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David Copperfield - Teil 1

Charles Dickens: David Copperfield - Teil 1 - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Teil 1
publisherMax Hesses Verlag
volume1
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060608
modified20180604
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Erstes Kapitel.

Meine Geburt.

Ob ich schließlich der Held meines eigenen Lebens werde, oder ob jemand anders diese Stelle einnehmen wird, das sollen diese Blätter zeigen. Um mit dem Anfang meines Lebens zu beginnen, berichte ich, daß ich (wie man mir später erzählt hat und wie ich auch glaube) an einem Freitag um zwölf Uhr mitternachts geboren bin. Wie man sagt, fing zu gleicher Zeit die Uhr zu schlagen und ich zu schreien an.

In Anbetracht von Tag und Stunde meiner Geburt erklärten die Wärterin und einige weise Frauen, die sich schon seit Monaten lebhaft für mich interessiert hatten, noch bevor die Möglichkeit einer persönlichen Bekanntschaft vorhanden war, erstens, daß ich im Leben kein Glück haben, und zweitens, daß mir die Fähigkeit beschieden sein würde, Geister und Gespenster zu sehen, denn beide Gaben würden unabänderlich allen unglücklichen Kindern beiderlei Geschlechts verliehen, die um Freitag Mitternacht zur Welt kämen.

Über ersteres brauche ich nichts zu sagen, denn meine Lebensgeschichte beweist besser als alles andere, ob sich diese Prophezeiung erfüllt hat oder nicht. Was die zweite Fähigkeit betrifft, so muß ich dies Erbteil entweder als bewußtloser Säugling verscherzt haben oder es ist mir noch nicht zugefallen. Aber ich beklage mich durchaus nicht, daß mir dieser Besitz bisher vorenthalten worden ist, und sollte sich jetzt ein anderer seiner erfreuen, so gönne ich ihm den herzlich gern.

Ich wurde mit einer Glückshaube geboren, und man bot sie in der Zeitung zu dem niedrigen Preise von fünfzehn Guineen aus. Ob damals die seefahrende Bevölkerung sehr arm an Geld oder arm an Glauben war und daher Korkjacken vorzog, weiß ich nicht, aber jedenfalls erfolgte nur ein einziges Angebot. Es kam von einem Notar her, einem Wechselmakler, der zwei Pfund Sterling bar anbot und das übrige in Sherry geben wollte, aber die Sicherheit gegen das Ertrinken zu keinem höheren Preise erkaufen mochte.

Ich erblickte in Blunderstone in Suffolk das Licht der Welt oder dort herum, wie sie in Schottland sagen. Ich bin ein nachgebornes Kind. Die Augen meines Vaters schlossen sich sechs Monate eher, als sich die meinigen öffneten. Noch jetzt kommt mir der Gedanke seltsam vor, daß er mich niemals gesehen habe, und noch seltsamer erscheint mir aus meiner ersten Kindheit die dunkle Erinnerung an den weißen Grabstein auf dem Kirchhofe, und meine innige Trauer bei dem Gedanken, daß er dort draußen allein liege in der dunklen Nacht, während unser kleines Wohnzimmer warm und hell war von Feuer und Licht; und daß die Haustür vor ihm verschlossen und verriegelt war, kam mir manchmal fast grausam vor.

