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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Neunundvierzigstes Kapitel.

Mich umstrickt ein Geheimnis.

Ich erhielt eines Morgens durch die Post folgenden Brief, datiert von Canterbury und an mich in Doktor Commons adressiert. Ich las ihn nicht ohne Verwunderung. Er lautete:

»Sehr geehrter Herr.

Verhältnisse, die außerhalb des Bereichs meiner persönlichen Machtsphäre liegen, haben seit einer geraumen Zeit eine Lockerung jenes vertrauten Verkehrs bewirkt, der bei den durch Geschäftsverhältnisse sehr beschränkten Mußestunden, die Ereignisse und Vorfälle der Vergangenheit, beleuchtet von dem prismatischen Farbenspiel der Erinnerung, zu betrachten, mir immer freudige Gefühle von nicht gewöhnlicher Art gewährt hat und immer gewähren muß. Dieser Umstand, geehrter Herr, zusammengehalten mit der hohen Stufe des Ruhmes, auf die Sie Ihre Talente erhoben haben, hält mich ab, mir die Freiheit zu nehmen, den Gefährten meiner Jugend mit der altgewohnten Benennung Copperfield anzureden! Es genügt zu wissen, daß der Name, durch dessen Nennung ich mir selbst eine Ehre antue, stets als ein teurer Schatz unter den Urkunden unserer Familie – ich meine die mit unsern frühern Wohnungen verbundenen Mietsquittungen, die Mrs. Micawber aufbewahrt hat – aufbewahrt und mit Gefühlen persönlicher Hochachtung, die der Liebe nahe kommen, genannt werden wird.

Einem, der wie ich durch seinen ursprünglichen Irrtum und ein verhängnisvolles Zusammentreffen von unglücklichen Zufällen der gescheiterten Arche gleicht – wenn er sich erlauben darf, einen so maritimen Ausdruck zu gebrauchen – und der jetzt die Feder ergreift, um an Sie zu schreiben – einem, wiederhole ich, der in solchen Verhältnissen ist, geziemt es nicht, die Sprache der Komplimente oder Beglückwünschung zu reden. Das überläßt er geschickteren und reineren Händen –.

Wenn Ihre wichtigeren Beschäftigungen Ihnen erlauben, diese mangelhaften Schriftzüge bis hierher zu lesen – was vielleicht der Fall ist, oder vielleicht auch nicht, wie es nun kommt, – so werden Sie natürlich fragen, was mich veranlaßt, das gegenwärtige Schreiben anzufertigen. Erlauben Sie mir, zu sagen, daß ich die Berechtigung dieser Frage vollkommen zugebe, und gestatten Sie mir, mich weiter auszulassen, wobei ich jedoch vorausschicke, daß der Zweck des Briefes keine Geldangelegenheit ist.

Ohne bestimmter von einer mir vielleicht innewohnenden schlummernden Fähigkeit, den Donnerkeil zu schleudern oder die verzehrende und rächende Flamme irgendwohin zu senden, zu sprechen, darf ich mir vielleicht die Bemerkung gestatten, daß meine glänzendsten Träume für immer zerronnen sind, daß mein Friede gestört und meine Fähigkeit, mich zu freuen, vernichtet ist – daß mein Herz nicht mehr auf dem rechten Flecke sitzt – und daß ich nicht mehr aufrecht gehe vor meinen Nebenmenschen. Der Wurm nagt in der Blume. Der Kelch ist bitter bis an den Rand. Der Drache ist tätig und wird bald sein Opfer haben. Je eher, desto besser. Aber ich will nicht abschweifen.

Von einer geistigen Stimmung besonders schmerzlicher Natur befangen, die selbst außer dem besänftigenden Versuch von Mrs. Micawber steht, obgleich sie ihren Einfluß in der dreifachen Würde ausübt als Weib, Gattin und Mutter; beabsichtige ich, auf eine kurze Zeit vor mir selbst zu fliehen und eine Frist von achtundvierzig Stunden zu benutzen, um in der Weltstadt einige Szenen entschwundenen Glücks wieder aufzusuchen. Außer nach andern Häfen häuslicher Ruhe und des Seelenfriedens werden sich meine Füße natürlich nach Kingsbenchgefängnis wenden. Indem ich ihnen melde, daß ich mich – so Gott will – an der äußern Seite der südlichen Mauer dieses Ortes für die Haft im bürgerlichen Prozeß übermorgen abend um sieben einfinden werde, ist der Zweck dieser brieflichen Mitteilung erreicht.

