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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dreiundvierzigstes Kapitel.

Noch ein Rückblick.

Noch einmal laßt mich still halten bei einem denkwürdigen Abschnitt meines Lebens. Noch einmal laßt mich stillstehen, damit ich die Phantome jener Tage, begleitet von meinem eigenen Schatten, im schemenhaften Zuge an mir vorüberziehen sehe.

Wochen, Monate, Jahre ziehen an mir vorüber. Sie kommen mir jetzt wenig länger vor als ein Sommertag und ein Winterabend. Jetzt steht der Gemeindeanger, wo ich mit Dora spazieren gehe, in voller Blüte, ein goldiges Gefilde, jetzt liegt das unsichtbare Heidekraut in Hügeln und Büschen unter einer Decke von Schnee. In einem Nu schimmert der Fluß, der über unsern sonntäglichen Weg fließt, in der Sommersonne oder er wird durch den Wintersturm aufgewühlt und ist mit treibenden Eisschollen bedeckt. Viel rascher als je ein Fluß dem Meere zuströmte, blitzt er auf, wird wieder verdunkelt und entschwindet.

Nicht das mindeste ändert sich in dem Hause der beiden kleinen vogelähnlichen Damen. Die Uhr tickt über dem Kamin, das Wetterglas hängt in der Vorhalle. Weder Uhr noch Wetterglas gehen jemals richtig, aber wir glauben aufrichtig an beide.

Ich bin vor dem Gesetz mündig geworden. Ich habe die Würde der einundzwanzig Jahre erlangt. Aber das ist eine Würde, zu der jeder gelangen kann. Sehen wir, was ich vollbracht habe.

Ich habe das schreckliche stenographische Geheimnis bemeistert. Ich verschaffe mir damit ein anständiges Einkommen. Ich stehe bei allen Kunstgenossen in hohem Ansehen wegen meiner Fertigkeit und einschlägigen Kenntnisse und bin mit elf andern Berichterstattern Parlaments-Berichterstatter für eine Morgenzeitung. Nacht für Nacht schreibe ich Vorhersagungen nieder, die nie eintreffen, Glaubensbekenntnisse, nach denen nie gehandelt wird, Erläuterungen, die nur in die Irre führen sollen. Ich schwelge in Worten. Britannia, dieses unglückliche Frauenzimmer, liegt immer vor mir wie ein zugerichtetes Huhn: über und über gespickt statt mit Speck mit offiziösen Federn und festgebunden mit rotem Aktenzwirn, Ich sehe weit genug hinter die Kulissen, um den Wert des politischen Lebens zu kennen. Ich bin in dieser Hinsicht ein wahrer Heide und werde mich nie bekehren lassen.

Mein guter, alter Traddles hat die Sache auch versucht, aber sie paßt nicht für ihn. Er ist gar nicht mißvergnügt über den mißlungenen Versuch und gibt mir zu bedenken, daß er sich immer für einen Menschen von langsamen Begriffen gehalten hat. Gelegentlich ist er bei derselben Zeitung damit beschäftigt, die trockenen Tatsachen über langweilige Fragen zusammenzustellen, damit sie fruchtbarere Geister weiter ausführen können. Er wird Advokat und hat mit bewundernswertem Fleiß und Selbstverleugnung abermals hundert Pfund zusammengescharrt, um dem Notar die Gebühr zu bezahlen, in dessen Bureau er arbeitet; wir tranken sehr viel und sehr starken Portwein bei seinem Antritt, und wenn ich die Rechnung bedenke, so sollte ich meinen, der Inner Temple hätte dabei ein gutes Geschäft gemacht.

Ich habe es auch auf andere Weise versucht. Mit Furcht und Zittern bin ich ans Schriftstellern gegangen. Ich schrieb ganz im geheimen eine Kleinigkeit und schickte sie an ein Magazin, und sie erschien in dem Magazin. Seit der Zeit habe ich den Mut gehabt, ziemlich viele derartige Kleinigkeiten zu schreiben. Jetzt werde ich dafür regelmäßig bezahlt. Im ganzen befinde ich mich recht gut; wenn ich mein Einkommen an den Fingern meiner linken Hand abzähle, so komme ich über den dritten Finger hinaus und nehme den vierten beim mittelsten Gliede.

