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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Fünfundfünfzigstes Kapitel.

Sturm.

Ich komme jetzt zu einem Ereignis in meinem Leben, das so unauslöschlich, so erschütternd und durch unendlich verschiedene Bande so eng verknüpft mit allem bisher Berichteten ist, daß ich es vom Anfang meiner Erzählung gleich einem großen Turm auf einer Ebene, wie ich weiter vorwärts kam, größer und größer werden und seinen Schatten schon im voraus auf die Ereignisse meiner Kinderzeit werfen sah.

Noch nach Jahren habe ich oft davon geträumt. Ich bin aufgefahren, so lebhaft war der Eindruck, als ob seine Wut in meiner ruhigen Stube, in der stillen Nacht zu toben schiene. Ich träume, wenn auch in langem und unbestimmten Zwischenräumen, noch bis auf den heutigen Tag davon. Es besteht für mich eine Gedankenverbindung zwischen diesem Ereignis und einem stürmischen Winde oder der unbedeutendsten Erwähnung einer Meeresküste, so lebhaft, wie nur irgendeine, deren sich mein Geist bewußt ist. So deutlich, wie ich vor mir sehe, was sich ereignete, will ich versuchen, es niederzuschreiben. Ich rufe es mir nicht ins Gedächtnis zurück, sondern ich sehe es geschehen, denn es wiederholt sich vor meinen Augen.

Da die Zeit zum Absegeln des Auswandererschiffes sehr nahe war, kam meine gute alte Peggotty – bei unserm ersten Zusammentreffen fast ganz aufgelöst vor Schmerz – meinetwegen nach London.

Ich war beständig mit ihr, ihrem Bruder und den Micambers beisammen, die sich sehr zueinander hielten, aber Emilie bekam ich niemals zu Gesicht.

Eines Abends, kurz vor der Abreise, war ich allein mit Peggotty und ihrem Bruder. Unser Gespräch wendete sich auf Ham. Sie beschrieb, wie zärtlich er von ihr Abschied genommen und wie ruhig und männlich er alles ertragen und vor allem in der neuesten Zeit, wo er nach ihrer Meinung am härtesten geprüft war. Es war dies ein Gegenstand, von dem die gute Seele nie müde wurde zu erzählen, und unser Genuß, zuzuhören, war nicht weniger groß als der ihrige beim Erzählen.

Meine Tante und ich räumten damals die beiden kleinen Häuser in Highgate, denn ich wollte ins Ausland reisen und sie ihr Haus in Dover wieder beziehen. Vorläufig mieteten wir eine Wohnung am Coventgarden. Als ich nach dem Gespräche dieses Abends nach Hause ging und über die Worte nachdachte, die ich mit Ham bei meiner letzten Anwesenheit in Yarmouth gewechselt hatte, wurde ich irre an meinem ursprünglichen Vorsatze, einen Brief für Emilie zurückzulassen, wenn ich auf dem Schiffe Abschied von ihrem Onkel nahm, und entschloß mich, lieber gleich an sie zu schreiben. Vielleicht, dachte ich, wünscht sie nach Empfang meines Briefes ihrem unglücklichen Liebhaber ein Wort des Abschieds durch mich zuzuschicken. Diese Gelegenheit wollte ich ihr lassen.

Ich setzte mich daher vor dem Zubettgehen hin und schrieb an sie. Ich sagte ihr, daß ich ihn gesehen und daß er mich beauftragt hatte, ihr das zu sagen, was der Leser bereits kennt. Ich wiederholte es getreulich. Ich brauchte es nicht weiter auszuführen, auch wenn ich das Recht dazu gehabt hätte; die tiefinnigste Treue und Güte dieser Worte konnte weder ich, noch ein anderer Mensch verschönern. Ich legte den Brief auf den Tisch, damit er am nächsten Morgen abgeschickt werde, fügte ein Paar Zeilen an Mr. Peggotty hinzu, ihn ihr zu geben, und ging mit Tagesanbruch zu Bette.

Ich war schwächer als ich mir selbst bewußt war, und da ich erst einschlief, als die Sonne schon aufgegangen war, so wachte ich nach unerquicklichem Schlummer erst spät am Vormittag auf. Die schweigende Anwesenheit meiner Tante am Bette weckte mich. Ich fühlte sie im Schlafe.

»Lieber Trot,« sagte sie, als ich die Augen aufschlug, »ich konnte es nicht über mich bringen, dich zu stören. Mr. Peggotty ist da, soll er heraufkommen?«

Ich sagte ja, und er trat bald darauf ein.

