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David Copperfield - Teil 1

Charles Dickens: David Copperfield - Teil 1 - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Teil 1
publisherMax Hesses Verlag
volume1
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060608
projectiddd23577b
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Tommy Traddles.

Am nächsten Tage kam ich, vielleicht infolge des Rates von Mrs. Crupp, mir Zerstreuung zu verschaffen, auf den Einfall, Traddles zu besuchen. Die Zeit, die er mir genannt hatte, war vorüber. Er wohnte in einer kleinen Straße, nicht weit von der Tierarzneischule in Camdentown, in einer Gegend, die, wie mir einer unserer Schreiber sagte, meistens von wohlhabenderen Studenten bewohnt war, die lebendige Esel kauften und in ihren Zimmern Experimente mit diesen unglückseligen Tieren machten. Nachdem ich mir von diesem Schreiber den Weg nach der genannten Straße hatte beschreiben lassen, machte ich mich noch an demselben Nachmittag auf, um meinen alten Schulkameraden zu besuchen.

Die Straße erschien mir nicht so angenehm, als ich sie Traddles wegen gewünscht hätte. Die Bewohner schienen eine besondere Neigung zu haben, allerlei Kleinigkeiten, die sie nicht brauchten, vor ihre Haustüren zu werfen, was durchaus nicht zur Reinlichkeit, aber bedeutend zur Vermehrung der Schlüpfrigkeit des Weges beitrug. Und nicht nur Kohlblätter und ähnliche vegetabilische Abfälle wurden auf die Straße verwiesen, sondern ich entdeckte auch einen Schuh, eine zerdrückte Blechpfanne, einen schwarzen Hut und einen Regenschirm in verschiedenen Stadien der Zersetzung, während ich mich nach Traddles Hausnummer umsah.

Das allgemeine Aussehen der Örtlichkeit erinnerte mich lebhaft an die Tage, wo ich bei Mr. und Mrs. Micawber wohnte. Das von mir aufgesuchte Haus, das einst gewiß bessere Tage gesehen hatte, zeichnete sich durch einen unbeschreiblichen Charakter verblichener Vornehmheit aus, wodurch es allen andern Häusern der Straße unähnlich wurde – obgleich sie alle nach einer einförmigen Schablone gebaut waren und wie die jugendlichen Kopien eines ungeschickten Knaben aussahen, der das Häuserbauen lernt und noch nicht über das stümperhafte architektonische Buchstabieren mit Ziegeln und Kalk hinausgekommen ist – und ich wurde gerade durch dieses Haus noch mehr an Mr. und Ms. Micawber erinnert. Ich erreichte gerade die Tür, als sie für den die Nachmittagsmilch bringenden Mann geöffnet wurde, und das rief mir noch lebhafter Mr. und Mrs. Micawber ins Gedächtnis zurück.

»Na nu,« sagte der Milchmann zu einem sehr jungen Dienstmädchen, »wie steht's denn mit meiner kleinen Rechnung?« »O, der Herr sagte, er werde sie nächstens in Ordnung bringen«, war die Antwort.

Der Milchmann fuhr fort, als ob er seine Worte für jemand in dem Hause und nicht für das Mädchen bestimmte – dieser Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, daß er grimmig den Vorplatz entlang sah –: »weil die kleine Rechnung schon so lange läuft, daß ich fürchte, sie ist ganz fortgelaufen und läßt nie wieder etwas von sich hören, und das lasse ich mir gewiß nicht gefallen, das sollt Ihr sehen!« rief der Milchmann in den finstern Gang hinein.

Sein Äußeres paßte durchaus nicht für einen Händler mit einem so milden Artikel wie Milch ist; er hätte eher für einen Fleischer oder einen Schnapshändler gepaßt.

Die Stimme des Dienstmädchens wurde schwach, aber nach der Bewegung der Lippen schien sie mir noch einmal zu bemerken, daß der Herr sie nächstens in Ordnung bringen werde.

