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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Vierundfünfzigstes Kapitel.

Mr. Micawbers Geldgeschäfte.

Jetzt ist nicht die Zeit, um mich über meinen Gemütszustand unter seiner Kummerlast zu verbreiten. Es kam mir zuletzt vor, daß die Zukunft vor mir verschlossen, daß die Energie und die Tätigkeit meines Lebens zu Ende sei und daß mir kein andrer Zufluchtsort übrigbleibe wie das Grab. So dachte ich freilich nicht in den ersten erschütternden Augenblicken meines Schmerzes. Nein! Diese Gedanken wuchsen erst allmählich heran!

Wenn sich die Ereignisse, die ich jetzt erzählen will, nicht in der Weise überstürzt hätten, daß sie zuerst meinen Schmerz verwirrten und ihn dann vermehrten, so hätte ich möglicherweise – obgleich ich es nicht für wahrscheinlich halte – sofort in diesen Zustand verfallen können. Aber so trat eine Zwischenzeit ein, bevor ich meinen Schmerz vollständig erkannte, eine Zwischenzeit, in der ich sogar glaubte, das schlimmste Weh sei vorüber, und wo es für mich ein Trost war, in all dem Unschuldigen und Schönen in dem blühenden Leben zu verweilen, das jetzt zu Ende war.

Wann zuerst der Vorschlag auftauchte, daß ich eine große Reise machen, oder wie wir übereinkamen, daß ich die Wiederherstellung meines Seelenfriedens in Ortsveränderung und Abwechselung suchen sollte, weiß ich jetzt selbst nicht genau. Agnes' Geist drang so sehr durch alles, was wir dachten, sagten und taten in jener Schmerzenszeit, daß ich wohl recht haben werde, wenn ich den Plan ihrem Einflüsse zuschreibe. Aber sie übte ihren Einfluß stets so unmerkbar aus, daß ich nichts mehr zu sagen weiß.

Und nun begann ich zu denken, daß mein früherer Vergleich mit jenem bunten Kirchenfenster eine prophetische Eingebung dessen gewesen war, was sie mir in dem Wehe sein sollte, das mich zu treffen bestimmt war, und daß dieses Ahnen schon damals Zutritt zu meinem Gemüte gefunden habe. In all dem Kummer war sie von dem unvergeßlichen Augenblick an, als sie mit emporgehobener Hand vor mir stand, wie eine heilige Gestalt in meinem einsamen Hause. Als der Todesengel dieses mit seinen Schwingen überschattete, schlief mein kindisches Weibchen – so erzählten sie mir's, als ich's ertragen konnte, es zu hören – an ihrer Brust mit einem Lächeln ein. Von meiner Ohnmacht erwacht, kam ich zuerst zum Bewußtsein ihrer mitleidsvollen Tränen, ihrer Worte der Hoffnung und des Friedens, ihres sanften Gesichts, wie es sich aus einer reinern, dem Himmel nähern Region zu meinem ungeschulten Herzen herabneigte und seinen Schmerz linderte.

Doch ich fahre fort im Bericht der Geschehnisse.

Ich sollte ins Ausland reisen. Das schien unter uns allen ausgemacht zu sein. Als die Erde alles Vergängliche meiner hingegangenen Gattin bedeckte, wartete ich nur noch auf das, was Mr. Micawber die endliche Vernichtung Heeps nannte, und auf die Abfahrt der Auswanderer.

Auf Traddles Aufforderung, der sich mir in dieser Zeit als der beste und aufopferndste Freund zeigte, kehrten wir nach Canterbury zurück, nämlich meine Tante, Agnes und ich. Nach einer vorher getroffenen Anordnung begaben wir uns unmittelbar nach Mr. Micawbers Wohnung, wo mein Freund, ebenso wie bei Mr. Wickfield, seit der großen Explosion ununterbrochen gearbeitet hatte. Als mich Mrs. Micawber in Trauerkleidern eintreten sah, war sie sichtbar gerührt. Es war viel Gutes in Mrs. Micawbers Herz, was in diesen langen Jahren nicht durch das ewige Drängen ungeduldiger Gläubiger hinausgetrieben worden war.

»Nun, Mr. und Mrs. Micawber,« fing meine Tante sogleich an, nachdem wir Platz genommen hatten, »haben Sie an meinen Vorschlag wegen des Auswanderns gedacht?«

»Verehrte Madame,« entgegnete Mr. Micawber, »vielleicht kann ich den Beschluß, zu dem Mrs. Micawber und Ihr ergebenster Diener, und ich darf wohl hinzufügen, unsre Kinder, alle für einen und einer für alle gekommen sind, nicht besser ausdrücken, als mit den Worten eines berühmten Dichters, welcher sagte:

›Unser Boot ist am Strand, unser Schiff auf der See.‹«

»Das ist recht«, sagte meine Tante. »Ich hoffe alles mögliche Gute von Ihrem vernünftigen Entschluß.«

»Madame, Sie erweisen uns außerordentlich viel Ehre«, entgegnete er. Er nahm dann ein Blatt Papier zur Hand. »Was den pekuniären Beistand betrifft, der uns instand setzen soll, unsern gebrechlichen Nachen auf den Ozean der Unternehmung auslaufen zu lassen, so habe ich diesen wichtigen Geschäftspunkt in reifliche Erwägung gezogen, und würde vorschlagen, Solawechsel auf ein – es ist unnütz, zu bemerken, mit dem Stempel, den die verschiedenen, auf derartige Dokumente bezüglichen Parlamentsakten vorschreiben – auf achtzehn, vierundzwanzig und dreißig Monate Ziel. Mein ursprünglicher Vorschlag war, zwölf, achtzehn oder vierundzwanzig Monate Ziel; aber ich bin nicht ohne Besorgnis, daß ein solches Arrangement nicht genug Zeit gibt, daß sich der erforderliche Betrag findet. Es wäre wohl möglich,« sagte Mr. Micawber und sah sich im Zimmer um, als ob er ein paar Äcker vortrefflich angebautes Land um sich hätte, »daß zur Verfallzeit des ersten Papiers unsere Ernte nicht gut ausgefallen wäre, oder daß wir sie noch nicht eingebracht hätten. Wenn ich nicht irre, sind Arbeiter in dem Teile unsrer Kolonialbesitzungen, wo das Geschick uns vorschreibt, mit dem üppigen Boden zu kämpfen, manchmal schwer zu erlangen.«

»Richten Sie das ein, wie es Ihnen am besten paßt, Sir«, erwiderte meine Tante.