Ich fühle mich nicht berechtigt, meinen frühern Freund Mr. Copperfield oder meinen frühern Freund Mr. Thomas Traddles vom Inner Temple, wenn dieser Herr noch am Leben ist, zu bitten, mir die große Gefälligkeit zu tun, mich zu treffen und, soweit es die Umstände erlauben, unsere frühern Beziehungen zueinander zu erneuern. Ich beschränke mich darauf, die Bemerkung fallen zu lassen, daß zu der angegebenen Stunde und an dem angegebenen Orte gefunden werden kann, was noch übrig ist von den Trümmern

eines gefallenen Turmes

Wilkins Micawber.

P. S. Es dürfte ratsam sein, dem Obigen noch hinzuzufügen, daß ich Mrs. Micawber hinsichtlich meiner Absichten nicht ins Vertrauen gezogen habe.«

Ich las den Brief mehrere Male durch. Wenn ich auch Mr. Micawbers Vorliebe für phrasenreichen Stil und den großen Genuß, mit dem er lange Briefe über alle möglichen und unmöglichen Angelegenheiten schrieb, in Abzug brachte, so mußte ich doch immer noch glauben, daß diesem seltsamen Brief etwas Ernsthaftes zugrunde liegen müsse. Ich legte ihn hin, um weiter darüber nachzudenken, und nahm ihn wieder vor, um ihn noch einmal zu lesen, und las ihn immer noch und wußte gerade gar nicht, wie ich daran war, als Traddles eintrat.

»Bester Freund,« sagte ich, »es hat mich nie mehr gefreut, dich zu sehen. Du hast just die beste Gelegenheit, mich mit deinem klaren Urteil zu unterstützen. Ich habe einen sehr merkwürdigen Brief von Mr. Micawber erhalten, Traddles.«

»Was?« rief Traddles. »Wirklich? und ich habe einen von Mrs. Micawber!«

Mit diesen Worten zog Traddles, der ganz rot vom Gehen war, und dessen Haar von der vereinigten Wirkung der Anstrengung und der Aufregung zu Berge stand, als ob er ein luftiges Gespenst sähe, seinen Brief aus der Tasche und tauschte ihn gegen den meinigen aus.

Ich beobachtete ihn, bis er die Mitte des Briefes erreicht hatte, und erwiderte das Emporziehen seiner Augenbrauen, als er sagte: »›den Donnerkeil zu schleudern oder die verzehrende und rächende Flamme irgendwohin zu senden!‹ Das ist stark, Copperfield!« und las dann Mrs. Micawbers Brief.

Er lautete:

»Mr. Thomas Traddles meine besten Empfehlungen, und sollte er sich noch an eine Person erinnern, die früher das Glück hatte, gut mit ihm bekannt zu sein, so bitte ich ihn um Erlaubnis, einige Augenblicke seiner Mußezeit in Anspruch nehmen zu dürfen. Ich versichere Mr. T. T., daß ich seiner Güte nicht beschwerlich fallen würde, wenn ich nicht an den letzten Grenzen der Verzweiflung stände.

Obgleich es fürchterlich zu sagen ist, so muß es doch heraus. Die Entfernung Mr. Micawbers, der früher ein so häuslicher Ehemann war, von seiner Gattin und seiner Familie ist die Ursache, daß ich diesen Schmerzensschrei an Mr. Traddles richte und seine größte Nachsicht in Anspruch nehme. Mr. T. kann sich keinen annähernden Begriff von der Veränderung in Mr. Micawbers Benehmen machen, von seiner Zerstreutheit und von seiner Heftigkeit. Sie hat allmählich zugenommen, bis sie den Anschein einer Seelenstörung annimmt. Ich versichere Mr. Traddles, es vergeht kaum ein Tag, wo nicht ein Paroxysmusanfall stattfindet. Mr. T. wird nicht von mir verlangen, daß ich meine Gefühle schildere, wenn ich ihm sage, daß ich gewöhnt worden bin, Mr. Micawber behaupten zu hören, er habe sich an den T. . . . verkauft. Geheimnistuerei und Verstecktheit ist seit langer Zeit sein vornehmster Charakterzug und hat seit langer Zeit das unbegrenzte Vertrauen ersetzt. Der geringste Anlaß, selbst wenn er gefragt wird, ob er vielleicht etwas Besondres zu Mittag wünsche, veranlaßt ihn, den Wunsch nach Scheidung auszusprechen. Gestern abend, als ihn eine zarte Kinderstimme um zwei Pence für Zitronenbiskuit bat – eine Delikatesse hier am Orte – da drohte er den Zwillingen mit einem Austermesser.

Ich bitte Mr. Traddles, zu verzeihen, daß ich in diese Einzelheiten eingehe. Ohne diese würde es Mr. T. sicherlich schwer werden, sich die geringste Vorstellung von meiner herzzerreißenden Lage zu machen.