»Ich will dir was sagen,« sagte der Milchmann, indem er sie zum erstenmal scharf ansah und ihr unter das Kinn griff, »trinkst du gern Milch?«

»Ja, ich trinke sie gern«, erwiderte sie.

»Gut«, sagte der Milchmann. »So merke dir also, morgen bekommst du keine, hörst du? Auch kein Tröpfchen Milch bekommst du morgen.«

Ich glaube, sie fühlte sich einigermaßen durch den Gedanken getröstet, daß sie heute wenigstens Milch bekam. Nachdem der Milchmann mit einem wütenden Blick auf sie den Kopf geschüttelt hatte, öffnete er zögernd seinen Krug und goß das gewöhnliche Maß in die Familienkanne. Darauf entfernte er sich brummend und rief seine Milch mit ingrimmigem Gekreisch weiter in der Straße aus.

»Wohnt Mr. Traddles hier?« fragte ich.

Eine geheimnisvolle Stimme hinten vom Gange rief: »Ja«, worauf auch das junge Mädchen antwortete: »Ja«.

»Ist er zu Hause?« sagte ich. Abermals antwortete die geheimnisvolle Stimme bejahend, und abermals wiederholte das Mädchen die Antwort im Echo. Darauf trat ich in das Haus und ging der Weisung des Mädchens gehorchend die Treppe hinauf, nicht ohne beim Vorbeigehen an dem Zimmer hinten mir bewußt zu sein, daß mich ein geheimnisvolles Auge überwachte, das wahrscheinlich zu der geheimnisvollen Stimme gehörte.

Als ich oben an der Treppe ankam – das Haus war nur ein Stock hoch – stand Traddles zu meinem Empfange da. Er freute sich mich zu sehen, und führte mich mit herzlichem Willkommen in sein kleines Zimmer. Es war vornheraus und sehr nett, obgleich spärlich möbliert.

Ich sah, daß es sein einziges Zimmer war, denn es befand sich ein Schlafsofa darin, und die Wichse und Wichsbürsten standen auf dem Bücherregal, ganz oben hinter einem dicken Wörterbuch. Sein Tisch war mit Papieren bedeckt, und er in einem alten Rock hatte eifrig bei der Arbeit gesessen. Obwohl ich mich nicht absichtlich umschaute, sah ich doch alles, selbst die in Porzellan gemalte Kirche auf seinem Tintenfaß, und auch diese Fähigkeit hatte ich in der alten Micawberzeit erworben. Verschiedene sehr geschickte Erfindungen, die er ersonnen hatte, um seinen Waschtisch, seine Stiefel und sein Rasierzeug zu verhüllen, prägten sich mir besonders lebhaft ein, als Beweise, daß ich noch denselben Traddles vor mir hatte, der aus Schreibpapier Elefantenkäfige verfertigte, um gefangene Fliegen hineinzusetzen, und sich für Mißhandlungen durch die oft erwähnten Skelettkunstleistungen tröstete.

In einer Ecke des Zimmers war etwas sauber mit einem Tischtuche zugedeckt. Ich konnte nicht herausbekommen, was es war.

»Traddles,« sagte ich und schüttelte ihm wieder die Hand, nachdem ich mich gesetzt hatte, »es freut mich dich zu sehen.«

»Es freut mich dich zu sehen, Copperfield«, erwiderte er. »Es freut mich außerordentlich – dich zu sehen. Weil ich mich so außerordentlich freute dich zu sehen, und ich von dir dasselbe voraussetzen konnte, gab ich dir diese Adresse, anstatt die meines Geschäftsbureaus.«

»Ah! Du hast ein Geschäftsbureau?« sagte ich.

