gegen stürmisches Wetter geschützt, und es war nichts Überflüssiges an ihr. Master Micawber war in seinem Wollhemde kaum zu erkennen; trug das bunteste Paar Hosen, das mir je vorgekommen, und die Kinder waren eingepackt wie Fleischkonserven in wasserdichten Büchsen. Mr. Micawber und sein ältester Sohn trugen weite Ärmel, an den Handgelenken aufgekrempelt, wie bereit, überall mit Hand anzulegen, und sich jeden Augenblick nach oben zu tummeln, oder hoiho – hißt! hoiho – hißt! aufzusingen.

So fanden wir, Traddles und ich, sie bei sinkender Nacht auf den hölzernen Stufen, damals als »Hungerfordtreppe« bekannt, versammelt, wie sie das Abstoßen eines Bootes, das etwas von ihrem Eigentum an Bord hatte, beobachteten. Ich hatte Traddles von dem fürchterlichen Ereignis erzählt, das ihn sehr erschütterte, aber es konnte kein Zweifel obwalten, daß es freundlicher sei, das ganze geheim zu halten; er war gekommen, um mir diesen letzten Dienst leisten zu helfen. Hier war es, wo ich Mr. Micawber beiseite nahm und sein Versprechen erhielt.

Die Familie Micawber wohnte in einem kleinen, schmuddligen, baufälligen Wirtshause, das damals dicht an der Treppe stand und dessen hölzerne Stockwerke schief über den Fluß hingen. Da die Familie als Auswanderer einiges Interesse in und um Hungerford erregte, hatte sie so viel Zuschauer herbeigelockt, daß wir gern in ihrem Zimmer einen Zufluchtsort suchten. Es war ein Zimmer eine Treppe hoch, unter dem die Flut dahinströmte. Meine Tante und Agnes waren schon da, emsig beschäftigt, für die Kinder noch einige Extrabequemlichkeiten in Kleidungssachen zu verfertigen. Peggotty half ruhig mit und saß neben ihnen mit dem alten unveränderten Arbeitskästchen, dem Yardmaß und dem Stückchen Wachslicht, die nun schon so viel andres überlebt hatten.

Es war nicht leicht, ihre Fragen zu beantworten, noch weniger Mr. Peggotty, als ihn Mr. Micawber hereingeholt hatte, zuzuflüstern, daß ich den Brief abgegeben habe und daß alles in Ordnung sei. Aber ich tat beides und machte sie glücklich. Wenn ich trotz allem etwas von dem verriet, was in mir vorging, so war mein eigner Gram eine genügende Erklärung für meine Traurigkeit.

»Wann segelt das Schiff ab, Mr. Micawber?« fragte meine Tante.

Mr. Micawber glaubte, entweder meine Tante oder seine Frau nach und nach vorbereiten zu müssen und sagte, eher als er gestern geglaubt hätte.

»Das Boot hat Ihnen wohl Nachricht gebracht?« fragte meine Tante,

»Ja, Madame«, gab er zurück.

»Nun,« fragte meine Tante, »wann segelt es ab?«

»Madame,« entgegnete er, »ich habe Nachricht erhalten, daß wir ganz bestimmt morgen früh vor sieben an Bord sein müssen.«

»Der tausend!« sagte meine Tante, »das ist früh. Ist es wirklich so, Mr. Peggotty?«

»Freilich, Madame, es geht mit dieser Flut den Fluß hinunter. Wenn Master Davy und meine Schwester morgen nachmittag in Gravesend an Bord kommen, sehen Sie uns zum allerletztenmal.«

»Und wir kommen«, sagte ich, »gewiß.«

»Bis dahin, und bis wir auf offenem Meere sind,« bemerkte Mr. Micawber, und warf mir einen Blick des Einverständnisses zu, »werden Mr. Peggotty und ich beständig die schärfste Aufsicht über unsere Sachen führen. Meine liebe Emma,« sagte Mr. Micawber, und räusperte sich in seiner großartigen Weise, »mein Freund Mr. Thomas Traddles ist so gütig, mir ins Ohr die Bitte zu flüstern, daß er sich erlauben darf, die zur Anfertigung einer mäßigen Portion des Getränkes, dessen Name sich in unserm Geist ganz besonders mit dem Roastbeef von Alt-England verknüpft, notwendigen Ingredienzien zu bestellen. Ich meine – kurz, ich meine Punsch. Unter gewöhnlichen Umständen würde ich nicht wagen, die Nachsicht von Miß Trotwood und Miß Wickfield in Anspruch zu nehmen, aber –«

»Was mich betrifft,« sagte meine Tante, »so werde ich mit dem größten Vergnügen auf Ihr Wohl und Ihr zukünftiges Glück trinken.«

»Und ich auch«, sagte Agnes mit einem Lächeln.

