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David Copperfield - Teil 1

Charles Dickens: David Copperfield - Teil 1 - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Teil 1
publisherMax Hesses Verlag
volume1
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060608
modified20180604
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Zweites Kapitel.

Ich beobachte.

Die ersten Gegenstände, die deutlich vor meinem Geiste erscheinen, wenn ich weit zurück in das Dunkel meiner ersten Kinderjahre blicke, sind meine Mutter mit ihrem schönen Haar und der jugendschlanken Gestalt, und Peggotty ohne alle Figur und mit so dunkeln Augen, daß sie alles in ihrer Nähe zu verdunkeln schienen, und mit so roten und drallen Backen und Armen, daß es mich wunderte, warum die Vögel nicht lieber daran als an den Äpfeln pickten.

Ich glaube die beiden noch heute in nächster Nähe von mir zu sehen, wie sie sich klein machten oder auf den Boden hinkauerten, während ich mit taumelnden Schütten von der einen zur andern trippelte.

Ich habe auch noch einen dunkeln Eindruck behalten, den ich von wirklicher Erinnerung nicht unterscheiden kann, eine Vorstellung von Peggottys Zeigefinger, den ich anfaßte und der von der Nadel so rauh war wie ein kleines Muskat-Reibeisen.

Das beruht vielleicht auf Einbildung, obgleich ich meine, daß das Gedächtnis der meisten Menschen in eine viel fernere Kinderzeit zurückreicht, als man gewöhnlich annimmt, ebenso wie ich glaube, daß die Beobachtungsgabe bei vielen kleinen Kindern an Schärfe und Genauigkeit ganz wunderbar ist. In der Tat bin ich der Ansicht, daß die meisten Erwachsenen, die sich in dieser Beziehung auszeichnen, richtiger gesagt, jene Gabe nur nicht verloren, aber sich diese später nicht angeeignet haben, um so mehr, als man an jenen Leuten eine gewisse Frische, Liebenswürdigkeit und Genußfähigkeit bemerkt, die auch ein aus ihrer Kindheit herübergerettetes Erbteil sind.

Vielleicht gerate ich mit dieser Bemerkung in den Verdacht des Abschweifens, aber sie läßt mich doch sagen, daß ich diese Schlüsse zum gewissen Teil auf meine eigene Erfahrung aufbaue, und wenn aus irgend etwas in dieser Erzählung hervorgeht, daß ich ein scharf beobachtendes Kind war und als Mann ein lebhaftes Gedächtnis an meine Kindheit bewahrt habe, daß ich fraglos Anspruch auf diese beiden Eigenschaften erhebe.

Wenn ich also in das früheste Kindheitsdunkel zurückblicke, so sondern sich aus dem Wirrwarr von allerlei Dingen zunächst die beiden Gestalten meiner Mutter und Peggottys ab. Was weiß ich sonst noch? Wir wollen einmal sehen. –

Da taucht aus dem Nebel der Erinnerung unser Haus in seiner mir von frühester Erinnerung her vertrauten Gestalt hervor. Im Erdgeschoß ist Peggottys Küche, die auf den Hinterhof hinausgeht, wo in der Mitte ein Taubenhaus auf einer Stange steht, aber ohne Tauben, eine große Hundehütte in einer Ecke, aber kein Hund darin, und eine Anzahl Hühner, die mir schrecklich groß vorkamen, stolzierten drohenden und wilden Wesens darin herum. Ein Hahn fliegt auf einen Pfosten, um zu krähen, und scheint sein Auge ganz besonders auf mich zu werfen, wie ich ihn durch das Küchenfenster ansehe, und darüber zittere ich vor Furcht, weil er so kampflustig aussieht. Von den Gänsen draußen am Seitentürchen, die mir mit lang ausgestreckten Hälsen nachwatscheln, wenn ich vorbeigehe, träume ich nachts, wie ein Mann, der in der Nähe von wilden Tieren lebt, von Löwen träumen mag.

Dann ist da ein langer Gang – in meiner Erinnerung eine endlose Perspektive – der von Peggottys Küche nach der vorderen Haustür führt. Eine dunkle Vorratskammer mündet auf diesen Gang – wo ich nachts stets nur vorbeihusche, denn wer weiß was hinter diesen Krügen, Tonnen und alten Teekisten stecken möchte, wenn niemand mit einer matt leuchtenden Kerze darin ist – und eine dumpfige Luft strömt heraus, in der sich der Geruch von Seife, Pickles, Pfeffer, Lichtern und Kaffee vermischt. Dann sind unten die beiden Wohnzimmer: das eine, in dem wir, meine Mutter, ich und Peggotty, abends sitzen – denn Peggotty leistet uns Gesellschaft, wenn sie ihre Arbeit gemacht hat und wir allein sind – und das gute Zimmer, wo wir Sonntags sitzen – feierlich, aber nicht so traulich. Für mich hat dies Zimmer etwas Wehmütiges, denn Peggotty hat mir erzählt – ich weiß nicht mehr wann, aber es muß lange, lange her sein – wie mein Vater begraben wurde und hier die Leichenträger ihre schwarzen Mäntel umhingen. Und eines Sonntags abends liest meine Mutter Peggotty und mir vor, wie Lazarus auferstand von den Toten. Und ich ängstige mich so sehr darüber, daß sie mich aus dem Bette herausnehmen und mir aus dem Schlafzimmerfenster den stillen Kirchhof zeigen müssen, wo die Toten alle in feierlichem Mondlicht friedlich im Grabe ruhen.