»Madame«, gab er zur Antwort, »Mrs. Micawber und ich empfinden aufs tiefste die außerordentliche Güte unserer Freunde und Gönner. Ich wünsche vor allen Dingen, vollkommen Geschäftsmensch und vollkommen pünktlich zu sein. Da wir jetzt ein ganz neues Blatt umzuwenden im Begriff stehen und einen Anlauf nehmen, um einen Sprung von nicht gewöhnlicher Größe zu machen, so ist es ein Bedürfnis für mein Gefühl der Selbstachtung und ist außerdem noch ein Beispiel für meinen Sohn, daß dieses Arrangement geschlossen werde, wie es sich zwischen Männern geziemt.«

Ich weiß nicht, ob Mr. Micawber dieser letzten Phrase eine Bedeutung beilegte; aber sie schien ihm außerordentlich zu gefallen und er wiederholte sie mit einem bedeutungsvollen Räuspern.

»Ich schlage also Wechsel vor – eine Einrichtung für die merkantilische Welt,« fuhr Mr. Micawber fort, »die wir, wenn ich nicht irre, ursprünglich den Juden verdanken, die seitdem verteufelt viel mit diesen Dingen zu tun gehabt zu haben scheinen – weil sie leicht umsetzbar sind. Aber wenn eine Obligation jeder andern Sicherheit vorgezogen werden sollte, so würde ich mich glücklich schätzen, ein solches Dokument auszustellen, wie es sich zwischen Männern geziemt.«

Meine Tante bemerkte, daß in dem Fall, wo beide Parteien zu allem bereit wären, dieser Punkt keine Schwierigkeit machen könnte.

»Was unsere häuslichen Vorbereitungen für das Geschick betrifft, dem wir uns jetzt geweiht haben,« sagte Mr. Micawber mit einigem Stolz, »so bitte ich, diese auseinandersetzen zu dürfen. Meine älteste Tochter besucht um fünf Uhr jeden Morgen ein benachbartes Etablissement, um die Kunst – wenn man es eine Kunst nennen kann – des Melkens zu erlernen. Meine jüngern Kinder haben sich so genau, als es ihnen die Umstände nur gestatten, mit den Lebensgewohnheiten der in den ärmern Teilen der Stadt gehaltenen Schweine und Hühner vertraut zu machen: ein Beruf, von dem sie zu zwei verschiedenen Malen nach Hause gelangt sind, mit knapper Not dem Überfahrenwerden entronnen. Meine Aufmerksamkeit habe ich seit voriger Woche auf die Kunst der Bäckerei gelenkt, und mein Sohn Wilkins ist mit einem Knüttel ausgegangen und hat Vieh getrieben, wenn seine freiwilligen Dienste von den wettergebräunten Mietlingen, unter deren Aufsicht dieses Vieh stand, angenommen wurden – was nicht oft geschah, wie ich, leider nicht zum Lobe der menschlichen Natur, sagen muß; denn sie sagten ihm gewöhnlich mit Flüchen, er solle sich packen.«

»Das ist alles vortrefflich«, sagte meine Tante ermutigend. »Und Mrs. Micawber ist gewiß auch tätig gewesen?«

»Geehrte Madame,« entgegnete Mrs. Micawber mit ihrer Geschäftsmiene, »ich erlaube mir zu gestehen, daß ich mich nicht mit Fächern beschäftigt habe, die unmittelbar mit dem Ackerbau oder mit der Viehzucht in Verbindung stehen, obgleich ich recht wohl weiß, daß sie meine Kräfte an einem fernen Gestade in Anspruch nehmen werden. Alle Zeit, die ich von meinen häuslichen Pflichten erübrigen konnte, habe ich benutzt, um mich mit meiner Familie in ausgedehnten Briefverkehr zu setzen. Denn ich muß gestehen, es scheint mir, lieber Mr. Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, die sich wahrscheinlich aus alter Gewohnheit zuletzt stets an mich wendete, mit wem sie immer angefangen haben mochte, »daß die Zeit gekommen ist, wo man das Geschehene in Vergessenheit begraben muß; wo meine Familie Mr. Micawbers und Mr. Micawber meiner Familie Hand ergreifen sollte; wo der Löwe sich niederlegt neben dem Lamm, und meine Familie sich mit Mr. Micawber aussöhnt.«

Ich sagte, ich dächte ebenso.

»In diesem Lichte wenigstens, lieber Copperfield,« fuhr Mrs. Micawber fort, »betrachte ich die Sache. Als ich noch zu Hause bei Papa und Mama war, hatte mein Papa die Gewohnheit, wenn über irgend einen Punkt in unserm kleinen Kreise gesprochen wurde, zu fragen: ›In welchem Lichte betrachtet meine Emma diesen Gegenstand?‹ Daß mein Papa zu sehr von mir eingenommen war, weiß ich; aber über einen Punkt, wie die Eiseskälte, die immer zwischen Mr. Micawber und meiner Familie bestanden hat, habe ich mir notwendigerweise eine Meinung gebildet, wie irrig sie auch sein mag.«

»Ohne Zweifel. Natürlich haben Sie das, Ma'am«, sagte meine Tante.

