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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzigstes Kapitel.

Mr. Peggottys Traum wird Wahrheit.

Um diese Zeit waren seit unserer Zusammenkunft mit Martha am Ufer des Flusses einige Monate verflossen. Ich hatte sie seitdem nicht wiedergesehen, aber sie hatte sich verschiedene Male mit Mr. Peggotty in Verbindung gesetzt. Bis jetzt hatte ihre eifrige Dienstfertigkeit nichts erreicht. Und aus dem, was er mir erzählte, konnte ich auch nicht schließen, daß bis jetzt die geringste Auskunft über Emilies Schicksal erlangt worden war. Ich gestehe, daß ich anfing an ihrem Wiederauffinden zu verzweifeln, und mich allmählich immer mehr an den Gedanken gewöhnte, daß sie tot sei.

Sein Glaube blieb unerschüttert. Soviel ich ihn durchschaute – und ich glaube, sein ehrliches Herz hatte keinen für mich verborgenen Gedanken – wankte er niemals wieder in seiner feierlichen Gewißheit, sie aufzufinden. Seine Geduld wurde nie müde, und obgleich ich bei dem Gedanken an die Qual zitterte, mit der eines Tages seine feste Überzeugung mit einem Schlage zerschmettert werden könnte, lag doch etwas so Religiöses darin, etwas, was so rührend war, daß der Anker dieser Überzeugung in den reinsten Tiefen seines schönen Gemüts lag, daß ich ihn jeden Tag mehr achten und ehren mußte.

Sein Vertrauen war keine feige Vertrauensseligkeit, das nur hoffte und nichts tat. Er war sein ganzes Leben lang ein Mann kräftiger Tat gewesen, und er wußte, daß er in allen Sachen, wo er Hilfe brauchte, sein eignes Teil getreulich verrichten und sich selbst helfen mußte. Ich weiß, daß er einmal mitten in der Nacht aufgebrochen ist, um nach Garmouth zu gehen, bewegt von einer dunkeln Ahnung, das Licht könnte durch einen Zufall nicht im Fenster des alten Bootes stehen. Ich weiß, daß er etwas in den Zeitungen gelesen hatte, das sich auf sie beziehen konnte, und daraufhin seinen Stock nahm und eine Reise von wohl sechzig bis achtzig Meilen antrat. Er fuhr zu Schiff nach Neapel und zurück, nachdem ich ihm erzählt hatte, was Miß Dartle mir berichtete. Alle seine Reisen verrichtete er ohne Bequemlichkeiten, denn er sparte immer für Emilie, im Fall er sie finden sollte. Und während dieser ganzen langen Zeit mühsamen Suchens habe ich ihn nie klagen hören, nie von ihm gehört, daß er müde oder hoffnungslos sei.

Dora hatte ihn seit unserer Verheiratung oft gesehen, und hatte ihn ordentlich liebgewonnen. Ich glaube in diesem Augenblicke seine Gestalt vor mir zu sehen, wie er neben ihr beim Sofa steht, die rauhe Mütze in der Hand, und mein kindisches Weibchen die blauen Augen mit halbscheuer Verwunderung zu ihm erhebt. Manchmal abends in der Dämmerstunde, wenn er mich besuchte, bewog ich ihn, im Garten, während wir auf und ab gingen, seine Pfeife zu rauchen, und alsdann trat das Bild seines verlassenen Herdes und des traulichen Anstrichs, den er in meinen Kinderaugen abends hatte, wenn das Feuer brannte und der Wind um die Hütte stöhnte, lebhaft vor meine Seele.

Eines Abends um diese Stunde sagte er mir, Martha habe gestern abend, als er nach Hause gekommen war, vor seiner Wohnung gewartet und ihn gebeten, um keinen Preis London zu verlassen, bevor er sie nicht wieder gesehen hätte.

»Sagte sie Ihnen, warum?« fragte ich.

»Ich fragte sie, Master Davy,« entgegnete er, »aber sie sprach stets nur wenige Worte, und sie ließ sich nur mein Versprechen geben und ging wieder.«

»Sagte sie etwas, wann Sie sie wieder sehen würden?«

»Nein, Master Davy«, entgegnete er und strich mit der Hand gedankenvoll über das Gesicht. »Ich fragte sie auch das; aber sie gab zur Antwort, daß sie mir das nicht sagen könnte.«

Da ich seit langer Zeit aufgehört hatte, Hoffnungen zu ermutigen, die an einem seidenen Fädchen hingen, bemerkte ich weiter nichts, als daß ich hoffe, sie werde bald zu ihm kommen; die Hoffnungen, die in mir dabei auftauchten, behielt ich für mich, denn sie waren schwach genug.