Kein Grün dünkte mir jemals so grün wie das Gras auf diesem Kirchhofe, keine andern Bäume auch nur halb so schattig, und nichts so lautlos still wie die Grabsteine dort. Wenn, ich frühmorgens in meinem Bettchen knie, das in einer Wandnische in der Schlafstube meiner Mutter steht, so sehe ich die Schafe dort grasen, und die Morgenröte die Sonnenuhr bestrahlen, und ich denke im geheimen: Ob sie sich wohl freut, wieder einen Tag verkünden zu können?

Da ist unser Kirchenstuhl. Was er für eine hohe Lehne hat! Und ein Fenster ist in seiner Nähe, durch das man unser Haus sehen kann; und wie oft während des Frühgottesdienstes sieht Peggotty hinüber, ob sich keine Diebe einschleichen oder kein Feuer ausbricht. Aber obschon sie ihre Augen fleißig herumschweifen läßt, nimmt sie es doch sehr übel, wenn ich es so mache und steht mich stirnrunzelnd an, wenn ich auf meinen Sitz steige, um den Geistlichen anzuschauen. Aber ich kann ihn doch nicht immer anschauen – ich kenne ihn ja ohne das weiße Zeug da, das er anhat, und fürchte, daß er sich wundert, warum ich ihn so anstarre, und er dann am Ende gar seine Predigt unterbricht und mich fragt, warum ich das täte – und – was soll ich dann tun? Das Herumgaffen ist wahrhaftig nicht hübsch – aber ich muß doch etwas tun! Ich sehe meine Mutter an: sie tut, als ob sie mich nicht sähe. Ich schaue nach einem Knaben auf dem Chore: der schneidet mir Gesichter. Ich sehe das Sonnenlicht zur offenen Kirchenpforte hereinfallen und ein einzelnes verirrtes Schaf davor, ich meine keinen Sünder damit, sondern einen Hammel, der nicht übel Lust verrät, der Kirche einen Besuch abzustatten. Ich muß fortsehen, denn es ist mir ganz so, als müßte ich laut zu ihm sprechen, und dann – wehe mir! Ich sehe nach den steinernen Gedächtnistafeln an der Wand und bemühe mich an das verstorbene Mitglied dieser Gemeinde Mr. Bodgers zu denken, und an Ms. Bodgers' Trauer, »denn gar schwerer Krankheit Walten hat er christlich ausgehalten; hilflos war der Ärzte Kunst.« Ich überlegte, ob sie Mr. Chillip gehabt hätten, und ob der auch »hilflos« gewesen, und ob es ihm lieb ist, allsonntaglich daran erinnert zu werden? Von Mr. Chillip mit seiner Sonntagskrawatte sehe ich wieder zur Kanzel empor und denke, was das für ein schöner Spielplatz wäre, was für eine feine Burg, um sie zu verteidigen, wenn ein anderer Junge die Stufen zum Angriff hinaufstürmte, und ich ihm das Samtkissen mit den Troddeln an den Kopf werfen könnte. Allmählich schließen sich meine Augen, ich glaube in der Schwüle den Geistlichen noch in schläfrigem Tone ein einschläferndes Lied singen zu hören, und dann höre ich nichts mehr, bis ich mit lautem Gepolter von meinem Sitze falle und von Peggotty, mehr tot als lebendig, aufgehoben werde.

Und jetzt sehe ich die Außenseite unseres Hauses mit den offenen Jalousien des Schlafzimmers, damit die herrlich duftende Luft hinein kann, und im Hintergrunde des vorderen Gartens immer noch in den hohen Ulmen die zerfetzten alten Krähennester hängen. Jetzt bin ich in dem Garten hinter dem Hofe mit dem leeren Taubenhaus und der Hundehütte – ein wahrer Park für Schmetterlinge, wo die Früchte dicht gedrängt und reifer und schöner, als ich sie irgendwo gesehen, an den Zweigen hängen, und wo meine Mutter in ein Körbchen Obst pflückt, während ich dabei stehe und heimlich ein paar entwendete Stachelbeeren rasch in den Mund stecke, und mich bemühe, ein unschuldiges Gesicht zu machen. Ein starker Wind erhebt sich, und in einem Augenblick ist der Sommer verweht. Wir spielen in dem Winterzwielicht und tanzen in der Stube herum. Wenn meine Mutter außer Atem ist und in einem Lehnstuhle ausruht, so sehe ich, wie sie ihre schönen Locken um den Finger wickelt und das Leibchen glatt zieht, und niemand weiß so gut wie ich, daß sie sich freut, so wohl auszusehen, und stolz ist, so hübsch zu sein.

Das sind so einige meiner frühesten Eindrücke, das und ein Bewußtsein, daß wir uns beide ein wenig vor Peggotty fürchteten und in den meisten Dingen ihrer Meinung folgten, war einer meiner Schlüsse – wenn man es so nennen kann – die ich aus dem zog, was ich sah.