Wir sind aus der Buckinghamstraße weggezogen und wohnen jetzt in einem kleinen Häuschen gar nicht weit von dem, wo mich die Begeisterung zuerst ergriff. Aber meine Tante, die das Haus in Dover mit gutem Gewinn verkauft hat, bleibt nicht da, sondern gedenkt in ein noch niedlicheres Häuschen dicht dabei zu ziehen. Was hat das zu bedeuten? Meine Verheiratung? Ja!

Ja! Ich stehe im Begriff, mich mit Dora zu verheiraten! Miß Lavinia und Miß Clarissa haben ihre Einwilligung gegeben; und wenn jemals Kanarienvögel aufgeregt waren, so sind sie es. Miß Lavinia, die sich die Oberaufsicht über die Garderobe meiner Braut aus eigner Machtvollkommenheit angeeignet hat, schneidet beständig Brustharnische aus braunem Papier aus und streitet sich beständig mit einem sehr achtbaren jungen Manne mit einem langen Bündel und einer Elle unter dem Arme. Eine Näherin, deren Brust stets ein Kissen für eingefädelte Nadeln zu sein scheint, ißt und wohnt im Hause, und scheint mir weder beim Essen, noch beim Trinken, noch beim Schlafen den Fingerhut abzulegen. Sie behandeln meine Braut wie eine wahre Gliederpuppe. Sie lassen sie immer holen, damit sie etwas anprobieren soll. Wir können nicht fünf Minuten lang abends glücklich nebeneinander sitzen, ohne daß ein zudringliches Frauenzimmer an die Tür klopft und ruft: »Ach, bitte, Miß Dora, wollen Sie nicht einmal heraufkommen.«

Miß Clarissa und meine Tante durchstreifen ganz London, um für mich und Dora Möbel zum Besehen auszusuchen. Es wäre viel besser, wenn sie die Sachen gleich kauften, ohne daß wir sie erst besichtigen; denn als wir uns einmal einen Herdvorsetzer und einen Bratröhrenreflektor besahen, erblickte Dora ein chinesisches Hundehüttchen für Jip mit kleinen Glöckchen auf dem Dache und zieht dieses vor. Wir kaufen es, aber es dauert lange Zeit, ehe sich Jip an seine neue Wohnung gewöhnt; so oft er aus oder ein geht, bringt er alle kleinen Glocken in Bewegung und gerät in schreckliche Angst.

Peggotty kommt auch, um sich nützlich zu machen, und stürzt sich sofort auf die Arbeit. Ihre Aufgabe scheint zu sein, alles wieder und wieder zu reinigen. Sie reibt alles ab, was sich abreiben läßt, bis es glänzt wie ihr ehrliches Gesicht. Und jetzt sehe ich wieder ihren einsamen Bruder nachts durch die dunkeln Straßen wandeln und die vorüberstreifenden Gesichter ansehen. Ich rede ihn nie in solcher Stunde an. Ich weiß zu gut, wenn sein ernstes Gesicht vorübergeht, was er sucht und was er fürchtet.

Warum nimmt Traddles eine so wichtige Miene an, als er mich diesen Nachmittag in den Commons abholt – wo ich immer noch der Form wegen hinkomme, wenn ich Zeit habe? Die Verwirklichung der Träume meiner Jugendzeit steht nahe bevor. Ich will mir den Heiratskonsens holen.

Für seine Wichtigkeit ist es ein kleiner Zettel, und Traddles betrachtet ihn, wie er auf meinem Pult liegt, halb voll Bewunderung und halb voll Ehrfurcht. Da stehen die Namen in der schönen alten geträumten Verbindung, David Copperfield und Dora Spenlow, und in der Ecke blickt jene väterliche Institution, das Stempelamt, das an den verschiedensten Vorkommnissen des Menschenlebens so wohlwollend teil nimmt, auch auf unsern Bund herab, und der Erzbischof von Canterbury gibt uns seinen gedruckten Segen dazu und zwar für so billiges Geld, wie man es irgend erwarten kann.

