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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Zweiundvierzigstes Kapitel.

Unheil.

Ich habe das Gefühl, daß ich es nicht erwähnen sollte, obwohl dies Manuskript nur für meine Augen bestimmt ist, wie angestrengt ich an der schrecklichen Stenographie arbeitete, im Bewußtsein meiner Verantwortlichkeit gegen Dora und ihre Tanten. Ich will dem, was ich von meiner Ausdauer in diesen Lebensjahren schon früher gesagt habe, von der geduldigen nie ablassenden Energie, die damals in mir zu reifen anfing und die stärkste Seite meines Charakters ist – wenn ich überhaupt eine habe – ich will dem nur hinzufügen, daß ich in ihr, beim Rückblick über mein Leben, die Quelle des späteren Erfolges erblickte. Ich habe in irdischen Angelegenheiten sehr viel Glück gehabt; viele Männer haben viel angestrengter gearbeitet und nicht halb so viel Erfolg gehabt; aber ich hatte nie leisten können, was ich geleistet habe, ohne mir Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiß zur Gewohnheit gemacht zu haben, ohne den Entschluß, den ich damals faßte, mich immer nur in einen Gegenstand zu vertiefen, so schnell auch ein anderer darauf folgen mochte.

Der Himmel weiß, daß ich das nicht im Sinne des Selbstlobes schreibe. Aber ein Mann, der, wie ich, sein Leben prüft, es Seite für Seite hier durchgehend, müßte wirklich ein sehr guter Mensch sein, wenn ihm das quälende Bewußtsein von vernachlässigten Talenten, versäumten Gelegenheiten, von irrigen und verkehrten Gefühlen, die sich unaufhörlich in seiner Brust bekriegen und ihm Niederlagen bereiten, erspart bliebe. Ich kann wohl sagen, daß ich keine natürliche Anlage besitze, die ich nicht mißbraucht hätte. Ich will einfach sagen, daß, was ich auch immer im Leben zu vollbringen bestrebt war, ich mit ganzer Seele zu tun suchte, daß ich mich, welcher Aufgabe ich mich auch widmete, ihr vollkommen widmete, daß es mir bei allen Zielen, großen und kleinen, durchaus Ernst war.

Ich habe nie für möglich gehalten, daß irgend eine angeborne oder angeeignete Fähigkeit beanspruchen könne, ohne Mitwirkung fester, schlichter, keine Mühe scheuender Charaktereigenschaften hoffen dürfe, ihr Endziel zu erreichen. Ein solches Vollbringen gibt es nicht auf Erden. Glückliches Talent und günstige Gelegenheit mögen vielleicht die beiden Seiten der Leiter bilden, auf der einige Menschen emporsteigen, aber die Sprossen jener Leiter müssen aus hartem, wetterfestem Holze sein, und es gibt keinen Ersatz für energischen, eifrigen und aufrichtigen Ernst. Niemals nur eine Hand an etwas zu legen, was ich mit ganzer Seele erfassen konnte, und niemals meine Arbeit, welcher Art sie auch war, gering zu achten, das waren, wie ich jetzt sehe, meine goldenen Regeln.

Wieviel ich von der Praxis, die ich soeben als Vorschrift aufgestellt, Agnes verdanke, will ich hier nicht wiederholen.

Meine Erzählung wendet sich jetzt mit dankbarer Liebe zu ihr.

Sie kam vierzehn Tage auf Besuch zum Doktor. Mr. Wickfield war ein alter Freund des Doktors, und der Doktor wünschte mit ihm zu sprechen und ihm zugleich eine Freundlichkeit zu erweisen. Agnes und ich hatten schon darüber gesprochen, als sie das letztemal in der Stadt war, und dieser Besuch war die Folge jener Verabredung. Sie und ihr Vater kamen diesmal zusammen; aber es überraschte mich nicht, von ihr zu hören, daß sie beauftragt wäre, in der Nähe eine Wohnung für Mrs. Heep zu suchen, deren Rheumatismus eine Luftveränderung erfordere. Ebensowenig wunderte es mich, als schon am nächsten Tage Uriah als pflichtgetreuer Sohn seine würdige Mutter nach der Stadt brachte, um von der Wohnung Besitz zu ergreifen.

»Ja, sehen Sie, Master Copperfield,« sagte er, als er sich mir zur Gesellschaft aufdrängte, während ich im Garten des Doktors spazieren ging, »wenn man liebt, so ist man ein wenig eifersüchtig – wenigstens hat man gern ein Auge auf die Geliebte.

»Auf wen sind Sie denn jetzt eifersüchtig?« fragte ich.

»Danke Ihnen, Master Copperfield,« erwiderte er, »für jetzt auf niemand insbesondere – wenigstens auf keine männliche Person.«

»Meinen Sie etwa, daß Sie auf eine weibliche Person eifersüchtig sind?«

Er warf mir aus seinen bösen roten Augen einen Seitenblick zu und lachte.

»Wahrhaftig, Master Copperfield,« sagte er – »ich sollte sagen: Mister, aber ich weiß, Sie entschuldigen schon die alte Angewohnheit – Sie sind so freundlich, daß Sie mich ausholen können wie ein Korkzieher! Nun, ich will es Ihnen nur sagen,« fuhr er fort, indem er seine fischkalte Hand auf die meine legte, »ich bin im allgemeinen bei Damen nicht beliebt, Sir, und bin es bei Mrs. Strong nie gewesen.«

Seine Augen sahen jetzt grün aus, wie sie mich jetzt mit spitzbübischer Tücke beobachteten.

»Was meinen Sie?« fragte ich.

»Nun, obgleich ich ein Jurist bin, Master Copperfield,« gab er mit einem trockenen Grinsen zur Antwort, »so meine ich jetzt doch, was ich sage.«

»Und was wollen Sie mit Ihrem Blick sagen?« fragte ich ruhig weiter.

»Mit meinem Blick? Aber Sie inquirieren mich scharf, Copperfield! Was ich mit meinem Blick meine?«

»Ja«, sagte ich. »Mit Ihrem Blick.«

Er schien darüber sehr vergnügt zu sein und lachte so herzlich, wie es ihm überhaupt nur möglich war. Nachdem er sich das Kinn mit der Hand geschabt, fuhr er mit zu Boden gesenkten Augen fort und schabte dabei langsam am Kinn weiter:

»Als ich noch ein gewöhnlicher Schreiber war, sah sie immer auf mich herab. Meine Agnes mußte immer in ihrem Hause sein, und gegen Sie war sie immer freundlich, Master Copperfield; aber ich stand zu tief unter ihr, um beachtet zu werden.«

»Nun,« sagte ich, »nehmen wir das für wahr an!«

»– und unter ihm auch«, fuhr Uriah sehr deutlich und in nachdenklichem Tone fort, während er immer noch das Kinn rieb.

»Kennen Sie den Doktor nicht besser,« sagte ich, »daß Sie glauben können, er wisse etwas von Ihrem Dasein, wenn Sie nicht grade vor ihm stehen?«

Er sah mich wieder mit seinem alten lauernden Seitenblick an und zog sein Gesicht in die Länge, um besser das Kinn reiben zu können, als er fortfuhr:

»Ach Gott, ich spreche nicht vom Doktor! O nein, von dem armen Teufel nicht. Ich meine Mr. Maldon.«

Das Herz sank mir im Busen. Alle meine Zweifel und Befürchtungen über diese Sache, des Doktors Glück und Frieden, alle die verschiedenen Möglichkeiten von Schuld und Unschuld, die ich nicht enträtseln konnte, sah ich jetzt den unbarmherzigen Klauen dieses Menschen preisgegeben.

