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David Copperfield - Teil 1

Charles Dickens: David Copperfield - Teil 1 - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Teil 1
publisherMax Hesses Verlag
volume1
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060608
projectiddd23577b
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Ich besuche Steerforth noch einmal in seinem Heim.

Ich zeigte Mr. Spenlow am nächsten Morgen an, daß ich einen kurzen Urlaub wünsche, und da ich kein Gehalt erhielt, und es dem hartherzigen Jorkins auch nicht unangenehm war, so wurde meinem Wunsche bald genügt. Ich benutzte diese Gelegenheit, mit fast erstickender Stimme und einem Schleier vor den Augen, während ich die Worte sprach, die Hoffnung auszusprechen, daß Miß Spenlow sich wohl befinde, worauf er mit so viel Gleichgültigkeit, als ob es sich um einen ganz gewöhnlichen Menschen handelte, erwiderte, daß er mir danke und daß sie sich wohl befinde.

Wir Volontäre wurden als Keim zu dem auserlesenen Orden der Proktoren immer mit so viel Rücksicht behandelt, daß ich fast stets mein eigener Herr war. Da mir aber nichts daranlag, vor ein oder zwei Uhr in Highgate einzutreffen und es gerade wieder einen Exkommunikationsfall gab, Tipkins gegen Bullock, so hörte ich in Gesellschaft Mr. Spenlows eine oder zwei Stunden zu, und die Zeit verging mir sehr angenehm. Der Fall war aus einem Handgemenge zweier Kirchenvorsteher entsprungen, deren einer den andern an eine Pumpe gestoßen hatte; der Pumpenschwengel berührte beinahe ein Schulhaus, das von dem Giebel eines Kirchendachs überragt war, und so – ward ein kirchliches Vergehen daraus. Es war ein sehr spaßiger Fall, und als ich auf dem Dache der Landkutsche nach Highgate fuhr, dachte ich über die Commons nach und über das, was mir Mr. Spenlow gesagt hatte, daß das Vaterland in Gefahr gerate, wenn man an ihnen rütteln wollte.

Mrs. Steerforth war erfreut, mich zu sehen, und auch Rosa Dartle. Angenehm überrascht war ich davon, daß Littimer nicht da war, sondern daß ein bescheidenes kleines Stubenmädchen mit einer blaubebänderten Haube aufwartete, deren Blicken zufällig zu begegnen entschieden angenehmer und viel weniger verwirrend war. Was mir aber, bevor ich eine halbe Stunde im Hause gewesen war, besonders auffiel, war die scharfe und unermüdliche Aufmerksamkeit Miß Dartles auf mich und die lauernde Weise, in der sie mein Gesicht mit Steerforths Zügen und Steerforths mit den meinigen zu vergleichen schien. So oft ich sie ansah, konnte ich sicher sein, daß die großen schwarzen, stechenden Augen mit gespannter Aufmerksamkeit auf mir ruhten oder rasch von mir zu Steerforth hinüberglitten oder uns beide zugleich ansahen. Von diesem luchsartigen Belauern stand sie so wenig ab, wenn ich es bemerkte, daß sie mich alsdann sogar noch durchbohrender ansah. Trotz des Bewußtseins meiner Unschuld schüchterten mich diese seltsamen Augen ein, und es war mir nicht möglich, ihren hungrigen Glanz zu ertragen.

Den ganzen Tag über schien sie in jedem Teile des Hauses anwesend zu sein. Wenn ich mit Steerforth auf seinem Zimmer sprach, hörte ich ihr Kleid auf dem kleinen Gange draußen rauschen. Wenn wir des Zeitvertreibs wegen auf dem Rasenplatz hinter dem Hause fochten oder boxten, sah ich ihr Gesicht wie ein Irrlicht von Fenster zu Fenster huschen, bis es endlich an einem still stand und uns beobachtete. Als wir alle vier nachmittags spazieren gingen, legte sich ihre magere Hand wie eine Feder auf meinen Arm, um mich zurückzuhalten, während Steerforth und seine Mutter so weit vorausgingen, daß sie uns nicht hören konnten, und dann redete sie mich an.