Mr. Micawber eilte sofort in die Schenkstube hinunter, wo er ganz zu Hause zu sein schien, und kehrte bald mit einem dampfenden Krug zurück.

Ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß er die Zitronen mit seinem eignen Einschlagmesser geschält hatte, das, wie es sich für das Messer eines praktischen Hinterwäldlers schickte, ungefähr einen Fuß lang war, und das er, nicht ohne ein wenig Prahlerei, an seinem Rockärmel abwischte. Mrs. Micawber und die beiden ältesten Kinder fand ich mit ähnlichen, ungeheuern Werkzeugen versehen, während jedes der kleinern Kinder seinen eignen hölzernen Löffel hatte, der ihm mit einer starken Schnur um den Leib befestigt war. In einer ähnlichen Vorahnung des Nomadenlebens im Busch goß Mr. Micawber den Punsch für seine Frau und seine beiden ältesten Kinder anstatt in Weingläser, was er bequem hätte tun können, denn es stand ein ganzes Brett voll im Zimmer, in eine Reihe abscheulicher kleiner Zinnbecher, und ich habe nie gesehen, daß er sich über etwas so sehr freute, als über seinen eignen, besondern Zinnbecher, und daß er ihn am Schluß des Abends in seine Tasche steckte.

»Wir entsagen den Luxusartikeln der alten Welt«, meinte Mr. Micawber und zeigte sich bei dieser Verzichtleistung ungemein befriedigt. »Die Bewohner des Waldes können natürlich nicht erwarten, an den Verfeinerungen des Landes der Freiheit teilzunehmen.«

In diesem Augenblicke trat ein Bursche einher und meldete, daß jemand Mr. Micawber sprechen wollte.

»Ich hatte eine Ahnung,« sagte Mrs. Micawber, indem sie ihren Zinnbecher hinsetzte, »daß es ein Mitglied meiner Familie ist.«

»Wenn das der Fall ist, liebe Frau,« bemerkte Mr. Micawber mit seinem gewöhnlichen Aufbrausen, wenn er auf diesen Gegenstand kam, »so kann das Mitglied deiner Familie – wer er, sie oder es immer sein mag – da es uns ziemlich lange hat warten lassen, vielleicht auch jetzt warten, bis es mir gefällt.«

»Micawber,« sagte seine Frau in leisem Tone, »in einem Augenblick wie dieser –«

»›Nicht ist es billig‹«, sagte Mr. Micawber, und stand auf, »›daß jede kleine Schuld gleich Tadel fände!‹ Emma, du hast recht.«

»Der Verlust«, bemerkte sie, »ist auf der Seite meiner Familie gewesen, nicht auf der deinen, Micawber. Wenn meine Familie endlich inne geworden ist, wessen sie sich durch ihr Verhalten beraubt hat und nun die Hand zum brüderlichen Bunde bietet, sollten wir sie nicht zurückstoßen.«

»Liebe Frau,« sagte er, »es sei!«

»Wenn nicht um ihretwillen, um meinetwillen, Micawber«, sagte die Gattin.

»Emma,« sagte er, »diese Auffassung und in solch einem Augenblicke ist unwiderstehlich. Ich will mich auch jetzt noch nicht ausdrücklich verpflichten, mich deiner Familie an den Hals zu werfen, aber das mich erwartende Mitglied dieser Sippe darf eines warmen Empfanges sicher sein.«

Mr. Micawber entfernte sich und blieb eine kurze Zeit aus, während der Mrs. Micawber nicht ganz frei von der Befürchtung war, es möchte zwischen ihm und dem Mitglied Streit entstanden sein. Endlich erschien derselbe Bursche wieder, und gab mir einen mit Bleistift geschriebenen Zettel, auf dem in Advokatenmanier Heep contra Micawber stand. Aus diesem Dokumente erfuhr ich, daß sich Mr. Micawber, abermals in Haft, in einem letzten Paroxysmus der Verzweiflung befände, und daß er mich bat, ihm durch den Überbringer sein Messer und seine zinnerne Kanne zu schicken, da sie vielleicht in dem ihm noch übrigen kurzen Rest seiner Tage im Gefängnisse nützen könnten. Er bat mich auch, als einen letzten Freundschaftsbeweis, seine Familie nach dem Armenhause des Kirchspiels zu begleiten, und zu vergessen, daß ein solches Geschöpf wie er jemals gelebt habe.