»Ganz richtig«, stimmte Mrs. Micawber bei. »Nun mag ich mich in meinen Schlüssen irren; es ist sehr wahrscheinlich, daß ich das tue, aber mein persönlicher Eindruck ist, daß die Kluft zwischen meiner Familie und Mr. Micawber auf eine Befürchtung zurückgeführt werden kann, die meine Familie hegt, daß Mr. Micawber ihre pekuniäre Beihilfe in Anspruch nehmen könnte. Ich kann den Gedanken nicht unterdrücken,« fuhr Mrs. Micawber mit dem Ausdruck tiefer Weisheit fort, »daß es Mitglieder meiner Familie gegeben hat, die befürchtet haben, Mr. Micawber würde sie um ihren Namen angehen. Ich meine natürlich nicht, um durch das Institut der Taufe auf unsere Kinder übertragen zu werden, sondern für Wechsel, die auf dem Geldmarkte verkauft werden.«

Der selbstzufriedene Blick, mit dem Mrs. Micawber diese Entdeckung von sich gab, als ob nie jemand zuvor auf diesen Gedanken gekommen wäre, schien meine Tante einigermaßen zu verblüffen, so daß sie plötzlich herausplatzte: »Nun, Ma'am, im ganzen betrachtet, mögen Sie so unrecht nicht haben.«

»Da Mr. Micawber nun am Vorabend des großen Ereignisses der Befreiung von den pekuniären Verbindlichkeiten steht, die ihn so lange gefesselt haben, und im Begriff ist, eine neue Laufbahn in einem Lande zu gewinnen, wo er freien Raum für die Ausübung seiner Fähigkeiten hat – was meiner Ansicht nach von besonderer Wichtigkeit ist, denn Mr. Micawbers Fähigkeiten zeichnen sich dadurch aus, daß sie besonders viel Platz verlangen – so scheint es mir, daß meine Familie die Gelegenheit benutzen sollte, um den ersten Schritt zu tun. Mein Wunsch wäre die Bewerkstelligung einer Zusammenkunft zwischen Mr. Micawber und meiner Familie bei einem Festmahl auf Kosten meiner Familie, wo, nachdem ein angesehenes Mitglied meiner Familie einen Toast auf Mr. Micawbers Gesundheit und Wohlfahrt ausgebracht hat, Mr. Micawber Gelegenheit haben könnte, seine Ansichten zu entwickeln.«

»Liebe Frau,« sagte Mr. Micawber mit einiger Heftigkeit, »es dürfte besser sein, wenn ich mich sofort deutlich dahin erkläre, daß meine Ansichten, wenn ich sie der versammelten Sippe verkünden sollte, wahrscheinlich beleidigender Natur sein würden, denn meiner Ansicht nach besteht deine Familie im allgemeinen aus impertinenten, bettelstolzen Narren und im einzelnen aus unleugbaren Lumpen.«

»Micawber!« sagte Mrs. Micawber mit einem Kopfschütteln. »Nein, du hast sie und sie haben dich nie verstanden!«

Mr. Micawber hustete.

»Sie haben dich nie verstanden, Micawber. Sie mögen dessen nicht fähig sein. Dann ist es ein Unglück für sie. Ich kann ihr Unglück nur beklagen.«

»Ich bedaure recht sehr, meine liebe Emma,« sagte Mr. Micawber reuig, »daß ich mich habe zu Ausdrücken hinreißen lassen, die selbst nur von weitem den Anschein einer Verunglimpfung haben können. Ich wollte weiter nichts sagen, als daß ich England verlassen kann, ohne daß mich deine Familie mit ihrer Gunst beglückt – mit einem Worte, mir ihre teilnahmslose Hand zum Abschied reicht, und daß ich im ganzen vorziehe, England auf eigene Kraft und ohne ihre Unterstützung zu verlassen. Sollten sie sich aber herablassen, auf unsere Zuschriften zu antworten – was unsere gemeinschaftliche Erfahrung sehr unwahrscheinlich macht – so sei es fern von mir, deinen Wünschen irgendwie in den Weg zu treten.«

Da diese Angelegenheit damit freundschaftlich beigelegt war, reichte Mr. Micawber seiner Gattin den Arm und äußerte mit einem Blick auf einen Haufen Papiere, die vor Traddles auf dem Tische lagen, daß sie uns jetzt verlassen wollten, was sie mit der größten Feierlichkeit taten.

»Lieber Copperfield,« sagte Traddles, als sie fort waren, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sah mich mit einer Liebe an, die seine Augen röter und sein Haar nach allen Richtungen zu Berge stehen machte, »ich entschuldige mich nicht bei dir, daß ich dich mit Geschäftssachen belästige, denn ich weiß, wie sehr diese Angelegenheit deine Teilnahme erregt, und es kann dir auch diese Sache zur Zerstreuung dienen. Lieber Freund, ich hoffe, du bist nicht zu abgespannt?«

»Ich bin bei vollen Kräften«, antwortete ich nach einer Pause. »Wir haben mehr Ursache, an meine Tante zu denken als an jeden andern. Du weißt, wieviel sie getan hat.«

»Gewiß, gewiß«, gab Traddles zur Antwort. »Wer kann es vergessen!«

»Aber selbst das ist noch nicht alles«, sagte ich. »Während der letzten vierzehn Tage ist sie von einem neuen Kummer heimgesucht gewesen, und sie war täglich in der Stadt. Mehrmals ging sie sehr früh aus und kam erst den Abend wieder. Gestern abend, Traddles, kam sie trotz der bevorstehenden Reise erst kurz vor Mitternacht nach Hause. Du weißt, wieviel Rücksichten sie auch gegen andere hat. Sie will mir die Ursache ihres Kummers nicht sagen.«

Meine Tante saß unbeweglich neben mir, aber sehr blaß und mit tiefen Gramesfurchen auf dem Gesicht, bis ich fertig war. Da rollten vereinzelte Tränen über ihre Wangen herab, und sie legte ihre Hand auf meine.

