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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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Neununddreißigstes Kapitel.

Wickfield und Heep.

Meine Tante, die über meine fortdauernde Niedergeschlagenheit wahrscheinlich besorgt war, stellte sich, als ob ihr sehr viel daran läge, wenn ich nach Dover ginge, um zu sehen, wie es mit dem Häuschen, das vermietet werden sollte, stände, und um mit dem gegenwärtigen Inwohner eine Verlängerung des Kontrakts abzuschließen. Janet war in Mrs. Strongs Dienst übergegangen, wo ich sie jeden Tag sah. Als sie Dover verließ, war sie unentschieden gewesen, ob sie jener Entsagung der Männerwelt, in der sie erzogen war, die Krone dadurch aufsetzen sollte, daß sie einen Lotsen heiratete; aber sie entschied sich gegen dieses Wagnis. Nicht so sehr wohl aus Grundsatz, als weil sie ihn zufällig nicht mochte.

Obgleich es mich einiges kostete, Miß Mills zu verlassen, so ging ich doch ziemlich gern auf den Plan meiner Tante ein, da er mich instand setzte, ein paar ruhige Stunden mit Agnes zu verleben. Ich fragte bei dem guten Doktor an wegen eines Urlaubs von drei Tagen; und da sich der Doktor dazu bereit erklärte – ja mich sogar noch viel länger beurlauben wollte, womit sich aber meine Energie nicht einverstanden erklären wollte – so entschloß ich mich, die kleine Reise anzutreten.

Wegen meiner Pflicht in den Commons hatte ich mir keine großen Skrupel zu machen. Die Wahrheit zu gestehen, waren wir allmählich in keinen sehr guten Geruch bei den angesehenern Proktoren gekommen und sanken rasch zu einer sehr zweifelhaften Stellung herab. Das Geschäft war unter Mr. Jorkins, ehe Mr. Spenlow eingetreten war, nicht sehr bedeutend gewesen, und obgleich es sich durch den Eintritt des letztern und durch den Glanz, den er zur Schau trug, gebessert hatte, so hatte es doch keine genügend soliden Grundlagen, um ohne Schaden einen solchen Schlag wie den plötzlichen Verlust seines eigentlichen Leiters zu ertragen. Es sank sehr schnell. Mr. Jorkins war trotz seinem guten Rufe im Geschäft ein nachlässiger unfähiger Mann, dessen Ruf in der Stadt nicht geeignet war, das Geschäft zu heben. Ich kam jetzt unter seine Leitung, und als ich sah, wie er zur Tabaksdose griff und das Geschäft ruhig gehen ließ, bedauerte ich die tausend Pfund meiner Tante mehr als je.

Aber das war nicht das Schlimmste. In den Commons gab es eine Anzahl Personen, die doch, ohne selbst Proktoren zu sein, Rechtsgeschäfte übernahmen und sich zu deren Besorgung gegen eine Entschädigung die Namen von wirklichen Proktoren liehen, und es gab eine ziemliche Anzahl solcher Personen. Da unsere Firma jetzt Beschäftigung um jeden Preis bedurfte, so verbanden wir uns mit dieser nobeln Schar und suchten durch allerlei Verlockungen diese Mittelspersonen zu bewegen, uns Arbeit zu verschaffen. Trauscheine und die Bestätigung von weniger wichtigen Testamenten waren uns das Liebste und lohnten am besten, und die Bewerbung darum ging sehr lebhaft.

In allen Eingängen der Commons lauerten Aufpasser mit der strengsten Instruktion, alle Personen in Trauer und alle Herren, die etwas verschämt aussahen, anzufallen und sie nach den Bureaus zu bringen, für die ihre Auftraggeber Geschäfte betrieben. So genau wurden diese Instruktionen befolgt, daß ich selbst, ehe man mich kannte, zweimal in die Expedition unseres Hauptgegners geschleppt wurde.

Die widerstreitenden Interessen dieser Kundschaft suchenden Herren waren naturgemäß geeignet, ihre Gefühle zu erregen, und brachten persönliche Zusammenstöße zuwege; ja die Commons wurden sogar dadurch entehrt, daß unser Hauptlockwerber – der früher in einem Weingeschäft und später vereidigter Makler gewesen war – einige Tage mit einem blauen Auge einherging. Jeder dieser Späher hielt es für erlaubt, wenn er einer alten Dame in Trauer höflich aus dem Wagen half, jeden Proktor, nach dem sie fragte, gestorben sein zu lassen, seinen Chef als rechtmäßigen Nachfolger und Vertreter dieses Proktors hinzustellen und die alte Dame – die manchmal ganz ergriffen war – auf das Bureau seines Herrn zu führen.

In bezug auf Heiratskonsense erreichte der Wettbewerb eine solche Höhe, daß einem schüchternen Herrn, der einen brauchte, nichts anderes übrig blieb, als sich dem ersten Lockwerber zu überlassen, oder um sich kämpfen zu lassen und die Beute des Stärksten zu werden.

Einer unserer Schreiber, kein Rechtsgebildeter, pflegte, wenn ein solcher Kampf den Höhepunkt erreicht hatte, mit dem Hute auf dem Kopfe dazusitzen, um sofort hinauszustürzen, wenn ein Opfer hereingeschleppt wurde, um es vor einem Stellvertreter des geistlichen Richters vereidigen zu lassen. Dieses System der Abfängerei besteht, glaube ich, bis auf den heutigen Tag. Als ich zum letzten Male in den Commons war, stürzte ein höflicher kräftiger Mann mit einer weißen Schürze aus einem Torwege auf mich los, flüsterte mir das Wort »Heiratskonsens« ins Ohr und konnte nur mit Mühe verhindert werden, mich in seine Arme zu nehmen und zu einem Proktor zu tragen.

Von dieser Abschweifung wollen wir uns nach Dover begeben.

Ich fand in dem Häuschen alles in bestem Zustande und sah mich instand gesetzt, meine Tante mit der Nachricht zu erfreuen, daß der Mietsmann ihre Fehde fortsetze und unaufhörlich Krieg mit den Eseln führte. Nachdem ich mein kleines Geschäft abgetan hatte und eine Nacht dort geblieben war, machte ich mich zeitig nach Canterbury auf den Weg. Es war jetzt wieder Winter, und der frische, kalte, windige Tag sowie der Anblick des weiten Flachlandes stählte meine Hoffnung ein wenig.

In Canterbury angekommen, schlenderte ich mit einem stillen Vergnügen, das mein Gemüt beruhigte und mein Herz erleichterte, durch die alten Straßen. Ich fand die alten Schilder wieder, die alten Namen über den Läden und die alten Leute darin. Es schien mir seit meiner Schulzeit so viel Zeit verflossen zu sein, daß ich mich wunderte, wie sich der Ort so wenig verändert hatte, bis ich bedachte, wie wenig ich mich selbst verändert hatte.

Seltsam! Den beschwichtigenden Zauber, den ich nicht von Agnes trennen konnte, schien selbst die Stadt zu teilen, wo sie wohnte. Die ehrwürdigen Türme der Kathedrale mit den alten Dohlen und Krähen, deren krächzende Stimmen sie noch einsamer erscheinen ließen, als es eine völlige Stille vermocht hätte, die zertrümmerten Torwege, einst mit Standbildern von Heiligen besetzt, die längst heruntergestürzt und zu Staub zerfallen waren, wie die Pilger, die einst anbetend zu ihnen emporschauten, die stillen Winkel, wo hundertjähriger Efeu über spitze Giebel und baufälliges Gemäuer kroch, die alten Häuser, die schlichte Landschaft von Feldern, Obstpflanzungen und Gärten, überall – in allem und jedem – empfand ich denselben klaren Glanz, denselben ruhigen, sinnigen, milden Geist.