Trotzdem ist mir zumute wie im Traum, in einem glücklichen, wirren, unruhigen Traum. Ich kann noch nicht glauben, daß es wirklich so sein soll, und doch kann ich auch nicht umhin, zu glauben, daß jeder Vorübergehende auf irgend eine Art gewahr werden muß, daß ich übermorgen Hochzeit halten soll. Der Beamte kennt mich, als ich schwören muß; er macht die Sache so leichthin ab, als ob zwischen uns ein freimaurerisches Einverständnis herrschte. Traddles' bedarf man eigentlich gar nicht, aber er ist zu meiner Unterstützung im allgemeinen da.

»Ich hoffe, das nächstemal, wo du wieder hier bist, lieber Freund,« sagte ich zu Traddles, »kommst du in derselben Angelegenheit wie ich. Und ich hoffe, das wird recht bald sein.«

»Ich danke dir für deine freundlichen Wünsche, lieber Copperfield«, erwiderte er. »Ich hoffe es auch. Es ist beruhigend, zu wissen, daß sie unbedingt auf mich wartet und daß sie wirklich das liebenswürdigste Mädchen ist.«

»Wann sollst du sie an der Post abholen?« fragte ich.

»Um sieben«, erwiderte Traddles und sah nach seiner alten silbernen Uhr – dieselbe Uhr, aus der er in der Schule einmal ein Rad herausnahm, um eine Wassermühle zu bauen. »Das ist fast dieselbe Zeit, wo Miß Wickfield kommt, nicht wahr?«

»Nein, Agnes kommt etwas später. Sie kommt erst halb neun.«

»Ich kann dich versichern, bester Freund«, sagte Traddles, »ich freue mich fast ebensosehr, daß die Sache zu einem so glücklichen Ende kommt, als ob ich selbst Hochzeit hätte. Und in der Tat verlangt die große Freundschaft und Rücksicht, Sophie zu dieser freudigen Gelegenheit als Brautführerin mit Miß Wickfield einzuladen, meinen wärmsten Dank. Ich empfinde es aufs tiefste.«

Sophie kommt zur gehörigen Zeit in der Wohnung von Doras Tanten an. Sie hat das angenehmste Gesicht von der Welt – nicht gerade schön, aber außerordentlich angenehm – und ist das gemütlichste, unaffektierteste, offenste, liebenswürdigste Wesen, das mir je vorgekommen ist.

Traddles stellt sie uns mit großem Stolz vor, und reibt sich genau zehn Minuten die Hände, während jedes einzelne Haar auf seinem Kopfe kerzengerade in die Höhe steht, als ich ihn wegen seiner Wahl in einer Ecke beglückwünschte.

Ich habe Agnes von der Canterburypost abgeholt, und ihr heiteres und schönes Gesicht erscheint unter uns zum zweitenmal. Agnes hat eine große Neigung für Traddles gefaßt, und es ist tröstlich anzusehen, wie sie sich begrüßen und mit welcher stolzen Freude Traddles ihr das liebenswürdigste Mädchen von der Welt vorstellt.

Aber noch immer kann ich es nicht glauben. Der Abend ist köstlich, und wir sind unendlich glücklich; aber ich kann es noch nicht glauben. Ich kann mich nicht sammeln. Ich kann mir keine Rechenschaft von meinem Glück ablegen, während ich es erlebe. Ich bin wie in einem halben Rausch, als ob ich vor acht oder vierzehn Tagen sehr zeitig aufgestanden und nicht wieder schlafen gegangen wäre. Ich kann nicht herausbringen, wann gestern war. Es ist mir, als ob ich den Konsens schon viele Monate in der Tasche herumgetragen hätte.

Und auch als wir am folgenden Tage alle zusammen nach dem Hause gehen, um es zu besehen, – nach unserm Hause – nach dem Hause, das Dora und mir gehörte – ist es mir ganz unmöglich, mich als seinen Herrn zu betrachten. Es ist mir, als ob ich dort nur mit Erlaubnis eines andern wäre.