Eine Tante meines Vaters, also eine Großtante von mir, über die ich noch viel zu erzählen haben werde, war die angesehenste Person in unsrer Familie. Miß Trotwood oder Miß Betsey, wie meine arme Mutter sie stets nannte, wenn sie die Scheu vor dieser gefürchteten Dame hinlänglich überwand, was nur selten geschah, war mit einem Gatten verheiratet gewesen, jünger als sie und sehr schön, nur nicht im Sinne des biedern Sprichworts: »Schön ist, wer schön handelt« – denn er stand im starken Verdachte, Miß Betsey geprügelt zu haben, und einmal sogar soll er einer Summe Geldes wegen in der Hitze nur zu deutliche Anstalten gemacht haben, sie zum Fenster im zweiten Stocke hinauszuwerfen. Diese Unerträglichkeit der Gemütsart veranlaßte Miß Betsey, sich von ihm loszukaufen und in eine Trennung durch gegenseitige Übereinkunft zu willigen. Er ging mit seinem Kapital nach Ostindien, und dort will man ihn nach einer abenteuerlichen Familiensage einmal mit einem Affen auf einem Elefanten haben reiten sehen; aber ich glaube, es wird wohl eine indische Äffin gewesen sein. Soviel ist sicher, daß zehn Jahre später aus Indien die Nachricht von seinem Tode eintraf. Was meine Tante dabei fühlte, weiß niemand, denn sie hatte unmittelbar nach der Trennung ihren Mädchennamen wieder angenommen und sich ein Landhäuschen in einem weit entlegenen Flecken an der Seeküste gekauft; dort lebte sie mit einer einzigen Dienerin in äußerster Zurückgezogenheit.

Mein Vater war früher einmal ihr Liebling gewesen, aber sie fühlte sich tödlich beleidigt durch seine Heirat, weil meine Mutter ein »Wachspüppchen« war. Sie hatte meine Mutter zwar nie gesehen, wußte aber, daß sie noch nicht zwanzig Jahre alt war. Mein Vater und Miß Betsey sahen sich seitdem nie wieder. Er war doppelt so alt wie meine Mutter, als er sie heiratete, und von zarter Gesundheit. Ein Jahr darauf starb er, wie gesagt, sechs Monate vor meiner Geburt.

Dies war der Stand der Dinge am Nachmittag jenes, wie ich mir wohl erlauben darf zu sagen, wichtigen und ereignisvollen Freitags. Ich kann natürlich keinen Anspruch darauf erheben, zu wissen, wie die Sachen damals standen; oder das, was hier folgt, aus eigener Anschauung zu berichten.

Meine Mutter saß am Kamin, sehr leidend und niedergedrückt, schaute durch ihre Tränen in das Feuer und sann trübe über ihr und des vor der Geburt Verwaisten Schicksal nach, zu dessen Empfang schon oben in einem Schubkasten einige Gros Nadelklammern bereit lagen, während sonst die Welt seinem Erscheinen mit ziemlichem Gleichmut entgegensah. Es war also ein heller, windiger Märznachmittag, und sie saß betrübt, niedergeschlagen und von bangen Zweifeln erfüllt, ob sie glücklich die zu erwartende schwere Prüfung durchmachen werde, am Kaminfeuer, als sie, ihre Augen trocknend, aufblickte, und durch das gegenüberliegende Fenster eine fremde Dame zum Garten hereintreten sah.

Beim ersten Blick schon hatte meine Mutter die sichere Ahnung, daß es Miß Betsey sei. Die untergehende Sonne warf ihre Strahlen über die Garteneinzäunung auf die fremde Dame, und diese näherte sich der Tür mit einer so unbeugsamen Strenge in Gesicht und Haltung, wie sie nur ihr angehören konnte.

Als sie das Haus erreicht hatte, gab sie noch einen andern Beweis ihrer Identität. Mein Vater hatte nämlich oft erwähnt, daß sie sich selten wie ein gewöhnlicher Christenmensch benehme, und dies tat sie auch diesmal; denn anstatt die Glocke zu ziehen, trat sie ans Fenster und drückte ihre Nase mit solcher Heftigkeit gegen das Glas, daß meine arme gute Mutter nachher immer erzählte, die Nase sei urplötzlich ganz platt und weiß geworden.

So sehr erschrak meine Mutter über sie, daß ich immer überzeugt gewesen bin, ich verdanke es der Miß Betsey, an einem Freitag geboren worden zu sein.