Als ich in Mr. Wickfields Haus trat, fand ich in der kleinen Stube im Erdgeschoß, wo früher Uriah Heep zu sitzen pflegte, Mr. Micawber eifrig mit Schreiben beschäftigt. Er war seinem jetzigen Stande gemäß schwarz gekleidet und thronte groß und breit in dem kleinen Stübchen.

Mr. Micawber freute sich außerordentlich, mich zu sehen, war aber auch etwas verlegen. Er wollte mich sogleich zu Uriah führen, aber ich schlug es aus.

»Ich kenne das Haus von früher, Sie wissen ja«, sagte ich »und werde schon hinauf finden. Wie gefällt Ihnen das Jus, Mr. Micawber?«

»Lieber Copperfield,« entgegnete er, »für einen Mann, der ausgestattet ist mit den hohem Gaben der Phantasie, ist die Überladung mit Einzelheiten, die den juristischen Studien eigentümlich sind, einigermaßen unangenehm. Selbst in unserer Geschäftskorrespondenz«, sagte Mr. Micawber mit einem Blick auf ein paar Briefe, die er eben schrieb, »ist es dem Geiste nicht erlaubt, sich zu einer höhern Form des Ausdrucks aufzuschwingen. Aber dennoch ist es ein großartiger Beruf. Ein erhabener, großartiger Beruf!«

Er teilte mir dann mit, daß er Uriah Heeps ehemalige Wohnung gemietet habe, und daß sich Mrs. Micawber freuen werde, mich wieder einmal in ihrem eigenen Hause zu empfangen.

»Es ist eine bescheidene Wohnung,« sagte Mr. Micawber, »um einen Lieblingsausdruck meines Freundes Heep zu brauchen; aber sie kann der erste Anfang zu einer anspruchsvollern häuslichen Einrichtung werden.«

Ich fragte ihn, ob er bis jetzt Ursache habe, mit seines Freundes Heep Behandlung zufrieden zu sein. Er stand auf, um zu sehen, ob die Tür gehörig verschlossen sei, ehe er mit gedämpfter Stimme antwortete:

»Lieber Copperfield, ein Mann, der unter dem Druck pekuniärer Verlegenheit schmachtet, ist gegen die Mehrzahl der Menschen im Nachteil. Dieser Nachteil wird nicht vermindert, wenn dieser Druck die Annahme von pekuniären Entschädigungen nötig macht, ehe diese Entschädigungen eigentlich fällig sind. Ich kann nur sagen, daß mein Freund Heep auf Ansuchen, die ich nicht weiter zu berühren brauche, in einer Weise geantwortet hat, die ebensosehr seinem Kopfe wie seinem Herzen zur Ehre gereichen muß.«

»Ich hätte nicht geglaubt, daß er mit seinem Gelde so freigebig ist«, bemerkte ich.

»Verzeihen Sie!« sagte Mr. Micawber mit gezwungener Miene, »ich spreche von meinem Freunde Heep, wie ich ihn kennen gelernt habe.«

»Es freut mich, daß Sie ihn von so guter Seite kennen gelernt haben«, gab ich zurück.

»Sie sind sehr gütig, lieber Copperfield«, sagte Mr. Micawber und summte ein Lied vor sich hin.

»Sehen Sie Mr. Wickfield häufig?« fragte ich, um von etwas anderm zu sprechen.

»Nicht oft«, antwortete Mr. Micawber leichthin. »Mr. Wickfield ist, darf ich wohl sagen, ein Mann von vortrefflichen Absichten; aber er ist mit – einem Wort, er ist antiquiert.«

»Ich fürchte, sein Kompagnon will ihn dazu machen«, entgegnete ich.

»Lieber Copperfield!« sagte Mr. Micawber, nachdem er ein paarmal unruhig auf dem Stuhle hin und her gerutscht, »erlauben Sie mir eine Bemerkung! Ich bin hier in einer Vertrauensstellung. Ich bin hier in einer verantwortlichen Stellung. Die Besprechung mancher Gegenstände selbst mit Mrs. Micawber – die bisher die Teilnehmerin an den verschiedenen Wechselfällen meines Lebens war und eine Frau von bemerkenswerter Klarheit des Geistes ist – ist meiner Überzeugung nach unverträglich mit den Funktionen, die mir jetzt obliegen. Ich wollte mir daher auch die Freiheit nehmen, Ihnen vorzuschlagen, daß wir in unserm freundschaftlichen Verkehr – der, so hoffe ich, nie gestört werden wird! – eine Grenzlinie ziehen. Auf der einen Seite dieser Linie«, Mr. Micawber stellte sie auf dem Pulte durch das Bureaulineal dar, »liegt alles, was der Menschengeist umfaßt, mit einer geringfügigen Ausnahme; auf der andern Seite ist diese Ausnahme: nämlich das Geschäft von Mrs. Wickfield und Heep mit allem, was drum und dran hängt. Ich hoffe, daß ich den Gefährten meiner Jugend nicht kränke, wenn ich diesen Vorschlag seiner ruhigeren Überlegung unterbreite?«

Obgleich ich an Mr. Micawber eine gewisse unbehagliche Gezwungenheit bemerkte, die ihm etwas Gepreßtes gab, als ob ihm seine neuen Pflichten nicht paßten, fühlte ich doch, daß ich kein Recht hatte, mich für beleidigt zu halten. Es schien ihn zu erleichtern, als ich ihm dies sagte, und er schüttelte mir herzlich die Hand.

»Ich bin ganz entzückt von Miß Wickfield, verlassen Sie sich darauf, Copperfield«, sagte Mr. Micawber. »Sie ist eine ganz ausgezeichnete junge Dame, von merkwürdigen Reizen und Tugenden. Auf Ehre«, sagte Mr. Micawber, indem er sich die Hand küßte und sich mit der höflichsten Miene von der Welt verbeugte. »Ich bete Miß Wickfield an! Hm!«

»Das wenigstens freut mich«, erwiderte ich.

»Lieber Copperfield, wenn Sie uns nicht an jenem angenehmen Nachmittag, den wir bei Ihnen zuzubringen das Vergnügen hatten, versichert hätten, daß D. Ihr Lieblingsbuchstabe sei,« sagte Mr. Micawber, »so würde ich jedenfalls glauben, A. hätte es sein müssen.«

Wir alle kennen ein Gefühl (ich habe es schon einmal erwähnt), das uns manchmal überkommt, als ob das, was wir sagen und tun, schon früher vor langer Zeit gesagt und getan worden wäre, als ob wir vor uralter Zeit dieselben Gesichter, Gegenstände und Verhältnisse um uns gesehen hätten – als ob wir vollkommen voraus wüßten, was jetzt gesagt werden wird, als ob wir uns dessen plötzlich erinnerten! Diese geheimnisvolle Empfindung war nie stärker in mir als jetzt, wo Mr. Micawber diese Worte sprach.