Etwa vierzehn Tage später ging ich eines Abends allein in meinem Garten auf und ab. Ich erinnere mich noch deutlich jenes Abends. Es war der zweite Tag in der Woche, die wir auf Mr. Micawbers Bitte abwarten sollten. Es hatte den ganzen Tag geregnet, und die Luft war feucht. Das Laub war voll entwickelt und schwer von Regentropfen, aber es hatte jetzt zu regnen aufgehört, obwohl der Himmel noch bewölkt war und die hoffnungsvollen Vögel munter sangen. Als ich im Garten auf und ab ging und die Dämmerung hereinbrach, verstummten ihre lieblichen Gesänge, und es herrschte jene Ruhe, die diesen Abenden auf dem Lande eigentümlich ist, wenn die beweglichsten Bäume still sind, und es nur manchmal leise von den Zweigen tropft.

Neben unserm Landhäuschen lief ein kleiner Laubengang von Efeu hin, durch den ich aus dem Garten auf die Straße vor dem Hause blicken konnte. Mit mancherlei Gedanken beschäftigt, wendeten sich zufällig meine Blicke dorthin, und ich sah da eine Gestalt in einem einfachen Mantel stehen. Sie beugte sich zu mir herüber und winkte.

»Martha!« sagte ich und ging zu ihr.

»Können Sie mit mir kommen?« fragte sie mit einem aufgeregten Flüstern. »Ich war bei ihm, aber er ist nicht zu Hause. Ich habe das Haus, wo er hinkommen soll, aufgeschrieben und die Adresse selbst auf seinen Tisch gelegt. Sie sagten, er würde nicht lange ausbleiben. Ich hatte Nachrichten für ihn. Können Sie gleich mitkommen?«

Ich antwortete ihr damit, daß ich sofort durch die Tür hinaustrat. Sie winkte mir hastig mit der Hand, als wollte sie mich um Geduld und Schweigen ersuchen, und wendete sich London zu, wo sie eiligst zu Fuß angelangt war, wie ihr Anzug verriet.

Ich fragte, ob das unser Ziel sei?

Da sie mit derselben hastigen Gebärde, wie vorhin, bejahend winkte, ließ ich einen leeren Fiaker, der vorbeifuhr, anhalten, und wir stiegen ein. Als ich sie fragte, wohin uns der Kutscher fahren sollte, gab sie zur Antwort, in die Nähe von Goldensquare! und rasch! – Dann lehnte sie sich in eine Ecke, mit der einen zitternden Hand das Gesicht verhüllend und mit der andern wie vorhin Schweigen winkend, als ob sie keine Menschenstimme hören könnte.

In größerer Spannung, voll abwechselnder Hoffnung und Furcht, erwartete ich von ihr Aufklärung. Aber da ich sah, wieviel ihr daran lag zu schweigen, und recht wohl fühlte, daß das bei einer solchen Gelegenheit mit meiner eigenen Neigung übereinstimmte, versuchte ich nicht, das Schweigen zu brechen. Wir fuhren weiter, ohne ein Wort zu sprechen. Sie sah nur manchmal zum Fenster hinaus, als ob sie glaubte, es ginge zu langsam vorwärts, obwohl wir sogar sehr schnell fuhren, blieb aber im übrigen stumm.

Wir stiegen an einem der Eingänge des von ihr bezeichneten Platzes aus, und ich ließ dort den Wagen warten, da ich nicht wußte, ob wir ihn vielleicht später brauchen könnten. Sie hatte die Hand auf meinen Arm gelegt und riß mich rasch fort nach einer der dunkeln Straßen, wie es dort mehrere gibt, wo die Häuser früher von einzelnen Familien bewohnt waren, aber seit langer Zeit zu Armenwohnungen herabgesunken sind, die in einzelnen Zimmern vermietet werden. Als sie zu der offenen Tür eines dieser Häuser eingetreten war, ließ sie meinen Arm los, winkte mir, ihr zu folgen, und ging die Treppe hinauf, die von allen Hausbewohnern gemeinsam benutzt wurde.