In ihrem Schreck war die Mutter aufgestanden und hinter den Stuhl in eine Ecke getreten. Miß Betsey sah sich indes langsam und forschend im Zimmer um, wobei sie am andern Ende der Stube anfing, und wendete maschinenmäßig, wie ein Türkenkopf auf einer holländischen Wanduhr, ihren Kopf, bis ihre Blicke endlich auf meiner Mutter haften blieben. Dann zog sie die Stirne kraus und winkte meiner Mutter wie eine, die das Befehlen gewohnt ist, die Tür aufzumachen. Meine Mutter gehorchte.

»Mrs. David Copperfield, wie ich vermute«, sagte Miß Betsey. Der Nachsatz galt wohl der Trauerkleidung und dem Zustande meiner Mutter.

»Ja«, sagte meine Mutter schüchtern.

»Miß Trotwood«, sagte der Besuch. »Sie haben von ihr gehört, hoffe ich.«

Meine Mutter entgegnete, sie habe das Vergnügen gehabt, und hatte dabei das unangenehme Bewußtsein, nicht danach auszusehen, als ob es ein überwältigendes Vergnügen gewesen sei.

»Jetzt steht sie vor Ihnen«, erklärte Miß Betsey. Meine Mutter verbeugte sich und bat sie einzutreten.

Sie trat in die Wohnstube, wo meine Mutter gesessen hatte, denn das Besuchszimmer auf der andern Seite des Flures war dunkel und war nicht erleuchtet gewesen seit meines Vaters Leichenbegängnis; und als sie beide Platz genommen hatten und Miß Betsey nichts sagte, fing meine Mutter, nach vergeblichem Bemühen sich zu fassen, zu weinen an.

»O still doch, still!« sagte Miß Betsey beschwichtigend. »Nur das eine nicht! Bitte, bitte!«

Aber meine Mutter konnte doch nicht anders, und ihre Tränen flossen, bis sie sich ausgeweint hatte.

»Nehmen Sie die Trauerhaube ab, Kind,« sagte Miß Betsey, »daß ich Sie ansehen kann.«

Meine Mutter war zu sehr eingeschüchtert, um dieses wunderliche Verlangen abzuschlagen, selbst wenn sie es gewollt hätte. Daher entsprach sie dem Wunsche, tat es aber mit so zitternden Händen, daß ihr das Haar, das sehr üppig und schön war, wirr über das Gesicht fiel.

»Ach mein Himmel, du bist ja noch ein wahres Kind!« rief Miß Betsey aus, in das Du verfallend.

Allerdings sah meine Mutter selbst für ihre Jahre noch ungewöhnlich jung aus, und nun ließ sie den Kopf sinken, als ob es ihre Schuld wäre, und sagte schluchzend, daß sie freilich befürchte, sie sei ein wahres Kind von einer Witwe, und werde wohl auch ein Kind von einer Mutter sein, falls sie am Leben bliebe. In der kurzen Pause, die hierauf folgte, kam es ihr fast vor, als ob Miß Betsey ihr Haar berühre und zwar mit keiner unsanften Hand; aber als sie schüchtern hoffend aufblickte, saß die Dame steif da, ihr Kleid aufgenommen, die Hände über ein Knie gefaltet, die Füße auf den Kaminvorsetzer gestemmt und mit grimmigem Blick ins Feuer schauend.

»Aber in des Himmels Namen«, sagte Miß Betsey plötzlich. »Warum Krähenhorst?«

»Meinen Sie das Haus, Madame?« fragte meine Mutter.

»Warum Krähenhorst?« sagte Miß Betsey. »Hühnerstall oder dergleichen wäre passender gewesen, wenn ihr beide überhaupt Begriffe vom praktischen Leben gehabt hättet.«

»Mr. Copperfield hat den Namen gewählt«, erwiderte meine Mutter »Als er das Haus kaufte, war ihm der Gedanke lieb, daß Krähen in der Nähe waren.«

Der Abendwind fegte in diesem Augenblick so heftig durch die alten, hohen Ulmen am Ende des Gartens, daß sowohl meine Mutter als Miß Betsey ihre Augen dorthin wandten. Als sich die Ulmen so gegeneinander neigten wie Riesen, die sich Geheimnisse zuflüsterten, dann, nachdem sie einige Sekunden so niedergebeugt verharrt hatten, in heftige Bewegungen gerieten und mit ihren phantastischen Armen in die Luft emporfuhren, als ob diese Geheimnisse zu gräßlich wären für ihre Seelenruhe, wurden auf ihren höchsten Zweigen ein paar alte, vom Sturm zerzauste Krähennester wie Wracks auf stürmischer See hin und her geschleudert.

