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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Zweiundfünfzigstes Kapitel.

Eine Explosion.

Als an der von Mr. Micawber so geheimnisvoll bestimmten Zeit noch vierundzwanzig Stunden fehlten, berieten meine Tante und ich, was wir nun zunächst zu tun hätten, denn meine Tante wollte ungern Dora verlassen. Ach wie leicht ich jetzt Dora die Treppe hinauf- und hinabtrug!

Obgleich Mr. Micawber die Anwesenheit meiner Tante zur Bedingung gemacht hatte, waren wir doch geneigt, es so einzurichten, daß sie zu Hause bleiben sollte, und daß Mr. Dick und ich ihre Stelle vertraten. Wir hatten uns auch schon dazu entschlossen, als Dora alle Verabredung mit der Erklärung über den Haufen warf, daß sie es sich nie verzeihen würde und ebensowenig ihrem bösen Manne, wenn die Tante unter irgend einem Vorwande zu Hause bliebe.

»Ich spreche dann nicht mit dir«, sagte Dora und schüttelte komisch zürnend ihre Locken gegen meine Tante. »Ich will unangenehm sein! Ich lasse Jip dich anbellen. Und ich glaube wirklich, du bist eine mürrische, alte Frau, wenn du nicht gehst!«

»Aber Maßliebchen,« lachte meine Tante, »du weißt ja, du kannst mich nicht entbehren.«

»O doch«, erwiderte Dora. »Du bist mir zu gar nichts nütze. Du läufst nicht den ganzen Tag für mich herum, treppauf, treppab. Du sitzt niemals an meinem Bett und erzählst mir Geschichten von Doady, als seine Schuhe durchgelaufen und er mit Staub bedeckt war – ach, was für ein armer Kerl! – Du tust mir nie etwas zu Gefallen, nicht wahr, Tante?«

Dora beeilte sich, meine Tante zu küssen, »o doch, du tust es ja alles, und ich scherze nur, damit du nicht glauben sollst, es sei mein Ernst.«

»Aber Tante,« fuhr Dora schmeichelnd fort, »höre mir zu. Du mußt gehen. Ich will dich quälen, bis ich meinen Willen habe. Ich will meinem bösen Mann das Leben so schwer machen, wenn er dich nicht bewegt, zu gehen. Ich will so unangenehm werden, – und auch Jip! Lange, lange Zeit wirst du wünschen du wärest gegangen, wenn du nicht gehst. Übrigens,« schloß Dora, strich sich das Haar zurück und sah meine Tante und mich verwundert an, »warum wollt ihr nicht beide gehen? Ich bin wahrhaftig nicht sehr krank. Wäre es denn wahr?«

»Mein Gott, was für eine Frage!« rief meine Tante.

»Welche Einbildung!« sagte ich.

»Ja, ich weiß wohl, ich bin ein törichtes, kindisches Frauchen!« sagte Dora und ließ ihre Augen von dem einen zu dem andern streifen und spitzte dann ihre Lippen, um uns zu küssen, während sie auf dem Bette liegen blieb. »Also müßt ihr beide gehen oder ich glaube euch nicht, und dann muß ich weinen!«

Ich merkte dem Gesicht meiner Tante an, daß sie anfing, nachzugeben, und Dora wurde wieder heiter, da sie es ebenfalls sah.

»Ihr werdet mir bei eurer Rückkehr so viel zu erzählen haben, daß ihr wenigstens eine Woche zu tun haben werdet, um es mir begreiflich zu machen!« sagte Dora. »Denn ich weiß, es wird lange dauern, ehe ich es verstehe, wenn es Geschäftssachen sind. Und es sind gewiß Geschäftssachen! Wenn es etwas zu addieren ist, weiß ich nicht, wann ich damit fertig werden soll; und mein böser Mann wird die ganze Zeit über ein so unglückliches Gesicht dazu machen. Na! jetzt geht ihr, nicht wahr? Ihr bleibt ja nur eine Nacht weg, und Jip nimmt mich unterdessen in seinen Schutz. Ehe ihr geht, trägt mich Doady hinauf, und ich komme erst nach eurer Rückkehr wieder herunter, und du nimmst Agnes einen Brief mit, in dem ich sie fürchterlich ausschelte, weil sie uns gar nicht besucht hat!«

Ohne uns weiter zu beraten, kamen wir überein, daß wir beide gehen wollten und meinten lächelnd, daß Dora eine kleine Heuchlerin sei, die sich krank stellte, weil sie sich gern hätscheln ließ; sie freute sich sehr darüber und war sehr lustig, und wir vier, nämlich meine Tante, Mr. Dick, Traddles und ich, fuhren diesen Abend mit der Post nach Canterbury.

In dem Gasthause, wo uns Mr. Micawber hinbestellt hatte, und in das wir in der Mitte der Nacht Einlaß erhielten, fand ich einen Brief des Inhalts, daß er sich früh pünktlich zehn Uhr hier einstellen würde. Hierauf begaben wir uns in dieser unbehaglichen Stunde fröstelnd nach unsern Betten, durch verschiedene Gänge, die so rochen, als ob sie seit Jahrhunderten in eine Auflösung von Stalldüften getaucht worden wären.

Zur frühen Stunde am nächsten Morgen schlenderte ich durch die geliebten alten, ruhigen Straßen und trat wieder in die Schatten der würdigen Torwege und Kirchen. Die Krähen flogen um die Domtürme, und die Türme selbst, die so viele Meilen von dem unverändert schönen Lande und seinen freundlichen Flüssen überblickten, ragten in die helle Morgenluft, als gäbe es auf Erden keinen Wechsel. Aber die Glocken, die dann geläutet wurden, klagten mit trauriger Stimme, daß alles dem Wechsel unterworfen sei; sie redeten von ihrem eigenen Alter und wie jung meine hübsche Dora sei und von vielen Menschen, die nicht alt geworden waren, die gelebt und geliebt hatten und gestorben waren, während der Nachhall dieser Glocken seit Jahrhunderten durch die verrostete Rüstung des schwarzen Prinzen, die unten in der Kirche hängt, gezittert hatte; und die Menschen waren Staubatome auf dem dunklen Hintergrunde der Zeit, spurlos zerstoben wie die Kreise im Wasser.

Von der Straßenecke aus blickte ich nach dem alten Hause, aber ich ging nicht näher, damit man mich nicht sehen sollte. Ich hätte dadurch unabsichtlich den Plan schädigen können, den ich zu unterstützen gekommen war. Die Frühsonne streifte die Kanten der Vorsprünge und Gitterfenster und färbte sie goldig, und einige Strahlen von dem alten Frieden dieses Hauses fielen wieder in mein Herz.

Ich machte einen Spaziergang ins Land hinaus und kehrte nach etwa einer Stunde durch die Hauptstraße zurück, die unterdessen den Schlaf der vergangenen Nacht von sich geschüttelt hatte; unter denen, die in den Läden tätig waren, sah ich meinen alten Feind, den Fleischer, der es jetzt zu Stulpenstiefeln, einem Kinde und einem eigenen Geschäft gebracht hatte. Er schaukelte das Kind auf den Knien und schien ein wohlwollendes Mitglied der Gesellschaft zu sein.

Wir waren alle sehr unruhig und ungeduldig, als wir uns zum Frühstück setzten. Wie halb zehn Uhr immer näher kam, vermehrte sich unsere Unruhe. Endlich taten wir gar nicht mehr, als ob wir frühstückten, denn unser Frühstück war, mit Mr. Dicks Ausnahme, eine bloße Form gewesen. Meine Tante ging im Zimmer auf und ab, Traddles setzte sich auf das Sofa und tat, die Augen auf die Decke geheftet, als ob er die Zeitung lese, und sah oft zum Fenster hinaus, um uns Mr. Micawbers Ankunft zu melden. Ich hatte auch nicht lange zu warten, denn mit dem ersten Schlage der halben Stunde erschien er in der Straße.

»Da ist er,« rief ich, »und nicht im schwarzen Juristenrock!«

Meine Tante band sich die Hutbänder zu – sie war im Hute zum Frühstück heruntergekommen – und nahm ihren Schal um, als ob sie zu allem bereit sei, was entschlossen und unnachgiebig heißt; Traddles knöpfte sich gleichfalls den Rock mit entschiedener Miene zu. Beunruhigt durch diese unheilverkündenden Anzeichen, aber erfüllt von dem Gefühle, daß er sie nachahmen müsse, zog Mr. Dick mit beiden Händen den Hut so fest über die Ohren, wie es nur möglich war, nahm ihn aber sofort wieder ab, um Mr. Micawber zu bewillkommnen.

»Meine Herren und Damen,« sagte Mr. Micawber, »guten Morgen! Mein verehrter Herr,« zu Mr. Dick sich wendend, der ihm heftig die Hand schüttelte, »Sie sind außerordentlich gütig!«

»Haben Sie gefrühstückt?« fragte Mr. Dick. »Essen Sie ein Kotelett?«

»Um alles in der Welt nicht, mein bester Herr!« rief Mr. Micawber und hielt ihn auf, denn er wollte schon nach der Klingel gehen. »Appetit und ich, Mr. Dixon, sind einander seit langem fremd.«

»Mr. Dixon« fand so viel Gefallen an seinem neuen Namen, und schien die Erfindung Mr. Micawber so hoch anzurechnen, daß er ihm wieder die Hand schüttelte und ziemlich kindisch lachte.

