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David Copperfield - Teil 1

Charles Dickens: David Copperfield - Teil 1 - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Teil 1
publisherMax Hesses Verlag
volume1
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel.

Eine Veränderung.

Das Pferd des Fuhrmanns war, wie es mir vorkam, das faulste Pferd auf der ganzen Welt, und schlich mit gesenktem Kopfe die Straße entlang, als ob es ihm Spaß machte, die Leute, denen es Sendungen brachte, warten zu lassen. Ja, mir kam es manchmal vor, als ob es bei diesem Gedanken vernehmlich in sich hinein kicherte, aber der Fuhrmann sagte, es habe nur den Husten.

Der Fuhrmann ließ auch den Kopf hängen wie sein Pferd und nickte im Fahren schläfrig, die Arme auf das Knie gestützt. Ich brauche das Wort »fahren«, aber mir schien es fast, als ob der Wagen ebensogut auch ohne ihn nach Darmouth gekommen wäre, denn das Pferd tat alles allein, und was die Unterhaltung betrifft, so ließ er es beim Pfeifen bewenden.

Peggotty hatte vor sich auf den Knien einen Korb mit Eßwaren, der reichlich bis London gereicht hätte. Wir aßen viel und schliefen viel, und Peggotty stützte beim Schlafen immer das Kinn auf den Henkel des Korbes, den sie nie losließ; und ich hätte es nicht geglaubt, wenn ich es nicht gehört hätte, daß ein einziges Weib so stark schnarchen könnte.

Wir machten so viel Kreuz- und Querwege und brauchten so viel Zeit, um eine Bettstelle an einem Wirtshaus abzuladen und an verschiedenen Orten anzuhalten, daß ich ganz müde und recht froh war, als wir endlich Darmouth erblickten. Es sah mir sozusagen ziemlich grau und schmuddelig aus, als mein Auge die weite einförmige Öde über den Fluß drüben musterte, und ich fragte mich verwundert, wie es kommen möge, daß, wenn die Welt wirklich so rund wäre, wie mein Geographiebuch sagte, ein Teil davon so flach sein könnte. Aber dann fiel mir ein, daß Darmouth an einem Pole liegen könnte, was die Fläche erklärt hätte.

Als wir etwas näher kamen und die ganze Landschaft sich wie ein gerader schmaler Streifen am Himmel abzeichnete, bemerkte ich gegen Peggotty, daß ein kleiner Hügel oder so etwas der Aussicht nichts schaden könnte; ferner, daß es gar nicht übel wäre, wenn das Land etwas besser vom Meere getrennt und Stadt und Flut nicht so sehr wie Brotsuppe untereinander gespült wären. Aber Peggotty sagte mit größerem Ausdruck als gewöhnlich, daß wir die Dinge nehmen müßten, wie wir sie fänden, und daß sie ihrerseits stolz sei, ein Bückling von DarmouthEin Spitzname der Darmouther. zu sein.

Als wir in die Straßen einfuhren, die mir wunderbar genug vorkamen, und die Fische und das Pech und das Werg und den Teer rochen, die Matrosen herumschlendern sahen und die Karren über die Steine rasseln hörten, fühlte ich, daß ich einem so geschäftigen Orte Unrecht getan hatte, und sprach dies gegen Peggotty aus, die meine Ausrufe der Freude mit innerem Behagen anhörte und sagte, es sei bekannt (wahrscheinlich denen, die den Vorzug hatten »Bücklinge« zu sein), daß Yarmouth alles in allem genommen die schönste Stadt der Welt wäre.

»Da ist ja mein Am!« schrie Peggotty überrascht auf, »und so gewachsen ist er, daß man ihn gar nicht mehr erkennt!«

Ham erwartete uns am Gasthaus und erkundigte sich wie ein alter Bekannter nach meinem Befinden. Anfangs kam es mir natürlich nicht so vor, als ob ich ihn so gut kennte als er mich, weil er seit der Nacht, wo ich geboren wurde, nicht wieder in unser Haus gekommen war, und dadurch hatte er also in dieser Hinsicht einen Vorteil vor mir voraus. Aber unsere Vertraulichkeit nahm alsbald sehr zu, als er mich auf seinem Rücken nach Hause trug. Er war ein gewiß sechs Fuß hoher, breitbrüstiger und starkschulteriger Bursche geworden mit einem verlegengrinsenden Knabengesicht und blondgeringeltem Haar, was ihm ein etwas schafiges Aussehen verlieh. Er hatte eine Segeltuchjacke an und Hosen von so stocksteifem Zeug, daß sie ganz von selbst, ohne Menschenbeine darin, aufrecht gestanden hätten. Einen eigentlichen Hut trug er gerade nicht, aber er hatte etwas Schwarzes obendrauf sitzen wie alte Dachpappe auf einem Hause.

Ham trug mich also auf dem Rücken, und ein kleines Kistchen, das wir mitgebracht hatten, nahm er unter den Arm, während Peggotty einen zweiten Kasten trug, und so gingen wir durch Seitengäßchen, wo der Boden mit Abfall von Zimmerholz und kleinen Sandhäufchen bedeckt war, an Gasanstalten und Schmieden, an Seilerwerkstätten und Zimmerplätzen vorbei, wo Schiffe und Boote gebaut, auseinandergelegt, kalfatert und aufgetakelt wurden, bis wir auf die einförmige Fläche kamen, die ich schon von weitem gesehen hatte. Da rief Ham:

»Da ist unser Haus, Master Davy!«

Ich sah mich nach allen Seiten um, so weit ich konnte, und ließ meine Augen über die flache Ebene, über das Meer und über den Fluß schweifen, aber nirgends konnte ich ein Haus entdecken. Dagegen lag, nicht weit von uns, hoch auf eine kleine trockene Bodenerhebung aus der Flut gezogen, ein schwarzes, ausrangiertes Boot oder sonst etwas Fahrzeugähnliches mit einem eisernen als Schornstein dienenden Gußrohr, das gemütlich rauchte; aber sonst erblickte ich nichts, was einer Wohnung ähnlich gesehen hätte.