Ich verabschiedete mich vorläufig von ihm und trug ihm die besten Grüße an alle zu Hause auf. Als ich ihn verließ, und er seinen Stuhl wieder ein- und die Feder wieder aufnahm und den Hals in der steifen Binde in eine zum Schreiben bequeme Lage brachte, merkte ich deutlich, daß zwischen mich und ihn, seitdem er sich in seiner neuen Stellung befand, etwas getreten war, was den alten Austausch unter uns verhinderte und unserm Verkehr einen ganz veränderten Charakter gab.

Es war niemand in dem altertümlichen Besuchszimmer, obgleich es Spuren von Mr. Heeps Vorhandensein zeigte. Ich blickte in das Zimmer, in dem noch immer Agnes wohnte, und fand sie neben dem Feuer an einem hübschen altmodischen Pulte schreibend sitzen.

Mein Schatten veranlaßte sie aufzublicken. Welch ein Genuß, die Ursache der freudigen Veränderung auf ihrem aufmerksamen Gesicht und der Gegenstand dieses süßen Blickes und Willkommens zu sein!

»Ach, Agnes!« sagte ich, als wir nebeneinander saßen, »ich habe dich neuerlich so sehr entbehrt.«

»Wirklich?« gab sie zur Antwort. »Wieder! Und so bald?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nicht, wie es kommt, Agnes; mir ist, als ob mir eine geistige Eigenschaft fehlte, die ich eigentlich besitzen sollte. Du warst in der schönen alten Zeit hier so gewohnt, für mich zu denken, und es kam mir so natürlich vor, in dir meine Beraterin und meine Stütze zu sehen, daß ich wahrhaftig glaube, ich habe sie nicht erworben.«

»Und was für eine Eigenschaft ist das?« fragte Agnes heiter.

»Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll«, antwortete ich. »Denn ich glaube, ich habe Ernst und Ausdauer.«

»Davon bin ich überzeugt«, sagte sie.

»Und Geduld auch?« fragte ich etwas zögernd.

»Die auch!« antwortete sie lachend.

»Und doch«, sagte ich, »werde ich so unglücklich und unruhig, so schwankend und unschlüssig, wenn ich mir eine Gewißheit verschaffen will, daß mir etwas fehlen muß – wie soll ich es nennen – vielleicht Zuversicht?«

»Nennen wir es denn Zuversicht«, sagte sie,

»Siehst du,« fuhr ich fort, »du brauchtest nur nach London zu kommen, da vertraute ich auf dich und hatte gleich eine Richtschnur und einen vorgezeichneten Weg. Die Verhältnisse aber haben mich aus dieser Bahn gedrängt: ich komme hierher, und in einem Augenblicke bin ich anders geworden. Die Umstände, die mir Schmerz machten, haben sich nicht verändert, seitdem ich im Zimmer bin; aber in dieser kurzen Zeit hat sich ein Einfluß meiner bemächtigt, der mich wer weiß wieviel zum Bessern verändert! Was ist das? Worin besteht dein Geheimnis, Agnes, deine unerklärliche Kraft?«

Sie senkte den Kopf und sah ins Feuer.

»Es ist die alte Geschichte«, sagte ich. »Lache mich nicht aus, wenn ich sage, es war immer im kleinen so, wie es jetzt im größern ist. Meine alten Sorgen waren Unsinn und jetzt sind sie Ernst; aber so oft ich meine Adoptivschwester verlasse –«

Agnes sah mich an – mit einem so himmlischen Gesicht! – und gab mir ihre Hand, die ich küßte.

»Wo du mir gefehlt hast, Agnes, um mir gleich zu Anfang zu raten und billigend zur Seite zu stehen, da ging ich stets in der Irre und geriet in allerlei Schwierigkeiten. Wenn ich endlich zu dir kam, wie immer, da fand ich Frieden und Glück. Ich komme jetzt heim wie ein müder Reisender, und ein so seliges Gefühl der Ruhe erfüllt mich!«

Ich fühlte so tief, was ich sagte, und es rührte mich so aufrichtig, daß mir die Stimme versagte und ich das Gesicht mit den Händen bedeckte und in Tränen ausbrach. Ich schreibe die Wahrheit. Welche Widersprüche und Inkonsequenzen auch in mir, wie in so vielen von uns, lebten, was immer so anders und so viel besser hätte sein können, was immer ich tat, wobei ich mich eigensinnig von der Stimme meines eigenen Herzens abwendete, ich wußte nichts mehr davon. Ich wußte nur, daß es mir heiliger Ernst war, wenn ich die Ruhe und den Frieden von Agnes' Nähe empfand.

Mit ihrer stillen schwesterlichen Weise, ihrem sanft leuchtenden Auge, ihrer mild tönenden Stimme und der lieblichen Fassung, die schon von meiner Jugendzeit ihre Wohnung zu einem Heiligtum für mich gemacht hatte, ließ sie mich bald meine Schwäche vergessen und veranlaßte mich, ihr alles zu erzählen, was seit unserm letzten Zusammentreffen geschehen war.

»Jetzt, Agnes, habe ich dir alles bis auf das letzte berichtet,« sagte ich, als meine Beichte zu Ende war, »und nun vertraue ich auf dich.«

»Aber du darfst nicht allein auf mich vertrauen, Trotwood«, entgegnete Agnes mit einem angenehmen Lächeln. »Du hast auch noch jemand anders.«

»Dora?« fragte ich.

»Gewiß.«

»Ja, ich habe dir noch nicht gesagt, Agnes,« sagte ich mit einiger Verlegenheit, »daß man auf Dora eigentlich schwer – um alles in der Welt will ich nicht sagen – vertrauen kann, denn sie ist ein Engel an Reinheit und Wahrheit – aber sie ist schwer – ich weiß gar nicht, wie ich es ausdrücken soll, Agnes. Sie ist so ein schüchternes kleines Wesen und leicht außer Fassung zu bringen. Vor einiger Zeit, kurz vor ihres Vaters Tode, als ich es angemessen fand, ihr zu sagen – aber ich will es dir ausführlich erzählen, wenn du Geduld dazu hast.«

Ich erzählte Agnes von meinen Eröffnungen über meine Armut, von dem Kochbuch, von dem Rechnungsführen und allem übrigen.

»O Trotwood!« sagte sie mit einem Lächeln. »Das ist ganz deine alte ungestüme Weise! Du kannst ganz ernstlich in der Welt vorwärts streben, ohne so ungestüm bei einem schüchternen liebenden, unerfahrenen Mädchen zu sein. Arme Dora!«

Ich hatte noch nie so liebliche und freundliche Milde in einer Stimme klingen hören, wie in diesen Worten. Es war, als ob ich sähe, wie sie bewundernd und zärtlich Dora umarmte und mich stillschweigend durch ihren schwesterlichen Schutz wegen meines Ungestüms, mit dem ich das kleine Herzchen erschreckt, tadelte. Mir war, als sähe ich Dora in all ihrer bezaubernden Natürlichkeit Agnes liebkosen und ihr danken, mit Schmeichelworten ihren Schutz gegen mich anrufen und mich dabei in aller kindlichen Unschuld lieben.

Ich war gegen Agnes so dankbar und bewunderte sie so sehr! Ich sah in einer schönen Zukunft die beiden nebeneinander als Freundinnen, jede der andern zur Zierde gereichend.

»Was soll ich nun tun, Agnes?« fragte ich, nachdem ich eine Zeitlang ins Feuer geblickt hatte. »Was wäre wohl das rechte?«

»Meiner Meinung nach wäre der ehrenhafteste Weg, an die beiden Damen zu schreiben«, erwiderte Agnes. »Meinst du nicht auch, daß jedes Geheimnis ein unwürdiges Verfahren wäre?«

»Ja. Wenn du es meinst«, sagte ich.