Das Haus war überfüllt von Mietern. Als wir hinaufstiegen, wurden Stubentüren geöffnet, Leute steckten die Köpfe heraus, und wir begegneten andern, die herunterkamen. Als ich draußen, ehe wir hineingingen, in die Höhe gesehen hatte, bemerkte ich Frauen und Kinder, die sich aus den Fenstern über Blumentöpfe weg hinauslehnten; wir schienen ihre Neugierde erregt zu haben, denn das waren hauptsächlich dieselben Beobachter, die aus ihren Türen sahen. Es war eine breite, getäfelte Treppe mit massivem Geländer aus dunkelm Holz, über den Türen Karniese, mit geschnitzten Früchten und Blumen verziert, in den Fenstern breite Sitzplätze. Aber alle diese Zeichen verschwundener Herrlichkeit waren erbärmlich verkommen und schmutzig. Moder, Nässe und Alter hatten den Fußboden zerstört, der an vielen Stellen wurmstichig, sogar unsicher war. Ich bemerkte, daß einige Versuche gemacht worden waren, diesem dahinschwindenden Körper neues Blut zuzuführen, denn man hatte das kostbare alte Holzwerk hier und da mit gewöhnlichem Tannenholz ausgebessert; aber es war wie die Ehe eines heruntergekommenen alten Edelmanns mit einer armen Plebejerin, jeder Teil der unpassenden Verbindung schauderte von dem andern zurück. Manche von den Hinterfenstern auf der Treppe waren verhangen oder gänzlich verrammelt. In den übrigen war kaum noch etwas Glas, und durch die zerfallenen Fensterrahmen, durch die immer die schlechte Luft hereinzukommen und nie hinauszugehen schien, sah ich aus scheibenlosen Fenstern in andere Häuser, die in demselben Zustand waren, und blickte schwindelnd in einen elenden Hof, der als allgemeiner Kehrichthaufen des Gebäudes diente.

Wir gingen bis ins oberste Geschoß. Zwei- oder dreimal glaubte ich unterwegs in dem ungewissen Lichte die Schleppe eines Frauenkleides vor uns hinaufsteigen zu sehen. Als wir die letzte Treppe zwischen uns und dem Dach hinaufgehen wollten, erblickten wir die Gestalt, wie sie einen Augenblick vor einer Tür stehen blieb. Dann trat sie hinein.

»Wer ist das?« flüsterte Martha mir zu. »Sie ist in mein Zimmer gegangen. Ich kenne sie nicht!«

Ich kannte sie. Ich hatte in der Gestalt zu meinem Erstaunen Miß Dartle erkannt!

Ich erklärte meiner Führerin in wenig Worten, daß es eine Dame sei, die ich schon kenne, und hatte kaum ausgesprochen, als wir ihre Stimme im Zimmer hörten, obgleich wir nicht verstehen konnten, was sie sagte. Mit verwundertem Gesicht winkte mir Martha zu schweigen, führte mich leise die Treppe hinauf und durch eine kleine Seitentür, die kein Schloß zu haben schien, und die sie mit der Hand aufstieß, in eine kleine leere Dachkammer. Aus diesem Gemach führte in ihr Zimmer eine kleine Tür, die halb offen stand. Hier blieben wir stehen, noch außer Atem vom Treppensteigen, und sie legte ihre Hand leise auf meine Lippen. Von dem andern Zimmer konnte ich nur sehen, daß es ziemlich groß war, daß sich ein Bett darin befand und daß an den Wänden einige sehr gewöhnliche Abbildungen von Schiffen hingen. Ich konnte weder Miß Dartle noch die Person sehen, die sie angeredet hatte, und meine Gefährtin ebensowenig, denn sie hatte einen noch ungünstigeren Platz.

Tiefes Schweigen herrschte einige Augenblicke lang. Martha hatte immer noch die eine Hand auf meine Lippen gelegt und hob die andere und horchte.

»Es ist mir gleichgültig, ob sie zu Hause ist,« sagte Rosa Dartle stolz, »ich kenne sie nicht. Ich komme zu Ihnen.«

»Zu mir?« entgegnete eine sanfte Stimme.

Bei ihrem Klange durchzuckte es meinen ganzen Körper. Es war Emilies Stimme.