Peggotty und ich saßen eines Abends allein in der Wohnstube vor dem flackernden Kamin. Ich hatte Peggotty von Krokodilen vorgelesen, und ich muß mit sehr vielem Ausdruck gelesen haben, oder das arme Ding muß sehr wenig interessiert gewesen sein, denn ich erinnere mich, als ich fertig war, hatte sie so eine Idee, daß Krokodile eine Art Gemüse wären. Darauf war ich des Lesens müde und sehr schläfrig, aber da ich besonderer Ursache halber Erlaubnis hatte, aufzubleiben, bis meine Mutter von einem Abendbesuche nach Hause kam, so wäre ich natürlich lieber auf meinem Posten gestorben, als zu Bett gegangen. Ich hatte jetzt jenen Grad von Schläfrigkeit erreicht, wo Peggotty mir immer größer und größer zu werden schien. Ich hielt meine Augenlider mit den beiden Zeigefingern offen und sah sie fest und lang an, wie sie auf ihrem Stuhle saß und unermüdlich arbeitete, sah dann das kleine Stückchen Wachslicht an, mit dem sie ihren Zwirn wichste – das ganz mit Rillen und Furchen durchackerte Wachsklümpchen! – sah das strohgedeckte Häuschen an, worin ihr Ellenbandmaß wohnte, ihr Arbeitskästchen mit dem Schiebedeckel, worauf die St. Paulskirche (die Kuppel rosenrot!) gemalt war, dann ihren messingenen Fingerhut und endlich sie selbst, die mir gar lieblich vorkam. Ich war so schläfrig, daß ich fühlte, so wie ich nur einen Augenblick meine Augen abwendete, würde ich einschlafen.

»Peggotty,« fragte ich plötzlich, »bist du einmal verheiratet gewesen?«

»Herjeh, Master Davy«, entgegnete Peggotty. »Wie kommst du aufs Heiraten?«

Sie fuhr bei meiner Frage so überrascht auf, daß ich darüber ganz wach wurde. Dann hielt sie aber im Nähen inne und sah mich an, indem sie den Faden, so lang er war, straff anzog.

»Aber bist du einmal verheiratet gewesen, Peggotty?« fragte ich. »Du bist doch sehr hübsch, nicht wahr?«

Allerdings war ihr Typus ein anderer als der meiner Mutter; aber in einer andern Art von Schönheit hielt ich sie für ein vollkommenes Muster, In unserer Putzstube war nämlich ein Fußbänkchen von rotem Samt, auf das meine Mutter einen Strauß gemalt hatte. Dieser Samt und Peggottys Teint schienen mir zum Verwechseln gleich zu sein, Die Fußbank freilich war glatt und weich, und Peggotty war rauh, aber das machte keinen Unterschied.

»Ich hübsch, Davy?« sagte Peggotty. »Ach du meine Güte, liebes Kind! Aber wie kommst du nur aufs Heiraten?«

»Ich weiß nicht! – Aber du darfst nicht mehr als einen auf einmal heiraten, nicht wahr, Peggotty?«

»Gewiß nicht«, sagte Peggotty mit sicherer Entschiedenheit.

»Aber wenn du jemand heiratest und der jemand stirbt, dann kannst du einen andern heiraten, nicht wahr, Peggotty?«

»Man kann, wenn man Lust hat, liebes Kind«, sagte Peggotty. »Das ist Meinungssache.«

»Aber was ist deine Meinung, Peggotty?« sagte ich und blickte sie bei dieser Frage neugierig an, weil sie mich so forschend ansah.

»Meine Meinung ist,« sagte Peggotty, als sie nach einiger Unschlüssigkeit ihre Augen von mir abgewendet und wieder zu arbeiten angefangen hatte, »daß ich niemals verheiratet gewesen bin, Master Davy, und daß ich nicht glaube, jemals zu heiraten. Weiter kann ich nichts darüber sagen.«

»Du bist doch nicht böse, Peggotty?« sagte ich, nachdem ich ein Weilchen still dagesessen hatte.

Ich glaubte wirklich, daß sie es wäre, denn so kurz war sie gewesen, aber ich irrte mich ganz und gar, sie legte ihre Arbeit (einen ihrer Strümpfe) beiseite, öffnete ihre Arme, nahm meinen lockigen Kopf und drückte ihn derb an sich. Daß sie mich derb herzhaft an sich drückte, weiß ich, denn da sie sehr wohlbeleibt war, so pflegten stets, wenn sie ganz angekleidet eine kleine Anstrengung machte, ein paar Knöpfe hinten von ihrem Rocke abzuspringen. Und ich besinne mich, daß diesmal zwei in die andere Ecke des Zimmers flogen, während sie mich umarmte.

»Na, nun lies mir noch etwas von den Korkodilliens vor,« sagte Peggotty, »denn ich habe noch lange nicht genug davon.«

Ich begriff damals nicht, warum Peggotty so versessen auf ihre Korkodilliens war, aber mit neuer Frische meinerseits kehrten wir also zu den Ungeheuern zurück, ließen sie ihre Eier in den Sand legen und von der Sonne ausbrüten, rissen vor ihnen aus, entrannen ihnen durch plötzliches Umwenden, was sie wegen ihrer Ungelenkigkeit nicht rasch tun konnten, verfolgten sie als Eingeborene bis ins Wasser, steckten ihnen scharf zugespitzte Stücke Holz in den Rachen: kurz und gut, wir nahmen die Krokodile von A bis Z durch. Ich wenigstens tat es, aber über Peggotty hatte ich meinen Zweifel, denn sie stach mit ihrer Nadel gedankenvoll in verschiedene Teile ihres Gesichts und ihrer Arme.

Nachdem wir mit den Krokodilen fertig waren, hatten wir mit den Alligatoren angefangen, als es am Gartentor klingelte. Wir gingen hinaus, und draußen stand meine Mutter, die mir ungewöhnlich hübsch vorkam, und neben ihr ein Herr mit schönem schwarzem Haar und schwarzem Backenbart, der uns schon am vorigen Sonntag aus der Kirche nach Hause begleitet hatte.

Als meine Mutter auf der Schwelle stehen blieb und mich in ihre Arme nahm und küßte, sagte der Herr, ich sei glücklicher als ein Fürst oder etwas ähnliches. Denn ich merke, hier kommt mir mein späteres Verständnis zu Hilfe.