»Sie sind recht lange nicht hier gewesen«, sagte sie. »Ist Ihr Beruf wirklich so interessant, daß er Ihre Aufmerksamkeit so ausschließlich in Anspruch nimmt? Ich frage nur, weil ich mich gern unterrichte, wenn ich etwas nicht weiß. Ist Ihr Beruf wirklich so interessant?«

Ich antwortete, daß er mir schon recht wohl gefiele, aber doch nicht so ausschließlich, wie sie vermute.

»O, es freut mich, das zu hören, weil ich mich immer gern in meiner Meinung berichtigen lasse, wenn ich nicht recht habe«, sagte Rosa Dartle. »Sie meinen vielleicht, er ist ein wenig trocken?« »Allerdings!« erwiderte ich.

»O! und das ist der Grund, warum Sie einiger Abwechselung und Veränderung bedürfen«, sagte sie. »Ah! Sehr wahr! Aber ist's nicht ein wenig – nicht? – für ihn; ich meine Sie nicht.« Ein rascher Blick ihres Auges nach Steerforth, der, seine Mutter am Arm, vor uns her ging, ließ mich erraten, wen sie meinte; aber im übrigen war mir ihre Rede unerklärlich. Das mochte sie mir auch ansehen.

»Nimmt es ihn nicht ganz in Anspruch – ich sage nicht, daß es wirklich der Fall ist, sondern ich frage nur. Hält es ihn vielleicht ein wenig mehr ab, seine ihn blind liebende Mutter zu besuchen, nicht?«

Diese Worte waren mit einem Blick auf jene und mit einem Blick auf mich begleitet, der in meine innersten Gedanken zu dringen schien.

»Miß Dartle,« entgegnete ich, »ich bitte Sie, nicht zu denken –«

»Ich, gewiß nicht!« sagte sie, »O, mein Gott, glauben Sie nur ja nicht, daß ich mir etwas denke! Ich bin nicht von argwöhnischer Natur. Ich lege nur eine Frage vor. Ich stelle keine Meinung auf. Ich will mir eine Meinung nach dem bilden, was sie mir sagen. Also ist's nicht der Fall? Nun, das freut mich recht sehr.«

»Jedenfalls,« sagte ich ganz verwirrt, »kann ich nicht verantwortlich für Steerforth sein, daß er länger als gewöhnlich von Hause weggeblieben ist– wenn dies der Fall ist – was ich wahrhaftig selbst nicht weiß, wenn ich es nicht von Ihnen erfahre. Ich habe ihn gestern abend seit langer Zeit zum ersten Male wieder gesehen.«

»Wirklich?«

»Wirklich, Miß Dartle.«

Wie sie mich jetzt fest ansah, wurde ihr Gesicht spitzer und blasser, und die Narbe der alten Wunde wurde deutlicher und länger, bis sie die Oberlippe durchschnitt und tief in die Unterlippe hineinging und sich am Kinn verlor. Es lag etwas geradezu Schauerliches darin, sowie in dem hellen Glänze ihrer Augen, als sie, mich scharf ansehend, fragte:

»Was treibt er?«

Ich wiederholte die Worte, oder sprach sie vielmehr nach, so erstaunt war ich.

»Was treibt er?« sagte sie mit einer Leidenschaft, die sie wie Feuer zu verzehren schien. »Worin steht ihm dieser Mensch bei, der mich nie ansehen kann, ohne daß unergründliche Falschheit in seinen Augen lauert? Wenn Sie ehrenwert und treu sind, so verlange ich nicht, daß Sie Ihren Freund verraten sollen. Ich verlange von Ihnen nur zu wissen, ob es Zorn, Haß, Stolz, innere Unruhe, ob es irgend eine wilde, tolle Laune, ob es Liebe – kurz, was es ist, das ihn mit sich fortreißt.«

»Miß Dartle,« entgegnete ich, »wie soll ich Ihnen beteuern, daß ich von Steerforth nichts weiß, was seit meinem ersten Besuch hier anders geworden wäre. Ich kann mich auf nichts besinnen. Ich bin fest überzeugt, daß es nichts ist. Ich verstehe sogar kaum, was Sie meinen.«

Wie sie mich immer noch so fest ansah, bemerkte ich in der Narbe ein Jucken, von dem ich den Gedanken des Schmerzes nicht trennen konnte; und sie zog das Ende ihrer Lippe in die Höhe, wie von Spott oder von Mitleid erfüllt, das einen Gegenstand verabscheut. Rasch legte sie die Hand darauf – eine Hand, so fein und dünn, daß ich sie manchmal, wenn sie diese vor das Licht gehalten, mit seinem Porzellan verglichen hatte, – und sagte in wilder leidenschaftlicher Weise: »Schwören Sie mir, das geheimzuhalten!« Dann sprach sie kein Wort mehr.

