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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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Einundvierzigstes Kapitel.

Doras Tanten.

Endlich kam eine Antwort von den beiden alten Damen. Sie empfahlen sich bestens Mr. Copperfield und benachrichtigten ihn, daß sie seinen Brief in reifliche Erwägung gezogen hatten und zwar »mit Rücksicht auf das Glück beider Teile«. Dies war nur ein Ausdruck, der mir etwas beunruhigend vorkam, nicht nur weil sie ihn schon bei Erwähnung des früher berührten Familienzwistes gebraucht hatten, sondern auch weil ich die Erfahrung gemacht habe – und zwar mein Leben lang – daß herkömmliche Phrasen eine Art Feuerwerk sind, das leicht losgeht und dabei eine Verschiedenartigkeit von Formen und Farben annimmt, die sein ursprüngliches Aussehen gar nicht rechtfertigt. Die beiden Misses Spenlow fügten hinzu, daß sie sich enthalten müßten, »durch briefliche Vermittlung« ein Urteil über den Gegenstand von Mr. Copperfields Mitteilungen auszusprechen; aber daß sie sich glücklich schätzen würden, mit Mr. Copperfield über diesen Gegenstand zu sprechen, wenn er ihnen an einem bestimmten Tage die Ehre erweisen wolle, sie vielleicht in Begleitung eines vertrauten Freundes zu besuchen.

Auf diesen Brief antwortete Mr. Copperfield sofort mit der Ergebenheit, daß er die Ehre haben werde, an dem und dem bestimmten Tage den beiden Damen seine Aufwartung zu machen, und zwar, ihre gütige Erlaubnis benutzend, in Begleitung seines Freundes Mr. Thomas Traddles vom Inner Temple. Nach Absendung dieser Botschaft geriet Mr. Copperfield in die größte Gemütsaufregung und verblieb darin, bis der Tag da war.

Meine Bedrängnis wurde nicht wenig dadurch vermehrt, daß ich in dieser verhängnisvollen Krisis der unschätzbaren Dienste der Miß Mills beraubt war. Aber Mr. Mills, der mir immer etwas zum Verdruß tat, – oder es kam mir wenigstens so vor, und das war dasselbe – hatte seinem Benehmen die Krone aufgesetzt und den Beschluß gefaßt, nach Ostindien zu gehen.

Was wollte er in Ostindien, warum anders sollte er nach Ostindien reisen, außer mir zum Verdruß? Freilich hatte er mit keinem andern Teile der Welt etwas zu tun und sehr viel mit diesem, denn er war ganz mit dem ostindischen Handel beschäftigt, (und was das auch immer sein mochte – ich selbst hatte in betreff des ostindischen Handels eine phantastische Vorstellung von goldenen Schals und Elefantenzähnen –) war in seiner Jugend in Kalkutta gewesen und wollte sich jetzt wieder als Chef des dortigen Hauses daselbst niederlassen. Aber das galt mir nichts. Jedoch für ihn war es so wichtig, daß er nach Ostindien zu reisen beschloß und Julia sollte mit; Julia reiste aufs Land, um von ihren Verwandten Abschied zu nehmen, und das Haus wurde mit einem vollkommenen Anzuge von Anzeigen beklebt, die da meldeten, daß es vermietet oder verkauft und daß der Hausrat – die Wäscherolle mit eingeschlossen – versteigert werden solle. So war hier wieder ein neues Erdbeben, dessen Opfer ich wurde, ehe ich mich von der Erschütterung des vorhergegangenen erholt hatte.

Ich war nicht mit mir einig, wie ich mich für den wichtigen Tag kleiden sollte, denn ich schwankte zwischen dem Wunsche, vorteilhaft zu erscheinen, und den Befürchtungen, irgend etwas anzulegen, was meinem streng praktischen Charakter in den Augen der Misses Spenlow Abbruch tun konnte. Ich versuchte, eine glückliche Mitte zwischen diesen beiden Gegensätzen zu treffen; meine Tante billigte das Ergebnis, und Mr. Dick warf einen seiner Schuhe hinter Traddles und mir her, als wir die Treppe hinuntergingen, damit wir Glück hätten.

Als einen so vortrefflichen Menschen ich Traddles auch immer kannte, und so herzlich ich ihm zugeneigt war, konnte ich doch nicht umhin, bei dieser zarten Gelegenheit zu wünschen, daß er sich nie gewöhnt hätte, sein Haar so entsetzlich in die Höhe zu bürsten. Es gab ihm ein so wunderliches Aussehen – ich möchte fast sagen, etwas Besenhaftes – was uns zum Unglück ausschlagen könnte, wie ich fürchtete.

Ich nahm mir die Freiheit, auf dem Wege nach Putney Traddles darauf aufmerksam zu machen und ihm zu sagen, »wenn er es nur ein wenig glatt streichen wollte –«

»Lieber Copperfield,« meinte Traddles, indem er den Hut abnahm und sein Haar in allen Richtungen rieb, »nichts würde mir größeres Vergnügen machen. Aber es geht nicht.«

»Es will sich nicht glätten lassen?« fragte ich.

»Nein«, sagte Traddles. »Es läßt sich durch nichts dazu bringen. Und wenn ich den ganzen Weg nach Putney einen halben Zentner darauf trüge, so würde es sich in dem Augenblicke wieder aufrichten, wo das Gewicht weggenommen würde. Du kannst dir gar keinen Begriff davon machen, wie hartnäckig mein Wirbelhaar ist, Copperfield. Ich bin ein wahres Stachelschwein.«

Ich muß gestehen, das machte mich etwas verdrießlich, obgleich mich seine Gutmütigkeit freute. Ich sagte ihm, wie sehr ich diese schätzte, und meinte, sein Haar müßte allen Trotz aus seinem Charakter genommen haben, denn er besitze keinen.