Darf ich jetzt wagen, Mr. T. den Zweck meines Briefes anzuvertrauen, wird er jetzt erlauben, mich ganz auf seine freundschaftliche Nachsicht zu verlassen? O ja, denn ich kenne sein Herz!

Das rasche Auge der Liebe ist nicht leicht zu blenden, besonders nicht, wenn es dem weiblichen Geschlecht angehört. Mr. Micawber reist nach London. Obgleich er auf das sorgfältigste heute morgen vor dem Frühstück, als er die Adresse auf den kleinen braunen Mantelsack seiner glücklichern Tage schrieb, seine Hand vorhielt, so gewahrte doch der Adlerblick ehelicher Besorgnis auf das deutlichste d, o, n. Die Haltestelle der Landkutsche im Westend ist das »goldene Kreuz«. Darf ich wagen, Mr. T. auf das inständigste zu bitten, meinen übelberatenen Gatten dort zu treffen und mit ihm zu sprechen? Darf ich Mr. T. auffordern, die Vermittlerrolle zwischen Mr. Micawber und seiner tiefbetrübten Familie zu übernehmen? Ach nein, denn das wäre zuviel!

Sollte sich Mr. Copperfield noch jemandes, dem der Ruhm fremd ist, erinnern, will es Mr. T. dann übernehmen, ihn meiner unwandelbaren Hochachtung zu versichern und ihm ähnliche Bitten vorzutragen? Jedenfalls wird er die Güte haben, diese Mitteilung als ganz im Vertrauen geschehen zu betrachten und zu bedenken, daß sie in keiner Weise, wenn auch noch so indirekt, vor Mr. Micawber zu erwähnen ist. Wenn Mr. T. jemals darauf antworten sollte – was ich allerdings für höchst unwahrscheinlich halten muß – so würde ein Brief unter der Adresse M. E. poste restante Canterbury von weniger schmerzlichen Folgen begleitet sein, als wenn er direkt adressiert wäre an eine, die sich im tiefsten Schmerze unterzeichnet als

Mr. Thomas Traddles'
achtungsvolle
Freundin und Supplikantin

Emma Micawber

»Was sagst du zu diesem Brief?« fragte Traddles und sah mich an, nachdem ich ihn zweimal durchgelesen hatte.

»Was meinst du zu dem andern?« fragte ich, denn er las ihn immer noch mit nachdenklicher Stirn.

»Ich glaube, beide zusammen, Copperfield,« entgegnete Traddles, »sagen mehr, als Mr. und Mrs. Micawber meistens in ihren Briefen sagen – aber ich weiß nicht was. Sie sind beide in allem Ernst geschrieben, daran zweifle ich nicht, und meine, daß keiner von dem andern etwas weiß. Die arme Frau!« – Er sprach jetzt von Mrs. Micawbers Brief; wir standen nebeneinander und verglichen beide. »Es ist ein Werk christlicher Liebe, an sie zu schreiben, daß ich nicht unterlassen werde, Mr. Micawber aufzusuchen.«

Ich stimmte dem um so bereitwilliger bei, als ich mir Vorwürfe machte, daß ich auf ihren frühern Brief zu wenig Gewicht gelegt hatte. Er machte mir seinerzeit viel Kopfzerbrechens, wie ich auch damals erwähnt habe, aber stark in Anspruch genommen von meinen eigenen Angelegenheiten, und der mir wohlbekannten Eigentümlichkeiten der Familie gedenkend, hatte ich allmählich die Sache vergessen, zumal da kein zweiter Brief eintraf. Ich hatte oft an Micawbers gedacht, aber hauptsächlich mich nur gewundert, welche pekuniären Verpflichtungen sie in Canterbury eingehen würden, oder mir zurückgerufen, wie zurückhaltend Mr. Micawber gegen mich war, als er Schreiber bei Uriah Heep wurde.

Jetzt aber schrieb ich in unser beider Namen einen tröstenden Brief an Mrs. Micawber, und wir beide unterzeichneten ihn. Als wir in die Stadt gingen, um ihn auf die Post zu geben, hatte ich mit Traddles eine lange Konferenz; wir ließen uns in eine Anzahl von Vermutungen ein, die ich hier nicht wiederholen will. Nachmittags zogen wir auch unsere Tante zu Rate, aber der einzige Entschluß, zu dem wir kamen, war, daß wir Mr. Micawbers Stelldichein höchst pünktlich einhalten wollten.