»Wo sind die Vögel?« fragte Miß Betsey.

»Wie?« Meine Mutter hatte bereits an etwas anderes gedacht.

»Die Krähen – wo sind sie hingekommen?« fragte Miß Betsey.

»Seit wir hier sind, haben wir keine gesehen«, sagte meine Mutter. »Wir glaubten – Mr. Copperfield glaubte, es sei ein großer Krähenhorst, aber die Nester waren alt, und die Vögel haben sie seit langer Zeit verlassen,«

»Ganz David Copperfield'sch!« sagte Miß Betsey. »Der echte wirkliche David Copperfield; nennt ein Haus einen Krähenhorst, wenn keine Krähe in der Nähe ist, und hält die Vögel im guten Glauben für vorhanden, weil er die Nester sieht!«

»Mr. Copperfield ist tot,« gab meine Mutter zur Antwort »und wenn Sie es wagen, unfreundlich über ihn zu sprechen mir gegenüber –«

Ich glaube, meine arme Mutter hatte einen Augenblick wirklich die Absicht, sich an meiner Tante tätlich zu vergehen, die sie leicht mit einer Hand bezwungen hätte, selbst wenn meine Mutter in einer bessern Verfassung für einen solchen Kampf gewesen wäre, als heute abend. Aber beim Aufstehen verging die Anwandlung und sie setzte sich wieder sehr demütig hin und sank in Ohnmacht.

Als sie wieder zu sich kam, oder als Miß Betsey sie zu sich gebracht hatte, sah sie letztere am Fenster stehen. Die Dämmerung war inzwischen bereits zur Dunkelheit geworden, daß sich die beiden Frauen beim Scheine des Feuers noch gerade erkennen konnten.

»Nun?« sagte Miß Betsey und trat wieder an den Stuhl, als ob sie nur einen Augenblick habe hinaussehen wollen, »und wann, meinst du –?«

»Ich zittere an allen Gliedern«, stammelte meine Mutter. »Ich weiß nicht, was mir fehlt, ach, ich sterbe sicherlich,«

»Nein, nein, nein!« sagte Miß Betsey. »Trink eine Tasse Tee.«

»Ach Gott, ach Gott! Meinen Sie, daß mir das gut sein wird?« rief meine Mutter in weinerlichem Tone und ganz hilflos.

»Natürlich«, sagte Miß Betsey. »Es ist alles nur Einbildung. – Wie heißt denn das Mädchen?«

»Ich weiß nicht, ob es ein Mädchen sein wird«, sagte meine Mütter unschuldig.

»Gott segne dich mein Kind«, rief Miß Betsey und zitierte unwillkürlich die Inschrift auf dem Nadelkissen, das auf der Kommode lag, nur meinte sie mit dem Kind meine Mutter und nicht mich. – »Das meine ich nicht. Ich meine das Dienstmädchen.«

»Peggotty«, sagte meine Mutter.

»Peggotty!« wiederholte Miß Betsey mit einiger Entrüstung. »Willst du damit sagen, Kind, daß ein Mensch jemanden in einer Christenkirche Peggotty habe taufen lassen?«

»Es ist ihr Vatersname«, sagte meine Mutter schüchtern. »Mr. Copperfield nannte sie so, weil sie den gleichen Taufnamen mit mir hat.«

»Heda, Peggotty!« rief Miß Betsey hinaus, indem sie die Stubentür öffnete. »Tee! Deine Herrschaft ist ein bißchen unwohl. Aber rasch ein bißchen!«

Nachdem sie diesen Befehl so herrisch gesprochen hatte, als ob sie von jeher die anerkannte Gebieterin des Hauses gewesen wäre, und die erstaunte Peggotty gemustert hatte, die verwundert über die fremde Stimme mit einem Lichte in der Hand in den Flur hinausgetreten war, machte Miß Betsey die Tür wieder zu und nahm Platz wie vorhin, die Füße abermals auf den Kaminvorsetzer gestemmt, das Kleid etwas aufgenommen, und die Hände über ein Knie gefaltet.

