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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060612
modified20180604
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Dreiundfünfzigstes Kapitel.

Noch ein Rückblick.

Ich muß wieder eine Pause machen. O mein kindisches Weibchen! In dem Gedränge vor meiner Erinnerung sehe ich eine Gestalt, deren unschuldige Liebe und kindergleiche Schönheit zu mir sagt: Bleib stehen und denk an mich – sieh herab auf die kleine Blume, wie sie zitternd und welkend zur Erde sinkt.

Ich gehorche. Alles wird wieder nebelhaft und verschwindet. Ich bin wieder mit Dora in unserm Häuschen. Ich weiß nicht, wie lange sie krank gewesen ist. Ich bin so daran gewöhnt, daß ich die Tage nicht mehr zählen kann. Es ist nach Wochen eigentlich nicht lange her, aber in meinem Leben eine lange trübe Zeit. Sie sagen mir nicht mehr, ich sollte mich nur einige Tage gedulden. Ich trage mich schon mit der bestimmten Furcht, daß der Tag nie kommen wird, wo mein kindisches Weibchen im Sonnenschein mit ihrem alten Freund Jip herumspringt.

Er ist wie auf einmal sehr alt geworden. Vielleicht fehlt ihm in seiner Herrin etwas, was ihn lebendig und jünger machte, aber er ist träge und sieht schlecht und ist schwach, und meiner Tante tut es leid, daß er sie nicht mehr anbellt, sondern an sie herankriecht, wenn er auf Doras Bett liegt, und sie neben dem Bett sitzt, und er liebkosend ihre Hände leckt.

Dora liegt da und lächelt uns an und ist schön und läßt kein heftiges oder klagendes Wort hören. Sie sagt, wir wären alle so gut gegen sie, ihr alter Doady plage sich ihretwegen halb zu Tode, meine Tante schlafe gar nicht, sondern wache immer und sei tätig und freundlich. Manchmal kommen die beiden vogelähnlichen Damen zu Besuch, und wir unterhalten uns von unserm Hochzeitstage und der ganzen glücklichen Zeit von damals.

Was für eine seltsame schweigende Pause scheint in meinem Leben einzutreten – und in allem Leben hier drinnen und draußen – wenn ich in dem stillen verdunkelten Zimmer sitze, während die blauen Augen meines kindischen Weibchens auf mir ruhen und ihre niedlichen Finger meine Hände erfassen! Manche Stunde sitze ich so, aber von allen diesen Zeiten sind mir drei Abschnitte am frischesten im Gedächtnis.


Es ist morgens früh, und Dora, die meine Tante so schmuck gemacht hat, zeigt mir, wie sich ihr schönes Haar immer noch auf dem Kissen locken will, und wie lang und glänzend es ist, und wie gerne sie es lose zusammengeschlungen in dem Netz trägt.

»Nicht etwa, daß ich eitel bin, du spöttischer Mensch,« sagte sie, als sie mich lächeln sieht, »sondern weil du immer sagtest, es käme dir so schön vor, und weil ich, als ich zuerst an dich zu denken anfing, manchmal ein bißchen in den Spiegel guckte und mich fragte, ob wohl du gern eine Locke davon haben möchtest. O, was für ein närrischer Mensch du warst, Doady, als ich dir eine gab.«

»Das war an dem Tage, wo du die Blumen maltest, die ich dir geschenkt hatte und dir sagte, wie sehr ich dich liebte.«

»Ach! aber ich wollte dir damals nicht sagen,« sagte Dora, »wie sehr ich über ihnen geweint hatte, weil ich glaubte, du hättest mich wirklich gern! Wenn ich wieder herumspringen kann wie früher, Doady, so wollen wir die Orte besuchen, wo wir so närrische Liebesleutchen waren, nicht wahr? Und einige von den alten Spaziergängen wieder aufsuchen und den armen, lieben Papa nicht vergessen?«

»Ja, das wollen wir tun und noch glückliche Tage leben. Werde also nur rasch gesund, liebes Herz!«

»O, das wird schon werden! Du weißt gar nicht, wieviel besser ich mich befinde!«


Es ist Abend, und ich sitze auf demselben Stuhle vor demselben Bette, und dasselbe Gesicht blickt mich an. Wir haben längere Zeit geschwiegen und ein Lächeln liegt auf ihrem Antlitz. Ich trage nicht mehr die leichte Last die Treppe auf und ab. Sie liegt den ganzen Tag hier.

