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David Copperfield. Teil I

Charles Dickens: David Copperfield. Teil I - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield. Teil I
publisherDiogenes
year1982
isbn9783257210347
firstpub1910
translatorGustav Meyrink
correctorJodef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20121119
modified20180709
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15. Kapitel
Ich fange wieder von vorn an

Mr. Dick und ich wurden bald die besten Freunde und gingen, wenn sein Tagewerk vollendet war, zusammen hinaus und ließen den großen Drachen steigen. Tag für Tag beschäftigte Mr. Dick sich mit seiner Denkschrift, die trotzdem nicht den geringsten Fortschritt machte. Immer geriet König Karl I. hinein, manchmal später, manchmal früher. Dann wurde die Arbeit beiseite geworfen und eine neue angefangen. Die Geduld und Hoffnung, mit der der alte Herr das wiederholte Mißlingen ertrug, ließ ahnen, daß in seinem Kopf etwas nicht ganz richtig sein müsse, die schwachen Versuche, König Karl I. auszuschalten, und die Sicherheit, mit der er sich immer wieder einstellte und die Denkschrift verdarb, machten einen tiefen Eindruck auf mich.

Wozu die Denkschrift überhaupt dienen, und an wen sie abgeschickt werden sollte, wußte Mr. Dick wohl ebensowenig wie sonst irgend jemand. Es hatte für ihn auch gar keinen Zweck, sich mit solchen Fragen zu quälen, denn wenn irgend etwas sicher war unter der Sonne, so war es das, daß diese Denkschrift nie fertig werden würde.

Es war ein rührender Anblick, ihn zu sehen, wenn der Drachen hoch in der Luft schwebte. Was er mir in seinem Zimmer erzählt hatte, über seinen Glauben an die Verbreitung der darauf geklebten Tatsachen, die nichts als alte Blätter mißgeborner Denkschriften waren, mochte wohl manchmal zu Hause in seiner Einbildung spuken, niemals aber draußen, wenn er zu dem Drachen in den Wolken aufsah und ihn an seiner Hand ziehen und reißen fühlte. Zu keiner andern Zeit sah er so heiterselig aus. Ich bildete mir immer ein, wenn ich abends auf dem grünen Rasen neben ihm saß und ihn den Drachen oben in der stillen Luft beobachten sah, daß dieser seinen Geist aus aller Verwirrung emporzöge, – ihn in den Himmel hinauftrüge, wie ich mir in meiner kindlichen Vorstellung dachte. Wenn dann die Schnur aufgewunden wurde und der Drachen tiefer und tiefer aus dem schönen Licht herabsank, dann am Boden hinflatterte und zuletzt wie ein toter Gegenstand dalag, da pflegte Mr. Dick allmählich wie aus einem Traum zu erwachen, wenn er ihn aufhob, und sich so verwirrt umzublicken, als ob er mit ihm zusammen herabgefallen wäre, daß ich ihn von ganzem Herzen bedauern mußte.

Während ich täglich mit Mr. Dick befreundeter und vertrauter wurde, machte ich auch in der Gunst meiner Tante keine Rückschritte. Sie gewann mich so lieb, daß sie nach Verlauf von wenigen Wochen meinen Adoptivnamen Trotwood in Trot abkürzte und mich sogar hoffen ließ, daß ich, wenn ich so fortfahre, in ihrem Herzen bald auf gleicher Stelle mit meiner Schwester Betsey Trotwood stehen würde.

»Trot«, sagte sie eines Abends, als Janet wie gewöhnlich das Pochbrett für sie und Mr. Dick hinsetzte. »Wir dürfen deine Erziehung nicht vergessen.«

Das war noch die einzige Sorge, die mir auf dem Herzen lag, und ich war sehr erfreut, daß sie darauf zu sprechen kam.

»Möchtest du in die Schule von Canterbury gehen?« fragte sie.

Ich antwortete, daß ich es sehr gerne möchte, da ich dann in ihrer Nähe bliebe.

»Gut. Willst du morgen gehen?«

Ich wußte, wie schnell entschlossen meine Tante sein konnte, und darum war ich nicht weiter überrascht und sagte ja.