»Master Davy,« sagte er, als wir uns die Hände geschüttelt, »ich habe Emilie Ihren Brief gegeben; sie hat das hier geschrieben und mich gebeten, Ihnen zu sagen, Sie sollen es lesen, und wenn nichts Schmerzliches darin steht, so gut sein und es überbringen.«

»Haben Sie es gelesen?« fragte ich.

Er nickte mit bekümmerter Miene. Ich machte den Brief auf und las folgendes:

»Ich habe Deine Botschaft erhalten. Ach, was kann ich schreiben, um Dir für Deine große herrliche Güte gegen mich zu danken!

Deine Worte ruhen dicht an meinem Herzen. Ich werde sie behalten bis zu meinem Tode. Es sind scharfe Dornen, aber sie bringen mir auch Seelentrost. Ich habe meine Hände über sie gefaltet und gebetet, ach so heiß!

Wenn ich bedenke, was Du bist und was der Onkel ist, so kann ich mir denken, was Gott sein muß, und kann vor ihm weinen.

Lebe wohl auf immer. Jetzt, mein geliebter Freund, lebe wohl für immer in dieser Welt. In einer andern Welt, wenn mir vergeben wird, wache ich vielleicht auf als Kind und komme zu Dir. Dank, tausendmal Dank und Segen. Lebe wohl auf ewig!«

Diese Worte, halb von Tränen ausgelöscht, enthielt der Brief. –

»Kann ich ihr sagen, daß Sie nichts Verletzendes darin finden, und daß Sie so gut sein wollen, die Besorgung zu übernehmen, Master Davy?« fragte Mr. Peggotty, als ich ihn gelesen hatte.

»Ganz gewiß,« erwiderte ich, – »aber ich denke eben –«

»Was, Master Davy?«

»Ich denke eben,« sagte ich, »daß ich mich selbst nach Yarmouth begeben werde. Es ist noch Zeit genug übrig, bis das Schiff absegelt. Ich fahre heute noch hin.«

Obgleich er sich eifrig bemühte, mir den neuen Plan aus dem Sinne zu reden, sah ich doch, daß er mir recht gab, und wenn mich noch etwas hätte in meiner Absicht bestärken können, so hätte diese Wahrnehmung genügt. Er ging auf meine Bitte nach dem Postbureau und bestellte für mich den Platz vorn neben dem Schaffner. Abends fuhr ich in der Postkutsche den Weg entlang, den ich unter so vielen Schicksalswechseln schon gereist war.

»Kommt Ihnen nicht der Himmel recht sonderbar vor?« fragte ich den Kutscher auf der ersten Station hinter London. »Ich könnte mich nicht entsinnen, einen ähnlichen gesehen zu haben.«

»Ich auch nicht«, entgegnete er. »Ich habe ähnliches, glaube ich, noch nie gesehen. Das bedeutet Sturm, Sir. Es wird Unglück auf der See geben, ehe viel Zeit vergeht.«

Am Himmel hatte sich ein dunkles Gewoge von fliegenden Wolken zusammengeballt, die an einzelnen Stellen wie Qualm von nassem Holz aussahen, hoch übereinander getürmte Massen bildeten, die höher hinaufzuragen schienen, als Raum unter ihnen war, selbst bis in die tiefsten Senkungen der Erde hinein. Durch diese Wildnis schien der Mond verstört zu irren, als hätte er im Aufruhr der Elemente den Weg verloren und suche ihn von Angst getrieben. Es hatte den ganzen Tag über heftig gewindet, aber jetzt erhob sich der Wind noch stärker und mit merkwürdig heulendem Ton. Eine Stunde später nahm er noch an Stärke zu; der Himmel wurde immer bedeckter und der Wind zum Sturm.

Aber je weiter die Nacht vorrückte, und die Wolken allmählich ganz dick den ganzen schwarzen Himmel verhüllten, da wurde der Sturm immer heftiger. Er nahm immer noch zu, bis sich unsere Pferde kaum gegen ihn behaupten konnten. Viele Male während des dunkelsten Teils der Nacht – es war gegen Ende September, und die Nächte nicht mehr kurz – machten die Vorderpferde kehrt oder standen plötzlich still, und wir waren oft ernsthaft besorgt, der Wagen würde umgeblasen werden. Der Sturm peitschte häufig eiskalte Regengüsse vor sich her, die uns so schneidend trafen wie ein Regen von Stahl. Zuzeiten, wenn irgend ein Schutz von Bäumen oder einer unter Wind gelegenen Mauer zu erreichen war, mußten wir, halb gezwungen, anhalten, weil es einfach unmöglich war, den Kampf fortzusetzen.