»Dick,« sagte meine Tante, »Achtung!«

Mr. Dick sammelte sich wieder mit einem flüchtigen Erröten.

»Jetzt, Sir,« sagte meine Tante zu Micawber, während sie ihre Handschuhe anzog, »sind wir für den Berg Vesuv oder sonst etwas bereit, sobald Sie belieben.«

»Madame,« entgegnete Mr. Micawber, »ich hoffe, Sie werden bald Zeugen eines Ausbruchs sein. Mr. Traddles, ich habe doch jetzt die Erlaubnis, zu erwähnen, daß wir miteinander verhandelt haben?«

»Das ist unzweifelhaft wahr«, sagte Mr. Traddles, den ich überrascht anblickte. »Mr. Micawber hat mich über das, was er beabsichtigt, zu Rate gezogen, und ich habe nach meinem besten Wissen Ratschläge erteilt.«

»Wenn ich mich nicht täusche, Mr. Traddles,« fuhr Mr. Micawber fort, »so ist das, was ich beabsichtige, eine Enthüllung wichtigster Art zu nennen.«

»Gewiß, eine höchst wichtige«, bemerkte Mr. Traddles.

»Unter diesen Umständen, Madame und meine Herren,« sagte Mr. Micawber, »werden Sie mir vielleicht die Gunst erweisen, sich für einen Augenblick der Leitung eines Individuums zu unterwerfen, das, obgleich es nicht würdig ist, anders als ein herrenloses Wrack auf dem Strande der Menschheit betrachtet zu werden, dennoch Ihr Mitmensch ist, obgleich ihm individuelle Irrtümer und die kumulierende Kraft einer Kombination von Ereignissen seine ursprüngliche Gestalt genommen haben.«

»Wir setzen volles Vertrauen in Sie, Mr. Micawber,« sagte ich, »und wollen uns ganz nach Ihnen richten.«

»Mr. Copperfield,« entgegnete Mr. Micawber, »Sie schenken Ihr Vertrauen unter diesen Umständen keinem Unwürdigen! Ich wollte Sie bitten, mir zu erlauben, mit fünf Minuten Vorsprung vor Ihnen wegzugehen, und dann die ganze gegenwärtige Gesellschaft mit Einschluß von Miß Wickfield im Bureau von Wickfield und Heep, dessen Söldling ich bin, zu empfangen.«

Meine Tante und ich sahen Traddles an, der mit einem Nicken seine Zustimmung gab.

»Vorderhand habe ich weiter nichts zu sagen!« bemerkte Mr. Micawber.

Damit machte er zu meinem unendlichen Erstaunen uns allen eine gemeinschaftliche Verbeugung und verschwand; sein Benehmen war dabei sehr gemessen und sein Gesicht ganz blaß.

Traddles lachte und schüttelte den Kopf – auf dem das Haar ganz zu Berge stand – als ich ihn fragend ansah; so nahm ich denn die Uhr heraus und zählte als letztes Mittel die fünf Minuten ab. Meine Tante tat dasselbe, ihre Uhr in der Hand. Als die Zeit verstrichen war, gab ihr Traddles den Arm, und wir begaben uns alle miteinander nach dem alten Hause, ohne unterwegs zu sprechen.

Wir fanden Mr. Micawber an seinem Pult, in der Parterrestube angestrengt arbeiten, oder wenigstens stellte er sich so. Das große Lineal steckte in der Weste, und es guckte ein Stück hervor wie eine neue Art Busenstreif.

Da es mir vorkam, als wünschte er, daß ich zu reden anfangen sollte, sagte ich laut:

»Wie geht es, Mr. Micawber?«

»Mr. Copperfield,« sagte Mr. Micawber mit großem Ernste, »ich hoffe, Sie befinden sich wohl!«

»Ist Mr. Wickfield zu Hause?« fragte ich.

»Mr. Wickfield leidet an einem rheumatischen Fieber und liegt im Bett; aber Miß Wickfield wird sich jedenfalls glücklich schätzen, alte Freunde bei sich zu sehen. Wollen Sie eintreten, Sir?«

Er führte uns in das Speisezimmer – das erste Zimmer, das ich in diesem Hause betreten hatte –, öffnete die Tür von Mr. Wickfields früherem Bureauzimmer und sagte mit sonorer Stimme:

»Miß Trotwood, Mr. David Copperfield, Mr. Thomas Traddles, Mr. Dixon!«

Ich hatte Uriah Heep seit jenem Schlage nicht gesehen. Unser Besuch überraschte ihn offenbar, und gewiß nicht weniger, weil er uns selbst überraschte. Er zog die Augenbrauen nicht zusammen, denn er hatte keine, die der Rede wert waren. Aber er runzelte die Stirn so sehr, daß die kleinen Augen fast verschwanden, während das schnelle Emporfahren der magern Hand an das Kinn Bangen oder Überraschung verriet. Das geschah eben als wir ins Zimmer traten und ich über die Schultern meiner Tante einen flüchtigen Blick auf ihn werfen konnte. Eine Minute später war er so kriechend und demütig wie früher.

»Wahrhaftig,« sagte er, »das ist ein unerwartetes Vergnügen! Alle seine Freunde aus London auf einmal um sich zu sehen, ist wirklich ein ungeahnter Genuß! – Mr. Copperfield, ich hoffe, Sie befinden sich wohl und – wenn ich meine bescheidene Hoffnung ausdrücken darf – freundlich gesinnt gegen die, die immer Ihre Freunde sind, mögen Sie wollen oder nicht. Mrs. Copperfield ist hoffentlich in der Besserung? Was wir neuerdings von ihrem Befinden hörten, hat uns sehr besorgt gemacht, das kann ich Sie versichern,«

Ich schämte mich, daß ich ihm meine Hand nehmen lassen mußte, aber ich wußte nicht, was ich sonst tun sollte.

»Die Sachen haben sich hier sehr verändert seit der Zeit, Miß Trotwood, wo ich nichts als ein niedriger Schreiber war und Ihnen das Pferd hielt, nicht wahr?« sagte Uriah mit seinem falschesten Lächeln. »Aber ich habe mich nicht verändert, Miß Trotwood!«

»Na, um Ihnen nur die Wahrheit zu sagen,« gab ihm meine Tante zur Antwort, »so glaube ich, daß Sie den Versprechungen Ihrer Jugend ziemlich treu geblieben sind, wenn Ihnen das Freude macht.«

»Ich danke Ihnen, Miß Trotwood,« erwiderte Uriah und krümmte sich demütig, »ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, Miß Trotwood! Micawber, lassen Sie es Miß Agnes sagen – und der Mutter; Mutter wird ganz stolz, wenn sie die gegenwärtige Gesellschaft sieht!« sagte Uriah und setzte die Stühle zurecht.

»Sie sind nicht beschäftigt, Mr. Heep«, fragte Traddles, dessen Auge den listigen roten Augen, wie sie uns heimlich forschend ansahen, wie zufällig begegnete.

»Nein, Mr. Traddles«, gab Uriah zur Antwort, indem er sich wieder auf seinen Stuhl setzte und die knochigen Hände zusammengelegt zwischen den knochigen Knien quetschte. »Nicht so viel wie ich wünschen könnte. Aber Sie wissen ja, Advokaten, Haifische und Blutegel sind nicht so leicht zu befriedigen! Nicht etwa, daß ich und Mr. Micawber im allgemeinen nicht alle Hände voll zu tun hätten, weil Mr. Wickfield kaum noch zu etwas fähig ist. Aber es ist ein Vergnügen und eine Pflicht, für ihn zu arbeiten. Sie haben Mr. Wickfield nicht genauer gekannt, Mr. Traddles, glaube ich. Wenn ich nicht irre, habe ich nur einmal die Ehre gehabt, Sie hier zu sehen?«

»Nein, ich bin nicht näher mit Mr. Wickfield bekannt,« entgegnete Mr. Traddles, »sonst hätte ich Sie wohl schon langst einmal aufgesucht,«

Es klang etwas aus dem Tone dieser Antwort, was Uriah veranlaßte, mit finsterm und argwöhnischem Ausdruck den Redenden noch einmal anzusehen. Aber da er Traddles mit seinem gutmütigen Gesicht, dem einfachen Benehmen und dem zu Berge stehenden Haare erblickte, fühlte er sich nicht veranlaßt, darauf Rücksicht zu nehmen, sondern sagte:

»Das tut mir leid, Mr. Traddles, Sie hätten ihn so sehr bewundert wie wir alle. Seine kleinen Fehler hätten Ihnen den Mann noch teurer gemacht. Aber wenn Sie beredt über meinen Kompagnon sprechen hören wollen, so müssen Sie sich an Mr. Copperfield wenden. Die Familie Wickfield ist ein Gegenstand, in dem er stark ist, wenn Sie ihn noch nicht davon haben sprechen hören.«

Das Eintreten von Agnes, der Mr. Micawber jetzt die Tür öffnete, verhinderte mich, das Kompliment zurückzuweisen, wenn ich mich dazu überhaupt hätte veranlaßt sehen sollen. Mir kam sie nicht ganz so ruhig wie gewöhnlich vor, und offenbar hatte sie viel Sorgen und ermüdende Anstrengungen ausgestanden. Aber ihre ernste Herzlichkeit und ihre stille Schönheit traten nur mit um so sanfterem Glanze hervor.