»Er kam nie auf das Bureau, ohne mich dahin oder dorthin zu kommandieren«, sagte Uriah. »Er tat gar hochnäsig und vornehm, der Herr. Ich war sehr bescheiden und bin's noch. Aber das gefiel mir nicht – und das gefällt mir jetzt auch nicht. Und ich werde es nicht mehr leiden!«

Er hörte auf, sich am Kinn zu kratzen, und saugte die Wangen zwischen die Zähne, bis sie sich inwendig zu berühren schienen, und dabei haftete sein Seitenblick immer noch auf mir.

»Sie ist eine von den schönen Frauen,« fuhr er fort, als er seinem Gesicht langsam seine natürliche Form wiedergegeben hatte, »die Leuten, wie ich bin, nicht freundlich gesinnt sind. Sie ist gerade so eine Person, die Agnes größere Rosinen in den Kopf setzen könnte. Ich bin kein Mann für Damen, Master Copperfield; aber ich habe Augen im Kopfe, und schon seit langer Zeit. Wir gemeinen Leute haben meistens Augen – und wir sehen damit.«

Ich bemühte mich, unbefangen zu scheinen oder doch wenigstens nicht beunruhigt auszusehen, aber, wie ich an seinem Gesicht sah, mit schlechtem Erfolg.

»Aber ich lasse mich nicht unterkriegen, Copperfield«, fuhr er fort und zog den Teil seines Gesichtes, wo seine roten Augenbrauen gewesen wären, wenn er sie gehabt hätte, mit tückischem Frohlocken in die Höhe, »und ich werde mein möglichstes tun, um dieser Freundschaft ein Ende zu machen. Ich billige sie nicht. Ich will gar nicht verhehlen, daß ich etwas eifersüchtiger Natur bin und alle Eindringlinge fernhalten will. Wenn ich's hindern kann, setze ich mich nicht der Gefahr aus, gegen mich intrigieren zu lassen.«

»Sie intrigieren selber immer und versetzen sich in den Glauben, andere Leute täten dasselbe«, sagte ich.

»Vielleicht, Master Copperfield«, entgegnete er.

»Aber ich habe einen Beweggrund, wie mein Kompagnon immer sagte; und ich handle mit allem Ernst danach. Und Nägel und Zähne habe ich auch. Wenn ich auch nur ein gemeiner Mann bin, so lasse ich mir doch nicht zuviel zumuten. Es darf mir niemand in den Weg treten. Die Leute müssen mir wirklich Platz machen, Master Copperfield.«

»Ich verstehe Sie nicht«, erwiderte ich.

»Wirklich nicht?« sagte er mit einer seiner gewöhnlichen zuckenden Bewegungen. »Das dauert mich, Master Copperfield, da Sie doch sonst so gescheit sind. Das nächste Mal werde ich versuchen, mich deutlicher auszudrücken. – Ist das Mr. Maldon dort auf dem Pferde, der an der Tür klingelt, Sir?«

»Er sieht beinahe so aus«, entgegnete ich so unbefangen, wie mir möglich war.

Uriah blieb stehen, steckte die Hände zwischen seine knorrigen Knie und krümmte sich vor Lachen. Vor ganz stillem Lachen. Kein Ton entschlüpfte seinem Munde. Mir war dieses Benehmen, und vorzüglich das letzte, so zuwider, daß ich mich, ohne weitere Umstände zu machen, von ihm wegwandte und ihn in der Mitte des Gartens halb sitzend zurückließ wie eine umfallende Vogelscheuche, die gestützt werden muß.

An diesem Abend war es nicht, aber, wie ich mich wohl erinnere, an dem zweitnächsten, an dem Sonnabend, daß ich Agnes mit zu Dora nahm. Ich hatte den Besuch vorher mit Miß Lavinia verabredet, und Agnes wurde zum Tee erwartet.

Ich war ganz aufgeregt vor Stolz und Besorgnis; stolz auf meine liebe kleine Braut, und besorgt, ob Agnes an ihr Gefallen finden würde. Den ganzen Weg über nach Putney, während Agnes drinnen im Wagen saß und ich draußen, stellte ich mir Dora mit jedem ihrer mir so wohlbekannten hübschen Blicke vor; wünschte mir bald, sie möchte so aussehen, wie sie bei dieser Gelegenheit aussah, dann wieder wie ein andermal bei jener Gelegenheit und arbeitete mich damit fast in ein Fieber hinein.

Mich beunruhigte kein Zweifel, daß sie nicht auf alle Fälle sehr hübsch aussehen würde; aber der Zufall fügte es, daß sie gerade so hübsch aussah, wie ich sie selbst noch nicht gesehen hatte. Sie war nicht im Zimmer, als ich Agnes ihren Tanten vorstellte, sondern hatte sich schüchtern versteckt. Ich wußte jetzt, wo ich sie zu suchen hatte, und fand sie richtig wieder hinter jener alten Tür, wo sie sich die Ohren zuhielt.

Anfangs wollte sie gar nicht kommen, und dann bat sie um fünf Minuten Frist. Als sie mir endlich ihren Arm gab, um sich in das Zimmer führen zu lassen, war ihr liebliches Gesichtchen ganz rot; es hatte nie so hübsch ausgesehen. Aber als wir in das Zimmer traten und sie blaß wurde, war sie noch zehntausendmal schöner.

Dora fürchtete sich vor Agnes. Sie hatte mir gesagt, Agnes sei »zu gebildet«. Aber als sie das heitere und doch so ernste, das so gedankenvolle und doch so gute Gesicht sah, da ließ sie einen leisen Schrei fröhlicher Überraschung vernehmen und legte ihre Arme zärtlich um den Hals von Agnes und ihre unschuldige Wange an ihr Gesicht.

Ich habe mich nie so glücklich gefühlt. Ich habe mich nie so gefreut, wie damals, wo ich die beiden so nebeneinander sitzen sah; wie ich meine Geliebte so natürlich in diese herzlichen Augen hinaufblicken sah; wie ich den zärtlichen und schönen Blick sah, den Agnes auf sie warf.

Miß Lavinia und Miß Clarissa teilten in ihrer Weise meine Freude. Es war der angenehmste Teeabend von der Welt. Miß Clarissa präsidierte. Ich schnitt den Streuselkuchen und reichte ihn herum, die beiden kleinen Schwestern pickten an Zucker und Süßigkeiten wie Vögel. Miß Lavinia sah mit wohlwollender Gönnermiene drein, als wäre unser Liebesglück allein ihr Werk, und wir waren alle miteinander herzlich zufrieden.

Die sanfte Freudigkeit von Agnes gewann aller Herzen.

Unser Kreis schien jetzt erst ganz vollständig durch sie, durch ihr liebevolles Eingehen auf alles, was Dora interessierte, durch die Art, wie sie mit Jip Freundschaft schloß, der sofort darauf einging; durch ihr liebreiches Zureden, als Dora sich schämte, herüber zu mir auf ihren gewöhnlichen Platz zu kommen, durch die ruhige Anmut und Unbefangenheit ihres Wesens, das Dora zu vielen verschämten Beweisen von Zutraulichkeit veranlaßte.

»Es freut mich so sehr, daß ich Ihnen gefalle«, sagte Dora nach dem Tee. »Ich glaubte es nicht; und ich brauche jetzt, da Julie Mills fort ist, mehr als je eine Freundin.« Ich habe vergessen zu erwähnen, daß Miß Mills abgereist war und Dora und ich noch an Bord des großen Ostindienfahrers nach Gravesend gefahren waren, um Abschied von ihr zu nehmen. Wir hatten eingemachten Ingwer, Guavagelee und ähnliche Leckerbissen beim Lunch bekommen und verließen Miß Mills in Tränen auf einem Klappstuhl auf dem Verdeck mit einem großen Tagebuch unter dem Arm, in das die durch den Anblick des Ozeans erweckten originellen Gefühle eingetragen und unter Schloß und Riegel aufgehoben werden sollten.