Als der Tag anbrach, nahm der Sturm immer noch zu. Ich war in Yarmouth gewesen, als die Schiffer sagten, es blase »aus allen Backen«, aber ich hatte nie etwas ähnliches erlebt.

Wie wir dem Meere näher kamen, von dem aus dieser gewaltige Sturm gerade auf die Küste wehte, wurde seine Gewalt immer schrecklicher, Wir kamen nach Ipswich – sehr spät, denn wir mußten uns jeden Zollbreit Weges erkämpfen, – nachdem wir etwa 2½ Meilen von London entfernt waren, und fanden einen Haufen Menschen auf dem Marktplatz, die in der Nacht aufgestanden waren, weil sie sich vor einstürzenden Schornsteinen fürchteten. Einige von ihnen sammelten sich auf dem Hofe des Wirtshauses, während wir die Pferde wechselten, und erzählten uns, daß große Stücke Blei von dem hohen Kirchturm abgerissen und in eine Nebenstraße geschleudert worden wären, die sie nun ganz versperrten. Andere wußten von Landleuten zu erzählen, die aus benachbarten Dörfern hereingekommen waren und große Bäume entwurzelt liegen und ganze Heuschober über Wege und Felder verstreut gesehen hatten.

Und noch immer ließ der Sturm nicht nach, sondern blies noch heftiger. Lange bevor wir das Meer erblickten, schmeckten wir seinen Schaum auf unsern Lippen, und er besprenkelte uns mit einem gesalzenen Regen. Das Wasser war viele Meilen weit auf den Ebenen Yarmouths ausgetreten, und jeder Teich und jede Pfütze wogte gegen die Ufer und trieb uns die kleinen brandenden Wellen entgegen. Als wir das Meer zu Gesicht bekamen, erschienen uns die Wellen am Horizonte, von dem wir zuweilen über den wogenden Abgrund einen flüchtigen Blick erhaschen konnten, wie eine jenseitige Küste mit Türmen und Gebäuden. Als wir endlich in die Stadt einfuhren, traten die Leute an ihre Türen, und standen schief mit wehendem Haar da und wunderten sich, daß die Post in einer solchen Unwetternacht gekommen sei.

Ich stieg in dem alten Gasthaus ab und wollte nach dem Meer eilen; nur wankend gelangte ich durch die mit Sand und Seegewächsen und fliegenden Flocken von Meeresschaum bestreute Straße, immer in Besorgnis vor niederstürzenden Ziegeln und Schieferplatten, und war genötigt, mich bei besonders stürmischen Ecken an Leuten, die ich zufällig traf, festzuhalten. Wie ich mich dem Strande näherte, sah ich, daß nicht nur die Schiffer, sondern die Hälfte der Bewohner der Stadt hinter Gebäuden lauerten, manche trotz der zunehmenden Wut des Sturmes, um sich das Meer anzusehen, und bemerkte, wie sie, in dem Bemühen im Zickzack zurückzugelangen, direkt aus ihrem Wege geblasen wurden.

Unter diesen Gruppen fand ich jammernde Frauen, deren Männer in Herings- und Austerbooten auf dem Meere waren, und die nur zu leicht untergegangen sein konnten, ehe sie einen sichern Port gefunden hatten. Ergraute alte Schiffer standen unter ihnen und schüttelten den Kopf, wie sie von dem Wasser nach den Wolken blickten, und sprachen leise miteinander; aufgeregte und besorgte Schiffseigner, Kinder, die zusammenkrochen und angstvoll erwartend in ältere Gesichter blickten, selbst handfeste Seeleute waren unruhig und voller Sorge und legten aus ihren Verstecken hervor ihre Fernrohre an, als ob sie einen Feind beobachteten.

Das furchtbare Meer selbst betäubte und verwirrte mich, als ich Zeit fand, es zu betrachten bei dem Tosen des alles Sehen verwehrenden Sturmes, der umherfliegenden Steine und Sandmassen und des entsetzlichen Gebrülls. Als die hohen Wassermauern herangerollt kamen und, nachdem sie den Höhepunkt erreicht hatten, brandend zerschellten, sahen sie aus, als ob die geringste von ihnen die Stadt verschlingen würde. Wenn eine zurückweichende Welle mit heiserm Gebrüll abzog, schien sie tiefe Gruben am Strande auszuhöhlen, als ob sie die Absicht hätte, die Erde zu unterwühlen. Wenn schaumgekrönte Wellen herandonnerten und, ehe sie das Land erreichten, zerschellten, schien noch jeder Bruchteil dieses vorherigen Ganzen im Besitz der vollen Gewalt seiner Wut zu sein und heranzueilen, um sich zur Bildung eines neuen Ungetüms zusammenzuballen. Wogende Berge wandelten sich in Täler, wogende Täler, zwischen denen hindurch manchmal ein einsamer Sturmvogel schwebte, erhoben sich zu Hügeln; ungeheure Wassermassen zerschellten und erschütterten die Küste mit mächtigem Dröhnen; Wellen von jeder Gestalt rollten ungestüm heran, um, kaum gebildet, Form und Art zu wechseln und andre zu verdrängen; das scheinbare Ufer am Horizont mit seinen Türmen und Gebäuden stieg und fiel, die Wolken jagten schwer und schnell vorüber, und mir war, als sähe ich die ganze Natur sich aufbäumen und aus den Fugen bersten.