Ich sah, wie Uriah sie beobachtete, während sie uns begrüßte, und er erinnerte mich an einen häßlichen und rebellischen Dämon, der einen guten Geist des Lichtes überwacht. Mittlerweile wechselten Mr. Micawber und Traddles ein kaum bemerkbares Zeichen, und Traddles ging, unbeachtet von allen, außer von mir, hinaus.

»Sie brauchen nicht zu warten, Micawber«, sagte Uriah.

Mr. Micawber, die Hände an das große Lineal in der Brust gelegt, stand aufgerichtet vor der Tür und betrachtete ganz unleugbar einen seiner Mitmenschen, und zwar seinen Prinzipal.

»Worauf warten Sie, Micawber?« fragte Uriah, »hörten Sie nicht, daß Sie nicht warten sollten?«

»Ja!« entgegnete der nicht außer Fassung zu bringende Micawber.

»Nun, warum warten Sie denn?« fragte Uriah.

»Weil – weil – nun, weil ich will –« platzte Mr. Micawber heraus.

Uriahs Wangen verloren die Farbe, und eine ungesunde Blässe, aus der das sonst vorherrschende Rot immer noch schwach vorschimmerte, verbreitete sich über sein Gesicht. Er sah Mr. Micawber aufmerksam an, und sein Gesicht zeigte in jedem Zuge die schärfste Spannung.

»Sie sind ein liederlicher Mensch, das weiß alle Welt,« sagte er mit einem gezwungenen Lächeln, »und ich fürchte, ich werde Sie wegjagen müssen. Gehen Sie! Ich werde Sie mir gleich nachher vorknöpfen!«

»Wenn es einen Schurken auf der Erde gibt,« sagte Mr. Micawber plötzlich mit der größten Heftigkeit, »mit dem ich schon zuviel gesprochen habe, so heißt dieser Schurke – Heep!«

Uriah prallte zurück, als ob ihn ein Schlag oder ein Stich getroffen hätte. Dann sah er uns alle langsam mit dem finstersten und tückischsten Ausdruck an, den sein Gesicht annehmen konnte, und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Hoho, eine Verschwörung! Sie haben sich hier abgekartetermaßen herbestellt! Sie stecken mit meinem Schreiber unter einer Decke, Copperfield? Nehmen Sie sich in acht! Sie werden dadurch nichts erlangen. Wir beide verstehen einander. Wir sind keine Freunde. Sie waren von Anfang an ein stolzer Geck, und Sie beneiden mich wegen meines Emporkommens, nicht wahr? Aus Ihren Komplotten gegen mich wird nichts; ich werde Ihnen entgegenarbeiten! Micawber packen Sie sich, ich will hinterher mit Ihnen sprechen.«

»Mr. Micawber,« sagte ich, »es zeigt sich eine Veränderung in diesem Menschen, und zwar nicht nur darin, daß er wunderbarerweise einmal die Wahrheit spricht, die mir die Versicherung gibt, daß wir ihn gefaßt haben! Behandeln sie ihn ganz, wie er es verdient.«

»Schöne Leute,« sagte Uriah mit derselben gedämpften Stimme, während ein kalter Schweiß auf seiner Sinn ausbrach, den er mit der langen, dürren Hand abwischte, »schöne Leute, meinen Schreiber, den wahren Abschaum der Gesellschaft – wie Sie selber waren, Copperfield, ehe sich Ihrer jemand erbarmte – zu bestechen, damit er mich mit Lügen verleumde. Miß Trotwood, es wäre besser, Sie machten der Sache ein Ende, oder ich will es mit Ihrem Manne zu einem kürzern Ende bringen, als Ihnen angenehm ist. Ich will Ihre Geschichte nicht umsonst aus unsern Akten kennen gelernt haben! Miß Wickfield, wenn Sie Ihren Vater lieben, so täten Sie besser, sich nicht mit diesen Leuten einzulassen. Wenn Sie es tun, so richte ich ihn zu Grunde. – Vergeßt nicht, ich habe mehrere von Euch in der Hand! Besinnen Sie sich zweimal, ehe Sie mit mir anfangen! Besinnen Sie sich zweimal, Micawber, wenn es nicht Ihr Unglück sein soll. Ich empfehle Ihnen hinauszugehen und mit sich reden zu lassen, Sie Tor, solange noch Zeit zur Umkehr ist. Wo ist die Mutter?« fragte er, und schien jetzt plötzlich mit Unruhe die Abwesenheit Traddles zu bemerken; gleich darauf zog er heftig an der Klingel. »Schöne Freiheiten nimmt man sich in meinem eigenen Hause heraus!«

»Mrs. Heep ist hier, Sir«, sagte Traddles, der jetzt mit der würdigen Mutter eines würdigen Sohnes zurückkehrte. »Ich habe mir die Freiheit genommen, mich ihr vorzustellen.«

»Was haben Sie hier zu tun?« herrschte ihm Uriah entgegen, »und was wollen Sie hier?«

»Ich bin der Agent und Freund von Mr. Wickfield, Sir«, sagte Traddles in ruhigem und geschäftsmäßigem Tone. »Und ich habe eine von ihm ausgestellte Vollmacht in der Tasche, an seiner Statt in allen Angelegenheiten zu verhandeln.«

»Der alte Esel hat sich ganz blödsinnig gesoffen«, sagte Uriah mit noch tückischerm Gesicht als vorhin, »und hat sich die Vollmacht abschwindeln lassen!«

»Er hat sich etwas abschwindeln lassen, das weiß ich,« entgegnete Traddles ruhig, »und Sie wissen's auch, Mr. Heep. Wir wollen uns wegen dieser Angelegenheit an Mr. Micawber wenden, wenn es Ihnen gefällig ist.«

»Ury –!« begann Mrs. Heep mit flehender Gebärde –

»Willst du still sein, Mutter,« schrie er; »je weniger Worte, desto geringerer Schade.«

»Aber mein Ury –«

»Willst du gleich den Mund halten, Mutter, und es mir allein überlassen?«

Obgleich ich lange gewußt hatte, daß sein demütiges unterwürfiges Wesen und all sein Tun und Lassen falsch und heuchlerisch war, so hatte ich doch noch keinen Begriff von dem Umfange seiner Heuchelei, bis er jetzt die Maske abwarf. Die Plötzlichkeit, mit der er sie jetzt ablegte, als er einsah, daß sie ihm nichts mehr nützen konnte, die Bosheit und Unverschämtheit und der Haß, den er an den Tag legte, der Hohn, mit dem er sich noch jetzt des Bösen freute, das er getan, – während er doch zugleich in Verzweiflung war, und sich vergebens nach Mitteln umsah, unsern Sieg zu vereiteln – waren zwar ganz so, wie ich sie von ihm erwarten konnte, aber überraschten mich selbst anfangs, obgleich ich ihn so lange kannte, und ihn so herzlich haßte.

Ich sage nichts von dem Blicke, den er auf mich warf, als er uns der Reihe nach ansah; denn ich wußte von jeher, daß er mich haßte, und dachte an die Zeichen, die meine Hand auf seiner Backe zurückgelassen hatte. Aber als sein Blick auf Agnes fiel, und ich die Wut sah, mit der er fühlte, daß ihm seine Macht über sie entschlüpfte, als sich jetzt die häßlichsten Leidenschaften in ihrer Enttäuschung verrieten, die ihn vermocht hatten, nach dem Besitze einer Person zu streben, deren Tugenden er weder würdigen, noch achten konnte, empörte mich schon der bloße Gedanke, daß sie nur eine Stunde lang im Augenbereich eines solchen Menschen gelebt hatte.

Nachdem er sich ein paarmal das Kinn gerieben, und uns mit seinen tückischen Augen über seine Totenfinger hinweg angesehen, wendete er sich noch einmal halb kriechend, halb schimpfend an mich.