»Nun ja, ich habe den vierten Teil eines Zimmers, eines Vorflurs und eines Schreibers«, erwiderte Traddles. »Drei andere und ich haben uns zusammengetan, um uns ein Bureau zu mieten – damit es geschäftsmäßiger aussieht – und wir haben auch einen Schreiber angenommen. Mich kostet er eine halbe Krone wöchentlich.«

Sein alter, einfacher Charakter und seine treuherzig-muntre Gutmütigkeit, und auch etwas von seinem Mißgeschick glänzte aus dem Lächeln, mit dem er diese Erklärung abgab.

»Es ist nicht etwa Stolz, Copperfield,« sagte Traddles, »daß ich für gewöhnlich diese Adresse nicht gebe. Es ist nur wegen der Leute, die mich besuchen und vielleicht nicht gern hierher gehen würden. Was mich betrifft, so habe ich mich in der Welt gegen vielerlei Hindernisse durchzuschlagen, und es wäre lächerlich, wenn ich anders erscheinen wollte, als ich bin.«

»Du bereitest dich auf die Advokatur vor, erzählte mir Mr. Waterbrook?« sagte ich.

»Nun ja,« erwiderte Traddles und rieb sich langsam die Hände, »ich bereite mich auf die Advokatur vor. Ich habe eben angefangen, nach ziemlich langem Säumen. Ich bin schon seit einiger Zeit eingeschrieben, aber das Bezahlen dieser hundert Pfund war keine Kleinigkeit«, sagte Traddles, mit einem Zucken, als ob ihm ein Zahn gezogen würde. »Weißt du, woran ich mir nicht helfen kann zu denken, Traddles, wenn ich dich vor mir sitzen sehe?« fragte ich ihn,

»Nein«, sagte er.

»An den himmelblauen Anzug, den du immer trugst.«

»Ah, das ist spaßhaft!« rief Traddles lachend. »Zu eng an Armen und Beinen, nicht wahr? O Gott! O, was waren das für glückliche Zeiten, nicht wahr?« »Ich glaube, unser Schultyrann hätte sie glücklicher machen können, ohne uns besonders zu verwöhnen, sollte ich meinen«, entgegnete ich. .

»Vielleicht«, sagte Traddles, »Aber mein Gott, wir haben Spaß genug gehabt. Und weißt du, wie ich Schläge kriegte, weil ich über Mr. Mell weinte? Der alte Creakle! Ich möchte ihn auch einmal gern wiedersehen.«

»Er hat dich sehr schlecht behandelt, Traddles«, sagte ich entrüstet.

»Meinst du?« erwiderte Traddles. »Wirklich? Vielleicht hat er's getan. Aber es ist jetzt alles lange vorbei. Der alte Creakle!«

»Damals sorgte ein Onkel für dich, nicht wahr?« fragte ich.

»Natürlich«, sagte Traddles. »Ein Onkel, an den ich immer schreiben wollte – und niemals schrieb. Ha! ha! ha! Ja, ich hätte damals einen Onkel. Er starb bald, nachdem ich aus der Schule war.«

»Wirklich!«

»Ja. Er war ursprünglich ein Tuchhändler, hatte sich zur Ruhe gesetzt und mich zu seinem Erben bestimmt. Aber ich gefiel ihm nicht, als ich erwachsen war.«

»Ist das dein Ernst?« fragte ich. Er erzählte mir das so ruhig, als ob er eigentlich etwas anderes sagen wollte.

»Nun ja, Copperfield, es ist mein Ernst«, entgegnete Traddles. »Es war eine schlimme Sache, aber ich gefiel ihm durchaus nicht. Er sagte mir, ich entspräche seinen Erwartungen ganz und gar nicht, und darauf heiratete er seine Haushälterin.«

»Und was tatest du?« fragte ich.

