Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

David Copperfield. Teil II

Charles Dickens: David Copperfield. Teil II - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/dickens/coppmey2/coppmey2.xml
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield. Teil II
publisherDiogenes
year1982
isbn9783257210347
firstpub1910
translatorGustav Meyrink
correctorJodef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20121119
modified20180709
projectid36f92cfd
Schließen

Navigation:

59. Kapitel
Rückkehr

Ich langte an einem winterlichen Herbstabend in London an. Es war dunkel und regnerisch, und ich bekam in einer Minute mehr Nebel und Schmutz zu Gesicht, als ich in einem Jahr gesehen. Ich mußte vom Zollhaus bis zum Monument zu Fuß gehen, ehe ich einen Wagen fand, und obgleich mich die Häuser, die auf die überlaufenden Gossen herabblickten, wie alte Freunde anmuteten, mußte ich mir doch gestehen, daß es recht schmutzige Freunde waren. Ich habe oft bemerkt, daß das Verlassen eines lang bewohnten Wohnorts ein Signal zu einer allgemeinen Veränderung zu geben scheint. Ich bemerkte aus dem Wagenfenster heraus, daß ein altes Haus in Fishstreet Hill, das ein Jahrhundert lang unberührt von Maler, Zimmermann und Maurer gestanden, während meiner Abwesenheit eingerissen und eine Straße von historischer Unsauberkeit und Enge kanalisiert und verbreitert worden war; halb und halb erwartete ich die St.-Pauls-Kathedrale älter aussehen zu finden.

Auf mancherlei Veränderungen in den Verhältnissen meiner Freunde war ich vorbereitet. Meine Tante war längst nach Dover gezogen, und Traddles hatte sich schon im ersten Halbjahr nach meiner Abreise eine Praxis als Advokat erworben. Er besaß jetzt eine Kanzlei in Grays Inn und hatte mir in seinen letzten Briefen geschrieben, er trage sich mit der Hoffnung, bald mit dem »besten Mädchen der Welt« verbunden zu sein.

Man erwartete meine Heimkehr erst kurz vor Weihnachten, und niemand ahnte, daß ich so bald zurückkehren würde. Absichtlich hatte ich ihnen nichts geschrieben, um das Vergnügen zu haben, sie zu überraschen, und dennoch war ich töricht genug, mich enttäuscht und verstimmt zu fühlen, als mir kein Willkommen zuteil wurde und ich allein und schweigend durch die neblichten Straßen fahren mußte. Die alten bekannten Läden mit ihrem heitern Lichterglanz heiterten mich jedoch bald auf, und als ich vor der Tür des Hotels in Grays Inn ausstieg, war ich wieder guter Laune.

»Wissen Sie, wo Mr. Traddles wohnt?« fragte ich den Kellner, als ich mich am Kamin wärmte.

»Holborn Court, Nummer zwei.«

»Mr. Traddles ist als Anwalt ziemlich bekannt, glaube ich?«

»Wohl möglich, Sir, aber ich weiß es nicht.«

Der Kellner, ein hagerer Mann in mittleren Jahren, sah sich hilfesuchend nach einem andern von mehr Autorität um, – einem großen, kräftigen, alten Mann von wichtigem Aussehen, einem Doppelkinn, schwarzen Kniehosen und Strümpfen, der sogleich aus einer Ecke wie aus dem Stuhl eines Kirchendieners im Hintergrunde des Kaffeezimmers hervorkam, wo er einer Geldkasse, einem Adreßbuch, einem Advokatenverzeichnis und andern Büchern und Papieren Gesellschaft geleistet hatte.

»Mr. Traddles«, sagte der magere Kellner zu ihm. »Nummer zwei im Hof.« Der wichtig aussehende Kellner winkte ihn weg und wandte sich würdevoll an mich.

»Ich fragte vorhin, ob Mr. Traddles als Advokat einen Ruf genießt?«

»Nie seinen Namen gehört«, sagte der Kellner mit kräftiger, etwas heiserer Stimme.

Ich fühlte mich für Traddles ein wenig gedemütigt.

»Er ist wohl noch ein junger Mann?« fragte der Kellner und musterte mich mit strengem Blick, »Wie lange ist er Advokat?«

»Ungefähr drei Jahre.«

Der Kellner, der in seinem Kirchenstuhl wahrscheinlich vierzig Jahre gelebt hatte, konnte doch einen so unbedeutenden Gegenstand nicht weiter verfolgen. Er fragte mich, was ich zu Mittag essen wollte.

Ich fühlte mich wieder ganz in England und war wegen Traddles wirklich recht niedergedrückt. Es schien so gar keine Hoffnung für ihn vorhanden zu sein.

Bescheiden bestellte ich Fisch und einige Schnitten Fleisch und lehnte mich an den Kamin, über meines Freundes Unberühmtheit nachsinnend. Als ich dem Oberkellner mit den Augen folgte, konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß der Garten, in dem der Mann zur Blume erblüht war, ein für das Wachstum recht unfruchtbarer Boden sei. Der ganze Ort hatte ein verjährtes, steifleinenes, herkömmliches, ältliches Aussehen. Ich sah mich im Zimmer um, dessen Fußboden, mit Sand bestreut, wahrscheinlich genau so ausgesehen hatte, als der Oberkellner noch ein Knabe war, wenn das überhaupt je der Fall gewesen, – betrachtete die glänzenden Tische, wo ich mich in den ungetrübten Tiefen alten Mahagoniholzes widerspiegelte, – die tadellos geputzten Lampen, die grünen Vorhänge an den schlanken Messingstäben über den Logen, – die zwei hellbrennenden Kohlenfeuer und die in Reihen aufgestellten Weinkaraffen, die sich aufblähten, wie erfüllt von dem stolzen Bewußtsein, daß noch ganze Oxhofte feinsten alten Portweins unten im Keller stünden; und sowohl England wie die Rechtswissenschaften erschienen mir sehr schwer im Sturmschritt zu nehmen.