»Du meinst also, es könnte ein Mädchen werden«, sagte Miß Betsey. »Ich zweifle gar nicht daran, ich habe eine Ahnung, daß es ein Mädchen sein muß. Also, Kind, von dem Augenblick der Geburt des Mädchens an –«

»Oder vielleicht Knaben«, erlaubte sich meine Mutter einzuwerfen.

»Ich sage dir ja, ich ahne ganz sicher, daß es ein Mädchen ist«, entgegnete Miß Betsey. »Widersprich mir also nicht! Von dem Augenblick der Geburt dieses Mädchens an, Kind, will ich seine Freundin sein. Ich will seine Patin werden, und sie soll Betsey Trotwood Copperfield heißen. Mit dieser Betsey Trotwood Copperfield muß im Leben alles gut gelingen. Mit ihren Gefühlen soll nicht frevelhaft gespielt werden. Sie muß gut auferzogen und in acht genommen werden, damit sie ihr Vertrauen nicht törichterweise an Unwürdige verschenkt. Und das soll meine Sorge sein!«

Miß Betsey warf bei jedem dieser Sätze den Kopf zur Seite, als ob das erlittene Unrecht vergangener Zeiten in ihr wieder lebendig würde, und sie jede noch deutlichere Anspielung darauf nur mit großer Anstrengung zurückhielte. So dachte wenigstens meine Mutter, als sie sie bei dem schwachen Feuerschein beobachtete, aber sie war von Miß Betsey zu sehr eingeschüchtert, selbst zu verlegen, und von dem Besuch zu bestürzt, als daß sie hätte genau beobachten oder etwas sagen können.

»Und war David gut gegen dich, Kind?« fragte Miß Betsey, als sie eine Weile geschwiegen hatte und die Bewegungen ihres Kopfes allmählich ausgehört hatten. »Habt Ihr Euch immer gut vertragen?«

»Wir lebten sehr glücklich«, sagte meine Mutter. »Mr. Copperfield war nur zu gut gegen mich.«

»Ah, er hat dich also verzogen?« erwiderte Miß Betsey.

»Ich fürchte sehr, er hat mich insofern verzogen, als es mir schwer sein wird, ganz allein und ohne Stütze wieder in die rauhe Welt zu treten«, schluchzte meine Mutter.

»Na, na, schon gut, nur nicht weinen!« sagte Miß Betsey. »Ihr wart eben nicht passend verheiratet, Kind – wenn man überhaupt passend verheiratet sein kann – und deshalb frage ich. Du warst ja wohl eine Waise, Kind, nicht wahr?«

»Ja!«

»Und Gouvernante?«

»Ja, zweite Gouvernante in einer Familie, die Mr. Copperfield als Gast häufig besuchte. Mr. Copperfield war immer sehr freundlich und aufmerksam gegen mich und machte mir zuletzt einen Heiratsantrag. Und ich sagte: Ja. Und so wurden wir Mann und Frau«, sagte meine Mutter ganz schlicht und treuherzig.

»Hm! armes Kind!« murmelte Miß Betsey und sah immer noch grimmig ins Feuer. »Verstehst du denn etwas?«

»Was beliebt, Madame?« entgegnete meine Mutter.

»Na, z. B. von der Wirtschaft?« fragte Miß Betsey.

»Ich fürchte, nicht viel«, erwiderte meine Mutter. »Nicht so viel wie ich wünschen möchte. Aber Mr. Copperfield unterwies mich darin –«

»Verstand selber recht viel davon«, schaltete Miß Betsey ein.