»O,« entgegnete Traddles lachend, »das ist schon eine alte Geschichte, mein armes Haar, sage ich dir. Es war mir auch sehr hinderlich, als ich mich zuerst in Sophie verliebte. O, sehr!«

»Hatte sie etwas dagegen?«

»Sie nicht,« erwiderte Traddles, »aber ihre älteste Schwester – die Schönheit – machte sich immer darüber lustig. Alle Schwestern lachten darüber.«

»Angenehm«, sagte ich.

»Ja,« entgegnete Traddles in vollkommenster Unschuld, »es ist immer für uns alle ein wahrer Spaß. Sie behaupten, Sophie besitze eine Locke davon in ihrem Schreibtisch, und habe sie in ein Buch mit einem Schloß davor legen müssen, damit sie darin bleibe. Wir spaßen immer darüber.«

»Apropos, lieber Traddles,« sagte ich, »deine Erfahrung kann mir einen Dienst leisten; als du dich mit der jungen Dame, die du eben erwähntest, verlobtest, machtest du da in der Familie einen ordentlichen Heiratsantrag, kam so etwas vor – wie wir z. B. heute vorhaben?« setzte ich unruhig hinzu.

»Die Wahrheit zu gestehen,« entgegnete Traddles, über dessen aufmerksames Gesicht sich jetzt ein nachdenklicher Schatten verbreitete, »es war bei mir eine ziemlich unangenehme Geschichte, Copperfield. Da nämlich Sophie der Familie so viel nützt, so konnte keine von ihnen den Gedanken ertragen, daß sie jemals heiraten sollte. Sie hatten es geradezu unter sich abgemacht, daß sie niemals heiraten sollte, und nannten sie nur die alte Jungfer. Als ich es daher mit der größten Vorsicht gegen Mrs. Crewler erwähnte –«

»Die Mutter wahrscheinlich?« fragte ich.

»Ja, die Mutter,« fuhr Traddles fort – »der Vater ist Se. Ehrwürden Horace Crewler. – Als ich es also mit der größten Vorsicht gegen Mrs. Crewler erwähnte, war die nächste Folge, daß sie laut aufschrie und in Ohnmacht fiel. Monate lang durfte ich nicht wieder von der Sache reden.«

»Aber endlich brachtest du sie wieder in Anregung?« fragte ich.

»Das tat der Vater«, sagte Traddles. »Er ist ein ganz vortrefflicher Mann, musterhaft in jeder Hinsicht, und er zeigte ihr, daß sie sich schon als Christin mit dem Opfer aussöhnen müsse, das ja überdies noch in so weiter Ferne läge. Aber was mich betrifft, Copperfield, ich gebe dir mein Wort, ich kam mir in meinem Verhältnis zu der Familie wie ein Raubvogel vor.«

»Die Schwestern nahmen doch deine Partei, Traddles?«

»Nun, das kann ich gerade nicht sagen«, gab er zurück. »Als wir Mrs. Crewler halb und halb damit ausgesöhnt hatten, mußten wir es Sarah beibringen. Du erinnerst dich, daß ich Sarah erwähnt habe als jene Schwester, die etwas an ihrem Rückgrat hat?«

»Ganz recht.«

»Sie ballte die Fäuste«, sagte Traddles, »und sah mich beklommen an, schloß die Augen, wurde aschfarben im Gesicht und steif am ganzen Körper, und zwei Tage lang nahm sie nur geröstete Brotschnitten und Wasser zu sich, das ihr mit einem Teelöffel eingeflößt werden mußte.«

»Was für ein unangenehmes Mädchen, Traddles!« bemerkte ich.

»O, bitte um Verzeihung, Copperfield!« sagte Traddles. »Sie ist ein ganz reizendes Mädchen, aber sie ist so sehr gefühlvoll; in der Tat, das sind sie alle. Sophie erzählte mir später, daß keine Worte die Selbstvorwürfe beschreiben könnten, die sie sich machte, als sie Sarah pflegte. Doch ich kann mir sie ausmalen nach meinen eigenen Empfindungen, die denen eines Verbrechers ähnlich waren. Nach Sarahs Wiederherstellung hatten wir es noch den acht übrigen beizubringen, und das hatte die verschiedenartigsten Wirkungen erschütterndster Art auf sie. Die beiden Kleinen, die Sophie erzieht, haben erst seit kurzer Zeit aufgehört, mich zu verabscheuen.«

»Jedenfalls haben sich jetzt alle damit ausgesöhnt«, entgegnete ich.

»Nun ja,« sagte Traddles zögernd, »im ganzen werden sie sich wohl jetzt darein ergeben haben. Die Sache ist die, wir sprechen gar nicht davon, und meine ungewissen Aussichten sind für sie alle ein großer Trost. Wenn wir einmal heiraten, gibt es eine klägliche Szene. Sie wird einem Leichenbegängnis ähnlicher sehen als einer Hochzeit. Und hassen werden sie mich alle, wenn ich sie mit fortnehme.«

Sein ehrliches Gesicht, als er mich mit tragikomischem Kopfschütteln ansah, macht mir in der Erinnerung mehr Eindruck als damals in Wirklichkeit, denn ich befand mich in einem Zustand so außerordentlicher Angst und Kopflosigkeit, daß ich ganz unfähig war, meine Aufmerksamkeit auf irgend etwas zu richten. Als wir in die Nähe der Wohnung der beiden Misses Spenlow kamen, stand es mit meinem Aussehen und mit meiner Geistesgegenwart so schlimm, daß Traddles als sanftes Reizmittel ein Glas Ale in Vorschlag brachte. Nachdem wir dieses in einem benachbarten Wirtshaus genossen hatten, führte er mich wankenden Schrittes bis an der Misses Spenlows Tür.