Agnes sagte, ich müßte sie wohl zu schwarz gemalt haben; aber Dora berichtigte dies sogleich.

»Ach nein!« sagte sie mit einen Blick auf mich, indem sie ihre Locken schüttelte; »ich habe nichts als Lob gehört. Er hält so viel auf Ihre Meinung, daß ich mich ordentlich davor gefürchtet habe.«

»Meine gute Meinung kann seine Zuneigung zu einigen Leuten seiner Bekanntschaft nicht verstärken,« sagte Agnes mit einem Lächeln; »sie ist des Gewinnens nicht wert.«

»Aber ich möchte sie gewinnen,« sagte Dora in ihrer liebkosenden Weise, »wenn Sie nichts dagegen haben.«

Wir scherzten über Doras Wunsch, geliebt zu werden, und Dora sagte, ich sei ein Unhold, sie könnte mich nicht leiden, und der kurze Abend war mit wunderbarer Schnelle verschwunden, wie auf Schmetterlingsflügeln.

Die Zeit war nahe, wo uns die Kutsche abholen sollte. Ich stand allein vor dem Feuer, als Dora leise hereinkam, um mir das gewöhnliche allerliebste Küßchen vor dem Abschiede zu geben.

»Meinst du nicht, Doady, wenn ich sie seit langer Zeit zur Freundin gehabt hatte,« sagte Dora, die hellen Augen heller glänzend und die kleine rechte Hand mit einem Knopfe meines Rockes spielend, »daß ich dann hätte gescheiter sein können?«

»Lieber Schatz, was für ein Unsinn«, sagte ich.

»Meinst du, es sei Unsinn?« entgegnete Dora, ohne mich anzusehen. »Weißt du das gewiß?«

»Natürlich!«

»Ich weiß nicht mehr, wie Agnes mit dir verwandt ist, du böser Mensch«, fuhr Dora fort, immer noch mit dem Knopfe an meinem Rocke beschäftigt.

»Es ist keine Verwandte von mir,« entgegnete ich, »aber wir wurden zusammen erzogen wie Bruder und Schwester.«

»Dann möchte ich nur wissen, warum du dich eigentlich in mich verliebt hast«, sagte Dora, und fing an einem andern Knopfe meines Rockes an.

»Vielleicht weil ich dich nicht sehen konnte, ohne dich zu lieben, Dora.«

»Aber wenn du mich nun gar nicht gesehen hättest«, sagte Dora und nahm einen andern Knopf.

»Oder wenn wir nie geboren worden wären!« erwiderte ich scherzend.

Ich fragte mich, worüber sie wohl nachdenken möge, als ich in bewunderndem Schweigen die kleine weiche Hand betrachtete, die an den Knöpfen meines Rockes spielte, das lockige Haar, das an meiner Brust ruhte, und die Wimpern ihrer niedergeschlagenen Augen, die langsam den spielenden Fingern folgten. Endlich sah sie mich an und stellte sich auf die Zehen, um mir nachdenklicher als gewöhnlich das herrliche Küßchen zu geben – einmal, zweimal, dreimal, – und verließ dann das Zimmer.

Fünf Minuten später traten alle zusammen wieder herein, und Doras ungewöhnliche Nachdenklichkeit war ganz verschwunden. Sie bestand lachend darauf, ehe die Kutsche kam, Jip alle seine Kunststücke machen zu lassen. Das verlangte einige Zeit, – nicht wegen ihrer großen Anzahl, sondern wegen Jips Sträubens – und als wir die Kutsche kommen hörten, waren wir noch nicht fertig.

Zärtlich nahmen Agnes und sie voneinander Abschied; Dora sollte Agnes schreiben, – die es aber nicht übel nehmen durfte, wenn ihre Briefe kindisch wären, sagte sie – und Agnes sollte an Dora schreiben; und sie nahmen zum zweitenmal Abschied am Kutschenschlag, und zum drittenmal, als Dora trotz den Vorstellungen Miß Lavinias noch einmal herausgelaufen kam, um Agnes am Kutschenfenster an das Schreiben zu erinnern und gegen mich auf dem Dache neckend die Locken zu schütteln.

Die Landkutsche sollte uns in der Nähe von Coventgarden absetzen, wo wir eine andere Fahrgelegenheit nach Highgate nehmen wollten. Ich sehnte mich wahrhaft nach dem kurzen Spaziergang in der Zwischenzeit, damit Agnes Dora gegen mich loben könne. O, was war das für ein Lob! Wie liebreich und innig empfahl sie das anmutige Wesen, das ich gewonnen hatte, meiner zärtlichsten Sorge! Wie gedankenvoll prägte sie mir in aller Anspruchslosigkeit ein, mit welcher Verantwortlichkeit ich für das verwaiste Kind zu sorgen habe!

Niemals habe ich Dora so tief und wahr geliebt, wie an jenem Abend, und als wir wieder aus dem andern Wagen ausstiegen und in der sternhellen Nacht nach dem Hause des Doktors gingen, sagte ich Agnes, daß dies ihr Werk sei.

»Als du neben mir saßest,« sagte ich, »schienst du nicht weniger ihr Schutzengel als meiner zu sein; und so ist es mir noch, Agnes.«

»Ein schwacher Engel, aber treu«, gab sie zurück. Der klare Ton ihrer Stimme, der mir gerade zu Herzen ging, veranlaßte mich, zu fragen:

»Die heitere Ruhe, die dir eigen ist, Agnes, hat sich soweit wiedergefunden, wie ich sehe, daß ich hoffe, du bist glücklicher zu Hause.«

»Ich fühle mich glücklicher,« sagte sie, »ich bin heiter und frohen Muts.«

Ich warf einen Blick auf das ruhig-heitere Gesicht, das emporblickte, und mir kam es vor, als ob es das Sternenlicht so edel machte.

»Es ist keine Veränderung zu Hause eingetreten«, sagte Agnes nach einer Pause.

»Keine neue Anspielung,« sagte ich, »auf – ich möchte dich nicht verletzen, aber ich kann nicht anders als fragen – auf das, wovon wir bei unserm letzten Abschied sprachen?«

»Nein, keine«, gab sie zur Antwort.

»Ich habe sehr viel darüber nachgedacht.«

»Du mußt nicht soviel daran denken. Vergiß nicht, daß ich mein Vertrauen auf einfache Liebe und Wahrheit setze. Fürchte nichts für mich, Trotwood,« setzte sie nach einer Pause hinzu, »den Schritt, den du befürchtest, werde ich nie tun.«

Obgleich ich nicht glaube, daß ich es bei kalter Überlegung jemals befürchtet hätte, so war es doch ein unaussprechlicher Trost für mich, die Versicherung von ihren eigenen treuen Lippen zu hören. Ich sagte ihr das mit warmen Worten.

»Und wenn dieser Besuch vorbei ist,« sagte ich, »denn wir sind jetzt vielleicht zum letztenmal allein beisammen, wann wirst du dann wieder nach London kommen, liebe Agnes?«

»Wahrscheinlich auf lange Zeit nicht«, gab sie zur Antwort, »Ich halte es für das beste, um des Vaters willen, zu Hause zu bleiben. Für die nächste Zeit werden wir uns wahrscheinlich nicht oft sehen; aber ich werde fleißig an Dora schreiben, und wir werden auf diesem Wege oft voneinander hören.«

Wir standen jetzt in dem kleinen Hof vor dem Häuschen des Doktors. Es war schon spät. Im Fenster von Mrs. Strongs Zimmer war Licht, Agnes deutete darauf hin und wünschte mir gute Nacht.