»– Und ich hätte sicherlich Fortschritte darin gemacht, da ich sehr eifrig im Lernen und er sehr geduldig im Lehren war, wenn nicht das große Unglück seines Todes« – meine Mutter verlor wieder die Fassung und konnte nicht weiter sprechen.

»Nun ja, nun ja!« begütigte Miß Betsey.

»Ich führte mein Wirtschaftsbuch regelmäßig und schloß es mit ihm gewissenhaft jeden Abend ab«, rief meine Mutter, in einem neuen Ausbruch des Schmerzes aufschluchzend.

»Nun, nun, weine nur nicht mehr!« sagte Miß Betsey.

»Und es fiel niemals auch nur das kleinste Wort der Uneinigkeit darüber, außer wenn Mr. Copperfield tadelte, daß ich die Drei und Fünf einander so ähnlich und an die Sieben und die Neun Schleifen machte«, schluchzte meine Mutter weiter und sah sich immer wieder von Tranen unterbrochen.

»Du wirst dich noch krank machen«, sagte Miß Betsey fürsorglich, »und das ist weder für dich noch für mein Patchen gut. Komm, komm! Du mußt das unterlassen!«

Diese Begründung trug einiges zur Beruhigung meiner Mutter bei, obgleich ihr zunehmendes Übelbefinden einen größern Anteil daran hatte. Es folgte eine Pause des Schweigens, das nur unterbrochen würde von einem gelegentlichen »Hm!« der Miß Betsey, die immer noch dasaß, die Füße auf den Kaminvorsetzer gestemmt.

»David hatte sich für sein Geld eine Leibrente gekauft«, sagte sie nach einer Weile. »Was hat er für dich getan?«

»Mr. Copperfield«, sagte meine Mutter mit einiger Anstrengung, »war so rücksichtsvoll und gut gegen mich, mir einen Teil der Leibrente zu sichern.«

»Wieviel?« fragte Miß Betsey.

»Hundertundfünf Pfund jährlich«, sagte meine Mutter.

»Es hätte übler kommen können«, sagte meine Tante.

Das war eine in doppelter Hinsicht treffende Bemerkung, denn der Zustand meiner Mutter hatte sich so sehr verschlimmert, daß Peggotty, die soeben mit Teebrett und Lampe hereintrat und auf den ersten Blick ihren Zustand erkannte, – was Miß Betsey natürlich schon längst bemerkt hätte, wenn das Zimmer nicht so finster gewesen wäre – daß sie also Peggotty so rasch wie möglich in die Stube hinauf brachte und sofort Ham Peggotty, ihren Neffen, der seit einigen Tagen als immer verfügbarer Bote für unvorhergesehene Fälle im Hause verborgen gewesen war, nach der Hebamme und dem Doktor schickte.

Diese verbündeten Mächte wunderten sich nicht wenig, bei ihrer kurz hintereinander erfolgenden Ankunft eine unbekannte Dame von gewichtigem Aussehen vor dem Feuer sitzen zu sehen, die den Hut an dem zusammengeknüpften Bande über den linken Arm hängen hatte und sich die Ohren mit einer feinen Watte zustopfte. Da Peggotty nichts von ihr wußte und meine Mutter sich über sie nicht geäußert hatte, so blieb sie ein vollständiges Geheimnis in der Wohnstube, und die rätselhafte Tatsache, daß sie ein ganzes Wattemagazin in der Tasche zu haben schien und sich Watte auf besagte Art in die Ohren stopfte, schmälerte die Feierlichkeit ihrer Anwesenheit nicht im mindesten.