Ich hatte ein unbestimmtes Gefühl, öffentlich zur Schau gestellt zu werden, als das Mädchen die Tür öffnete und ich durch eine Vorhalle mit einem Wetterglase in ein stilles kleines Parterrezimmer mit der Aussicht auf einen hübschen Garten wankte. Ich setzte mich auf ein Sofa und sah Traddles Haar, wie er jetzt seinen Hut abnahm, sich emporbäumen, gleich einer jener zudringlichen kleinen Figuren aus Sprungfedern, die aus angeblichen Schnupftabaksdosen emporspringen, wenn sie geöffnet werden. Auf dem Kaminsimse tickte eine altmodische Uhr, und ich versuchte den Pendelschlag in Übereinstimmung mit dem Klopfen meines Herzens zu bringen. Auch sah ich mich im Zimmer nach irgend einem Zeichen von Dora um, fand aber keines. Ferner glaubte ich zu hören, daß Jip einmal in der Ferne belle und sofort von jemand beschwichtigt würde. Zuletzt kam ich erst wieder zur Besinnung, als ich Traddles beinah in den Kamin drängte und mich in großer Verwirrung vor zwei vertrockneten kleinen Damen verbeugte, die schwarz gekleidet waren und in ihrem Aussehen lebhaft an ein Präparat aus Bast oder Leder in Gestalt eines Ablegers von dem verstorbenen Mr. Spenlow erinnerten.

»Ich bitte, nehmen Sie Platz«, sagte eine der beiden kleinen Damen.

Als ich aufgehört hatte, über Traddles zu stolpern und mich auf etwas gesetzt hatte, was keine Katze war – wie mein erster Sitz – hellten sich meine Augen wenigstens so weit auf, daß ich sehen konnte, daß Mr. Spenlow offenbar der jüngste der Familie gewesen war, daß zwischen beiden Schwestern ein Unterschied von sechs oder acht Jahren im Alter war, daß die jüngere mit der Leitung der Konferenz beauftragt zu sein schien, denn sie hatte meinen Brief in der Hand und besah ihn manchmal durch ein Augenglas. Sie waren beide gleich angezogen, aber diese Schwester trug sich etwas jugendlicher als die andere und hatte vielleicht etwas mehr Krause, Busenstreif, oder eine Brosche, ein Armband oder sonst eine Kleinigkeit, die sie etwas lebhafter erscheinen ließ. Beide waren in Haltung und Benehmen sehr straff, zeremoniös, gefaßt und ruhig. Die ältere Schwester hatte die Arme über die Brust gekreuzt und saß da wie ein Götzenbild.

»Mr. Copperfield, vermute ich«, sagte die Schwester mit dem Brief zu Traddles.

Das war ein schrecklicher Anfang. Traddles hatte auseinanderzusetzen, daß ich Mr. Copperfield sei, und ich hatte mich vorzustellen, und sie hatten sich von einer vorgefaßten Meinung freizumachen, daß Traddles Mr. Copperfield sei, – wir waren in der allervortrefflichsten Konfusion. Um die Sache voll zu machen, hörten wir ganz deutlich Jip bellen und wieder beschwichtigt werden.

»Mr. Copperfield!« sagte die Schwester mit dem Brief.

Ich tat etwas – vermutlich verbeugte ich mich und war ganz Ohr, als die andere Schwester sie unterbrach.

»Meine Schwester Lavinia,« sagte sie, »die sich auf Sachen dieser Art versteht, wird darlegen, was wir für das beste zur Beförderung des Glücks beider Beteiligten halten.«

Ich entdeckte später, daß Miß Lavinia eine Autorität in Herzenssachen war, weil es früher einmal einen gewissen Mr. Pidger gegeben, der kurzes Whist gespielt und in sie verliebt gewesen sein soll. Meiner Meinung nach war dies eine ganz willkürliche Voraussetzung, und Pidger war von derartigen Gefühlen ganz freizusprechen – wenigstens konnte ich nie erfahren, daß er sich jemals dazu bekannt hätte. Aber Miß Lavinia und Miß Clarissa hatten einen Aberglauben, daß er seine Liebe erklärt haben würde, wenn er nicht in der Blüte seiner Jahre – er war ungefähr sechzig – durch zu starkes Trinken und einen Versuch, sich durch eine gewaltsame Kur in Bath wieder zu heilen, der Welt entrissen worden wäre. Sie hatten sogar einen geheimen Verdacht, er sei an stiller Liebe gestorben, aber es gab ein Bildnis von ihm in dem Hause, mit einer roten Weinnase, die er jedenfalls offener als seine Liebe zur Schau getragen hatte.

»Wir wollen nicht von der frühern Geschichte dieses Verhältnisses sprechen«, sagte Miß Lavinia. »Unsres armen Bruders Francis Tod überhebt uns dessen.«

»Wir waren nicht gewohnt, mit unserm Bruder Francis häufig zu verkehren,« sagte Miß Clarissa, »aber entschiedene Uneinigkeit herrschte nicht zwischen uns. Francis schlug seinen Weg ein, und wir den unsrigen. Wir erachteten es für besser für das Glück aller Beteiligten, es so zu machen. Und es war so.«

Jede der beiden Schwestern bog sich ein wenig vor beim Sprechen, schüttelte den Kopf nach dem Sprechen und saß wieder steif aufrecht, so wie sie schwieg. Miß Clarissa bewegte ihre Arme nie. Manchmal trommelte sie darauf mit ihren Fingern – Menuette und Märsche, glaube ich – aber sie bewegte sie niemals.

»Die Stellung unserer Nichte, oder ihre vermeintliche Stellung hat sich durch unsres Bruders Francis Tod sehr verändert,« sagte Miß Lavinia, »und deshalb erachten wir die Ansprüche des Bruders über ihre Stellung nicht mehr für zutreffend. Wir haben keinen Grund, zu zweifeln, Mr. Copperfield, daß Sie ein junger Mann von guten Eigenschaften und ehrenwertem Charakter sind, oder daß Sie eine Zuneigung haben – oder daß Sie vielmehr vollkommen überzeugt sind, daß Sie Zuneigung zu unserer Nichte haben.«

Ich erwiderte, wie immer, wo ich Gelegenheit dazu hatte, daß niemand jemand so geliebt habe, wie ich Dora liebte. Traddles kam mir mit einem bekräftigenden Gemurmel zu Hilfe.

