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David Copperfield - Teil 1

Charles Dickens: David Copperfield - Teil 1 - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Teil 1
publisherMax Hesses Verlag
volume1
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060608
modified20180604
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Dreißigstes Kapitel.

Ein Verlust.

Ich kam abends nach Yarmouth und ging nach dem Gasthaus. Ich wußte, daß Peggottys Gastzimmer, mein Zimmer – wahrscheinlich binnen kurzem besetzt sein würde, wenn nicht schon jener grause Gast im Hause war, vor dessen Anwesenheit alle Lebenden Platz machen müssen, und so begab ich mich nach dem Gasthof, aß dort und bestellte ein Bett.

Erst um zehn Uhr ging ich aus. Die meisten Läden waren geschlossen, und die Stadt war sehr still. Als ich bei Omer und Joram vorbeikam, waren die Läden geschlossen, aber die Tür stand offen. Da ich im Hintergrunde Mr. Omer eine Pfeife rauchend erblickte, trat ich ein und fragte ihn nach seinem Befinden.

»Ei du meine Seele!« sagte Mr. Omer, »was machen Sie Gutes? Setzen Sie sich. Das Rauchen ist Ihnen doch nicht unangenehm?«

»Durchaus nicht«, sagte ich, »Ich habe es gern – wenn ich es nicht selbst zu tun brauche.«

»Aha, selbst wollen Sie es also nicht«, erwiderte Mr. Omer lachend. »Um so besser, Sir. Schlechte Angewohnheit für einen jungen Mann. Nehmen Sie einen Stuhl. Ich rauche auch nur – des Asthmas wegen.«

Mr. Omer hatte mir Platz gemacht und einen Stuhl hingestellt. Er setzte sich jetzt wieder ganz außer Atem nieder und sog an seiner Pfeife, als ob sie den nötigen Atem enthielte, ohne den er ersticken müßte.

»Ich habe zu meinem Leidwesen schlimme Nachrichten von Mr. Barkis gehört«, sagte ich.

Mr. Omer sah mich mit ernstem Gesicht an und nickte mit dem Kopfe.

»Wissen Sie, wie er sich heute abend befindet«, fragte ich.

»Gerade diese Frage hätte ich an Sie stellen mögen, Sir,« erwiderte Mr. Omer, »wenn mich das Zartgefühl nicht abgehalten hätte. Das ist einer der Nachteile unseres Geschäfts. Wenn ein Kunde krank wird, können wir nicht nach seinem Befinden fragen.«

Diese Schwierigkeit war mir gar nicht eingefallen, obwohl ich ja schon im voraus, noch vor meinem Eintreten, die alte Weise wieder zu vernehmen fürchtete. Als diese Schwierigkeit aber zur Erwähnung kam, erkannte ich die Richtigkeit seiner Bemerkung.

»Ja, ja, Sie verstehen«, sagte Mr. Omer, mit dem Kopfe nickend. »Herr des Himmels, die meisten Kunden kriegten einen solchen Schrecken, daß sie sich gar nicht wieder davon erholen täten, wenn man fragen ließe: ›Eine schöne Empfehlung von Omer und Joram, und wie steht das Befinden heute früh?‹ – oder ›nachmittag‹?«

Wir nickten uns gegenseitig zu, und Mr. Omer kam seinem Atem wieder mit der Pfeife zu Hilfe.

»Ja das ist so einer von unsern Fällen! Wir in unserm Geschäft dürfen wahrhaftig nicht so aufmerksam sein, wie wir möchten«, sagte Mr. Omer. »Nehmen Sie mich selbst. Ich habe Barkis mindestens vierzig Jahre gekannt und jedesmal, wenn er vorbeikam, hat er hier vorgesprochen. Ich kann aber nicht hingehen und fragen: ›Wie steht's mit ihm?‹«

Ich begriff und sagte, es wäre recht peinlich für ihn.