»Es ist nichts, Trot; es ist nichts, es ist vorbei. Ich werde dir bald alles erzählen. Jetzt, liebe Agnes, wollen wir an die Geschäfte gehen.«

»Ich muß Mr. Micawber die Gerechtigkeit widerfahren lassen,« fing Traddles an, »daß er, so wenig er es für eigene Rechnung zu etwas gebracht zu haben scheint, der unermüdlichste Arbeiter ist, wenn er für andere tätig ist. Ein solcher Mensch ist mir noch nie vorgekommen. Wenn er es immer so forttreibt, so müßte er eigentlich, nach dem Maße der Arbeit gerechnet, gegen zweihundert Jahre alt sein. Die Aufregung, in die er sich immer versetzt hat, die alles andere vergessende und leidenschaftliche Weise, mit der er Tag und Nacht unter Papieren und Büchern herumstöberte, die unzähligen Briefe, die er mir aus Mr. Wickfields Expedition hergeschickt und mir über den Tisch gereicht hat, während wir uns gegenüber saßen und wir viel leichter hätten besprechen können, sind wahrhaft wunderbar.«

»Briefe!« rief meine Tante. »Ich glaube, er träumt in Briefen!«

»Und auch Mr. Dick hat Wunderbares geleistet!« sagte Traddles. »So wie er nicht mehr Uriah Heep zu bewachen hatte, den er unter einer so scharfen Aufsicht hielt, wie ich es noch nie gesehen habe, widmete er sich ganz Mr. Wickfield; und sein angelegentliches Streben, uns in unsern Nachforschungen von Nutzen zu sein, die großen Dienste, die er uns mit Auszügemachen, Abschreiben, Herbeiholen und Forttragen von Dokumenten geleistet hat, waren für uns ein wahrer Sporn.«

»Dick ist ein sehr merkwürdiger Mensch,« rief meine Tante aus, »und ich habe das immer gesagt. Trot, das weißt du!«

»Es freut mich, Ihnen sagen zu können, Miß Wickfield,« fuhr Traddles mit großem Zartgefühl und mit großem Ernste fort, »daß in Ihrer Abwesenheit Mr. Wickfield sich bedeutend gebessert hat. Befreit von dem drückenden Alb, der so lange auf ihm gelastet hat, und von den schrecklichen Besorgnissen, die ihn nicht verlassen wollten, ist er kaum derselbe mehr. Zuweilen stellt sich sogar die sehr geschwächte Kraft seines Gedächtnisses wieder ein und die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit auf einzelne Punkte von Geschäftssachen zu konzentrieren, und er sah sich in den Stand gesetzt, bei der Aufklärung einer Sache mitzuwirken, die wir ohne seinen Beistand schwerlich hätten ins Klare bringen können. Doch ich habe Ihnen das Erreichte vorzulegen, was kurz genug zusammenzufassen ist, und nicht von allen den hoffnungsvollen Aussichten zu sprechen, die sich uns eröffnet haben, sonst werde ich nie fertig.«

Seine natürliche Manier und angenehme Einfachheit ließen leicht erkennen, daß er dies sagte, um uns guten Muts zu machen, und es Agnes zu ermöglichen, ihren Vater mit größerem Vertrauen erwähnen zu hören; aber es war deshalb nicht weniger wohltuend.

»So wollen wir denn jetzt einmal sehen«, sagte Traddles und kramte unter den Papieren auf dem Tische. »Nachdem wir unsere Kapitalien überrechnet und eine Unmasse unabsichtlicher Verwirrungen in der ersten und absichtliche Verwirrungen und Verfälschungen in der zweiten Reihe in Ordnung gebracht haben, können wir für ausgemacht annehmen, daß Mr. Wickfield sein Geschäft und seine Agentur liquidieren und ohne Defizit abschließen könnte.«

»Gott sei gepriesen!« rief Agnes voll Innigkeit aus.

»Aber«, fuhr Traddles fort, »der zu seinem Lebensunterhalt unentbehrliche Überschuß – und ich setze dabei schon den Verkauf des Hauses voraus – wäre so unbedeutend, wahrscheinlich kaum ein paar hundert Pfund, daß es vielleicht besser wäre, zu bedenken, ob er nicht lieber die Verwaltung der Grundstücke, deren Sequester er so lange gewesen ist, behalten soll, Miß Wickfield. Seine Freunde könnten ihm als Ratgeber dienen, er ist jetzt frei. Sie selbst, Miß Wickfield – Copperfield – ich –«

»Ich habe es mir überlegt«, sagte Agnes und sah mich an, »und ich fühle, daß es nicht sein kann und nicht sein darf, selbst nicht auf die Empfehlung eines Freundes, dem ich so dankbar bin und dem ich so viel verdanke.«

»Ich will nicht sagen, daß ich es empfehle«, bemerkte Traddles. »Ich hielt es für recht, es zu erwähnen. Weiter nichts.«

»Es freut mich, Sie so sprechen zu hören,« entgegnete Agnes ruhig, »denn es gibt mir die Hoffnung, ja fast die Gewißheit, daß wir ganz gleich über die Sache denken. Lieber Mr. Traddles und lieber Trotwood, da der Vater jetzt mit Ehren frei ist, was könnte ich mehr wünschen! Meine Sehnsucht war, ihm, so wie er nur erst aus den Netzen, in die er verstrickt war, befreit wurde, einen kleinen Teil der Liebe und Sorgfalt, die ich ihm schulde, zurückgeben zu können und ihm mein Leben zu weihen. Viele Jahre lang war das meine schönste Hoffnung. Unsere Zukunft ganz auf mich zu nehmen, wäre das nächste Glück – das nächste nach seiner Befreiung von jedem verantwortlichen Amte.«