Ich ging in mein Schlafzimmer hinauf, um mich umzuziehen, und die große Ausdehnung des alten Eichengetäfels, die würdevolle Unermeßlichkeit des Himmelbetts, der unerschütterliche Ernst der Kommode, alles schien sich in strengem Stirnrunzeln bei einem Hinblick auf die Zukunft Traddles' und anderer solcher kühner Jünglinge zu vereinigen. Ich kam zum Mittagessen wieder herunter, und selbst die langsame Behäbigkeit des Mahles und das gesetzte Schweigen des Ortes bildeten einen Kommentar zu Traddles' Verwegenheit und der Geringfügigkeit seiner Hoffnungen auf einen Lebensunterhalt innerhalb der nächsten zwanzig Jahre.

Seit ich aus dem Lande fortgewesen, hatte ich nichts dergleichen gesehen, und der bloße Anblick vernichtete vollständig meine Hoffnungen für meinen Freund. Der Oberkellner schien von mir vorläufig genug zu haben. Er kam mir nicht mehr nahe, sondern widmete sich einem alten Herrn in langen Gamaschen, für den eine ganz besondere Flasche Portwein freiwillig aus dem Keller heraufgekommen sein mußte, denn er hatte nichts bestellt. Der zweite Kellner erzählte mir flüsternd, daß dieser alte Herr ein in der Nähe wohnender, im Ruhestand lebender steinreicher Advokat sei, der wahrscheinlich sein Vermögen der Tochter seiner Wäscherin hinterlassen werde; es gehe das Gerücht, ein vollständiges silbernes Service, ganz blind geworden vom langen Liegen, stehe in seinem Schranke, aber kein sterbliches Auge habe bisher mehr als einen silbernen Löffel und eine Gabel in seiner Wohnung erblickt. Da gab ich Traddles ganz verloren und sah ein, daß für ihn keine Hoffnung mehr war.

Da ich jedoch meinen lieben alten Freund gar zu gern sehen wollte, erledigte ich mein Mittagessen in einer Weise, die durchaus nicht geeignet war, mich in der Achtung des Oberkellners zu heben, und enteilte aus einer Hintertür.

Nummer zwei im Hof war bald erreicht, und da mir ein Schild an der Tür verriet, Mr. Traddles' Kanzlei befinde sich im obersten Stockwerk, stieg ich hinauf. Es war eine alte gebrechliche Treppe, auf jedem Absatz schwach erleuchtet von einem kleinen dickköpfigen Öldocht, der in einem kleinen Kerker von schmutzigem Glas hinstarb.

Während meines Hinaufstolperns glaubte ich ein fröhliches Lachen zu hören; es war nicht das Lachen eines Notars, eines Advokaten oder Schreibers, sondern mußte von zwei oder drei lustigen Mädchen kommen. Als ich stillstand, um zu lauschen, geriet ich mit dem Fuße in ein Loch, das die ehrenwerten Bewohner von Grays Inn auszubessern unterlassen hatten, fiel geräuschvoll hin, und als ich aufstand, war alles still.

Ich tappte mich vorsichtig weiter, und mein Herz schlug laut, als ich die Außentür, auf die »Mr. Traddles« gemalt war, offenstehen sah. Ich klopfte. Ein Tumult entstand drinnen, sonst geschah weiter nichts. Ich klopfte daher noch einmal.

Ein kleiner Bursche mit pfiffigem Gesicht, halb Laufbursche, halb Schreiber, der sehr außer Atem war, aber mich ansah, als wollte er sagen, ich könne ihm nichts beweisen, erschien.

»Ist Mr. Traddles zu Hause?«

»Ja, Sir. Aber er ist beschäftigt.«

»Ich möchte ihn gerne sprechen.«

Nachdem mich der Bursche mit dem pfiffigen Gesicht eine Weile gemustert, entschloß er sich mich einzulassen, machte die Tür zu diesem Zweck ein wenig weiter auf und ließ mich durch einen winkeligen Vorraum in ein kleines Zimmer treten, wo ich meinen alten Freund, ebenfalls außer Atem, über Akten gebeugt an einem Tisch sitzend fand.

»Mein Gott«, rief Traddles, als er aufblickte, »Copperfield!« Und er stürzte mir in meine Arme.

»Alles wohl, lieber Traddles?«

»Alles wohl, mein lieber, lieber Copperfield, und nichts als gute Nachrichten.«

Wir weinten beide vor Freude.

»Mein lieber Junge«, sagte Traddles und fuhr sich mit den Fingern überflüssigerweise in die Haare, »lieber Copperfield, mein lang verlorner und höchst willkommner Freund, wie froh bin ich, dich zu sehen!

Und wie braun du bist! Wie ich mich freue! Bei meinem Leben und bei meiner Ehre, ich habe mich noch nie so gefreut, mein lieber Copperfield; noch nie.«

Ich konnte vor Rührung kein Wort sprechen.