»Gut. Janet! Bestelle für morgen um zehn Uhr das graue Pony und den Wagen und packe sofort Master Trotwoods Sachen ein!«

Ich war sehr erfreut über diese Anordnungen, fühlte jedoch einen Stich im Herzen wegen meiner Selbstsucht, als ich den Eindruck auf Mr. Dick bemerkte. Er war so niedergeschlagen und spielte infolgedessen so schlecht, daß meine Tante, nachdem sie ihm verschiedne ermahnende Klapse mit dem Würfelbecher auf die Finger gegeben, das Brett zumachte und nicht weiterspielen zu wollen erklärte. Er lebte erst wieder auf, als er von meiner Tante vernahm, daß ich samstags zuweilen herüberkommen und er mich manchmal mittwochs besuchen dürfte, und gelobte, zur Feier dieser Tage einen neuen Drachen, weit größer als den jetzigen, anzufertigen.

Am andern Morgen war er sehr niedergeschlagen und wollte sich damit trösten, daß er mir all sein Geld und Silber schenkte, aber meine Tante hielt ihn ab und schränkte das Geschenk auf fünf Schillinge ein, die später auf seine ernstesten Vorstellungen auf zehn vermehrt wurden.

Wir schieden am Gartentor voneinander in der herzlichsten Weise, und Mr. Dick kehrte erst in das Haus zurück, als wir seinen Blicken entschwunden waren.

Meine Tante, der öffentlichen Meinung gegenüber vollständig gleichgültig, kutschierte das graue Pony in meisterhafter Weise durch Dover; sie saß kerzengerade und steif da wie ein Herrschaftskutscher, ließ das Pferd nicht einen Augenblick aus den Augen und schien ihren Ehrgeiz darin zu suchen, ihm nie freien Willen zu lassen.

Als wir auf die Landstraße kamen, ließ sie die Zügel ein wenig lockerer und sah auf mich herab, der ich in einem Tal von Kissen versunken neben ihr saß, und fragte mich, ob ich mich glücklich fühle.

»Sehr glücklich, ich danke dir so sehr, Tante«, gab ich zur Antwort.

Das freute sie ungemein, und da sie beide Hände voll hatte, klopfte sie mir mit der Peitsche auf den Kopf.

»Ist es eine große Schule, Tante?« fragte ich.

»Ich weiß es noch nicht«, sagte meine Tante, »wir gehen zuerst zu Mr. Wickfield.«

»Hat er eine Schule?« fragte ich.

»Nein, Trot. Er hat eine Kanzlei.«

Ich fragte nicht weiter nach Mr. Wickfield, da sie nichts weiter erwähnte, und wir sprachen über andere Sachen, bis wir nach Canterbury kamen. Es war gerade Markttag, und so bot sich meiner Tante viel Gelegenheit, das graue Pony zwischen Körben, Karren, Gemüsen und Höcklerwaren sicher hindurchzulenken. Die knappen Wendungen, die wir machten, zogen uns eine Menge nicht immer schmeichelhafter Bemerkungen zu, aber meine Tante fuhr höchst unbekümmert herum, und ich glaube, sie wäre ebenso gleichgültig durch ein feindliches Lager kutschiert.

Endlich hielten wir vor einem sehr alten Hause, das in die Straße vorsprang und lange, schmale, vergitterte Fenster hatte und Balken mit geschnitzten Köpfen, die ebenfalls vorragten; so daß es aussah, als beugte sich das ganze Gebäude vor, um zu sehen, was unten auf dem schmalen Pflaster vorgehe.

Es war sehr rein und vollkommen fleckenlos. Der altmodische messingne Klopfer an der niedrigen, mit ausgeschnitzten Blumen- und Fruchtgirlanden verzierten Bogentür funkelte wie ein Stern. Die zwei steinernen Stufen beim Eingang waren so weiß wie mit Leinwand bedeckt und alle Winkel und Ecken, die Schnitzereien und Verzierungen und die kleinen sonderbaren Glasscheiben und die noch wunderlicheren alten Fenster sahen trotz ihres hohen Alters so rein wie frischgefallner Schnee aus.

Als der Ponywagen vor der Türe hielt und ich das Haus musterte, sah ich hinter einem kleinen Fenster im Erdgeschoß in einem kleinen runden Turm, der die eine Seite des Hauses bildete, ein leichenhaftes Gesicht erscheinen und rasch wieder verschwinden. Dann öffnete sich die niedrige Bogentür und das Gesicht kam heraus. Es sah genauso leichenhaft aus, wie hinter dem Fenster und hatte den leisen rötlichen Schein, der dem Teint rothaariger Leute eigen ist. Es gehörte einem rotköpfigen Menschen, einem Jüngling von ungefähr fünfzehn Jahren, der aber viel älter aussah. Das Haar war kurz geschoren, die Augenbrauen fehlten ganz, und die wimperlosen Lider ließen die rötlichbraunen Augäpfel so unbeschützt und unbeschattet, daß ich mir gar nicht vorstellen konnte, wie der junge Mann einzuschlafen imstande wäre. Er war hochschultrig und hager, ganz in Schwarz gekleidet, bis oben zugeknöpft, trug eine schmale, weiße Halsbinde und hatte lange, schmale, hagere Hände, die mir besonders auffielen, als er bei dem Pony stand und, sich das Kinn reibend, zu uns auf den Wagen hinaufsah.