Obgleich wir eine Viertelstunde vor der Zeit auf dem bestimmten Platze ankamen, fanden wir doch Mr. Micawber schon dort. Er stand mit verschränkten Armen der Gefängnismauer gegenüber und betrachtete die eisernen Spitzen darauf mit einem sentimentalen Ausdruck, als ob es die vielverschlungenen Zweige der Bäume wären, die ihm in seiner Jugend Schatten gespendet hätten.

Als wir ihn anredeten, war sein Benehmen etwas verlegener und etwas weniger kavaliermäßig als früher. Den schwarzen Juristenrock hatte er für die Reise abgelegt und trug dafür den alten Überrock und die engen Hosen, aber nicht ganz mit dem alten Air. Im Fortgange des Gesprächs wurde er mehr und mehr der Alte, aber selbst seine Lorgnette schien weniger nonchalant herabzuhängen, und sein Vatermörder, obgleich noch von der alten Größe, war nicht mehr ganz so steif.

»Meine verehrten Herren,« sagte Mr. Micawber nach den ersten Begrüßungen, »Sie sind Freunde in der Not und wahre Freunde! Erlauben Sie mir, mich nach dem körperlichen Wohlbefinden der gegenwärtigen Mrs. Copperfield und der zukünftigen Mrs. Traddles zu erkundigen – vorausgesetzt, daß mein Freund Mr. Traddles noch nicht mit dem Gegenstande seiner Liebe für gute und für schlimme Zeiten verbunden ist.«

Wir dankten ihm und beantworteten gebührend seine höfliche Nachfrage, worauf er unsere Aufmerksamkeit auf die Mauer lenkte und anfing: »Ich versichere Sie, meine verehrten Herren –«, als ich mir erlaubte, Einwand gegen die zeremoniöse Form der Anrede zu machen und ihn zu bitten, er möchte ganz in der alten Weise sprechen.

»Bester Copperfield,« entgegnete er und drückte mir die Hand, »Ihre Herzlichkeit überwältigt mich. Dieser Empfang eines zertrümmerten Bruchstücks des Tempels, den man voreinst Mensch nannte – wenn ich mir diesen Ausdruck erlauben darf – zeugt von einem Herzen, das dem ganzen Menschengeschlecht Ehre macht. Ich wollte eben bemerken, daß ich abermals den heitern Fleck sehe, wo einige der glücklichsten Stunden meines Daseins vorüberschwanden.«

»Die so schön wurden durch Mrs. Micawber, wie ich überzeugt bin«, sagte ich. »Ich hoffe, sie befindet sich wohl.«

»Ich danke Ihnen,« entgegnete Mr. Micawber, dessen Antlitz sich bei dieser Frage trübte, »sie befindet sich nur so so – und das also«, fuhr er fort und nickte kummervoll mit dem Haupt, »ist das Schuldgefängnis! wo sich das erstemal in so vielen dahingeschwundenen Jahren der überwältigende Druck pekuniärer Verlegenheiten nicht Tag für Tag durch zudringliche Stimmen laut machte, die den Hausflur nicht räumen wollten, wo kein Klopfer an der Tür vorhanden war für den anpochenden Gläubiger, wo keine persönliche Übergabe der Zitation notwendig war, sondern wo die Insinuationen nur bei dem Portier abgegeben wurden! Meine Herren,« fuhr Mr. Micawber fort, »wenn sich der Schatten der eisernen Spitzen auf jener Ziegelmauer auf dem Sand des Paradeplatzes abzeichnete, habe ich gesehen, wie meine Kinder die Linien des labyrinthischen Musters verfolgten und die dunkeln Stellen mieden. Ich kenne jeden Stein an diesem Orte. Wenn ich Schwäche zeige, so werden Sie wissen, wie Sie mich zu entschuldigen haben.«

»Wir sind alle seitdem vorwärts gekommen, Mr. Micawber«, erwiderte ich.

»Mr. Copperfield,« entgegnete Mr. Micawber mit Bitterkeit, »als ich ein Bewohner dieses Ortes war, konnte ich meinem Mitmenschen dreist ins Antlitz sehen und ihm einen Schlag ins Gesicht geben, wenn er mich beleidigte. Mein Mitmensch und ich stehen nicht länger auf diesem glorreichen Fuße!«

Mr. Micawber wendete sich mit niedergeschlagenem Antlitz weg von dem Gebäude, nahm meinen dargebotenen Arm auf der einen, Traddles' dargebotenen Arm auf der andern Seite und entfernte sich, von uns geführt.

»Es gibt einige Stationen auf dem Wege zum Grabe,« bemerkte Mr. Micawber, und sah sich gerührt um, »die der Mensch, wenn der Wunsch nicht zu gottlos wäre, nie wünschen würde, hinter sich zu haben. Eine solche Station in meinem wechselvollen Leben ist das Schuldgefängnis.«

»O! Sie sind trübe gestimmt, Mr. Micawber«, sagte Traddles.