»Mein lieber, lieber Freund! Und so bekannt geworden! Mein berühmter Copperfield! Mein Gott, wann bist du denn angekommen? Woher bist du gekommen? Was hast du getrieben?«

Ohne auf eine Antwort zu warten, drückte er mich in einen Lehnstuhl am Kamin, schürte das Feuer und zerrte an meinem Halstuch, beherrscht von dem Glauben, es sei ein Überrock. Ohne das Schüreisen wegzulegen, umarmte er mich wieder, und wir beide, lachend und uns die Augen trocknend, setzten uns hin und schüttelten einander in einem fort die Hände.

»Mein Gott, daß du sobald nach Hause gekommen bist, lieber alter Freund, und nicht einmal bei der Feierlichkeit warst.«

»Bei welcher Feierlichkeit, lieber Traddles?«

»Mein Gott!« rief Traddles und riß in seiner alten gewohnten Art die Augen auf, »hast du denn meinen letzten Brief nicht erhalten?«

»Gewiß nicht, wenn von einer Feierlichkeit etwas darin stand.«

»Lieber Copperfield«, sagte Traddles und strich sich das Haar mit beiden Händen gerade in die Höhe und legte dann seine Hand auf mein Knie, »ich bin verheiratet.«

»Verheiratet!« rief ich erfreut.

»Jawohl. Getraut von Seiner Hochwürden Horace Crewler mit Sophie, – unten in Devonshire. Bester Freund, sie steht doch dort hinter dem Fenstervorhang! Sieh nur hin!«

Zu meinem Erstaunen trat das »beste Mädchen der Welt« in diesem Augenblick lachend und errötend aus ihrem Versteck hervor. Ein muntereres, liebenswürdigeres, glücklicher strahlendes Gesicht einer jung verheirateten Frau, glaube ich, konnte es nicht geben, und ich mußte das auch auf der Stelle aussprechen. Ich küßte sie in meinem Recht als alter Bekannter und wünschte ihnen von ganzem Herzen Glück.

»Mein Gott«, sagte Traddles, »was für ein fröhliches Wiedersehen das ist. Du siehst unglaublich braun gebrannt aus, lieber Copperfield. Mein Gott, wie glücklich ich bin!«

»Und ich auch«, sagte ich.

»Und ich gewiß auch«, stimmte Sophie errötend und lachend ein.

»Wir sind alle so glücklich wie nur möglich«, bekräftigte Traddles. »Selbst die Mädchen sind glücklich. – Himmel, ich habe ganz auf sie vergessen.«

»Vergessen? Worauf?«

»Auf die Mädchen! Sophies Schwestern. Sie sind bei uns zu Besuch in London. Übrigens, warst du es, der die Treppe heraufstolperte, Copperfield?«

»Jawohl«, sagte ich lachend.

»Nun, als wir es hörten, spielten wir gerade Plumpsack. Aber da sich das nicht in Westminster Hall schickt und auch nicht sehr berufsmäßig ausgesehen hätte, wenn ein Klient gekommen wäre, sind sie ausgerissen. Sie horchen jetzt bestimmt«, und Traddles warf einen Blick nach einer Verbindungstür.

»Es tut mir wirklich leid, eine solche Störung verursacht zu haben«, entschuldigte ich mich lachend.

»Auf mein Wort«, entgegnete Traddles entzückt, »wenn du gesehen hättest, wie sie ausrissen und wieder zurückliefen, als du klopftest, um die Kämme zu holen, die ihnen aus den Haaren gefallen waren, würdest du das nicht sagen. Mein Schatz, möchtest du nicht die Mädchen hereinholen?«

Sophie lief fort, und wir hörten gleich darauf, wie sie im anstoßenden Zimmer mit fröhlichem Gelächter empfangen wurde.

»Wahre Musik, lieber Copperfield, nicht wahr? Es macht diese alten Stuben ordentlich hell. Für so einen unglücklichen Junggesellen, der sein ganzes Leben lang allein gewohnt hat, weißt du, ist es geradezu etwas Köstliches. Die armen Dinger haben viel verloren an Sophie, die, ich versichere dir, Copperfield, das beste Mädchen von der Welt ist und immer war. Es tut mir über alle Maßen wohl, sie jetzt in so guter Laune zu sehen. Mädchengesellschaft ist etwas sehr Angenehmes, Copperfield. Es schickt sich nicht recht für eine Advokatenkanzlei, ist aber sehr angenehm.«

Da ich bemerkte, daß seine Stimme etwas unsicher wurde, und wohl begriff, daß er in seiner Herzensgüte fürchtete, alte Wunden in mir aufzureißen, stimmte ich ihm mit einer Herzlichkeit bei, die ihn sichtlich tröstete und freute.

»Unsere häuslichen Einrichtungen, um die Wahrheit zu sagen, sind allerdings für eine Advokatenkanzlei recht unberufsmäßig, Copperfield, und selbst, daß Sophie hier ist, schickt sich nicht recht. Aber wir haben keine andere Wohnung. Wir haben uns in einer Nußschale auf das Meer gewagt, sind aber auf alles gefaßt. Sophie ist eine ausgezeichnete Hausfrau. Du würdest dich wundern, wie sie die Mädchen untergebracht hat, ich weiß wahrhaftig selber kaum, wie es möglich war.«

»Sind viele der jungen Damen bei euch zu Besuch?«

»Die älteste ist hier, die Schönheit«, sagte Traddles leise und vertraulich, »und Karoline und Sarah, von der ich dir erzählte, daß sie mit dem Rückenmark zu tun habe. Es geht ihr jetzt bedeutend besser! Und die beiden Jüngsten, die Sophie erzogen hat, sind auch hier. Und Luise.«

»Was du sagst!«

»Ja. Nun besteht die ganze Wohnung nur aus drei Zimmern, aber Sophie hat alles auf das Wunderbarste eingerichtet, und die Mädchen schlafen so bequem wie möglich. Drei in diesem Zimmer«, erklärte Traddles und wies mit dem Finger auf die Tür. »zwei in jenem.«

Ich konnte nicht umhin, mich nach dem Platze umzusehen, der für Mr. und Mrs. Traddles übrigblieb. Traddles verstand mich.