»Ist Mr. Wickfield zu Hause, Uriah Heep?« fragte meine Tante.

»Mr. Wickfield ist zu Hause, Ma'am«, antwortete Uriah Heep. »Wollen Sie gefälligst hier eintreten«, und er wies mit seiner Skeletthand ins Haus.

Wir stiegen aus und traten in ein langes, niedriges Zimmer von dem aus ich die Straße sehen konnte und Uriah Heep erblickte, wie er dem Pony in die Nüstern blies und sie dann mit der Hand zudeckte, als ob er einen Zauber über das Tier verhängen wollte.

Dem hohen alten Kamin gegenüber hingen zwei Porträts. Das eine stellte einen Herrn dar mit grauem Haar und schwarzen Augenbrauen, über eng mit rotem Band zusammengebundene Papiere gebeugt, das andere eine Dame mit einem sehr stillen, lieblichen Gesicht. Ich sah mich unwillkürlich um, ob nicht auch ein Bild von Uriah Heep dahinge, als sich eine Tür am andern Ende des Zimmers öffnete und ein Herr erschien, bei dessen Eintritt ich unwillkürlich nach dem ersten Porträt blickte, um mich zu versichern, ob es nicht aus dem Rahmen herausgetreten sei. Aber es hing noch dort, und als der Herr näher kam, sah ich, daß er einige Jahre älter schien, als zu der Zeit, wo er gemalt worden war.

»Miss Betsey Trotwood«, sagte der Gentleman, »bitte, treten Sie ein. Ich bitte um Entschuldigung, aber ich war für den Augenblick beschäftigt. Sie kennen mein Lebensziel. Ich habe nur eines, Sie wissen.«

Miss Betsey dankte ihm, und wir traten in sein Zimmer, das als Kanzlei eingerichtet, mit Büchern, Papieren, Zinnbüchsen usw. ausgestattet war. Die Fenster gingen auf den Garten hinaus und ein eiserner Geldkasten stak eingemauert in der Wand, so knapp über dem Kaminsims, daß ich verwundert darüber nachdenken mußte, wie die Schornsteinfeger wohl darum herumkämen, wenn sie den Rauchfang kehrten.

»Nun, Miss Trotwood?« sagte Mr. Wickfield, der Rechtsanwalt war und die Güter eines reichen Grundbesitzers in der Grafschaft verwaltete, »was führt Sie zu mir? Nichts Unangenehmes hoffentlich?«

»Nein«, antwortete meine Tante, »ich komme nicht in Prozeßsachen.«

»Das ist recht, Ma'am«, sagte Mr. Wickfield. »Es ist besser, wenn es etwas anderes ist.«

Seine Haare waren bereits ganz weiß, seine Augenbrauen jedoch immer noch schwarz. Er hatte ein sehr angenehmes Gesicht und erschien mir schön. Es lag eine gewisse Üppigkeit in seinem Aussehen, die ich nach Peggottys Belehrung in früheren Jahren mit Portwein in Verbindung brachte. Auch aus dem Klang seiner Stimme und seiner beginnenden Korpulenz schloß ich auf dieselbe Ursache. Außerordentlich sorgfältig gekleidet, trug er einen blauen Frack, eine gestreifte Weste und Nankinghosen. Sein fein gefälteltes Hemd und Batisthalstuch sahen so ungewöhnlich weich und weiß aus, daß ich an das Gefieder einer Schwanenbrust denken mußte.

»Das ist mein Neffe«, stellte mich meine Tante vor.

»Wußte nicht, daß Sie einen hatten, Miss Trotwood«, entgegnete Mr. Wickfield.

»Eigentlich mein Großneffe.«

»Wußte nicht, daß Sie einen Großneffen hatten. Mein Ehrenwort«, sagte Mr. Wickfield.