»Ist es das dort?« sagte ich. »Das Ding da, das wie ein Schiff aussieht?«

»Das ist's, Master Davy«, erwiderte Ham.

Ich glaube, selbst wenn es Aladdins Palast mit dem Ei des Vogels Rock und allem sonstigen zauberischem Zubehör gewesen wäre, so hätte ich mich nicht mehr über den romantischen Gedanken, darin zu wohnen, freuen können. In die Seitenwand war eine bewundernswerte Tür geschnitten, die überdacht war, und daneben waren richtige kleine Fenster. Aber der wunderbarste Reiz für mich war, daß es ein wirkliches Boot war, das gewiß hundertmal auf dem Wasser geschwommen hatte und niemals bestimmt gewesen war, auf dem Trockenen zur Wohnung zu dienen: Gerade das bezauberte mich ganz und gar. Wenn es ursprünglich zu einer Wohnung bestimmt gewesen wäre, so hätte es mir vielleicht klein und eng und unbequem oder allzu abgelegen geschienen: da es aber nie zu dem Zwecke einer Wohnung hatte dienen sollen, so kam es mir ganz vollkommen vor als Aufenthaltsort.

Im Zimmer war es außerordentlich reinlich und so schmuck wie möglich. Ein Tisch war vorhanden und eine Holländer Wanduhr und eine Kommode; auf der Kommode stand ein Präsentierbrett, bemalt mit einer spazierenden Dame, die einen Sonnenschirm trug und einen soldatisch aussehenden Knaben an der Hand führte, der einen Reifen rollte. Das Präsentierbrett wurde durch eine Bibel vom Herunterrutschen bewahrt, und wenn es umgefallen wäre, so hätte es eine Anzahl Tassen und eine Teekanne zerschlagen, die um die Bibel gruppiert waren. An den Wänden hingen ein paar gewöhnliche kolorierte Bilder aus der heiligen Schrift unter Glas und Rahmen, wie ich sie seitdem nie wieder auf Jahrmärkten sehen konnte, ohne daß gleich das ganze Innere von dem Hause des Peggottyschen Bruders deutlich vor mir stand. Ein roter Abraham, der einen blauen Isaak opfern wollte, und ein gelber Daniel in einer Höhle unter grünen Löwen waren am hervorstechendsten. Über dem kleinen Kaminsims hing ein Bild des Luggers Sarah Jane, in Sunderland gebaut, und an dem Gemälde war am Stern ein wirklicher kleiner Schiffsspiegel von Holz angebracht, so daß ich dieses Kunstwerk, in dem sich die Malerei mit der Zimmerkunst vereinte, für als das beneidenswerteste Besitztum der Welt hielt. An den Deckbalken bemerkte ich ein paar Haken, deren Bestimmung ich nicht gleich erraten konnte, und dann gab's noch einige Schiffskisten und Koffer in den Winkeln, die zugleich als Sitze für die fehlenden Stühle dienten.

Alles dies sah ich gleich auf den ersten Blick – nach Art der meisten Kinder, wie ich behaupte – und dann machte Peggotty eine kleine Tür auf und zeigte mir mein Schlafstübchen. Es war das vollkommenste und behaglichste Schlafstübchen, das ich jemals gesehen hatte – und lag gerade im Heck des Bootes, mit einem kleinen Fenster, wo früher das Steuer hindurchgegangen war, mit einem kleinen Spiegel, für mich gerade in richtiger Höhe an die Wand genagelt und mit Austernschalen eingefaßt, mit einem kleinen Bett und davor gerade Platz genug, um hinein zu kriechen, und mit einem Strauß von Seegras in einem blauen Krug auf dem Tisch. Die Wände waren so weiß getüncht wie Milch, und die aus Resten zusammengesetzte Steppdecke auf dem Bette blendete meine Augen fast durch ihren schneeigen Glanz. Etwas, was mir in diesem allerliebsten Hause besonders auffiel, war der Fischgeruch, der so durchdringend war, daß mein Taschentuch, als ich es einmal herausnahm, um mir die Nase zu putzen, gerade so roch, als ob ein Hummer darin eingewickelt gewesen wäre. Als ich diese Entdeckung Peggotty im Vertrauen mitteilte, sagte sie mir, daß ihr Bruder mit Hummern, Krabben und Krebsen handle; und später fand ich, daß immer ein Haufen von diesen Geschöpfen im Zustande eines wunderlichen Konglomerats draußen in einem kleinen hölzernen Schuppen, in dem Töpfe und Kessel hingen, aufbewahrt wurde, und daß die Zangentiere nach allem packten, was in ihre Nähe geriet.

Uns empfing eine sehr höfliche Frau mit einer weißen Schürze, die ich schon in der Tür hatte knicksen sehen, als ich auf Hams Rücken noch eine gute Strecke vom Hause entfernt war. Neben ihr stand ein sehr schönes kleines Mädchen (so kam es mir wenigstens vor) mit einem Halsband von blauen Glasperlen. Das Kind ließ sich aber nicht küssen, als ich mich dazu anschickte, sondern rannte fort und versteckte sich. Später, als wir ein opulentes Mittagsessen, bestehend aus gekochten Flundern, geschmolzener Butter und Kartoffeln und einem Schöpskotelett extra für mich, zu uns genommen hatten, kam ein stark behaarter Mann mit einem sehr gutmütigen Gesicht nach Hause. Da er Peggotty »Mädel« nannte und ihr einen derben Schmatz auf die Backe gab, schloß ich aus der sonstigen Züchtigkeit ihres Benehmens, daß es ihr Bruder sei, und das war auch der Fall, und er wurde mir als Mr. Peggotty, der Herr vom Hause, vorgestellt.

»Freut mich, Sie zu sehen, Sir«, sagte Mr. Peggotty. »Sie werden sehen, wir sind einfache, aber ehrliche Leute.«

Ich dankte ihm und gab zur Antwort, daß ich mich an einem so reizenden Orte gewiß wohl befinden würde.