»Allerdings«, erwiderte Mr. Micawber.

»Ich hoffe nicht,« sagte Traddles, »daß Sie keinen Gefallen mehr an der Jurisprudenz finden – denn Sie wissen ja, ich bin selbst ein Jurist.«

Mr. Micawber erwiderte kein Wort.

»Was macht unser Freund Heep, Mr. Micawber?« fragte ich nach einer Pause.

»Mr. Copperfield,« entgegnete Mr. Micawber, und wurde plötzlich aufgeregt und ganz blaß, »wenn Sie meinen Prinzipal Ihren Freund nennen, so tut es mir leid; wenn Sie ihn meinen nennen, so muß ich sardonisch darüber lächeln. In welcher Eigenschaft Sie immer nach meinem Prinzipal fragen mögen, muß ich Sie bitten, meine Antwort, ohne Sie beleidigen zu wollen, darauf beschränken zu dürfen – daß ohne Rücksicht auf den Zustand seiner Gesundheit sein Aussehen fuchsig – ich will nicht sagen, teuflisch ist. Als Privatmann werden Sie mir erlauben, nicht länger von einem Gegenstand zu sprechen, der mich in meiner Eigenschaft als Jurist bis an den äußersten Rand der Verzweiflung gebracht hat.«

Ich sprach mein Bedauern darüber aus, daß ich unbewußt einen Gegenstand berührt hatte, der ihn so sehr aufregte. »Darf ich wohl ohne Gefahr, meinen Irrtum zu wiederholen, fragen, wie sich meine alten Freunde Mr. und Miß Wickfield befinden?« sagte ich.

»Miß Wickfield«, sagte Micawber, und wurde jetzt dunkelrot, »ist, was sie immer ist, ein Muster und ein glänzendes Beispiel. Bester Copperfield, sie ist der einzige Stern in einer elenden Lebensnacht. Die Achtung, die ich vor dieser jungen Dame hege, die Bewunderung, die mir ihr Charakter abnötigt, die Ergebenheit, mit der mich ihre Liebe und Treue und Vortrefflichkeit erfüllt! – führen Sie mich in eine Seitengasse,« sagte Mr. Micawber, »denn auf Ehre, in meinem gegenwärtigen Gemütszustand ist mir das zuviel!«

Wir schwenkten mit ihm in eine enge Nebengasse ab, wo er sein Taschentuch herauszog und sich mit dem Rücken an eine Wand lehnte. Wenn ich ihn ebenso ernst ansah wie Traddles, so kann ihn unsere Gesellschaft keinesfalls aufgeheitert haben.

»Es ist leider mein Verhängnis,« sagte Mr. Micawber, und schluchzte jetzt ganz unverhohlen, aber immer noch mit einem Schatten seines alten gentilen Wesens, »es ist leider mein Verhängnis, meine Herren, daß die schöneren Gefühle unsres Herzens für mich zu Vorwürfen werden. Die Verehrung, die ich für Miß Wickfield fühle, durchbohrt meinen Busen wie ein ganzes Tausend Pfeile. Besser wäre es, wenn Sie mich gehen ließen, damit ich die Welt als Vagabund durchstreifte. Der Wurm wird doppelt rasch mit mir fertig werden.«

Ohne uns dieser Aufforderung zu fügen, blieben wir neben ihm stehen, bis er das Taschentuch einsteckte, den Vatermörder in die Höhe zog und um alle, die ihn vielleicht hätten beobachten können, zu täuschen, ein Liedchen vor sich hin summte, während er den Hut keck auf eine Seite setzte.

Ich sagte ihm dann – denn ich wußte ja nicht, was wir für Nachrichten verlieren könnten, wenn wir ihn überhaupt aus den Augen ließen – daß es mir lieb sein würde, wenn er mir erlauben wollte, ihn meiner Tante vorzustellen, und daß wir zusammen nach Highgate fahren wollten, wo ihm ein Bett zu Diensten stehe.

»Sie sollen uns ein Glas von Ihrem Punsch bereiten, Mr. Micawber,« fuhr ich fort, »und Ihre Sorgen in angenehmern Rückerinnerungen vergessen.«

»Oder, wenn Sie es mehr erleichtert, sich Ihren Freunden zu erschließen, sagen Sie uns, was Sie quält, Mr. Micawber«, setzte Traddles klug hinzu.