»Was heißt das?« fragte ich ihn über ihre Schulter hinweg.

Er klopfte mich auf den Kopf, aber ich konnte weder ihn noch seine tiefe Baßstimme leiden, und es erregte meine Eifersucht, daß seine Hand mich anfaßte und dabei gleichzeitig die meiner Mutter berührte. Und ich schob sie hinweg, so weit ich's vermochte.

»Aber Davy!« ermahnte meine Mutter.

»Der liebe Junge!« sagte der Herr. »Ich kann seine Zärtlichkeit schon begreifen.«

Noch nie hatte ich meiner Mutter Antlitz so schön erröten sehen. Sie schalt mich sanft aus wegen meiner Unfreundlichkeit und sprach, indem sie mich dicht an sich hielt, ihren Dank gegen den Herrn aus, daß er so gütig gewesen war, sie nach Hause zu begleiten. Sie reichte ihm ihre Hand und als er sie nahm, kam es mir vor, als ob sie mich von seitwärts her rasch anblickte.

»Nun laß auch uns gute Nacht sagen, mein kleiner Mann«, sagte der Herr zu mir, nachdem er sich – ich sah es ganz deutlich – über den zierlichen Handschuh meiner Mutter gebeugt hatte.

»Gute Nacht!« sagte ich.

»Komm! Wir müssen die besten Freunde von der Welt werden!« sagte er lachend. »Gib mir die Hand!«

Meine rechte Hand lag in der linken meiner Mutter, deshalb gab ich ihm die andere.

»Das ist ja aber die falsche Hand, Davy!« sagte der Herr lachend.

Meine Mutter zog meine rechte Hand hervor, aber ich war entschlossen sie ihm nicht zu geben, und tat es auch nicht. Ich reichte ihm die andere, er schüttelte sie kräftig und sagte, ich sei ein wackerer Junge, und ging fort.

Noch jetzt sehe ich ihn, wie er sich in der Gartentür umdrehte und uns noch einmal mit seinen unangenehmen schwarzen Augen ansah, ehe sich das Gitter hinter ihm schloß,

Peggotty, die kein Wort gesprochen und keinen Finger gerührt hatte, schob sofort den Riegel vor, und wir gingen alle in das Wohnzimmer. Anstatt sich wie gewöhnlich in den Lehnstuhl neben das Feuer zu setzen, blieb meine Mutter heute am andern Ende des Zimmers stehen und sang dabei leise vor sich hin.

»Hoffentlich haben Sie einen angenehmen Abend verlebt, Ma'am«, sagte Peggotty, die so steif wie ein Stock in der Mitte des Zimmers stand und einen Leuchter in der Hand hielt.

»Ich danke, Peggotty«, erwiderte meine Mutter mit sehr heiterer Stimme. »Ich habe einen sehr angenehmen Abend verlebt.«

»Etwas Fremdes gibt eine angenehme Abwechselung«, bemerkte Peggotty.

»Eine sehr angenehme Abwechselung, gewiß«, entgegnete meine Mutter.

Da Peggotty regungslos in der Mitte des Zimmers stehen blieb, meine Mutter wieder zu singen anfing, schlief ich ein, obgleich ich nicht so fest schlief, daß ich nicht Stimmen hören konnte, wiewohl ich nicht verstand, was sie sagten. Als ich aus diesem unbehaglichen Schlummer halb erwachte, sah ich, daß Peggotty und meine Mutter in großer Aufregung miteinander sprachen und dabei weinten.

»So einer wie dieser hätte Mr. Copperfield nicht gefallen«, behauptete Peggotty. »Das sage ich und das schwöre ich!«

»Guter Gott,« rief meine Mutter, »du wirst mich noch zur Verzweiflung treiben! Ist jemals ein armes Mädchen von ihrem Dienstboten so mißhandelt worden! Aber warum tue ich mir das Unrecht, mich ein Mädchen zu nennen? Bin ich niemals verheiratet gewesen, Peggotty?«

»Gott weiß, daß es wahr ist, Ma'am«, entgegnete Peggotty.

»Wie kannst du dann wagen,« sagte meine Mutter – »das heißt, ich meine nicht, wie du es wagen kannst, Peggotty, sondern wie du es auch nur übers Herz bringen kannst, mir solches Unbehagen zu bereiten und so böse Worte zu sagen, da du doch recht gut weißt, daß ich draußen auf der ganzen Welt keinen einzigen Freund habe.«

»Um so mehr habe ich Grund zu sagen, daß es nicht geht«, entgegnete Peggotty. »Nein, es geht nicht, nein; um keinen Preis, nein, nein!« – Ich glaube wahrhaftig, Peggotty wollte den Leuchter hinschleudern, so dramatisch deklamierte sie damit.

»Wie kannst du mich nur so ärgern,« sagte meine Mutter und fing von neuem an zu weinen, »und mich so ungerecht verklagen? Wie kannst du reden, als ob alles schon abgemacht wäre, Peggotty, wenn ich dir immer und immer wieder sage, du böses Mädchen, daß außer den gewöhnlichsten Höflichkeiten nichts vorgefallen ist? Du sprichst von Bewunderung – was soll ich tun? Wenn Leute so töricht sind, Bewunderung zu fühlen, ist das meine Schuld? Was soll ich dagegen tun, frage ich dich? Soll ich mir etwa das Haar abscheren lassen, soll ich mir das Gesicht schwärzen, oder mich mit einem Brandfleck oder heißem Wasser oder etwas ähnlichem verunstalten? Ich glaube, du könntest das verlangen, Peggotty, ja ich glaube, du würdest dich noch darüber freuen.«

Peggotty schienen diese Zumutungen nicht sonderlich zu Herzen zu gehen.