Miß Lavinia wollte eine Antwort geben, als Miß Clarissa wieder einfiel, die mir unausgesetzt von dem Wunsche besessen schien, ihren Bruder Francis zu erwähnen:

»Wenn Doras Mama, als sie unsern Bruder Francis heiratete, gleich gesagt hätte, daß für die Familie ihres Mannes an der Mittagstafel kein Platz wäre, so würde es besser für das Glück aller Beteiligten gewesen sein.«

»Schwester Clarissa,« bemerkte Miß Lavinia, »vielleicht brauchen wir daran jetzt nicht zu denken.«

»Schwester Lavinia,« sagte Miß Clarissa, »es gehört zu dem Gegenstand unseres Gesprächs. Ich würde mich niemals in den Teil des Gesprächsthemas mischen, über den zu urteilen du allein befähigt bist. In diesem Teil des Gesprächsthemas aber habe ich eine Stimme und eine Meinung. Es wäre besser für das Glück aller Beteiligten gewesen, wenn Doras Mama, als sie unsern Bruder Francis heiratete, deutlich gezeigt hätte, was ihre Absichten waren. Wir würden dann gewußt haben, was wir zu erwarten hatten. Wir würden gesagt haben: ›Bitte, ladet uns überhaupt nicht ein‹, und jede Möglichkeit eines Mißverständnisses wäre vermieden worden.«

Als Miß Clarissa ihren Kopf geschüttelt hatte, fing Miß Lavinia wieder an und berichtete aus meinem Briefe mit Hilfe der Lorgnette. Beiläufig bemerkt, hatten beide kleine, glänzende, runde, funkelnde Augen, die wie Vogelaugen aussahen. Überhaupt waren sie im allgemeinen Vögeln nicht unähnlich, denn sie hatten ein aufmerksames, rasches, plötzliches Wesen und eine niedliche, kurze Art, sich aufzuplustern und sauber zurechtzustutzen wie Kanarienvögel.

Miß Lavinia, wie schon gesagt, fing wieder an:

»Sie bitten meine Schwester und mich um Erlaubnis, Mr. Copperfield, als der anerkannte Bräutigam unserer Nichte hier Besuche abzustatten.«

»Wenn sich unser Bruder Francis«, brach Miß Clarissa los, wenn man etwas so Ruhiges »losbrechen« nennen darf, »mit einer Atmosphäre von Doktor Commons und nur von Doktor Commons zu umgeben wünschte, wie konnten wir etwas dagegen einwenden? Gewiß nicht; wir hatten kein Recht dazu. Wir sind immer weit entfernt davon gewesen, uns jemand aufdrängen zu wollen. Aber warum sagte er es nicht offen heraus? Unser Bruder Francis und seine Frau mögen sich ihre Gesellschaft selbst aussuchen. Meine Schwester Lavinia und ich haben auch unsere Gesellschaft, wir können sie ohne ihn finden, hoffe ich!«

Da sie sich mit diesen Worten an Traddles und mich zu wenden schien, so gaben wir, sowohl Traddles wie ich, eine Art Antwort. Traddles' Worte waren unhörbar. Ich glaube, ich bemerkte, daß es für alle Beteiligten höchst ehrenvoll sei. Was ich damit meinte, weiß ich nicht im mindesten.

»Schwester Lavinia,« sagte Miß Clarissa, die jetzt ihr Herz erleichtert hatte, »du kannst fortfahren, meine Liebe.«

Miß Lavinia fuhr fort:

»Mr. Copperfield, meine Schwester Clarissa und ich haben diesen Brief in reiflichste Erwägung gezogen, und haben es nicht getan, ohne ihn zuletzt unserer Nichte zu zeigen und mit ihr den Inhalt zu besprechen. Ich bezweifle nicht, daß Sie glaubten, Sie liebten sie sehr.«

»Glauben Sie mir, Madame!« begann ich ganz begeistert. »O! –«

Aber da mir Miß Clarissa einen Blick zuwarf, gerade wie ein Kanarienvogel, als wolle sie den Wunsch andeuten, ich solle das Orakel nicht unterbrechen, so bat ich um Verzeihung.

»Liebe,« sagte Miß Lavinia und ersuchte ihre Schwester mit einem Blick um ihre Beistimmung, welche diese mit einem Kopfnicken nach jedem Satze gab, »gereifte Liebe, Hingebung, Verehrung finden nicht leicht einen Ausdruck. Ihre Stimme ist leise. Sie ist bescheiden und zurückgezogen, sie liegt im Hinterhalt und wartet und wartet. So ist die reife Frucht. Manchmal gleitet ein Leben hinweg, und immer noch reift sie im Schatten.«

Natürlich verstand ich damals noch nicht die Anspielung auf ihre angebliche Erfahrung mit dem unglücklichen Pidger; aber ich erkannte aus dem Ernst, mit dem Miß Clarissa mit dem Kopfe nickte, daß man großes Gewicht auf diese Worte legte.

»Die leichten – denn ich nenne sie im Vergleich mit solchen Empfindungen leicht – die leichten Neigungen der jungen Leute«, fuhr Miß Lavinia fort, »sind Staub, verglichen mit Felsen. Weil es so schwer ist zu erfahren, ob sie von Dauer sind oder einen wahren Grund haben, war meine Schwester Clarissa und ich lange ungewiß, Mr. Copperfield und Mr. –« »Traddles«, erwiderte mein Freund, da er einem auf sich gerichteten Blicke begegnete.

»Ich bitte um Verzeihung. Von Inner Temple, glaube ich«, sagte Miß Clarissa und sah wieder in den Brief.

Traddles antwortete: »Allerdings«, und wurde ziemlich rot im Gesicht.

Obgleich ich noch keine ausdrückliche Aufmunterung erhalten hatte, so glaube ich doch in den beiden kleinen Schwestern und vornehmlich in Miß Lavinia eine große Neigung zu erkennen, diesen neuen fruchtbaren Gegenstand häuslichen Interesses zu genießen und soviel wie möglich daraus zu machen, was mir ziemlich viel Hoffnung gab.