»Meine Herren,« entgegnete Mr. Micawber, »tun Sie mit mir, was Sie wollen! Ich bin ein Strohhalm auf dem Ozean und werde nach allen Richtungen hin und her geworfen durch die Wut von Elefanten – ich bitte um Verzeihung; ich wollte sagen, von Elementen.«

Wir setzten unsern Weg wieder Arm in Arm fort, erreichten die Kutsche, als sie eben abfahren wollte, und kamen in Highgate ohne weiteres Abenteuer an.

Wir gingen nicht zu mir, sondern zu meiner Tante, weil Dora nicht wohl war. Meine Tante erschien, nachdem wir nach ihr geschickt hatten, und bewillkommnete Mr. Micawber mit großer Herzlichkeit. Mr. Micawber küßte ihr die Hand, zog sich ins Fenster zurück, nahm sein Taschentuch heraus und hatte offenbar einen schweren innern Kampf.

Mr. Dick war zu Hause. Er fühlte schon von Natur soviel Teilnahme für jeden Unglücklichen und entdeckte so schnell, wo es fehlte, daß er Mr. Micawber mindestens ein halb dutzendmal in fünf Minuten die Hand schüttelte.

»Die Freundlichkeit dieses Herrn«, sagte Mr. Micawber zu meiner Tante, »hat für mich, wenn Sie mir den Ausdruck erlauben wollen, Madame, etwas Niederdonnerndes. Für einen Mann, der unter einer so komplizierten Last von Sorgen und Verlegenheiten seufzt, ist ein solcher Empfang eine wahre Prüfung; das versichere ich Sie.«

»Mein Freund Mr. Dick«, entgegnete meine Tante mit Stolz, »ist kein gewöhnlicher Mensch.«

»Davon bin ich überzeugt«, erwiderte Mr. Micawber. »Verehrter Herr!« denn Mr. Dick schüttelte ihm wieder die Hand, »ich fühle auf das tiefste Ihren herzlichen Empfang!«

»Wie befinden Sie sich?« fragte Mr. Dick mit besorgtem Blick.

»Soso, verehrter Herr«, entgegnete Mr. Micawber seufzend.

»Sie müssen hübsch munter bleiben«, sagte Mr. Dick, »und es sich so behaglich wie möglich machen.«

Mr. Micawber war ganz überwältigt von diesen herzlichen Worten und von Mr. Dicks abermaligem Händedruck. »Es ist mein Schicksal gewesen,« bemerkte er, »in dem vielgestaltigen Panorama des menschlichen Daseins zuweilen eine Oase zu finden, aber nie ist mir eine so grün und so frisch vorgekommen wie die jetzige!«

Zu andern Zeiten hätte mir das alles Spaß gemacht, aber ich fühlte, daß wir uns alle Zwang antaten und unruhig waren; ich beobachtete Mr. Micawber in seinem Schwanken zwischen einer offenbaren Lust, etwas zu enthüllen, und einer entgegenwirkenden Lust, nichts zu enthüllen, so ängstlich, daß ich mich in einem wahren Fieber befand. Traddles saß auf dem Rand seines Stuhles, die Augen weit offen und das Haar mehr zu Berge stehend als je, sah dabei bald den Fußboden und bald Mr. Micawber an, und ließ auch kein Wort hören. Meine Tante war mehr im Besitze ihrer vollen Geistesgegenwart, als wir alle, obgleich ich recht wohl bemerkte, wie sie unsern neuen Gast auf das aufmerksamste beobachtete. Sie erhielt ihn im Gespräch und nötigte ihn, zu sprechen, er mochte wollen oder nicht.

»Sie sind ein sehr alter Freund meines Neffen, Mr. Micawber«, sagte meine Tante. »Ich wollte, ich hätte das Vergnügen gehabt, Sie eher kennen zu lernen.«

»Madame,« entgegnete Mr. Micawber, »auch ich wollte, ich hätte die Ehre gehabt, Sie zu einer frühern Zeit kennen zu lernen. Ich war nicht immer das Wrack, das Sie jetzt vor sich sehen.«

»Ich hoffe, Mrs. Micawber und Ihre Familie befinden sich wohl«, sagte meine Tante.

Mr. Micawber nickte zustimmend. »Sie befinden sich so wohl, Madame,« bemerkte er voller Verzweiflung nach einer Pause, »wie sich Verbannte und Ausgestoßene nur befinden können.«

»Gott steh Ihnen bei, Sir!« rief meine Tante in ihrer kurzen Art aus. »Was meinen Sie damit?«

»Der Lebensunterhalt meiner Familie, Madame,« entgegnete Mr. Micawber, »zittert in der Wage. Mein Prinzipal« –

Hier unterbrach sich Mr. Micawber plötzlich und fing an, die Zitrone zu schälen, die ich nebst allen andern Erfordernissen zum Punsch ihm hatte vorsetzen lassen.