Mrs. Steerforth fühlte sich überglücklich in ihres Sohnes Gesellschaft, und Steerforth war diesmal mehr als gewöhnlich aufmerksam und ehrerbietig gegen sie. Mehr als einmal kam mir der Gedanke, daß eine ernstliche Uneinigkeit zwischen beiden eine schlimme Sache sein würde, denn zwei solche Charaktere – ich sollte lieber sagen, zwei Schattierungen eines und desselben Charakters – mußten viel schwerer zu versöhnen sein, als die entschiedensten Gegensätze. Der Gedanke kam mir nicht von selbst, sondern wurde durch einige Äußerungen Rosa Dartles veranlaßt.

Sie sagte bei Tische: »Aber sagen Sie mir doch eines, weil ich den ganzen Tag daran gedacht habe und es gern wissen möchte – «

»Was wollen Sie wissen, Rosa?« erwiderte Mrs. Steerforth. »Ich bitte Sie, Rosa, tun Sie nur nicht so geheimnisvoll.«

»Geheimnisvoll!« rief sie aus. »Wirklich? Meinen Sie, ich tue geheimnisvoll?«

»Habe ich Sie nicht immer gebeten,« sagte Mrs. Steerforth, »offen heraus und in Ihrer natürlichen Manier zu sprechen?«

»Also das ist nicht meine natürliche Manier?« entgegnete sie. »Da müssen Sie wirklich Nachsicht mit mir haben, denn ich frage, um mich zu unterrichten. Wir kennen uns selbst nie so recht.«

»Es ist Ihnen zur zweiten Natur geworden,« sagte Mrs. Steerforth mild; »aber ich kann mich noch entsinnen – und Sie wahrscheinlich auch – als Sie darin anders waren, Rosa; damals waren Sie offener.«

»Sie haben gewiß recht,« gab sie zur Antwort; »und da sieht man, wie unversehens man sich schlechten Gewohnheiten hingibt! Wirklich? Also offener? Wie ich mich nur so unversehens verändert haben kann! Es ist wirklich recht seltsam! Ich muß mich bemühen, wieder zu werden wie früher.«

»Ich wollte, es gelänge Ihnen«, sagte Mrs. Steerforth mit einem Lächeln.

»Versuchen werde ich es gewiß!« antwortete sie. »Ich will Offenheit lernen von – na von wem denn gleich – ja! von James da!«

»Sie können in keiner bessern Schule Offenheit lernen, Rosa«, erwiderte Mrs. Steerforth lebhaft, denn aus allem, was Miß Dartle sagte, blickte ein gewisser Sarkasmus hervor, obgleich sie es auf die unschuldigste Weise sagte. »Davon bin ich überzeugt«, erwiderte sie mit ungewöhnlicher Innigkeit. »Wenn ich von etwas überzeugt bin, so ist es dieses.«

Mrs. Steerforth schien zu bereuen, daß sie sich ein klein wenig gereizt gezeigt hatte, denn sie fing gleich wieder in einem sehr gütigen Tone an:

»Aber, liebe Rosa, wir wissen immer noch nicht, was Sie gern erfahren möchten.«

»Was ich gern erfahren möchte«, gab sie mit fast ängstlicher Ruhe zur Antwort. »O! Ich wollte nur wissen, ob Leute, die sich in Ihrer moralischen Konstitution sehr ähnlich sind – ist das das rechte Wort?«

»Es ist ein so gutes Wort wie jedes andere«, sagte Steerforth.

»Ich danke, James, – ob Leute, die sich in Ihrer moralischen Konstitution sehr ähnlich sind, mehr Gefahr laufen als andere, bei ernstlichen Zwistigkeiten in dauernde und bittere Feindschaft zu geraten?«

»Ich sollte meinen, ja«, sagte Steerforth.