»Sie schämen sich nicht, Copperfield, der Sie doch so sehr auf Ihre Ehre und alles das stolz sind, in meinem Haus zu spionieren, meinen Schreiber auszuhorchen? Wenn ich's gewesen wäre, würde es mich nicht wundern; denn ich nenne mich keinen Gentleman – obgleich ich nie ein Straßenvagabund gewesen bin, wie Sie –, nach dem, was Micawber erzählte, aber Sie! – Und Sie tun es auch ohne Furcht vor der Zukunft, Sie bedenken nicht, was ich Ihnen dafür antun werde, oder daß Sie Ungelegenheiten bekommen, wegen Verschwörungen und so weiter? Schon gut! Wir werden sehen! Mr. Dingsda, Sie wollen sich wegen einer Angelegenheit an Micawber wenden. Da steht er, warum lassen Sie ihn nicht reden? Er hat, wie ich sehe, seine Lektion auswendig gelernt.«

Da Uriah sah, daß seine Worte auf keinen von uns Eindruck machten, so setzte er sich auf den Rand des Tisches, die Hände in die Taschen gesteckt, und einen seiner breiten Füße um das andere Bein schlingend, und wartete verstockt auf das, was da kommen sollte.

Mr. Micawber, dessen Ungestüm ich bis dahin mit der größten Mühe im Zaume gehalten hatte, und der wiederholt die erste Silbe des Wortes Schur-ke herausgestoßen hatte, ohne zu der zweiten kommen zu können, brach jetzt los, zog das Lineal aus der Brusttasche – wie es schien, um es als Verteidigungsmittel zu benutzen –, und aus der Tasche ein Dokument auf Aktenpapier, das wie ein großer Brief zusammengefaltet war. Er machte den Brief mit der alten Wichtigkeit und schwungvollen Handbewegung auf und betrachtete ihn mit Künstlerstolz über seinen Stil, und fing an zu lesen wie folgt:

»Seht geehrte Miß Trotwood und meine sehr geehrten Herren –«

»Gott schütze den Mann!« sagte meine Tante leise zu mir. »Er schriebe riesweise Briefe, und wenn Todesstrafe darauf stände.«

Mr. Micawber, ohne sie zu hören, fuhr fort:

»Indem ich vor Ihnen erscheine, um den abgefeimtesten Schurken, den es wahrscheinlich auf Erden gibt,« – ohne von dem Brief aufzusehen, mit dem Lineal wie mit einem Feldherrnstab auf Uriah Heep deutend – »zu denunzieren, verlange ich keinen Lohn für mich. Von der Wiege an ein Opfer pekuniärer Verpflichtungen, denen ich niemals habe nachkommen können, war ich stets der Spielball erniedrigender Verhältnisse. Schmach, Not, Verzweiflung und Wahnsinn sind zusammen oder einzeln die Begleiter meiner Laufbahn gewesen.«

Der Genuß, mit dem sich Mr. Micawber als ein Opfer so schrecklichen Unglücks beschrieb, kam nur der Emphase gleich, mit der er den Brief las, und der Befriedigung, mit der er den Kopf wiegte, wenn er einen ganz besonders verwickelten Satz herausgebracht hatte.

»In einer Kumulation von Schmach, Not, Verzweiflung und Wahnsinn trat ich in die Expedition, oder wie es unser lebhafter Nachbar, der Gallier, nennen würde, das Bureau – der Firma, die nominell unter der Bezeichnung Wickfield und – Heep bekannt ist, die aber in Wirklichkeit geleitet ist von Heep allein. Heep und nur Heep ist die Haupttriebfeder dieser Maschine. Heep und nur Heep ist der Fälscher und der Betrüger!«

Mehr blau als weiß bei diesen Worten, fuhr Uriah mit der Hand nach dem Brief, als wollte er ihn zerreißen. Mit einem wahren Wunder von Gewandtheit oder Glück traf Mr. Micawber die vorfahrende Hand mit dem Lineal so auf die Knöchel, daß sie wie gelähmt herabsank. Der Schlag klang, als ob er auf Holz gefallen wäre.

»Der Teufel soll Sie holen!« rief Uriah, und krümmte sich auf eine ganz neue Art vor Schmerz. »Ich will es Ihnen schon heimzahlen.«

»Kommen Sie mir noch einmal zu nahe, Sie – Sie – Sie Heep und Häufung der Schande,« keuchte Mr. Micawber, »und wenn Ihr Schädel ein menschlicher Knochen ist, so will ich ihn blutig schlagen. Kommen Sie heran!«

Ich glaube, ich habe nie etwas Lächerlicheres gesehen – ich fühlte es selbst damals – als Mr. Micawber, wie er sich mit dem Lineal wie mit einem Schläger auslegte, und ausrief: »Nur heran!« während Traddles und ich ihn in die Ecke zurückdrängten und er immer wieder hervorwollte, sobald es uns gelungen war, ihn hineinzubringen.

Brummend und fluchend rieb sein Gegner die verletzte Hand, band langsam das Halstuch ab, und verband sie damit; dann legte er sie in die andere Hand, setzte sich auf den Tisch und stierte mit tückischer Miene zu Boden.

Als sich Mr. Micawber genügend beruhigt hatte, fuhr er in seinem Brief fort:

»Das Honorar, gegen das ich in die Dienste – Heeps trat« – er machte stets eine Pause vor diesem Worte, und sprach es dann mit einem unbeschreiblichen Nachdruck aus – »war gar nicht festgesetzt, mit Ausnahme einer Kleinigkeit von 22 Schilling 6 Pence die Woche. Das übrige hing von dem Werte meiner geschäftlichen Bemühungen ab; mit andern und deutlichern Worten, von der Niedrigkeit meines Charakters, der Habsucht meiner Beweggründe, der Armut meiner Familie, der allgemeinen sittlichen oder vielmehr unsittlichen – Ähnlichkeit zwischen mir und – Heep. Brauche ich erst zu erzählen, daß ich mich genötigt sah, von – Heep – pekuniäre Vorschüsse zur Unterstützung Mrs. Micawbers und unsrer unglücklichen, aber heranwachsenden Familie zu verlangen? Brauche ich erst zu sagen, daß diese Notwendigkeit von – Heep – vorausgesehen worden war, daß diese Vorschüsse durch Schuldverschreibungen und ähnliche Dokumente, die die gesetzlichen Institutionen des Landes kennen, gesichert waren, und daß ich mich so in das Netz verstrickte, das er für meinen Fang bereitet hatte?«

Mr. Micawbers Freude über seine große briefstellerische Befähigung schien bei dieser Stelle jeden Schmerz oder jede Besorgnis aufzuwiegen, die ihm die Wirklichkeit hätte verursachen können. Er las weiter.

»Jetzt fing – Heep – an, mich mit soviel von seinem Vertrauen zu begünstigen, wie zur Verrichtung seines teuflischen Geschäfts notwendig war. Jetzt fing ich an, wenn ich mich so shakespeareisch ausdrücken darf, ›zu schwinden, krank zu werden und zu siechen‹. Ich fand, daß meine Unterstützung beständig zu Verfälschungen und zur Hintergehung eines Individuums, das ich Mr. W. nennen will, in Anspruch genommen wurde. Daß Mr. W. in jeder Weise betrogen, in Unwissenheit gelassen und verleitet wurde, daß aber während dieser ganzen Zeit der Schurke – Heep – unbegrenzte Dankbarkeit und grenzenlose Freundschaft gegen diesen vielgetäuschten Herrn heuchelte. Das war schlimm genug; aber wie der philosophische Dänenprinz mit der allgemeinen Anwendbarkeit, die die berühmte Zier des Elisabethschen Zeitalters auszeichnet, bemerkt: ›Es kommt noch schlimmer!‹«

Dieser schöne Abschluß des Satzes mit einem Zitat gefiel Mr. Micawber außerordentlich, so daß er sich und uns den Genuß nicht versagen konnte, unter dem Vorwand, aus dem Zusammenhang gekommen zu sein, den ganzen Satz noch einmal vorzulesen.

»Es ist nicht meine Absicht,« fuhr er fort, »hier in diesem Brief – obgleich es anderweitig notiert ist – in das einzelne der verschiedenen Spitzbübereien geringerer Art einzugehen, durch die das von mir benannte Individuum Mr. W. benachteiligt worden ist und denen ich mit Stillschweigen beigestimmt habe. Als der Kampf in mir selbst, zwischen Gehalt und keinem Gehalt, zwischen Bäcker und keinem Bäcker, zwischen Existenz und Nichtexistenz aufhörte, beabsichtigte ich, die mir gewährten Gelegenheiten zu benutzen, um die größern Schlechtigkeiten, die – Heep – zu dieses Herrn großem Schaden und Nachteil beging, zu entdecken und an den Tag zu bringen. Angestachelt von dem stummen Mahner im Innern, und von einer nicht weniger rührenden und eindringlichen Mahnerin außer mir – die ich kurz als Miß W. erwähnen will, begann ich eine nicht wenig mühevolle Arbeit heimlicher Untersuchung, die sich, soviel ich kenne, weiß und glaube, jetzt bereits über zwölf Kalendermonate hinaus erstreckt.«

Er las diese Stelle, als ob sie aus einer Parlamentsakte wäre, und schien sich an dem Klange der Worte großartig zu erquicken.

»Meine Anklagen gegen – Heep –« las er weiter, indem er ihn ansah, und das Lineal etwas unter dem linken Arm hervorzog, um es nötigenfalls gleich bei der Hand zu haben, »sind folgende: –«

Ich glaube, wir hielten alle den Atem an. Jedenfalls tat es Uriah.