»Ihr Prinzipal –« sagte Mr. Dick und stieß ihn zur Erinnerung mit dem Arm.

»Bester Herr«, entgegnete Mr. Micawber. »Sie erinnern mich an etwas. Ich bin Ihnen sehr verbunden.« Sie schüttelten sich wieder die Hände. »Mein Prinzipal, Madame – Mr. Heep – war einmal so freundlich, mir zu bemerken, daß ich wahrscheinlich ein Taschenspieler sein würde, der im Lande herumwanderte und Degenklingen verschluckte, oder das verzehrende Element hinunterschlänge, wenn ich nicht das mir von ihm für meine Dienste zugewiesene Honorar von ihm empfinge. Wenn die dunkle Zukunft mir keine bessere Aussicht zeigt, so ist es immer noch wahrscheinlich, daß meine Kinder ihr Brot dereinst durch Verrenkung ihrer Glieder suchen müssen, während Mrs. Micawber ihre halsbrecherischen Kunststücke mit der Drehorgel unterstützt.«

Mit einer ausdrucksvollen Bewegung des Messers deutete Mr. Micawber an, daß ein derartiger Fall seine Familie nach seinem Tode treffen könnte, und machte sich dann wieder mit verzweiflungsvoller Miene an das Schälen der Zitrone.

Meine Tante stützte sich mit dem Ellbogen auf das runde Tischchen, das gewöhnlich neben ihr stand, und beobachtete ihn aufmerksam. Trotz der Abneigung, die mir der Gedanke einflößte, ihn zu einer Enthüllung zu verlocken, die er nicht freiwillig machen wollte, hätte ich ihn hier weiter zu führen versucht, wenn er sich nicht gar so wunderlich benommen hätte. So warf er z. B. die Zitronenschale in den Kessel, Zucker in den Lichtputzteller, goß den Rum in den leeren Krug und wollte im vollen Vertrauen warmes Wasser aus einem Leuchter gießen. Ich merkte, daß die Krisis nahe war, und sie kam. Er schob auf einmal alle Punschrequisiten zusammen, stand vom Stuhl auf, zog das Taschentuch heraus und fing an zu weinen.

»Mr. Copperfield,« sagte Mr. Micawber hinter dem Taschentuch hervor, »es ist das ein Geschäft, das vor allen andern große Seelenruhe und Selbstachtung verlangt. Ich kann es nicht verrichten. Es ist außer aller Frage.«

»Mr. Micawber,« sagte ich, »was gibt es? Bitte sprechen Sie. Sie sind unter Freunden.«

»Unter Freunden, Sir!« wiederholte Mr. Micawber, und alles, was er so lange in sich zurückgehalten, brach jetzt los. »Gütiger Himmel, eben weil ich unter Freunden bin, befinde ich mich in diesem Gemütszustande. Was es gibt, meine Herren – fragen Sie lieber: Was gibt es nicht? Schurkerei gibt es, Schlechtigkeit gibt es, Heuchelei, Betrug, niederträchtige Verschwörung gibt es; und der Name der ganzen Schlechtigkeit ist – Heep!«

Meine Tante schlug die Hände zusammen, und wir sprangen alle überrascht auf.

»Der Kampf ist vorbei«, sagte Micawber, der heftig mit dem Taschentuch gestikulierte und von Zeit zu Zeit die beiden Arme lang ausstreckte, als ob er durch übermenschliche Schwierigkeiten schwämme. »Ich mag dieses Leben nicht länger führen, ich bin ein elender Mensch, abgeschieden von allem, was dieses Leben erträglich macht. Ich stand unter einem Banne in dem Dienste dieses teuflischen Schurken. Gebt mir meine Frau zurück, gebt mir meine Familie zurück, gebt mich mir selbst zurück an die Stelle des elenden Kerls, der gegenwärtig in den an meinen Füßen befindlichen Stiefeln herumgeht, und fordern Sie mich auf, morgen eine Degenklinge zu verschlucken, und ich will es tun. Mit Genuß!«

Eine solche Aufregung war mir nie vorgekommen. Ich versuchte ihn zu beruhigen, damit wir ein verständiges Wort miteinander reden könnten, aber er wurde immer aufgeregter und wollte kein Wort hören.