Da ich Ham nicht unter den Leuten fand, die dieser denkwürdige Sturm – denn er lebt noch immer in der Erinnerung der Leute, als der stärkste bekannte an diesem Teile der Küste – versammelt hatte, ging ich nach seinem Hause. Es war verschlossen, und da niemand auf mein Klopfen antwortete, ging ich durch Seitenstraßen nach der Werft, wo er arbeitete. Ich erfuhr dort, daß er nach Lowestoft gegangen war, um dort eine plötzlich notwendig gewordene Arbeit zu verrichten, aber daß er morgen beizeiten wieder da sein würde.

Ich verfügte mich wieder in das Gasthaus, und als ich mich gewaschen und angezogen und zu schlafen versucht hatte, aber vergebens, war es fünf Uhr nachmittags. Ich hatte noch nicht fünf Minuten im Kaffeezimmer am Kamin gesessen, als der Kellner hereintrat und mir, während er zur Entschuldigung das Feuer schürte, erzählte, zwei Kohlenschiffe wären mit der ganzen Mannschaft in geringer Entfernung untergegangen, und einige andere Schiffe wären schon auf der Reede und bemühten sich vergebens, vom Lande abzuhalten. »Gott gnade ihnen und allen armen Seeleuten,« sagte er, »wenn wir noch eine zweite Nacht erleben, wie die letzte.«

Ich fühlte mich sehr vereinsamt und war wegen Hams Abwesenheit von einer größeren Sorge gequält, als die Verhältnisse eigentlich rechtfertigten. Die letzten Ereignisse hatten mich ernstlich angegriffen, ohne daß ich es merkte, und der lange Kampf mit dem heftigen Sturm hatte mich verwirrt. Meine Gedanken und Erinnerungen gerieten so in Verwirrung, daß ich die richtige Schätzung für Zeit und Raum verlor und mich nicht gewundert haben würde, wenn ich in die Stadt gegangen wäre und jemand begegnet hätte, der, wie ich wußte, in London sein müsse. Es war in dieser Hinsicht eine merkwürdige Zerstreutheit über meinen Geist gekommen. Trotzdem war er nicht untätig und beschäftigte sich mit den Erinnerungen, die dieser Ort natürlicherweise in mir erregte, ja sie waren ganz besonders deutlich und scharf.

In diesem Gemütszustande verknüpften sich die schlimmen Nachrichten von den Schiffen ganz unwillkürlich zugleich mit meinen Besorgnissen um Ham. Ich überredete mich, daß ich befürchte, er werde zu Wasser von Lowestoft zurückkehren und dabei ertrinken. So lebhaft war der Eindruck dieser Einbildung in mir, daß ich beschloß, noch vor dem Essen nach der Werft zu gehen, und den Schiffsbauer zu fragen, ob er seine Rückkehr zu Wasser für wahrscheinlich halte? Wenn er mir den mindesten Grund dafür gab, wollte ich nach Lowestoft gehen und ihn mit mir zurückbringen.

Ich bestellte hastig das Essen und ging wieder nach der Werft. Es war nicht zu früh, denn der Schiffsbauer, eine Laterne in der Hand, schloß eben die Tür zu. Er lachte fast, als ich ihm die Frage vorlegte, und meinte, das hätten wir nicht zu fürchten; kein Mann bei Sinnen werde bei solchem Sturm in See gehen, am wenigsten aber Peggotty, der zum Seemann geboren war.

Die Richtigkeit dieser Bemerkungen, die ich schon vorher so vollkommen gefühlt, einsehend, schämte ich mich ordentlich zu tun, was ich nicht lassen konnte, und ging nach dem Gasthause zurück. Wenn ein solcher Sturm noch stärker werden konnte, so wurde er jetzt stärker.