»Doady!«

»Liebste Dora!«

»Du wirst doch nicht etwa das, was ich sagen will, für unverständig halten, nachdem was du mir vor kurzem von Mr. Wickfields Krankheit gesagt hast? Ich möchte Agnes sprechen. Ich möchte sie sehr gern sprechen.«

»Ich will ihr schreiben, liebes Herz.«

»Willst du?«

»Sogleich.«

»Was für ein guter, guter Mann! Doady, nimm mich in deinen Arm. Es ist wirklich keine bloße Grille von mir. Es ist kein törichter Einfall. Es liegt mir wirklich sehr, sehr viel daran, sie zu sprechen.«

»Davon bin ich überzeugt. Ich brauche ihr nur zu schreiben, und sie kommt gewiß.«

»Du fühlst dich sehr einsam, wenn du unten bist, nicht wahr?« flüsterte mir Dora zu, den Arm um meinen Hals geschlungen.

»Wie kann es anders sein, liebes Herz, wenn ich deinen leeren Stuhl sehe!«

»Meinen leeren Stuhl!« Sie ruht eine kleine Weile stumm an meiner Brust. »Und du vermissest mich wirklich, Doady?« fängt sie wieder an, und lächelt mich freundlich an. »Selbst mich armes dummes, hilfloses Mädchen!«

»Liebes Herz, könnte ich auf der Welt etwas mehr vermissen als dich?«

»Ach, lieber Mann, ich bin so froh und doch so bekümmert!« und sie drängt sich näher an mich heran und umschlingt mich mit beiden Armen. Sie lacht und schluchzt und ist dann ruhig und ganz glücklich.

»Ganz glücklich!« sagte sie. »Sende nur Agnes meinen freundlichsten, zärtlichsten Gruß und schreibe ihr, daß mir sehr viel daran liegt, sie zu sprechen, und dann habe ich nichts mehr zu wünschen.«

»Außer wieder gesund zu werden, Dora!«

»Ach, Doady! manchmal glaube ich – du weißt, ich bin immer ein dummes Närrchen gewesen – daß das nie geschehen wird.«

»Sage das nicht, Dora! Liebstes Herz, denke nicht daran!«

»Gewiß nicht, wenn ich kann, Doady. Aber ich fühle mich sehr glücklich, obgleich du dich so einsam fühlest vor dem leeren Stuhl deines kindischen Weibchens!«


Es ist Nacht, und ich bin noch bei ihr. Agnes ist gekommen und ist einen ganzen Tag und einen ganzen Abend bei uns gewesen. Sie, meine Tante und ich haben Dora seit dem Morgen zusammen Gesellschaft geleistet. Wir haben nicht viel geredet, aber Dora war immer zufrieden und heiter. Wir sind jetzt allein.

Ich weiß jetzt, daß mein kindisches Weibchen mich verlassen wird, sie haben es mir gesagt, sie haben mir gesagt, was meinen Gedanken nicht neu war; aber ich bin durchaus nicht gewiß, daß mein Herz von der Wahrheit überzeugt ist. Ich kann es nicht fassen! Ich bin vielmals des Tages still weggegangen und habe allein geweint. Ich habe versucht, mich in die Schickung zu fügen und mich zu trösten, und das, hoffe ich, ist mir gelungen, wenn auch unvollkommen, aber immer noch will die Überzeugung nicht festen Fuß in mir fassen, daß das Ende unfehlbar da ist. Ich halte ihre Hand in meiner, ich habe ihr Herz an meinem, ich sehe ihre Liebe zu mir in aller ihrer Kraft lebendig, ich kann mich nicht befreien von einem letzten schwachen Schatten des Glaubens, sie wäre noch zu retten.

»Ich will dir etwas sagen, Doady. Ich will dir etwas sagen, woran ich in der letzten Zeit gedacht habe. Du wirst es nicht übelnehmen«, sagte sie mit einem bittenden Blick.

»Übelnehmen, mein Herz?«

»Weil ich nicht weiß, was du davon denken wirst oder was du manchmal gedacht haben wirst. Vielleicht hast du oft dasselbe gedacht. Lieber Doady, ich fürchte, ich war noch zu jung.«

Ich lege mein Gesicht auf das Kissen neben sie, sie blickt mir in die Augen und spricht sehr leise. Allmählich, wie sie weiter redete, fühlte ich mit blutendem Herzen, daß sie von sich wie von einer Verstorbenen spricht.

»Ja, ich fürchte, Lieber, ich war zu jung. Ich meine nicht nur an Jahren, sondern auch an Erfahrung und an allem. Ich war ein kleines kindisches Geschöpf. Ich fürchte, es wäre besser gewesen, wenn wir nur eine Kinderliebschaft gehabt und sie wieder vergessen hätten. Ich kann mich von dem Gedanken nicht trennen, daß ich noch zu jung war, um eine Gattin zu werden.«

Ich versuchte meine Tränen zurückzuhalten und zu antworten.