»Ich kann solche Sachen nur schlecht beurteilen,« entgegnete Agnes mit bescheidenem Zögern; »aber meinem Gefühl nach ist Heimlichkeit deiner nicht würdig.«

»Meiner nicht würdig in der zu hohen Meinung, die du von mir hast, Agnes, fürchte ich«, sagte ich.

»Deiner nicht würdig bei der Offenheit deines Charakters,« entgegnete sie, »und deshalb würde ich an diese beiden Damen schreiben. Ich würde so einfach und offen wie möglich alles Vorgefallene erzählen, und würde sie um Erlaubnis bitten, sie manchmal in ihrem Hause besuchen zu dürfen. Da du jung bist und dir eine Stellung im Leben erringen willst, so glaube ich, es wäre gut, wenn du sagtest, du würdest dich in alle Bedingungen fügen, die sie dir auferlegten. Ich würde sie bitten, dein Ersuchen nicht abzuschlagen, ohne erst mit Dora zu sprechen und mit ihr zu reden, wenn sie die Zeit für passend halten. Ich würde nicht zu leidenschaftlich sein«, sagte Agnes sanft, »oder zuviel versprechen. Ich würde mich auf meine Treue und Ausdauer verlassen – und auf Dora.«

»Aber wenn sie Dora durch ihre Reden wieder ängstigen, Agnes,« erwiderte ich, »und wenn Dora anfängt zu weinen und nichts von mir sagt?«

»Ist das wahrscheinlich?« fragte Agnes mit dem gleichen milden Ausdruck.

»Gott behüte sie, sie ist so leicht einzuschüchtern wie ein Vögelchen«, sagte ich. »Es wäre doch möglich! Oder wenn die beiden Miß Spenlows – ältliche Damen dieser Art sind manchmal wunderliche Leute – nicht Personen sind, an die man sich in dieser Weise richten könnte.«

»Ich glaube nicht, Trotwood, daß ich das weiter in Betracht ziehen würde«, entgegnete Agnes und blickte mich mit ihren sanften Augen an. »Vielleicht wäre es besser, nur zu bedenken, ob man recht handelt; und wenn dies der Fall ist, es zu tun.«

Ich hatte keine Zweifel mehr. Mit erleichtertem Herzen, obgleich mit einem tiefen Bewußtsein der hohen Wichtigkeit meiner Arbeit widmete ich den ganzen Nachmittag dem Entwurf des Briefes, und Agnes überließ mir zu diesem großen Zweck ihr Pult. Aber zuerst ging ich hinab, um Mr. Wickfield und Uriah Heep aufzusuchen.

Uriah fand ich in einem neuen, nach frischer Tünche riechenden Bureauzimmer, das in den Garten hinausgebaut war. Er sah in einem Haufen von Büchern und Papieren unaussprechlich gemein aus. Er empfing mich mit seiner gewöhnlichen kriechenden Weise und stellte sich, als ob ihm Mr. Micawber von meiner Ankunft nichts gesagt hätte, eine Vorspiegelung, die ich mir die Freiheit nahm, nicht zu glauben. Er begleitete mich in Mr. Wickfields Zimmer, das auch nur noch der Schatten seines früheren Selbst war, denn es war, um das Zimmer des neuen Kompagnons auszustatten, vieler seiner Bequemlichkeiten beraubt worden. Hier stellte sich Uriah vor das Feuer, wärmte sich den Rücken und schabte mit der knochigen Hand am Kinn, während ich Mr. Wickfield begrüßte.

»Sie wohnen bei uns, Trotwood, solange Sie in Canterbury sind«, sagte Mr. Wickfield, nicht ohne durch einen Blick Uriah um Beistimmung zu fragen.

»Ist denn Platz für mich vorhanden?« fragte ich.

»O gewiß, Master Copperfield – ich sollte Mr. sagen, aber das andere kommt mir so natürlich auf die Zunge,« sagte Uriah, »ich würde gern Ihr altes Zimmer räumen, wenn Sie es haben wollten.«

»Nein, nein«, sagte Mr. Wickfield. »Warum sollten Sie sich Unannehmlichkeiten machen? Es ist noch ein andres Zimmer da, ein andres Zimmer.«

»Aber Sie wissen ja, ich würde es recht gern tun«, entgegnete Uriah mit einem Grinsen.

Um der Sache ein Ende zu machen, erklärte ich, nur das andre oder gar kein Zimmer annehmen zu wollen. Dabei blieb es, und ich nahm Abschied bis zum Mittag und ging wieder hinauf.

Ich hatte gehofft, niemand anders zu finden als Agnes. Aber Mrs. Heep hatte um Erlaubnis gebeten, sich und ihr Strickzeug neben das Feuer in diesem Zimmer bringen zu dürfen. Sie behauptete, es liege bei dem jetzigen Winde besser für ihren Rheumatismus, als das Gesellschafts- oder das Speisezimmer. Obgleich ich sie fast ohne Reue der Barmherzigkeit des Windes auf der obersten Spitze des Domes hätte überlassen können, so machte ich doch eine Tugend aus der Notwendigkeit und begrüßte sie freundschaftlich.

»Ich danke Ihnen allerergebenst«, sagte Mrs. Heep in Antwort auf meine Frage nach ihrem Befinden. »Ich befinde mich ziemlich wohl. Ich habe nicht viel Aufhebens zu machen. Wenn ich meinen Uriah gut etabliert sähe, könnte ich wohl nicht viel mehr erwarten. Wie meinen Sie wohl, daß mein Ury aussieht, Sir?«

In meinen Gedanken sagte ich mir, er sehe so scheußlich wie immer aus, und antwortete ihr, daß ich keine Veränderung an ihm bemerkte.

»O, meinen Sie nicht, daß er sich verändert hat?« fragte Mrs. Heep. »Da muß ich mir die Freiheit herausnehmen, andrer Meinung zu sein. Meinen Sie nicht, daß er abgemagert ist?«

»Nicht mehr als gewöhnlich«, entgegnete ich.

»Wirklich nicht?« sagte Mrs. Heep. »Aber Sie sehen ihn nicht mit dem Auge einer Mutter an.«

Ihr Mutterauge war ein böses Auge für die übrige Welt, dachte ich, als ich ihm begegnete, so liebreich sie ihn auch ansehen mochte; und ich glaubte, sie und ihr Sohn liebten sich wirklich. Ihr Blick streifte mich und ruhte auf Agnes.

»Bemerken Sie nicht, wie er sich abzehrt, Miß Wickfield?« fragte Mrs. Heep.

»Nein«, sagte Agnes und fuhr ruhig fort zu arbeiten. »Sie machen sich zuviel Sorge um ihn. Er sieht sehr wohl aus.«

Mit einem schauerlichen Schnäuzen nahm Mrs. Heep ihren Strickstrumpf wieder vor.