Das Heulen und Brausen, das Rasseln der Türen und Fenster, das Poltern in den Schornsteinen, ja das scheinbare Schwanken des ganzen Hauses, das mich beherbergte, und der unerhörte Aufruhr des Meeres, waren noch schrecklicher als am Morgen. Außerdem herrschte noch große Dunkelheit ringsum, und das gab dem Sturme noch neue wirkliche und eingebildete Schrecken.

Ich konnte nicht essen, konnte nicht stillsitzen, konnte mich nicht dauernd mit etwas beschäftigen. In meinem Innern entsprach etwas, wenn auch schwach, dem Sturme draußen, wühlte die Tiefen meiner Erinnerung auf und verursachte einen Aufruhr in ihnen. Aber in der wilden Jagd meiner Gedanken, die wild mit dem donnernden Meer durcheinander wogten – standen der Sturm und meine Sorge in bezug auf Ham immer im Vordergrund,

Ich ließ das Essen fast unberührt wieder fortnehmen, und versuchte mich mit ein paar Gläsern Wein zu stärken. Vergebens. Ich verfiel vor dem Feuer in einen Halbschlummer, wobei ich weder das Bewußtsein des Aufruhrs draußen, noch des Ortes, an dem ich mich befand, verlor. Beide wurden von einem neuen und unbeschreibbaren Schrecken überschattet, und als ich aufwachte, – oder vielmehr, als ich den Starrkrampf abschüttelte, der mich auf meinem Stuhle festhielt, da zitterte mein ganzer Körper vor gegenstandsloser und unverständlicher Furcht.

Ich ging auf und ab, versuchte eine alte Zeitung zu lesen, lauschte dem schrecklichen Toben draußen, besah mir Gesichter, Landschaften und Gestalten im Feuer. Endlich quälte mich das regelmäßige Ticken der von nichts zu störenden Uhr an der Wand dermaßen, daß ich beschloß, zu Bett zu gehen.

Es hatte etwas Tröstliches in einer solchen Nacht, zu hören, daß einige Dienstboten des Hauses zusammen bis zum Morgen aufbleiben wollten. Ich legte mich außerordentlich ermüdet und schläfrig zu Bett, aber sowie ich mich niedergelegt hatte, verschwanden alle solche Empfindungen wie durch Zauber, und ich war vollkommen munter und jeder Sinn in mir geschärft.

Stundenlang lag ich im Bette und hörte dem Tosen des Sturmes und des Meeres zu. Jetzt bildete ich mir ein, ich hörte draußen auf dem Meere Jammergeschrei, dann wieder, ich vernähme deutlich das Donnern von Signalschüssen, und dann wieder das Zusammenstürzen von Häusern in der Stadt. Ich stand mehrmals auf und sah hinaus, aber ich gewahrte nichts, als in den Fensterscheiben das Spiegelbild des matten Lichtes, das ich brennen gelassen, und meines eigenen erschrockenen Gesichts, das mich aus der schwarzen Leere heraus ansah.

Endlich wuchs meine Unruhe dermaßen, daß ich mich hastig in die Kleider warf und hinunterging. In der großen Küche, wo ich oben an der gebräunten Decke Speckseiten und Zwiebelreihen von den Balken herabhängen sah, hatten sich die Wachgebliebenen um einen Tisch gedrängt, den man absichtlich in die Nähe der Tür gerückt hatte. Ein hübsches Mädchen, das sich mit der Schürze die Ohren zugestopft, und die Augen auf die Tür geheftet hatte, schrie laut auf, als ich eintrat, weil es mich für einen Geist hielt, aber die andern hatten mehr Geistesgegenwart, und waren froh, daß ihre Gesellschaft Zuwachs erhielt.

Einer fragte mich in bezug auf das Gespräch, das sie eben gehabt hatten, ob ich glaube, daß die Seelen der Matrosen der untergegangenen Kohlenschiffe im Sturm umgingen.

Ich blieb wohl zwei Stunden da. Einmal machte ich die Hoftür auf, und sah in die leere Straße hinaus. Sand, Seegras und Schaumflocken flogen vorbei, und ich mußte Beistand herbeirufen, ehe ich das Tor vor dem Winde schließen konnte.

Ein finsteres Düster herrschte in meinem einsamen Zimmer, als ich endlich dorthin zurückkehrte, aber ich war jetzt wirklich müde, und fiel, wie ich wieder im Bett war – von einem Turm herab und in einen Abgrund hinunter – in den tiefsten Schlaf.

Ich habe immer den Eindruck, daß es eine lange Zeit in meinen Träumen stürmte, obgleich ich im Traume anderswo und in den verschiedensten Verhältnissen war. Endlich verlor sich dieser schwache Halt an der Wirklichkeit, und mir träumte, ich sei in Gemeinschaft mit zwei lieben Freunden, ich wußte aber nicht, wer sie waren, beschäftigt, irgend eine Stadt zu belagern und mitten im Gebrüll einer Kanonade.