Natürlich beantwortete ich diesen Zettel damit, daß ich mit dem Burschen hinunterging und das Geld bezahlte. Ich fand hier Mr. Micawber in einer Ecke sitzen, und den Exekutor, der ihn in Haft genommen hatte, mit grimmigen Blicken betrachten. Nach seiner Freilassung umarmte er mich mit der größten Herzlichkeit, und trug die Summe in sein Taschenbuch ein – wobei er, wie ich mich noch erinnere, sehr viel Gewicht auf einen halben Penny legte, den ich ihm unversehens nicht angegeben hatte.

Dieses wichtige Notizbuch erinnerte ihn zur rechten Zeit an ein andres Geschäft. Als wir in das obere Zimmer zurückkehrten – wo er seine Abwesenheit damit erklärte, daß sie durch Umstände, über die er keine Macht besäße, veranlaßt worden sei –, entnahm er dem Buche einen großen Bogen Papier, der ganz klein zusammengefaltet und mit langen, sorgfältig geordneten Zahlenreihen bedeckt war. Nach einem flüchtigen Blick, den ich darauf warf, möchte ich behaupten, daß ich niemals, außer in einem Schulrechenheft, solche Exempel gesehen hatte. Es waren Berechnungen der Zinseszinsen über etwas, das er »den Hauptbetrag von einundvierzig, zehn, elf und ein halb« auf verschiedene Zeiten vorgestreckt, nannte. Nach einer sorgfältigen Prüfung und einem genauen Überschlag seiner Hilfsquellen war er zu dem Entschluß gekommen, diese Summe auszuwählen, die den Betrag mit Zinseszins für zwei Jahre, fünfzehn Kalendermonate und vierzehn Tage, vom heutigen Datum ab, bildete. Hierfür hatte er einen sehr sauber geschriebenen Handwechsel ausgestellt, den er Traddles mit vielem Dank auf der Stelle überreichte als vollständige Tilgung seiner Schuld, wie es sich unter Männern ziemte.

»Ich habe immer noch eine Ahnung,« sagte Mrs. Micawber, als wir zurückgekehrt waren, »daß meine Familie vor unserer Abreise erscheinen wird.«

Offenbar hatte auch Mr. Micawber seine Ahnungen über diese Sache, aber er tat sie in seine Zinnkanne und verschluckte sie.

»Wenn Sie unterwegs Gelegenheit finden, Briefe nach Hause zu schicken, Mrs. Micawber,« sagte meine Tante, »so müssen Sie uns natürlich Nachricht von sich geben.«

»Liebe Miß Trotwood,« gab sie zur Antwort, »ich werde mich nur zu glücklich schätzen bei dem Gedanken, daß jemand von uns Nachricht erwartet. Ich werde nicht unterlassen, Briefe zu schreiben. Ich hoffe, Mr. Copperfield wird als ein alter und vertrauter Freund nichts dagegen haben, wenn er zuweilen Nachricht von jemand empfängt, der ihn kannte, als die Zwillinge noch ohne Bewußtsein waren.«

Ich sagte, daß ich von ihr zu hören hoffe, sobald sich Gelegenheit fände.

»Wenn es dem Himmel gefällt, wird oft solche Gelegenheit da sein«, sagte Mr. Micawber. »In dieser Jahreszeit ist das Meer nur eine Flotte von Schiffen, und wir müssen bei der Überfahrt viele treffen. Es ist eine kurze Reise«, sagte Mr. Micawber, und spielte mit seinem Augenglas. »Die Entfernung ist eine reine Einbildung.«

Sonderbar war es ja, wie mir jetzt einfällt, aber ganz und gar war es auch wieder der alte Mr. Micawber, daß er, als er von London nach Canterbury ging, davon sprach, als ob er die fernsten Grenzen des Erdballs aufsuchte, während er jetzt, bei einer Reise von Europa nach Australien, tat, als handle es sich nur um einen Ausflug über den Kanal.