»Ich habe ihn adoptiert«, sagte meine Tante mit einer Handbewegung, die andeuten sollte, daß sein Wissen oder Nichtwissen ihr vollkommen gleichgültig sei, »und habe ihn mitgebracht, um ihn in eine Schule zu tun, wo er sehr guten Unterricht und gute Behandlung findet. Sagen Sie mir, wo eine solche Schule sich befindet, wie sie beschaffen ist und was sonst damit zusammenhängt.«

»Bevor ich Ihnen einen geeigneten Rat geben kann«, sagte Mr. Wickfield, »muß ich die alte Frage stellen. Was ist Ihr Beweggrund?«

»Gott, dieser Mensch!« rief meine Tante aus. »Immer schnüffelt er nach Beweggründen, während sie doch auf der Hand liegen. Nun, ich will das Kind glücklich machen und zu etwas Nützlichem erziehen.«

»Es muß ein gemischter Beweggrund sein«, meinte Mr. Wickfield, schüttelte den Kopf und lächelte ungläubig.

»Ein gemischter Pappenstiel«, entgegnete meine Tante. »Sie selbst geben bei allem, was Sie tun, an, nur einen einfachen Beweggrund zu haben. Sie sind doch wohl nicht der einzige auf der Welt.«

»Ja, aber ich habe überhaupt nur einen Lebenszweck, Miss Trotwood. Andere haben sie dutzend- und hundertweise. Ich habe nur einen. Das ist der Unterschied. Doch das gehört nicht hierher. Die beste Schule? Ohne Rücksicht auf den Beweggrund? Sie wollen wirklich die beste wissen?«

»Ja!«

»In unserer besten«, sagte Mr. Wickfield nachdenklich, »könnte Ihr Neffe jetzt nicht Wohnung und Kost bekommen.«

»Aber ich könnte ihn doch woanders wohnen lassen!?«

Mr. Wickfield meinte, das ginge wohl. Nach einem kurzen Gespräch schlug er meiner Tante vor, sie nach der Schule zu bringen, damit sie selbst urteilen könnte, und ihr auch einige Häuser, wo ich wohnen könnte, zu zeigen. Meine Tante nahm den Vorschlag an, und wir wollten schon alle drei zusammen ausgehen, als er stehenblieb und sagte:

»Unser junger Freund könnte vielleicht einen Beweggrund haben, gegen unsere Entschlüsse Einwendung zu erheben. Ich glaube, es ist besser, wir lassen ihn hier.«

Meine Tante schien nicht abgeneigt zu widersprechen; um die Sache aber zu erleichtern, sagte ich, ich würde gerne zurückbleiben, wenn sie es wünschten, kehrte in Mr. Wickfields Kanzlei zurück und nahm meinen alten Platz wieder ein.

Dieser Stuhl stand zufällig einem schmalen Gange gegenüber, an dessen Ende das kleine runde Zimmer lag, wo ich Uriah Heeps bleiches Gesicht vorhin am Fenster bemerkt hatte. Uriah, der mittlerweile das Pony in einen Stall geführt, arbeitete jetzt wieder in diesem Zimmer an einem Pult, an dem ein Messingstab, um Papiere daraufzuhängen, entlanglief.

Da sein Gesicht, obwohl mir zugekehrt, sich hinter dem Schreibtisch befand, glaubte ich, er könnte mich nicht sehen, aber als ich aufmerksam hinblickte, machte es einen beängstigenden Eindruck auf mich, daß hie und da seine schlummerlosen Augen wie zwei rote Sonnen hinter dem Tisch hervorlugten und mich minutenlang verstohlen anstarrten, ohne daß seine Feder deshalb stillgestanden wäre. Ich machte mehrere Versuche, den Blicken auszuweichen. Einmal stieg ich auf einen Stuhl, um mir eine Karte an der Wand anzusehen, dann vertiefte ich mich in die langen Spalten einer kentischen Zeitung, aber immer wieder zog es mich auf meinen alten Platz zurück. Und wenn ich meine Augen den beiden roten Sonnen zuwandte, so waren sie sicherlich entweder im Aufgehen oder im Untergehen begriffen.

Endlich kehrten, sehr zu meiner Erleichterung, nach ziemlich langer Abwesenheit meine Tante und Mr. Wickfield zurück. Ihr Gang war nicht so erfolgreich gewesen, wie ich gehofft, denn obgleich die Vorzüge der Schule unleugbar waren, hatte sich doch kein passendes Kosthaus gefunden.

»Es ist recht unangenehm«, sagte meine Tante. »Ich weiß nicht, was ich tun soll, Trot.«

»Es ist in der Tat unangenehm«, meinte Mr. Wickfield, »aber ich wüßte, was Sie tun könnten, Miss Trotwood.«

»Was denn?« forschte meine Tante.