»Nun, wir sind auf alles vorbereitet, wie ich schon sagte, und versuchten es vorige Woche mit einem Bett auf dem Fußboden hier. Aber oben unter dem Dach ist noch ein Zimmerchen, das Sophie, um mich zu überraschen, selbst tapeziert hat, und das bildet gegenwärtig unser Schlafzimmer. Es ist eine ganz famose Zigeunerwirtschaft. Man hat sogar eine Aussicht aus dem Fenster.«

»Also du bist endlich glücklich verheiratet, mein lieber Traddles. Wie mich das freut!«

Wir schüttelten uns wieder die Hände.

»Ja, ich bin so glücklich, wie es nur möglich ist. Erinnerst du dich des alten Bekannten dort?« Er nickte frohlockend nach dem Blumentopf mit dem Untergestell hin, »und das ist der Tisch mit der Marmorplatte. Die ganze übrige Einrichtung ist einfach und bequem, wie du siehst. Und von Silber, mein Gott, haben wir nicht einmal einen Teelöffel.«

»Alles will erst verdient werden«, sagte ich heiter.

»Sehr richtig. Alles will erst verdient werden. Natürlich besitzen wir so etwas wie Teelöffel, womit wir unsern Tee umrühren. Aber sie sind aus Britannia-Metall.«

»Das Silber wird um so glänzender sein, wenn es kommt.«

»Das sagen wir auch immer! Du mußt wissen, lieber Copperfield«, vertraute er mir mit leisem vertraulichem Ton an, »nachdem ich in Sachen Jipes kontra Wigzell plädierte, wodurch ich bei meinen Kollegen viel Ehre einlegte, fuhr ich nach Devonshire hinunter und hatte dort mit seiner Ehrwürden eine ernste Privatunterredung. Ich verweilte bei der Tatsache, daß Sophie – sie ist das beste Mädchen von der Welt, ich versichere dir, Copperfield –«

»Davon bin ich überzeugt.«

»Du kannst es mir glauben«, beteuerte Traddles. »Aber ich fürchte, ich schweife ab. War ich nicht bei Seiner Ehrwürden?«

»Du sagtest, daß du bei der Tatsache verweiltest –«

»Richtig! Bei der Tatsache, daß Sophie und ich nun schon seit langem verlobt wären, und daß sie mit Erlaubnis ihrer Eltern willens sei, mich zu nehmen – kurz«, sagte Traddles mit seinem alten offenherzigen Lächeln, »auf unsere Britannia-Metall-Ausstattung hin. Ich schlug Seiner Ehrwürden vor, wenn ich in einem Jahr zweihundertfünfzig Pfund verdiente und eine kleine Wohnung wie diese hier einfach ausstatten könnte, wollte ich Sophie heiraten. Ich nahm mir die Freiheit, ihm vorzustellen, daß wir nun schon viele Jahre lang Geduld gehabt und Sophies außerordentliche Nützlichkeit im Elternhause doch kein Grund sein dürfte, sie vom Heiraten abzuhalten. Ist das nicht auch deine Meinung?«

»Gewiß.«

»Das freut mich. Ohne Seiner Ehrwürden etwas nachsagen zu wollen, bin ich nämlich der Ansicht, daß Eltern, Brüder usw. manchmal recht egoistisch sind. Nun weiter! Ich erklärte ihm, daß es mein ernstlichster Wunsch wäre, der Familie nützlich zu sein, und falls ich mein Fortkommen fände und ihm etwas zustoßen sollte – ich meine Seiner Ehrwürden –«

»Ich verstehe.«

»Oder Mrs. Crewler, so würde es mir zur größten Befriedigung gereichen, den Mädchen ein väterlicher Beschützer sein zu dürfen. Er gab mir eine vortreffliche Antwort, die außerordentlich schmeichelhaft für mich war, und übernahm es, Mrs. Crewlers Einwilligung zu erwirken. – Sie hatten eine schreckliche Zeit mit ihr. Es stieg ihr von den Beinen in die Brust und dann in den Kopf –«

»Was stieg denn?«

»Der Schmerz«, erklärte Traddles mit ernstem Blick. »Ihre Gefühle im allgemeinen. Wie ich schon früher einmal erwähnte, ist sie eine ausgezeichnete Frau, aber sie hat den Gebrauch ihrer Glieder eingebüßt. Alles, was sie angreift und aufregt, setzt sich meistens bei ihr in den Beinen fest, aber diesmal stieg es ihr in die Brust und dann in den Kopf, kurz, es durchdrang sie auf die allerbeunruhigendste Weise. Dennoch brachten sie sie durch unermüdliche liebreiche Pflege durch, und wir wurden gestern vor sechs Wochen getraut. Du kannst dir keine Vorstellung machen, Copperfield, wie ich mir als Ungeheuer vorkam, als ich die ganze Familie nach allen Richtungen ausbrechen und ohnmächtig werden sah.