Der Donner der Kanonen war so laut und unablässig, daß ich etwas, was ich sehnlichst zu hören wünschte, nicht hören konnte, bis ich eine große Anstrengung machte und aufwachte.

Es war heller, lichter Tag, als ich aufwachte – acht oder neun Uhr; der Sturm brüllte statt der Batterien, und es klopfte jemand und rief an meiner Tür.

»Was gibt es?« rief ich.

»Ein Schiff scheitert! ganz in der Nähe!«

Ich sprang aus dem Bett und fragte: »Was für ein Schiff?«

»Ein Schoner mit Früchten und Wein aus Spanien und Portugal. Schnell, Sir, wenn Sie es noch sehen wollen! Unten am Strande glauben sie, es werde jeden Augenblick in Stücke gehen.«

Die aufgeregte Stimme eilte rufend die Treppe entlang; ich warf mich so rasch wie möglich in die Kleider und lief auf die Straße.

Eine Unzahl von Leuten war schon vor mir da; sie rannten alle in einer Richtung nach dem Strande. Ich folgte ihnen, überholte viele und stand bald am tobenden Meer.

Der Wind hatte sich jetzt vielleicht etwas gelegt, doch kaum merklicher, als wenn in der Kanonade, von der ich geträumt hatte, ein halb Dutzend von hundert Geschützen zum Schweigen gebracht worden wären, aber das Meer, das von dem Sturm der ganzen vorigen Nacht noch aufgeregt war, war viel schrecklicher, als ich es zuletzt gesehen hatte. Es war, als ob es angeschwollen wäre, und die Turmhöhe der Wellen der Brandung, wie sie in endlosen Scharen einander jagten, sich überstürzten und auf den Strand losstürmten, war grauenerregend.

Die Schwierigkeit, etwas andres als das Tosen des Sturmes und der Wellen zu vernehmen, das Menschengewühl und die unsägliche Verwirrung, und mein erster atemloser Versuch, meinen Stand gegen den Sturm zu behaupten, machten mich so verwirrt, daß ich mich zwar nach dem gescheiterten Schiffe auf dem Meere umsah, aber nichts erblickte als die schaumgekrönten Gipfel der großen Wogen. Ein nur halb angekleideter Schiffer neben mir wies mit seinem nackten Arm – es war ein Pfeil darauf tätowiert, der in derselben Richtung wies, – links. Da sah ich es – Gütiger Himmel! – dicht neben uns.

Ein Mast war sechs oder acht Fuß über dem Deck glatt abgebrochen, und hing über die Seite, umstrickt von einem Labyrinth von Segeln und Tauwerk, und diese ganze Trümmermasse schlug, wie sich das Schiff in den Wogen wälzte – was es ohne die geringste Unterbrechung, und mit einer unbegreiflichen Heftigkeit tat – gegen die Seite, als ob sie es zerschmettern wollte. Man war an Bord noch bemüht, diesen Teil des Wracks von dem Schiff zu trennen, denn als sich das Schiff, das mit der breiten Seite nach dem Lande lag, nach uns zuwälzte, erkannte ich deutlich, wie die Mannschaft mit Äxten arbeitete, vor allen aber erkannte ich eine tätige Gestalt mit langen Lockenhaaren, die sich vor den andern auszeichnete. In diesem Augenblicke ertönte ein lauter Schrei, der sich durch Sturm und Wellen hörbar machte, von dem Strande; eine gewaltige Sturzsee schoß über das Schiff weg und riß Matrosen, Spieren, Fässer, Planken, wie Spreu in die schäumenden Wogen.

Der zweite Mast stand noch mit den Fetzen eines zerrissenen Segels und einem vom Sturm hin und her geworfenen Gewirr von zerrissenem Tauwerk. Das Schiff war einmal auf den Grund gestoßen, wie mir der vorhin erwähnte Schiffer heiser ins Ohr rief, dann hatten es die Wellen wieder gehoben, und es war noch einmal aufgestoßen. Soviel ich ihn verstand, sagte er noch, es gehe in der Mitte entzwei, und ich konnte mir das leicht denken, denn es stampfte und schlug so fürchterlich, daß kein Menschenwerk es lange aushalten konnte. Wie er sprach, ertönte wieder ein lauter Jammerschrei vom Strande, vier Männer tauchten mit der Wrackpartie aus der Tiefe herauf. Sie hatten sich ans Tauwerk des noch übrigen Mastes geklammert, und zu oberst erblickten wir die kraftvoll arbeitende Gestalt mit dem Lockenhaar.