»Erstlich,« sagte Mr. Micawber, »als Mr. Ws. Fähigkeiten und Gedächtnis für Geschäftssachen durch Ursachen, deren Berührung hier weder notwendig noch schicklich ist, schwächer wurden, da verwirrte – Heep absichtlich alle Geschäftsverhandlungen. Zu allen Zeiten, wo Mr. W. am wenigsten geeignet war, sich mit Geschäften abzugeben, da war – Heep – immer bei der Hand, um ihn zu zwingen, Geschäfte vorzunehmen. Er verlangte Mr. Ws. Unterschrift unter solchen Umständen zu wichtigen Dokumenten, indem er sie als Dokumente ohne Wichtigkeit vorlegte. Er verleitete Mr. W. auf diese Weise ein bestimmtes Depositum von 12,614 Pfund 2 Schilling 9 Pence anzugreifen, und es zur Bezahlung angeblicher Geschäftskosten und Ausfälle zu verwenden, die entweder schon bezahlt oder tatsächlich niemals vorhanden waren. Er gab diesem Verfahren durchaus den Anschein, als habe es von Mr. W. aus eigner unehrlicher Absicht seinen Ursprung und als sei es Mr. Ws. eigene unehrliche Handlung, und hat sie stets seit jener Zeit unausgesetzt benutzt, um ihn zu peinigen und in seiner Gewalt zu behalten.«

»Das sollen Sie mir beweisen, Sie Copperfield, Sie!« sagte Uriah und schüttelte drohend den Kopf. »Alles zu seiner Zeit!«

»Mr. Traddles, bitte fragen Sie – Heep –, wer in seinem Hause nach ihm gewohnt hat,« sagte Mr. Micawber, von dem Brief aufblickend; »wollen Sie so gut sein?«

»Der Narr selber – und wohnt jetzt noch dort«, sagte Uriah verächtlich.

»Fragen Sie – Heep – ob er sich in dieser Wohnung ein Taschen-Notizbuch gehalten hat,« fuhr Mr. Micawber fort; »wollen Sie so gut sein?«

Ich sah wie Uriahs Hand unwillkürlich aufhörte, das Kinn zu reiben.

»Oder fragen Sie ihn«, sagte Mr. Micawber, »ob er es einst dort verbrannt hat? Wenn er ja sagt, und er fragt, wo die Asche ist, so soll er sich an Wilkins Micawber wenden, und etwas hören, das durchaus nicht zu seinem Vorteil gereicht!«

Die triumphierende Weise, mit der Mr. Micawber diese Worte sprach, versetzten die Mutter in große Unruhe, und sie rief sehr aufgeregt:

»Ury, Ury! demütige dich, und lenke ein, lieber Sohn!«

»Mutter!« fuhr er sie an, »willst du ruhig sein? Du hast dich einschüchtern lassen und weißt nicht, was du sagst oder meinst. Demütigen!« wiederholte er und sah mich mit giftigem Blick an, »ich habe ein paar von Ihnen seit langer Zeit gedemütigt, so demütig ich selbst war.«

Nachdem er mit vornehmer Unbefangenheit das Kinn wieder in die Halsbinde gepaßt hatte, fuhr Mr. Micawber jetzt wieder mit seinem Brief fort:

»Zweitens – Heep hat bei verschiedenen Gelegenheiten, soviel ich weiß, erfahren habe und glaube, –«

»Aber damit kommen Sie nicht aus«, brummte Uriah erleichtert vor sich. »Mutter, halt'n Mund!«

»Wir wollen uns bemühen, für etwas zu sorgen, womit wir auskommen und mit Ihnen sehr bald fertig werden, Sir«, entgegnete Mr. Micawber. »Zweitens – Heep hat bei verschiedenen Gelegenheiten, soviel ich weiß, erfahren habe und glaube, zu verschiedenen Posten, Büchern und Dokumenten systematisch die Unterschrift Mr. Ws. gefälscht, und hat dies ganz bestimmt bei einer Gelegenheit getan, die ich beweisen kann. Nämlich in folgender Weise, das heißt: – –«

Wieder fand Mr. Micawber einen Genuß darin, gleichbedeutende Worte übereinander zu häufen, was, so lächerlich, es sich gerade hier ausnahm, doch durchaus nicht ihm allein eigentümlich war. Ich habe sie im Verlaufe meines Lebens bei sehr vielen Menschen bemerkt. Bei Ablegung eines gerichtlichen Eides z. B. scheinen die Schwörenden sich gewaltig zu freuen, wenn sie, um einen einzigen Gedanken auszudrücken, zu einer Reihe schöner Worte kommen, wie, daß sie durchaus hassen, verabscheuen und abschwören oder ähnliches mehr, und die alten Bannsprüche wurden den Leuten nach demselben Grundsatz mundgerecht gemacht. Wir sprechen von der Tyrannei des Wortes, aber wir lieben es, das Wort zu tyrannisieren, wir freuen uns, wenn wir einen großen Vorrat von Worten haben, der uns bei feierlichen Gelegenheiten zu Gebote steht, wir glauben, daß es wichtig aussieht und gut klingt. Ebensowenig wie wir es an Galatagen genau nehmen mit dem, was in unsern Livreen steckt, wenn sie nur elegant und zahlreich genug sind, so kommt auch die Bedeutung unserer Worte erst in zweiter Linie, wenn wir nur recht damit prunken können. Und wie Leute in Verlegenheit geraten, die einen zu großen Aufwand mit Livreen treiben, oder wie sich Sklaven, wenn sie zu zahlreich sind, gegen ihre Herren erheben, so, glaube ich, könnte ich eine Nation nennen, die in viele Ungelegenheiten geraten ist und in noch größere geraten wird, weil sie sich ein zu großes Gefolge von Worten hält.

Mr. Micawber las weiter und schnalzte dabei fast mit der Zunge.

»Nämlich in folgender Weise, d. h.: da Mr. W. kränklich war und es innerhalb des Bereichs der Wahrscheinlichkeit lag, daß sein Tod zu einigen Entdeckungen und zum Sturze der Macht – Heeps – über die Familie W. führen konnte – was ich, Wilkins Micawber, der Unterzeichnete vermute – wenn man die kindliche Liebe seiner Tochter bewegen konnte, keine Prüfung der mit Associé-Angelegenheiten in Verbindung stehenden Papiere vornehmen zu lassen – so fand – Heep für gut, sich eine scheinbar von Mr. W. ausgestellte Verschreibung der oben erwähnten Summe von 12,614 Pfund 2 Schilling und 9 Pence mit den Zinsen zu verschaffen, eine Summe, die angeblich – Heep – Mr. W. vorgeschossen, um Mr. W. vor Schande zu retten, obgleich er in Wahrheit die Summe nie vorgeschossen hatte und sie längst ersetzt war. Die Unterschriften zu diesem Dokument, angeblich geschrieben von Mr. W. und bezeugt von Wilkins Micawber, sind Fälschungen – Heeps. – In meinem Besitze befinden sich von seiner Hand und in seinem Notizbuche verschiedene ähnliche Nachahmungen von Mr. Ws. Unterschrift, die zwar hier und da vom Feuer versengt sind, aber doch noch für jedermann lesbar. Ich habe nie ein solches Dokument als Zeuge unterschrieben. Und das fragliche Dokument selbst ist in meinem Besitz.«

Uriah Heep sprang auf, nahm ein Bund Schlüssel aus der Tasche und zog einen Kasten auf; aber er besann sich plötzlich eines andern und wendete sich wieder gegen uns, ohne hineinzusehen.

»Und das fragliche Dokument selbst ist in meinem Besitze,« las Mr. Micawber wieder äußerst feierlich, und sah sich um, als ob es der Text einer Predigt wäre, – »das heißt, es war es noch heute morgen früh, als ich dieses Schreiben in meinen Händen hatte, aber ich habe es seitdem Mr. Traddles übergeben.«

»Es ist ganz richtig«, stimmte ihm Traddles zu.

»Ury, Ury!« rief die Mutter, »demütige dich, und verhandle. Ich weiß, mein Sohn wird sich demütigen, wenn Sie ihm Zeit zum Nachdenken lassen. Mr. Copperfield, Sie können ja nicht vergessen haben, daß er immer sehr demütig war!«

Es war ein merkwürdiges Schauspiel, wie die Mutter immer noch an dem Kunstgriff der alten Heuchelei festhielt, während der Sohn sie längst als unnütz aufgegeben hatte.

»Mutter,« sagte er, und biß ungeduldig in das Tuch, mit dem er seine Hand verbunden hatte, »eher kannst du eine geladene Flinte nehmen und sie auf mich abfeuern.«

»Aber ich liebe dich, Ury«, rief Mrs. Heep.