Mrs. Crewler konnte mich nicht ansehen vor meiner Abreise und mir nicht vergeben, daß ich sie ihres Kindes beraubte. Aber sie hat ein gutes Herz und hat es inzwischen getan. Heute morgen noch erhielt ich einen prächtigen Brief von ihr.«

»Mit einem Wort, lieber Freund, du bist so glücklich, wie du es verdienst.«

»Du bist parteiisch«, lachte Traddles. »Aber in der Tat, ich bin ein höchst beneidenswerter Mensch. Ich arbeite viel und studiere unermüdlich. Ich stehe jeden Morgen um fünf Uhr auf, und es schadet mir gar nicht. Bei Tage verstecke ich die Mädchen, und abends sind wir fröhlich miteinander. Ich versichere dir, es tut mir sehr leid, daß sie Dienstag, wo die Gerichtsferien aufhören, wieder abreisen. Aber da sind ja die Mädchen«, Traddles brach seine vertrauliche Rede ab. »Mr. Copperfield – Miss Crewler – Miss Sarah, Miss Luise, – Margarete und Lucie.«

Die Mädchen glichen einem Rosenstrauß, so gesund und frisch sahen sie aus. Sie waren alle hübsch, und Miss Karoline sehr schön, aber in Sophies leuchtenden Blicken lag etwas so Gemütvolles, Zärtliches und Häusliches, das noch viel besser war und mir die Versicherung gab, daß mein Freund gut gewählt hatte.

Wir nahmen alle um den Kamin Platz, während der Bursche mit dem pfiffigen Gesicht, der, wie ich nun erriet, außer Atem gekommen war, weil er so schnell die Papiere auf dem Tisch ausgebreitet hatte, alles jetzt wieder wegräumte und das Teeservice brachte. Sodann entfernte er sich für den Abend. Mrs. Traddles, aus deren gemütvollen Augen eitel Freude und stille Ruhe strahlten, bereitete den Tee und röstete dann ruhevoll in ihrer Ecke am Feuer den Toast. Sie hätte Agnes besucht, erzählte sie mir dabei. Tom und sie hätten eine Hochzeitsreise nach Kent gemacht und bei dieser Gelegenheit auch meine Tante besucht, die sich, wie auch Agnes, wohl befände, und sie hätten von nichts als von mir gesprochen. Tom hätte überhaupt an nichts anderes als an mich gedacht während meiner ganzen Abwesenheit. Tom war die Autorität für alles. Tom war offenbar der Abgott ihres Lebens, der durch nichts von seinem Throne gestürzt werden konnte; sie hing an ihm mit dem ganzen Glauben ihres Herzens, komme, was da wolle.

Die Ehrerbietung, die sowohl sie wie Traddles vor der »Schönheit« an den Tag legten, machte mir viel Spaß. Es kam mir zwar nicht sehr verständig vor, aber erfreulich, und paßte sehr gut zu ihnen. Gewisse Anzeichen von Launenhaftigkeit, die ich an der »Schönheit« bemerkte, betrachteten er und seine Gattin offenbar als ein angestammtes Recht und eine Gabe der Natur. Wären sie selbst als Arbeiterbienen geboren worden und die »Schönheit« als Bienenkönigin, so hätten sie nicht zufriedener sein können.

Und diese Selbstlosigkeit freute mich an ihnen.

Ihr Stolz auf die Mädchen und ihre Nachgiebigkeit allen ihren Launen gegenüber waren das hübscheste Zeugnis ihres eignen Wertes, das man sich nur wünschen konnte.

Wenigstens zwölfmal in jeder Stunde wurde der »gute, liebste Traddles« von einer oder der andern seiner Schwägerinnen gebeten, das oder jenes zu reichen, wegzustellen oder aufzuheben, etwas zu holen oder zu suchen. Ebensowenig konnte etwas ohne Sophie geschehen. Der einen fiel der Zopf herunter, und bloß Sophie konnte ihn wieder aufstecken. Die eine konnte sich nicht an eine bestimmte Melodie erinnern, und nur Sophie konnte sie richtig summen. Es war etwas nach Hause zu berichten, und nur Sophie konnte es übernehmen, nächsten Morgen vor dem Frühstück zu schreiben. Sie waren vollständig Herrinnen im Hause, und Sophie und Traddles warteten ihnen auf. Wieviel Kinder Sophie auf einmal hätte unter ihre Obhut nehmen können, kann ich mir nicht vorstellen, aber sie schien jedes Lied zu kennen, das einem Kinde in englischer Sprache je vorgesungen worden war, und sie sang auf Wunsch Dutzende hintereinander mit der hellsten, lieblichsten Stimme der Welt – jede Schwester bestellte ein anderes, und die »Schönheit« kam meistens zuletzt –, so daß ich ganz entzückt war.

Das beste von allem war, daß sämtliche Schwestern bei all ihren Ansprüchen Sophie und Traddles ungemein liebten und schätzten.