»Ich bin nicht interessierter als ein anderer, denke ich«, meinte Mr. Omer. »Sehen Sie mich an. Mein Atem kann jeden Augenblick wegbleiben, und es ist nicht wahrscheinlich, daß ich unter diesen Umständen interessiert sein könnte. Es ist nicht wahrscheinlich, sage ich, bei einem Manne, der weiß, daß sein Atem ausgehen wird, wenn er überhaupt schon so geht als wie ein aufgeschnittener Blasebalg, und wenn der Mann noch dazu ein Großvater ist.«

Ich sagte: »Durchaus nicht.«

»Nicht, daß ich mich über meine Geschäftsbräuche beklage, nicht das«, sagte Mr. Omer. »Jeder Stand hat seine Licht- und Schattenseiten. Ich wünschte nur, daß die Kunden darin nicht so empfindlich wären.«

Mr. Omer machte ein liebenswürdiges Gesicht, als er schweigend einige Züge aus seiner Pfeife tat, dann fuhr er fort, auf das Ausgangsthema zurückkommend:

»Wir müssen uns also, von Barkis Befinden etwas zu erfahren, auf Emilie beschränken. Sie kennt unsere wahren Absichten und hat nicht mehr Scheu vor oder Verdacht gegen uns, als ob wir die reinen Lämmer wären. Minnie und Joram sind eben mal hingegangen – sie ist nach der Arbeitszeit bei ihrer Tante, um ihr ein bißchen zu helfen –, und wollen sich nach Barkis Befinden erkundigen; und wenn Sie warten wollen, bis sie wiederkommen, so können Sie alles ausführlich hören. Wollen Sie etwas genießen? Ein Glas Syrup und Wasser vielleicht? Ich trinke Syrup und Wasser,« sagte Mr. Omer und nahm das Glas zur Hand, »weil es die Wege glätten soll, durch die mein beschwerlicher Atem heraufpustet. Aber die Sache ist nur die,« sagte Mr. Omer mit heiserer Stimme, »daß nicht die Wege außer Ordnung sind! Gebt mir Luft genug, sage ich zu meiner Tochter Minnie, und ich will die Wege schon finden.«

Er hatte wirklich keinen Atem übrig, und ihn lachen zu sehen, war in der Tat angsterregend. Als er sich wieder beruhigt hatte, dankte ich ihm für die angebotene Erfrischung, die ich zurückwies, da ich eben erst gegessen hatte; erwiderte aber, ich wollte seine freundliche Aufforderung annehmen und warten, bis seine Tochter und sein Schwiegersohn zurückkehrten, und fragte, was die kleine Emilie mache.

»Sehen Sie,« sagte Mr. Omer und nahm die Pfeife aus dem Munde, damit er sich am Kinn reiben konnte, »ich will es Ihnen aufrichtig sagen, es soll mich freuen, wenn die Hochzeit vorbei ist.«

»Warum?« fragte ich.

»Es ist jetzt eine eigene Sache mit ihr«, sagte Mr. Omer. »Nicht etwa, daß sie nicht so hübsch wäre wie früher, denn sie ist hübscher, ich versichere Sie, sie ist hübscher. Nicht daß sie weniger arbeitete als früher, denn sie arbeitet ebensoviel. Sie machte so viel wie sechs andere, und sie macht noch so viel wie sechs andere. Aber es fehlt ihr das rechte Herz. Ich weiß nicht, ob Sie verstehen, Sir, was ich damit meine,« er rieb sich wieder das Kinn und tat ein paar Züge, »wenn ich sage, ›ziehen, tüchtig ziehen, und alle auf einmal ziehen, Kinder, hurra!‹ Seh'n Sie, daß vermisse ich an der Kleinen.«

