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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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Fünfundvierzigstes Kapitel.

Mr. Dick erfüllt die Prophezeiungen meiner Tante.

Ich hatte die Arbeit bei dem Doktor schon seit einiger Zeit aufgegeben. Da ich in seiner Nähe wohnte, sah ich ihn häufig; und wir alle besuchten ihn zwei- oder dreimal zum Mittagessen oder zum Tee. Dr. Strongs Schwiegermutter, Mrs. Markleham, genannt der »alte Soldat«, hatte bei dem Doktor ihren ständigen Wohnsitz genommen. Sie war noch ganz die Alte, und die alten unsterblichen Schmetterlinge schwebten noch über ihrem Hute.

Wie manche andere Mutter, die ich im Laufe meines Lebens kennen gelernt habe, war Mrs. Markleham viel vergnügungssüchtiger als ihre Tochter. Sie konnte eine große Portion von Zerstreuung vertragen und gab vor, wie ein schlauer alter Feldherr, sich ihrem Kinde zu opfern, wenn sie nur ihren eigenen Neigungen frönte. Des Doktors Wunsch, Ännie zu zerstreuen, war deshalb dieser vortrefflichen Mutter besonders angenehm.

Ich habe in der Tat keinen Zweifel, daß sie des Doktors Wunde berührte, ohne es zu wissen. Aus keiner andern Ursache als aus einer stark entwickelten Leichtfertigkeit und Selbstsucht, denen das sehr reife Alter nicht immer fern steht, glaube ich, bestärkte sie ihn in der Furcht, daß er seiner jungen Frau einen Zwang auferlege und daß zwischen ihnen keine Gleichheit der Gefühle bestehe, indem sie so sehr seine Absicht rühmte, die Bürde ihres Lebens zu erleichtern.

»Lieber Doktor,« sagte sie zu ihm einmal in meiner Anwesenheit, »Sie wissen ja, es wäre etwas langweilig für Ännie, wenn sie immer hier eingesperrt wäre.«

Der Doktor nickte wohlwollend mit dem Kopfe.

»Wenn sie so alt ist wie ihre Mutter,« sagte Mrs. Markleham und schwang ihren Fächer, »so ist es etwas anderes. Mich können Sie ins Gefängnis sperren mit angenehmer Gesellschaft und einem Rubber Whist, und ich würde mich ums Herauskommen nicht kümmern. Aber ich bin nicht Ännie, sehen Sie; und Ännie ist nicht ihre Mutter.«

»Ganz gewiß, ganz gewiß«, sagte der Doktor,

»Sie sind der beste Mensch von der Welt – nein, ich bitte um Verzeihung!« denn der Doktor machte eine abwehrende Bewegung, »ich muß es Ihnen ins Gesicht sagen, wie ich es immer hinter Ihrem Rücken sage, daß Sie der beste Mensch von der Welt sind; aber natürlich können Sie nicht auf die Geschmacksrichtungen und Anschauungen Ännies eingehen.«

»Nein«, meinte der Doktor mit bekümmertem Tone.

»Natürlich nicht«, entgegnete der alte Soldat. »Nehmen Sie z. B. Ihr Lexikon. Wie nützlich ist so ein Lexikon! Wie notwendig! Die Bedeutung der Worte! Ohne Doktor Johnson oder einen andern der Art würden wir vielleicht heute noch ein Plätteisen eine Bettstelle nennen. Aber wir können nicht erwarten, daß ein Lexikon – vorzüglich wenn es noch nicht fertig ist – Ännie interessieren kann, nicht wahr?«

Der Doktor schüttelte den Kopf.

»Und deshalb billige ich so sehr Ihre Rücksichtnahme«, sagte Mrs. Markleham und schlug ihm mit dem zugemachten Fächer auf die Schulter. »Es zeigt, daß Sie nicht wie so viele ältliche Leute alte Köpfe auf jungen Schultern zu sehen hoffen. Sie haben Ännies Charakter studiert und verstehen ihn. Das finde ich so schön.«

Selbst das ruhige und geduldige Gesicht Doktor Strongs zeigte sich, wie mir vorkam, unangenehm berührt von solchen Komplimenten.

»Deshalb, lieber Doktor,« sagte der »alte Soldat« und schlug ihn noch mehrmals liebreich mit dem Fächer, »können Sie über mich zu allen Zeiten und bei allen Gelegenheiten verfügen. Bedenken Sie also wohl, ich stehe Ihnen vollständig zu Diensten. Ich bin bereit, mit Ännie in die Oper, ins Konzert, in Ausstellungen, allerwärts hinzugehen; und Sie sollen nie sehen, daß ich müde bin. Die Pflicht, lieber Doktor, geht allem in der Welt vor!«

Sie hielt Wort. Sie gehörte zu den Leuten, die sehr viel Vergnügungen vertragen können, und ihre Ausdauer in dieser Sache hatte kein Ende. Sie bekam selten eine Zeitung in die Hand – die sie stets jeden Tag zwei Stunden lang mit einem Augenglas in dem weichsten Stuhle im ganzen Hause las – ohne etwas zu finden, was Ännie gewiß gern sehen würde.

Vergebens wendete Ännie ein, daß sie solche Sachen satt habe. Ihre Mutter kam immer wieder mit der Vorstellung: »Aber, liebe Ännie, ich weiß, daß es nicht so ist; und ich muß dir sagen, meine Liebe, daß du gar nicht die gehörige Dankbarkeit für die Güte Doktor Strongs an den Tag legst.«

Das sagte sie gewöhnlich in der Anwesenheit des Doktors, und damit schien sie Ännie am ehesten zu bewegen, von ihren Einwendungen abzustehen.