Sie hörte nie auf zu stricken und ließ uns keinen Augenblick allein. Ich war ziemlich zeitig vormittags gekommen, und wir hatten noch immer drei bis vier Stunden bis zum Essen vor uns; aber sie blieb sitzen und bewegte ihre Stricknadeln so eintönig, wie ein Stundenglas seinen Sand hätte laufen lassen können. Sie saß auf der einen Seite des Kamins, ich saß an dem Schreibpulte davor, und auf der andern Seite saß Agnes. So oft ich über meinen Brief nachdenkend meine Augen erhob und das nachdenkliche Gesicht von Agnes mit seinem engelhaften Ausdruck von Ermutigung auf mich herabstrahlen sah, fühlte ich sofort, wie Frau Heeps böses Auge an mir vorüberschweifte, zu ihr hinüber, und wieder zu mir zurückkehrte und dann verstohlen wieder auf das Strickzeug sank. Was sie strickte, weiß ich nicht, da ich in dieser Kunst nicht bewandert bin, aber es schien mir ein Netz, und als sie so mit diesen chinesischen Stäbchen hantierte, sah sie bei dem Feuerschein wie eine häßliche Hexe aus, die der lichten Fee gegenüber ihre Schlechtigkeiten noch nicht ausführen kann, aber ihr Netz schon in Bereitschaft hält!

Bei Tische blieb sie mit derselben Unermüdlichkeit in ihrer beobachtenden Haltung. Nach dem Essen kam ihr Sohn an die Reihe, der mich, als Mr. Wickfield, er und ich allein zusammen saßen, anschielte und sich krümmte, bis ich es kaum mehr aushalten konnte. Im Gesellschaftszimmer strickte und beobachtete die Mutter wieder. Die ganze Zeit über, wo Agnes sang und spielte, saß die Mutter am Piano. Einmal verlangte sie eine besondere Ballade, in die ihr Ury, der in einem Lehnstuhl gähnte, ganz vernarrt wäre, und zuweilen sah sie sich nach ihm um und berichtete Agnes, daß er von der Musik ganz entzückt sei. Sie sprach fast niemals, ohne ihn in irgend einer Weise zu erwähnen. Es war mir klar, daß dies die ihr zugewiesene Pflicht war.

Das dauerte bis zum Schlafengehen. Der Anblick der Mutter und des Sohnes, die wie zwei große Fledermäuse das ganze Haus mit ihrer häßlichen Gestalt überschatteten, machte mir die Nacht so unbehaglich, daß ich trotz dem Stricken und allem übrigen lieber unten geblieben wäre. Schlafen konnte ich fast gar nicht. Am nächsten Tage begann das Stricken und Beobachten von neuem und dauerte den ganzen Tag.

Ich fand kaum Gelegenheit, zehn Minuten mit Agnes zu sprechen. Ich fand kaum Zeit, ihr meinen Brief zu zeigen. Ich schlug ihr einen Spaziergang vor; aber da Mrs. Heep wiederholt über größeres Übelbefinden klagte, blieb Agnes aus Mitleid zu Hause, um ihr Gesellschaft zu leisten. Gegen Abend ging ich selbst aus, um über das nachzudenken, was ich zunächst tun sollte, und zu überlegen, ob ich Agnes länger verhehlen dürfe, was mir Uriah Heep in London gesagt hatte; denn das beunruhigte mich sehr.

Ich hatte die letzten Häuser der Stadt auf der Straße nach Ramsgate noch nicht ganz hinter mir, als mir durch die Dämmerung jemand nachrief. Der schleppende Gang und der schäbige Überrock waren nicht zu verkennen. Ich stand still, und Uriah Heep holte mich ein.

»Wie schnell Sie gehen!« sagte er. »Meine Beine sind ziemlich lang; aber Sie haben ihnen zu schaffen gemacht.«

»Wohin gehen Sie?« fragte ich.

»Ich wollte Sie begleiten, Master Copperfield, wenn Sie mir das Vergnügen eines Spazierganges mit einem alten Bekannten gestatten wollen.« Mit diesen Worten und mit einer stoßenden Bewegung seines Körpers, die ebensogut einschmeichelnd wie verhöhnend sein könnte, ging er neben mir weiter.

»Uriah!« sagte ich nach einigem Schweigen so höflich wie ich konnte.

»Master Copperfield!« sagte Uriah.

»Die Wahrheit zu gestehen, – Sie werden es nicht übel nehmen – ich wollte einmal ein bißchen allein spazieren gehen, weil ich zuviel Gesellschaft gehabt habe.«

Er sah mich von der Seite an und sagte mit seinem widrigsten Grinsen: »Sie meinen die Mutter?«

»Allerdings«, sagte ich.

»Ach! Aber Sie wissen, wir sind so niedrige Leute«, gab er zur Antwort. »Und da wir uns unserer Niedrigkeit bewußt sind, müssen wir wirklich Sorge tragen, daß wir nicht gegen andere, die nicht so niedrig sind, zu kurz kommen. In der Liebe gelten alle Listen, Sir.«

Er erhob die Hände, bis sie das Kinn berührten, rieb sie sanft, kicherte leise in sich hinein, und sah dabei einem bösartigen Pavian so ähnlich, wie das bei einem Menschen nur möglich ist.

»Sehen Sie,« fuhr er fort, indem er sich immer noch in derselben Weise gleichsam liebkoste und mit dem Kopfe gegen mich schüttelte, »Sie sind ein gefährlicher Nebenbuhler, Master Copperfield. Sie waren das immer, das wissen Sie.«

»Lassen Sie Miß Wickfield bewachen und vernichten Sie das Behagen ihrer Häuslichkeit meinetwegen?« fragte ich.

»Ach, Master Copperfield, das sind harte Worte.«

»Drücken Sie meine Meinung aus, wie Sie wollen«, sagte ich. »Sie wissen so gut wie ich, was ich sagen will, Uriah.«

»O nein! Sie müssen es selbst in Worte kleiden«, sagte er. »Wahrhaftig! ich könnte es nicht.«

»Glauben Sie etwa,« erwiderte ich und gab mir alle Mühe, Agnes' wegen sehr gemäßigt gegen ihn aufzutreten, »daß ich Miß Wickfield anders betrachte denn als eine sehr teure Schwester?

»Sehen Sie, Master Copperfield,« entgegnete er, »ich bin nicht verpflichtet, diese Frage zu beantworten. Es ist das vielleicht der Fall – aber es ist vielleicht auch nicht der Fall!«

Ich habe nie etwas gesehen, was der niedrigen Tücke in seinem Gesicht und seinen schattenlosen Augen ohne Gedanken von einer Wimper gleichgekommen wäre.

»So hören Sie«, sagte ich. »Um Miß Wickfields willen –«

»Meine Agnes!« rief er mit einer krankhaften eckigen Verdrehung seines Leibes aus. »Wollen Sie so gut sein, sie Agnes zu nennen, Master Copperfield?«

»Um Agnes Wickfields willen – der Himmel segne sie!«

»Dank für diesen frommen Segen, Mr. Copperfield«, unterbrach er mich.

»Ich will Ihnen sagen, was ich unter allen andern Umständen ebensogut, ich weiß nicht wem, gesagt hätte – meinetwegen Meister Hämmerling.«

»Wem, Sir?« fragte Uriah mit vorgerecktem Halse und die Hände ans Ohr haltend.

»Dem Henker«, sagte ich. Die unwahrscheinlichste Person, an die ich denken konnte – obgleich sein Gesicht mir den Gedanken auf ganz logische Weise nahe gebracht hatte. »Ich bin mit einer andern jungen Dame verlobt. Ich hoffe, das genügt Ihnen.«

»Auf Ihre Seligkeit?« fragte Uriah.

Ich wollte meiner Erklärung schon entrüstet die verlangte Bekräftigung geben, als er meine Hand packte und heftig drückte.