»Lassen Sie Ihren Neffen vorderhand hier. Er scheint ein stiller Junge zu sein und wird mich nicht im geringsten stören. Das Haus eignet sich trefflich zum Studieren. Es ist so still wie ein Kloster und fast so geräumig. Lassen Sie ihn doch hier!«

Meiner Tante gefiel das Anerbieten offenbar sehr, aber das Zartgefühl verbot ihr, es anzunehmen. Ebenso ging es mir.

»Schlagen Sie ein, Miss Trotwood!« redete ihr Mr. Wickfield zu. »Damit kommen wir aus aller Schwierigkeit heraus. Es ist ja nur für kurze Zeit. Wenn es einer der beiden Parteien nicht paßt, kann Ihr Neffe ja ohne Umstände wieder ausziehen. Mittlerweile wird sich schon ein besserer Platz für ihn finden. Es ist das gescheiteste, Sie lassen ihn vorderhand hier.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden«, sagte meine Tante, »und wie ich sehe, würde es auch ihm passen, aber –«

»Ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Ich will Ihnen keine Gefälligkeit aufdrängen, Miss Trotwood. Sie können ja für ihn bezahlen, wenn Sie durchaus wollen. Über die Bedingungen werden wir schon einig werden.«

»Unter dieser Voraussetzung«, sagte meine Tante, »wenn das auch meine Verpflichtung durchaus nicht vermindert, würde ich ihn recht gern hier lassen.«

»Nun, so kommen Sie zu meiner kleinen Haushälterin«, sagte Mr. Wickfield.

Wir stiegen eine wundervolle alte Treppe hinauf, mit einem Geländer so breit, daß man fast ebenso leicht auf ihm hätte hinaufgehen können, und traten in ein schattiges altes Besuchszimmer, erhellt von drei oder vier der seltsamen Fenster, die ich schon von der Straße aus bemerkt hatte. In den Nischen standen alte Eichensitze, wie es schien, von denselben Bäumen stammend wie der glänzende Eichenflur und die großen Balken an der Decke. In dem hübsch ausgestatteten Zimmer bemerkte ich ein Piano und rot und grün überzogne Möbel und einige Blumen. Es schien ganz voll alter Winkel und Ecken zu sein, und in jeder Ecke und in jedem Winkel stand ein seltsames Tischchen, ein Schrank, ein Büchergestell, ein Sessel oder irgend etwas anderes.

Alles wies denselben Anstrich von Zurückgezogenheit und Reinlichkeit auf wie die Außenseite des Hauses.

Mr. Wickfield klopfte an eine Tür in der getäfelten Wand, und sogleich trat ein Mädchen, etwa in meinem Alter, heraus und küßte ihn. Auf ihrem Gesicht erkannte ich sofort den stillen lieblichen Ausdruck des Bildes, das ich unten gesehen. Es kam mir vor, als wäre das Bild zum Weibe herangewachsen und das Original ein Kind geblieben. Das Gesicht blickte freundlich und glücklich, und dennoch lag in ihm und der ganzen Gestalt eine stille friedliche Gelassenheit.

Das war Mr. Wickfields kleine Haushälterin, seine Tochter Agnes. Aus der Art, wie er ihre Hand festhielt, erriet ich, was das eine Ziel seines Lebens war.

Sie trug ein kleines Schlüsselkörbchen an der Seite und sah so gesetzt und ernsthaft aus, wie es das alte Haus von einer so niedlichen Haushälterin nur verlangen konnte. Als ihr Vater von mir sprach, hörte sie mit vergnügter Miene zu und schlug dann meiner Tante vor, ihr mein Zimmer zu zeigen. Wir gingen alle hinauf; sie vor uns her!

Es war ein herrliches altes Zimmer mit noch mehr Eichengebälk und glitzernden Scheiben. Das breite Treppengeländer führte bis hinauf.

Ich kann mich nicht erinnern, wo und wann ich in meiner Kindheit ein gemaltes Kirchenfenster gesehen hatte, und doch erinnerte ich mich an ein solches, als sie sich oben in dem feierlichen Dämmerlicht der alten Treppe umdrehte, um auf uns zu warten. Seit jener Zeit brachte ich es mit seinem ruhigen Glanz stets in Verbindung mit Agnes Wickfield.