Nur selten begleitete sie jetzt Mr. Maldon. Manchmal wurde meine Tante und Dora dazu eingeladen, und sie nahmen die Einladung an. Manchmal Dora allein. In früherer Zeit wäre mir das nicht ganz recht gewesen; aber näheres Nachdenken über das, was an jenem Abende in des Doktors Studierzimmer vorgegangen war, hatte meinem Mißtrauen eine andere Richtung gegeben. Ich glaubte, daß der Doktor recht habe, und hatte keinen schlimmern Argwohn.

Meine Tante rieb sich manchmal die Nase, wenn wir allein waren, und sagte, sie könne nicht klug daraus werden. Sie wünschte, sie wären glücklicher; sie glaubte nicht, daß unser militärischer Freund – so nannte sie immer den alten Soldaten – die Sache irgendwie besser mache. Ferner behauptete die Tante, wenn besagte Dame nur die Schmetterlinge abschneiden und den Pfingstochsen damit aufputzen wollte, so würde man doch sehen, daß sie allmählich zur Vernunft käme.

Aber ihr Vertrauen war und blieb auf Mr. Dick gesetzt. Dieser Mann, sagte sie, habe offenbar eine Idee im Kopfe, und wenn er sie nur erst in einer Ecke festfahren könne, was die Hauptschwierigkeit bei ihm sei, so werde er sich in ganz außerordentlicher Weise auszeichnen.

Ohne etwas von dieser Prophezeiung zu wissen, blieb Mr. Dick genau in dem alten Verhältnis zu dem Doktor und zu Mrs. Strong.

Aber eines Abends, als ich einige Monate verheiratet war, steckte Mr. Dick den Kopf zur Tür des Zimmers herein, wo ich allein schrieb – Dora war mit meiner Tante ausgegangen – und sagte mit einem bedeutsamen Husten:

»Könnte ich nicht mit Ihnen sprechen, ohne Sie zu stören, Trotwood?«

»Gewiß, Mr. Dick,« erwiderte ich; »nur herein.«

»Trotwood«, sagte Mr. Dick und legte den Finger an einen Flügel seiner Nase, nachdem er mir die Hand geschüttelt. »Ehe ich mich setze, wünsche ich eine Bemerkung zu machen. Sie kennen Ihre Tante.«

»Ein wenig«, entgegnete ich.

»Sie ist die wunderbarste Frau auf der Welt, Sir!«

Nach dieser Mitteilung, die er herausschoß, als ob er damit geladen wäre, setzte sich Mr. Dick mit größerm Ernst als gewöhnlich hin und sah mich an.

»Jetzt, mein Sohn,« sagte Mr. Dick, »will ich Ihnen eine Frage vorlegen.«

»Soviel wie Sie wollen«, erwiderte ich.

»Für was halten Sie mich, Sir?« fragte Mr. Dick und schlug die Arme übereinander.

»Für einen lieben alten Freund«, sagte ich,

»Danke Ihnen, Trotwood«, gab Mr. Dick lachend zur Antwort und reichte mir ganz lustig die Hand hin. »Aber ich meine,« sagte er wieder mit seinem vorigen Ernst, »was halten Sie von mir in dieser Hinsicht«, dabei legte er die Finger an die Stirn.

Ich war verlegen, was ich antworten sollte, aber er half mir mit einem Wort.

»Schwach?« fragte Mr. Dick.

»Nun ja«, entgegnete ich zögernd. »Ein klein wenig.«

»Ganz richtig!« rief Mr. Dick, den meine Antwort ordentlich zu entzücken schien. »Nämlich, Trotwood, als sie einige von den Sorgen aus, Sie wissen schon, wessen Kopf nahmen und sie hintaten, Sie wissen schon, wohin, da entstand eine –« Mr. Dick drehte beide Hände viele Male sehr rasch umeinander, klappte sie dann zusammen und ließ sie wieder übereinander rollen, um Verwirrung auszudrücken. »Da geschah mir das auf irgend eine Weise, nicht wahr?«

Ich nickte ihm zu und er nickte mir wieder zu.

»Kurz, mein Sohn,« sagte Mr. Dick und ließ seine Stimme zu einem Geflüster herabsinken, »ich bin einfältig.«

Ich wollte dagegen einige Einwendungen machen, aber er hinderte mich daran.

»Ja, das bin ich! Sie behauptet, ich wär's nicht. Sie will nichts davon hören; aber ich bin's. Ich weiß, daß ich's bin. Wenn mir ihre Freundschaft nicht beigestanden hätte, Sir, so hätten sie mich eingesperrt und ich hätte diese langen Jahre ein schreckliches Leben führen müssen. Aber ich will für sie sorgen. Ich greife nie das Geld für das Abschreiben an. Ich tue es in eine Sparbüchse. Ich habe ein Testament gemacht. Ich will ihr alles vermachen. Sie soll reich werden – adelig!«

Mr. Dick zog sein Taschentuch heraus und wischte sich die Augen. Dann legte er es mit großer Sorgfalt zusammen, drückte es zwischen beiden Händen glatt, steckte es in die Tasche und schien damit meine Tante wegzustecken.

»Sie sind ein studierter Mann, Trotwood«, sagte Mr. Dick. »Sie sind ein hochstudierter Mann. Sie wissen was für ein gelehrter und großer Mann der Doktor ist. Sie wissen, wieviel Ehre er mir immer erwiesen hat. Nicht stolz auf seine Gelehrsamkeit. Bescheiden, bescheiden – herablassend selbst gegen den armen Dick, der einfältig ist und nichts weiß. Und seine schöne Frau ist ein Stern. Ein glänzender Stern. Ich habe sie glänzen sehen, Sir. Aber –« er rückte mit dem Stuhle näher und legte die eine Hand auf mein Knie – »Wolken, Sir – Wolken.«

Ich beantwortete die Teilnahme, die sich auf seinem Gesicht aussprach, damit, daß ich dieselbe Miene annahm und mit dem Kopfe schüttelte.