»Ach, Master Copperfield!« sagte er. »Wenn Sie die Herablassung gehabt hätten, mein Vertrauen zu erwidern, als ich an jenem Abende, wo ich Ihnen durch mein Schlafen vor dem Feuer so viel Unbequemlichkeit machte, die Fülle meines Herzens vor Ihnen ausschüttete, so hätte ich nie Zweifel in Sie gesetzt. Da es so ist, will ich die Mutter gleich wegnehmen und nur zu glücklich sein. Ich weiß, Sie entschuldigen die Vorsichtsmaßregeln der Liebe, nicht wahr? Wie schade, Master Copperfield, daß Sie sich nicht herabließen, mein Vertrauen zu erwidern! Ich habe Ihnen gewiß jede Gelegenheit gegeben. Aber Sie haben sich nie zu mir herabgelassen, so sehr ich es gewünscht hätte. Ich weiß, Sie haben mich nie so gern gehabt wie ich Sie.«

Solange diese ganze Rede dauerte, drückte er mir mit seinen feuchten fischigen Fingern die Hand, während ich mir alle mögliche Mühe gab, sie dieser reptilhaften Umschlingung zu entziehen. Aber es gelang mir nicht im mindesten. Er zog sie unter den Ärmel seines maulbeerfarbigen Überrocks, und ich ging fast gezwungen Arm in Arm mit ihm.

»Wollen wir umkehren?« fragte Uriah und drehte mich nach der Stadt um, die jetzt der aufgehende Mond beschien, der die fernen Fenster versilberte.

»Ehe wir von diesem Gegenstande abbrechen, muß ich Ihnen noch sagen,« fing ich nach einem ziemlich langen Schweigen wieder an, »daß ich der Meinung bin, Agnes Wickfield ist so hoch über Ihnen und so erhaben über alle Ihre Ansprüche, wie dieser Mond dort.«

»O, wie friedensreich sie ist! Nicht wahr?« sagte Uriah. »Sehr! Jetzt gestehen Sie, Master Copperfield, daß Sie mich nicht haben so leiden können, wie ich Sie. Die ganze Zeit über haben Sie mich für zu niedrig gehalten, und das wundert mich nicht.«

»Ich liebe Beteuerungen der Demut allerdings nicht, überhaupt keine Beteuerungen«, erwiderte ich.

»Da haben wir es!« sagte Uriah, der im Mondschein ganz schwammig und bleifarben aussah. »Wußte ich's nicht! Aber wie wenig denken Sie an die berechtigte Demut einer Person in meiner Stellung, Master Copperfield! Vater und ich wurden beide in einer Stiftsschule für Knaben erzogen; und meine Mutter ging in eine Freischule. Sie lehrten uns allerlei Demut – nicht viel anderes sonst, von morgens bis abends. Wir sollten uns demütigen vor dieser Person und demütigen vor jener, und unsere Mützen hier abziehen und unsere Verbeugungen machen dort, und immer unsere Stellung kennen und vor denen, die über uns stehen, hübsch bescheiden sein. Und deren waren so viele. Der Vater bekam als Klassenaufseher die Medaille für seine Bescheidenheit. Auch ich. Der Vater wurde Küster, weil er demütig war. Er hatte unter den vornehmen Leuten den Ruf eines so passenden Benehmens, daß sie ihn anstellten. ›Sei demütig, Uriah‹, sprach der Vater stets zu mir, ›und du wirst es zu was bringen‹. Das wurde dir und mir in der Schule vorgepredigt: und es findet am meisten Anklang. ›Sei demütig‹, sagte der Vater, ›und du wirst es zu was bringen‹. Und wirklich, ich bin dabei nicht schlecht gefahren!«

Zum ersten Male kam mir der Gedanke, daß dies verächtliche Herauskehren falscher Demut außerhalb der Familie Heep entsprungen sein könnte. Ich sah hier nur die Ernte, hatte aber nie an die Saat gedacht.

»Als ich ein ganz kleiner Knabe war,« fuhr Uriah fort, »erfuhr ich, was Demut leistete, und ich nahm mir das an. Ich kroch zu Kreuze mit Vergnügen. Ich machte auf der niedrigen Stufe meines Wissens Halt und sagte: ›Bleib da stehen!‹ Als Sie mir anboten, mich Latein zu lehren, wußte ich besser, was ich zu tun hatte. ›Die Leute lieben es, über andern zu stehen‹, sagte Vater, ›halte dich unten.‹ Ich bin bis zu diesem Augenblick sehr demütig, Master Copperfield, aber ich besitze doch ein bißchen Macht!«

Und als ich sein Gesicht im Mondschein sah, wußte ich, daß er dies alles nur sagte, um mir klar zu machen, er sei gesonnen, sich durch den Gebrauch dieser Macht zu entschädigen.

An seiner Niederträchtigkeit, seiner tückischen List und seiner Bosheit hatte ich nie gezweifelt; aber ich begriff jetzt zum ersten Male, welch ein niedriger, unnachgiebiger und rachsüchtiger Geist in ihm durch die frühzeitige und langjährige Unterdrückung genährt worden war.

Seine Selbstbekenntnisse und die Auseinandersetzung seiner Jugendverhältnisse hatte wenigstens die angenehme Folge, daß er die Hand von meinem Arm nahm, um sich abermals das Kinn zu streicheln. Sowie ich ihn einmal soweit los war, beschloß ich, keine neue Annäherung zu dulden, und wir kehrten nebeneinander nach der Stadt zurück, ohne unterwegs viel Worte zu verlieren.

Ob ihn das von mir Gehörte oder der Rückblick in seine Jugend aufgeheitert hatte, weiß ich nicht, aber er war in etwas gehobener Stimmung. Er sprach bei Tische mehr als gewöhnlich; fragte seine Mutter, – die von dem Augenblicke seines Wiedererscheinens im Hause nicht mehr auf Wachtposten war – ob er nicht zu alt werde für einen Junggesellen; und warf einmal auf Agnes einen solchen Blick, daß ich mein Alles für die Erlaubnis gegeben hätte, ihn zu Boden schlagen zu dürfen.

Als wir drei Männer nach dem Essen allein waren, hob sich seine Laune noch mehr. Er hatte wenig oder keinen Wein getrunken; aber ich vermute, es war die Keckheit des Sieges, vielleicht gesteigert durch die Versuchung, meine Anwesenheit zur Entfaltung seiner Macht zu benutzen, was ihn so aufregte.

Ich hatte gestern bemerkt, daß er Mr. Wickfield zum Trinken zu verführen suchte; und gehorsam einem Blick, den Agnes mir zugeworfen, hatte ich mich selbst auf ein Glas beschränkt und dann vorgeschlagen, zu den Damen zu gehen. Ich wollte heute dasselbe tun; aber Uriah kam mir zuvor.

»Wir sehen nur selten unsern gegenwärtigen Gast, Sir,« sagte er zu Mr. Wickfield gewendet, der im schärfsten Abstich mit ihm am andern Ende des Tisches saß, »und ich würde vorschlagen, seine Anwesenheit mit noch einem oder zwei Glas Wein zu feiern, wenn Sie nichts dawider haben. Mr. Copperfield, auf Ihr Wohl und Ihre Gesundheit!«

Ich mußte anstandshalber die Hand annehmen, die er mir über den Tisch entgegenstreckte; und dann ergriff ich mit ganz andern Gefühlen die Hand meines geknickten alten Freundes, seines Kompagnons.