Mit obigen Worten trank er den Rest Punsch aus seiner Zinnkanne aus, als ob er die Reise vollendet und ein Examen mit Auszeichnung vor den höchsten nautischen Behörden abgelegt hätte.

»Während der Reise werde ich darauf bedacht sein,« sagte Mr. Micawber, »den Leuten gelegentlich Geschichten zu erzählen; und der Gesang meines Sohnes Wilkins wird hoffentlich willkommen sein. Wenn Mrs. Micawber erst zuverlässige Seebeine hat – ein Ausdruck, in dem hoffentlich keine konventionelle Unschicklichkeit liegt – wird sie ihnen, denke ich, ›Klein Tafflin‹ zum besten geben. Tümmler und Delphine, glaube ich, wird man häufig am Bug unsres Schiffes vorübergleiten sehen, und am Steuerbord oder am Backbord werden unaufhörlich interessante Dinge entdeckt werden. Kurzum,« sagte Mr. Micawber mit der alten, kavaliermäßigen Miene, »aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir alles, unter und über uns, so interessant finden, daß, wenn die Wache im Mastkorb ›Land!‹ ruft, wir höchst erstaunt sein werden!«

»Was ich besonders hoffe, mein lieber Mr. Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, »ist, daß wir in einigen Zweigen unsrer Familie auch wieder in der alten Heimat leben werden. Runzle nicht die Stirn, Micawber. Ich beziehe mich jetzt nicht auf meine eigne Familie, sondern auf die Kinder unsrer Kinder. Wie kräftig auch der Schößling ist,« fuhr Mrs. Micawber fort, das Haupt schüttelnd, »so kann ich doch den Stammbaum nicht vergessen, und wenn unser Geschlecht drüben hohen Rang und Vermögen erlangt, so gestehe ich, daß ich wünschen werde, dies Geld möchte in die Schatzkammer Großbritanniens zurückfließen.«

»Liebe Frau,« erwiderte Mr. Micawber, »Großbritannien muß es darauf ankommen lassen. Ich fühle mich gezwungen, zu sagen, daß es niemals viel für mich getan hat, und daß ich in dieser Angelegenheit keinen besondern Wunsch hege.«

»Micawber,« erwiderte Mrs. Micawber, »da bist du im Unrecht. Du gehst hinaus in dies ferne Land, Micawber, nicht um die Beziehungen zwischen dir und Albion abzuschwächen, sondern damit sie erstarken.«

»Die in Frage stehenden Beziehungen, meine Liebe,« gab Mr. Micawber zurück, »haben mir nicht, ich wiederhole es, ein solches Gewicht persönlicher Verpflichtung auferlegt, daß ich mir kein Gewissen daraus mache, neue Verbindungen anzuknüpfen.«

»Micawber«, erwiderte Mrs. Micawber. »Hier nun bist du wieder im Unrecht, sage ich. Du kennst deine Kräfte nicht, Micawber. Sie sind es gerade, die selbst bei dem Schritte, den du im Begriff stehst zu tun, deine Verbindung mit Albion befestigen werden.«

Mr. Micawber saß in seinem Lehnstuhl mit emporgezogenen Augenbrauen, halb die Ansichten seiner Frau zurückweisend, halb auf sie eingehend, aber sehr erkenntlich für die Voraussicht, die sich in ihnen ausdrückte.

»Mein lieber Mr. Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, »ich wünsche, daß Mr. Micawber ein Verständnis für seine Stellung bekommt. Mir erscheint es höchst wichtig, daß Mr. Micawber von Stunde an, da er sich einschifft, seine Stellung richtig auffaßt. Zufolge Ihrer alten Bekanntschaft mit mir, mein lieber Mr. Copperfield, werden Sie sich gesagt haben, daß ich nicht die sanguinische Veranlagung von Mr. Micawber habe. Die meinige ist, wenn ich so reden darf, ungewöhnlich praktisch. Ich weiß, daß dies eine lange Reise ist: ich weiß, daß sie viele Entbehrungen und Unbequemlichkeiten in sich schließt: ich kann meine Augen diesen Tatsachen gegenüber nicht verschließen. Aber ich weiß auch, was Mr. Micawber ist. Ich kenne die verborgene Stärke von Mr. Micawber. Und deshalb halte ich es für sehr wichtig, daß Mr. Micawber seine Stellung von vornherein richtig erkennt.«