»Was sind das für Wolken?« fragte Mr. Dick.

Er sah mir besorgt fragend ins Gesicht und legte so viel Angelegentlichkeit an den Tag, mich zu verstehen, daß ich mir die größte Mühe gab, ihm langsam und deutlich zu antworten, wie man etwa mit einem Kinde spricht.

»Es ist ein unglücklicher Zwiespalt zwischen ihnen«, entgegnete ich. »Ein Etwas, was sie fern voneinander hält. Ein Geheimnis. Es ist vielleicht unzertrennlich von der Verschiedenheit ihres Alters. Es ist vielleicht aus einem Nichts entstanden.«

Mr. Dick, der bei jedem Satze gedankenvoll nickte, schwieg, als ich fertig war, und dachte nach, die Augen auf mein Gesicht geheftet und die Hände auf mein Knie gelegt.

»Doktor ist ihr nicht bös, Trotwood?« fragte er nach einiger Zeit.

»Nein. Er liebt sie aufs innigste.«

»Dann habe ich es, mein Sohn!« sagte Mr. Dick.

Die plötzliche Freude, mit der er mich auf das Knie schlug und sich in den Stuhl zurücklehnte, während er seine Augenbrauen so hoch emporzog, wie nur irgend möglich war, ließen mich glauben, daß er verrückter sei als je. Ebenso schnell wurde er wieder ernst und beugte sich wieder vor und sagte, nachdem er erst ehrerbietigst das Taschentuch hervorgeholt hatte, als ob es wirklich meine Tante vorstellte:

»Die wunderbarste Frau von der Welt, Trotwood. Warum hat sie nichts getan, um die Sache in Ordnung zu bringen?«

»Es ist ein zu zarter und schwieriger Gegenstand, um sich hineinzumischen«, entgegnete ich.

»Hochstudierter Mann!« sagte Mr. Dick und berührte mich mit dem Finger. »Warum hat er nichts getan?«

»Aus demselben Grunde«, gab ich zur Antwort.

»Dann hab' ich's«, sagte Mr. Dick. Und er stellte sich vor mich hin, noch erfreuter als vorhin, nickte mit dem Kopfe und schlug sich wiederholt auf die Brust, bis man hätte glauben können, er habe allen Atem weggenickt und herausgeschlagen.

»Ein halbverrückter, armer Schlucker, Sir,« sagte Mr. Dick, »ein einfältiger Mensch, einer, der den Verstand verloren hat – Sie sehen mich ja! –« und er schlug sich wieder, »kann tun, was wunderbare Leute nicht tun können. Ich will sie zusammenbringen, mein Sohn. Ich will's versuchen. Mich werden sie nicht tadeln. Gegen mich werden sie nichts einwenden. Sie werden nichts auf das geben, was ich tue, wenn es nicht recht ist. Ich bin nur Mr. Dick. Und wer kümmert sich um Dick? Dick ist niemand! Hui!« Er spitzte den Mund mit verächtlicher Miene, als ob er sich selbst wegblasen wollte.

Es war gut, daß er mit seiner Enthüllung so weit gekommen war, denn der Wagen, der meine Tante und Dora nach Hause brachte, hielt am Gartenpförtchen.

»Kein Wort,« fuhr er flüsternd fort; »überlassen Sie alles Dick – dem einfältigen Dick – dem verrückten Dick. Ich habe seit einiger Zeit geglaubt, daß ich's finden würde, und jetzt habe ich's gefunden. Nach dem, was Sie mir gesagt haben, bin ich gewiß, daß ich's gefunden habe. Alles in Ordnung!«

Mr. Dick sprach kein Wort über diese Sache, war aber während der nächsten halben Stunde ein lebendiger Telegraph – zur großen Beunruhigung meiner Tante – um mir das unbedingteste Geheimhalten einzuprägen.

Zu meiner Verwunderung hörte ich die nächsten zwei bis drei Wochen nichts wieder davon, obgleich mich das Ergebnis seiner Bemühungen höchlichst interessierte. Denn ich entdeckte einen seltsamen Lichtblick gesunder Einsicht – ich spreche nicht von gesundem Gefühl, denn das hatte er immer – in dem, was er gesagt hatte. Endlich fing ich an zu glauben, daß er in seiner Verwirrung und bei seinem wetterwendischen Geiste entweder seine Absicht aufgegeben oder vergessen hätte.

An einem schönen Abende, als Dora keine Lust hatte spazieren zu gehen, machten meine Tante und ich einen Besuch bei dem Doktor. Es war Herbst, und keine Parlamentsdebatten verdarben die schönen Abende, und das welke Laub roch ebenso wie die Blätter, über die wir in unserm Garten in Blunderstone gegangen waren, und der seufzende Wind schien mich mit dem alten unbefriedigten Gefühl anzuwehen.

Es war schon schummerig, als wir das Häuschen erreichten. Mrs. Strong kam gerade aus dem Garten, wo Mr. Dick noch mit dem Messer beschäftigt war und dem Gärtner half, einige Stäbe zuzuspitzen. Der Doktor war mit jemand in seinem Studierzimmer beschäftigt; aber der Besuch würde gleich gehen, sagte Mrs. Strong, und sie bat uns zu bleiben. Wir traten mit ihr in das Besuchszimmer und setzten uns ans Fenster. Bei Besuchen so alter Freunde und Nachbarn, wie wir waren, gab es keine Umstände.