»Nun, Kompagnon,« sagte Uriah, »wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, – wollen Sie nicht auch noch einen passenden Toast ausbringen?«

Ich will nicht näher beschreiben, wie Mr. Wickfield zuerst meine Tante, dann Mr. Dick, dann die Doktor Commons, dann Uriah leben ließ, und jeden Toast doppelt trank, wie er seine eigene Schwäche recht wohl fühlte, aber sich vergeblich bemühte, ihrer Herr zu werden, wie eine Scham über Uriahs Benehmen und der Wunsch, ihn nicht zu reizen, in ihm kämpfte; wie Uriah mit offenbarem Frohlocken sich wand und krümmte und ihn vor mir zur Schau stellte. Der Anblick schnitt mir tief bis in das innerste Herz hinein, und es niederzuschreiben, widersteht meiner Hand.

»Nun Kompagnon,« sagte Uriah endlich, »jetzt will ich noch einen andern Toast ausbringen, und ich erlaube mir, um recht große Kelchgläser zu bitten, denn er soll der Göttlichsten ihres Geschlechts gelten.«

Der Vater hielt sein leeres Glas in der Hand. Ich sah, wie er es niedersetzte, wie er das Bild ansah, das ihr so ähnlich war, die Hand auf die Stirn legte und in den Lehnstuhl zurücksank.

»Es ist viel gewagt von einem so geringen Menschen, wie ich bin, ihre Gesundheit auszubringen,« fuhr Uriah fort, »aber ich bewundere sie, ich bete sie an.«

Kein physischer Schmerz, der ihres Vaters graues Haupt hätte treffen können, konnte mir schrecklicher sein als die geistige Qual, die er vergeblich zu verbergen suchte.

»Agnes,« sagte Uriah, der entweder nicht auf ihn sah oder seine Gebärde nicht begriff, »Agnes Wickfield ist, darf ich wohl sagen, die Göttlichste ihres Geschlechts. Darf ich unter Freunden offenherzig sein – ihr Vater zu sein, ist eine stolze Auszeichnung, aber ihr Gatte – –«

Möge ich nie wieder einen solchen Schrei hören, wie den, mit dem ihr Vater vom Tische aufsprang.

»Was gibt's!« sagte Uriah und wurde totenblaß. »Sie sind doch nicht am Ende verrückt geworden, Mr. Wickfield, hoffe ich? Wenn ich sage, ich besitze so viel Ehrgeiz, um Ihre Agnes zu meiner Agnes zu machen, so habe ich dazu so gut ein Recht wie jeder andere. Ja, ich habe ein besseres Recht als jeder andere dazu.«

Ich hielt Mr. Wickfield mit meinen Armen umschlungen, beschwor ihn bei allem, woran ich denken konnte, und am dringendsten bei seiner Liebe zu Agnes, sich ein wenig zu beruhigen. Er war wie wahnsinnig, zerraufte sich das Haar, schlug sich vor die Stirn, versuchte sich von mir loszureißen, erwiderte kein Wort, blickte niemand an und sah niemand. Blind gegen etwas, er wußte selbst nicht was, mit den Händen ankämpfend, griff er um sich, das Gesicht ganz verzerrt und mit starrenden Augen – ein schreckliches Schauspiel.

Ich beschwor ihn mit abgerissenen Worten, aber in der inbrünstigsten Weise, sich nicht dieser Leidenschaftlichkeit hinzugeben, sondern mich anzuhören. Ich bat ihn, an Agnes zu denken, zu berücksichtigen, wie ich hier mit Agnes stünde, sich zu erinnern, wie Agnes und ich zusammen aufgewachsen, wie ich sie ehrte und liebte, und sie seine Freude und sein Stolz sei. Ich versuchte, ihm ihr Bild in jeder Gestalt vorzuführen; ich warf ihm sogar vor, nicht Festigkeit genug zu besitzen, um ihr den Anblick eines solchen Auftrittes zu ersparen. Vielleicht gelang es mir, ihn zu beruhigen, oder seine Leidenschaftlichkeit erschöpfte sich in sich selbst: aber allmählich sträubte er sich weniger und sah mich an – anfangs ohne mich zu kennen, dann mit dankbarem Ausdruck in den Augen. Endlich sagte er: »Ich weiß, Trotwood! mein Lieblingskind und Sie – ich weiß! Aber sehen Sie den an!«

Er wies auf Uriah, der blaß und finster in einer Ecke stand, offenbar sehr enttäuscht über seine Verrechnung.

»Sehen Sie dort meinen Quälgeist«, fuhr er fort. »Durch ihn habe ich Schritt für Schritt guten Namen und Ruf, Friede, Ruhe, Haus und Familie verloren.«

»Ich habe für Sie Namen und Ruf und Friede und Ruhe und Haus und Familie erhalten«, sagte Uriah mit der verdrießlichen Miene eines Geschlagenen, aber auch mit dem Bemühen, seine Unvorsichtigkeit wieder gutzumachen. »Seien Sie nicht närrisch, Mr. Wickfield. Wenn ich ein bißchen weiter gegangen bin, als Sie geahnt haben, so kann ich doch wohl wieder umkehren. Es ist ja kein Schade geschehen.«

»Ich forschte bei allen Menschen nach einfachen Beweggründen,« sagte Mr. Wickfield, »und ich begnügte mich mit dem Bewußtsein, ihn durch Vorteil an mich gefesselt zu haben. Aber sehen Sie ihn nun an – o sehen Sie ihn an in seiner wahren Gestalt.«

»Sie täten besser, ihn zum Schweigen zu bringen, Copperfield«, rief Uriah und wies mit seinem langen Zeigefinger auf seinen Kompagnon. »Er wird gleich etwas sagen, – merken Sie es wohl! – was ihm später leid tun wird, es gesagt und Ihnen, es gehört zu haben.«

»Ich will alles sagen«, rief Mr. Wickfield mit der Miene der Verzweiflung. »Warum sollte ich nicht in der Macht aller Welt sein, wenn ich einmal in Ihrer Macht bin?«

»Achten Sie auf mich, sage ich Ihnen«, warnte Uriah und wendete sich wieder warnend an mich. »Wenn Sie ihn nicht bewegen zu schweigen, so sind Sie sein Freund nicht! Warum dürfen Sie nicht in der Macht aller Welt sein, Mr. Wickfield? Weil Sie eine Tochter haben. Sie und ich wissen, was wir wissen, nicht wahr? Lassen Sie solche Dinge ruhen – wer will sie zur Sprache bringen? Ich gewiß nicht. Sehen Sie nicht, daß ich jetzt wieder so bescheiden bin, wie es nur möglich ist? Ich sage Ihnen ja, wenn ich zu weit gegangen bin, so tut es mir leid. Was wollen Sie noch mehr, Sir?«