»Ich tat nichts Besonderes«, sagte Traddles. »Ich blieb bei ihm wohnen in der Erwartung, daß er mich in einem Beruf unterbringen würde, bis ihm unglücklicherweise die Gicht in den Magen trat – und da starb er, und sie heiratete einen jungen Mann, und ich bekam nichts.« »Bekamst du gar nichts, Traddles?«

»O mein Gott,« sagte Traddles, »ich erhielt fünfzig Pfund. Ich war für keinen bestimmten Beruf erzogen und anfangs wußte ich durchaus nicht, was ich anfangen sollte. Endlich fing ich mit dem Beistande des Sohnes eines Advokaten, der auch in Salemhaus gewesen war – Yawler mit der schiefen Nase – du erinnerst dich seiner noch –«

»Nein, er war zu meiner Zeit nicht dort gewesen; damals hatten alle gerade Nasen gehabt.«

»Nun, es macht nichts aus«, sagte Traddles. »Mit seiner Hilfe lernte ich Akten abschreiben. Dabei kam nicht viel heraus; dann fing ich an, Referate für sie zu besorgen und Auszüge zu machen und ähnliche Arbeiten zu verrichten, denn ich hatte alle Anlage zum mühsamen Arbeiten, Copperfield, und hatte gelernt, mich in solchen Sachen kurz zu fassen. Hernach kam es mir in den Kopf, mich als Student der Rechte einschreiben zu lassen, und damit wurde ich den Rest meiner fünfzig Pfund los. Hawler empfahl mich indessen bei ein paar andern Advokaten – unter andern an Mr. Waterbrook – und ich bekam ziemlich viel zu tun. Außerdem war ich so glücklich, mit einem Buchhändler bekannt zu werden, der eine Encyklopädie herausgibt, und mir ebenfalls Arbeit zukommen ließ; ich arbeite gerade jetzt für ihn«, sagte er mit einem Blick auf den Tisch. »Ich kompiliere nicht schlecht, Copperfield,« meinte Traddles mit einer gewissen heitern Zufriedenheit, »aber ich habe nicht die mindeste Erfindung. Ich glaube wahrhaftig, es hat noch nie einen Mann von so wenig Originalität gegeben als mich!«

Da Traddles meine Zustimmung zu dieser Äußerung zu erwarten schien, nickte ich, und er fuhr mit derselben bescheidenen Zufriedenheit fort:

»So sammelte ich mir endlich durch Arbeit und Sparsamkeit die hundert Pfund, und Gott sei Dank, daß sie bezahlt sind, obgleich es wahrhaftig keine Kleinigkeit war«, sagte Traddles und zuckte, als ob ihm abermals ein Zahn ausgezogen würde. »Ich ernähre mich durch solche Arbeiten, und ich hoffe, nach und nach mit einer Zeitung in Verbindung zu kommen, und dann wäre mein Glück so gut wie gemacht. – Und noch eins, Copperfield, du bist ganz so wie du früher warst, mit deinem gemütlichen Gesicht, und es freut mich so sehr, dich zu sehen, daß ich dir nichts verbergen kann. Daher will ich dir auch sagen, daß ich verlobt bin.«

»Verlobt? O Dora!«

»Mit der Tochter eines Pfarrers,« sagte Traddles; »eine von zehn Schwestern unten in Nevonshire. Ja!« denn er sah mich unwillkürlich einen Blick auf das Tintenfaß werfen, »das ist die Kirche. Man geht hier links herum durch dieses Tor, und gerade hier, wo ich die Feder hinhalte, steht das Haus – hier mit den Fenstern nach der Kirche.«

Die Freude, mit der er auf diese Einzelheiten einging, wurde mir erst später ganz offenbar; denn meine selbstsüchtigen Gedanken entwarfen in diesem Augenblick einen Grundriß von Mr. Spenlows Haus und Garten.

»Und was für ein liebes Mädchen!« sagte Traddles; »ein wenig älter als ich, aber ein herrliches Mädchen! Ich erzählte dir ja, ich würde verreisen; ich war dort. Ich reiste zu Fuß hin und zurück und habe mich herrlich amüsiert! Freilich wird es ein ziemlich langer Brautstand sein, aber unser Wahlspruch ist: ›Warten und hoffen!‹ Und, Copperfield, sie würde auf mich warten, bis sie sechzig Jahre alt wäre, und noch länger, darauf kannst du dich heilig verlassen!«

Traddles stand auf und legte mit triumphierendem Lächeln die Hand auf das weiße Tischtuch, das ich schon früher erwähnte.