Wir hatten nur wenige Minuten dagesessen, als Mrs. Markleham, die es für gewöhnlich so anzustellen wußte, daß sie wegen irgend etwas in Aufregung war, mit der Zeitung in der Hand hastig hereintrat und ganz außer Atem sagte: »Gütiger Himmel, Ännie, warum sagst du mir nicht, daß jemand im Studierzimmer sei?«

»Liebe Mutter,« erwiderte sie ruhig, »wie konnte ich erraten, daß du es zu wissen wünschtest?«

»Zu wissen wünschtest«, sagte Mr. Markleham und sank auf das Sofa. »Ich bin in meinem ganzen Leben nie so erschrocken.«

»Du bist also in der Studierstube gewesen, Mutter?« fragte Ännie.

»In der Studierstube gewesen!« erwiderte sie mit Nachdruck, »In der Tat! Ich überraschte den vortrefflichen Mann – denken Sie sich meine Empfindungen, Miß Trotwood und David – bei dem Aufsetzen seines Testaments.«

Ihre Tochter sah sich rasch vom Fenster um.

»Bei dem Aufsetzen seines letzten Willens und Testaments, liebe Ännie«, wiederholte Mrs. Markleham, indem sie die Zeitung auf ihrem Schoß wie eine Serviette ausbreitete und mit ihren Händen darauf klopfte. »Die Voraussicht und Liebe des Trefflichen! Ich muß Ihnen erzählen, wie es war. Ich muß Ihnen wahrhaftig erzählen, wie es war, um dem herrlichen Mann – denn das ist er – gerecht zu sein. Vielleicht wissen Sie, Miß Trotwood, daß in diesem Hause niemals ein Licht angebrannt wird, als bis einem die Augen buchstäblich aus dem Kopfe fallen von der Anstrengung des Zeitungslesens im Zwielicht, und daß kein Stuhl im Hause ist, in dem eine Zeitung bequem gelesen werden kann, was ich bequem lesen nenne, außer einem im Studierzimmer. Das führte mich ins Studierzimmer, wo ich Licht sah. Ich machte die Tür auf. Bei dem lieben Doktor sah ich zwei Herren, die offenbar Advokaten waren, sie standen alle drei am Tisch – der gute Doktor mit der Feder in der Hand. ›Damit drücke ich also einfach aus‹, sagte der Doktor – liebe Ännie, merke auf die Worte – ›damit drücke ich also einfach aus, meine Herren, welch großes Vertrauen ich in Mrs. Strong setze, und ich vermache ihr hiermit alles ohne Bedingung.‹ Einer der andern Herren erwiderte: ›und vermachen ihr alles ohne Bedingung.‹

Darauf sagte ich mit den natürlichen Gefühlen einer Mutter: ›Guter Gott, ich bitte um Verzeihung!‹ stolperte über die Türschwelle und kam hierher durch den kleinen Gang bei der Speisekammer.«

Mrs. Strong machte die Glastür auf und ging in die Veranda hinaus, wo sie sich an eine Säule lehnte.

»Nun sagen Sie mir aber, Miß Trotwood und David, ist es nicht herzerquickend«, fuhr Mrs. Markleham fort, während ihre Augen mechanisch ihrer Tochter folgten, »bei einem Mann von Doktor Strongs Alter soviel Seelengröße zu finden, um so handeln zu können? Es beweist nur, wie recht ich hatte. Ich sagte zu Ännie, als mir Doktor Strong einen sehr schmeichelhaften Besuch abstattete und sie zum Gegenstande einer Erklärung und eines Antrags machte, da sagte ich: ›Mein Kind, nach meiner Meinung besteht hinsichtlich einer angemessenen Versorgung für dich kein Zweifel, daß Doktor Strong mehr tun wird, als er verspricht!‹«

Da klingelte es, und wir hörten die Fußtritte der Fremden, als sie fortgingen.

»Jetzt ist jedenfalls alles vorüber,« sagte der »alte Soldat«, nachdem er ein wenig gehorcht hatte; »der gute Mann hat unterzeichnet, besiegelt und ausgehändigt, und sein Gemüt ist jetzt beruhigt. Dazu ist auch alle Ursache da. Welch ein Gemüt! Liebe Ännie, ich gehe mit der Zeitung in das Studierzimmer, denn ohne Neuigkeiten bin ich ein bedauernswertes Geschöpf. Miß Trotwood und David, bitte kommen Sie zum Doktor.«

Ich sah, daß Mr. Dick in dem dunkeln Teile des Zimmers stand und sein Messer zumachte, als wir ihr nach dem Studierzimmer folgten, auch daß meine Tante unterwegs ihre Nase heftig rieb, um ihrem Ärger über unsern militärischen Freund Luft zu machen, aber wer zuerst in das Studierzimmer trat, oder wie Mrs. Markleham in einem Nu es sich in dem Lehnstuhl bequem gemacht hatte, oder wie es kam, daß meine Tante und ich beide an der Tür stehen blieben, – vielleicht waren ihre Augen rascher, als die meinigen, und sie hielt mich zurück – das habe ich vergessen, wenn ich es überhaupt jemals gewußt habe. Aber das weiß ich, daß wir den Doktor, ehe er uns sah, an seinem Tisch, unter den Folianten sitzen sahen, die ihm so viel Freude machten, und daß er den Kopf auf die Hand gestützt hatte. Und daß wir in demselben Augenblick Mrs. Strong bleich und zitternd hereintreten sahen. Daß Mr. Dick sie mit seinem Arm stützte. Daß er mit der andern Hand den Arm des Doktors berührte, so daß dieser mit zerstreuter Miene aufblickte. Daß in demselben Augenblick seine Gattin vor ihm auf ein Knie niedersank, und mit flehend emporgehobenen Händen auf sein Gesicht den denkwürdigen Blick heftete, den ich nie vergessen habe. Daß bei diesem Anblick Mrs. Markleham die Zeitung fallen ließ, und mit ihren weit offenen Augen mehr aussah wie die Galionfigur eines Schiffes »das Erstaunen«, als wie etwas andres, das ich mir denken kann.