Und ich zweifle gar nicht daran, daß sie ihn liebte, so seltsam diese Erscheinung war, obgleich sie jedenfalls ein wohlverwandtes Paar waren,

»Und ich kann es nicht anhören, wenn du die Herren reizest und deine Sache noch schlimmer machst. Ich sagte dem Herrn, als er mir oben mitteilte, es sei alles heraus, gleich, daß ich dafür stehen wollte, du würdest dich demütigen und alles wieder gut machen. Ach sehen sie nur, meine Herren, wie demütig ich bin, und achten Sie nicht auf ihn.«

»Sieh, Mutter, dort Copperfield,« gab er ärgerlich zur Antwort, und wies mit den knochigen Fingern auf mich, auf den sich, als den hauptsächlichsten Betreiber der Entdeckung, sein ganzer Haß häufte; »sieh Copperfield dort, er hätte dir hundert Pfund gegeben für die Hälfte von dem, was du ausgeplaudert hast!«

»Ich kann nichts dafür, Ury«, rief die Mutter. »Ich kann es nicht mit ansehen, daß du dich durch deinen Stolz in Gefahr begibst. Sei lieber demütig, wie du es immer warst.«

Er schwieg eine Weile, biß in das Taschentuch, und sagte dann zu mir mit einem bösen Blicke:

»Was haben Sie noch gegen mich vorzubringen? Nur heraus damit! Weshalb gucken Sie mich an?«

Mr. Micawber, nur zu froh, wieder zu seinem Kunstwerke zu greifen, mit dem er so außerordentlich zufrieden war, fuhr mit seinem Brief fort:

»Drittens und letztens. Ich bin jetzt in der Lage zu zeigen, zu beweisen, und zwar durch – Heeps – gefälschte Bücher und – Heeps – richtige Notizen, die mit dem zum Teil verbrannten Notizbuche anfingen – das ich zur Zeit seiner zufälligen Entdeckung durch Mrs. Micawber nicht verstehen konnte, als wir bei unserm Einzug in unsere gegenwärtige Wohnung das Notizbuch in dem zur Aufnahme der auf unserm häuslichen Herde verbrannten Asche bestimmten Kasten fanden, ich kann an der Hand dieses mehrmals erwähnten wichtigen Buchfragments beweisen, – daß die Schwächen, die Fehler und selbst die Tugenden, die väterliche Liebe und das Gefühl des unglücklichen Mr. W. jahrelang zu den niedrigsten Zwecken – Heeps – benutzt worden sind. Daß Mr. W. jahrelang in jeder nur möglichen Weise zum pekuniären Nutzen des heuchlerischen und habsüchtigen – Heep – hintergangen und geplündert worden ist. Daß es das letzte und Hauptziel – Heeps – war, Mr. und Miß W. – von seinen Absichten in bezug auf diese Dame sage ich nichts – ganz in seine Gewalt zu bekommen. Daß seine letzte erst vor wenigen Monaten geschehene Tat war, Mr. W. zur Ausstellung einer Verzichtleistung auf seinen Anteil in dem Geschäft, und sogar eines Verkaufskontrakts des Mobiliars des ganzen Hauses gegen ein gewisses Jahrgeld zu bewegen, das – Heep – an den gewöhnlichen Quartaltagen richtig und getreu auszuzahlen versprach. Daß dieses Netz, das mit beunruhigenden und verfälschten Nachrichten über den Zustand des Grundstücks anfing, dessen Sequestor Mr. W. ist, zu einer Zeit, wo Mr. W. sich in unvorsichtige und unkluge Spekulationen eingelassen, und vielleicht das Geld, für das er moralisch und juristisch verantwortlich war, nicht mehr in der Kasse hatte; dann fortgesetzt wurde, mit dem angeblichen Aufborgen von Geld gegen ungeheure Zinsen, alles Summen, die aber in Wirklichkeit von – Heep – kamen, und die – Heep – betrügerischerweise von Mr. W. selbst unter dem Vorwande solcher Spekulationen entnahm, aber ihm vorenthielt.

Immer dichter wurde das Netz durch eine Reihe der rücksichtslosesten Schikanen, und schließlich kam es dahin, daß der unglückliche Mr. W. nicht ein noch aus wußte. Und da er glaubte, er sei ebenso bankerott an Geld und Hoffnung, wie an Ehre, so setzte er sein einziges Vertrauen auf dieses Ungetüm in Menschengestalt,« Mr. Micawber betonte diese neue Wendung so recht wohlgefällig, »dieses Ungeheuer, das sich ihm notwendig gemacht hatte, um ihn in das Verderben zu stürzen. Alles dies beabsichtige ich zu beweisen. Vermutlich noch viel mehr!«

Ich flüsterte Agnes, die jetzt mit halb freudigen, halb schmerzlichen Tränen im Auge neben mir stand, ein paar Worte zu, und die ganze Gesellschaft geriet in Bewegung, als ob Mr. Micawber fertig sei. Er aber sagte mit feierlichem Ernste:

»Verzeihen Sie«, und fuhr mit einem Gemisch der größten Niedergeschlagenheit und des lebendigsten Genusses in seinem Briefe fort:

»Ich komme jetzt zum Schluß. Es bleibt mir noch übrig, diese Beschuldigungen zu beweisen, und dann mit meiner vom Verhängnis verfolgten Familie aus der Landschaft zu verschwinden. Das ist bald geschehen. Es dürfte keine unrechte Erwartung sein, daß unser Säugling zuerst dem Hungertode in die Arme sinken wird, da er das schwächste Mitglied der Gesellschaft ist, und daß unser Zwilling ihm zunächst folgen werde. Sei es denn! Für mich hat diese Pilgerfahrt nach Canterbury schon viel Schädigungen im Gefolge gehabt: Kerkerhaft wegen Schuldklagen und Mangel werden mir bald den Rest geben. Indes hoffe ich, daß die Mühe und Gefahr einer Forscherarbeit, deren geringfügigste Resultate nur durch langsame, unablässige Mühe zu erreichen waren, und die unter dem Druck eines zeitraubenden Berufs geschah, unter marterndem, pekuniärem Druck, in grauen Morgen- und tauigen Abendstunden, in finstrer Nacht unter dem Späherauge eines Menschen, den man richtiger einen Dämon nennen sollte, verbunden mit der Sorge, diese Arbeit nach ihrer mühsamen Vollendung richtig zu verwerten: dieses alles möchte ich dem Besprengen meines Scheiterhaufens mit einigen Tropfen wohlriechenden Wassers vergleichen. Ich verlange nicht mehr. Möge man von mir nur gerechterweise sagen, wie von dem tapfern und ausgezeichneten Seehelden, mit dem zu vergleichen ich mir nicht anmaßen darf, daß ich das, was ich getan habe, allen selbstischen und geldsüchtigen Zwecken zum Trotz, nur tat, ›für England, Vaterland und Schönheit!‹ Ich verbleibe hiermit für immer mit ausgezeichneter Hochachtung usw. usw.

Ihr Wilkins Micawber

Tief gerührt, aber immer noch voll von dem gehabten Genusse legte Mr. Micawber seinen Brief säuberlich zusammen und übergab ihn mit einer Verbeugung meiner Tante, als etwas, was wohl behaltenswert wäre.

Wie ich schon bei meinem ersten Besuche vor einiger Zeit bemerkt habe, stand ein eiserner Geldschrank im Zimmer. Der Schlüssel steckte im Schlosse. Ein Verdacht durchflog Uriah, und mit einem raschen Blick auf Micawber ging er darauf los und warf die Tür heftig auf, daß sie klirrte. Er war leer.

»Wo sind die Bücher?« rief er mit einem entsetzlichen Gesicht. »Die Bücher sind gestohlen!«

Mr. Micawber berührte seine Brust mit der Spitze des Lineals. »Ich habe es getan, als ich von Ihnen wie gewöhnlich die Schlüssel holte – nur ein wenig früher – und den Schrank heute morgen aufmachte.«

»Beunruhigen Sie sich nicht!« sagte Traddles. »Ich habe sie in Besitz. Ich werde sie kraft der erwähnten Vollmacht aufbewahren.«

»Sie sind also ein Hehler gestohlenen Gutes!« rief Uriah.

»Unter diesen Umständen, ja«, gab ihm Traddles zur Antwort.

Wie groß war aber mein Erstaunen, als jetzt auf einmal meine Tante, die bisher ganz ruhig und aufmerksam gewesen war, plötzlich auf Uriah Heep losstürzte und ihn mit beiden Händen am Kragen packte.

»Sie wissen, was ich will!« rief meine Tante.

»Eine Zwangsjacke«, sagte er.

»Nein, mein Vermögen!« entgegnete meine Tante. »Liebe Agnes, solange ich glaubte, Ihr Vater wäre wirklich an dessen Verlust schuld, wollte ich auch nicht eine Silbe davon verlauten, daß ich es hier deponiert hatte – und ich habe nicht einmal Trot davon gesagt. Aber jetzt weiß ich, daß dieser Kerl dafür stehen muß, und ich will es wieder haben; Trot, komm und nimm es ihm ab.«

Ob meine Tante in diesem Augenblick glaubte, daß Uriah ihr Vermögen in seinem Halstuche versteckt habe, weiß ich nicht; aber sie zerrte jedenfalls so derb daran, als ob sie es glaube. Ich bemühte mich sofort sie zu trennen, und sie zu versichern, daß wir alle Sorge tragen würden, daß ihr alles unrechtmäßig Erworbene wieder erstattet werde. Diese Versicherung und ein Nachdenken von ein paar Minuten beruhigten sie; aber sie war nicht im geringsten außer Fassung gebracht von dem, was sie getan hatte – obgleich man das nicht von ihrem Hute sagen konnte –, und nahm ganz ruhig ihren Platz wieder ein.