Als ich mich verabschiedete und Traddles mit mir fortging, um mich ins Kaffeehaus zu begleiten, regnete auf seinen struppigen Kopf eine Flut von Küssen nieder. Es war ein Anblick, an den ich lange noch, nachdem ich Traddles gute Nacht gesagt, mit Vergnügen denken mußte. Wenn ich tausend Rosen in einer Kanzlei im obersten Stockwerk dieses verwitterten Grays Inn hätte blühen sehen, sie würden es nicht halb so heiter haben machen können. Der Gedanke an diese Mädchen aus Devonshire, mitten unter den vertrockneten Federfuchsern und Advokatenbureaus, an die Kinderlieder in der gestrengen Atmosphäre von Radierpulver und Pergament, rotem Band, staubigen Oblaten, Tintenkrügen, Aktenpapier und Gerichtsschreiben, erschien mir so märchenhaft, als ob die berühmte Familie des Sultans von Tausendundeiner Nacht samt dem singenden Baum, dem redenden Vogel und dem goldnen Wasser mit nach Grays Inn übergesiedelt wäre.

Wie es kam, weiß ich nicht, aber als Traddles mir gute Nacht gesagt und ich wieder in mein Hotel getreten war, hegte ich keine Befürchtungen wegen seiner Zukunft mehr. Ich fühlte, er werde vorwärtskommen, allen Oberkellnern in England zum Trotz.

Ich zog im Kaffeehauszimmer einen Stuhl an den Kamin, um mit Muße an ihn zu denken, aber allmählich lenkte sich meine Aufmerksamkeit von der Betrachtung seines Glückes ab, und wie ich brütend in die Kohlen blickte und sie in der Glut zusammenfallen und ihre Gestalt verändern sah, fielen mir die Schicksalsfälle und Kümmernisse in meinem Leben wieder ein. Ich hatte an keinem Kohlenfeuer gesessen seit den drei Jahren meiner Abwesenheit. Ich konnte jetzt ernst, aber ohne Bitterkeit an die Vergangenheit denken und der Zukunft mutig ins Auge blicken. Ein Familienleben im eigentlichen Sinne gab es für mich nicht mehr. Sie, der ich eine innigere Liebe hätte einflößen können, hatte ich gelehrt, mir eine Schwester zu sein. Sie würde dereinst heiraten und ihre Liebe einem andern schenken und nie von der Liebe erfahren, die in meinem Herzen aufgekeimt. Was ich erntete, hatte ich selbst gesät.

Ich brütete noch darüber, als ich mich dabei ertappte, daß meine Augen auf einem Gesichte ruhten, das sich geradesogut aus der Glut hätte erhoben haben können, so eng verbunden war es mit meinen Jugenderinnerungen.

Der kleine Mr. Chillip, der Arzt, dessen Geschicklichkeit ich so viel von meiner Existenz verdankte, saß bei einer Zeitung in dem Schatten einer Ecke. Er mußte ziemlich alt sein, aber da er von jeher ein sanftes, ruhiges, stilles Männchen gewesen war, hatte es ihn wenig mitgenommen. Ich stellte mir vor, daß er damals, als er in unserm Wohnzimmer auf meine Geburt wartete, auch nicht viel anders ausgesehen haben konnte.

Mr. Chillip hatte Blunderstone vor sechs oder sieben Jahren verlassen und mich seitdem nicht mehr gesehen.

Er las ruhevoll seine Zeitung, den Kopf auf eine Seite geneigt und ein Glas Glühwein neben sich. Er war so bescheiden in seinem ganzen Wesen, daß er selbst die Zeitung um Verzeihung zu bitten schien, als er sie las.

Ich ging zu ihm hin und sagte:

»Wie geht es Ihnen, Mr. Chillip?«

Er machte ein sehr bestürztes Gesicht bei dieser unerwarteten Anrede seitens eines Fremden und antwortete in seiner alten langsamen Weise: »Ich danke Ihnen, Sir, Sie sind sehr gütig. Ich danke Ihnen, Sir. Ich hoffe, Sie befinden sich ebenfalls wohl.«

»Sie erinnern sich meiner nicht?«

»O gewiß, Sir«, antwortete Mr. Chillip mit sanftem Lächeln den Kopf schüttelnd: »Allerdings kommt es mir fast so vor, als ob mir Ihr Gesicht vertraut wäre, aber auf Ihren Namen kann ich mich wirklich nicht besinnen.«

»Und doch wußten sie ihn viel früher als ich selbst.«

»Wirklich, Sir? Wäre es möglich, daß ich die Ehre hatte, Sir, beizustehen, als –?«

»Ja.«

»Mein Gott!« rief Mr. Chillip. »Aber ohne Zweifel haben Sie sich seitdem sehr verändert, Sir?«

»Wahrscheinlich.«

»Ich hoffe, Sie werden entschuldigen, Sir, wenn ich Sie doch um Ihren Namen bitten muß.«

Als ich mich vorstellte, war er sehr bewegt. Er schüttelte mir regelrecht die Hand, – was für ihn einen Leidenschaftsausbruch bedeutete, denn gewöhnlich ließ er nur seine kleine Hand ein paar Zoll an seiner Hüfte sehen, wie ein Fisch seine Flosse, und kam ganz aus der Fassung, wenn sie jemand herzhaft erfaßte. Selbst jetzt steckte er sie sogleich in die Rocktasche, als ich sie wieder losließ, und schien sehr erleichtert, sie wieder in Sicherheit gebracht zu haben.