»Hast du schon darüber nachgedacht, wie du das anfangen willst, Agnes?«

»Oft! Ich bin ohne Besorgnis, lieber Trotwood. Ich bin des Erfolges sicher. Es kennen mich hier so viele Leute und sind mir freundlich gesinnt, daß ich nicht zage. Setzt kein Mißtrauen in meine Kräfte. Unsere Bedürfnisse sind nicht groß. Wenn ich das liebe alte Haus miete und eine Schule halte, werde ich nützlich und glücklich sein.«

Die ruhige Innigkeit ihrer klaren Stimme erinnerte mich so lebhaft an das alte liebe Haus und dann an meine einsame Wohnung, daß mein Herz zu voll war zum Reden. Traddles tat, als ob er eine Weile unter den Papieren herumkramte.

»Jetzt kommt Ihr Vermögen an die Reihe, Miß Trotwood«, sagte Traddles.

»Ja so«, seufzte meine Tante. »Ich habe weiter nichts darüber zu sagen, als daß ich es ertragen kann, wenn es verloren ist, und daß es mich freuen würde, es wieder zu erhalten, wenn es noch nicht verloren ist.«

»Es waren ursprünglich achttausend Pfund, glaube ich«, sagte Traddles.

»Richtig!« entgegnete meine Tante.

»Ich kann nicht mehr als fünf nachweisen«, sagte Traddles mit nachdenklicher Miene.

»– Tausend meinen Sie«, fragte sie mit ungewöhnlicher Fassung.

»Fünftausend Pfund«, sagte Traddles.

»Mehr waren auch nicht dort,« entgegnete meine Tante, »dreitausend Pfund in Konsols verkaufte ich selber. Das eine um deinen Lehrbrief zu bezahlen, lieber Trot, und die andern beiden habe ich noch. Als ich das übrige verlor, hielt ich es für klug, von dieser Summe nichts zu sagen, sondern sie im geheimen für böse Tage zu behalten. Ich wollte sehen, wie du die Prüfung bestehen würdest, Trot, und du hast sie glänzend bestanden – du hast dich voll Ausdauer und Selbstverleugnung gezeigt! Auch Dick. Aber sprecht nicht mit mir davon, denn meine Nerven sind etwas angegriffen!«

Niemand hätte ihr das geglaubt, wer sie in so aufrechter Haltung und mit übereinander geschlagenen Armen sitzen sah; aber sie besaß eine wunderbare Selbstbeherrschung.

»Dann schätze ich mich glücklich, Ihnen sagen zu können,« rief Traddles mit strahlendem Gesicht, »daß wir das ganze Geld wieder haben!«

»Wünscht mir nicht Glück dazu, niemand!« rief meine Tante aus. »Aber wie so, Sir?«

»Sie glaubten, Mr. Wickfield habe es unrechtmäßigerweise für sich verwendet«, sagte Traddles.

»Natürlich,« erwiderte meine Tante, »und war daher bald zum Schweigen gebracht. Agnes, kein Wort!«

»Und in der Tat wurden die Papiere kraft Ihrer Vollmacht verkauft,« sagte Traddles, »aber ich brauche nicht zu sagen, wer sie verkaufte und wer dazu wirklich die Unterschrift hergab. Dieser Schurke spiegelte ihm später vor – und bewies es ihm auch durch Zahlen – daß er das Geld an sich genommen habe – wie er sagte – kraft allgemeiner Instruktionen, um anderweitige Ausfälle zu decken. Da Mr. Wickfield in seinen Händen so schwach und hilflos war, daß er Ihnen später verschiedene Zinsensummen von einem angeblichen Kapital, das wie er recht gut wußte, nicht mehr vorhanden, bezahlte, so machte er sich leider zum Mitschuldigen an dem Betruge.«

»Und nahm zuletzt alle Schuld auf sich allein!« setzte meine Tante hinzu, »und schrieb mir einen verrückten Brief, in dem er sich des Diebstahls und unerhörten Unrechts zieh. Durch diesen Brief veranlaßt, machte ich ihm eines Morgens ganz früh einen Besuch, ließ ein Licht kommen, verbrannte den Brief und sagte ihm, wenn er mir und sich selbst jemals gerecht werden könne, so solle er es tun, wenn nicht, so solle er es hübsch geheimhalten um seiner Tochter willen. – Wenn jemand ein Wort zu mir spricht, gehe ich fort!«

Wir alle schwiegen, und Agnes bedeckte sich das Gesicht mit den Händen.

»Also, lieber Traddles,« sagte meine Tante nach einer Pause, »haben Sie wirklich das Geld aus ihm herausgequetscht?«

»Die Sache ist die,« entgegnete Traddles, »Mr. Micawber hatte ihn so vollständig in der Gewalt und war immer mit so vielen neuen Beweisstücken bereit, wenn ein schon vorhandenes nicht ausreichte, daß er uns nicht entrinnen konnte. Einen merkwürdigen Umstand muß ich noch erwähnen. Ich glaube nämlich, er bemächtigte sich der Summe ebensosehr aus Geiz, der bei ihm in ungemessenem Grade vorhanden ist, wie aus Haß gegen Copperfield. Er hat es mir geradezu herausgesagt. Er äußerte, er hätte ebensoviel durchgebracht, wenn er damit hätte Copperfield schaden können.«

»Ha!« sagte meine Tante gedankenvoll, die Brauen zusammenziehend und Agnes anblickend. »Und was ist aus ihm geworden?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Traddles. »Er hat mit der Mutter, die während der ganzen Zeit gejammert, gefleht und ausgeplaudert hatte, die Stadt verlassen. Sie sind mit der Londoner Abendpost gefahren, und weiter weiß ich nichts von ihnen, nur daß seine Bosheit gegen mich beim Abschied alles Maß überstieg. Er schien der Meinung zu sein, daß er mir kaum weniger schulde als Mr. Micawber; was ich für ein wahres Kompliment halte, wie ich es ihm auch sagte.«

»Glaubst du, daß er noch Geld hat, Traddles?« fragte ich.