»Und dennoch haben wir schon einen kleinen Anfang mit der Wirtschaft gemacht«, sagte er. »Ja, ja, wir haben schon einen Anfang gemacht. Freilich geht es nur langsam vorwärts, aber angefangen haben wir. Hier sind schon zwei Stücke Hausrat«, sagte er, indem er das Tischtuch sehr sorgfältig und mit großem Stolz wegzog. »Diesen Blumentopf mit Untersetzer hat sie selbst gekauft. Der wird in das Fenster gesetzt,« sagte Traddles und trat ein wenig zurück, um das Stück mit desto mehr Bewunderung zu betrachten, »mit den Blumen darin, und – und dann ist es schön! Diesen kleinen runden Tisch mit der Marmorplatte – zwei Fuß zehn Zoll im Umfange – habe ich gekauft. Man will ein Buch hinlegen, oder es kommt jemand zu Besuch und will eine Teetasse aus der Hand setzen, und – da ist so etwas gut! Der Tisch ist ausgezeichnet gearbeitet, fest wie ein Felsen!«

Ich lobte beide Stücke höchlichst und Traddles deckte das Tischtuch so sorgfältig wieder darüber, wie er es weggenommen hatte.

»Es ist freilich nur ein kleiner Anfang zur vollständigen Ausstattung,« sagte Traddles, »aber es ist doch etwas. Die Tischtücher und Betten und die andern Sachen dieser Art machen mir am meisten Sorge, Copperfield. Auch der Eisenkram – die Lichtkästen und Roste und derart Sachen – weil die so sehr ins Geld laufen. Aber ›Warten und hoffen!‹ Und ich sage dir, sie ist ein herrliches Mädchen.«

»Davon bin ich überzeugt«, sagte ich.

»Unterdessen,« sagte Traddles und setzte sich wieder auf seinen Stuhl – »und damit will ich aufhören von mir zu schwatzen – stümpere ich mich so gut durch wie ich kann. Ich verdiene nicht viel, aber ich brauche nicht viel. Für gewöhnlich esse ich bei den Leuten unten, ganz angenehme Leute. Mr. und Mrs. Micawber haben viel erlebt und sind vortreffliche Gesellschaft.«

»Lieber Traddles!« rief ich aus. »Was sagst du da?«

Traddles sah mich an, als ob er mich nicht verstände.

»Mr. und Mrs. Micawber!« wiederholte ich. »Mein Gott, die kenne ich ja ganz genau!«

Ein zweimaliges Klopfen an der Haustür, das ich aus alter Erfahrung von der Windsorterrasse her recht gut kannte, und das nur von Mr. Micawber herrühren konnte, löste alle meine Zweifel über die Nähe meiner alten Freunde. Ich bat Traddles, seinen Wirt einzuladen, heraufzukommen. Traddles rief ihn über das Treppengeländer herauf, und Mr. Micawber trat, nicht im mindesten verändert – die engen Beinkleider, der Rock, der Vatermörder und die Lorgnette ganz wie ehedem – mit vornehmer und jugendlicher Miene in das Zimmer.

»Ich bitte um Verzeihung, Mr. Traddles«, sagte Mr. Micawber mit dem alten hochtrabenden Tonfall in seiner Stimme, und unterbrach sich in einer Arie, die er vor sich hinsummte. »Ich wußte nicht, daß sich ein Ihrer Wohnung fremdes Individuum in Ihrem Sanktum befindet.«

Mr. Micawber machte mir eine leichte Verbeugung und zog den Hemdkragen in die Höhe.

»Wie befinden Sie sich, Mr. Micawber?« sagte ich.