Ich erwarte fast, der wirkliche Eigentümer würde sogleich nach Hause kommen und sagen, er freue sich, mich zu sehen. Das Häuschen ist wunderschön. Alles sieht so glänzend und neu aus; die Blumen auf den Teppichen sind wie frisch gepflückt, und die grünen Blätter auf den Tapeten wie eben hervorgesproßt; und die fleckenlosen Musselinvorhänge, und die errötenden rosenfarbigen Möbel, und Doras Gartenhut mit blauem Bande – o wie wohl ich mich erinnere, daß ich sofort in sie verliebt war, als ich sie zuerst in einem solchen erblickte! – hängt schon an seinem kleinen Haken, und der Gitarrenkasten steht ganz wie zu Hause in einer Ecke; und jedermann stolpert über Jips Pagode, die für die ganzen Wohnungsverhältnisse viel zu groß ist.

Noch ein zweiter glücklicher Abend, der mir ebenso wie der erste wie ein halber Traum vorüberrauscht, und ich trete verstohlen in das gewöhnliche Zimmer, ehe ich weggehe. Dora ist nicht da. Ich vermute, sie sind noch nicht mit Anprobieren fertig. Miß Lavinia guckt herein und sagt mir geheimnisvoll, daß sie nicht lange ausbleiben werde. Aber doch bleibt sie recht lange aus; endlich höre ich ein Rauschen vor der Tür und es klopft jemand.

Ich sage: Herein! aber das Klopfen erneuert sich. Ich gehe nach der Tür, neugierig, zu sehen, wer es sei; dort begegne ich ein paar glänzenden Augen und einem errötenden Gesicht: es ist Dora, und Miß Lavinia hat ihr zur Probe das Brautkleid angezogen, damit ich sie sehe. Ich drücke mein kleines zukünftiges Weibchen ans Herz; Miß Lavinia schreit vor Schreck, weil ich den Hut verderbe, und Dora lacht und weint zu gleicher Zeit, weil ich mich so freue, und ich glaube es weniger als je.

»Sieht es hübsch aus, Doady?« fragte Dora.

»Hübsch! Solche Frage!«

»Und bist du wirklich sicher, daß du mich recht sehr liebst?« fragte Dora.

Die Frage ist abermals so gefahrdrohend für den Hut, daß Miß Lavinia wieder aufschreit und mir zu verstehen gibt, daß Dora nur zum Ansehen, aber durchaus nicht zum Anrühren da ist. So steht denn Dora in allerliebster Verlegenheit eine Minute oder zwei da, um sich bewundern zu lassen, und dann nimmt sie ihren Hut ab – sie sieht so natürlich ohne ihn aus – und läuft fort, ihn in der Hand tragend, und kommt in ihrem gewöhnlichen Anzug wieder heruntergetanzt und fragt Jip, ob ich ein hübsches kleines Weibchen bekomme und ob er ihr verzeihen wolle, daß sie heiratet, und kniet nieder, damit er zum letztenmal in ihrem Jungfrauenleben auf dem Kochbuche schönmache.

Ich verfüge mich ungläubiger denn je nach meiner Wohnung in der Nähe und stehe nächsten Morgen sehr zeitig auf, um nach Highgate zu fahren und meine Tante abzuholen.

Noch nie habe ich meine Tante in solchem Staat gesehen. Sie hat ein lavendelfarbiges seidenes Kleid an, einen weißen Hut auf und ist zum Erstaunen. Janet hat sie angekleidet und ist noch da, um mich zu sehen. Peggotty hat sich fertig gemacht, um in die Kirche zu gehen, denn sie will die Feierlichkeit von der Galerie aus ansehen. Mr. Dick, der den Brautvater meines Herzblättchens abgeben soll, hat sich das Haar kräuseln lassen. Traddles, den ich unterwegs verabredetermaßen am Zollhaus in den Wagen genommen habe, stellt ein blendendes Bild von Weiß und Hellblau dar; und sowohl er als Mr. Dick sehen im allgemeinen aus, als ob sie ganz Handschuhe wären.