»Und mein lieber Bubi,« rief meine Mutter und kam an meinen Stuhl und liebkoste mich, »mein lieber kleiner Davy! Willst du etwa sagen, es fehle mir an Liebe für mein kostbares Goldkind, für den besten kleinen Buben auf der Welt?«

»Kein Mensch hat jemals an so etwas gedacht«, sagte Peggotty.

»Du hast es getan, Peggotty!« gab meine Mutter zurück. »Ich weiß, daß du es gemeint hast! Was anders soll ich aus deinen Worten entnehmen, du böses Mädchen, da du doch recht gut weißt, daß ich mir nur seinetwegen im letzten Vierteljahr keinen neuen Sonnenschirm kaufen wollte, obgleich der alte grüne obenherum ganz schlecht ist und die Fransen entzwei sind: Das weißt du, Peggotty, und das kannst du nicht leugnen!« Dann wendete sie sich zärtlich an mich, schmiegte ihre Wange an die meine und sagte: »Bin ich eine böse Mama, Davy? Bin ich eine hartherzige, selbstsüchtige, schlechte Mama? Sage ja, Kind, sage ja, liebes Herz, dann wird dich Peggotty lieben und Peggottys Liebe ist viel, viel besser, als die meine, Davy. Ich liebe dich ja gar nicht, nicht wahr?«

Bei diesen Worten fingen wir alle zu weinen an, und soviel ich mich besinnen kann, war ich der lauteste von den dreien, aber wir meinten es sicherlich alle drei gleich aufrichtig. Ich war wie aufgelöst, und ich glaube, daß ich in den ersten Aufwallungen verletzter Zärtlichkeit Peggotty ein Scheusal nannte. Ich besinne mich noch, wie das gute Mädchen in die tiefste Betrübnis geriet und bei dieser Gelegenheit alle ihre Knöpfe verloren haben muß, denn eine ganze Ladung davon sprang ins Zimmer, als sie nach Versöhnung mit meiner Mutter vor meinen Stuhl hinkniete und das gleiche mit mir tat.

Wir gingen alle sehr niedergeschlagen zu Bett. Mein Schluchzen hielt mich noch lange Zeit wach, und als mich ein starker Seufzer im Bette ordentlich in die Höhe hob, sah ich, daß meine Mutter auf dem Gestell saß und sich über mich beugte. Ich schlummerte nun in ihren Armen ein und schlief fest.

Ob ich, schon am folgenden Sonntag den Herrn wieder sah oder ob ein größerer Zeitraum dazwischen lag, dessen kann ich mich nicht mehr entsinnen. In der Zeitrechnung bin ich nicht ganz zuverlässig. Aber er war wieder in der Kirche und begleitete uns dann nach Hause, Er kam auch in die Stube, um sich ein schönes Geranium anzusehen, das im Fenster stand. Er schien es nicht besonderer Aufmerksamkeit zu würdigen, aber ehe er uns verließ, bat er meine Mutter, ihm eine Blüte davon zu geben. Sie sagte, er solle sich selbst eine aussuchen, aber das wollte er nicht – ich konnte nicht begreifen, warum – und so pflückte sie eine Blüte ab und gab sie ihm. Er sagte, er werde sich nun und niemals von ihr trennen, und ich dachte, er müsse ein rechter Narr sein, um nicht zu wissen, daß die Blätter in ein oder zwei Tagen verwelkt sein würden.

Peggotty fing jetzt an, uns abends weniger oft Gesellschaft zu leisten als früher. Meine Mutter besprach zwar mancherlei mit ihr – viel mehr als gewöhnlich, wie mir schien – und wir vertrugen uns vortrefflich, aber es war doch zwischen uns dreien anders geworden, und wir befanden uns nicht mehr so behaglich wie früher. Manchmal kam es mir vor, Peggotty habe etwas dagegen, daß meine Mutter jetzt immer ihre besten Kleider hervorholte und anzog, die in ihrem Kleiderschranke hingen, dann wieder, daß ihr Mutters häufige Besuche in der Nachbarschaft zuwider waren: doch ich konnte mir nicht klar darüber werden, was es eigentlich war.

Allmählich gewöhnte ich mich an den Anblick des Herrn mit dem schwarzen Backenbart. Er gefiel mir nicht besser als von Anfang an, und ich fühlte immer noch in bezug auf ihn dieselbe unbestimmte Eifersucht. Aber wenn ich überhaupt einen Grund dafür hatte, abgesehen von instinktiver kindischer Abneigung und von der allgemeinen Überzeugung, daß Peggotty und ich meine Mutter auch ohne fremde Hilfe beherrschen konnten: jedenfalls geschah es nicht aus dem Grunde, den ich herausgefunden hätte, wenn ich älter gewesen wäre. Das kam mir nie, auch nicht im entferntesten in den Sinn. Ich vermochte meine Beobachtungen gewissermaßen nur stückweise anzustellen, doch aus diesen Bruchstücken ein Netz zu machen und darin irgendeinen zu fangen, das ging noch über meine Kräfte.

An einem Herbstmorgen war ich mit meiner Mutter in dem Garten vor dem Hause, als Mr. Murdstone (ich kannte ihn jetzt unter diesem Namen) vorbeigeritten kam. Er hielt sein Pferd an, um meine Mutter zu begrüßen, und sagte, er ritte nach Lowestoft, um einige Freunde zu besuchen, die dort eine Jacht hätten, und machte scherzend den Vorschlag, mich vor sich auf den Sattel zu nehmen, wenn ich an dem Ritt Gefallen fände.