Das milde Wesen und die Überraschung des Doktors, die Würde, die doch zugleich in der flehenden Stellung seiner Frau lag, die liebenswürdige Teilnahme von Mr. Dick und der Ernst, mit dem meine Tante zu sich selbst sagte: »Der Mann soll verrückt sein!« – triumphierend in dem Bewußtsein, von welchem Elend sie ihn errettet hatte – das alles sehe und höre ich mehr, als ich mich dessen erinnere, während ich davon schreibe.

»Doktor!« sagte Mr. Dick, »Was ist nicht in Ordnung? Sehen Sie her.«

»Ännie!« rief der Doktor, »nicht vor mir auf den Knien, Geliebteste.«

»Ja!« sagte sie, »ich bitte und flehe, daß niemand hier das Zimmer verläßt! Ach, mein Gatte und Vater, brich dieses lange Schweigen. Laß uns beide aussprechen, was zwischen uns getreten ist.«

Mrs. Markleham, die jetzt ihre Redefähigkeit wieder erlangt hatte und von Familienstolz und mütterlicher Entrüstung zu schwellen schien, rief jetzt aus: »Ännie, steh sogleich auf und entwürdige nicht alle deine Angehörigen damit, daß du dich demütigst, wenn du nicht willst, daß ich sogleich den Verstand verlieren soll.«

»Mama!« entgegnete Ännie, »verschwende keine Worte an mich, denn ich habe hier mit meinem Gatten zu tun, und selbst du hast hier keine Rücksichten zu fordern.«

»Keine Rücksichten!« rief Mrs. Markleham aus. »Keine Rücksichten! Das Kind ist verrückt geworden. Ich bitte um ein Glas Wasser!«

Meine Aufmerksamkeit war zu sehr von dem Doktor und seiner Gattin in Anspruch genommen, als daß ich ihrem Wunsche hätte Beachtung schenken können. Auf die andern machte es ebenfalls keinen Eindruck, und so blieb Mrs. Markleham nichts übrig, als zu pusten, große Augen zu machen und sich mit dem Fächer zu kühlen.

»Ännie!« sagte der Doktor und ergriff zärtlich ihre Hände, »liebe Ännie! wenn eine unvermeidliche Veränderung im Verlauf der Zeit in unserm Eheleben eingetreten ist, so bist du nicht schuld daran. Es ist mein Fehler, und nur meiner! In meiner Liebe und meiner Bewunderung und in meiner Achtung hat sich nichts geändert. Ich wünsche dich glücklich zu machen. Ich liebe und ehre dich von ganzem Herzen. Steh auf, Ännie, ich bitte dich.«

Aber sie stand nicht auf. Nachdem sie ihn kurze Zeit angeblickt hatte, legte sie ihren Arm auf seine Knie, ließ ihren Kopf darauf sinken und sagte:

»Wenn ich einen Freund hier habe, der in dieser Sache ein Wort für mich oder für meinen Gatten sprechen kann, wenn ich einen Freund hier habe, der irgendwelchem Verdachte, den mir mein Herz zugeflüstert hat, Worte geben kann, wenn ich einen Freund hier habe, der meinen Gatten ehrt oder jemals etwas auf mich gegeben hat, und der etwas weiß, was es immer sein möge, das zur Vermittelung zwischen uns helfen kann, so flehe ich diesen Freund an, zu sprechen.«

Ein tiefes Stillschweigen folgte dieser Anrede. Nach einigen Augenblicken peinlicher Zögerung brach ich dieses Schweigen.

»Mrs. Strong,« sagte ich, »mir ist etwas zu Ohren gekommen, was Doktor Strong ängstlich zu verheimlichen versucht hat, und was ich bis jetzt verschwiegen habe. Aber ich glaube, die Zeit ist da, wo es mißverstandenes Zartgefühl wäre, es länger zu verheimlichen, und wo Ihr Wunsch mich von seinem Gebot entbindet.«

Sie wendete mir einen Augenblick das Gesicht zu, und ich erkannte, daß ich recht getan hatte.

»Unser zukünftiger Friede«, sagte sie, »ist vielleicht in Ihren Händen. Ich vertraue Ihnen diesen Frieden vollkommen an, und Sie werden nichts verschweigen. Ich weiß im voraus, daß weder Sie noch jemand anders etwas sagen kann, was meines Gatten edles Herz in einem andern Lichte zeigt. Kümmern Sie sich nicht darum, ob es mich verletzen mag. Ich will vor ihm und vor Gott nachher selbst für mich sprechen.«

So ernstlich beschworen, wandte ich mich nicht erst an den Doktor um Erlaubnis, sondern erzählte einfach, ohne andere Veränderung als einige Milderung der Roheiten Uriah Heeps, was an jenem Abend in diesem Zimmer geschehen war. Die großen Augen, die Mrs. Markleham während der ganzen Erzählung machte, und die schrillen kurzen Ausrufe, mit denen sie meine Worte gelegentlich unterbrach, lassen sich nicht beschreiben.

Als ich fertig war, blieb Ännie einige Augenblicke lang stumm und kniete immer noch mit gesenktem Auge vor ihm. Dann nahm sie des Doktors Hand – er saß immer noch ganz so im Lehnstuhl, wie wir ihn bei unserm Eintritt in das Zimmer gefunden hatten – und drückte sie an die Brust und küßte sie. Mr. Dick hob sie mit sanfter Hand auf, und als sie anfing zu sprechen, stand sie neben ihm, auf ihn gestützt und auf ihren Gatten herabblickend, von dem sie ihre Augen niemals abwendete.