»Wie befindet sich Ihre Mama, Sir?« sagte Mr. Peggotty. »Haben Sie sie recht munter und frisch verlassen?«

Ich gab Mr. Peggotty zu verstehen, daß sie so munter und frisch sei, wie ich nur wünschen könnte, und daß sie mir aufgetragen, ihm Empfehlungen auszurichten – was eine kleine Höflichkeitsflunkerei meinerseits war.

»Da danke ich schönstens, allerschönstens!« sagte Mr. Peggotty. »Nun also, Sir, wenn Sie auf vierzehn Tage mit der dort« – er nickte seiner Schwester zu – »und Ham und der kleinen Emilie vorliebnehmen, wollen, so wird uns Ihr Besuch eine große Ehre sein.«

Nachdem Mr. Peggotty die Honneurs seines Hauses auf so gastfreundliche Weise gemacht hatte, ging er hinaus, um sich in einem Kessel warmen Wassers abzubrühen, denn »kaltes Wasser kriegte den Jux nicht herunter« meinte er. Er kehrte bald zurück, in seinem Aussehen bedeutend verschönert, aber so gerötet, daß ich mich des Gedankens nicht entschlagen konnte, daß sein Gesicht mit den Hummern und Krebsen das gemein habe, daß sie sehr schwarz in das warme Wasser hinein und sehr rot wieder heraus kämen.

Als nach dem Tee die Tür »dicht gemacht« und die Fensterladen vorgesetzt waren – denn die Nächte waren kalt und nebelig – erschien mir das Haus als die allerprächtigste Wohnung, die sich die Phantasie eines Menschen nur ausmalen konnte. Den Wind draußen auf dem Meere brausen zu hören, zu wissen, daß sich der Nebel über die öden Dünenflächen ausbreite, und in das Feuer zu sehen und zu denken, daß auf der ganzen weiten Ebene nur dies eine Wohnung war, und diese Wohnung ein Boot: es war wirklich rein märchenhaft! Die kleine Emilie hatte ihre Blödigkeit überwunden und saß neben mir auf der niedrigsten und kleinsten der Schiffskisten, die gerade groß genug für uns beide war und sich genau in die Kaminecke einpaßte. Mrs. Peggotty mit der weißen Schürze strickte auf der andern Seite des Feuers; Peggotty war bei ihrer Arbeit ebenso zu Hause mit der St. Paulskirche und dem Stückchen Wachslicht, als ob sie nie unter einem andern Dache gehaust hätte. Ham, der mir die erste Lektion im »schwarzen Peterspiel« erteilt hatte, suchte herauszubringen, wie man aus den Karten wahrsagen könnte, und drückte mit seinen Fingern tranige Spuren auf jede Karte, die er anfaßte. Mr. Peggotty rauchte seine Pfeife, und ich fühlte, es war nun die Zeit zu Unterhaltung und traulichem Gespräch gekommen.

»Mr. Peggotty!« fing ich an.

»Sir!« antwortete er.

»Haben Sie Ihren Sohn Ham genannt, weil Sie in einer Art von Arche Noa wohnen?«

Mr. Peggotty schien das für einen tiefen Gedanken zu halten, aber er antwortete:

»Nein, Sir. Ich habe ihm überhaupt nie einen Namen gegeben.«

»Wer aber hat ihm denn diesen Namen gegeben?« fragte ich neugierig weiter.

»Sein Vater hat ihm diesen Namen gegeben«, sagte Mr. Peggotty.

»Ich dachte, Sie wären sein Vater?«

»Mein Bruder Joe war sein Vater«, sagte Mr. Peggotty.

»Tot, Mr. Peggotty?« fragte ich nach einem schonenden Zögern.

»Tot und ertrunken«, sagte Mr. Peggotty.

Ich war sehr erstaunt, daß Mr. Peggotty nicht Hams Vater war und fing mich an zu fragen, ob ich mich etwa auch über sein Verwandtschaftsverhältnis zu den andern Anwesenden irre. Ich war so begierig, darin Klarheit zu haben, daß ich mich entschloß, es um jeden Preis aus Mr. Peggotty herauszukriegen.

»Die kleine Emilie«, sagte ich mit einem Blick auf das Mädchen, »ist Ihre Tochter, nicht wahr, Mr. Peggotty?«

»Nein, Sir. Mein Schwager Tom war ihr Vater.«

Ich konnte mich nicht halten und: »Tot, Mr. Peggotty?« fragte ich zögernd nach einer Anstandspause.

»Tot und ertrunken«, sagte Mr. Peggotty.

Ich fühlte die Schwierigkeit, die Sache von neuem aufzunehmen, aber sie war noch nicht ganz ergründet, und das mußte sie jedenfalls sein. So fragte ich denn abermals:

»Haben Sie keine Kinder, Mister Peggotty?«

»Nein, Master«, gab er mit einem kurzen Lachen zur Antwort. »Ich bin unverheiratet.«

»Unverheiratet?« rief ich ganz verwundert. »Aber wer ist denn das da, Mr. Peggotty?« fragte ich und wies auf die Frau mit der weißen Schürze und dem Strickzeug.

»Das ist Mrs. Gummidge«, erklärte Mr. Peggotty.

»Gummidge, Mr. Peggotty?«

Aber hier machte Peggotty – ich meine unsere Peggotty – so nachdrückliche Gebärden, nicht länger zu fragen, daß ich nichts weiter tun konnte, als die schweigende Gesellschaft stumm anzusehen, bis wir zu Bett gingen. Dann in meinem eigenen Zimmerchen belehrte sie mich, daß Ham und Emilie beides Waisen seien, ein Neffe und eine Nichte, die ihr Bruder zu verschiedenen Zeiten in ihrer frühesten Kindheit zu sich genommen hatte, als sie vereinsamt zurückgeblieben waren, und daß Mrs. Gummidge die Witwe eines Mannes sei, der früher mit ihm gemeinschaftlich ein Boot besessen hätte und sehr arm gestorben war. Ihr Bruder sei auch nur ein armer Mann, sagte Peggotty, aber so echt wie Gold und so treu wie Stahl –: das waren ihre Gleichnisse!