Das Wetter war so wunderschön und die Luft so milde, und dem Pferde selbst schien die Aussicht auf den Ritt sehr zu gefallen, weil es schnaubend und stampfend vor der Gartentür stand, daß ich große Lust fühlte mitzureiten. Die Mutter schickte mich daher mit Peggotty hinauf, um schmuck gemacht zu werden, und unterdessen stieg Mr. Murdstone ab und ging, die Zügel über den Arm geworfen, langsam vor der Hagebuttenhecke auf und ab, während meine Mutter ihm zur Gesellschaft auf der inneren Seite mit ihm Schritt hielt. Ich erinnere mich noch, wie Peggotty und ich aus meinem kleinen Fenster auf sie hinabguckten, ich besinne mich auch noch, wie eifrig sie bei ihrem Spaziergange in den Hagebuttenbusch spähten, und wie Peggotty, die vorher in der besten Laune gewesen war, plötzlich ganz ärgerlich wurde und mein Haar recht derb gegen den Strich bürstete.

Mr. Murdstone und ich waren bald unterwegs und trabten auf dem grünen Rasenstreifen neben der Landstraße dahin. Er hielt mich leicht mit einem Arm umfaßt, und ich glaube nicht, daß ich besonders unruhig war; aber ich konnte mich nicht entschließen, vor ihm sitzen zu bleiben, ohne den Kopf umzuwenden und ihm ins Gesicht zu sehen. Er hatte jene Art von seichten schwarzen Augen – ich habe kein besseres Wort für ein Auge, das keine Tiefe hat, in die man hineinblicken könnte – die durch ein eigentümliches Spiel des Lichts zu schielen scheinen, wenn sie nachsinnend blicken. Mehrmals, wenn ich ihn ansah, bemerkte ich mit einer Art Scheu diesen Blick und fragte mich, worüber er wohl nachdenken möge. Sein Haupthaar und sein Bart waren, in der Nähe betrachtet, noch schwärzer und dichter, als ich je geglaubt hätte. Die eckigstarken Kinnladen und die bläulichen Schatten, die von dem sorgfältig rasierten Barte übrig blieben, erinnerten mich an eine Wachsfigur, die vor einem halben Jahre in unserer Gegend gezeigt worden war. Dieses, seine regelmäßigen Augenbrauen und das schöne Weiß, Schwarz und Braun seines Teints – verwünscht sei sein Teint und sein Gedächtnis! – all dieses machte, daß ich ihn trotz meiner bangen Ahnungen für einen sehr schönen Mann hielt. Ich bezweifle gar nicht, daß meine arme Mutter ganz derselben Meinung war.

Wir gingen nach einem am Meere belegenen Gasthofe, wo zwei Herren in einem eigenen Zimmer Zigarren rauchten. Jeder von ihnen räkelte sich auf mindestens vier Stühle hingestreckt und hatte eine zottige Matrosenjacke an. In einem Winkel lagen auf einem Haufen übereinander Überröcke und Schifferjacken und eine Flagge,

Sie stolperten beide schwerfällig in die Höhe, als wir eintraten, und riefen: »Holla, Murdstone! Wir dachten, Ihr wäret tot!«

»Noch nicht«, sagte Mr. Murdstone.

»Und wer ist dieser kleine Mann?« sagte einer der Herren, und faßte mich beim Arme.

»Das ist Davy«, gab Mr. Murdstone zur Antwort.

»Davy Wer?« sagte der Herr. »Jones?«

»Copperfield«, sagte Mr. Murdstone.

»Was? ein Sprößling der himmlischen Mrs. Copperfield?« rief der Hell. »Von der reizenden kleinen Witwe?«

»Quinion, sagte Mr. Murdstone, »bitte mit Vorsicht. Jemand ist schlau.«

»Wer?« fragte der Herr lachend.

Ich blickte rasch auf, denn ich war neugierig es zu erfahren.

»Ach, nur Brooks von Sheffield«, sagte Mr. Murdstone.

Ich fühlte mich ordentlich erleichtert, als ich erfuhr, daß es nur Brooks von Sheffield sei, denn anfangs glaubte ich wirklich, man meine mich.

Mr. Brooks von Sheffield schien aber außerordentlich komische Erinnerungen zu erregen, denn beide Herren lachten recht herzlich, als sie seinen Namen hörten, und auch Mr. Murdstone amüsierte sich köstlich darüber. Nach einigem Lachen sagte der Herr, den er Quinion genannt hatte:

»Und was ist des Mr. Brooks von Sheffield Meinung über das beabsichtigte Geschäft?«

»Hm! Ich weiß nicht, ob Brooks vorderhand viel davon weiß,« entgegnete Mr. Murdstone; »aber ich glaube im allgemeinen ist er dem Plan nicht besonders günstig.«

Darüber wurde viel gelacht, und Mr. Quinion sagte, er wolle nach Sherry klingeln, um auf Brooks Gesundheit zu trinken. Das tat er, und als der Wein kam, schenkte er mir ein Gläschen voll ein, hieß mich aufstehen und vor dem Trinken sagen: »Daß dich der Deixel – Brooks von Sheffield!« Der Toast wurde mit großem Beifall und so schallendem Gelächter aufgenommen, daß ich selbst mitlachen mußte, worüber sie noch mehr lachten. Kurz, wir waren sehr vergnügt miteinander.