Mir schien es, als ob Miß Lavinia außerordentliche Lust daran finden müßte, zwei junge Liebende wie Dora und mich zu leiten, und daß Miß Clarissa nicht weniger Genuß haben müßte, wenn sie dieses Leiten mit ansah und sich mit ihrem besondern Zweige des Themas einmischte, so oft sie der Geist dazu trieb.

Diese Betrachtung flößte mir nun den Mut ein, auf das Lebhafteste zu beteuern, daß ich Dora mehr liebe, als ich sagen oder jemand glauben könne; daß alle meine Freunde wüßten, wie sehr ich sie liebte; daß meine Tante, Agnes, Traddles, jeder, der mich kannte, wüßten, wie ich sie liebte und wie ernst mich diese Liebe gemacht hatte. Zur Bestätigung dieser Beteuerungen wendete ich mich an Traddles.

Und Traddles wurde so lebhaft, als ob er mitten in einer parlamentarischen Debatte wäre, und zog sich glänzend aus der Affäre, indem er in treffenden, fließenden Ausdrücken und in einer einfachen, praktisch vernünftigen Weise bestätigte, was ich aussagte, was ersichtlich einen günstigen Eindruck machte.

»Ich spreche, wenn ich mir es erlauben darf, zu sagen, wie jemand, der einige Erfahrung hat von solchen Dingen,« sagte Traddles, »denn ich bin selbst mit einer jungen Dame verlobt – einer von zehn Schwestern unten in Devonshire – und sehe bis jetzt noch keine Möglichkeit, wann unsere Verlobung ihr Ende erreichen soll.«

»Sie werden gewiß bestätigen können, Mr. Traddles, was ich vorhin von der Liebe sagte, die bescheiden und zurückhaltend ist und die da treulich wartet und wartet«, bemerkte Miß Lavinia, die ihn offenbar mit neuer Teilnahme ansah.

»Vollkommen, Madame,« entgegnete Traddles, »vollkommen!«

Miß Clarissa sah Miß Lavinia an und schüttelte ernst den Kopf. Miß Lavinia sah mit Selbstbewußtsein Miß Clarissa an und seufzte leise.

»Schwester Lavinia,« sagte Miß Clarissa, »nimm mein Riechfläschchen.«

Miß Lavinia brachte sich mit ein paar Zügen an dem Fläschchen wieder zum Leben – währenddem Traddles und ich mit großer Teilnahme zusahen – und fuhr dann mit etwas schwacher Stimme fort:

»Meine Schwester und ich sind lange ungewiß gewesen, Mr. Traddles, was wir bei der Neigung, vielleicht nur eingebildeten Neigung von zwei so sehr jungen Leuten tun sollen, wie Ihr Freund Mr. Copperfield und unsere Nichte sind.«

»Unsres Bruders Francis Kind«, bemerkte Miß Clarissa. »Wenn unsres Bruders Francis Gattin es während ihres Lebens passend gefunden hätte – obgleich sie ein ganz unbezweifeltes Recht hatte, ganz nach Belieben zu handeln – die Familie an ihre Mittagstafel einzuladen, so würden wir unsers Bruders Francis Kind gegenwärtig besser kennen. Schwester Lavinia, fahre fort.«

Miß Lavinia wendete meinen Brief um, so daß sie die Adresse vor Augen hatte, und blickte durch ihr Augenglas nach ein paar Notizen, die sie aufgezeichnet hatte.

»Ich glaube, wir tun gut, Mr. Traddles,« sagte sie, »diese Empfindungen der Probe unserer eigenen Beobachtung zu unterwerfen. Vorderhand kennen wir diese nicht und sind nicht in der Lage, zu beurteilen, inwieweit sie echt sind. Deshalb sind wir geneigt, so weit auf Mr. Copperfields Vorschlag einzugehen, daß wir seine Besuche gestatten.«

»Niemals werde ich Ihre Güte vergessen, verehrte Damen«, rief ich aus, um eine unendliche Last der Besorgnis erleichtert.

»Aber,« fuhr Miß Lavinia fort, »aber wir wünschten diese Besuche vorderhand so aufgefaßt zu sehen, Mr. Traddles, als ob sie uns gälten. Wir müssen uns hüten, eine förmliche Verlobung zwischen Mr. Copperfield und unserer Nichte anzuerkennen, bis wir eine Gelegenheit gehabt haben –«

»Bis du eine Gelegenheit gehabt hast, Schwester Lavinia«, erwiderte Miß Clarissa.

»Nun, wie du willst,« stimmte Miß Lavinia mit einem Seufzer bei – »bis ich Gelegenheit gehabt habe, Sie zu beobachten.«

»Copperfield,« sagte Traddles zu mir gewendet, »du siehst gewiß ein, daß nichts verständiger oder billiger sein kann.«

»Nichts!« rief ich aus. »Ich bin auf das tiefste dankbar dafür.«

»Bei dieser Lage der Sache,« sagte Miß Lavinia und sah wieder auf ihre Notizen, »und indem wir seine Besuche nur unter dieser Bedingung gestatten, müssen wir von Mr. Copperfield eine bestimmte Versicherung bei seinem Ehrenwort verlangen, daß er sich mit unserer Nichte ohne unser Wissen auf keine andere Weise ins Vernehmen setzt. Daß kein Plan in bezug auf unsere Nichte entworfen wird, ohne daß er uns erst vorgelegt wird.«

»Dir, Schwester Lavinia«, unterbrach sie Miß Clarissa.

»Wie du willst,« sagte Miß Lavinia mit Resignation – »mir – und unsere Billigung erhält. Wir müssen dies zu einer ausdrücklichen und ernstlichen Bedingung machen, die um keinen Preis verletzt werden darf. Wir wünschten Mr. Copperfield heute mit einem vertrauten Freunde bei uns zu sehen,« – mit einer Verbeugung gegen Traddles, der sie erwiderte – »damit über diese Sache kein Zweifel oder Mißverständnis entsteht. Wenn Mr. Copperfield oder Sie, Mr. Traddles, den mindesten Anstand nehmen, dieses Versprechen zu geben, so bitte ich Sie, sich die Sache zu überlegen.«

In der höchsten Begeisterung rief ich aus, daß kein Augenblick Bedenkzeit nötig sei. Ich gab das verlangte Versprechen in der leidenschaftlichsten Weise, rief Traddles zum Zeugen an, und nannte mich den verabscheuungswürdigsten Menschen, wenn ich es jemals nur im mindesten verletzte.