»Alles, was ich jemals gedacht und im Herzen gefühlt habe, seitdem wir verheiratet waren,« sagte sie mit leiser, unterwürfiger, zärtlicher Stimme, »will ich dir ohne Rückhalt offenbaren. Ich könnte nicht leben und einen geheimen Gedanken haben, seitdem ich weiß, was ich jetzt erfahren habe.«

»Nein, Ännie,« sagte der Doktor mild, »ich habe nie an dir gezweifelt, Kind. Es ist nicht nötig; es ist wahrhaftig nicht nötig, meine liebe Ännie.«

»Es ist sehr nötig,« entgegnete sie in derselben Weise, »daß ich mein ganzes Herz auftue vor dem edlen und treuen Manne, den ich Jahr für Jahr und Tag für Tag mehr und mehr geliebt und verehrt habe, der Himmel weiß es.«

»Wahrhaftig,« unterbrach sie Mrs. Markleham, »wenn ich überhaupt Vernunft habe –«

»Und die haben Sie nicht, Sie Störenfried«, bemerkte meine Tante mit einem entrüsteten Flüstern.

»– So muß ich mir erlauben zu bemerken, daß es gar nicht notwendig ist, in diese Einzelheiten einzugehen.«

»Das kann nur mein Gatte beurteilen, Mutter,« sagte Ännie, ohne ihre Augen von seinem Gesicht abzuwenden, »und er wird mich hören. Wenn ich etwas sage, das dir Schmerz macht, Mutter, so verzeihe mir. Ich habe den Schmerz zuerst, oft und lange ertragen.«

»Auf mein Wort!« fuhr Mrs. Markleham auf.

»Als ich noch sehr jung war,« sagte Ännie, »ein kleines Kind noch, waren meine ersten Anfänge jeder Erkenntnis unzertrennlich von einem geduldigen Freund und Lehrer – dem Freunde meines Vaters, der mir immer teuer war. Ich kann an nichts denken, was ich weiß, ohne an ihn zu denken. Er erfüllte meinen Geist mit seinem ersten Inhalt und prägte seinen Stempel auf alles, was er ihm gab. Und diese Geistesschätze hätten nie so wohltuend für mich sein können, wenn sie mir von einer andern Hand zugeführt worden wären.«

»Sie macht ihre Mutter zu einem Nichts!« rief Mrs. Markleham aus.

»Nein, Mutter,« sagte Ännie; »aber ich mache ihn zu dem, was er war. Ich muß das tun. Als ich emporwuchs, nahm er noch dieselbe Stelle ein. Ich war stolz auf sein Interesse. Ich hing zärtlich und dankbar an ihm. Du weißt, Mutter, wie jung und unerfahren ich war, als du ihn mir ganz unerwartet als Bräutigam vorstelltest.«

»Das habe ich jedem hier schon mindestens fünfzigmal erzählt!« sagte Mrs. Markleham.

»Dann halten Sie jetzt um des Himmels willen den Mund und erwähnen Sie es nicht weiter!« brummte meine Tante.

»Es war eine so große Veränderung; ich empfand es zuerst als einen so großen Verlust,« sagte Ännie, noch immer mit demselben Ton und Blick, »daß ich aufgeregt und bekümmert war. Ich war fast noch ein Kind, und als sich sein Verhältnis zu mir, in dem ich so lange zu ihm aufgesehen hatte, so wesentlich veränderte, tat mir das zuerst leid, glaube ich, da ich gewohnt war, zu ihm nur emporzublicken. Aber nichts hätte ihn wieder zu dem machen können, was er für mich bisher gewesen war; und ich war stolz, daß er mich dessen für wert hielt, und wir heirateten uns.«

»In St. Alphage in Canterbury«, bemerkte Mrs. Markleham.

»Zum Kuckuck mit der Frau!« sagte meine Tante, »sie kann den Mund nicht halten.«

»Ich habe nie«, fuhr Ännie fort, und ihr Antlitz färbte sich röter, »an den irdischen Vorteil gedacht, den mir meine Ehe bringen könnte. Mein junges Herz hatte in seiner Liebe keinen Platz für einen so armseligen Gedanken. Mutter, verzeih mir, wenn ich sage, daß du mir zuerst diesen Gedanken eingabst, daß jemand mich und ihn durch einen so bösen Verdacht verletzen könnte!«

»Ich!« rief Mrs. Markleham.

»Jawohl, Sie!« bemerkte meine Tante, »und Sie können das nicht wegfächeln, mein militärischer Freund!«

»Dies war der erste Schatten, der auf mein neues Leben herabsank. Es war die erste Veranlassung, daß ich mich je im Leben unglücklich fühlte. Solche Momente sind in letzter Zeit unzählige gewesen. Aber nicht aus dem Grunde, den du, mein großmütiger Gatte, vermutest. Denn in meinem Herzen ist nicht ein Gedanke, nicht eine Erinnerung oder Hoffnung, die sich nicht so fest an dich kettet, daß keine Macht sie davon losreißen kann.«

Sie blickte empor und faltete die Hände, und sah so schön und rein aus wie ein Engel. Der Doktor sah sie von jetzt ab so fest an, wie sie ihn.