»O ja, ich sollte wohl meinen«, entgegnete er und wiegte mit ernster Miene den Kopf. »Auf eine oder die andere Weise muß er sich viel in die Tasche gebracht haben. Aber ich glaube, du würdest finden, Copperfield, wenn du Gelegenheit hättest, seine Laufbahn zu beobachten, daß diesen Menschen Geld nicht vor dem Bösen schützt. Er ist ein so eingefleischter Heuchler, daß er alles, was er verfolgt, auf krummen Wegen verfolgen muß. Das ist sein einziger Lohn für den Zwang, den er sich auferlegt. Da er immer auf dem Boden nach einem oder dem andern kleinen Ziele kriecht, so wird ihm alles unterwegs vergrößert erscheinen, und er wird daher jeden hassen und ihm mißtrauen, der in der unschuldigsten Weise zwischen ihn und sein Ziel tritt. So werden in jedem beliebigen Augenblick aus dem geringfügigsten oder aus gar keinem Grunde die krummen Wege immer krummer werden.«

»Er ist ein Ungeheuer von Niederträchtigkeit!« bemerkte meine Tante.

»Das weiß ich gerade noch nicht,« sagte Traddles gedankenvoll, »viel Leute können sehr niederträchtig sein, wenn sie nur rechten Ernst machen.«

»Und nun Micawber«, sagte meine Tante.

»Ich muß wirklich Mr. Micawber mit hohem Lobe bedenken«, bemerkte Traddles heiter. »Ohne seine lange Geduld und Ausdauer hätten wir nicht hoffen können, etwas Nennenswertes zu erreichen. Und ich glaube, wir dürfen nicht außer acht lassen, daß Mr. Micawber Gutes um des Guten willen tat, wenn wir bedenken, wie teuer er sich sein Schweigen von Uriah Heep hätte abkaufen lassen können.«

»Das glaube ich auch«, erwiderte ich.

»Was wollen wir ihm also geben?« fragte meine Tante.

»O! Ehe wir daran kommen,« sagte Traddles ein wenig betreten, »muß ich gestehen, daß ich es leider für klug halten müßte, bei der Schlichtung dieser schwierigen Angelegenheit zwei Punkte aus den Augen zu lassen, da ich nicht alles auf einmal erreichen konnte. Denn ungesetzlich ist die ganze Sache von A bis Z. Ich konnte mit Heep nichts abmachen über die schwierige Angelegenheit der Schuldverschreibungen und dergleichen Bescheinigungen, die Mr. Micawber ihm für die erhaltenen Vorschüsse ausgestellt hat –«

»Die müssen natürlich bezahlt werden«, sagte meine Tante.

»Ja, ich weiß aber nicht, wann sie präsentiert werden sollen, oder wer sie in der Hand hat«, entgegnete Traddles mit emporgezogenen Augenbrauen, »und ich fürchte, daß Mr. Micawber bis zu seiner Abreise in einem fort wird in Wechselhaft genommen werden.«

»So müssen wir ihn in einem fort wieder aus der Wechselhaft frei machen«, sagte meine Tante. »Was macht der ganze Betrag?«

»Mr. Micawber hat die Geschäfte – er nennt es Geldgeschäfte – in bester Form in einem Buche eingetragen«, gab Traddles mit einem Lächeln zur Antwort, »und er bringt den Betrag von 103 Pfund 5 Schillingen heraus.«

»Nun, was wollen wir ihm mit Einschluß dieser Summe geben?« fragte meine Tante. »Liebe Agnes, wir können später besprechen, wie wir das Geld unter uns teilen wollen. Wieviel meinen Sie? 500 Pfund?«

Aber Traddles und ich legten sich hier sogleich ins Mittel!

Wir empfahlen beide eine Summe bar und die Bezahlung der Wechsel in Uriahs Händen, so wie sie präsentiert werden, aber ohne Verpflichtung gegen Mr. Micawber. Die Familie sollte Überfahrt und Ausrüstung frei und außerdem noch 106 Pfund erhalten, und Mr. Micawbers Vorschläge zur Bezahlung der Vorschüsse sollten ganz ernsthaft angenommen werden, da es vielleicht gut für ihn war, wenn er an das Vorhandensein dieser Verpflichtung glaubte. Dazu schlug ich noch vor, einige Erläuterungen über seinen Charakter und seine Geschichte Mr. Peggotty zu geben, auf den man sich verlassen konnte, und daß Mr. Peggotty in aller Stille Vollmacht erhalten sollte, ein zweites Hundert vorzuschießen. Ferner schlug ich vor, bei Mr. Micawber ein Interesse für Mr. Peggotty dadurch zu erwecken, daß ich ihm soviel von Mr. Peggotty erzählte, als ich für passend hielt, und mich bemühte, daß beide sich füreinander zum gemeinsamen Nutzen interessierten. Wir gingen alle lebhaft auf diese Ansichten ein, und ich will nur gleich hier erwähnen, daß die Hauptinteressenten kurze Zeit darauf mit vollkommenstem guten Willen und größter Eintracht dasselbe taten.

Da Traddles jetzt wieder einen besorgten Blick auf meine Tante warf, erinnerte ich an den zweiten und letzten der von ihm erwähnten aber noch nicht erörterten Punkte.