»Mein Gott«, sagte er und betrachtete mich, den Kopf auf die Seite geneigt, von oben bis unten. »Also Mr. Copperfield, wirklich? Ich glaube jetzt, ich hätte Sie bestimmt erkannt, wenn ich mir die Freiheit genommen haben würde, Sie schärfer anzusehen. Die Ähnlichkeit zwischen Ihnen und Ihrem seligen Vater ist außerordentlich, Sir.«

»Ich hatte nie das Glück, meinen Vater zu sehen.«

»Sehr wahr, Sir«, sagte Mr. Chillip in begütigendem Ton. »Es war in jeder Hinsicht sehr zu bedauern. Dort unten in unserer Gegend ist Ihr Ruhm nicht unbekannt geblieben. Große Aufregung muß hier herrschen, Sir«, sagte er und tupfte sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn. »Eine anstrengende Beschäftigung, nicht wahr, Sir?«

»Wo wohnen Sie jetzt?« fragte ich ihn und setzte mich neben ihn.

»Ich habe mich einige Meilen von Bury St. Edmunds niedergelassen, Sir. Meine Frau erbte dort von ihrem Vater ein kleines Besitztum, und ich kaufte mir eine kleine Praxis dazu, in der es mir recht gut geht. Meine Tochter ist schon recht groß geworden. Erst vorige Woche hat meine Frau zwei Säume aus ihren Röcken auslassen müssen. Ja, ja, so vergeht die Zeit, Sir.« Da der kleine Doktor bei dieser Bemerkung in der Zerstreutheit sein leeres Glas an den Mund setzte, schlug ich ihm vor, es sich wieder füllen zu lassen, wobei ich ihm mit einem andern Gesellschaft leisten wollte.

»Es ist eigentlich mehr, als ich gewohnt bin, aber ich kann mir das Vergnügen, mich mit Ihnen zu unterhalten, nicht versagen. Es ist, als wäre es gestern gewesen, daß ich die Ehre hatte, Sie während der Masern zu behandeln. Sie haben sie prächtig überstanden, Sir.«

Ich dankte für das Kompliment und ließ mir ein Glas Glühwein kommen.

»Eine etwas ungewöhnliche Abschweifung«, bemerkte Mr. Chillip und rührte sein Getränk um, »aber ich kann einer so außerordentlichen Gelegenheit nicht widerstehen. Sie haben keine Familie, Sir?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ich erfuhr, daß Sie vor einiger Zeit einen Verlust erlitten haben, Sir. Ich erfuhr es von Ihres Stiefvaters Schwester. Ein sehr entschiedner Charakter, diese Dame, Sir!«

»Nun ja«, sagte ich, »entschieden genug; wo haben Sie sie gesehen, Mr. Chillip?«

»Sie wissen nicht, mein Herr, daß Ihr Stiefvater wieder ein Nachbar von mir geworden ist?«

»Nein.«

»Ja, er ist wieder mein Nachbar, Sir. Er heiratete eine junge Dame aus jener Gegend mit einer sehr schönen kleinen Besitzung – armes Ding! Und diese Anstrengung Ihres Gehirns, Sir, ermüdet Sie nicht?« fragte er und sah mich an wie ein erstauntes Rotkehlchen.

Ich wich seiner Frage aus und fing wieder von den Murdstones an.

»Es ist mir nur bekannt, daß er sich wieder verheiratet hat. Behandeln Sie die Familie?«

»So gelegentlich. Starke phrenologische Entwicklung des Organs der Entschiedenheit bei Mr. Murdstone und seiner Schwester, Sir!«

Ich antwortete mit einem so ausdrucksvollen Blick, daß Mr. Chillip dadurch und durch den Glühwein ermutigt den Kopf wiegte und gedankenvoll ausrief: »Lieber Himmel, wie sehr erinnert uns alles an die alten Zeiten, Mr. Copperfield!«

»Bruder und Schwester gehen immer noch ihren alten Weg, nicht wahr?« fragte ich.

»Ja, sehen Sie, mein Herr, ein Arzt, der so viel bei Familien herumkommt, sollte eigentlich nur für seinen Beruf Augen und Ohren haben. Ich muß jedoch sagen, sie sind sehr streng, sowohl was dieses als was das künftige Leben anbetrifft.«

»Das künftige wird wohl wenig rücksichtsvoll mit ihnen verfahren, darf man wohl sagen«, erwiderte ich, »aber was machen sie in diesem?«

Mr. Chillip wiegte den Kopf, rührte seinen Glühwein um und nippte daran.

»Sie war eine reizende junge Frau«, bemerkte er in klagendem Ton.

»Die jetzige Mrs. Murdstone?«

»Eine reizende junge Frau. So liebenswürdig wie nur möglich! Mrs. Chillip meint, sie sei seit ihrer Heirat vollständig gebrochen und so gut wie trübsinnig. Und Frauen«, setzte Mr. Chillip schüchtern hinzu, »sind gute Beobachter, Sir.«

»Ich vermute, sie wollten sie auch in derselben abscheulichen Weise umformen, die Ärmste«, sagte ich, »und das scheinen sie erreicht zu haben.«

»Im Anfang gab es heftige Streitigkeiten, aber jetzt ist sie nur mehr ihr eigener Schatten. Ich weiß nicht, ob ich mir herausnehmen darf, Ihnen im Vertrauen zu verraten, daß, seit die Schwester mit dazukam, beide die Arme fast bis zur Geistesschwäche herabgebracht haben.«

Ich sagte ihm, daß ich mir das leicht vorstellen könnte.