Allerdings sehe ich das, weil ich weiß, daß es so ist; aber ich bin ganz zerstreut, und es ist mir, als sehe ich nichts. Auch ist mir noch alles ganz unglaublich! Aber doch, wie wir in einem offenen Wagen durch die Straßen fahren, ist der Traum wirklich genug, um mich mit einer Art von verwundertem Mitleid über die unglücklichen Leute zu erfüllen, die nichts bei der Hochzeit zu tun haben, sondern die Läden auskehren und ihren täglichen Geschäften nachgehen.

Während der ganzen Fahrt hält die Tante meine Hand in der ihrigen. Als wir eine kurze Strecke vor der Kirche anhalten, um Peggotty abzusetzen, die auf dem Bock mitgefahren ist, drückt sie mir die Hand und gibt mir einen Kuß.

»Gott segne dich, Trot! Mein eigner Sohn könnte mir nicht lieber sein. Ich habe diesen Morgen viel an dein armes liebes Mütterchen gedacht.«

»Und ich auch. Und an alles das, was ich dir verdanke, liebe Tante.«

»Still, Kind!« sagt meine Tante, und gibt ihre Hand in überströmender Gemütlichkeit Traddles, der dann seine Mr. Dick reicht, der wieder mir die seine gibt, während ich meine Traddles reiche; und so gelangen wir an die Kirchtür.

Die Kirche ist ruhig genug, aber auf mich hat sie so wenig beschwichtigenden Eindruck, als ob sie ein Dampfwebestuhl in voller Tätigkeit wäre. Ich bin schon zu sehr aufgeregt.

Das übrige ist ein mehr oder weniger zusammenhängender Traum.

Ein Traum, in dem sie mit Dora hereinkommen, in dem die Schließerin der Kirchenstühle uns wie ein Unteroffizier vor dem Altargitter in einer Reihe aufstellt, in dem ich mich verwundert frage, warum die Schließerinnen der Kirchenstühle immer die denkbar unangenehmsten Frauenzimmer sein müssen, und ob vielleicht eine religiöse Furcht besteht vor einer verderblichen Ansteckung durch heitere Laune, oder freundliches Gesicht, die es durchaus nötig macht, solche Essiggefäße auf dem Wege zum Himmel aufzustellen.

Ein Traum war es mir, wie der Geistliche und der Küster erscheinen, einige Fischer und andere Leute hereinschlendern, ein alter Seemann, der hinter mir steht, die ganze Kirche mit starkem Rumduft erfüllt, die religiöse Handlung dann in tiefen Tönen beginnt, und wir alle sehr aufmerksam sind.

Ich sehe, wie Miß Lavinia, als eine halbe Hilfsbrautjungfer fungierend, zuerst zu weinen anfängt und damit – wie ich's auffasse – unter Seufzern dem Gedächtnis Pidgers huldigt, wie Miß Clarissa ihr Riechfläschchen anwendet, wie sich Agnes um Dora bemüht, meine Tante sich als Muster von Festigkeit aufzuspielen versucht, wobei ihr die Tränen die Wangen herunterrollen, und meine kleine Dora so sehr zittert und ihre Antworten im leisesten Flüstertone gibt.

Im Traume sehe ich, wie wir nebeneinander niederknien, wie Dora weniger und weniger zittert, aber immer noch Agnes fest bei der Hand hält, wie die Feierlichkeit still und ernst vorübergeht, wie wir uns alle in einer Aprillaune von Lächeln und Tränen ansehen, als alles vorbei ist, wie meine junge Frau halb ohnmächtig in der Sakristei liegt und nach ihrem armen, ihrem guten Papa ruft.

Ein Traum, wie sie bald wieder heiter wird und wir uns der Reihe nach alle in das Kirchenbuch einschreiben; wie ich auf die Galerie gehe, um Peggotty zu holen, damit sie unterzeichnet; wie Peggotty mich in einer Ecke umarmt und mir erzählt, daß sie meine eigne liebe Mutter hätte heiraten sehen, wie alles vorüber ist, und wie wir fortgehen.

Ein Traum ist mir's, wie ich so stolz und voll Liebe den Chorgang hinuntergehe, meine süße Frau am Arme, durch einen Nebel von halbgesehenen Leuten, Kanzeln, Denkmälern, Kirchenstühlen, Taufsteinen, Orgeln und Kirchenfenstern, und wie dazwischen aus alten Zeiten traumhafte Ideenverbindungen mit meiner heimatlichen Kirche hineinflattern.