Meine Tante war über das getroffene Arrangement ebenso glücklich wie ich, und wir gingen sehr befriedigt wieder in das Besuchszimmer hinunter. Da sie aus Furcht, zu spät nach Hause zu kommen, nicht zum Essen bleiben wollte, und Mr. Wickfield sie wahrscheinlich zu gut kannte, um ihr lange zuzureden, so wurde ihr ein Lunch serviert, und Agnes kehrte zu ihrer Gouvernante und Mr. Wickfield in seine Kanzlei zurück. So konnten wir, ohne gestört zu sein, voneinander Abschied nehmen.

Meine Tante sagte mir, daß Mr. Wickfield alles für mich besorgen würde, und daß es mir an nichts fehlen sollte, redete mir freundlich zu und gab mir die besten Ratschläge.

»Trot«, sagte sie am Schluß, »mache dir, mir und Mr. Dick Ehre, und der Himmel sei mit dir!«

Ich war sehr ergriffen und konnte ihr nur immer und immer wieder danken und sandte Mr. Dick die herzlichsten Grüße.

»Sei niemals und bei keiner Gelegenheit niedrig, unwahr oder grausam«, sagte meine Tante. »Meide diese drei Sünden, Trot, und ich kann immer Hoffnung auf dich setzen.«

Ich versprach von ganzem Herzen, daß ich ihre Güte nie mißbrauchen und ihre Ermahnungen nie vergessen würde.

»Das Pony wartet, und ich muß fort. Bleib!«

Mit diesen Worten umarmte mich meine Tante hastig, verließ das Zimmer und machte die Tür hinter sich zu. Einen Augenblick war ich über diese schnelle Trennung betroffen und fürchtete fast, sie verletzt zu haben, aber als ich durch das Fenster blickte und sie niedergeschlagen in den Wagen steigen und, ohne den Kopf zu heben, wegfahren sah, da verstand ich sie besser.

Um fünf Uhr, Mr. Wickfields Speisestunde, hatte ich wieder frischen Mut gefaßt. Der Tisch war nur für uns beide gedeckt, aber Agnes wartete in dem Besuchszimmer, ging mit ihrem Vater hinunter und setzte sich ihm gegenüber. Ich glaube nicht, daß er ohne sie hätte essen können. Später blieben wir nicht im Speisezimmer, sondern gingen wieder in den Salon hinauf. In einer traulichen Ecke stellte Agnes für ihren Vater Gläser und eine Karaffe Portwein hin. Ich glaube, es hätte dem Wein die Blume gefehlt, wenn andere Hände ihn hingestellt haben würden.

Dann blieb Mr. Wickfield zwei Stunden lang sitzen und trank seinen Wein und zwar ziemlich viel, während Agnes Klavier spielte, arbeitete oder zuweilen mit uns plauderte. Er war meistens gesprächig und heiter. Nur zuweilen ruhten seine Augen mit nachdenklichem Blick auf Agnes, und dann verstummte er. Das Mädchen bemerkte das immer sehr rasch, wie mir vorkam, und erweckte ihn aus seinem Brüten stets mit einer Frage oder einer Liebkosung. Dann riß er sich von seinem Gedanken los und trank noch mehr Wein.

Agnes bereitete den Tee und machte die Wirtin. Die Stunden nachher wurden verbracht wie nach dem Essen, bis sie zu Bett ging. Dann umarmte und küßte sie ihr Vater und ließ sich Kerzen ins Bureau kommen. Ich ging ebenfalls zu Bett.

Im Lauf des Abends trat ich noch ein wenig auf die Straße hinaus, um die alten Häuser und die graue Kathedrale anzusehen und darüber nachzudenken, wie ich auf meiner Wanderung durch die alte Stadt an demselben Haus, in dem ich jetzt wohnte, vorüberging. Als ich zurückkehrte, schloß Uriah Heep die Kanzlei zu, und da ich mich gegen jedermann freundlich gestimmt fühlte, trat ich zu ihm und sprach mit ihm und gab ihm zum Abschied die Hand.

Was war das für eine kalte und feuchte Hand! Ihre Berührung so gespenstisch wie sein Anblick! Ich rieb meine Finger noch lange, um sie zu erwärmen und das Gefühl wegzureiben.

So widerlich war mir seine Hand, daß die Erinnerung an ihre feuchte Kälte noch nicht von mir weichen wollte, als ich in mein Zimmer hinaufstieg. Wie ich mich zum Fenster hinausbog und einen der Köpfe an den Balkenenden mich von der Seite anblicken sah, bildete ich mir ein, es müßte Uriah Heeps Gesicht sein und machte rasch das Fenster zu.

 

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