Er würde nur heftig und fluchte nur, fuhr sie in ihrer Erläuterung fort, wenn man auf sein gutes Herz anspielte; wenn jemand nur darauf andeutete, so schlug er heftig auf den Tisch (und er habe ihn dabei einmal in Stücke gehauen) und schwur einen fürchterlichen Eid, daß er verdöbelholmert sein wollte, wenn er nicht auf und in die weite Welt ginge, sobald man noch einmal davon anfange. Auf meine Nachfrage stellte sich heraus, daß niemand die Etymologie dieses schrecklichen Wortes »verdöbelholmert sein« kannte, aber alle stimmten darin überein, daß es ein höchst feierlicher und entsetzlicher Schwur sei.

Ich bekam natürlich einen gewaltigen Eindruck durch die Herzensgüte meines Wirtes und hörte mit einem Gefühl sehr wohltuender Gemütlichkeit, die durch meine Schläfrigkeit noch vermehrt wurde, wie die weibliche Hälfte der Bewohnerschaft in einer zweiten kleinen Kajüte am andern Ende des Bootes zu Bett ging und wie er und Ham für sich zwei Hängematten an den früher erwähnten Haken an den Deckbalken befestigte. Wie mich der Schlaf allmählich überwältigte, hörte ich draußen auf dem Meere den Wind so heulen und so gewaltig über die öde Strandfläche blasen, daß mich im halben Traume die Furcht überkam, das Meer könnte während der Nacht austreten und das Land überfluten. Aber ich tröstete mich damit, daß wir ja in einem Boote wohnten und daß es kein übel Ding wäre, einen Mann wie Mr. Peggotty an Bord zu haben, wenn wirklich irgend etwas vorfallen sollte.

Es kam jedoch nichts Schlimmeres, als daß es Morgen wurde. Sobald er seine Strahlen auf den Spiegel mit dem Austernschalenrahmen warf, war ich aus dem Bett heraus und mit der kleinen Emilie draußen am Strande und suchte Steine.

»Du bist wohl ein ganzer kleiner Matrose«, sagte ich zu Emilien. Ich glaube nicht, daß ich selber etwas derartiges glaubte, aber ich fühlte, es sei galant, ihr etwas derartiges zu sagen, und ein glänzendweißes Segel dicht neben uns spiegelte sich gerade als ein so hübsches kleines Bild in ihrem hellen Auge, daß mir diese Worte fast ungewollt in den Kopf kamen.

»Nein,« erwiderte Emilie kopfschüttelnd, »ich fürchte mich vor dem Meere.«

»Fürchten!« sagte ich mit zeitgemäßer Kühnheit und sah den mächtigen Ozean mit einer kecken Miene an. »Ich nicht!«

»Ach! es ist so böse«, sagte Emilie. »Ich habe es sehr böse gesehen gegen unsere Leute. Ich habe gesehen, wie es ein Boot, so groß wie unser Haus, in lauter Stücke zerriß.«

»Das war doch nicht das Boot, mit dem –«

»Der Vater ertrank?« sagte Emilie. »Nein, das war es nicht; das habe ich nie gesehen.«

»Auch ihn nicht?« fragte ich weiter.

Die kleine Emilie schüttelte den Kopf. »Kann mich nicht an ihn erinnern.«

Hier war eine merkwürdige Ähnlichkeit in unserem Leben! Ich erzählte ihr sogleich haarklein, wie auch ich niemals meinen Vater gesehen hatte, und wie meine Mutter und ich stets allein in der größten Zufriedenheit gelebt hätten und noch so lebten und immer so leben wollten, und wie meines Vaters Grab auf dem Gottesacker nicht weit von unserem Hause sei, beschattet von einem Baume, unter dessen Zweigen ich an manchem schönen Morgen gesessen und dem Gesange der Vögel gelauscht hätte.

Aber zwischen Emiliens Verwaisung und der meinigen stellten sich doch noch einige kleine Unterschiede heraus. Sie hatte ihre Mutter schon vor dem Vater verloren, und wo ihres Vaters Grab war, wußte niemand, außer, daß er irgendwo im tiefsten Meere ruhte.

»Und außerdem«, sagte Emilie, während sie nach Muscheln und bunten Steinchen suchte, »war dein Vater ein vornehmer Herr, und deine Mutter ist eine feine Dame; und mein Vater war ein Fischer und meine Mutter eines Fischers Tochter, und mein Onkel Dan ist ein Fischer.«

»Dan ist Mr. Peggotty, nicht wahr?« sagte ich,

»Onkel Dan – dort«, gab Emilie zur Antwort und nickte nach dem Schiffhause hin.

»Ja, den meinte ich. – Er muß ein sehr guter Mann sein, nicht?«

»Gut?« sagte Emilie, »Wenn ich einmal eine reiche Lady bin, schenke ich ihm einen himmelblauen Rock mit Diamantknöpfen und Nankinghosen und eine rote Samtweste und einen dreieckigen Hut und eine große goldene Uhr und eine silberne Pfeife und eine Kiste voll Gold.«

Ich sagte, daß ich gar nicht zweifle, daß Mr. Peggotty alle diese prächtigen Sachen vollkommen verdiene. Aber ich gestehe, daß ich mir nicht recht vorstellen konnte, daß es ihm in solchen Kleidungsstücken wohl sein würde, die ihm seine dankbare kleine Nichte zudachte. Besonders zweifelte ich an der Zweckmäßigkeit des Dreispitz, behielt aber diese Bedenken wohlweislich für mich.

Die kleine Emilie war stehen geblieben und hatte zum Himmel emporgeschaut, während sie alle diese Dinge aufzählte, als sähe sie dort eine herrliche Vision. Wir gingen nun weiter und suchten wieder Muscheln und bunte Steine.