Wir gingen danach auf den Klippen des Strandes spazieren und setzten uns ins Gras und guckten nach verschiedenen Dingen durch das Teleskop – ich konnte nichts sehen, als sie es mir vor das Auge hielten, obgleich ich so tat – und dann kehrten wir nach, dem Gasthofe zurück, um zeitig zu Mittag zu essen. Während unseres Spazierganges rauchten die beiden Herren in einem fort – was sie, nach dem Dufte ihrer Schifferjacken zu urteilen, unaufhörlich seit dem Tage getan haben mußten, an dem sie die Jacken vom Schneider erhielten. Ich darf auch nicht zu berichten vergessen, daß wir die Jacht besuchten, wo sie alle drei in die Kajüte hinabgingen und sich mit einigen Papieren zu tun machten. Ich sah sie damit sehr eifrig beschäftigt, als ich durch das offene Lukenfenster hinabblickte. Diese ganze Zeit über ließen sie mich in Gesellschaft eines sehr netten Mannes mit einem starken Schopf roter Haare und einem sehr kleinen lackierten Hut darauf; er trug ein buntgestreiftes Hemd, mit dem Worte »Seemöve« in großen Buchstaben quer über die Brust. Ich glaubte, es sei sein Name und er schreibe ihn auf die Brust, weil er auf dem Schiffe wohnte und daher seinen Namen an keine Haustür schlagen könnte; als ich ihn aber Mr. Seemöve nannte, sagte er, das Schiff heiße so.

Den ganzen Tag über bemerkte ich, daß Mr. Murdstone ernster und gesetzter war, als die andern beiden Herren. Diese waren sehr lustig und ungeniert; sie trieben ihren Scherz miteinander, aber selten mit ihm. Er schien mir klüger und kälter als sie, und sie mochten ihn ziemlich mit denselben Gefühlen einer gewissen Scheu betrachten wie ich. Auch kann ich mich nicht erinnern, daß Mr. Murdstone den ganzen Tag über gelacht hätte, außer über den Witz mit Brooks von Sheffield – und das war, beiläufig gesagt, sein eigener Witz.

Zeitig gegen Abend traten wir wieder den Heimweg an. Es war ein sehr schöner Abend, und meine Mutter und er machten einen zweiten Spaziergang am Hagebuttenstaket, während sie mich zum Tee hinauf schickte. Als er fort war, fragte mich meine Mutter begierig aus über das, was ich den Tag über gesehen und gehört hätte. Ich erzählte, was sie über sie geäußert hatten, und sie lachte und sagte, es wäre unverschämtes junges Volk, das Unsinn schwatze, – aber ich wußte, daß es ihr Vergnügen machte; ich wußte es damals gerade so gut wie jetzt. Darauf fragte ich sie, ob sie einen gewissen Mr. Brooks von Sheffield kenne, aber sie erwiderte, nein, sie glaube indessen, es müsse wohl ein Stahlwarenfabrikant sein.

Soviel Grund ich auch habe, mich ihres nachmals so veränderten Gesichts zu erinnern – kann ich sagen, daß es in seiner unschuldsvollen, mädchenhaften Schöne für immer dahin ist, wenn ich es jetzt noch so leuchtend klar vor mir stehen sehe, wie das des nächsten besten Menschen, der mir im Straßengewühl begegnet? Wenn ich noch jetzt den Hauch ihres Mundes auf meiner Wange zu verspüren glaube, wie ich ihn an jenem Abende verspürte? Darf ich sagen, daß sie sich je verändert hat, wenn sie mir meine Erinnerung immer nur so wieder ins Leben zurückruft und, treuer der Jugendliebe als ich oder ein Mann es je gewesen ist, die damals geliebte Gestalt noch immer festhält? . . .

Ich schildere sie mit denselben Zügen, wie sie war, als ich nach dieser Unterhaltung zu Bett gegangen war und sie noch einmal zu mir kam, um mir gute Nacht zu sagen. Sie kniete neben meinem Bett nieder, legte das Kinn auf ihre Hände und fragte lachend:

»Was sagten sie, Davy? Sage es noch einmal! Ich kann es nicht glauben,«

»Die Himmlische –« fing ich an.

Meine Mutter legte mir die Hand auf den Mund.

»Die Himmlische gewiß nicht«, sagte sie lachend. »Himmlisch kann es nicht gewesen sein, Davy. Das weiß ich jetzt ganz bestimmt, daß es nicht so ist!«

»Doch! Die Himmlische Mrs. Copperfield,« wiederholte ich standhaft, – »und reizend!«

»Nein, nein, reizend gewiß nicht, nicht reizend!« unterbrach mich meine Mutter und legte mir wieder die Hand auf den Mund.

»Und sie sagten es doch. ›Die reizende kleine Witwe!‹«

»Was für närrische, unverschämte Menschen!« rief meine Mutter lachend und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. »Wie lächerlich! Nicht wahr? Lieber Davy –«

»Ja, Ma.«

»Sage Peggotty nichts davon; sie könnte sonst böse auf die Herren werden. Ich bin auch sehr böse auf sie; aber es ist besser, Peggotty erfährt nichts davon.«

Ich versprach es natürlich, wir küßten uns noch vielmals zur »Guten Nacht«, und bald lag ich in festem Schlafe.

Es kommt mir jetzt noch so vor, als ob mir Peggotty schon am Tage darauf den seltsamen Vorschlag gemacht hätte, den ich sogleich erzählen will; aber wahrscheinlich geschah es erst zwei Monate später.