»Halt!« sagte Miß Lavinia, und hielt die Hand empor, »ehe wir das Vergnügen hatten, die beiden Herren bei uns zu sehen, beschlossen wir, Sie zur Erwägung dieses Punktes eine Viertelstunde allein zu lassen. Sie werden uns erlauben, uns zurückzuziehen.«

Vergebens beteuerte ich, daß keine Überlegung notwendig sei. Sie bestanden darauf, sich auf eine Viertelstunde zu entfernen. So hüpften denn die beiden kleinen Vögel mit großer Würde hinaus und überließen mich den Glückwünschen Traddles'; ich fühlte mich in die Regionen reinster Glückseligkeit versetzt. Genau nach Verlauf einer Viertelstunde erschienen sie mit derselben Würde wieder. Sie waren fortgerauscht, als ob ihre Kleider von Herbstblättern gemacht wären, und kamen in derselben Weise wieder hereingerauscht.

Ich verpflichtete mich jetzt noch einmal, an den vorgeschriebenen Bedingungen festzuhalten.

»Schwester Clarissa,« sagte Miß Lavinia, »alles übrige ist deine Sache.«

Miß Clarissa, die jetzt ihre Arme zum ersten Male auseinander nahm, ergriff den Brief und sah auf die Notizen.

»Wir werden uns glücklich schätzen,« sprach Miß Clarissa, »Mr. Copperfield jeden Sonntag zum Essen bei uns zu sehen, wenn es ihm passend ist. Wir speisen um drei Uhr.«

Ich verbeugte mich.

»Im Laufe der Woche«, sagte Miß Clarissa, »werden wir uns glücklich schätzen, Mr. Copperfield zum Tee zu sehen. Unsere Stunde ist halb sieben.«

Ich verbeugte mich abermals.

»Zweimal in der Woche,« fuhr Miß Clarissa fort, »aber in der Regel nicht öfter.«

Ich verbeugte mich wieder.

»Miß Trotwood,« sagte Miß Clarissa, »von der in Mr. Copperfields Briefe Erwähnung geschieht, wird uns vielleicht besuchen. Wenn Besuche besser sind für das Wohl aller Beteiligten, so nehmen wir gern Besuche an und erwidern sie. Wenn es besser ist für das Wohl aller Beteiligten, daß keine Besuche stattfinden, – wie es bei unserm Bruder Francis und seiner Familie der Fall war – so ist das etwas ganz andres.«

Ich gab zu verstehen, daß sich meine Tante stolz und glücklich schätzen würde, ihre Bekanntschaft zu machen, obgleich ich gestehen muß, daß ich nicht ganz sicher war, ob sie gut zusammenpassen würden.

Da die Bedingungen jetzt festgestellt waren, sprach ich meinen Dank in der wärmsten Weise aus und ergriff zuerst Miß Clarissas und dann Miß Lavinias Hand und drückte sie beide an die Lippen.

Miß Lavinia stand dann auf, bat Mr. Traddles, uns für einen Augenblick zu entschuldigen, und forderte mich auf, ihr zu folgen.

Ich gehorchte zitternd vor Aufregung und trat mit ihr in ein anderes Zimmer. Dort fand ich meine herrliche Kleine, hinter der Tür sich die Ohren zuhaltend und das liebliche Gesichtchen der Wand zugekehrt; und Jip im Tellerwärmer, den Kopf in ein Handtuch gebunden.

O! wie schön war sie in ihrem schwarzen Hauskleide, und wie sie anfangs schluchzte und weinte und nicht hinter der Tür hervor wollte! Wie wir uns liebten, als sie endlich hervorkam; und wie selig ich war, als wir Jip aus dem Tellerwärmer hervorholten und ihn sehr stark niesend dem Licht wieder schenkten, und wir alle drei wieder beisammen waren!

»Liebste Dora! jetzt bist du für immer mein!«

»O ich bitte dich!« entgegnete Dora. »Ich bitte dich!«

»Bist du nicht für immer mein, Dora?«

»O ja, natürlich!« rief Dora, »aber ich bin so erschrocken!«

»Erschrocken, Liebste?«

»O ja! Ich kann ihn nicht ausstehen«, sagte Dora. »Warum geht er nicht fort?«

»Wer denn, mein Leben?«

»Dein Freund«, sagte Dora. »Es geht ihn ja gar nichts an. Wie einfältig er sein muß!«

»Liebe Dora!« – Nichts konnte so liebenswürdig sein als ihre kindisch tändelnde Weise. – »Er ist der beste Kerl auf der Welt.«

»Ach, wir brauchen keine besten Kerle«, schmollte Dora.

»Liebe Dora,« sagte ich, »du wirst ihn bald besser kennen lernen, und er wird dir sehr gefallen. Auch meine Tante wird bald kommen, und auch an ihr wirst du sehr viel Gefallen finden, sobald du sie kennen lernst.«

»O nein, bitte, bring sie nicht her!« sagte Dora, gab mir ein erschrockenes Küßchen und faltete die Hände. »O bitte, nein. Ich weiß, sie ist eine böse, Unheil stiftende alte Frau! Bringe sie nicht mit, Doady!« – was eine Abkürzung von David sein sollte.