»Ach, Trotwood, Trotwood!« rief Mr. Wickfield, die Hände ringend, aus. »Wie tief ich gesunken bin, seitdem ich Sie zuerst in diesem Hause sah! Ich war damals auf dem Wege nach abwärts, aber welch wüste Strecke habe ich seitdem zurückgelegt! Schwaches Gewährenlassen hat mich zugrunde gerichtet. Ein Schwelgen in der Erinnerung und ein Schwelgen im Vergessen. Mein natürlicher Schmerz um die Mutter meines Kindes wurde zu einer Krankheit. Meine natürliche Liebe für mein Kind wurde krankhaft. Ich habe Unheil über alles gebracht, was ich berührt habe. Ich habe Kummer über die gebracht, die ich zärtlich liebe, das weiß ich – und Sie wissen es auch. Ich hielt es für möglich, daß ich auf der Welt nur ein Geschöpf wahrhaft lieben könnte, und die übrigen nicht; ich hielt es möglich, aufrichtig um eine Dahingeschiedene zu trauern, und nicht teilzunehmen an dem Schmerz aller trauernden Seelen! So habe ich alles verkehrt, was das Leben mich lehren wollte! Ich habe an meinem eigenen kranken Herzen gezehrt, und es hat mir das Leben vergiftet. Selbstsüchtig in meinem Schmerz, selbstsüchtig in meiner Liebe, selbstsüchtig in der Erbärmlichkeit, mit der ich den düsteren Seiten beider zu entfliehen suchte, bin ich nun die Ruine geworden, als die Sie mich sehen, hasse ich mich und möchte mich selbst meiden.«

Er sank in den Stuhl und schluchzte leise. Seine Aufregung schwand immer mehr. Uriah kam jetzt aus der Ecke hervor.

»Ich weiß nicht, was ich alles in meiner Verblendung getan habe«, sagte Mr. Wickfield und streckte die Hände aus, als wollte er mein Verdammungsurteil bittend abwehren. »Er weiß es am besten« – er meinte Uriah Heep – »denn er hat immer als Einflüsterer hinter mir gestanden. Sie sehen, welcher Mühlstein er um meinen Hals ist. Sie finden ihn in meinem Hause. Sie finden ihn in meinem Geschäft. Sie hörten ihn erst vor wenigen Minuten. Was habe ich mehr zu sagen?«

»Sie hätten ja gar nicht nötig gehabt, so viel oder nur halb so viel oder nur überhaupt etwas zu sagen«, bemerkte Uriah halb trotzig und halb kriechend. »Sie hätten gar nicht soviel Aufhebens davon gemacht, wenn nicht der Wein gewesen wäre. Sie werden morgen besser darüber denken. Wenn ich zu viel gesagt habe, oder mehr als ich wollte, was tut das? Ich habe es ja wieder zurückgenommen!«

Die Tür ging auf, und Agnes glitt herein ohne eine Spur von Farbe auf ihrem Gesicht, legte ihren Arm um seinen Hals und sagte mit gefaßter Stimme: »Vater, du bist nicht wohl. Komm mit mir!«

Er legte seinen Kopf auf ihre Schulter, als ob ihn tiefe Beschämung bedrückte, und verließ mit ihr das Zimmer. Ihr Auge begegnete einen Augenblick lang dem meinen, aber ich erkannte, wieviel sie von dem Geschehenen wußte.

»Ich hätte nicht gedacht, daß er gleich so lospoltern würde, Master Copperfield«, sagte Uriah. »Aber es ist nichts. Morgen werden wir wieder gute Freunde sein. Es ist zu seinem Besten. Ich sorge in aller Bescheidenheit für sein Bestes.«

Ich gab ihm keine Antwort und ging hinauf in das Zimmer, wo Agnes so oft neben mir gesessen hatte, wenn ich studierte. Es kam niemand, bis es spät Nacht wurde. Ich nahm ein Buch und versuchte zu lesen. Ich hörte die Uhren zwölf schlagen und las immer noch, ohne zu wissen was, als mich Agnes mit der Hand berührte.

»Du reisest morgen frühzeitig ab, Trotwood. Laß uns jetzt Abschied nehmen!«

Sie hatte geweint, aber ihr Antlitz war jetzt so ruhig und schön.

»Der Himmel segne dich!« sagte sie und gab mir die Hand.

»Teuerste Agnes!« entgegnete ich, »ich sehe, du wünschest nicht von heute abend zu sprechen – aber läßt sich gar nichts tun?«

»Wir müssen unser Vertrauen in Gott setzen!« gab sie zur Antwort.

»Kann ich nichts tun – ich, der immer mit seinen kleinen Schmerzen zu dir kommt?«

»Und die meinigen um so viel leichter macht«, erwiderte sie. »Nein, lieber Trotwood.«

»Liebe Agnes,« sagte ich, »es ist eine Anmaßung von mir, der so arm an alledem ist, woran du so reich bist – an Güte, an Entschlossenheit, an allen Eigenschaften – an dir zu zweifeln, oder dir Ratschläge zu erteilen; aber du weißt, wie sehr ich dich liebe und wieviel ich dir verdanke. Du wirst dich niemals einem mißverstandenen Pflichtgefühl aufopfern, Agnes?«

Einen Augenblick lang viel aufgeregter, als ich sie je gesehen, entzog sie mir ihre Hand und trat einen Schritt zurück.

»Sprich es aus, daß du an so etwas nicht denkst, geliebte Agnes! die du mir viel mehr bist als Schwester. Denke an die unschätzbare Gabe eines solchen Herzens, wie das deine ist, einer solchen Liebe wie die deine.«

O, noch viele, viele Jahre später habe ich dieses Gesicht gesehen mit dem eigentümlichen Ausdruck jenes Augenblicks, der kein Staunen, keine Anklage, keinen Vorwurf enthielt. O, noch lange, lange Zeit später sah ich diesen Blick zu dem lieblichen Lächeln werden, mit dem sie mir sagte, sie habe ihretwegen keine Furcht, und ich brauche auch um sie keine zu haben, von mir Abschied nahm, mich Bruder nannte und verschwunden war!

Es war noch dämmerig, als ich am andern Morgen vor dem Gasthofe auf das Verdeck der Landkutsche stieg. Der Tag graute eben, als wir abfahren wollten, und da, als ich an sie dachte, tauchte durch die Dämmerung Uriahs Kopf hervor.

»Copperfield!« sagte er mit einem heisern Krächzen, als er sich an dem eisernen Geländer des Daches festhielt, »ich glaubte, Sie würden es gern hören vor ihrer Abreise, daß wir beiden Kompagnons wieder einig sind. Ich war heute früh in seinem Zimmer und habe alles in Ordnung gebracht. Obgleich ich nur ein niedriger Mann bin, bin ich ihm doch nützlich gewesen; und er versteht sich auf sein Interesse, wenn er nicht berauscht ist! Was für ein angenehmer Mann er aber doch im Grunde ist, Master Copperfield!«

Ich erwiderte ihm nur, daß ich mich freue, daß er ihn um Verzeihung gebeten habe.

»Ja natürlich!« sagte Uriah. »Bei einer niedrigen Person – was ist da eine Bitte um Verzeihung? So leicht!« – Dann zuckte er wieder wie ein Schlangenmensch und setzte hinzu: »Noch eins! Sagen Sie mir, haben Sie wohl schon mal eine Birne abgepflückt, ehe sie reif war, Master Copperfield?«

»Ich glaube wohl«, gab ich zur Antwort.

»Das tat ich gestern abend, –« sagte Uriah; »aber sie wird schon noch reif werden! Nur abwarten muß man es! Und ich kann warten.«

Nach lebhaften Abschiedsgrüßen stieg er wieder herunter, als sich der Kutscher auf den Bock setzte. Ich weiß nicht, ob er etwas kaute, um der rauhen Morgenluft entgegenzuwirken und seinen trockenen Hals geschmeidig zu machen; aber er machte mit seinem Munde Bewegungen, als ob die Birne schon reif sei und er sich die Lippen danach lecke.

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