Wir saßen wieder eines Abends, als meine Mutter auf Besuch war, in Gesellschaft mit dem Strumpfe, dem Ellenmaß, dem Stückchen Wachslicht, dem Arbeitskästchen mit der St. Paulskirche auf dem Deckel und dem Krokodilenbuch, als Peggotty, nachdem sie mich mehrmals angeblickt und den Mund aufgetan hatte, als ob sie sprechen wollte, ohne dazu zu kommen – was ich für Gähnen hielt, sonst hätte es mich beunruhigt – endlich mit schmeichelnder Stimme sagte:

»Master Davy, wie wäre es denn, wenn du mit mir auf vierzehn Tage meinen Bruder in Darmouth besuchtest? Wäre das nicht herrlich?«

»Ist dein Bruder ein netter Mann, Peggotty?« fragte ich vorsichtigerweise.

»O was für ein netter Mann«, rief Peggotty und hielt die Hände in die Höhe. »Dann ist das Meer da und die Boote und Schiffe und die Fischer und der Strand und Ham als Spielkamerad –«

Ham war jener Neffe Peggottys, der schon in meinem ersten Kapitel vorgekommen ist, und den sie stets um seinen Anfangsbuchstaben verkürzte.

Ihre Aufzählung dieser Genüsse von Darmouth versetzte mich ganz in Aufregung, und ich erwiderte, daß es freilich herrlich wäre, aber was wohl die Mutter dazu sagen würde.

»Ich will eine Guinee wetten,« sagte Peggotty, mich dabei scharf prüfend, »daß sie uns Erlaubnis zur Reise gibt. Wenn du willst, frage ich sie, sobald sie nach Hause kommt.«

»Aber was soll sie machen, während wir dort sind?« sagte ich und stemmte meine kleinen Ellbogen auf den Tisch, um die Sache gründlich durchzusprechen. »Sie kann doch nicht allein bleiben!«

Wenn Peggotty ganz plötzlich nach einem Loche im Hacken des Strumpfes fahndete, so muß es wahrhaftig ganz, ganz klein und des Stopfens nicht wert gewesen sein,

»Peggotty! Ich sage, sie kann doch nicht allein bleiben!«

»O du meine Güte!« sagte Peggotty und sah mich endlich wieder an. »Weißt du es noch nicht? Sie geht auf vierzehn Tage zum Besuch zu Mrs. Grayper. Mrs. Grayper bekommt viele, viele Gäste.«

O! wenn sich die Sache so verhielt, dann war ich ganz bereit zur Reise. In der größten Ungeduld wartete ich, bis meine Mutter von Mrs. Grayper (denn das war die Nachbarin) nach Hause kam, um zu erfahren, ob sie mit dem hochfliegenden Plane einverstanden sei? Ohne so überrascht zu sein, wie ich erwartet hatte, ging meine Mutter bereitwillig darauf ein, und die Sache wurde diesen Abend noch abgemacht und festgesetzt, was an Wohnung und Kost für mich während der vierzehn Tage zu bezahlen sei.

Der Tag der Abreise kam bald. Er war so nahe angesetzt, daß er selbst für mich bald kam, obgleich ich von fieberhafter Ungeduld erfüllt war und fast fürchtete, ein Erdbeben oder ein feuerspeiender Berg oder der Eintritt einer andern großen Katastrophe könnte die Reise verhindern. Wir sollten mit einem Fuhrmann reisen, der immer morgens nach dem Frühstück abfuhr. Ich hätte viel Geld für die Erlaubnis gegeben, mich über Nacht in den Mantel wickeln und schon reisefertig mit Hut und Stiefeln schlafen zu dürfen.

Es rührt mir jetzt noch das Herz, obgleich ich es in kalten Worten erzähle, wenn ich daran denke, wie ungeduldig ich mich von dem glücklichen heimischen Herd wegsehnte und wie wenig ich ahnte, wieviel ich auf immer verlieren sollte.

Es freut mich, wenn ich daran denke, daß, als der Fuhrmann mit seinem Wagen vor der Tür stand und meine Mutter mich küßte, meine zärtliche Liebe zu ihr und zu dem alten Hause, das ich noch nie verlassen hatte, mich weinen machte. Es freut mich zu wissen, daß auch meine Mutter weinte und daß ich ihr Herz an dem meinigen schlagen fühlte.

Es freut mich, wenn ich daran denke, daß, als der Wagen fortfuhr, meine Mutter noch einmal zur Gartentür hinausgelaufen kam und dem Fuhrmann zurief, anzuhalten, damit sie mich noch einmal küssen könne.

Wie beglückt rufe ich mir die Innigkeit ins Gedächtnis, mit der sie ihr Antlitz zu dem meinen aufhob und mich küßte.

Als sie dann, uns nachblickend, mitten auf der Straße stand, trat Mr. Murdstone hinzu und schien ihr Vorstellungen über ihre große Erregtheit zu machen. Ich blickte um den Plan des Wagens herum nach ihr zurück und wunderte mich, was ihn eigentlich die ganze Sache anging? Peggotty, die auf der andern Seite gleichfalls aus dem Wagen hinaussah, schien nichts weniger als zufrieden zu sein, wie ihr Gesicht verriet, als sie wieder ruhig im Wagen saß.

Ich saß eine Zeitlang stumm neben Peggotty, betrachtete sie aufmerksam und war ernstlich beschäftigt mit der Lösung der Frage, ob, im Falle sie mich vom Hause entführen sollte, wie den Knaben im Märchen, ich imstande sein werde, vermittels der Knöpfe, die sie verlor, den Heimweg glücklich wieder aufzufinden.

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