»Ja,« gab ihr Miß Dartle zur Antwort, »ich komme, um Sie zu sehen. Was, Sie schämen sich nicht des Gesichts, das so viel Unheil angestiftet hat?«

Der entschlossene und unbarmherzige Haß in diesem Tone, seine kalte, ernste Härte, und seine mit Gewalt niedergehaltene Wut stellten sie mir so deutlich dar, als ob ich sie vor mir sähe. Ich sah die blitzenden schwarzen Augen und die von Leidenschaft verzehrte Gestalt, ich sah die Narbe mit dem weißen Streif quer über die Lippen zucken und beben, wie sie sprach.

»Ich wollte James Steerforths Liebste sehen,« sagte sie, »die Dirne, die mit ihm davonlief und das Stadtgespräch der gemeinsten Leute ihres Geburtsortes ist; die freche, abgefeimte Gefährtin von Personen wie James Steerforth. Ich wollte sehen, wie so ein Geschöpf aussieht.«

Ich hörte ein Geräusch, als ob das unglückliche Mädchen, das sie mit diesem bittern Hohn überhäufte, nach der Tür eilte und Miß Dartle rasch dazwischentrat. Darauf folgte eine kurze Pause.

Als Miß Dartle wieder anfing zu reden, sprach sie durch die Zähne und stampfte auf den Fußboden.

»Bleiben Sie hier!« sagte sie, »oder ich will dem ganzen Haus und der ganzen Straße sagen, wer Sie sind! Wenn Sie versuchen, mir zu entfliehen, so werde ich Sie halten, und sollte es bei den Haaren sein, und selbst die Steine gegen Sie aufrufen.«

Ein eingeschüchtertes Murmeln war die einzige Antwort, die ich vernehmen konnte. Wieder folgte ein Schweigen. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. So sehr ich wünschte, dem Gespräch ein Ende zu machen, so fühlte ich doch, daß ich kein Recht hatte, mich hineinzumischen; daß nur Mr. Peggotty dies tun dürfte. »Kommt er immer noch nicht?« dachte ich voller Ungeduld.

»So!« sagte Rosa Dartle mit einem verächtlichen Lachen, »Endlich sehe ich Sie! Ah! welch kläglicher Charakter er ist, sich von solcher zarten Scheinehrbarkeit und Kopfhängerei fangen zu lassen!«

»Um Gottes willen seien Sie barmherzig!« rief Emilie. »Wer Sie immer sein mögen, Sie kennen meine traurige Geschichte, und um Gott bitte ich Sie, seien Sie barmherzig gegen mich, wenn Gott gegen Sie barmherzig sein soll.«

»Wenn Gott gegen mich barmherzig sein soll?« entgegnete die andere heftig, »was hätten wir wohl miteinander gemein?«

»Nichts als unser Geschlecht«, erwiderte Emilie und brach in Tränen aus.

»Und das ist ein so starker Anspruch aus einem so ehrlosen Munde,« sagte Rosa Dartle, »daß ich ihm Schweigen gebieten würde, wenn ich ein andres Gefühl in meinem Herzen hätte als Verachtung und Abscheu für Sie. Unser Geschlecht! Sie machen unserm Geschlecht Ehre!«

»Ich habe das verdient,« rief Emilie, »aber es ist entsetzlich! O bedenken Sie, was ich gelitten habe und wie tief ich gefallen bin! O Martha, komm zurück! o komm, komm!«

Miß Dartle setzte sich auf einen Stuhl der Tür gegenüber und blickte zu Boden, als ob Emilie vor ihr läge. Da sie jetzt zwischen mir und dem Lichte saß, konnte ich ihre von Hohn verzogene Lippe und ihre grausamen Augen sehen, die sich auf eine Stelle hefteten, von der Wollust der Rache erfüllt.

»Hören Sie jetzt auf das, was ich Ihnen sage«, sprach sie »und behalten Sie Ihre heuchlerischen Künste für jene, die sich von Ihnen zum besten halten lassen. Glauben Sie mich mit Ihren Tränen zu rühren? So wenig Sie mich durch Ihr Lächeln gewinnen können, Sie feile Dirne.«

»O haben Sie Erbarmen!« rief Emilie. »Haben Sie Erbarmen, oder ich werde wahnsinnig.«

»Es wäre keine harte Strafe für Ihr Verbrechen«, sagte Rosa Dartle. »Wissen Sie, was Sie getan haben? Denken Sie jemals an die Familie, die Sie unglücklich gemacht haben?«