»Mache dir keine Sorgen«, sagte sie und gab mir ihre Hand, »über unser Unglück und unsere Trübsal. Ich kann in nichts glücklicher sein als in deinem Glück. Wenn du mir helfen kannst, so verlaß dich darauf, daß ich dich darum bitten werde. Möge dich Gott immer segnen!«

In ihrem strahlenden Lächeln und in diesen letzten Tönen ihrer frohen Stimme schien ich wieder meine kleine Dora neben ihr zu sehen und zu hören.

Ich blieb noch eine Weile unter dem Vorbau stehen, sah mit einem Herzen voll Liebe und Dankbarkeit zu den Sternen hinauf und ging dann langsam fort. Ich hatte mir für die Sonnabendnächte ein Bett in einem anständigen Wirtshause in der Nähe gemietet und ging zur Gartenpforte hinaus, als ich, mich zufällig umdrehend, Licht in des Doktors Studierzimmer erblickte. Der halb vorwurfsvolle Gedanke kam mir, daß er ohne meine Unterstützung an dem Wörterbuch gearbeitet habe. Um zu sehen, ob dies wirklich so war, und jedenfalls, um ihm gute Nacht zu sagen, wenn er noch an seinen Büchern sitzen sollte, kehrte ich um, ging durch die Vorhalle, öffnete langsam die Tür und sah hinein.

Die erste Person, die ich zu meinem Staunen bei dem gedämpften Licht der Studierlampe erblickte, war Uriah. Er stand dicht neben der Lampe, die eine magere Hand auf den Mund, die andere auf den Tisch gestützt. Der Doktor saß in seinem Lehnstuhl und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt. Mr. Wickfield in großer schmerzlicher Aufregung beugte sich über den Doktor und berührte unentschlossen seinen Arm.

Im ersten Augenblick glaubte ich, der Doktor sei unwohl. Von diesem Gedanken beherrscht, trat ich hastig einen Schritt vor, als ich Uriahs Auge begegnete und erkannte, was vorgegangen sei. Ich wollte mich entfernen, aber der Doktor winkte mir zu bleiben, und ich blieb.

»Jedenfalls können wir die Tür zumachen«, bemerkte Uriah mit einer krümmenden Bewegung seines unbeholfenen Körpers. »Wir brauchen es nicht die ganze Stadt wissen zu lassen.«

Damit ging er auf den Zehenspitzen nach der Tür, die ich offen gelassen hatte, und machte sie sorgfältig zu. Dann kehrte er zurück und nahm seine frühere Stellung wieder ein.

Es war ein aufdringliches Zurschautragen von mitleidigem Eifer in seiner Stimme und seinem Wesen, das wenigstens mir unleidlicher war als jedes andere Benehmen.

»Ich habe es für meine Pflicht gehalten, Master Copperfield,« sagte Uriah, »Doktor Strong auf das aufmerksam zu machen, was wir schon zusammen besprochen haben. Sie schienen mich aber nicht recht zu verstehen.«

Ich warf ihm einen verächtlichen Blick zu, gab aber keine andere Antwort; ging dann zu meinem guten alten Lehrer und sprach ein paar Worte zu ihm, die ihm zum Trost und zur Ermunterung dienen sollten. Er legte seine Hand auf meine Schulter, wie er es gewohnt gewesen, als ich noch ein Kind war, aber er erhob nicht sein graues Haupt.

»Da Sie mich nicht verstanden, Mr. Copperfield,« fuhr Uriah in derselben zudringlichen Weise fort, »so darf ich mir wohl die Freiheit nehmen, bescheiden zu bemerken, da wir unter Freunden sind, daß ich Doktor Strong auf Mrs. Strongs Benehmen aufmerksam gemacht habe. Es widerstand mir eigentlich recht sehr, Copperfield, mich in eine so unangenehme Sache zu mengen; aber wie die Sachen jetzt stehen, sind wir gewissermaßen alle mitschuldig an Verhältnissen, die nicht bestehen sollten. Das wollte ich sagen, Sir, als Sie mich nicht verstanden.«

Wenn ich jetzt an seinen höhnischen schielenden Blick zurückdenke, wundere ich mich, daß ich den Satan nicht an der Gurgel packte und ihm den Atem aus dem Leibe zu schütteln versuchte.

»Ich glaube wohl, ich drückte mich nicht ganz deutlich aus«, sagte er, »und Sie auch nicht. Natürlich waren wir beide geneigt, einen solchen Gegenstand möglichst zu vermeiden. Aber endlich habe ich mich doch entschlossen, offen heraus zu sprechen; und ich habe Doktor Strong gesagt, daß – sagten Sie etwas, Sir?

Das sagte er zu dem Doktor, der geseufzt hatte. Der Ton hätte jedes Herz gerührt, aber auf Uriah brachte er keine Wirkung hervor.

»– Ich sagte zu Doktor Strong,« fuhr er fort, »daß jeder sehen müßte, wie Mr. Maldon und die liebenswürdige und vortreffliche Dame, Doktor Strongs Gattin, zuviel beieinander sind. Die Zeit ist jetzt wirklich da, – denn wir alle machten uns an einem nicht schicklichen Verhältnis mitschuldig – wo es Doktor Strong gesagt werden muß, daß dies jedermann klar wie die Sonne war, ehe noch Mr. Maldon nach Ostindien ging; daß Mr. Maldon nur deshalb Gründe fand, um wiederzukommen, und daß er nur deshalb immer hier ist. Als Sie hier eintraten, Sir, schlug ich meinem Kompagnon eben vor – er wendete sich an Mr. Wickfield, – Doktor Strong auf sein Wort und seine Ehre zu sagen, ob er dieser Meinung nicht schon längst gewesen wäre. Nun, Mr. Wickfield? Wollen Sie so gut sein, das zu sagen? Ja oder nein, Sir, Nur heraus damit, Kompagnon.«

»Um Gottes willen, mein lieber Doktor,« sagte Mr. Wickfield und legte die Hand wieder unentschlossen auf den Arm des Doktors, »legen Sie nicht zuviel Gewicht auf den Verdacht, den ich vielleicht gehegt habe.«

»Da sehen wir's,« rief Uriah und schüttelte den Kopf. »Welch' traurige Bestätigung, nicht wahr? Hm! Ein so alter Freund! Bei meiner Seele, als ich nur ein Schreiber bei ihm war, Copperfield, habe ich es mindestens zwanzigmal gesehen, wie er ganz außer sich darüber war – ganz außer sich, – und das war ganz natürlich bei ihm, denn er ist selbst Vater; ich werde ihn gewiß darüber nicht tadeln – daß Miß Agnes überhaupt mit einer solchen unangenehmen Sache in Berührung kam.«

»Lieber Strong,« sagte Mr. Wickfield mit zitternder Stimme, »guter Freund, ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, daß es mein Fehler war, bei jedem nach einem alles beherrschenden Beweggrund zu suchen und an alle Handlungen einen beschränkten Maßstab zu legen. Dieser Irrtum kann mir Veranlassung zu meinem Argwohn gegeben haben.«

»Sie haben geargwöhnt, Wickfield,« sagte der Doktor, ohne das Haupt zu erheben, »Sie haben geargwöhnt.«

»Nur heraus mit der Sprache, Kompagnon«, drang Uriah in ihn.