»Die Mama ist nicht anzuklagen,« fuhr sie fort, »daß sie jemals für sich etwas erbeten hat, und sie ist gewiß nicht anzuklagen, irgend etwas mit Absicht getan zu haben – aber als ich sah, wieviele zudringliche Ansprüche, die keine Ansprüche waren, in meinem Namen gemacht wurden, wie du benutzt wurdest in meinem Namen, wie großmütig und aufopfernd du warst, und wie Mr. Wickfield, dem dein Interesse sehr am Herzen lag, darüber zürnte, da überkam mich das erste Gefühl, daß es dem niedrigen Verdachte, meine Liebe könnte gekauft sein – und zwar dir verkauft – ausgesetzt sei, wie eine unverdiente Schmach, an der teilzunehmen ich dich zwang. Ich kann dir nicht sagen, was es war – Mama kann sich es nicht vorstellen, was es hieß, diese Angst und Sorge immer auf der Seele zu tragen und dabei im eignen Herzen zu wissen, daß ich an meinem Hochzeitstag die Liebe und Verehrung meines Lebens krönte.«

»Solchen Dank hat man,« rief Mrs. Markleham weinend aus, »wenn man für seine Familie Sorge trägt! Ich wollte, ich wäre ein Türke.«

»Ich wollte von ganzem Herzen, Sie wären es – und zwar wirklich in der Türkei!« sagte meine Tante.

»Es war zu jener Zeit, wo sich meine Mutter so sehr um meinen Vetter Maldon kümmerte. Ich hatte viel Gefallen an ihm gefunden – als Kinder hatten wir Liebesleute gespielt. Wenn es nicht anders gekommen wäre, hätte ich mich vielleicht überreden können, daß ich ihn wirklich liebe, und hätte ihn geheiratet und wäre höchst unglücklich geworden. Es kann kein schlimmeres Mißverhältnis in einer Ehe geben, als Mangel an Gemeinsamkeit in Bestrebungen und Charakter.«

Ich dachte über diese Worte nach, selbst während ich aufmerksam zuhörte, als ob sie ein besonderes Interesse oder eine Anwendbarkeit hätten, die ich nicht erraten konnte. »Es kann kein schlimmeres Mißverhältnis in einer Ehe geben, als Mangel an Gemeinsamkeit in Bestrebungen und Charakter« – wiederholte ich immer wieder.

»Wir haben nichts gemein miteinander, ich und mein Vetter«, sagte Ännie. »Das habe ich längst gefunden. Wenn ich meinem Gatten für nichts weiter zu danken hätte, anstatt für so viel, so würde ich ihm dafür dankbar sein, daß er mich von der ersten mißverstandenen Regung meines unerfahrenen Herzens gerettet hat

Sie stand ganz reglos vor dem Doktor und sprach, mit einer Innigkeit, die mir tief in die Seele drang. Aber ihre Stimme klang immer noch so ruhig wie vorher.

»Als er darauf spekulierte, der Gegenstand deiner Wohltaten zu werden, die du ihm so großmütig spendetest, und da ich mich so unglücklich fühlte unter dem selbstsüchtigen Scheine, der mir aufgedrungen wurde, glaubte ich, es schicke sich besser für ihn, wenn er sich durch eigne Kraft durch das Leben arbeitete. Bis zum Abend seiner Abreise nach Ostindien dachte ich nichts Schlimmeres von ihm. An diesem Abende jedoch erfuhr ich, daß er ein falsches und undankbares Herz hatte. Ich erriet damals eine doppelte Bedeutung in Mr. Wickfields Auge, als es fragend auf mir ruhte. Ich gewahrte zum erstenmal, daß ein dunkler Verdacht mein Leben drohend überschattete.«

»Verdacht, Ännie!« sagte der Doktor. »Nein, nein, nein!«

»Du hegtest keinen, mein Gatte, das weiß ich! Und als ich an jenem Abend zu dir kam, um meine ganze Last von Scham und Schmerz dir zu Füßen zu legen, und wußte, daß ich dir zu sagen hatte, wie unter deinem Dach einer von meinen eigenen Verwandten, dem du mir zuliebe ein Wohltäter gewesen warest, Worte zu mir gesprochen hatte, die nie hätten gesprochen werden sollen, selbst wenn ich das schwache und feile Geschöpf gewesen wäre, für das er mich hielt – da schauderte mein Geist vor der Schmach zurück, die mir schon das bloße Erzählen verursachte. Es erstarb auf meinen Lippen, und von dieser Stunde an bis jetzt ist es nie darüber gekommen.«

Mit einem kurzen Stöhnen lehnte sich Mrs. Markleham in ihren Lehnstuhl zurück und flüchtete sich hinter ihren Fächer, als wollte sie nie wieder hervorkommen.

»Von jener Zeit an habe ich außer in deiner Anwesenheit nie ein Wort mit ihm gesprochen, und auch nur dann, wenn es notwendig war, um diese Erklärung zu vermeiden. Jahre sind vergangen, seitdem er von mir zu erfahren bekommen hat, wie seine Stellung hier ist. Die Dienste, die du insgeheim zu seiner Beförderung geleistet und mir dann erzählt hast, um mir Überraschung und Freude zu bereiten, waren nur eine Erschwerung der unglücklichen Last meines Geheimnisses, das kannst du mir glauben.«

Sie sank leise zu den Füßen des Doktors nieder, obgleich er alles tat, um das zu verhindern, und sagte, indem sie ihn mit tränenvollen Augen anblickte:

»Unterbrich mich noch nicht! Laß mich noch ein wenig mehr sagen! Ob ich recht oder unrecht getan, ich glaube, ich würde ebenso handeln, wenn ich noch einmal in dieselbe Lage käme. Du kannst es dir nicht vorstellen, was es bedeutete, dich mit all den alten Erinnerungen noch genau so zu lieben und zu wissen, daß irgend jemand so grausam sein konnte, zu glauben, daß ich die Treue meines Herzens verhandelt hätte, und von einem Scheine, der jenen Glauben bestärkte, umgeben zu sein. Ich war sehr jung und hatte keinen Berater. Zwischen der Mutter und mir war in allem, was dich betraf, eine weite Kluft. Wenn ich mich in mich selbst zurückzog und die Mißachtung verbarg, die mir widerfahren war, so geschah es nur, weil ich dich so sehr ehrte, und so sehr wünschte, daß du mich ehrtest!«