»O es gibt keinen Tag und keine Nacht, wo ich nicht stündlich daran denke!« rief Emilie, und jetzt konnte ich sie sehen, wie sie auf den Knien lag, den Kopf zurückgeworfen, das bleiche Antlitz in die Höhe gerichtet, die Hände verzweiflungsvoll zusammengeschlagen und emporgestreckt, das Haar in Unordnung auf ihre Schultern wallend. »Ist jemals im Wachen oder Schlafen eine einzige Minute vergangen, wo ich das alte Haus nicht vor mir sah, gerade wie an jenem unglücklichen Tage, wo ich ihm auf ewig den Rücken kehrte! O das Vaterhaus! O lieber, lieber Onkel, wenn du jemals hättest wissen können, welche Qual mir deine Liebe verursachte, als ich auf schlechten Wegen ging, so hättest du sie nie an den Tag gelegt, so sehr du sie fühltest; oder hättest du mir wenigstens einmal in deinem Leben gezürnt, damit ich einigen Trost hätte! Ich habe keinen, keinen, keinen Trost auf Erden, denn sie liebten mich alle!« Sie sank mit dem Kopf nieder auf den Boden vor der gebieterischen Gestalt auf dem Stuhl und machte einen Versuch, flehend ihr Kleid zu fassen.

Rosa Dartle blieb starr sitzen und sah auf sie herab, so unbeweglich wie eine Erzgestalt. Sie preßte ihre Lippen fest zusammen, als wüßte sie, daß sie sich Zwang antun müßte – ich glaube das wirklich –, um nicht die schöne Gestalt mit dem Fuße von sich zu stoßen. Ich sah sie deutlich, und die ganze Kraft ihres Gesichts und ihres Charakters schien sich in diesem Ausdruck zusammenzudrängen. – Kommt Mr. Peggotty immer noch nicht?

»Die jämmerliche Eitelkeit dieses Ungeziefers!« sagte sie, als sie die zornigen Regungen ihrer Brust soweit bezwungen hatte, daß sie sich zu sprechen getrauen durfte. »Ihre Familie! Bilden Sie sich ein, daß ich nur daran denke, oder glauben Sie, Sie könnten jenem niederen Haus einen Schaden tun, den Geld nicht reichlich bezahlen könnte? Ihre Familie! Sie gehörten zum Geschäft Ihrer Familie, und wurden gekauft und verkauft wie jede andere Ware, mit der Ihre Leute handelten.«

»O sagen Sie das nicht!»rief Emilie. »Sagen Sie von mir, was Sie wollen, aber lassen Sie meine Schmach und Schande nicht Leuten entgelten, die so ehrenwert sind wie Sie! Haben Sie einige Achtung vor ihnen, wenn Sie eine Dame sind, wenn Sie kein Erbarmen mit mir haben wollen.«

»Ich spreche,« entgegnete sie, ohne für gut zu finden, auf das Flehen der vor ihr Liegenden Rücksicht zu nehmen, und ihr Kleid der befleckenden Berührung Emilies entziehend, »ich spreche von seiner Familie – in der ich lebe. Hier«, sagte sie und streckte mit einem verachtungsvollen Lachen die Hand aus, und sah auf die Kniende herab, »hier sehe ich eine würdige Veranlassung zur Zwietracht zwischen einer vornehmen Dame und ihrem Sohne. Hier sehe ich den Anlaß zum Schmerz in einem Hause, wo man solche Person nicht einmal als Küchenmagd zugelassen hätte, hier sehe ich den Anlaß zu Zwiespalt und Zorn und zur Reue und zu Vorwürfen. Dieses Stück Schmutz hat er aufgelesen am Meeresrande, um es eine Stunde lang hochzuhalten und dann wieder auf seinen angemessenen Platz hinzuwerfen!«

»Nein, nein!« rief Emilie, und schlug verzweiflungsvoll die Hände zusammen. »Als ich ihn zuerst sah – o wäre der Tag nie gekommen, und wäre er mir zuerst begegnet, wie sie mich ins Grab trugen! – war ich so tugendhaft aufgewachsen, wie Sie oder jede andere Dame, und sollte das Weib eines so guten Mannes werden, wie Sie ihn oder irgend eine andere Dame auf der Welt nur heiraten kann. Wenn Sie in seiner Familie leben und ihn kennen, so kennen Sie vielleicht seine Gewalt über ein eitles, schwaches Mädchen. Ich will mich nicht verteidigen, aber ich weiß es wohl und er weiß es recht gut, oder wird es wissen, wenn seine Sterbestunde kommt, denn sein Gewissen läßt ihm keine Ruhe, daß er alle seine Gewalt über mich benutzte, um mich zu täuschen und daß ich ihm glaubte, ihm vertraute und ihn liebte.«