»Ja, zu einer Zeit habe ich geargwöhnt«, antwortete Mr. Wickfield. »Ich – Gott verzeihe es mir, – glaubte, auch Sie argwöhnten.«

»Nein, nein, nein«, erwiderte der Doktor im Tone des rührendsten Schmerzes.

»Ich glaubte einmal,« sagte Mr. Wickfield, »daß Sie Maldon nach Ostindien zu schicken wünschten, um eine wünschenswerte Trennung herbeizuführen.«

»Nein, nein, nein!« gab der Doktor zur Antwort. »Ich wollte Ännie eine Freude machen, indem ich für einen Jugendgespielen sorgte. Weiter nichts.«

»Das fand ich später«, sagte Mr. Wickfield. »Ich konnte damals nicht daran zweifeln, als Sie mir's sagten. Aber ich glaubte, – ich bitte Sie, zu bedenken, welch enger Gesichtskreis mein Hauptfehler gewesen ist – daß sich in einem Falle, wo eine so große Verschiedenheit im Alter vorhanden war –«

»Das ist die rechte Art, es auseinanderzusetzen, Master Copperfield!« bemerkte Uriah mit kriechendem und beleidigendem Mitleid.

»– daß sich eine Dame von so großer Jugend und so großer Schönheit bei aller aufrichtigen Achtung vor Ihnen bei ihrer Heirat weniger von ihrem Herzen, als von ihrem Verstande hätte leiten lassen können. Unzählige Gefühle und Umstände, die alle zum Guten ausschlagen konnten, zog ich nicht in Betracht. Um des Himmels willen bedenken Sie das.«

»Wie schonend er es auslegt!« sagte Uriah mit Kopfschütteln.

»Denn ich beobachtete sie immer aus dem einen Gesichtspunkte,« sagte Mr. Wickfield; »aber bei allem, was Ihnen teuer ist, alter Freund, bitte ich Sie, zu erwägen, welcher Gesichtspunkt es war; ich muß jetzt bekennen, da ich nicht anders kann –«

»Nein! Sie können nicht anders, Mr. Wickfield,« bemerkte Uriah, »wenn es einmal so weit ist.«

»– daß ich ihr allerdings mißtraute«, fuhr Mr. Wickfield fort und sah seinen Kompagnon hilflos und verzweifelt an, »und daß ich glaubte, sie tue nicht ganz ihre Pflicht gegen Sie; und daß es mir manchmal, wenn ich alles sagen muß, unangenehm war, daß Agnes so vertraut mit ihr war, daß sie sehen mußte, was ich sah, oder mir in meiner misanthropischen Theorie einbildete zu sehen. Ich habe nie mit jemand davon gesprochen. Ich beabsichtigte nie, es jemand zu sagen. Und obgleich es schrecklich ist für Sie, es zu hören,« sagte Mr. Wickfield ganz gebrochen, »wenn Sie erst wüßten, wie schrecklich es für mich ist, es zu sagen, so würden Sie Mitleid mit mir haben.«

In der unerschöpflichen Güte seines Herzens streckte der Doktor seine Hand aus, und Mr. Wickfield hielt sie kurze Zeit mit niedergebeugtem Haupte fest.

»Gewiß ist das ein für jedermann sehr unangenehmer Gegenstand«, sagte Uriah, der sich während des Schweigens wie ein Reptil hin- und herwand. »Aber da wir einmal so weit sind, muß ich mir die Freiheit nehmen, zu erwähnen, daß es auch Copperfield beobachtet hat.«

Ich wendete mich zu ihm und fragte ihn, wie er wagen könnte, sich auf mich zu beziehen.

»O, es ist sehr hübsch von Ihnen, Copperfield,« gab Uriah zurück, »und wir wissen alle, was für ein liebenswürdiger Mensch Sie sind. Aber Sie wissen, daß Sie in dem Augenblicke, wo ich neulich abends mit Ihnen davon sprach, wußten, was ich meinte, Copperfield. Sie erinnern sich doch, daß Sie gleich wußten, was ich meinte! Leugnen Sie es nicht! Sie leugnen es mit der besten Absicht; aber tun Sie es nicht, Copperfield.«

Das sanfte, milde Auge des guten alten Doktors wendete sich einen Augenblick auf mich, und ich fühlte, daß das Bekenntnis meiner alten bösen Ahnungen und Erinnerungen zu klar auf meinem Gesicht stand. Sträuben half nichts. Es half auch nichts, daß ich innerlich schäumte vor Wut. Das konnte ich nicht ändern. Mochte ich sagen, was ich wollte, das konnte ich nicht ableugnen.

Wir verstummten wieder und blieben so, bis der Doktor aufstand und ein paarmaal im Zimmer auf und ab ging. Dann kehrte er wieder zu seinem Stuhl zurück, lehnte sich an die Rücklehne und sprach, während er manchmal das Taschentuch an die Augen brachte, mit einer schlichten Ehrlichkeit, die ihm in meinen Augen mehr Ehre machte, als wenn er seinen Schmerz verborgen hätte:

»Ich bin sehr zu tadeln. Ich glaube, ich bin sehr zu tadeln. Ich habe eine, die ich teuer in meinem Herzen halte, Versuchungen und Verleumdungen ausgesetzt – denn ich nenne es Verleumdungen, und selbst wenn sie in jemandes Innerstem geblieben sind – deren Gegenstand sie ohne mich nie hätte werden können.«

Uriah Heep ließ einen näselnden Ton hören, wahrscheinlich, um seine Teilnahme auszudrücken.

»Deren Gegenstand meine Ännie ohne mich«, fuhr der Doktor fort, »nie hätte sein können. Meine Herren, ich bin jetzt alt, das wissen Sie; ich wüßte heute abend nicht, was mir das Leben noch sehr teuer machen sollte. Aber mein Leben – mein Leben verpfände ich für die Treue und Ehre der Dame, die der Gegenstand dieses Gesprächs gewesen ist!«

Ich glaube nicht, daß die beste Verkörperung des Rittertums, die Verwirklichung der schönsten und romantischsten Gestalt, die sich jemals ein Maler gedacht hat, dies mit eindrucksvollerer und rührenderer Würde hätte sagen können, als es der einfache alte Doktor sagte.

»Aber ich sehe mich nicht imstande zu leugnen,« fuhr er fort, »– vielleicht sogar wäre ich einigermaßen gefaßt gewesen, es einzugestehen, ohne es zu wissen – daß ich vielleicht unwissentlich diese Dame zu einer unglücklichen Ehe verleitet habe. Ich bin des Beobachtens ganz ungewohnt; und ich kann nicht umhin, zu glauben, daß die Beobachtung mehrerer Leute von verschiedenem Alter und verschiedener Lebensstellung, die alle auf ein Ziel hinauslaufen, genauer gewesen ist, als die meine.«

Wie ich schon früher gesagt habe, hatte ich oft seine wohlwollende Weise gegen seine junge Frau bewundert; aber die achtungsvolle Zärtlichkeit, mit der er hier stets von ihr sprach, und die fast ehrerbietige Weise, mit der er den leisesten Zweifel an ihrer Schuldlosigkeit abwies, erhoben ihn in meinen Augen über alle Beschreibung.