»Liebe Frau,« warf er ein, »vielleicht erlaubst du mir, zu bemerken, daß die einfache Möglichkeit vorliegt, daß ich wirklich meine Stellung im gegenwärtigen Augenblick erkenne.«

»Ich denke nicht, Micawber«, gab sie zurück. »Nicht ganz. Mein lieber Mr. Copperfield, Mr. Micawbers Fall ist kein gewöhnlicher. Mr. Micawber geht in ein fernes Land, ausdrücklich zu dem Zwecke, damit er zum erstenmal ganz verstanden und gewürdigt werden kann. Ich wünsche, daß sich Mr. Micawber auf das Vorderteil jenes Schiffes stellt und mit lauter Stimme spricht: Ich kam, um dieses Land zu erobern. Habt ihr Würden? Habt ihr Schätze? Habt ihr Stellungen mit einträglichen Besoldungen? Bringt sie heran. Mein sind sie alle!«

Mr. Micawber sah uns alle an und schien zu denken, daß viel Gutes in diesem Gedanken wäre.

»Ich wünsche, daß Mr. Micawber, um mich ganz verständlich zu machen,« fuhr Mrs. Micawber in lehrhaftem Tone fort, »der Cäsar seines eignen Glückes sei. Dies, mein lieber Mr. Copperfield, scheint mir seine wahre Stellung zu sein. Vom ersten Augenblick dieser Reise an wünsche ich, Mr. Micawber auf dem Vorderteil des Schiffes stehen zu sehen und sagen zu hören: ›Genug des Zögerns, genug der Enttäuschungen, genug der beschränkten Mittel. Das war in der alten Heimat, dies ist die neue. Zeige mir deine Entschädigung. Heraus damit!‹«

Mr. Micawber kreuzte die Arme mit entschlossener Miene, als stünde er schon auf dem Schiffsschnabel hoch über der Galion.

»Und wenn er das tut,« sagte Mrs. Micawber – »wenn er seine Stellung erkennt – habe ich nicht recht, wenn ich sage, daß Mr. Micawber seine Beziehungen mit Großbritannien nicht lockern, sondern befestigen wird? Wenn sich ein bedeutender, öffentlicher Charakter auf jener Halbkugel erhebt, will man mir dann sagen, daß sein Einfluß im Heimatlande nicht gefühlt werden wird? Soll ich so schwach sein, mir einzubilden, daß Mr. Micawber, wenn er den Zauberstab des Talents und der Macht in Australien schwingt, in England nichts sein wird? Ich bin nur ein Weib, aber ich würde meiner selbst und meines Papas nicht würdig sein, wenn ich mich einer solchen abgeschmackten Schwäche schuldig machte.«

Mrs. Micawbers Überzeugung, daß ihre Argumente unbestreitbar wären, gab ihrem Ton eine moralische Erhabenheit, wie ich sie früher, glaube ich, nie darin vernommen hatte.

»Und deshalb«, fuhr Mrs. Micawber fort, »wünsche ich dringend, daß wir in einer spätern Zeit wieder auf vaterländischem Boden leben möchten. Mr. Micawber mag – ich kann mir nicht verhehlen, daß es wahrscheinlich ist, Mr. Micawber wird – eine geschichtliche Persönlichkeit sein, und dann sollte er dem Lande gezeigt werden, das ihm das Leben, aber kein Amt gab!«

»Meine Liebe,« bemerkte Mr. Micawber, »es ist mir unmöglich, von deiner Liebe nicht gerührt zu werden. Ich bin immer bereit, mich deiner gesunden Einsicht unterzuordnen. Was geschehen soll, wird geschehen. Der Himmel verhüte, daß ich meinem Vaterland irgend einen Teil der Reichtümer mißgönne, die unsre Nachkommen anhäufen werden!«

»Das ist brav,« sagte meine Tante und nickte Mr. Peggotty zu, »und ich trinke Ihnen allen in herzlicher Liebe zu, und aller Segen und Erfolg geleite Sie alle!«

Mr. Peggotty setzte die beiden Kinder, die er auf den Knien geschaukelt hatte, nieder, um mit Mr. und Mrs. Micawber auf unser aller Wohl zu trinken, und als er und die Micawber sich herzlich als Schicksalsgefährten die Hände schüttelten, und sich sein gebräuntes Gesicht mit einem Lächeln erhellte, da erkannte ich, daß er überall, wo er hingehen mochte, durchkommen, sich einen guten Namen machen und geliebt werden würde.