»Ännie, mein reines, teures Herz!« sagte der Doktor, »meine geliebte Frau!«

»Noch ein paar Worte! nur noch ein paar Worte! Ich dachte oft, es hätte so viele gegeben, die du hättest heiraten können, die dir nicht so viel Unruhe und Sorgen gemacht und die deine Häuslichkeit noch mehr geehrt hätten. Ich dachte mir manchmal, es wäre vielleicht besser gewesen, wenn ich deine Schülerin und gleichsam deine Tochter geblieben wäre. Ich fürchtete manchmal, ich passe nicht zu deiner Gelehrsamkeit und Weisheit. Wenn alles verursachte, daß ich mich in mich selbst zurückzog, als ich dir so viel zu sagen hatte, so geschah es nur, weil ich dich so sehr ehrte und hoffte, daß du mich auch eines Tages ehren würdest.«

»Dieser Tag ist seit langer, langer Zeit schon da, Ännie,« sagte der Doktor, »und er kann nur mit meinem Leben endigen.«

»Noch ein Wort! Später beabsichtigte ich und hatte mir fest vorgenommen, die ganze Last allein zu tragen, die mir die Erkenntnis von der Unwürdigkeit eines Menschen aufgebürdet hatte, gegen den du so gut gewesen bist. Und nun ein letztes Wort, teuerster und bester Freund! Die Ursache der Veränderung, die ich neuerlich an dir mit so viel Schmerz und Kummer bemerkte, schrieb ich manchmal meiner alten Befürchtung zu, und manchmal meinte ich, du seist der Wahrheit auf der Spur. Und heute abend ist sie nun aufgeklärt worden, und durch einen Zufall habe ich auch heute die ganze Größe des edeln Vertrauens kennen gelernt, das du selbst bei diesem Mißverständnis auf mich setztest. Ich hoffe nicht, daß mich irgend ein Maß von Liebe und Pflicht deines unschätzbaren Vertrauens würdig machen kann; aber mit dieser neuen Erfahrung und unter dem Eindrucke all dieser Geschehnisse kann ich mein Auge zu diesem geliebten Antlitz emporheben, das ich verehre als das Antlitz eines Vaters, liebe als das Antlitz eines Gatten, und das mir heilig war in meiner Kindheit als das Antlitz eines Freundes, und feierlich erklären, daß ich dich auch in meinen leisesten Gedanken niemals verletzt, daß ich niemals in der Liebe und Treue, die ich dir schulde, gewankt habe!«

Sie hielt mit ihren Armen den Doktor umschlungen, und er beugte sein Haupt über sie herab, so daß sich sein graues Haar mit ihren dunkelbraunen Flechten vermischte.

»O drücke mich an dein Herz, mein Gatte! Stoße mich niemals von dir! Denke oder sprich nicht von der Ungleichheit zwischen uns, denn es ist ja keine da außer in meinen vielen Unvollkommenheiten. Mit jedem neuen Jahre habe ich dies besser kennen gelernt, wie ich dich mehr und mehr geachtet habe. O drücke mich an dein Herz, mein Gatte, meine Liebe war auf einen Felsen gegründet, und sie dauert aus!«

Während des Schweigens, das hierauf folgte, ging meine Tante ernsthaft auf Mr. Dick zu, ohne sich im mindesten zu beeilen, umarmte ihn und gab ihm einen schallenden Kuß. Und es war für ihn ein Glück, daß sie das tat, denn ich weiß ganz bestimmt, daß er in diesem Augenblick gerade im Begriffe war, zum echten und gerechten Ausdrucke seines Entzückens, auf einem Beine zu tanzen.

»Sie sind ein sehr merkwürdiger Mensch, Dick!« sagte meine Tante, und eine unbedingte Billigung sprach sich in ihrem Gesicht aus, »und tun Sie nie, als ob Sie etwas andres wären, denn ich weiß es besser!«

Damit zupfte ihn meine Tante am Ärmel und nickte mir zu, dann schlichen wir drei aus dem Zimmer und entfernten uns.

»Das ist jedenfalls eine tüchtige Schlappe für unsern militärischen Freund«, sagte meine Tante lachend auf dem Nachhausewege. »Selbst wenn man sich über weiter nichts zu freuen braucht, würde ich deshalb besser schlafen.«

»Ich fürchte, sie war ganz zerschmettert«, meinte Mr. Dick mit großem Mitleid.

»Was! haben Sie jemals ein Krokodil gerührt gesehen?« fragte meine Tante.

»Ich glaube nicht, daß ich jemals ein Krokodil gesehen habe«, entgegnete Mr. Dick mit Milde.

»Es hätte überhaupt nie Unfrieden gegeben, wenn nicht diese alte Bestie gewesen wäre«, sagte meine Tante mit großer Bestimmtheit. »Es wäre überhaupt zu wünschen, daß manche Mütter ihre Töchter nach der Verheiratung in Frieden ließen und nicht so unbändig zärtlich wären. Sie scheinen zu meinen, daß die einzige Erwiderung dafür, daß sie das unglückliche junge Frauenzimmer in die Welt gesetzt hätten – (als ob die erst danach gefragt und überhaupt auch nur Lust dazu gehabt hätte), die unbeschränkte Freiheit wäre, sie wieder herauszuärgern.

Woran denkst du, Trot?«

Ich dachte an alles, was gesagt worden war, und einige der ausgesprochenen Worte beschäftigten mich besonders. »Es kann in einer Ehe kein größeres Mißverhältnis geben als Mangel an Gemeinsamkeit in Bestrebungen und Charakter.« »Meine Liebe war auf einen Felsen gegründet.« Aber wir waren zu Hause, und die zertretenen Blätter lagen unter unsern Füßen und der Herbstwind wehte darüber.

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