»Ich heiratete diese Dame, als sie noch sehr jung war«, sagte der Doktor. »Ich nahm sie zur Frau, als sich ihr Charakter kaum gebildet hatte. Soweit er entwickelt war, hatte ich das Glück gehabt, ihn zu bilden. Ich kannte ihren Vater gut. Ich kannte sie gut. Ich hatte sie alles gelehrt, was ich konnte, um ihrer schönen und tugendhaften Eigenschaften willen. Wenn ich ihr unrecht getan habe, – was, wie ich fürchte, der Fall gewesen ist, indem ich ihre Dankbarkeit und ihre Zuneigung benutzte, ohne es zu beabsichtigen – so bitte ich in meinem Herzen diese teure Frau um Verzeihung.«

Er ging durch das Zimmer, kehrte wieder auf den alten Fleck zurück und hielt den Stuhl fest mit einer Hand, die, wie seine gedämpfte Stimme, vor ernster Bewegung zitterte.

»Ich betrachtete mich als eine Zuflucht für sie vor den Gefahren und Wechselfällen des Lebens. Ich überredete mich zu der Hoffnung, daß sie bei aller Ungleichheit unserer Jahre ruhig und zufrieden mit mir leben würde. Ich ließ nicht unerwogen die Zeit, wo sie wieder frei und immer noch jung und schön, aber mit gereifterem Urteil sein würde – ja meine Herren – bei meiner Ehre! – das habe ich getan!«

Sein anspruchsloses Gesicht schien fast zu strahlen von seiner Treue und seinem Edelmut; jedes Wort, das er sprach, hatte eine Kraft, die ihm sonst keine begnadete Eigenschaft hätte verleihen können.

»Ich habe sehr glücklich mit dieser Dame gelebt. Bis heute abend habe ich ununterbrochen Veranlassung gehabt, den Tag zu segnen, an dem ich ihr großes Unrecht zufügte.«

Seine Stimme, die während der letzten Worte immer mehr gezittert hatte, schwieg für einige Augenblicke; dann fuhr er fort:

»Einmal aus meinem Traume erwacht – ich bin mein ganzes Leben lang ein armer Träumer gewesen in der einen oder andern Weise – sehe ich ein, wie natürlich es ist, daß sie nicht ohne Schmerz an ihren alten Gespielen und Altersgenossen zurückdenken kann. Daß sie mit einem unschuldigen Bedauern, mit untadelhaften Gedanken das betrachtet, was sie ohne mich hätte werden können, ist, fürchte ich, wahr. Aber darüber hinaus, meine Herren, darf der teuern Frau Name mit keinem Wort, keinem Hauch, keinem Zweifel gepaart werden.«

Eine kurze Zeit flammte sein Auge und seine Stimme war fest; eine kurze Zeit schwieg er wieder. Dann fuhr er fort:

»Es liegt mir jetzt ob, die Kenntnis des Unglücks, das ich verursacht habe, so demütig wie ich kann zu tragen. Sie sollte mir Vorwürfe machen, nicht ich ihr. Sie vor Mißdeutung zu sichern, die selbst meine Freunde nicht haben vermeiden können, wird meine Pflicht sein. Und wenn die Zeit kommt – (möge sie durch Gottes Gnade bald kommen!) – in der mein Tod sie jedes Zwanges überhebt, werde ich die Augen schließen vor ihrem verehrten Antlitz mit unbegrenzter Liebe und Vertrauen, und sie dann mit der Zuversicht verlassen, daß sie nun glücklicheren und schöneren Tagen entgegengeht.«

Ich konnte ihn nicht sehen vor den Tränen, die sein tiefer Ernst und seine Güte, verschönert noch durch die ungeschminkte Einfachheit seines ganzen Wesens, mir in die Augen brachten. Er war auf dem Wege nach der Tür, als er hinzusetzte:

»Meine Herren, ich habe Ihnen mein Herz aufgetan. Ich bin überzeugt, Sie werden meinen Schmerz achten. Was heute abend gesprochen worden ist, darf nie wieder gesprochen werden. Wickfield, geben Sie einem alten Freunde den Arm und führen Sie mich hinauf.«

Mr. Wickfield eilte zu ihm. Ohne ein Wort zu wechseln, verließen sie beide das Zimmer, und Uriah sah ihnen nach.

»Ach, Master Copperfield«, sagte Uriah und wendete sich etwas eingeschüchtert an mich. »Die Sache hat nicht ganz die Wendung genommen, die hätte erwartet werden können, denn der alte Doktor – welch ein vortrefflicher Mann! – ist blinder als ein Maulwurf. Aber diese Familie steht mir nicht mehr im Wege, sollte ich meinen!«

Der Ton seiner Stimme genügte, mich so in Wut zu versetzen, wie ich noch nie gewesen war und seitdem nie wieder gewesen bin.

»Sie Schurke,« sagte ich, »was beabsichtigten Sie, indem Sie mich in Ihre Intrigen hineinziehen; wie können Sie es wagen, sich auf mich zu berufen, Sie Lügner, als wenn wir die Sache zusammen besprochen hätten?«

Wie wir uns so Stirn gegen Stirn gegenüberstanden, sah ich so deutlich in der geheimen Freude seines Gesichts, was ich schon bestimmt wußte, daß er mir sein Vertrauen aufdrängte in der Absicht, mir wehe zu tun, und daß er mir in dieser Sache eine Falle stellte! Seine lange hagere Backe war so einladend, und ich schlug ihn mit solcher Kraft darauf, daß mir die Finger schmerzten, als ob ich sie verbrannt hätte.

Er faßte meine Hand, und wir standen so da und sahen einander an. So blieben wir lange Zeit; lange genug, daß ich sehen konnte, wie die weißen Zeichen meiner Finger aus dem tiefen Rot seiner Wange verschwanden und ein noch tieferes Rot hinterließen.

»Copperfield,« sagte er endlich mit gepreßter Stimme, »sind Sie verrückt geworden?«

»Lassen Sie mich, ich bin jetzt fertig mit Ihnen!« sagte ich und entrang ihm meine Hand, »Ich will nichts mehr von Ihnen wissen, Sie Hund.«

»Wirklich nicht?« sagte er, von seiner schmerzenden Wange gezwungen, die Hand daran zu legen. »Vielleicht können Sie doch nicht anders. Ist das nicht sehr undankbar von Ihnen?«

»Ich habe Ihnen oft genug gezeigt, daß ich Sie verabscheue«, erwiderte ich. »Ich habe es Ihnen jetzt noch deutlicher gezeigt. Warum sollte ich Sie fürchten, da Sie allen, die Ihnen nahe kommen, das Schlimmste tun? Was tun Sie sonst überhaupt anderes?«

Er verstand vollkommen diese Anspielung auf die Rücksicht, die mich bis jetzt in meinem Verkehr mit ihm in Schranken gehalten hatte. Ich glaube sogar, daß ich mich weder zu dem Schlage, noch zu der Anspielung hätte hinreißen lassen, wenn mir Agnes nicht diesen Abend die früher erwähnte Versicherung gegeben hätte. Doch das tut nichts zur Sache.

Eine zweite lange Pause folgte. Seine Augen schienen, wie sie mich ansahen, jedes Farbenspiel anzunehmen, die überhaupt Augen häßlich machen können.

»Copperfield,« sagte er und nahm die Hand von der Wange, »Sie sind mir immer entgegen gewesen. Ich weiß, bei Mr. Wickfield haben Sie mir immer entgegengearbeitet!«

»Sie können denken, was Sie wollen«, sagte ich, immer noch in größter Wut. »Besser für Sie, wenn ich mich in Ihnen getäuscht hätte!«

»Und doch habe ich Sie immer gern gehabt, Copperfield«, entgegnete er.

Ich würdigte ihn keiner Antwort, sondern nahm meinen Hut und wollte fortgehen, als er mir den Weg nach der Tür vertrat.