Ich sah wohl, Vorstellungen halfen jetzt nichts; deshalb lachte ich und bewunderte sie und war sehr verliebt und sehr glücklich. Sie zeigte mir Jips neues Kunststück, wie er in einer Ecke auf den Hinterbeinen stehen konnte – er tat es etwa so lange, wie ein Blitz leuchtet, und fiel dann wieder zusammen – und ich weiß nicht, wie lange ich dageblieben wäre, ohne an Traddles zu denken, wenn mich Miß Lavinia nicht geholt hätte. Miß Lavinia liebte Dora sehr, – sie sagte mir, Dora sehe ganz so aus, wie sie selbst in diesem Alter – sie mußte sich sehr verändert haben – und behandelte Dora, gerade als ob sie eine Puppe wäre. Ich wollte Dora bereden, sich Traddles vorstellen zu lassen, aber als ich es zur Sprache brachte, lief sie fort in ihr Zimmer und schloß sich ein; so begab ich mich wieder zu Traddles ohne sie und ging mit ihm fort, als wandelte ich auf Wolken.

»Es konnte nicht befriedigender ausfallen,« sagte Traddles, »und es sind gewiß ein paar ganz angenehme alte Damen. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn du Jahre vor mir heiratest, Copperfield.«

»Spielt deine Sophie irgend ein Instrument, Traddles?« fragte ich in der stolzen Freude meines Herzens.

»Sie versteht so viel vom Klavierspiel, daß sie ihre kleinen Schwestern unterrichten kann«, entgegnete Traddles.

»Singt sie?« fragte ich.

»O ja, sie singt manchmal Balladen, um die andern ein wenig aufzuheitern, wenn sie schlechter Laune sind«, erwiderte er.

»Singt sie zur Gitarre?« fragte ich.

»O nein«, sagte Traddles.

»Malt sie denn?«

»Gar nicht«, sagte Traddles.

Ich versprach Traddles, er solle Dora singen hören und einiges von ihren Blumenmalereien sehen. Er erklärte, das würde ihm eine große Freude sein, und wir gingen Arm in Arm in glückseliger Stimmung und entzückt nach Hause. Unterwegs bewog ich ihn, über Sophie zu sprechen, und das tat er mit einem so liebenden Vertrauen in sie, das ich sehr bewunderte. Ich verglich sie in meinem Geiste mit Dora, und zwar mit bedeutender innerer Befriedigung; aber ich gab auch aufrichtig vor mir selbst zu, daß sie für Traddles ein ausgezeichnetes Mädchen zu sein schiene.

Natürlich machte ich meine Tante sofort mit dem erfolgreichen Ausgang der Konferenz bekannt und mit allem, was in ihrem Verlauf gesprochen und getan worden war. Sie fühlte sich glücklich, mich glücklich zu sehen, und versprach, unverzüglich bei Doras Tanten einen Besuch zu machen. Aber sie machte an diesem Abend einen so langen Spaziergang durch unser Zimmer, während ich an Agnes schrieb, daß ich zu fürchten anfing, sie wolle bis zum Morgen spazieren gehen.

Mein Brief an Agnes war innig und dankbar, und erzählte alle guten Wirkungen, die für mich die Befolgung ihres Rates gehabt hatte. Sie antwortete mir mit umgehender Post. Ihr Brief war hoffnungsvoll, innig und heiter. Sie war von dieser Zeit an immer heiter.

Ich hatte jetzt mehr denn je alle Hände voll zu tun. Bei meinen täglichen Wanderungen nach Highgate war Putney ziemlich weit entfernt; und ich wünschte natürlich, so oft wie möglich dort zu sein. Da die vorgeschlagenen Teebesuche ganz unausführbar waren, so erlangte ich von Miß Lavinia die Erlaubnis, jeden Sonnabend nachmittag einen Besuch zu machen, ohne daß mir deswegen meine Sonntage gekürzt wurden. So wurde mir der Schluß jeder Woche zu einer köstlichen Zeit; und die sehnsüchtige Erwartung dieser Tage half mir über die übrige Woche hinweg.

Kein geringer Trost war es mir, daß meine Tante und Doras Tanten im ganzen viel besser miteinander auskamen, als ich erwartet hatte. Meine Tante stattete ihren versprochenen Besuch wenige Tage nach der Konferenz ab; und wenige Tage später besuchten Doras Tanten sie in gehöriger Form. Ähnliche, aber weniger zeremoniöse Besuche fanden später gewöhnlich in Zwischenräumen von drei oder vier Wochen statt.

Freilich entsetzte meine Tante Doras Tanten dadurch sehr, daß sie alle Fiaker verachtete und zu ungewöhnlichen Zeiten, kurz nach dem Frühstück oder unmittelbar vor dem Tee, nach Putney hinausging; oder daß sie ihren Hut so trug, wie es ihrem Kopfe gerade bequem war, ohne sich im geringsten um die Vorurteile der Zivilisation über diesen Gegenstand zu kümmern. Aber Doras Tanten waren bald darin einig, daß sie in meiner Tante eine exzentrische und etwas männliche Dame mit einem kräftigen Verstand sahen, und wenn sie durch ketzerische Ansichten über verschiedene Fragen in bezug auf gesellschaftliche Formen manchmal die Federn der beiden kleinen Kanarienvögel zum Sträuben brachte, so liebte mich meine Tante doch zu sehr, um nicht einige ihrer kleinen Wunderlichkeiten dem allgemeinen guten Einverständnis zu opfern.

Das einzige Glied unsers kleinen Kreises, das sich entschieden weigerte, sich den Umständen anzupassen, war Jip. Er erblickte meine Tante nie, ohne sofort jeden Zahn im Maule zu zeigen, sich unter einen Stuhl zurückzuziehen und unaufhörlich zu knurren; dazwischen stieß er dann und wann ein schmerzliches Geheul aus, als mute ihre ganze Erscheinung seinen Gefühlen wirklich zu viel zu. Alle Arten der Behandlung wurden mit ihm versucht: Schmeicheln, Schelten, Klapse geben, selbst nach Buckingham Street wurde er gebracht, wo er sich sofort auf die beiden Katzen stürzte zum Schrecken aller Zuschauer; aber er gewann es nie über sich, meiner Tante Gesellschaft zu ertragen. Manchmal dachte er, er hätte seine Abneigung überwunden, und war auf wenige Augenblicke liebenswürdig, dann aber reckte er sein Stumpfnäschen in die Höhe und heulte so laut, daß nichts andres übrig blieb, als ihm die Augen zu verbinden, und ihn in den Tellerwärmer zu stecken. Zuletzt wickelte ihn Dora regelmäßig in ein Handtuch und schloß ihn so ab, sobald meine Tante an der Tür gemeldet wurde.