Ein Traum, wie sie flüstern, als wir vorübergehen, was wir für ein junges Paar sind, und was sie für eine hübsche, kleine Frau ist. Wie vergnügt und redselig wir alle im Wagen auf der Rückfahrt sind. Wie Sophie uns erzählt, daß sie fast ohnmächtig geworden wäre, als sie gesehen, daß man meinen Heiratskonsens von Traddles, den ich ihm zur Aufbewahrung übergeben hatte, forderte, denn sie wäre überzeugt gewesen, er hätte es fertig gebracht, ihn zu verlieren oder sich aus der Tasche stehlen zu lassen. Wie Agnes fröhlich lacht, und wie Dora Agnes so sehr liebt, daß sie sich nicht von ihr trennen kann, sondern noch immer ihre Hand hält.

Ein Traum ist mir's, wie nun ein Frühstück stattfindet, mit einer Fülle von gefällig aussehenden und gediegenen Speisen, wovon ich auch esse, wie in jedem andern Traum, ohne im geringsten etwas zu schmecken, denn ich kann wohl sagen, ich aß und trank nur Liebe und Hochzeit und glaube an die Speisen ebensowenig wie an irgend etwas andres.

Wie ich in derselben traumhaften Weise eine Rede halte, ohne eine Ahnung zu haben, was ich sagen will, außer daß ich die volle Überzeugung habe, es nicht gesagt zu haben. Wie wir nachher, gesellig vereint, harmlos glücklich waren, – aber immer im Traume – und wie Jip Hochzeitskuchen erhält, der ihm nachher nicht gut bekommt.

Wie die gemieteten Postpferde bereitstehen, und wie Dora geht, um ihr Kleid zu wechseln. Wie meine Tante und Miß Clarissa bei uns bleiben und wir in den Garten gehen, und wie meine Tante wirklich beim Frühstück eine Rede auf Doras Tanten gehalten hat, was ihr selbst höchlich Spaß macht, obwohl sie auch ein wenig stolz darauf ist.

Wie Dora fertig ist und Miß Lavinia, die ungern das hübsche Spielzeug verliert, das ihr soviel angenehme Beschäftigung gewährte, um sie herumschwebt. Wie Dora eine lange Reihe überraschender Entdeckungen macht, daß sie alle möglichen Dinge vergessen hat, und wie jedermann überall hinläuft, um sie zu holen.

Ein Traum erscheint es mir auch, in dem sich alle um Dora drängen, als sie endlich Abschied nehmen will, und alle in ihren hellen Farben und Bändern wie ein Blumenbeet aussehen, in dem mein Weibchen fast unter den Blumen erdrückt wird, und endlich zugleich lachend und weinend in meine eifersüchtigen Arme kommt.

Ein Traum, in dem ich Jip tragen will, der mit uns reisen soll, und Dora nein sagt, denn sie müsse ihn tragen, oder sonst werde er denken, sie habe ihn nicht mehr gern, seit sie verheiratet sei, und das werde ihm das Herz brechen. Wie wir Arm in Arm gehen, und Dora stehen bleibt und sich umsieht, und sagt: »Wenn ich gegen wen immer unfreundlich oder undankbar gewesen bin, so vergeßt und vergebt!« und in Tränen ausbricht.

Wie sie mit der kleinen Hand winkte und wir weiter gingen. Wie sie noch einmal stehen blieb, sich umsah, auf Agnes zueilte und sie noch zuletzt küßte und ihr Lebewohl sagte.

Wir fahren miteinander fort, und nun erwache ich aus dem Traume. Ich glaube es endlich. Ich habe wirklich mein süßes Weibchen neben mir, das ich so sehr liebe!

»Bist du jetzt glücklich, du törichter Junge?« fragte Dora, »und wirst du es auch nicht bereuen?« . . .

Ich bin stehen geblieben, um die Phantome jener Tage vorüberziehen zu lassen. Sie sind vorüber, und ich trete die Reise meiner Geschichte von neuem an.

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