»Copperfield,« sagte er, »es gehören zwei Leute zu einem Zanke. Ich will nicht mit dabei sein.«

»Sie können zum Teufel gehen!« sagte ich.

»Sagen Sie das nicht!« erwiderte er. »Ich weiß, es wird Ihnen später leid tun. Wie können Sie sich so unter mich erniedrigen, daß Sie sich so hinreißen lassen? Aber ich verzeihe Ihnen.«

»Sie mir verzeihen!« erwiderte ich in voller Verachtung.

»Ich tue es aber, und Sie können nichts dawider haben«, gab Uriah zu Antwort. »Man denke nur, über mich herzufallen, der ich immer Ihr Freund gewesen bin! Aber zu einem Zanke gehören wie gesagt zwei Leute, und ich will nicht dabei sein. Ich will Ihr Freund bleiben, Ihnen zum Trotz. Jetzt wissen Sie, was Sie zu erwarten haben.«

Die Notwendigkeit, das Gespräch, – sein Teil davon wurde sehr langsam, der meinige sehr rasch gesprochen – leise zu führen, damit das Haus zu dieser ungewöhnlichen Stunde nicht geweckt werde, trug nichts zur Verbesserung meiner Stimmung bei, obgleich sich meine Leidenschaft abkühlte. Ich sagte ihm nur, daß ich von ihm erwarte, was ich immer von ihm erwartet habe und was auch stets eingetroffen sei, machte die Tür auf, als wäre er eine große Nuß, die drin geknackt werden sollte, und verließ das Haus. Aber er schlief ebenfalls außer dem Hause, und ehe ich hundert Schritte weit weg war, holte er mich ein.

»Sie fühlen, Copperfield,« sagte er mir ins Ohr, denn ich wendete den Kopf nicht um –, »daß Sie in einer ganz falschen Stellung sind« – eine Bemerkung, deren Wahrheit ich vollkommen fühlte und was mich noch mehr in Zorn brachte; – »Sie können die Sache zu keiner Heldentat machen, und Sie können mir nicht verwehren, daß ich Ihnen verzeihe! Ich werde es weder gegen die Mutter, noch gegen jemand anders erwähnen. Ich habe den festen Entschluß gefaßt, Ihnen zu verzeihen. Aber es muß mich wundern, daß Sie Ihre Hand gegen eine so niedrige Person aufgehoben haben!«

Ich kam mir fast ebenso gemein vor wie er. Er kannte mich besser, als ich mich. Wenn er die Erwiderung nicht schuldig geblieben wäre, oder mich offen gereizt hätte, so wäre das eine Erquickung und eine Rechtfertigung gewesen, aber er hatte mich auf ein langsames Feuer gelegt, auf dem ich mich die halbe Nacht herum quälte.

Als ich am nächsten Morgen herauskam, läutete die Frühglocke. Er ging mit seiner Mutter auf und ab. Er redete mich an, als ob nichts vorgefallen wäre, und ich konnte nicht umhin zu antworten. Ich hatte ihn so derb geschlagen, daß er Zahnweh hatte, glaube ich. Er hatte sich das Gesicht mit einem schwarzen Tuch zugebunden, das ihn, mit dem Hut oben darauf, durchaus nicht verschönerte. Ich hörte später, daß er am Montag morgen nach London zum Zahnarzt gefahren war, um sich einen Zahn herausnehmen zu lassen. Ich will nur hoffen, daß er eine doppelte Wurzel hatte.

Der Doktor ließ sagen, daß er nicht ganz wohl sei, und blieb während der übrigen Zeit des Besuchs den größten Teil des Tages allein. Agnes und ihr Vater waren schon eine Woche fort, als wir unsere gewöhnlichen Arbeiten wieder anfingen. Am Tage vorher übergab mir der Doktor eigenhändig einen zugemachten, aber nicht versiegelten Brief. Er war an mich gerichtet, und forderte mich in wenigen eindringlichen und liebreichen Worten auf, niemals von dem Vorfall jenes Abends zu sprechen. Ich hatte meiner Tante davon gesagt, aber niemand anderm. Es war kein Gegenstand, den ich mit Agnes besprechen konnte, aber Agnes ahnte sicherlich nicht das mindeste von dem Vorgefallenen.

Auch Mrs. Ännie Strong damals nicht, wie ich überzeugt bin. Mehrere Wochen vergingen, bevor ich die mindeste Veränderung an ihr bemerkte. Sie kam langsam wie eine Wolke, wenn kein Wind ist. Anfangs schien sie sich über das zärtliche Mitleid zu wundern, mit dem der Doktor mit ihr sprach, und über seinen Wunsch, daß sie, um einige Abwechslung in ihr eintöniges Leben zu bringen, ihre Mutter zu sich nehmen möge. Oft, während wir arbeiteten und sie bei uns saß, sah ich, wie sie ihre Arbeit hinlegte und ihn mit jenem merkwürdigen Gesicht ansah. Später bemerkte ich manchmal, wie sie aufstand, die Augen voll Tränen, und das Zimmer verließ. Allmählich verbreitete sich ein Trauerschatten über ihre Schönheit und sie wurde jeden Tag düsterer. Mrs. Markleham war jetzt eine ständige Bewohnerin des Landhauses; aber »der alte Soldat« schwatzte und schwatzte und merkte nichts.

Als diese Veränderung über Ännie kam, die früher in dem Hause des Doktors wie Sonnenschein gewesen war, wurde der Doktor in seinem Äußern älter und ernster; aber die ruhige Herzlichkeit seines Wesens und die wohlwollende, schonende Art, mit der er sie behandelte, nahm noch zu, wenn sie überhaupt noch zunehmen konnte. Einmal, ganz früh am Morgen ihres Geburtstages, als sie sich in das Fenster setzte, während wir arbeiteten – was sie stets getan hatte, was sie aber jetzt mit einer schüchternen und unsicheren Weise tat, die mir sehr rührend vorkam, – faßte er ihren Kopf mit beiden Händen, küßte ihr die Stirn und verließ eilig das Zimmer, zu gerührt, um zu bleiben. Als er fort war, stand sie da wie eine Bildsäule, und dann senkte sie das Haupt, schlug die Hände zusammen und weinte vor unsäglichem Schmerz.

Nach diesem Vorfall kam sie mir manchmal vor, als ob sie mich, wenn wir allein waren, anreden wollte. Aber sie ließ nie ein Wort fallen. Der Doktor hatte immer irgend einen neuen Plan für ihre Beteiligung an Vergnügungen mit ihrer Mutter außerhalb des Hauses; und Mrs. Markleham, die sehr für Vergnügungen schwärmte, sonst aber sehr leicht unzufrieden wurde, ging darauf bereitwillig ein und erschöpfte sich in lauten Lobpreisungen. Aber Ännie ging nur, wohin man sie führte, wie leblos und unglücklich, und schien für nichts Interesse zu haben.

Ich wußte nicht, was ich davon denken sollte. Ebensowenig meine Tante, die zu verschiedenen Zeiten wohl hundert Meilen in ihrer Ungewißheit auf und ab geschritten sein muß. Das Seltsamste aber war, daß der einzige wirkliche Trost, der in das Betrübende dieses häuslichen Unglücks kam, von Mr. Dick ausging.

Was er über die Sache gedacht, oder was er davon gesehen hatte, kann ich nicht auseinandersetzen, und er würde mir nicht darin beistehen können. Aber wie ich in der Geschichte meiner Schultage erzählt habe, war seine Verehrung für den Doktor grenzenlos, und die wahre Zuneigung, selbst wenn sie eins der niedern Tiere gegen den Menschen fühlt, besitzt eine Feinheit der Beobachtung, dahinter der schärfste Verstand zurückbleibt. In diesem Instinkte des Herzens, wenn ich ihn so nennen darf, fielen bei Mr. Dick einige helle Strahlen der Wahrheit.