Während der letzten paar Minuten hatte Mrs. Heep beständig ihren Sohn in den Ohren gelegen, er möchte zu Kreuze kriechen, und war vor uns allen nach der Reihe auf die Knie gefallen, und hatte die ausschweifendsten Versprechungen gemacht. Ihr Sohn drückte sie in ihren Stuhl zurück, stand mürrisch neben ihr und hielt ihr den Arm fest, aber ohne Härte, und fragte mich mit einem ingrimmigen Blick:

»Was soll jetzt geschehen?«

»Ich will Ihnen sagen, was geschehen muß«, erwiderte Traddles.

»Hat dieser Copperfield keine Zunge«, murrte Uriah. »Ich würde viel für Sie tun, wenn Sie mir ohne Lüge sagen könnten, daß jemand sie ihm ausgeschnitten hätte.«

»Mein Ury wird schon klein beigeben«, rief seine Mutter. »Achten Sie nicht auf seine Worte, gute Herren!«

»Geschehen muß folgendes«, sagte Traddles. »Erstens muß uns die Verzichtleistungsurkunde, von der vorhin gesprochen wurde, und zwar jetzt gleich, übergeben werden.«

»Nehmen wir an, daß ich keine habe«, unterbrach er ihn.

»Aber Sie haben sie,« sagte Traddles, »daher denke ich, wir wollen das nicht annehmen.«

Und ich kann nicht umhin, einzugestehen, daß ich hier zum ersten Male dem klaren Kopf und dem gesunden, geduldigen, praktischen Verstande meines alten Schulkameraden wirklich Gerechtigkeit widerfahren ließ.

»Dann«, fuhr Traddles ganz ruhig fort, »müssen Sie alles herausgeben, was Ihre Habsucht an sich genommen hat, und zwar bis zum letzten Heller. Alle Bücher und Papiere des Associégeschäfts behalten wir, alle Ihre Bücher und Papiere, alle Geldrechnungen und Wertpapiere und die Hypothekendokumente auch, kurz, alles, was hier ist.«

»Muß ich? Das wollen wir erst mal sehen«, sagte Uriah. »Ich muß erst Zeit haben, mir das zu überlegen,«

»Gewiß,« erwiderte ihm Traddles, »aber unterdessen und bis alles uns zur Genüge geschehen ist, bleiben wir im Besitz dieser Sachen und zwingen Sie – in Ihrem Zimmer zu bleiben und mit keinem Menschen zu verkehren.«

»Das will ich nicht!« sagte Uriah mit einem Fluch.

»Das Gefängnis von Maidstone ist jedenfalls, was die Sicherheit anbetrifft, ein noch besserer Aufenthaltsort als Ihr Zimmer, und wenn es auf dem Prozeßwege auch länger dauern wird, uns Recht zu schaffen, und uns zu unserm Recht vielleicht nicht so vollständig geholfen werden kann, als durch Sie selbst, so ist es jedenfalls fraglos, daß Sie bestraft werden. Ja, sehen Sie, das wissen Sie ebensogut wie ich! Bitte, Copperfield, geh' hinüber nach dem Rathaus und hole ein paar Polizeidiener!«

Hier machte sich Mrs. Heep wieder los von ihrem Uriah, und bat Agnes auf ihren Knien heulend, sich für sie zu verwenden, beteuerte, daß er ganz demütig und daß alles wahr sei, und wenn er nicht täte, was wir wollten, so wollte sie es tun, und noch viel mehr in diesem Sinne, denn sie war halb wahnsinnig aus Besorgnis für ihren Liebling.

Die Frage, was er getan haben könnte, wenn er Mut gehabt hätte, war hier nicht am Platze. So gut hätte man fragen können, was wohl ein schlechter Köter getan hätte, wenn er die Seele eines Tigers hätte. Er war Feigling vom Kopf bis zum Fuße und verriet seine feige Natur durch sein mürrisches Wesen und seinen Ingrimm wie zu jeder andern Zeit seines Lebens.

»Bleiben Sie!« herrschte er mir zu und wischte sich den Angstschweiß vom Gesicht. »Mutter, halt's Maul! – Sie sollen das Dokument haben. Hole es herunter!«

»Gehen Sie mit, Mr. Dick, wenn Sie so gut sein wollen«, sagte Traddles.

Stolz auf diesen Auftrag, den er vollkommen verstand, begleitete Mr. Dick sie wie ein Schäferhund ein Schaf. Aber Mrs. Heep machte ihm wenig Beschwerde, denn sie kehrte nicht nur mit dem Dokument zurück, sondern auch mit dem ganzen Kasten, in dem es sich befand, und in dem noch ein Bankbuch und einige Papiere entdeckt wurden, die uns später gute Dienste leisteten.

»Gut«, sagte Traddles, als diese Sachen in unserm Besitz waren. »Jetzt, Mr. Heep, können Sie sich zurückziehen, um sich die Dinge zu überlegen, aber dabei ist besonders zu bemerken, daß ich im Namen aller hier Anwesenden ausdrücklich erkläre, daß es nur einen Weg für Sie gibt, den Weg, den ich Ihnen gezeigt habe, und daß er ohne Verzug eingeschlagen werden muß.«

Ohne die Augen zu erheben, schlurfte Uriah, die Hände am Kinn, quer durch die Stube nach der Tür und blieb dort stehen und sagte: »Copperfield, ich habe Sie immer gehaßt. Sie waren immer ein hochmütiger Eindringling, und waren immer gegen mich.«

»Ich glaube, ich habe Ihnen schon früher gesagt,« gab ich ihm zur Antwort, »daß Sie durch Ihre Habsucht und niedere Schlauheit gegen alle Welt gewesen sind. Vielleicht ist es gut für Sie, wenn Sie in Zukunft bedenken, daß Habsucht und Schlauheit in der Welt noch nichts getan haben, als nur über das Ziel hinaus zu schießen und sich selbst zu betrügen. Das ist so sicher wie der Tod.«

»Oder so sicher, wie man uns in der Schule einzubleuen pflegte – in derselben Schule, wo ich soviel Demut gelernt habe – von neun bis elf – daß Arbeit ein Fluch wäre – und von elf bis ein Uhr, daß sie ein Segen, eine Freude, eine Würde und wer weiß was sonst noch alles sei – he?« sagte er höhnisch grinsend. »Sie predigen ungefähr gerade so konsequent wie jene. Tut's Demut etwa nicht? Ohne Demut hätte ich nicht meinen feingebildeten Herrn Kompagnon herumgekriegt, sollte ich meinen. – Micawber, Sie alter Schwadroneur, Ihnen will ich's heimzahlen!«

Mr. Micawber sah mit größter Verachtung auf ihn und seinen drohend erhobenen Finger, und warf sich gewaltig in die Brust, während jener zur Tür hinausschlich, und wendete sich dann an mich. Er wollte mir das Vergnügen gewähren, Zeuge der Wiederherstellung des gegenseitigen Vertrauens zwischen sich und Mrs. Micawber zu sein. Darauf lud er auch die übrige Gesellschaft im allgemeinen zur Betrachtung dieses rührenden Schauspiels ein.

»Den Schleier, der lange zwischen Mrs. Micawber und mir geschwebt, habe ich jetzt zerrissen,« sagte Mr. Micawber, »und meine Kinder und der Urheber ihres Daseins können wieder auf gleichem Fuß miteinander in Verkehr treten.«

Da wir ihm alle sehr dankbar waren und ihm dies zu beweisen wünschten, so sehr unsere Aufregung dies nur zuließ, würden wir gewiß alle gegangen sein, wenn nicht Agnes hätte zu ihrem Vater zurückkehren müssen, der jetzt noch unfähig war, mehr als einen Schimmer der Hoffnung zu ertragen, und wenn es nicht notwendig gewesen wäre, daß jemand Uriah unter seiner Aufsicht behielt.

Zu letzterem Zwecke blieb Traddles da und sollte später von Mr. Dick abgelöst werden; Mr. Dick, meine Tante und ich begleiteten Mr. Micawber nach Hause. Als ich einen eiligen Abschied von dem Mädchen nahm, dem ich so viel verdankte, und an den Abgrund dachte, aus dem sie vielleicht diesen Morgen gerettet worden war – trotz ihrer bessern Grundsätze – so mußte ich Gott preisen für die Not meiner Jugendtage, die mich mit Mr. Micawber bekanntgemacht hatte.