Selbst die Kinder mußten einen hölzernen Löffel in Mr. Micawbers Kanne tauchen, um uns damit zuzutrinken. Als dies geschehen war, standen meine Tante und Agnes auf und schieden von den Auswanderern. Es war ein schmerzlicher Abschied. Alle weinten! Die Kleinen hingen sich bis zuletzt an Agnes, und wir verließen die arme Mrs. Micawber in einem sehr betrübten Zustande, schluchzend und weinend, bei einem trüben Lichte, das dem Zimmer vom Flusse aus das Aussehen eines elenden Leuchtturms verliehen haben muß.

Ich ging am nächsten Morgen wieder nach dem Gasthaus, um zu sehen, ob sie dort seien. Sie waren schon früh um fünf Uhr in einem Boot abgefahren. Es war mir ein merkwürdiger Beweis, was für eine Lücke solch ein Abschied macht, denn obwohl meine Gedanken sie erst seit gestern mit dem baufälligen alten Wirtshaus und der hölzernen Treppe in Verbindung brachte, erschien mir dies beides leer und verödet, nun sie fort waren.

Am folgenden Nachmittag fuhren meine alte Kindermuhme und ich nach Gravesend; das Schiff lag im Flusse, umgeben von einer Schar von Booten; ein günstiger Wind herrschte, und das Signal zum Absegeln wehte von der Mastspitze. Ich nahm sogleich ein Boot, und wir fuhren nach dem Schiffe, drängten uns durch einen kleinen Kreis der Verwirrung, deren Mittelpunkt es war, und kamen an Bord.

Mr. Peggotty wartete auf uns auf dem Verdeck. Er sagte mir, Mr. Micawber sei so eben wieder verhaftet worden – aber zum letztenmal –, und zwar wieder auf Heeps Ansuchen, und er habe nach meinem Wunsche das Geld bezahlt, das ich ihm sogleich wiedergab. Er nahm uns dann mit hinunter in das Zwischendeck, und hier wurde die letzte Furcht, daß er etwas von dem Geschehenen gehört haben könnte, von Mr. Micawber selbst zerstreut, der aus dem Zwielichte hervortrat, seinen Arm mit einer Miene der Freundschaft und Gönnerschaft ergriff, und mir sagte, daß sie seit vorgestern abend kaum einen Augenblick voneinander getrennt gewesen wären.

Es war mir ein so fremdartiger Anblick, alles so eng und dunkel, daß ich zuerst fast nichts erkennen konnte, aber nach und nach wurde es heller, als meine Augen sich mehr an die Finsternis gewöhnt hatten, und mir war, als stände ich in einem Bilde von Ostade.

Zwischen den großen Balken, Hölzern und Ringbolzen des Schiffes und den Schlafstellen der Auswanderer, den Kisten, Bündeln, Fässern und Haufen verschiedenen Gepäcks – hier und da von Hängelampen beleuchtet, dort auch wieder von dem gelben Tageslicht, das durch ein Kühlsegel oder eine Lukenöffnung hereindrang – standen zusammengedrängte Gruppen von Menschen, die neue Freundschaften schlossen, Abschied voneinander nahmen, schwatzten, lachten, weinten, aßen und tranken; einige hatten sich schon in dem ihnen angewiesenen, wenige Fuß großen Raume häuslich niedergelassen, ihren geringen Hausrat eingerichtet und kleine Kinder auf Fußbänke oder in Kinderlehnsesselchen gesetzt; andere verzweifelten daran, einen Ruheplatz zu finden, und zogen trostlos umher. Von Säuglingen, die erst ein oder zwei Wochen Leben hinter sich hatten, bis zu gebückten Greisen und Greisinnen, die nur noch ein oder zwei Wochen Leben vor sich haben mochten, und vom Feldarbeiter, der an seinen Stiefeln tatsächlich englische Erde davontrug, bis zum Schmied, der Proben vom englischen Ruß und Rauch auf seiner Haut mit fortnahm, schien jedes Lebensalter und jeder Beruf in dem engen Raume des Zwischendecks zusammengedrängt zu sein.