Rosa Dartle sprang von ihrem Stuhl auf, fuhr zurück und schlug dabei nach ihr mit einem Gesicht voll solcher Bosheit, und so verfinstert und entstellt von Leidenschaft, daß ich mich fast zwischen sie geworfen hätte. Der Schlag, der kein Ziel hatte, traf nur die Luft. Wie sie jetzt keuchend dastand und sie mit dem äußersten Abscheu ansah, und vom Kopf bis zu den Füßen vor Wut und Hohn zitterte, da glaubte ich nie so etwas gesehen zu haben, und nie wieder so etwas sehen zu können.

»Sie ihn lieben, Sie«, rief sie mit geballter zitternder Faust, als ob ihr nur die Waffe fehle, um die Arme niederzustoßen.

Emilie war zurückgewichen, so daß ich sie nicht mehr sehen konnte. Eine Antwort hörte ich nicht.

»Und mir das zu sagen, mit diesen schmachbefleckten Lippen!« setzte sie hinzu. »Warum peitscht man solche Geschöpfe nicht aus! Wenn ich's befehlen könnte, würde ich diese Dirne zu Tode peitschen lassen!«

Und sie hätte es getan, das bezweifle ich nicht. Ich hätte sie nicht zur Aufseherin über die Folterbank machen mögen, solange sie diesen wütenden Blick behielt.

Langsam, sehr langsam brach sie in ein Gelächter aus und deutete auf Emilie mit ihrer Hand, als wäre sie ein schmachvoller Anblick für Gott und Menschen.

»Sie ihn lieben!« sagte sie. »Dieses Luder! und er sollte jemals etwas auf sie gegeben haben, behauptet sie? Ha ha! wie diese feilen Dirnen lügen!«

Ihr Hohn war schlimmer als ihr unverhüllter Zorn. Jedenfalls hätte ich lieber der Gegenstand des letztern sein mögen. Aber wenn sie ihm freien Lauf ließ, so geschah es nur für einen Augenblick. Sie hatte ihn wieder festgekettet, und so sehr er sie innerlich zerreißen mochte, so gestattete sie ihm doch keinen neuen Ausbruch.

»Ich kam hierher, Sie reine Liebesquelle,« sagte sie, »um zu sehen, wie ein solches Geschöpf wie Sie aussehe. Ich war neugierig, ich bin befriedigt. Ich wollte Ihnen auch sagen, daß Sie am besten tun, Ihre süße Familie sobald wie möglich wieder aufzusuchen, und Ihr Haupt unter den vortrefflichen Leuten zu verbergen, die Sie erwarten und die Ihr Geld trösten wird. Wenn es Verruchtheit ist, können Sie ja wieder glauben und vertrauen und lieben! Ich hatte erwartet, ein zerbrochenes, ausgedientes Spielzeug in Ihnen zu finden, einen wertlosen Flitter, der vergilbt und weggeworfen ist. Aber da Sie treues Gold sind, eine echte Dame und eine mißhandelte Unschuld mit einem frischen Herzen voll Liebe und Vertrauen – Sie sehen ganz danach aus, und es läßt sich aus Ihrer Geschichte recht gut erklären! – so habe ich Ihnen noch etwas zu sagen. Merken Sie wohl auf; denn was ich Ihnen sage, werde ich auch tun. Hören Sie mich an, Sie zartes Elfenkind, denn was ich sage, will ich auch tun!«

Ihre Wut gewann wieder einen Augenblick die Oberhand; aber sie ging über ihr Antlitz wie ein Krampf und ließ ein Lächeln zurück.

»Verkriechen Sie sich irgendwo;« fuhr sie fort, »wenn nicht bei Ihrer Familie, dann irgendwo anders, wo man Sie nicht erreichen kann; im dunkeln Leben – oder noch besser im dunkeln Grabe. Es wundert mich, daß Sie, wenn Ihr liebendes Herz nicht brechen will, keinen Weg gefunden haben, ihm Stille zu gebieten! Ich habe manchmal von solchen Mitteln gehört. Ich glaube, sie sind leicht zu finden.«

Ein leises Weinen Emilies unterbrach sie hier. Miß Dartle schwieg und horchte darauf, als ob es ihr Musik wäre.