»Wirklich?« gab sie zurück. »O Gott! Nehmen wir zum Beispiel an – zu einem solchen Beispiel kann man den unwahrscheinlichsten Fall nehmen – daß Sie und Ihre Mutter sich ernstlich veruneinigen sollten – «

»Liebe Rosa,« unterbrach sie Mrs. Steerforth mit einem gutmütigen Lachen, »nehmen Sie ein anderes Beispiel! James und ich kennen unsere gegenseitigen Pflichten dazu gewiß zu gut.«

»O!« sagte Miß Dartle und nickte gedankenvoll mit dem Kopfe. »Gewiß! Dies wird es verhüten. Freilich würde das genügen. Vollkommen. Es freut mich ordentlich, daß ich einfältig genug war, gerade dies Beispiel zu wählen, denn es ist so tröstlich zu wissen, daß es Ihr gegenseitiges Pflichtgefühl verhüten würde! Ich danke Ihnen recht sehr.«

Noch eine andere Kleinigkeit von Miß Dartle darf ich nicht zu erwähnen vergessen, denn ich hatte Grund, später daran zu denken, als mir die ganze nicht wieder gut zu machende Vergangenheit klar geworden war. Den ganzen Tag über, aber hauptsächlich von dieser Zeit an, strengte sich Steerforth mit der größten Geschicklichkeit an, dieses eigentümliche Wesen durch einschmeichelndes Entgegenkommen zu einer angenehmen und sich wohl befindenden Gesellschafterin zu machen. Mich wunderte es nicht, daß es ihm gelang. Daß sie sich gegen den bezaubernden Einfluß seiner gewinnenden Kunst sträubte – ich hielt es damals noch für Natur –, wunderte mich ebenfalls nicht; denn ich wußte, daß sie oft grämlich und mürrisch war. Ich sah, wie sich ihre Züge und ihr Benehmen langsam veränderten; ich sah, wie sie ihn mit wachsender Bewunderung betrachtete; ich sah, wie sie sich schwächer und immer schwächer bemühte, aber immer widerwillig, als ob sie darin eine Schwäche sähe, seiner bezaubernden Gewalt zu widerstehen; und zuletzt sah ich, wie ihr kalter Blick milder und ihr spitziges Lächeln sanfter wurde. Die Angst, die ich den ganzen Tag vor ihr gehabt hatte, verschwand, und wir saßen alle um das Feuer, zusammen lachend und plaudernd, so heiter und rückhaltlos wie Kinder.

Mochte das lange Verweilen vor dem Kamin daran schuld sein, oder wollte Steerforth den errungenen Vorteil nicht wieder verlieren, kurz, wir blieben kaum fünf Minuten im Speisezimmer, als Rosa aufgestanden und fortgegangen war.

»Sie spielt auf ihrer Harfe«, sagte Steerforth leise an der Tür des Salons, »und ich glaube, daß dies seit diesen drei Jahren nur meine Mutter von ihr gehört hat.« Er sagte das mit einem seltsamen Lächeln, das sogleich wieder verschwand, und wir traten in das Zimmer und fanden sie allein.

»Bitte, stehen Sie nicht auf!« sagte Steerforth; »ich bitte Sie, liebe Rosa! Tun Sie mir ein einziges Mal einen Gefallen und singen Sie uns ein irländisches Lied.«

»Was kümmern Sie sich um irländische Lieder?« erwiderte sie.

»Sehr viel«, sagte Steerforth. »Viel mehr, als um jedes andere. Und Blümchen hier liebt die Musik von ganzem Herzen. Singen Sie uns ein irländisches Lied, Rosa! und ich setze mich neben Sie und höre Ihnen zu wie in alten Zeiten.«

Er rührte weder sie noch den Stuhl an, von dem sie aufgestanden war, sondern setzte sich neben die Harfe. Sie blieb mit seltsamer Unentschiedenheit eine Weile davor stehen und bewegte ihre Hand über die Saiten, aber ohne zu spielen. Endlich setzte sie sich hin, zog die Harfe hastig an sich und spielte und sang.

Ich weiß nicht, lag es in ihrem Anschlag oder ihrer Stimme, daß diese Töne ganz anders klangen, als irgend eine Musik, die ich je gehört habe. Es lag etwas Erschreckendes in ihrer Unmittelbarkeit. Es war als entspränge diese Melodie der wilden Leidenschaft in ihrem Innern, die nur einen unvollkommenen Ausfluß fand in dem gedämpften Klang der Stimme und sich wieder in das Herz zurückdrängte, als das Lied zu Ende war.

Ich war noch wie betäubt, als Rosa dann wieder neben der Harfe stand und die Rechte spielend, aber keinen Ton hervorbringend, über die Saiten gleiten ließ.