Mrs. Omers Miene war so ausdrucksvoll, daß ich nur mit dem Kopf nickte, weil ich seinen Gedankengang erriet. Mein schnelles Verständnis schien ihm zu gefallen, denn er fuhr fort: »Nun, seh'n Sie, meiner Ansicht nach liegt die Hauptschuld in dem Umstande, daß alles noch unentschieden ist. Ihr Onkel und ich und ihr Schatz und ich haben nach der Arbeitszeit gar oft darüber gesprochen; und ich glaube, es ist, weil die Sache noch nicht abgemacht ist. Sie wissen ja,« sagte Mr. Omer und schüttelte den Kopf, »daß Emilie immer das merkwürdigste und zärtlichste kleine Wesen war. Das Sprichwort sagt: ›Eine seidene Börse läßt sich nicht aus einem Schweinsohr machen.‹ Nun, ich verstehe nichts davon. Ich glaube aber doch, es geht, wenn man beizeiten anfängt. Dieses alte Boot war für sie ein Vaterhaus geworden und durch sie zu einem Palast, das Marmor und Quadersteine nicht besser machen könnten.«

»Das ist wahr«, sagte ich. –

»Wenn man sieht, wie sich das kleine hübsche Ding mit jedem Tage enger und enger an ihren Onkel anschließt, ist wirklich ein wunderbarer Anblick«, sagte Mr. Omer. »Aber Sie wissen, wenn das der Fall ist, dann geht immer ein Kampf vor sich. Warum sollte er mehr verlängert werden als notwendig ist?«

Ich hörte aufmerksam dem guten Alten zu und stimmte von ganzem Herzen allem bei, was er sagte.

»So machte ich ihm folgenden Vorschlag«, fuhr Mr. Omer ruhig und behaglich fort, »Ich sage zu ihm: ›Denkt nicht etwa, daß Emilie so genau an die Lehrzeit gebunden ist. Macht das, wie Ihr wollt. Sie ist mir nützlicher gewesen, als ich glaubte, sie hat rascher gelernt, als ich glaubte, Omer und Joram können schon einen Strich durch den Rest machen, und sie soll frei sein, so bald Ihr es wünscht. Wenn es ihr später paßt und sie will für uns eine Kleinigkeit zu Hause arbeiten, so ist das gut. Wenn es ihr nicht paßt, so ist es auch gut. Wir verlieren jedenfalls nichts dabei.‹ Denn sehen Sie,« sagte Mr. Omer und legte die Pfeife auf meinen Arm, »ein Mann, der so kurz von Atem ist, wie ich, und noch dazu ein Großvater ist, wird es doch wahrhaftig nicht so genau nehmen mit einem lieben blauäugigen Kinde, wie sie ist?«

»Ganz gewiß nicht!« rief ich aus.

»Durchaus nicht! Sie haben recht«, sagte Mr. Omer. »Also ihr Vetter – Sie wissen ja, sie soll ihren Vetter heiraten.«

»Jawohl«, erwiderte ich. »Ich kenne ihn recht gut.«

»Natürlich kennen Sie ihn, Sir«, sagte Mr. Omer. »Also hören Sie! Da ihr Vetter gute Arbeit und ein reichliches Auskommen hat, so dankte er mir offen und herzlich dafür, und benahm sich dabei, muß ich sagen, auf eine Art, die mir eine hohe Meinung von ihm einflößt, (überhaupt halte ich große Stücke auf ihn!) na, und dann ging er fort und mietete sich ein so hübsches kleines Häuschen, wie Sie oder ich uns nur wünschen könnten. Das Häuschen ist jetzt ausmöbliert, so vollständig und hübsch, wie die Putzstube einer Puppe; und wenn nicht Barkis' Krankheit diese schlechte Wendung genommen hätte, so wären sie jetzt gewiß Mann und Frau. So aber ist es aufgeschoben worden.«

»Und Emilie, Mr. Omer?« fragte ich. »Ist sie nun ruhiger geworden?«

»Nun, sehen Sie,« gab er mir zur Antwort und rieb sich wieder am Unterkinn, »das konnte natürlich nicht erwartet werden. Die Aussicht auf die Veränderung und Trennung und das übrige ist ihr sozusagen zu gleicher Zeit nahe und fern. Barkis' Tod hätte es nicht weit hinausgeschoben, aber wohl sein langes Siechtum. Jedenfalls ist es ein ungewisser Zustand, dessen Ende sich noch nicht absehen läßt.«

»Sehr wahr«, sagte ich.