Nachdem der Doktor oben gewesen und wieder heruntergekommen war, und nun vermutete, daß er wahrscheinlich mit der unbekannten Dame einige Stunden würde beisammen bleiben müssen, so schickte er sich an, höflich und gesellig zu sein. Es war der sanfteste seines Geschlechts und der gutmütigste aller Männer. Er schob sich immer nur seitwärts durch die Tür, wenn er kam oder ging, um weniger Raum einzunehmen. Er ging so leise wie der Geist im Hamlet, nur noch langsamer. Er trug den Kopf auf eine Seite geneigt, halb in bescheidener Herabsetzung seiner selbst, halb in bescheidener Höflichkeit gegen andere. Er hatte noch nie jemandem ein böses Wort gesagt, selbst einem Hunde nicht! Er hatte kein böses Wort für einen tollen Hund. Ein sanftes Wörtchen höchstens würde er zu ihm gesagt haben, aber ein rauhes wäre ihm unter keiner Bedingung möglich gewesen.

Mr. Chillip sah meine Tante mit dem auf die Seite geneigten Kopfe sanft an, machte eine zierliche Verbeugung und sagte, auf die Watte anspielend, indem er leise sein linkes Ohr berührte: »Lokale Störung, Madame?«

»Was«, entgegnete meine Tante, und riß die Watte wie einen Korkpfropfen aus dem Ohre.

Mr. Chillip erschrak so sehr über ihr barsches Wesen (wie er später meiner Mutter erzählte), daß er schier die Fassung verlor. Aber er wiederholte verbindlich:

»Lokale Störung, Madame?« .

»Unsinn!« erwiderte meine Tante, und stöpselte das Ohr energisch wieder zu.

Mr. Chillip konnte nun weiter nichts tun, als sie schüchtern anzusehen, während sie dasaß und in das Feuer stierte, bis man ihn wieder hinaufrief. Nach viertelstündiger Abwesenheit kehrte er zurück.

»Nun?« sagte meine Tante und nahm die Watte aus dem ihm zugekehrten Ohre.

»Nun, Madame,« entgegnete Mr. Chillip, »es geht langsam vorwärts, Madame.«

»Pa – a – ah!« sagte meine Tante, mit einem vollständigen Triller die verächtliche Ausrufung verlängernd, und schloß ihren Gehörgang wieder zu, wie vorhin.

Wahrhaftig, wahrhaftig (wie Mr. Chillip später meiner Mutter erzählte), er war geradezu entsetzt gewesen. Aber dennoch blickte er sie fast zwei Stunden lang an, wie sie dasaß und ins Feuer starrte, bis man ihn wieder rief.

Nach abermaliger Abwesenheit kehrte er nochmals zurück.

»Nun!« sagte meine Tante und nahm den Wattepfropfen wieder aus demselben Ohr heraus.

»Nun, nun, Madame,« erwiderte Mr. Chillip, »es geht langsam vorwärts, Madame.«

»Wirklich also –« sagte meine Tante in so barschem Tone, daß es Mr. Chillip nun nicht länger aushalten konnte. Es war wirklich danach angetan, ihn ganz kleinlaut und verzagt zu machen, äußerte er später. Er ging lieber hinaus und setzte sich draußen im Dunkeln bei starkem Zug auf die Treppe, bis man wieder nach ihm schickte.

Ham Peggotty, der die Stadtschule besuchte und im Katechismus so fest war, daß er als glaubwürdiger Zeuge betrachtet werden kann, berichtete am nächsten Tage, er habe eine Stunde später zur Stubentür hineingeguckt und sei sofort von Miß Betsey, die in großer Aufregung auf und ab gegangen, bemerkt und erwischt worden, bevor er habe flüchten können. Er berichtete ferner, man habe zuweilen Fußtritte und Summen in den oberen Zimmern gehört, die von der Watte wohl nicht genügend gedämpft worden seien, wie er dies aus dem Umstände geschlossen hätte, daß ihn die Dame ersichtlich als ein Opfer festhielt, an dem sie ihrer überströmenden Aufregung, wenn die Töne am lautesten waren, Luft machen konnte, daß sie ihn beim Kragen gepackt gehalten und in der Stube auf und ab geführt (als ob er zuviel Laudanum genossen), ihn alsdann geschüttelt, ihm in das Haar gefahren, den Kragen zerzaust und die Ohren verstopft, als ob sie diese mit ihren eigenen verwechselte, und ihn auf andere Weise mißhandelt habe. Diese Erzählung wurde teilweise durch seine Tante bestätigt, die ihn halb ein Uhr kurz nach seiner Befreiung sah, wo er so rot ausgesehen haben solle wie – ich.