»Sir,« sagte Mr. Micawber, »ich bin Ihnen ausnehmend verbunden. Ich bin in statu quo.«

»Und Mrs. Micawber?« fuhr ich fort.

»Sir,« sagte Mr. Micawber, »auch sie ist, Gott sei Dank, in statu quo.«

»Und die Kinder, Mr. Micawber?«

»Sir, es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß auch sie sich der Gesundheit erfreuen.«

Bis dahin hatte mich Mr. Micawber noch nicht erkannt, obgleich ich unmittelbar vor ihm stand. Aber als er mich jetzt lächeln sah, betrachtete er meine Züge näher, trat zurück und rief aus: »Ist's möglich! Habe ich das Glück, Copperfield wiederzusehen!« und schüttelte mir mit der größten Herzlichkeit beide Hände.

»Ach, Mr. Traddles,« sagte Mr. Micawber, »daß ich in Ihrem Bekannten den Freund meiner Jugend, den Gefährten meiner frühern Jahre wiederfinden muß! Liebe Frau,« rief er über das Treppengeländer hinab, während Traddles nicht ohne Grund ein nicht wenig verwundertes Gesicht über diese Beschreibung meiner Person machte, »hier bei Mr. Traddles ist ein Herr, den ich dir vorzustellen wünsche.« Mr. Micawber trat wieder in das Zimmer und schüttelte mir wieder die Hände.

»Und was macht unser guter Freund, der Doktor Strong, lieber Copperfield?« fragte Mr. Micawber, »und der ganze gemütliche Kreis in Canterbury?«

»Ich habe nur gute Nachrichten von ihnen«, sagte ich.

»Es freut mich sehr das zu hören«, sagte Mr. Micawber. »In Canterbury sahen wir uns zuletzt. Es war im Schatten, bildlich zu sprechen, jenes erhabenen Tempels, den Chaucer unsterblich gemacht hat und der in alten Zeiten das Wanderziel von Pilgern aus den fernsten Winkeln der – kurz,« sagte Mr. Micawber, »es war in der unmittelbaren Nähe des Doms.«

Ich stimmte dem bei. Mr. Micawber fuhr fort, mit derselben Zungenfertigkeit zu sprechen, aber, wie mir es schien, nicht ohne einige Zeichen von Unruhe über gewisse Töne im Nebenzimmer, gerade als ob Mrs. Micawber ihre Hände wüsche und schwer zugehende verquollene Kasten eilig öffnete und zuschöbe.

»Sie finden uns, Copperfield,« sagte Mr. Micawber, und sah mit einem Auge Traddles an, »gegenwärtig in einem sozusagen kleinen und anspruchslosen Haushalt; aber Sie wissen, daß ich im Verlaufe meines Lebens Schwierigkeiten besiegt und Hindernisse aus dem Wege geräumt habe. Ihnen ist die Tatsache nicht unbekannt, daß es Perioden in meinem Leben gegeben hat, wo ich genötigt war zu warten, bis gewisse, längst erwartete Ereignisse eintraten: wo ich sozusagen einen Anlauf nehmen mußte, ehe ich das tat, was ich gewiß ohne Anmaßung den entscheidenden Sprung nennen kann.

Auch die gegenwärtige Zeit ist einer dieser verhängnisvollen Augenblicke in dem menschlichen Leben. Auch jetzt bin ich zurückgetreten, um einen Anlauf zu nehmen; und ich habe allen Grund zu glauben, daß ich binnen kurzem einen kräftigen Sprung machen werde.« Ich hatte kaum meine Befriedigung darüber ausgesprochen, als Mrs. Micawber hereintrat; etwas salopper als früher, wenigstens kam es meinen ungewohnten Augen so vor, aber dennoch einigermaßen für die Gesellschaft angeputzt und mit braunen Handschuhen bekleidet.