Etwas machte mir große Sorge, als wir so in stillem Glück lebten. Nämlich, daß Dora einmütig wie eine hübsche Puppe oder ein Spielzeug behandelt wurde. Meine Tante, an die sie sich allmählich gewöhnte, nannte sie immer »mein kleines Maßliebchen«, und Miß Lavinia fand ihr einziges Vergnügen darin, sie zu bedienen, ihr das Haar zu kräuseln, Putz für sie zu machen und sie wie ein Schoßkind zu behandeln. Die Schwester folgte natürlich dem Beispiel Miß Lavinias. Es kam mir sehr seltsam vor; aber alle schienen Dora ziemlich so zu behandeln, wie Dora Jip behandelte.

Ich nahm mir vor, mit Dora darüber zu sprechen; und als wir einmal zusammen spazieren gingen, – denn nach einiger Zeit hatte uns Miß Lavinia erlaubt, allein auszugehen – sagte ich zu ihr, daß ich wünschte, sie könnte sie bewegen, sie anders zu behandeln; »denn du weißt ja, Liebling,« stellte ich ihr vor, »du bist kein Kind mehr.«

»O,« erwiderte Dora, »jetzt wirst du wieder brummig.«

»Brummig, mein Liebling?«

»Sie sind gewiß recht gut gegen mich,« sagte Dora, »und ich bin sehr glücklich.«

»Nun ja! Aber teuerstes Leben,« erwiderte ich, »du könntest sehr glücklich sein und doch vernünftig behandelt werden.«

Dora warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu – ach! es war ein allerliebster Blick! – und fing dann an zu schluchzen und sagte, wenn sie mir nicht gefiele, warum ich mich dann mit ihr verlobt hätte? Und warum ich nicht fortginge, wenn ich sie nicht ausstehen könnte?

Was konnte ich nun anders tun, als ihr die Tränen wegküssen und ihr beteuern, wie sehr ich sie liebte?

»Ich bin gewiß sehr liebevoll,« sagte Dora; »du solltest nicht hart gegen mich sein, Doady.«

»Hart, geliebtes Kleinod! Als ob ich um die Welt hart gegen dich sein wollte oder könnte!«

»Dann darfst du mich nicht ausschelten,« sagte Dora und spitzte ihren Mund zu einem Rosenknöspchen, »und ich will gut sein.«

Es freute mich, daß sie mich gleich darauf aus freien Stücken bat, ihr das früher erwähnte Kochbuch zu bringen und ihr zu zeigen, wie man Rechnung führt, wie ich es früher versprochen hatte. Ich brachte bei meinem nächsten Besuch das Buch mit, – ich hatte es erst hübsch binden lassen, damit es weniger trocken und einladender aussähe – und als wir auf der Gemeindewiese vorm Tore spazieren gingen, zeigte ich ihr ein altes Haushaltungsbuch von meiner Tante, und gab ihr eine Brieftasche, eine niedliche Bleistifthülse und ein Kästchen mit Bleistiften, damit sie das Haushalten lerne.

Aber das Kochbuch machte Dora Kopfweh, und die Zahlen preßten ihr Tränen aus. Sie ließen sich nicht addieren, sagte sie. So löschte sie sie weg und zeichnete lauter kleine Sträußchen und Porträts von mir und Jip in die Tafeln.

Dann versuchte ich scherzend mündlichen Unterricht in Haushaltungssachen, als wir eines Sonnabends nachmittags spazieren gingen. Wenn wir an einem Fleischerladen vorbeigingen, fragte ich z. B.: »Nun, denke einmal, meine Liebe, wir wären verheiratet, und du wolltest zum Mittagessen einen Hammelbraten kaufen. Würdest du wohl wissen, wie man ihn kauft?«

Meiner hübschen, kleinen Dora Gesicht wurde bedenklich, und sie machte wieder ein Rosenknöspchen aus ihrem Munde, als ob sie viel lieber meinen Mund mit einem Kuß geschlossen hätte.

»Würdest du wohl wissen, wie man ihn kauft?« wiederholte ich dann wohl die Frage, wenn ich gerade recht unbeugsam war.

Dora dachte ein wenig nach und antwortete dann mit großem Triumph:

»Nun, der Fleischer weiß ja, wie er ihn zu verkaufen hat, und was brauche ich da es zu wissen? Ach du närrischer Mensch!«

Als ich einmal Dora, mit einem Seitenblick auf das Kochbuch, fragte, was sie tun würde, wenn wir verheiratet wären und ich ein Irish Stew haben wollte, meinte sie, sie würde es von der Köchin machen lassen; umschlang meinen Arm und klatschte so in die Hände, und lachte so himmlisch, daß sie entzückender war als je.

Der Hauptnutzen des Kochbuchs blieb daher der, daß es in eine Ecke gelegt wurde, damit Jip darauf schön machen konnte; aber Dora freute sich so sehr, als sie ihn abgerichtet hatte, endlich ordentlich schön zu machen und zugleich die Bleistifthülse im Munde zu halten, daß ich doch recht froh war, das Kochbuch gekauft zu haben.

Und so griffen wir wieder zurück zu dem Gitarrenkasten, zum Blumenmalen und zu den Liedern, in denen immer getanzt wurde, tralala, tralala! und waren so glücklich, wie die Woche lang war. Gelegentlich empfand ich den Wunsch, Miß Lavinia eine Andeutung zu machen, daß sie den Liebling meines Herzens ein wenig zu sehr wie ein Spielzeug behandelte, und manchmal erwachte ich, um verwundert zu entdecken, daß ich selbst in den allgemeinen Fehler verfallen war und sie wie ein Spielzeug behandelte – aber nicht oft.

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