»Du wärest gern eine feine Dame?« fragte ich dann.

Emilie sah mich an, lachte und nickte »Ja«. »Ich wäre es zu gern. Wir wären dann alle feine Leute. Ich und Onkel und Ham und Mrs. Gummidge. Wir würden uns dann nicht darum kümmern, wenn es stürmt – unsertwegen, meine ich. Um die armen Fischer wohl, und wir würden ihnen Geld geben, wenn sie zu Schaden kämen.«

Das erschien mir als ein sehr lobenswertes und daher als ein durchaus nicht unwahrscheinliches Bild. Ich verhehlte mein Gefallen daran denn auch nicht im geringsten, und Emilie fühlte sich dadurch zu der schüchternen Frage ermutigt: »Sage, fürchtest du dich jetzt nicht vor dem Meere?«

Es war in diesem Augenblick allerdings ruhig genug da, um mir keinerlei Besorgnis einzuflößen, aber ich bin überzeugt, wenn nur eine mäßig große Welle herangerollt wäre, so wäre ich mit einer erschrockenen Erinnerung an ihre ertrunkenen Verwandten davon gelaufen. Aber dennoch sagte ich »nein« und fügte hinzu: »Du scheinst dich auch nicht so sehr davor zu fürchten, obgleich du es sagtest«; – denn sie ging so nahe am Rande eines alten Bollwerkes oder hölzernen Hafensteges, daß ich immer fürchtete, sie würde ins Meer fallen.

»So fürchte ich mich nicht«, sagte die kleine Emilie. »Aber ich wache auf, wenn es stürmt, und denke mit Zittern und Angst an Onkel Dan und Ham, und immer kommt es mir vor, als ob sie um Hilfe riefen. Das ist eben der Grund, weshalb ich gern eine große Dame sein möchte. Aber so fürchte ich mich nicht. Nicht ein bißchen. Sieh nur!«

Sie rannte von mir weg und lief einen alten morschen Balken entlang, der ohne Geländer und ziemlich hoch über das tiefe Meer aus der Verschalung hinausragte. So deutlich steht der Vorfall noch vor meinem Gedächtnis, daß ich, wenn ich ein Zeichner wäre, die Szene mit dem Stift festhalten könnte, wie die kleine Emilie ihrem Verderben entgegeneilte (denn so schien es mir) mit einem weit hinaus auf das Meer gerichteten Blick, den ich nie vergessen habe.

Die leichte, kecke Gestalt in dem flatternden Kleide kehrte um, und die kleine Tollkühne gelangte wieder glücklich bis zu mir, und bald darauf lachte ich über meine Angst und den Schrei, den ich ausgestoßen hatte – in jedem Falle ganz nutzlos, denn niemand war in der Nähe, um darauf achten zu können. Aber es kam später einmal eine Zeit, wo ich mich als Mann fragte, ob es möglich wäre im Bereich der uns unbekannten Möglichkeiten, daß in diesem wilden Impulse des Kindes und ihrem irre hinausschweifenden Blick irgend eine geheimnisvolle Anziehung in das Verderben lag, daß ihr toter Vater sie an sich locken durfte, damit ihr Leben an jenem Tage hätte endigen können? Ich habe mich später gefragt, ob, wenn mir das ihr bevorstehende Leben mit einem Blick hätte enthüllt werden können, so enthüllt, daß es ein Kind völlig begriff, und ob, wenn ihre Rettung von einer Bewegung meiner Hände abgehangen hätte, ich sie hätte regen dürfen, um sie aufzuhalten? Es hat eine Zeit gegeben – sie hat freilich nicht lange gedauert – in der ich mich fragte: Wäre es besser für die kleine Emilie gewesen, wenn an jenem Morgen vor meinen Augen die Wasser über ihrem Haupte zusammengeschlagen wären? Und in dieser Zeit habe ich geantwortet: »Ja, es wäre besser gewesen.«

Doch, ich greife damit vor und erwähne das vielleicht zu früh; aber es mag nun stehen bleiben.

Wir gingen noch lange Zeit hin und her spazieren und beluden uns mit Dingen, die uns merkwürdig vorkamen, und setzten ganz sorgfältig ein paar aufs Trockene geratene Seesterne wieder ins Wasser – ich weiß auch in diesem Augenblick noch nicht so viel von den Lebensgewohnheiten dieser Tiere, um zu wissen, ob wir ihnen damit einen Gefallen taten oder nicht – und kehrten dann nach Mr. Peggottys Wohnung zurück.

Unter dem Schatten des Schuppens, wo die Krebse lagen, blieben wir stehen, gaben uns einen unschuldigen Kuß und gingen, von Gesundheit und Freude glühend, hinein zum Frühstück.

»Wie zwei junge Ziepers«, sagte Mr. Peggotty. Ich nahm dies als ein Kompliment an, weil ich wußte, daß es »wie zwei junge Amseln« bedeuten sollte.

Natürlich war ich in die kleine Emilie verliebt. Ich bin überzeugt, ich liebte das Kind so wahrhaft, so zärtlich, und reiner und uneigennütziger, als man selbst im besten Falle in späteren Zeiten lieben kann, sei die Liebe dann auch noch so veredelnd und erhebend. Ich weiß, meine Phantasie umwob das blauäugige Kind mit einer Glorie, die es über die Erde erhob und einen wahren Engel aus ihm machte. Wenn Emilie an einem sonnenhellen Morgen ein paar kleine lichte Schwingen entfaltet hätte und vor meinen Augen weggeflogen wäre, so glaube ich kaum, daß ich das als etwas Außerordentliches bestaunt hätte.

Lange Stunden gingen wir beide so auf dem öden alten Strande um Yarmouth in liebender Eintracht spazieren. Die Tage eilten an uns vorüber, als ob die Zeit selbst noch nicht alt geworden wäre, sondern noch ein Kind und nur für Spiel und Getändel da sei. Ich sagte Emilien, daß ich sie anbete und wenn sie mir nicht gestände, daß sie mich gleichfalls anbetete, so bliebe mir keine Wahl, als mich mit einem Schwerte totzustechen. Aber sie begütigte mich und sagte, daß sie mich anbete, und ich zweifle auch nicht im mindesten, daß es der Fall war.