»Deshalb ist Emilie immer noch gar nicht recht im alten Schick, immer noch ein wenig unruhig und aufgeregt,« fuhr Mr. Omer fort; »im ganzen sogar vielleicht etwas mehr als früher. Mit jedem Tage scheint sie ihrem Onkel mit größerer Liebe anzuhangen, und mit jedem Tage scheint ihr die Trennung von uns allen schwer zu werden. Ein freundliches Wort von mir bringt ihr Tränen in die Augen, und wenn Sie sähen, wie sie mit dem kleinen Mädchen meiner Minnie umgeht, so würden Sie es nie vergessen. Ei du lieber Himmel,« sagte Mr. Omer nachdenklich, »wie sie das Kind liebt!«

Da die Gelegenheit günstig war, kam ich auf den Gedanken, ehe wir durch die Rückkehr von Tochter und Schwiegersohn unterbrochen wurden, Mr. Omer zu fragen, ob er etwas von Martha wisse.

»Ah!« erwiderte er und schüttelte mit bekümmertem Blick den Kopf. »Nichts Gutes. Eine traurige Geschichte, lieber Herr. Ich hätte nie geglaubt, daß in dem Mädchen Arges wäre. Ich möchte es nicht vor meiner Tochter Minnie äußern – denn sie würde mich gleich zurechtsetzen – ich habe es nie geahnt. Keiner von uns hat es geahnt.«

Mr. Omer, der seine Tochter kommen hörte, bevor ich etwas merkte, berührte mich warnend mit der Pfeife und machte ein Auge zu. Sie und ihr Mann traten unmittelbar darauf herein.

Ihr Bericht lautete, daß es mit Mr. Barkis nicht noch schlimmer gehen könne: daß er das Bewußtsein verloren habe, und daß Mr. Chilipp in der Küche beim Fortgehen geäußert habe, daß das Kollegium der Ärzte, das Kollegium der Chirurgen und die Apothekergilde alle zusammen ihm nicht helfen könnten.

Auf diese Nachricht und da ich zugleich erfuhr, daß sich Mr. Peggotty dort befinde, beschloß ich, sofort nach dem Hause zu gehen. Ich wünschte Mr. Omer und dem jungen Paare gute Nacht und wendete meine Schritte dorthin, erfüllt von einem feierlichen Gefühl, das Mr. Barkis zu einem ganz neuen und andern Wesen machte.

Mein leises Klopfen an der Tür rief Mr. Peggotty heraus. Er war nicht so sehr überrascht mich zu sehen, als ich erwartete. Dasselbe war bei Peggotty der Fall, als ich herabkam; ich habe etwas Ähnliches seitdem öfter bemerkt und glaube, daß in der Erwartung solcher Schreckensdinge alle andern Veränderungen und Überraschungen zu einem Nichts zusammenschrumpfen.

Ich schüttelte Mr. Peggotty die Hand und trat in die Küche, während er vorsichtig die Tür zumachte. Die kleine Emilie saß vor dem Feuer, das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Ham stand neben ihr.

»Das ist recht gut von Ihnen, Master Davy«, sagte Mr. Peggotty.

»Recht sehr gut«, sagte Ham.

»Liebe Emilie!« rief Mr. Peggotty. »Schau her! Da ist Master Davy gekommen! Nur hübsch munter, mein Kätzchen! Hast du kein Wort für Master Davy?«

Ich sehe noch, wie sie am ganzen Leibe zitterte. Ich fühle noch, wie mich ihre kalte Hand berührte. Sie gab kein anderes Lebenszeichen von sich, als daß sie sich rasch zurückzog; und dann stand sie von ihrem Stuhl auf, trat auf die andere Seite ihres Onkels und lehnte immer noch stumm und zitternd den Kopf an seine Brust.