Aber im nächsten Augenblick hatte mich ein blitzschneller Auftritt aus meiner Verzückung geweckt. Steerforth war von seinem Sitz aufgestanden, war an sie herangetreten, hatte den Arm scherzend um sie geschlungen und zu ihr gesagt: »Kommen Sie, Rosa, in Zukunft wollen wir einander recht gut sein?« aber sie hatte nach ihm geschlagen und ihn mit der Wut einer wilden Katze von sich gestoßen, und war aus dem Zimmer geeilt.

»Was war mit Rosa?« fragte Mrs. Steerforth, die jetzt hereintrat.

»Sie war eine kurze Zeitlang ein Engel, Mutter,« entgegnete Steerforth, »und verfiel dann, um ihr Benehmen auszugleichen, wieder ganz ins Gegenteil.«

»Du solltest dich hüten, sie zu reizen, James. Du weißt, ihr Gemüt ist verbittert, und du solltest ihr nicht zuviel zumuten.«

Rosa kam nicht wieder, und sie wurde nicht weiter erwähnt, bis ich Steerforth auf sein Zimmer begleitete, um ihm gute Nacht zu sagen. Da äußerte er sich lachend über sie und fragte mich, ob ich jemals ein so böses, kleines unbegreifliches Wesen gesehen hätte.

Ich gab meinem Erstaunen Worte und fragte ihn, ob er eine Vermutung habe, was sie plötzlich so übel aufgenommen haben könnte.

»Ach, das mag der Himmel wissen«, sagte Steerforth. »Alles, was du willst, oder nichts! Ich sagte dir schon, daß sie alles, sich selbst mit eingerechnet, auf einen Schleifstein legte und scharf und spitzig machte. Sie ist ein scharfes Messer, und man muß sehr vorsichtig mit ihr umgehen. Sie ist immer gefährlich. Gute Nacht!«

»Gute Nacht«, sagte ich, »lieber Steerforth. Ehe du aufstehst, bin ich schon fort. Gute Nacht!«

Er wollte mich nicht fortlassen und stand vor mir, eine Hand auf jede meiner Schultern gelegt, wie vorhin oben in meinem Zimmer.

»Blümchen,« sagte er mit einem Lächeln, »denn obgleich dies nicht der Name ist, den dir deine Paten gegeben haben, so gebe ich ihn dir doch am liebsten – und ich wollte, ich wollte, ja ich wollte, du könntest auch mich so nennen!«

»Das kann ich ja tun, wenn du es möchtest«, sagte ich.

»Blümchen, wenn uns jemals etwas voneinander trennen sollte, so mußt du immer an mich denken, wie ich in meinen besten Stunden war, alter Knabe. Versprich mir das. Denke immer an mich, wenn uns das Leben jemals trennen sollte, wie ich in meinen besten Stunden war.«

»Ich kenne an dir keine besten Stunden, Steerforth und keine schlimmen Stunden«, erwiderte ich. »Ich liebe dich immer mit gleicher Liebe.«

Dabei fühlte ich so tiefe Reue, ihm selbst mit einem bloßen Gedanken unrecht getan zu haben, daß mir das Bekenntnis meiner Schuld schon auf den Lippen schwebte. Aber ich konnte es nicht über das Herz bringen, zu verraten, was mir Agnes anvertraut hatte, und ich wußte nicht, wie ich von der Sache anfangen sollte, so daß ich noch nicht gesprochen hatte, als er zu mir sagte: »Gott behüte dich, Blümchen, und gute Nacht!«

Mit dem Morgengrauen stand ich auf, zog mich rasch und still an und blickte in sein Zimmer. Er lag in festem Schlafe, den Kopf auf den Arm gelegt, wie ich ihn oft auf der Schule gesehen hatte.

Es kam die Zeit, und zwar nur allzubald, wo ich fast verwundert fragte, warum nichts seine Ruhe gestört hatte, als ich ihn angesehen. Aber er schlummerte – laßt mich noch einmal an dieses Bild zurückdenken – wie ich ihn auf der Schule oft hatte schlummern gesehen; und so verließ ich ihn in stiller Morgenstunde.

Und niemals mehr, möge Gott es dir verzeihen, Steerforth, habe ich deine Hand in Liebe und Freundschaft gedrückt! Niemals, niemals, niemals wieder! –

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