Es war eine Glocke an Bord, und wie das Schiff sich auf den Wogen wälzte, wie ein von der Verzweiflung des Wahnsinns getriebenes Geschöpf, jetzt uns das Deck in seiner ganzen Länge zeigte, wie es sich nach der Küste zu, ganz auf die Seite legte, jetzt nur seinen Kiel erblicken ließ, wie es sich bald überstürzte und nach dem Meere zu wendete, da läutete die Glocke, und ihren Schall, das Totengeläute dieser Unglücklichen, trug der Wind zu uns herüber.

Wieder verloren wir das Schiff aus dem Gesicht, und wieder hob es sich aus den Wellen. Zwei Leute waren verschwunden. Die Aufregung am Strande nahm zu. Männer stöhnten laut und rangen die Hände; Frauen schrien vor Jammer und wendeten ihr Gesicht ab. Einige rannten verzweifelnd am Strande auf und ab und riefen um Hilfe, wo keine Hilfe sein konnte. Ich war unter diesen Leuten und flehte halb wahnsinnig eine Gruppe mir bekannter Matrosen an, diese zwei Unglücklichen nicht vor unsern Augen untergehen zu lassen.

Sie gaben mir in einer aufgeregten Weise zu verstehen – ich weiß nicht wie, denn ich war kaum ruhig genug, das wenige, was ich hören konnte, zu verstehen – daß das Rettungsboot schon vor einer Stunde mit seiner Bemannung ausgesetzt worden sei, aber nichts hätte tun können, und da kein Mensch wahnsinnig genug sein könne, um den Versuch zu machen, mit einem Tau auf das Schiff zu gelangen, und damit eine Verbindung mit der Küste zu bewerkstelligen, so blieb nichts mehr zu tun übrig. Da bemerkte ich, daß ein neuer Eindruck die Leute am Strande in Bewegung setzte, sah sie auseinandertreten, und Ham hervorstürzen.

Ich eilte auf ihn zu – soviel ich weiß, um meine Bitte um Hilfe zu wiederholen. Aber trotz meiner Verstörtheit über den mir so neuen und schrecklichen Anblick, erweckte mich die finstere Entschlossenheit seines Gesichts, und sein Blick nach dem Meere hinaus – genau derselbe wie damals am Morgen nach Emilies Entführung – zur Erkenntnis seiner Gefahr. Ich hielt ihn mit beiden Armen zurück, und bat die Leute, mit denen ich vorhin gesprochen, flehentlich, nicht auf ihn zu hören, keinen Mord zu begehen, ihn nicht vom Strande fortzulassen!

Wieder erscholl ein Jammerschrei am Ufer, und als wir nach dem Wrack blickten, sahen wir, wie das Segel, Schlag auf Schlag, den Tieferstehenden der beiden noch übrigen hinabstürzte, und dann frohlockend die Gestalt umflog, die noch allein am Maste festhielt.

Gegen einen solchen Anblick und gegen eine Entschlossenheit, wie die des ruhigen verzweifelten Mannes, der schon gewohnt war, die Hälfte der Anwesenden anzuführen, hätte ich mit ebensoviel Hoffnung kämpfen können wie gegen den Sturm.

»Master Davy,« sagte er und ergriff lebhaft meine beiden Hände, »wenn meine Zeit gekommen ist, so ist sie gekommen! Wenn sie nicht gekommen ist, so habe ich nichts dawider. Der Herr droben segne Sie und segne Euch alle! Kameraden, macht mich fertig! Ich schwimme hinaus!«

Ich wurde, aber nicht unfreundlich, fortgedrängt; die Leute hielten mich dort fest und stellten mir vor, soweit ich in meiner Verwirrung bemerken konnte, daß er entschlossen sei, mit oder ohne Unterstützung das Schiff zu erreichen, und daß ich die zu seiner Sicherheit notwendigen Vorsichtsmaßregeln gefährden könnte, wenn ich die um ihn Stehenden störte.

Ich weiß nicht, was ich antwortete, und was sie wieder darauf sagten; aber ich sah, wie sich die Leute am Strande eilig bewegten, und wie Leute mit starken Tauen, von einer dort befindlichen Ankerwinde, herbeieilten, und in einen Kreis von Gestalten eintraten, der ihn vor mir verbarg. Dann sah ich ihn allein stehen, in Matrosenjacke und Hosen, ein Tau in der Hand, oder um den Arm geschlungen, ein zweites um den Leib befestigt, und verschiedene der besten Leute in geringer Entfernung das letztere festhaltend, das er selbst auf dem Strande schlaff zu seinen Füßen hinlegte.