Der sanfte Mr. Chillip konnte niemand etwas nachtragen, am allerwenigsten zu einer solchen Zeit. Er trat durch die halbgeöffnete Tür ins Zimmer, sobald er nur abkommen konnte, und sagte in seiner sanftesten Weise zu meiner Tante:

»Madame, es freut mich, Sie beglückwünschen zu können.«

»Wozu?« sagte meine Tante scharf.

Mr. Chillip wurde wieder verlegen bei der außerordentlichen Schroffheit meiner Tante; er machte daher eine zierliche Verbeugung und verzog sein Gesicht zu einem sanften Lächeln, um sie zu besänftigen.

»O über diesen Mann, was er nur macht!« rief meine Tante ungeduldig. »Kann er nicht sprechen?«

»Seien Sie ruhig, meine liebe Madame«, flötete er mit seiner sanftesten Stimme. »Es ist durchaus keine Ursache mehr zur Besorgnis vorhanden, Madame, beruhigen Sie sich bitte.«

Man hat es damals fast als ein Wunder betrachtet, daß ihn meine Tante nicht umschüttelte, um das, was sie hören wollte, aus ihm herauszuschütteln. Sie schüttelte nur das eigene Haupt, aber auf eine Art, die ihn zittern machte.

»Nun, Madame«, begann Mr. Chillip von neuem, sobald er wieder etwas Mut gefaßt hatte. »Es freut mich, Sie beglückwünschen zu können, alles ist nun vorbei, Madame, und glücklich vorbei.«

Während der fünf Minuten, die Mr. Chillip zu dieser Rede brauchte, sah ihn meine Tante scharf an.

»Wie befindet sie sich?« fragte sie und kreuzte ihre Arme, an deren einem immer noch der Hut hing, vor der Brust übereinander.

»Nun, Madame, sie wird sich bald ganz wohl befinden, hoffe ich,« erwiderte Mr. Chillip, »so wohl, als wir von einer jungen Mutter und unter so betrübten häuslichen Umständen erwarten können. Es steht gar nichts im Wege, wenn Sie sie jetzt besuchen wollen, Madame. Es dürfte ihr gut tun.«

»Und sie? Wie geht es ihr?« sagte meine Tante kurz.

Mr. Chillip legte den Kopf noch ein wenig mehr auf die eine Seite und sah meine Tante an wie ein gezähmtes Vögelchen.

»Das Kind, das Mädchen«, sagte meine Tante. »Was macht es?«

»Madame,« erwiderte Mr. Chillip, »ich glaubte, Sie wüßten es schon. Es ist ein Junge.«

Meine Tante sagte kein Wort, sondern packte ihren Hut wie eine Schleuder beim Bande, führte damit einen Streich gegen Mr. Chillips Kopf, stülpte den Hut auf und verschwand und kam nicht wieder. Sie verschwand wie eine beleidigte Fee oder wie eines jener übernatürlichen Wesen, die ich dem Volksglauben nach zu schauen die Gabe hatte, und kehrte nie wieder zurück.

Nein. Ich lag in meinem Korbe, und meine Mutter lag in ihrem Bette. Aber Betsey Trotwood Copperfield war für immer hinüber geschwunden in das Land der Träume und Schatten, in jene geheimnisvolle Region, aus der ich vor so kurzer Zeit gekommen war; und das Licht, das durch das Fenster unseres Zimmers hinausschien, erleuchtete den irdischen Bezirk unserer Mitpilger aus diesen Gefilden und schien auf den Hügel über dem Staube und der Asche dessen, ohne den ich nie gewesen wäre.

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