Über Ungleichheit des Standes, zu große Jugend oder eine andere uns im Wege stehende Schwierigkeit machten wir uns weder Gedanken noch Sorgen, da wir keinen Begriff von der Zukunft hatten. Wir kümmerten uns um das Älterwerden so wenig, wie etwa – ums Jüngerwerden.

Wir waren ein Gegenstand beständiger Bewunderung für Mrs. Gummidge und Peggotty, die des Abends, wenn wir zärtlich Arm in Arm auf der Schiffskiste saßen, einander zuflüsterten: »Gott! Ist das ein hübsches Paar!« Hinter seiner Pfeife hervor lächelte uns Mr. Peggotty an, und Ham grinste den ganzen Abend und tat weiter nichts. Sie sahen uns etwa mit dem Vergnügen an, mit dem man ein hübsches Spielzeug betrachtet oder etwa die Taschenausgabe des Kolosseums.

Ich entdeckte bald, daß sich Mrs. Gummidge nicht immer so liebenswürdig machte, als man es nach den Verhältnissen hätte erwarten sollen, unter denen sie bei Mr. Peggotty wohnte.

Mrs. Gummidge war nämlich etwas wehleidiger Natur und quengelte manchmal mehr, als den andern Personen in einer so engen Wohnung angenehm war. Sie tat mir zwar sehr leid, aber es gab doch Augenblicke, wo es angenehmer gewesen wäre (so dachte ich), wenn Mrs. Gummidge ein eigenes Zimmer hätte, in das sie sich zurückziehen konnte, bis sie sich von ihrem Schmerz erholt hatte.

Mr. Peggotty ging manchmal in ein Wirtshaus, das »Zur fröhlichen Laune« hieß. Ich merkte es durch seine Abwesenheit am zweiten oder dritten Abend meines Besuchs und daran, daß Mrs. Gummidge zwischen acht und neun immer nach der Holländer Wanduhr hinaufsah und sagte, er sei dort und sie habe es schon am Morgen geahnt, daß er hingehen würde.

Mrs. Gummidge war den ganzen Tag über sehr verstimmt gewesen, und war schon vormittags in Tränen ausgebrochen, als der Kochherd so rauchte. »Ich bin ein armes, verlassenes Geschöpf,« sagte Mrs. Gummidge, so oft ihr etwas Unangenehmes passierte, »und alles geht mir konträr.«

»Ach, es wird schon bald wieder ins Lot kommen,« sagte Peggotty – ich meine wieder unsere Peggotty – »und außerdem, wissen Sie, ist es für Sie nicht unangenehmer als für uns.«

»Ich fühle es aber mehr«, sagte Mrs. Gummidge.

Es war ein sehr kalter Tag und draußen blies der Wind scharf und heftig. Mrs. Gummidges Ecke am Kamin schien mir zweifellos die wärmste und gemütlichste in der ganzen Stube zu sein, und ihr Stuhl war sicherlich der bequemste, aber sie fühlte sich heute nicht wohl darin. Sie klagte beständig über Kälte, weil sie ihr ein Leiden verursachte, das sie »ihr Schuddern« nannte, und zuletzt fing sie an zu weinen und sagte wieder, sie sei ein armes, verlassenes Geschöpf, und alles gehe ihr konträr.

»Ja, es ist recht kalt,« sagte Peggotty, »und das muß jeder fühlen.«

»Ich fühle es aber mehr als andere Leute«, sagte Mrs. Gummidge.

Ebenso war es bei Tische, wo Mrs. Gummidge immer unmittelbar nach mir bedient wurde, der als Ehrengast den Vorzug hatte. Die Fische waren klein und mager, und die Kartoffeln waren ein wenig angebrannt. Wir merkten alle, daß dies nicht besonders angenehm sei, aber Mrs. Gummidge sagte, sie merkte es mehr als wir, und weinte wieder und gab ihre frühere Erklärung mit großer Bitterkeit zum besten.

Als daher Mr. Peggotty gegen neun Uhr nach Hause kam, strickte die unglückliche Mrs. Gummidge in einer sehr bedrückten und niedergeschlagenen Stimmung in ihrer Ecke. Peggotty hatte wacker mit ihrem Nähzeug gearbeitet.

Ham hatte ein Paar große Wasserstiefel ausgeflickt und ich hatte ihnen vorgelesen, während Emilie an meiner Seite saß. Mrs. Gummidge hatte außer einigen vereinzelten Seufzern nichts von sich hören lassen und seit dem Tee die Augen nicht aufgeschlagen.

»Nun, Mannschaft, wie geht's?« sagte Mr. Peggotty, während er unter uns Platz nahm.

Wir alle antworteten freundlich durch Wort und Blick, außer Mrs. Gummidge, die über ihrem Strickstrumpf den Kopf schüttelte.

»Wo fehlt's?« sagte Mr. Peggotty, die Hände reibend. »Nur munter und Kopf hoch, Alte!«

Mrs. Gummidge schien nicht imstande zu sein, sich aufzumuntern. Sie zog ein altes, schwarzseidnes Taschentuch hervor und wischte sich die Augen; aber anstatt es wieder in die Tasche zu stecken, behielt sie es in der Hand, wischte sich noch einmal und noch einmal die Augen, und legte es neben sich, um es immer bereit zu haben.

»Wo fehlt's denn, Alte?« sagte Peggotty wieder.

»Nirgends«, entgegnete Mrs. Gummidge. »Ihr kommt aus der ›fröhlichen Laune‹, Dan?«

»Nun ja, ich war einen Augenblick dort«, sagte Peggotty.

»Es tut mir leid, daß ich Euch immer ins Wirtshaus treibe«, sagte Mrs. Gummidge.