Selbst mein unerfahrenes Auge erkannte, daß das Wrack in Trümmer barst. Ich sah, daß es in der Mitte auseinander ging, und daß das Leben des einsamen Mannes am Maste an einem Faden hing. Immer noch hielt er sich fest. Er hatte eine merkwürdige rote Mütze auf dem Kopf – nicht wie eine Matrosenmütze, sondern von schönerer Farbe, und wie die wenigen Planken, die noch zwischen ihm und dem Tode aushielten, vor der Gewalt der Wogen zitterten und sein Totengeläute im voraus erscholl, da sahen wir alle, wie er uns mit der Mütze zuwinkte. Ich sah es, wie er es jetzt tat, und glaubte, ich sollte wahnsinnig werden, als mir diese Bewegung die Erinnerung an einen einst geliebten Freund in die Seele zurückrief.

Ham stand allein vorn am Strand, hinter ihm das Schweigen der Menge, die den Atem an sich hielt, und vor sich den Sturm, und beobachtete das Meer, bis sich eine große Woge vom Strande zurückwälzte. Da warf er einen Blick zurück auf die, die das um seinen Leib befestigte Tau festhielten, und stürzte der Welle nach, und einen Augenblick darauf sah man ihn mit den empörten Wogen kämpfen; er stieg mit den Hügeln empor, und sank mit den Tälern hinab; dann war er im Schaum verloren und dann wurde er wieder ans Land getrieben. Sie zogen das Tau hastig an und ihn selbst auf den Strand.

Er hatte sich verletzt. Ich sah von da aus, wo ich stand, Blut auf seinem Gesicht, aber er beachtete es nicht. Es schien, als ob er ihnen hastig sagte, wie sie ihm mehr Spielraum lassen müßten – wenigstens vermutete ich es, nach der Bewegung seines Armes – und er stürzte sich wieder ins Meer.

Und jetzt schwamm er nach dem Wrack, hob sich mit den Hügeln, sank hinunter mit den Tälern, verlor sich im kräuselnden Schaum, wurde jetzt nach dem Strande zurückgeworfen, und jetzt nach dem Schiffe vorwärts und kämpfte angestrengt und tapfer. Die Entfernung war unbedeutend, aber die Gewalt der Wogen und des Sturmes machten es zu einem Todeskampfe. Endlich war er dem Wrack ganz nahe gekommen, so nahe, daß er es mit einem kräftigen Ausstreichen seiner Arme erreichen konnte – da wälzte sich eine hohe, grüne, bergartige Mauer von Wasser über das Schiff weg, nach der Küste zu, er schien hineinzuspringen mit einer gewaltigen Anstrengung, und das Schiff war verschwunden!

Ein paar einzelne Trümmer sah ich im Meere wirbeln, als ob nur ein Faß zerschellt wäre, wie ich nach der Stelle eilte, wo sie das Tau einholten. Bestürzung lag auf jeglichem Gesicht. Sie zogen ihn vor meinen Füßen aus dem Meer – bewußtlos – tot. Sie trugen ihn nach dem nächsten Hause, und da mich jetzt niemand mehr fern von ihm hielt, blieb ich bei ihm, bis jedes Mittel, ihn wieder ins Leben zu rufen, versucht war, aber die große Welle hatte ihn erschlagen, und sein edles Herz stand für immer still.

Als ich, nachdem alle Hoffnung verschwunden und alles versucht worden war, noch neben seinem Bett saß, da rief ein Fischer, der mich schon gekannt hatte, als Emilie und ich noch Kinder waren, an der Tür flüsternd meinen Namen.

»Sir,« sagte er, während Tränen über sein wettergebräuntes Gesicht liefen, das wie seine zitternden Lippen totenbleich war, »wollen Sie einmal herauskommen?«

Die alte Erinnerung, die mir vorhin eingefallen war, lag in seinem Blick. Entsetzt fragte ich ihn, wie ich mich auf den Arm, den er mir hinhielt, stützte:

»Ist eine Leiche ans Ufer gekommen?«

Er sagte ja.

»Kenne ich ihn?« fragte ich dann.

Er gab keine Antwort.

Aber er führte mich nach dem Strande. Und auf der Stelle, wo sie und ich als Kinder Muscheln gesucht hatten – auf der Stelle, wo ein paar kleinere Trümmer des in voriger Nacht vom Sturm umgestürzten alten Boots vom Winde verstreut lagen – unter den Trümmern des Herdes, den er geschändet – sah ich ihn mit dem Kopf auf dem Arm ruhend liegen, wie ich ihn oft hatte in unserer Schulzeit schlummern sehen.

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