»Du und deine Tante werden mich entschuldigen, Copperfield, wenn ich nun einen schmerzlichen Gegenstand berühre, was, wie ich sehr fürchte, jetzt wohl der Fall sein wird,« bemerkte Traddles mit einigem Zögern; »aber ich halte es für notwendig, daran zu erinnern. An dem Tage, wo Mr. Micawber seine merkwürdigen Enthüllungen machte, hörten wir aus Uriahs Munde eine drohende Anspielung auf den Gatten deiner Tante.«

Meine Tante, die ihre steife Haltung und ihre äußere Fassung beibehielt, nickte beistimmend.

»Vielleicht war es eine bedeutungslose Unverschämtheit.«

»Nein«, entgegnete meine Tante.

»Sie verzeihen – es ist also wirklich eine solche Person vorhanden, und sie ist in seiner Macht?« fragte Traddles.

»Ja, guter Freund«, sagte meine Tante.

Traddles setzte uns mit betrübtem Gesicht auseinander, daß er sich außer stande gesehen, diese Angelegenheit ins Auge zu fassen, daß sie das Schicksal von Mr. Micawbers Verbindlichkeiten teile und nicht mit in den Friedensbedingungen begriffen worden wäre, daß wir keine Gewalt mehr über Uriah Heep hätten und daß, wenn er einem von uns irgend schaden könnte, er es gewiß tun würde.

Meine Tante schwieg, bis einige vereinzelte Tränen von ihren Wangen herabrannen.

»Sie haben ganz recht«, sagte sie. »Es war notwendig von Ihnen, daß Sie es erwähnten.«

»Kann ich – oder Copperfield etwas tun?«

»Nichts«, sagte meine Tante. »Ich danke Ihnen vielmals. Lieber Trot, es ist eine leere Drohung! Lassen Sie Mrs. und Mr. Micawber wieder herein. Und niemand darf jetzt zu mir sprechen!« Damit strich sie ihr Kleid glatt und saß in aufrechter Haltung in ihrem Stuhl, die Augen auf die Tür geheftet.

»Nun, Mr. und Mrs. Micawber,« sagte meine Tante, als sie eintraten, »wir haben Ihre Auswanderung besprochen und müssen Sie vielmals um Verzeihung bitten, daß wir Sie so lange haben warten lassen; aber jetzt wollen wir Ihnen sagen, welche Anordnungen wir Ihnen vorschlagen.«

Sie setzte sie ihnen, zur unbegrenzten Befriedigung der Familie, die vollzählig anwesend war, auseinander, und trug damit so viel zur Erweckung der Pünktlichkeit Mr. Micawbers im Anfangsstadium aller Wechselgeschäfte bei, daß er sich nicht abhalten ließ, sofort in der fröhlichsten Aufregung hinauszustürzen, um für seine Solawechsel Stempel zu kaufen. Aber seine Freude erfuhr eine rasche Niederlage, denn ehe fünf Minuten vergangen waren, kehrte er in Gewahrsam eines Exekutors zurück und benachrichtigte uns mit einer Flut von Tränen, daß alles verloren sei. Da wir auf dieses Ereignis, das wir natürlich Uriah Heep verdankten, vollständig gefaßt waren, so bezahlten wir das Geld, und ehe weitere fünf Minuten abgelaufen, saß Mr. Micawber am Tische und füllte die Stempelbogen mit einem Ausdruck vollendeter Freude aus, die nur diese angenehme Beschäftigung oder das Punschbrauen seinem glänzenden Antlitz in so hohem Grade mitteilen konnte. Es war ein wahrer Genuß, ihn mit dem Entzücken eines Künstlers an den Stempelbogen beschäftigt zu sehen, wie er sie wie Gemälde behandelte, sie von der Seite betrachtete, wichtige Notizen von Daten und Beträgen in sein Notizbuch eintrug und sie nachher in hohem Bewußtsein ihres kostbaren Wertes betrachtete.

»Wenn Sie mir erlauben, Ihnen einen Rat zu geben,« sagte meine Tante, nachdem sie ihm stillschweigend zugesehen hatte, »so wäre das beste, was Sie tun können, dieser Beschäftigung für ewig abzuschwören.«

»Madame«, entgegnete Mr. Micamber, »ich beabsichtige, ein solches Gelübde auf der noch unentweihten Anfangsseite des Buches meiner Zukunft einzutragen. Mrs. Micamber wird es bescheinigen. Ich gebe mich der Zuversicht hin,« sagte Mr. Micamber feierlich, »mein Sohn Wilkins wird nie vergessen, daß er unendlich viel besser täte, seine Hand ins Feuer zu strecken, als sich mit den Schlangen zu befassen, die das Lebensblut seines unglücklichen Vaters vergiftet haben!«

Tief gerührt und in einem Augenblick in ein Bild der Verzweiflung verwandelt, sah Mr. Micamber auf die Schlangen mit einem Blick düstern Abscheus – in dem seine vorherige Bewunderung noch durchblickte – legte sie zusammen und steckte sie in die Tasche.

Damit schloß der Abend. Trauer und Anstrengungen hatten uns müde gemacht, und meine Tante und ich wollten am andern Morgen nach London zurückkehren. Wir verabredeten, daß Micambers uns, nachdem sie ihre Sachen verkauft hätten, folgen sollten; daß Mr. Wickfields Geschäft so schnell wie nur möglich unter Traddles' Leitung abgewickelt und daß Agnes bis zum Ausgange der Liquidation mit uns nach London kommen sollte. Wir brachten die Nacht in dem alten Hause zu, das, von der Anwesenheit der Heeps befreit, wie von einer Pest gereinigt erschien, und ich lag in meinem alten Zimmer gleich einem schiffbrüchigen Wanderer, der nach Hause zurückgekehrt ist.