»Treiben? Bei mir braucht's kein Treiben«, erwiderte Peggotty mit herzlichem Lachen. »Ich gehe nur zu gern hin.«

»Nur zu gern«, sagte Mrs. Gummidge, schüttelte den Kopf und wischte sich die Augen. »Ja, ja, nur zu gern. Es tut mir nur leid, daß Ihr meinetwegen so gern hingeht.«

»Wegen Euch! wegen Euch gewiß nicht!« sagte Mr. Peggotty. »Davon braucht Ihr kein Wort zu glauben!«

»Ja, ja, ich weiß es wohl«, rief Mrs. Gummidge. »Ich weiß, daß ich ein armes, verlassenes Geschöpf bin und daß nicht nur mir selber alles konträr geht, sondern daß ich auch allen andern im Wege bin. Ja, ja, es geht mir alles mehr als andern Leuten zu Herzen, und ich zeige es mehr, und das ist nun mal mein Unglück.«

Während ich dies anhörte, konnte ich mich nicht des Gedankens entschlagen, daß das Unglück auch noch andere Mitglieder der Familie, außer Mrs. Gummidge, treffe. Aber Mr. Peggotty machte keine Bemerkung dieser Art, sondern bat nur Mrs. Gummidge noch einmal, munter und wohlgemut zu sein.

»Ich bin nicht so wie ich gern sein möchte«, sagte Mrs. Gummidge. »Ich bin sogar weit davon entfernt. Ich weiß das recht gut! Mein vieles Unglück macht mich unangenehm. Ich fühle mein Unglück so sehr, und das hat mich konträr gemacht. Ich wollte, es wäre nicht so, aber ich fühle es nun einmal. Ich wollte, ich könnte es vergessen, aber es geht nicht. Ich mache das Haus dadurch ungemütlich. Ich wundere mich nicht darüber, ich habe heute den ganzen Tag lang Eurer Schwester das Leben sauer gemacht und Master Davy dazu.«

Hier wurde ich plötzlich gerührt und rief in großem Seelenschmerze ein lautes: »Nein, nein, das haben Sie nicht getan, Mrs. Gummidge!«

»Es ist gar nicht recht von mir«, sagte Mrs. Gummidge. »Es ist kein schöner Dank. Ich sollte lieber ins Armenhaus gehen und dort sterben. Ich bin ein armes verlassenes Geschöpf und sollte hier nicht Verdrießlichkeiten machen. Wenn alles mit mir konträr geht und ich allen konträr bin, so will ich auch lieber davongehen und meiner Heimat zur Last fallen. Dan'l, es ist besser, ich gehe ins Armenhaus und sterbe, damit Ihr mich los seid!«

Mrs. Gummidge entfernte sich mit diesen Worten und begab sich zu Bett. Als sie fort war, sah uns Mr. Peggotty, der bei jedem Worte die tiefste Teilnahme gezeigt hatte, der Reihe nach an, nickte mit dem Kopf und sagte mit einem Gesichte, auf dem sich immer noch das lebhafteste Mitleid ausprägte, im Flüstertone:

»Sie hat heute wieder an den Alten gedacht!«

Ich verstand nicht recht, an was für einen Alten Mrs. Gummidge gedacht haben sollte, bis mir Peggotty, als sie mich zu Bett brachte, erklärte, daß es der selige Mr. Gummidge sei und daß ihr Bruder bei solchen Gelegenheiten steif und fest glaube, daß solch Gedenken an ihn schuld sei an Mrs. Gummidges Traurigkeit, und daß solche Treue stets einen rührenden Eindruck auf ihn mache. Noch in der Hängematte hörte ich ihn zu Ham sagen: »Die arme Frau! Sie hat wieder an den Alten gedacht!« Und wenn Mrs. Gummidge während unseres Besuchs in ähnlicher Stimmung war, was ein paarmal geschah, so sagte er immer dasselbe zu ihrer Entschuldigung Und stets mit dem aufrichtigsten Mitleid.

So vergingen die vierzehn Tage rasch, mit keiner andern Veränderung, als dem Wechsel in der Flutzeit, die auch die Stunden immer anders regelte, zu denen Mr. Peggotty und Ham zur Arbeit ausgingen. Wenn Ham freie Zeit hatte, führte er uns manchmal zu den Schiffen, um sie uns zu zeigen und nahm uns auch ein paarmal zu einer Ruderfahrt mit. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß sich gewisse Eindrücke mehr als andere gerade mit gewissen Örtlichkeiten besonders innig verknüpfen, doch wird das wohl in der Kindheit bei den meisten Menschen der Fall sein. So kann ich nie das Wort Yarmouth lesen oder hören, ohne eines gewissen Sonntagsmorgens am Strande zu gedenken, wo die Kirchenglocken läuteten, die kleine Emilie an meiner Schulter lehnte, Ham lässig und verträumt Steine ins Wasser fallen ließ und uns die Sonne, plötzlich aus schweren Nebeln über der See hervorbrechend, die Schiffe enthüllte, als wären's ihre eigenen Schattenbilder.

Endlich kam der Tag der Heimreise. Ich ertrug noch mannhaft die Trennung von Mr. Peggotty und Mrs. Gummidge, aber der Abschied von der kleinen Emilie zerschnitt mir das Herz. Wir gingen Arm in Arm nach dem Wirtshause, wo der Fuhrmann ausspannte, und unterwegs versprach ich, ihr einen Brief zu schreiben.(Dieses Versprechen löste ich später in Buchstaben ein, die größer waren als die, mit denen man Vermietungsanzeigen zu schreiben pflegt.) Das Scheiden erschütterte uns sehr, und wenn ich jemals in meinem Leben eine Leere in meinem Herzen gefühlt habe, so war es an diesem Tage.

Während der ganzen Zeit meines Besuchs war ich undankbar gegen das mütterliche Haus gewesen, und hatte wenig oder gar nicht daran gedacht. Aber kaum wendete ich ihm meine Schritte wieder entgegen, so wies auch vorwurfsvoll mein kindliches Gewissen mit standhaftem Finger dorthin, und ich fühlte es auch an dem Bangen, das mich überkam, daß es meine Heimat war und daß meine Mutter meine beste Trösterin und treueste Freundin sei.