»Ich zögere nicht zu konstatieren«, – Mr. Chillip stärkte sich wieder mit einem Schluck Glühwein, – »daß Ihre Mutter, Sir, daran gestorben ist. Diese Tyrannei, das finstere Wesen und die Quälereien haben die jetzige Mrs. Murdstone fast blödsinnig gemacht. Sie war ein lebhaftes junges Mädchen vor der Heirat, und diese finstere Strenge hat sie gebrochen. Sie gehen mit ihr wie Gefängniswärter, nicht wie Gatte und Schwägerin um. Das äußerte erst vorige Woche Mrs. Chillip gegen mich. Und ich versichere Ihnen, Sir, Frauen sind gute Beobachter. Mrs. Chillip selbst beobachtet sehr scharf.«

»Spielt er immer noch den Frommen? Ich schäme mich fast, das Wort in Verbindung mit ihm zu gebrauchen.«

»Sie gebrauchen fast dieselben Worte wie meine Gattin, Sir. Es gab mir ordentlich einen elektrischen Schlag, als mir Mrs. Chillip sagte, daß Mr. Murdstone sich selbst als Götzenbild hinstelle, um sich anbeten zu lassen. Sie hätten mich mit einem Federkiel zu Boden strecken können, versichere ich Ihnen, Sir, als Mrs. Chillip das aussprach. Ja, ja, die Damen sind scharfe Beobachter, Sir.«

»Intuition!« sagte ich, was Mr. Chillip in größtes Entzücken versetzte.

»Ich schätze mich glücklich, meine Meinung von Ihnen bestätigt zu sehen, Sir. Es geschieht nicht oft, ich versichere Ihnen, daß ich ein nichtärztliches Urteil abgebe. Mr. Murdstone hält manchmal Vorträge, und man sagt – kurz Mrs. Chillip sagt –, daß seine Lehren immer fanatischer werden, je tyrannischer er sich selbst zu Hause benimmt.«

»Ich glaube, Mrs. Chillip hat vollkommen recht.«

»Mrs. Chillip geht sogar so weit, zu behaupten«, fuhr der sanfteste aller kleinen Männer ermutigt fort, »daß das, was solche Leute fälschlich Religion nennen, nichts als ein Ventil für ihre bösen Launen und ihre Anmaßung ist. Und wissen Sie, Sir, daß ich keine Begründung für Mr. und Miss Murdstones Lehren im Neuen Testament finden kann?«

»Ich auch nicht.«

»Übrigens kann sie kein Mensch leiden. Und da sie sehr freigebig jedermann, der sie nicht leiden kann, der ewigen Verdammnis empfehlen, so haben wir wahrhaftig das reinste Fegefeuer in unserer Nachbarschaft. Doch wie Mrs. Chillip sagt, Sir, leiden sie selbst eine beständige Strafe, denn immer in sich gekehrt, müssen sie von ihrem eignen Herzen zehren. Und das ist ein mäßiges Futter. Aber um wieder auf Ihr Gehirn zu sprechen zu kommen, wenn Sie gestatten, strengen Sie sich geistig nicht zu sehr an, Sir?«

Es wurde mir bei der Aufregung Mr. Chillips infolge des ungewohnten Glühweins nicht schwer, seine Aufmerksamkeit von diesem Punkte auf seine eignen Angelegenheiten zu lenken, und er wurde in der nächsten halben Stunde sehr gesprächig. Unter anderm erzählte er mir, er befände sich jetzt hier, um vor einer Untersuchungskommission sein ärztliches Gutachten über den Geisteszustand eines Säuferwahnsinnigen abzugeben.

»Ich versichere Ihnen, Sir«, sagte er, »ich bin bei solchen Gelegenheiten sehr nervös. Ich vertrage es nicht, angefahren zu werden. Es raubt mir alle Fassung. Wissen Sie, daß ich mich erst nach einiger Zeit von dem beunruhigenden Benehmen jener strengen Dame an dem Abend Ihrer Geburt erholen konnte, Mr. Copperfield?«

Ich erzählte ihm, daß ich am nächsten Morgen früh zu der Tante, die sich in jener Nacht so drachenhaft benommen, reisen wollte, und daß sie eine der weichherzigsten und vortrefflichsten Frauen sei, wie er selbst einsehen würde, wenn er sie näher kennenlernte. Die bloße Andeutung der Möglichkeit, sie jemals wiedersehen zu müssen, schien ihn in Schrecken zu versetzen. Mit einem gezwungenen Lächeln erwiderte er: »Wirklich – in der Tat – ist sie das?« und fast unmittelbar darauf ließ er sich eine Kerze geben und ging zu Bett, als ob er nirgends anderswo mehr sicher wäre. Er schwankte nicht gerade von dem Glühwein, aber ich glaube, sein ruhiger kleiner Puls muß zwei- oder dreimal mehr Schläge in der Minute gehabt haben als gewöhnlich seit der großen Nacht, wo meine Tante in ihrer Enttäuschung mit ihrem Hute nach ihm schlug.

 

Sehr ermüdet ging ich auch um Mitternacht schlafen, fuhr am nächsten Tag mit der Post nach Dover, stürmte frisch und munter in die alte Wohnstube meiner Tante, als sie gerade beim Tee saß, und wurde von ihr und Mr. Dick und der guten alten Peggotty, die die Wirtschaft führte, mit offnen Armen und Freudentränen aufgenommen. Als wir uns erst wieder ruhig unterhalten konnten, machte meiner Tante, die jetzt eine Brille trug, meine Erzählung von dem Zusammentreffen mit Mr. Chillip, und daß er immer noch soviel Angst vor ihr habe, vielen Spaß, und sie sowohl wie Peggotty konnten sich nicht genug über meiner verstorbnen Mutter zweiten Gatten und die »Mordschwester« auslassen.

 

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.