Den Tag darauf begaben wir uns nach dem Hause meiner Tante, nicht nach meinem; und als sie und ich vor dem Schlafengehen, wie früher, allein beisammen saßen, sagte sie:

»Trot, willst du wirklich wissen, was mir in der letzten Zeit auf der Seele gelegen hat?«

»Gewiß, Tante. Wenn es jemals eine Zeit gab, wo ich nicht wollte, daß du einen Kummer oder eine Sorge hattest, die ich nicht teilen konnte, so ist es jetzt der Fall.«

»Du hast Kummer genug gehabt,« bemerkte meine Tante liebreich, »und du brauchtest meine kleinen Schmerzen nicht dazu. Keine andern Beweggründe konnte ich haben, Trot, es dir geheim zu halten.«

»Das weiß ich wohl«, entgegnete ich. »Aber sage mir es jetzt.«

»Willst du morgen früh ein kleines Stück mit mir fahren?«

»Natürlich.«

»Um neun Uhr«, sagte sie. »Dann sollst du alles erfahren.« –

Um neun Uhr stiegen wir in einen kleinen Wagen und fuhren nach London. Wir fuhren lange Zeit durch die Straßen, bis wir eins der größeren Hospitäler erreichten. Vor der Tür stand ein einfacher Leichenwagen. Der Kutscher erkannte meine Tante und setzte sich in Schritt, ihrem Winke aus dem Kutschfenster gehorsam; wir folgten.

»Du errätst es jetzt, Trot«, sagte meine Tante. »Er ist tot!«

»Starb er in einem Hospital?«

»Ja.«

Sie saß unbeweglich neben mir. Aber wieder sah ich vereinzelte Tränen von ihren Wangen herabrollen.

»Er war schon einmal darin«, sagte meine Tante gleich darauf. »Er kränkelte seit langer Zeit – er war schon seit vielen Jahren gebrochen und hinfällig. Als er erfuhr, daß keine Hoffnung mehr für ihn sei, verlangte er nach mir. Er bereute sein früheres Leben. Er bereute es sehr.«

»Du gingst, Tante, ich weiß es.«

»Ich ging. Ich war seit der Zeit viel bei ihm.«

»Er starb am Abende vor unserer Reise nach Canterbury«, sagte ich.

Meine Tante nickte. »Niemand kann ihm jetzt schaden«, sagte sie. »Es war eine leere Drohung.«

Wir ließen die Stadt hinter uns und fuhren nach dem Kirchhofe von Hornsey. »Besser hier, als mitten in den Straßen«, sagte meine Tante. »Er ist hier geboren.«

Wir stiegen aus und folgten dem einfachen Sarge nach einer Ecke, deren ich mich noch recht gut erinnern kann, wo wir ihn in die Gruft senkten, nachdem ihm der letzte kirchliche Segen erteilt worden war.

»Heute vor sechsunddreißig Jahren, lieber Trot,« sagte meine Tante auf dem Rückwege nach dem Wagen, »wurde ich getraut. Gott vergebe uns allen unsere Schuld.«

Wir nahmen schweigend unsere Sitze wieder ein; so saßen wir lange Zeit nebeneinander, und sie hielt meine Hand in der ihrigen. Endlich brach sie plötzlich in Tränen aus und sagte:

»Er war ein schöner Mann, Trot, als ich ihn heiratete – und nun sah er so entsetzlich verändert aus!«

Es dauerte nicht lange. Nach der Erleichterung durch die Tränen wurde sie bald wieder ruhiger und sogar heiter. Ihre Nerven wären ein wenig erschüttert, sagte sie, sonst hätte sie sich nicht so gehen lassen. Gott vergebe uns allen unsere Schuld.

So kehrten wir zurück nach meinem Häuschen in Highgate, wo wir folgenden kurzen Brief vorfanden, der mit der Morgenpost von Mr. Micamber eingetroffen war:

»Canterbury, Freitag.

Meine geehrte Madame und Copperfield!

Das schöne Land der Verheißung, das sich noch vor kurzem am Horizonte zeigte, ist wieder in undurchdringliche Nebel eingehüllt und für immer den Augen eines schiffbrüchigen Unglücklichen entzogen, dessen Schicksal besiegelt ist!

Ein neuer Haftbefehl ist in Sr. Majestät hohem Gerichtshof, der Kingsbench in Westminster, in einer zweiten Sache Heeps contra Micamber erlassen worden, und der Angeklagte dieser Sache ist die Beute des in diesem Amtsbezirk gesetzlich Gerichtsbarkeit übenden Exekutors.

Nun ist der Tag und nun ist die Stunde,
Seht die Feinde ziehen herbei,
Edwards stolze Streiter drohen,
Ketten drohen und Sklaverei!

Anheimgefallen dieser Haft und einem raschen Ende – denn Seelenqual ist nur bis zu einem gewissen Grade erträglich, und diesen habe ich erreicht, wie ich fühle – ist meine Uhr abgelaufen. Der Herr segne Sie vielmal! Wenn in spätern Jahren ein Wanderer aus Neugier und nicht ungemischt, wollen wir hoffen, mit Teilnahme das den Schuldnern in dieser Stadt zugewiesene Gefängnis besucht, so kann er, und ich hoffe, er wird seine Augen nachdenkend ruhen lassen auf den mit einem verrosteten Nagel auf der Wand eingeschriebenen

bescheidenen Anfangsbuchstaben

W. M.

P.S. Ich mache den Brief wieder auf, um Ihnen mitzuteilen, daß unser gemeinschaftlicher Freund, Mr. Thomas Traddles – der uns noch nicht verlassen hat und sich dem Aussehen nach außerordentlich wohl befindet – die Schuld mit den Kosten im Namen der edeln Miß Trotwood bezahlt hat und daß ich und meine Familie uns auf dem Gipfel irdischen Glücks befinden.«

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