Dieser Gedanken wuchs im Verlauf meiner Reise immer mehr an, so daß ich mich, je näher ich dem Ziele kam und je vertrauter mir die Umgebung wurde, desto lebhafter sehnte, nach Hause zu kommen und in ihre Arme zu eilen. Aber anstatt diesen Drang zu teilen, suchte ihn Peggotty, obgleich liebreich und sanft, zu unterdrücken und sah verlegen und verstimmt aus.

Aber trotz ihrer Bemühung und der Langsamkeit des Pferdes kamen wir doch nach Blunderstone Krähenhorst. Wie deutlich es noch vor mir steht an dem kalten, grauen Nachmittag – mit dem dunkeln, regendrohenden Himmel!

Die Gartentür öffnete sich und ich erwartete in meiner freudigen Erregtheit halb lachend und halb weinend meine Mutter zu sehen. Aber nicht sie, sondern eine fremde Magd trat heraus.

»Ach, Peggotty!« sagte ich mißmutig. »Ist Mama denn noch nicht wieder zu Hause?«

»Ei ja, Master Davy!« sagte Peggotty. »Nur ein bißchen Geduld, Davy, und ich will dir etwas sagen.«

Teils infolge ihrer Aufregung, teils infolge ihres natürlichen Ungeschicks machte Peggotty gar seltsame Manöver, um aus dem Wagen zu kommen, aber ich war viel zu verlegen und sozusagen verblüfft, um eine Bemerkung darüber zu machen. Als sie endlich unten stand, faßte sie mich bei der Hand und führte mich, der ich immer noch ganz verwundert war, in die Küche und machte die Tür zu.

»Peggotty!« sagte ich ganz erschrocken. »Was ist denn?«

»Nichts ist – du meine Güte, du lieber, guter Davy,« antwortete sie und heuchelte eine recht muntere Miene.

»Doch, es muß was vorgefallen sein! Wo ist Mama?«

»Wo Mama ist, Master Davy?« wiederholte Peggotty.

»Ja! Warum ist sie nicht an die Gartentür gekommen, und weshalb sind wir hier hineingegangen? Ach, Peggotty!«

Meine Augen waren voll Tränen, und mir war, als ob ich umsinken müßte.

»Mein Gott, das Kind!« rief Peggotty und nahm mich in ihre Arme. »Was gibt's denn? Sprich, mein Goldsohn!«

»Sie ist doch nicht tot? – Nein! Ach, sie ist nicht tot, Peggotty?«

Peggotty rief mir ein außerordentlich lautes und nachdrucksvolles »Nein!« entgegen und setzte sich dann hin und fing an zu ächzen und sagte, ich hätte sie fürchterlich erschreckt.

Um das wieder gut zu machen, fiel ich ihr um den Hals und stellte mich vor sie hin und sah sie in banger Erwartung an.

»Ja, ja, Liebling, ich hätte dir's eher sagen sollen,« fing Peggotty an, »aber ich fand keine Gelegenheit dazu. Ich hatte es eigentlich eher tun sollen, aber ich konnte nur partout nicht das Herz dazu fassen.« .

»Nur weiter, Peggotty!« sagte ich, noch mehr in Angst als vorher.

»Master Davy!« sagte Peggotty, während sie ihren Hut mit zitternden Händen aufknüpfte. »Denke nur mal: du hast einen Papa bekommen!«

Ich fuhr zusammen und wurde blaß. Ein Etwas – ich weiß nicht was oder wie – aber eine Vorstellung, die mit dem Grabe auf dem Kirchhof und dem Auferstehen der Toten zusammenhing, schien mich wie ein unheimlicher Frosthauch zu treffen.

»Einen neuen«, sagte Peggotty.

»Einen neuen?« wiederholte ich.

Peggotty schluckte, als ob ihr etwas Bitteres im Halse stecken geblieben sei, reichte mir die Hand und sagte:

»Komm jetzt, du mußt ihn sehen –«

»Ich mag ihn nicht sehen.«

»Aber deine Mama«, sagte Peggotty.

Ich weigerte mich nicht mehr, und wir gingen sogleich in das gute Zimmer, wo sie mich verließ. An der einen Seite des Kamins saß meine Mutter, an der andern Mr. Murdstone. Meine Mutter ließ ihre Arbeit aus der Hand sinken und stand rasch, aber wie es mir schien, etwas verlegen auf.

»Meine liebe Klara«, sagte Mr. Murdstone, »vergiß nicht! Immer zusammengenommen! Nun, Davy, wie geht's, Junge?«

Ich gab ihm die Hand. Nach einem augenblicklichen Zögern ging ich zu meiner Mutter und küßte sie; sie erwiderte meinen Kuß, streichelte mich, klopfte mich sanft auf den Rücken und nahm wieder ihre Arbeit zur Hand. Ich konnte sie nicht ansehen, ich konnte ihn nicht ansehen, ich wußte bestimmt, daß er uns beide beobachtete, und ich ging ans Fenster und sah hinaus auf ein paar Sträucher, die ihre Köpfe in der Kälte hängen ließen.

Sobald ich mich fortschleichen konnte, ging ich die Treppe hinauf. Mein altes liebes Schlafzimmer hatte eine andere Bestimmung erhalten, und ich war weit hinten umquartiert. Ich ging wieder hinab, um überhaupt etwas zu entdecken, was sich gleich geblieben wäre, denn so anders erschien mir alles, und ich ging auf den Hof hinaus. Aber hier war meines Bleibens nicht, denn in der sonst leeren Hundehütte war jetzt ein großer Hund untergebracht mit einer so tiefen Stimme und so schwarzem Haar wie er – und der Racker wurde sehr grimmig bei meinem Anblick und zerrte an der Kette, um über mich herzufallen.

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