»Sie hat ein so weiches kleines Herz,« sagte Mr. Peggotty und strich ihr schönes Haar mit seiner großen harten Hand glatt, »daß sie diesen Kummer nicht ertragen kann. Es ist bei jungen Leuten natürlich, Master Davy; ihnen sind solche Prüfungen noch neu und sie sind schüchtern wie mein Mäuschen – Es ist natürlich.«

Sie drängte sich dichter an ihn heran, aber sie schlug weder die Augen auf, noch sprach sie ein Wort.

»Es wird spät, liebes Kind,« sagte Mr. Peggotty, »und Ham ist schon da, um dich abzuholen. Da! geh hin zu dem andern zärtlichen Herzen! Nun, Emilie? Nun, mein Engel?«

Ich hörte sie nicht sprechen, aber er beugte sein Haupt herab, als ob er ihr zuhörte, und sagte dann:

»Du willst bei deinem Onkel bleiben? Was? Das kann dein Ernst doch nicht sein? Wenn dich dein Bräutigam, der bald dein Mann sein wird, nach Hause bringen will? Wer sollte das denken, daß das kleine zarte Ding bei einem so verwetterten rauhen Kerl, wie ich, bleiben will,« sagte Mr. Peggotty, uns beide mit unendlichem Stolze anblickend; »aber die See hat nicht mehr Salz als sie Liebe für ihren Onkel – die kleine närrische Emilie!«

»Und Emilie hat da ganz recht, Master Davy«, rief Ham. »Sehen Sie her! Da Emilie es wünscht und so unruhig und aufgeregt ist, so will ich sie bis morgen hier lassen. Aber ich bleibe dann auch hier!«

»Nein, nein«, sagte Mr. Peggotty. »Das geht nicht – ein verheirateter Mann, wie du bist – oder wie du beinahe bist – kann nicht ein ganzes Tagewerk versäumen. Und die Nacht aufbleiben und zugleich arbeiten darfst du auch nicht. Das geht nicht. Du gehst nach Hause und legst dich zu Bett.«

Ham gab nach und nahm seinen Hut, um fortzugehen. Selbst als er sie küßte – und ich habe nie gesehen, daß er ihr nahekam, ohne die Empfindung zu haben, daß die Seele eines Gentlemans in ihm wohne – schien sie sich dichter an ihren Onkel zu drängen, als wiche sie vor ihrem Bräutigam zurück. Ich machte die Tür hinter ihm zu, damit die hier herrschende Stille nicht gestört werden möge; und als ich wieder in die Küche trat, sprach Mr. Peggotty immer noch zu seiner Nichte.

»So, jetzt gehe ich hinauf, der Tante zu sagen, daß Master Davy hier ist, das wird sie ein bissel heiterer stimmen«, sagte er. »Setz' dich unterdessen ans Feuer, mein Kind, und wärme deine eiskalten Hände. Brauchst nicht so furchtsam zu sein und dir's gar so zu Herzen zu nehmen. Wie? Du willst nur mit mir sein? Komm, komm nur, bist ja immer bei mir! Master Davy, wenn ihr Onkel von Haus und Hof vertrieben würde und in einem Grabe liegen müßte,« sagte Mr. Peggotty mit höchstem Stolze, »so würde sie auch noch mit ihm gehen, glaube ich! Aber bald wird's ein anderer sein – bald – ein anderer, Emily!«

Als ich nachher die Treppe hinaufging und an der offenen Tür meines kleinen Zimmers, das ganz dunkel war, vorbeikam, da machte es auf mich den unbestimmten Eindruck, daß sie darinnen ohnmächtig auf dem Fußboden läge. Aber ich weiß nicht mehr, ob es Wirklichkeit oder nur ein Phantasiebild war, dem die trübe Dämmerung des Zimmers Vorschub leistete.