Wie sich mein Auge in dem Raum umsah, glaubte ich an einer offenen Stückpforte eines von den kleinen Micawbers neben einer Gestalt, wie Emilie, sitzen zu sehen; sie zog zuerst meine Aufmerksamkeit durch eine andere dunkelgekleidete Gestalt auf sich, die mit einem Kuß von ihr schied, und wie sie ruhig durch das Gewühl schwebte, erinnerte sie mich an – Agnes! Aber in der raschen Bewegung und in der Unordnung meiner eigenen Gedanken verlor ich sie wieder, und ich wußte nur, daß die Zeit gekommen war, wo alle Besucher das Schiff verlassen mußten, daß meine alte Peggotty auf einer Kiste neben mir weinte, und daß Mrs. Gummidge, mit Hilfe eines jüngern Frauenzimmers in schwarzen Kleidern, sich viel mit Mr. Peggottys Gepäck zu schaffen machte.

»Noch ein letztes Wort, Master Davy«, sagte er. »Ist noch etwas vergessen, ehe wir scheiden?«

»Eins!« erwiderte ich. »Martha!«

Er legte die Hand auf die Achsel des vorher von mir gesehenen jüngern schwarzgekleideten Mädchens, und Martha stand vor mir.

»Gott segne Sie, guter Mann!« rief ich. »Sie nehmen sie mit.«

Sie antwortete für ihn mit einer Tränenflut. Ich konnte nicht reden, aber drückte ihm kräftig die Hand, und wenn ich jemals einen Menschen geliebt und geehrt habe, so liebte und ehrte ich diesen von Herzen.

Die Besucher mußten jetzt fort. Die größte Prüfung blieb mir noch übrig. Ich sagte ihm, was mir der Edle, der gestorben war, zum Abschied aufgetragen hatte. Es rührte ihn tief. Aber als er mir zur Rückantwort viele Worte der Liebe und der Teilnahme für diese tauben Ohren auftrug, da rührte er mich noch mehr.

Die Zeit des Abschieds war da. Ich umarmte ihn, nahm meine weinende Wärterin in die Arme und eilte fort. Auf dem Deck nahm ich Abschied von Mrs. Micawber. Sie erwartete selbst jetzt noch halb verzweifelt ihre Familie, und ihre letzten Worte waren, daß sie Mr. Micawber niemals verlassen werde.

Wir stiegen hinunter in unser Boot und warteten eine kleine Strecke vom Schiff, um es abfahren zu sehen. Es war ein schöner, stiller Sonnenuntergang. Das Schiff lag zwischen uns und dem roten Sonnenlichte, und jedes dünne Tau und jede Spiere zeichneten sich scharf ab von der purpurnen Glut. Einen so schönen, so trauer- und hoffnungsvollen Anblick zugleich, wie dieses herrliche Schiff, das ruhig auf dem wogenden Wasser lag, während sich alle Lebendigen an Bord auf die Schanzen drängten, und dort einen Augenblick barhäuptig und schweigend standen, sah ich nie.

Doch nur für einen Augenblick schweigend. Wie der Wind die Segel füllte und das Schiff sich zu bewegen anfing, da erschollen aus allen Booten drei donnernde Hurras, die jene auf dem Schiffe beantworteten, und die wieder beantwortet und wieder beantwortet wurden. Mein Schmerz machte sich Luft, als ich diesen Ton hörte und die Hüte und Taschentücher schwenken sah – dann erblickte ich sie!

Ja, ich erblickte sie, neben ihrem Onkel, zitternd auf seine Schultern gestützt. Er wies eifrig auf uns, und sie sah uns und winkte uns ihren letzten Abschied zu. Ja, Emilie, schöne und welke Blume, halte dich an ihn mit der äußersten Kraft deines gebrochenen Herzens, denn er hat an dir gehangen mit der ganzen Kraft seiner großen Liebe! Beide, von dem rosigen Lichte beschienen und hoch auf dem Verdeck stehend, sie an ihn sich lehnend, und er sie festhaltend, so schwanden sie mir feierlich aus den Augen. – Die Nacht breitete sich über die kentischen Hügel aus, als wir uns an das Ufer rudern ließen – und Dunkel lag über mir.

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