Seine Wohnung war nicht weit entfernt, und da die Haupttür unmittelbar in das Wohnzimmer führte, und er mit der ihm eigentümlichen Hast hineinstürzte, befanden wir uns sofort im Schoße der Familie. Mr. Micawber stürzte mit dem Ausrufe: »Emma, meine Liebe!« Mrs. Micawber in die Arme. Mrs. Micawber schrie laut auf. Miß Micawber, die den bewußtlosen Fremdling aus Mrs. Micawbers letzten Briefe auf den Armen gewiegt hatte, war sichtbar gerührt. Der Fremdling regte sich lebhaft. Die Zwillinge zeigten ihre Freude durch verschiedene unpassende, aber unschuldige Demonstrationen. Master Micawber, den frühzeitige Täuschungen zum Menschenhasser gemacht zu haben schienen und der sehr mürrisch aussah, gab seinen bessern Gefühlen nach und weinte.

»Emma!« sagte Mr. Micawber. »Die Wolke ist von meiner Seele verschwunden. Das gegenseitige Vertrauen, das wir uns so lange geschenkt hatten, ist wiederhergestellt und soll nie wieder aufhören. Jetzt willkommen, Armut!« rief Mr. Micawber mit heißen Tränen. »Willkommen Not! Willkommen Hunger! Willkommen Obdachlosigkeit! Willkommen Lumpen! Sturm! und Betteln! Gegenseitiges Vertrauen wird uns bis zu Ende aufrechterhalten!«

Mit diesen Worten geleitete Mr. Micawber seine Frau nach einem Stuhl und umarmte die ganze Familie der Reihe nach, wobei er eine Anzahl trauriger Zukunftsaussichten begrüßte, die ihnen, soweit ich urteilen konnte, durchaus nicht angenehm waren, und sie aufforderte, auf die Straße von Canterbury zu gehen, und gemeinsam einen Chor anzustimmen, da ihnen nichts andres zu ihrem Lebensunterhalt übrigbliebe.

Aber da Mrs. Micawber von ihren Gefühlen überwältigt in Ohnmacht gefallen war, so mußte sie vor allen Dingen, sogar bevor der Chor als vollzählig betrachtet werden konnte, wieder zum Bewußtsein gebracht werden. Das tat meine Tante und Mr. Micawber, und dann ließ sich meine Tante vorstellen, und Mrs. Micawber erkannte mich.

»Entschuldigen Sie, lieber Mr. Copperfield,« sagte die arme Frau, und reichte mir die Hand, »aber ich bin nicht stark, und das Aufhören des Mißverständnisses zwischen Mr. Micawber und mir war anfangs zuviel für mich.«

»Ist das Ihre ganze Familie, Madame?« fragte meine Tante.

»Vorderhand habe ich nicht mehr«, entgegnete Mrs. Micawber.

»Gütiger Himmel, das meinte ich nicht«, sagte meine Tante. »Ich wollte fragen, ob das alles Ihre Kinder sind?«

»Madame,« entgegnete Mr. Micawber, »ja, ich bekenne mich ihrer schuldig.«

»Und der älteste junge Herr da,« sagte meine Tante nachdenklich, »was will er werden?«

»Ich hegte bei meiner Hierherkunft die Hoffnung,« gab Mr. Micawber zur Antwort, »Wilkins eine Laufbahn in der Kirche zu eröffnen – oder vielleicht drücke ich mich etwas genauer aus, wenn ich sage im Chor. Aber es war keine Stelle für einen Tenor in dem ehrwürdigen Dom erledigt, wegen dessen diese Stadt mit vollem Rechte so berühmt ist, und er hat – kurz er hat sich angewöhnt, lieber in Wirtshäusern als in heiligen Gebäuden zu singen.«

»Aber er meint es damit so gut!« sagte Mrs. Micawber zärtlich.

»Gewiß meint er es ganz besonders gut,« entgegnete Mr. Micawber, »aber ich habe noch nicht gefunden, daß er seinen guten Willen nach irgend einer andern bestimmten Richtung hin betätigt.«

Master Micawbers Gesicht verzog sich wieder mürrisch, und er fragte mit einiger Ärgerlichkeit, was er denn tun sollte. Ob er etwa mehr zum Zimmermann oder zum Lackierer als zum Singvogel geboren wäre, ob er etwa in die nächste Straße gehen und einen Apothekerladen eröffnen sollte? Ob er in die nächsten Assisen stürzen und sich als Advokat vorstellen sollte, ob er mit Gewalt bei der Oper ankommen und mit Gewalt Erfolg haben könne, wenn man ihn nicht etwas lehren lasse?

Meine Tante dachte ein wenig nach, und sagte:

»Mr. Micawber, es wundert mich, daß Sie nie ans Auswandern gedacht haben.«

»Madame,« gab Mr. Micawber zur Antwort, »es war der Traum meiner Jugend und das verfehlte Streben meiner reifern Jahre.«

Beiläufig gesagt, ich bin fest überzeugt, daß er in seinem ganzen Leben nicht daran gedacht hat.

»Was meinst du?« sagte meine Tante und warf mir einen Blick zu. »Wie gut wäre es für Sie und ihre Familie, Mrs. und Mr. Micawber, wenn Sie auswanderten?«

»Kapital, Kapital!« wendete Micawber bedenklich ein.

»Das ist die hauptsächlichste, ich könnte wohl sagen, einzige Schwierigkeit, mein lieber Copperfield«, stimmte ihm seine Gattin bei.

»Kapital!« rief meine Tante. »Aber Sie leisten uns einen großen Dienst – haben uns einen großen Dienst geleistet, darf ich wohl sagen, denn gewiß werden wir vieles retten – und was können wir Besseres für Sie tun, als Ihnen das Kapital zu verschaffen?«

»Ich würde es nicht als Geschenk annehmen,« sagte Mr. Micawber, ganz Feuer und Leben, »aber wenn ich eine genügende Summe, ich will sagen zu fünf Prozent jährlich, vorgeschossen erhielte – auf meine persönliche Verantwortlichkeit, etwa gegen Solawechsel auf zwölf, achtzehn oder vierundzwanzig Monate, damit ich Zeit habe, zu warten, bis sich etwas findet –«

»Vorgeschossen werden könnte? Es kann und soll auf Ihre eignen Bedingungen gegeben werden,« entgegnete meine Tante, »und Sie brauchen es nur zu verlangen! Überlegen Sie sich jetzt beide die Sache. Ein paar Leute, die David kennt, schiffen sich in wenig Tagen nach Australien ein. Wenn Sie sich zum Auswandern entschließen, können Sie ja mit demselben Schiff fahren. Sie können einander unterstützen. Überlegen Sie es sich jetzt, Mrs. und Mr. Micawber. Nehmen Sie sich Zeit, und erwägen Sie es reiflich.«

»Nur eine einzige Frage, geehrte Madame, möchte ich Ihnen stellen«, sagte Mr. Micawber. »Das Klima ist hoffentlich gesund?«

»Das schönste Klima auf der Welt!« erwiderte meine Tante.

»Ganz recht,« entgegnete Mrs. Micawber, »jetzt kommt meine Frage. Sind die Zustände des Landes wirklich derart, daß ein Mann von Micawbers Fähigkeiten Aussicht hätte, auf der Leiter der Gesellschaft eine höhere Stelle einzunehmen, ich will nicht sagen, daß er nach der Gouverneurstelle oder nach etwas Ähnlichem streben könnte, aber würden seine Talente Gelegenheit haben, sich zu entwickeln – denn die Gelegenheit würde reichlich genügen – ohne daß ihm etwas Hemmendes in den Weg tritt?«

»Nirgend gibt es bessere Gelegenheit für einen Mann, der sich gut aufführt und fleißig ist«, sagte meine Tante.

»Für einen Mann, der sich gut aufführt und fleißig ist«, wiederholte Mrs. Micawber mit ihrer entschiedensten Geschäftsmiene. »Sehr richtig! Es ist mir klar, daß Australien der geeignete Kreis für die Tätigkeit Mr. Micawbers ist.«

»Ich bin der Überzeugung, geehrte Madame,« sagte Micawber, »daß es unter bestehenden Verhältnissen das Land, das einzige Land für mich und meine Familie ist, und daß sich an jenen fernen Küsten was ganz Außerordentliches finden wird. Die Entfernung ist nicht groß – vergleichsweise zu sprechen, und obgleich Ihrem gütigen Vorschlag die gehörige Erwägung gebührt, so versichere ich Sie doch, daß sie eine bloße Formsache ist.«

Nie werde ich vergessen, wie der sanguinische Mann in einem Augenblick der hoffnungsreichste aller Menschen und voller Selbstvertrauen auf sein Glück war, und wie Mrs. Micawber sofort von den Gewohnheiten des Känguruh zu erzählen anfing! Kann ich mich je an die Straße in Canterbury an einem Markttag erinnern, ohne an ihn zu denken, wie er sich benahm, als er uns zurückbegleitete. Seine kecken Urwaldsmanieren deuteten sofort an, daß er sich bisher nur selten in zivilisierten Gegenden bewegt hatte, und er musterte schon die vorüberkommenden Ochsen mit dem Blick des australischen Farmers.

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