»Ich gebe keinem Menschen meine Hand«, sagte Mr. Micawber schnappend und pustend und schluchzend, als ob er im kalten Wasser sich herumwälzte, »bis ich – in Granatstückchen – zersprengt habe – die – ha! abscheuliche – Schlange – Heep! Ich will niemandes Gastfreundschaft annehmen, bis ich – den Vesuv – bewegt habe – seine Feuer – zu schütten – auf – ah! den verdammten Schurken – Heep! Erfrischung anzunehmen – in diesem Hause – vornehmlich Punsch – würde mich ersticken – wenn ich nicht vorher – diesem unbegrenzten Heuchler und Lügner, diesem Heep – gewürgt und die Augen aus dem Kopf gedrückt hätte! Ich will niemand kennen – und – kein Wort sagen – und nirgendwo – mein Haupt hinlegen, – bis ich in unsichtbare Atome – zerrieben habe – den nicht zu übertreffenden und unsterblichen Heuchler und meineidigen Schuft – diesen Heep!«

Ich fürchtete in allem Ernst, Mr. Micawber möchte auf der Stelle tot niederfallen. Die Art, mit der er sich durch diese unartikulierten Sätze hindurcharbeitete, und sowie er in die Nähe des Namens Heep kam, eine letzte Anstrengung machte und ihn mit wahrhaft wunderbarer Heftigkeit herausstieß, war erschrecklich! Aber jetzt, wo er schweißtriefend in einen Stuhl sank und uns ansah, während auf seinem Gesicht jede mögliche Farbe, die nicht hingehörte, stand und er schnappte und keuchte und gurgelte und die Augen rollte, da sah es wirklich aus, als ob er in den letzten Zügen liege. Ich wollte ihm beispringen, aber er winkte mir ab und wollte von nichts hören.

»Nein, Copperfield! – keine Mitteilung – ah – Miß Wickfield – ah – Genugtuung – für den Schaden – den ihr dieser vollendete Schuft – Heep – angetan hat – (ich glaubte wahrhaftig, er hätte nicht drei Worte herausbringen können, wenn ihm dieser Name nicht allemal eine erstaunenswürdige Energie eingeflößt hätte) unverletzliches Geheimnis – ah – vor der ganzen Welt – ah – keine Ausnahme – heute über acht Tage – ah, – zur Frühstücksstunde – ah – vor ihnen allen – auch die Tante – ah – und den außerordentlich freundlichen Herrn – im Gasthof in Canterbury – ah – wo – Mrs. Micawber und ich – die alten schönen Zeiten im Chor – und – dort werde ich Ihnen enthüllen den unausstehlichen Schuft – Heep! Nichts mehr zu sagen – ah – oder auf Vorstellungen zu hören – gehe gleich fort – unfähig – ah – Gesellschaft zu ertragen – wenn ich auf der Spur dieses seinem Verhängnis verfallenen Verräters bin – dieses Heep

Mit dieser letzten Wiederholung des Zauberwortes, das die Maschine im Gang erhalten hatte, und wobei er alle seine frühern Anstrengungen übertraf, stürzte Mr. Micawber aus dem Hause und ließ uns in einem Zustande von Aufregung, Hoffnung und Verwunderung zurück, die uns in eine Lage versetzte, die nicht viel besser als seine eigene war. Aber selbst jetzt ließ ihn seine Leidenschaft für Briefschreiben nicht ruhen; denn während wir noch im höchsten Grade von Aufregung, Hoffnung und Verwunderung erfüllt waren, kam folgender idyllischer Brief aus einem nahen Wirtshause, wo er sich hingesetzt hatte, um ihn zu schreiben.

»Höchst geheim und vertraulich.

Verehrter Herr!

Ich nehme mir die Freiheit, Sie zu bitten, für mich Ihre vortreffliche Tante wegen meiner Aufregung von vorhin um Verzeihung zu bitten. Der Ausbruch eines lange unterdrückten glimmenden Vulkans war die Folge eines innern Kampfes, der sich leichter denken als beschreiben läßt.

Ich hoffe, ich habe die Bitte um eine Zusammenkunft auf heute über acht Tage morgens in dem Gasthause in Canterbury, wo Mrs. Micawber und ich voreinst die Ehre hatten, in dem wohlbekannten Rundgesang des unsterblichen Akziseinnehmers auf der nördlichen Seite des Tweed unsere Stimmen mit der Ihrigen zu vereinigen, leidlich verständlich gemacht.

Wenn meine Pflicht getan und die Sühnetat vollendet ist, die mich allein instand setzen kann, meinen Mitmenschen ins Antlitz zu schauen, wird man mich nicht mehr sehen. Ich werde nur verlangen, an jenem Ort, wo wir alle eine Stelle finden, zur Ruhe gebracht zu werden, an jenem Orte, wo

in engen Zellen in dem ew'gen Schlummer
des Dorfes Ahnen Reih' an Reihe ruhn –«

Mit der schlichten Inschrift:

Wilkins Micawber

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