»Liebe Frau,« sagte Mr. Micawber und führte sie mir entgegen, »hier ist ein Herr, namens Copperfield, der seine Bekanntschaft mit dir zu erneuern wünscht.«

Es wäre besser gewesen, wenn die gute Frau erst etwas vorbereitet worden wäre, denn da Mrs. Micawber gerade in zarten Gesundheitsumständen war, so wurde sie von der plötzlichen Erschütterung so überwältigt und fühlte sich so unwohl, daß Mr. Micawber in großer Angst zur Wassertonne im Hinterhof hinablaufen und ein Becken voll Wasser heraufholen mußte, um ihr das Gesicht damit anzufeuchten.

Sie kam aber sogleich wieder zu sich und freute sich aufrichtig mich zu sehen. Wir unterhielten uns etwa eine halbe Stunde lang, und ich erkundigte mich nach den Zwillingen, die, wie sie sagte, ganz groß geworden waren, und nach Master und Miß Micawber, die sie als vollkommene Riesen beschrieb, die sich aber bei dieser Gelegenheit nicht zeigten.

Mr. Micawber wollte mich durchaus zum Essen dabehalten. Ich hätte nichts dawider gehabt, aber aus Mrs. Micawbers Augen schien mir Unruhe und Berechnung des noch vorhandenen kalten Bratens zu blicken. Ich gab daher vor, wo anders eingeladen zu sein, und widerstand allem Drängen, diese Einladung rückgängig zu machen, da ich bemerkt hatte, daß Mrs. Micawber sofort heiterer wurde.

Aber ich sagte Traddles und Mr. und Mrs. Micawber, daß ich unter keiner Bedingung eher fortgehen würde, als bis sie einen Tag bestimmt hätten, wo sie bei mir speisen wollten. Traddles Arbeiten nötigten uns, den bestimmten Tag etwas weit hinauszuschieben; aber wir wurden doch zuletzt einig, und ich nahm Abschied. Unter dem Vorwande, mir einen nähern Weg zu zeigen, begleitete mich Mr. Micawber bis an die Ecke der Straße, da er, wie er mir sagte, mit einem alten Freunde gern ein paar Worte im Vertrauen sprechen wollte.

»Lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber, »ich brauche Ihnen wohl kaum zu sagen, daß es ein unsäglicher Trost ist, unter den obwaltenden Umständen unter unserm Dache ein Gemüt zu besitzen, wie es in Ihrem Freunde Traddles leuchtet – wenn ich mir diesen Ausdruck erlauben darf. Wenn auf der einen Seite eine Waschfrau wohnt, die in dem Fenster ihres Wohnzimmers alte Backware zum Verkauf ausstellt, und ein Kriminalpolizist uns gegenüber, so können Sie sich wohl denken, daß Traddles Gesellschaft für mich und Mrs. Micawber eine Quelle des Trostes ist.

Ich beschäftige mich gegenwärtig mit einem Kommissionshandel in Getreide, lieber Copperfield. Es ist kein sehr lohnender Beruf – mit andern Worten, es kommt nichts dabei heraus – und infolgedessen befinde ich mich in einigen vorübergehenden Verlegenheiten von geldlicher Natur. Es freut mich jedoch ungemein, sogleich hinzusetzen zu können, daß ich sichere Aussicht habe, es werde sich diesmal etwas finden, obgleich ich noch nicht sagen darf, wo, was mich instand setzen wird, dauernd für mich und unsern lieben Freund Traddles zu sorgen, für den ich eine aufrichtige Teilnahme fühle. Es wird Sie vielleicht nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß Mrs. Micawber in Gesundheitsumständen ist, die eine Vermehrung der Pfänder der Liebe – kurz, unserer Kinder– nicht ganz unwahrscheinlich machen. Mrs. Micawbers Familie hat sich zwar gemüßigt gesehen, über diesen Umstand ihre Unzufriedenheit zu äußern. Ich habe nur zu bemerken, daß ich diese Äußerung ihrer Empfindungen mit Hohn und Entrüstung zurückweise.«

Mr. Micawber schüttelte mir wieder die Hand und verließ mich.

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