Mit Stolz war er wieder in sein altes Vorrecht eingetreten, in seinen freien Stunden mit dem Doktor im Garten auf und ab zu gehen, wie er es in Canterbury getan hatte. Aber kaum war die Krisis eingetreten, so widmete er alle seine freie Zeit – und er stand früher auf, um mehr Zeit zu haben – diesen Spaziergängen. Wenn er früher nie glücklicher gewesen war, als wenn ihm der Doktor aus dem wunderbaren Werke, dem Wörterbuche, vorlas, so war er jetzt ganz unglücklich, wenn der Doktor es nicht aus der Tasche zog und anfing. Wenn der Doktor und ich beschäftigt waren, gewöhnte er sich jetzt an, mit Mrs. Strong auf und ab zu gehen und sie bei der Pflege ihrer Lieblingsblumen oder im Reinigen der Beete zu unterstützen. Er sprach wohl kaum ein Dutzend Worte in der Stunde; aber seine stille Teilnahme und sein aufmerksames Gesicht weckten sofort Widerhall in den Herzen beider; jeder Teil wußte, daß ihn der andere gern hatte, und daß er beide liebte, und so wurde er, was sonst niemand werden konnte, ein Bindeglied zwischen ihnen.

Wenn ich an ihn denke, wie er mit einem undurchdringlich weisen Gesicht mit dem Doktor auf und ab ging, entzückt, mit den schwierigsten Wörtern des Wörterbuches bombardiert zu werden; wenn ich an ihn denke, wie er ungeheure Gießkannen hinter Ännie hertrug, wie er niederkniete und mit wahren Riesentatzen von Gartenhandschuhen geduldig eine mikroskopische Arbeit unter den kleinen Blättern verrichtete, und in allem, was er tat, wie kein Philosoph vermocht hätte, den zarten Wunsch ausdrückte, ihr Freund zu sein; wie er aus jedem Loche der Gießkanne Teilnahme, Zuversicht und Zuneigung ausströmen ließ; wenn ich denke, daß er in dem bessern Reste seines geistigen Selbst, an den das Unglück appellierte, niemals einen Schritt vom Wege tat, niemals den unglücklichen König Karl in den Garten mitbrachte, niemals in seinen dankerfüllten Diensten wankte, sich niemals ablenken ließ von dem Gedanken, daß hier etwas nicht in Richtigkeit sei, oder von dem Wunsche, es wieder in Ordnung zu bringen – so fühlte ich mich fast beschämt, zu wissen, daß er nicht ganz bei Verstande war, wenn ich das Höchste, was ich mit dem meinigen geleistet hatte, dagegen in Betracht zog.

»Niemand wie ich kennt diesen Mann, Trot!« sagte meine Tante voll Stolz, wenn wir von ihm sprachen – »Dick wird sich noch auszeichnen.«

Doch muß ich noch, ehe ich dieses Kapitel schließe, von einem andern Vorfall sprechen. Während der Besuch immer noch bei dem Doktor war, bemerkte ich, daß der Briefträger jeden Morgen für Uriah Heep, der die ganze Zeit über in Highgate blieb (weil nicht viel zu Haus zu tun wäre), zwei oder drei Briefe brachte, und daß diese immer in einer geschäftsmäßigen Weise von Mr. Micawber adressiert waren, der sich jetzt eine große runde ausgeschriebene Juristenhand angewöhnt hatte. Es freute mich, aus diesen schwachen Zeichen zu bemerken, daß sich Mr. Micawber in seiner Stellung wohl befinde, und ich war daher nicht wenig erstaunt, als ich um diese Zeit folgenden Brief von seiner liebenswürdigen Frau empfing:

»Canterbury, Montag abend.

Sie werden sich wahrscheinlich wundern, lieber Mr. Copperfield, von mir diesen Brief zu empfangen, noch mehr über seinen Inhalt. Noch mehr über die Bedingung unbedingten Schweigens, die ich nicht umhin kann zu machen. Aber meine Empfindungen als Gattin und Mutter bedürfen der Erleichterung, und da ich nicht meine Familie – die den Gefühlen Mr. Micawbers schon lange unangenehm ist – zu Rate ziehen kann, so kenne ich niemand, den ich besser um Rat fragen könnte, als meinen Freund und frühern Mietsmann.

Sie werden wissen, lieber Mr. Copperfield, daß zwischen mir und Mr. Micawber, den ich nie verlassen werde, immer gegenseitiges Vertrauen geherrscht hat. Mr. Micawber hat vielleicht manchmal einen Wechsel ausgestellt, ohne mich zu Rate zu ziehen, oder hat mich getäuscht über die Zeit, wo diese Wechsel fällig werden. Das ist wirklich geschehen. Aber im allgemeinen hat Mr. Micawber keine Geheimnisse gehabt vor dem Busen der Liebe – ich meine seine Gattin – und hat regelmäßig bei dem Zubettegehen die Ereignisse des Tages in Erinnerung gebracht.

Sie können sich nun denken, lieber Mr. Copperfield, wie groß der Schmerz meiner Empfindungen sein muß, wenn ich Sie benachrichtige, daß sich Mr. Micawber ganz und gar verändert hat. Er ist zurückhaltend. Er ist geheimnisvoll. Sein Leben ist ein Rätsel für die Teilnehmerin an seinen Freuden und an seinem Kummer – ich meine wieder seine Gattin – und wenn ich Ihnen sagen wollte, daß ich außer der Tatsache, daß er sich vom Morgen bis zum späten Abend im Bureau befindet, so wenig von ihm weiß, wie von dem Manne im Monde, so würde ich einen Volksaberglauben benutzen, um eine wirkliche Tatsache auszudrücken.

Aber das ist noch nicht alles! Mr. Micawber ist mürrisch! Mr. Micawber ist streng! Mr. Micawber ist entfremdet seinem ältesten Sohne und seiner Tochter, er betrachtet seine Zwillinge nicht mehr mit Stolz, er sieht selbst den unschuldigen Fremdling, der als letztes Mitglied in unsern Kreis getreten ist, mit gleichgültigem Auge an! Die pekuniären Mittel zur Bestreitung unserer Ausgaben, auf das äußerste beschränkt, sind von ihm nur mit der größten Schwierigkeit zu erlangen, und selbst nur unter der fürchterlichen Drohung, daß er ›Schlußabrechnung‹ halten wolle, – das ist genau das Wort – und er verweigert unerbittlich jede Aufklärung über diese zur Verzweiflung bringende Politik.

Das ist schwer zu ertragen! Das ist herzbrechend! Wenn Sie mir mit Berücksichtigung meiner schwachen Kräfte einen Rat geben wollen, was am besten in einem so ungewöhnlichen Dilemma zu tun ist, so würden Sie eine neue zu den vielen mir schon auferlegten freundlichen Verpflichtungen fügen. Mit einem freundlichen Gruß von dem zum Glück noch nichts ahnenden jungen Fremdling verbleibe ich, lieber Mr. Copperfield,

Ihre tiefbetrübte

Emma Micawber

Ich fühlte mich nicht berechtigt, einer Frau von Mrs. Micawbers Erfahrung einen andern Rat zu geben, als daß sie versuchen sollte, Mr. Micawber durch Geduld und Freundlichkeit wieder auf den rechten Pfad zurückzuführen, was sie, wie ich wohl wußte, jedenfalls tun würde, aber der Brief veranlaßte mich, sehr viel darüber nachzudenken.

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