Vor dem Küchenfenster sitzend, hatte ich Zeit, an die Todesfurcht der kleinen Emilie zu denken – ein Gefühl, dem ich mit Hinzurechnung dessen, was mir Mr. Omer erzählt hatte, die große Veränderung zuschrieb, die in ihr vorgegangen war – und ich hatte Zeit genug, diese Schwäche mit milderen Augen zu betrachten, während ich die tickenden Schläge der Uhr zählte und immer lebhafter den feierlichen Eindruck der tiefen Stille ringsum fühlte. Peggotty schloß mich in ihre Arme und segnete mich und dankte mir immer und immer wieder, daß ich in ihrem Unglück solchen Trost bringe. Dann bat sie mich heraufzukommen, und sagte mir schluchzend, daß Mr. Barkis immer großes Wohlgefallen an mir gefunden habe; daß er oft von mir gesprochen habe, ehe er in seinen bewußtlosen Zustand verfallen sei, und daß er sich gewiß, wenn er wieder zu sich kommen sollte, von meinem Anblick gestärkt fühlen würde, wenn ihn noch etwas Irdisches stärken könnte.

Die Wahrscheinlichkeit, daß dies geschehen werde, kam mir bei seinem Anblick sehr gering vor. Er lag mit dem Kopfe und den Schultern außerhalb des Bettes sehr unbequem auf dem Koffer, der ihm so viel Schmerz und Unruhe verursacht hatte. Ich erfuhr, daß er, wie er nicht mehr aus dem Bett kriechen konnte, um ihn zu öffnen, und außerstande war, sich über sein Vorhandensein durch Hilfe des bewußten Stockes zu vergewissern, verlangt hatte, daß man ihn auf einen Stuhl neben sein Bett stelle, wo er seitdem immerfort Tag und Nacht seinen Arm um ihn gelegt hatte. Auch jetzt lag sein Arm darauf. Zeit und Welt sollten bald für ihn verloren sein, aber der Koffer war noch da; und seine letzten Worte, die er erläuternd gesprochen hatte, waren: »Alte Kleider.«

»Guter Barkis«, sagte Peggotty fast heiter, und bog sich über ihn, während ihr Bruder und ich unten am Bett stehen blieben. »Hier ist mein lieber Sohn – mein lieber Sohn, Master Davy, der uns zusammengebracht hat, Barkis, durch den du mir immer Nachrichten schicktest, weißt du noch? Willst du nicht mit Master Davy sprechen?«

Er war so stumm und bewußtlos, wie der Koffer, der unter seinem Arm lag.

»Er macht fort mit der Flut«, sagte Mr. Peggotty leise zu mir.

Meine Augen waren feucht, wie die Mr. Peggottys, aber ich wiederholte flüsternd: »Mit der Flut?«

»Die Leute hier an der Küste können nicht sterben,« antwortete Mr. Peggotty, »wenn die Flut nicht ziemlich zur Neige geht. Sie können nicht geboren werden, wenn sie nicht ziemlich auf ihrem Höhepunkt ist. Er macht fort mit der Flut. Halb vier ist Ebbe, und dann bleibt's stehen eine halbe Stunde lang. Wenn er leben bleibt, bis das Wasser wieder steigt, so hält er aus, bis die Flut vorbei ist, und stirbt mit der nächsten Ebbe.«

Wir blieben dort, beobachteten ihn lange, stundenlang. Welchen geheimnisvollen Einfluß meine Gegenwart in seinem bewußtlosen Zustand auf ihn haben konnte, wage ich nicht zu sagen, aber als er endlich leise anfing zu phantasieren, sprach er davon, daß er mich nach der Schule fahren müsse.

»Er kommt jetzt zu sich«, sagte Peggotty.

Mr. Peggotty legte die Hand auf meinen Arm und flüsterte mir mit feierlicher Ehrfurcht zu: »Es geht jetzt mit beiden vorüber.«

»Mein guter Barkis«, sagte Peggotty.

»C. P. Barkis!« seufzte er mit schwacher Stimme. »Es gibt kein besseres Weib auf Erden.«

»Sieh, da ist Mas'r Davy« – sagte seine Frau. Denn er hatte jetzt die Augen geöffnet.

Ich wollte ihn fragen, ob er mich noch kenne, als er versuchte seinen Arm auszustrecken, und ganz deutlich und mit freundlichem Lächeln zu mir sagte:

»Barkis ist Willens.«

Es war Ebbezeit, und er starb mit dem verrinnenden Wasser der Ebbe.

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