»Ach, liebe Dora, ebensogut wie ich zu einem Ehemann paßte!«

»Das weiß ich nicht«, entgegnete sie mit dem alten Schütteln ihrer Locken. »Vielleicht! aber hätte ich besser gepaßt zum Heiraten, so hätte ich dich auch passender machen können. Außerdem bist du sehr gescheit, und das bin ich nicht.«

»Wir waren sehr glücklich miteinander, geliebteste Dora!«

»Ich bin sehr, sehr glücklich gewesen. Aber mit den Jahren wäre mein lieber Doady seines kindischen Weibchens müde geworden. Sie hätte weniger und weniger zur Lebensgefährtin für ihn gepaßt. Er hätte immer mehr und mehr gefühlt, was ihm zu Hause fehlte. Sie hätte sich nicht geändert. Es ist besser so, wie es ist.«

»Ach liebste, liebste Dora, sprich nicht so. Jedes Wort klingt wie ein Vorwurf!«

»Nein, keine Silbe!« gibt sie zur Antwort und küßt mich, »Ach, liebstes Herz, du verdientest ihn nie, und ich liebte dich zu sehr, um dir im Ernste ein Wort des Vorwurfs zu sagen – das war mein einziges Verdienst, außer daß ich hübsch war – oder du hieltest mich wenigstens für hübsch. Ist es einsam unten?

»Sehr! sehr!«

»Weine nicht! Ist mein Stuhl noch da?«

»Auf seiner alten Stelle.«

»O, wie mein armer, lieber Junge weint! Still, still! Jetzt versprich mir noch eins. Ich möchte mit Agnes sprechen. Wenn du hinuntergehst, so sage es Agnes und schicke sie herauf zu mir; und während ich mit ihr spreche, laß niemand herein – nicht einmal die Tante. Ich will mit Agnes selbst sprechen. Ich muß mit Agnes ganz allein sprechen.«

Ich verspreche ihr, es sofort zu tun; aber mein Schmerz erlaubt mir nicht, sie zu verlassen,

»Ich sagte, es wäre besser, wie es ist!« flüsterte sie, wie sie mich in ihren Armen hielt. »Ach, Doady, nach Jahren hättest du dein kindisches Weibchen nicht besser lieben können als jetzt, und nach mehreren Jahren hätte sie deine Geduld und deine Liebe so hart auf die Probe gestellt, daß du sie nicht mehr halb so sehr hättest lieben können. Ich weiß wohl, ich war zu jung und leichtsinnig. Es ist viel besser so, wie es ist!«


Agnes ist unten, als ich in die Wohnstube trete; und ich richte ihr den Auftrag Doras aus. Sie verschwindet und läßt mich allein mit Jip.

Sein chinesisches Haus steht beim Feuer; er liegt darin auf seinem Flanellbett und versucht grämlich einzuschlafen. Der glänzende Mond steht hoch und klar am Himmel. Als ich in die Nacht hinaussehe, fließen meine Tränen reichlich, und mein unerzogenes Herz erfährt ein schweres, schweres Strafgericht,

Ich setze mich ans Fenster und denke mit Reue an alle geheimen Gefühle, die ich seit meiner Verheiratung gehegt habe. Ich denke an jede Kleinigkeit zwischen mir und Dora, und fühle, daß Kleinigkeiten die Summe des Lebens ausmachen. Und immer steigt aus dem Meere meiner Erinnerungen das liebe Bild des Kindes, wie ich es zuerst sah: verschönert durch meine und durch ihre jugendliche Liebe mit jedem Reiz, an dem so eine Liebe reich ist. Wäre es wirklich besser gewesen, wir hätten nur eine Kinderliebschaft miteinander gehabt und sie vergessen? O vielgeprüftes Herz, antworte!

Wieviel Zeit verstrichen war, weiß ich nicht, bis mich meines kindischen Weibchens alter Gefährte aus meinen Gedanken aufschreckt. Unruhiger als vorhin kriecht er aus seinem Hüttchen heraus und sieht mich an, und schleppt sich nach der Tür, und winselt, um hinaufzukommen.

»Heute nacht nicht, Jip. Heute nicht!« Er schleicht langsam zu mir zurück, leckt mir die Hände und sieht mich mit seinen glanzlosen Augen an.

»O, Jip! vielleicht nie, nie wieder!«

Er legt sich mir vor die Füße, streckt sich aus, als wollte er schlafen, und ist mit einem Winseln – tot.

»Ach, Agnes! Sieh hier!«

– Dieses Gesicht, so erfüllt von Mitleid und von Schmerz, dieser Tränenregen, diese feierliche stumme Bitte an mich, diese feierlich gen Himmel gerichtete Hand! – – –

Es ist vorbei. Es wird Nacht vor meinen Augen; und eine Zeitlang ist alles aus meinem Gedächtnis verschwunden.

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