»Ich bin vielleicht ein sonderbares Geschöpf,« fuhr Rosa Dartle fort; »aber ich kann nicht frei atmen in der Luft, die Sie mir verderben. Sie macht mich krank. Deshalb will ich sie rein haben, sie soll nicht länger von Ihnen befleckt werden. Wenn Sie morgen noch hier sind, so soll das ganze Haus Ihre Geschichte kennen, und wissen, wer Sie sind. Ich höre, es wohnen anständige Frauen hier im Hause; und es wäre schade, daß ein solches Geschöpf wie Sie heimlich unter ihnen wohnte. Wenn Sie hier weggehen und sich in dieser Stadt unter einem andern Charakter verbergen wollen, als Ihrem wahren – den Sie ohne Belästigung von meiner Seite annehmen können, denn solchen Ehrentitel gönne ich Ihnen – so werde ich auch dort Ihre gemeine Vergangenheit bekanntmachen, wenn ich Ihren Zufluchtsort erfahre. Da ich von einem Herrn unterstützt bin, der vor nicht langer Zeit nach der Ehre Ihrer Hand geizte, so werde ich ihn schon entdecken.«

Kommt Mr. Peggotty noch nicht? Wie lange sollte ich das ertragen, wie lange konnte ich es ertragen?!

»O Gott, o Gott!« rief die Unglückliche in einem Tone aus, der das härteste Herz hätte erweichen müssen; aber in Rosa Dartles Lächeln zeigte sich keine Veränderung. »Was soll ich tun, was soll ich tun!« stöhnte jene.

»Tun?« entgegnete die andere, »Von Ihren angenehmen Erinnerungen zehren und glücklich sein! Ihr Dasein der Erinnerung an James Steerforths Liebe widmen – er wollte Sie seinem Bedienten zur Frau geben, nicht wahr? – oder – dem Gefühl der Dankbarkeit gegen den ehrlichen und vortrefflichen Biedermann, der Sie aus seiner Hand angenommen hätte! Oder wenn diese stolzen Erinnerungen und das Bewußtsein Ihrer eigenen Tugend und der ehrenvollen Stellung, die sie Ihnen in den Augen von allen Menschen verliehen hat, nicht genügen, so heiraten Sie diesen guten Mann, und seien Sie glücklich in seiner Herablassung. Und wenn Sie keins von beiden tun wollen, so sterben Sie! Für die letzten Augenblicke von solchen Geschöpfen und für eine solche Verzweiflung gibt es Torwege und Kehrichthaufen genug – suchen Sie einen, und schweben Sie hinauf zum Himmel.«

Ich hörte den Schall ferner Tritte auf der Treppe. Ich erkannte sie sogleich. Er war es, Gott sei Dank! Sie trat langsam von der Tür weg, als sie das sagte, und ich sah sie nicht mehr.

»Aber vergessen Sie nicht! vergessen Sie nicht,« setzte sie langsam und hart hinzu, indem sie die andre Tür öffnete, um hinauszugehen, »ich bin entschlossen, bewogen von gewissen Gründen und einem Haß in meiner Brust, Sie bis aufs äußerste zu verfolgen, wenn Sie nicht ganz außerhalb meines Bereichs entfliehen. Das hatte ich Ihnen zu sagen; und was ich sage, werde ich auch ausführen!«

Die Schritte auf der Treppe kamen näher und näher – kamen an Rosa vorüber, als sie hinunterging – und schallten im Zimmer.

»Onkel!«

Ein schrecklicher Schrei folgte dem Worte. Ich wartete einen Augenblick, blickte dann hinein, und sah dann, wie er die Ohnmächtige in seinen Armen hielt. Er blickte ihr ein paar Augenblicke in das Gesicht; dann küßte er sie – o wie zärtlich! und deckte ein Tuch darüber.

»Master Davy,« sagte er darauf mit leiser, zitternder Stimme, »ich danke meinem himmlischen Vater, daß mein Traum wahr geworden ist! Ich danke ihm aus vollem Herzen, daß er mich auf seinen Wegen geführt hat zu meinem Liebling!«

Mit diesen Worten hob er sie mit seinen Armen in die Höhe, lehnte das verschleierte Gesicht an seine Brust und trug die regungslose und bewußtlose Gestalt die Treppe hinunter.

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