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David Copperfield - Teil 1

Charles Dickens: David Copperfield - Teil 1 - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Teil 1
publisherMax Hesses Verlag
volume1
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060608
projectiddd23577b
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Ich gerate in Gefangenschaft.

Ich sah Uriah Heep erst an dem Tage wieder, als Agnes die Stadt verließ. Ich fand mich bei dem Postkutschenbureau ein, um Abschied von ihr zu nehmen und sie abfahren zu sehen; und er war richtig auch da, um in demselben Wagen nach Canterbury zurückzukehren. Es gereichte mir einigermaßen zur Befriedigung, als ich seinen an den Ärmeln und der Taille verwachsenen, hochschultrigen, maulbeerfarbigen Überrock in Gesellschaft von einem Regenschirm, so groß wie ein Zelt, auf dem Rande eines Rücksitzes auf dem Dache sitzen sah, während Agnes natürlich inwendig fuhr; doch die Qualen, die ich während meiner Bemühungen ausstand, freundlich gegen ihn zu sein, solange Agnes zusah, verdienten vielleicht diese kleine Belohnung. Wie bei jenem Mittagsessen, umschwebte er uns auch vor dem Wagenfenster ohne einen Augenblick Unterbrechung, wie ein großer Geier, und verschlang gierig jede Silbe, die ich zu Agnes und die Agnes zu mir sagte.

In dem Zustande der Aufregung, in den mich seine Enthüllung in meiner Wohnung versetzt hatte, mußte ich gar oft an die Worte von Agnes denken, deren sie sich in bezug auf das Kompaniegeschäft bedient hatte: »Ich tat, was ich für das Rechte hielt und was es hoffentlich auch ist. – Ich fühlte, daß das Opfer nötig war, um den Vater zu beruhigen, und deshalb bat ich ihn es zu bringen.« Eine mich ganz unglücklich machende Ahnung, daß sie derselben Empfindung nachgeben würde, wenn diese was immer für ein Opfer seinetwegen erheischte, beherrschte fortan mein Gemüt. Ich kannte das Hingebende ihrer Natur. Ich wußte es ja von ihren eigenen Lippen, daß sie sich als die unschuldige Ursache seiner Fehltritte betrachtete, daß sie wähnte, sie habe ihm eine gar große Schuld abzutragen, und daß sie das sehnsüchtigst wünschte. Kein Trost lag für mich in der augenfälligen Grundverschiedenheit ihres Wesens von dem dieses scheußlichen rotköpfigen Reptiles mit dem maulbeerfarbenen Überrock, denn gerade darin, in der Selbstverleugnung ihrer reinen Seele und in der schmutzigen Gemeinheit der seinigen, lag die um so größere Gefahr.

Alles dies aber wußte Uriah ohne Zweifel ganz genau, und hatte es in seiner Verschlagenheit Wohl erwogen.

Und die Aussicht auf ein solches, wenn auch noch so fernes Opfer mußte sicherlich das Glück von Agnes zerstören, doch war ich ihrem ganzen Benehmen nach so sicher, es sei noch kein Schatten einer Ahnung davon auf sie gefallen, daß ich sie ebensogut hätte verwunden können, als ihr mitteilen, was ihr drohe und bevorstehe. So schieden wir ohne eine Erklärung: sie mit der Hand Lebewohl winkend und durchs Wagenfenster lächelnd; ihr böser Genius sich auf dem Kutschdache krümmend, als ob er sie triumphierend in seinen Klauen hielte.

Lange Zeit konnte ich diese Abschiedsszene nicht vergessen. Als Agnes mir ihre sichere Ankunft meldete, fühlte ich mich so unglücklich, als ob ich sie eben erst abreisen sähe. So oft ich in Nachdenken versank, trat dieser Gegenstand vor meinen Geist, und alle meine Sorge und Unruhe verdoppelte sich. Kaum eine Nacht verging, ohne daß ich davon träumte. Diese Sorge wurde zu einem Teile meines Lebens, und so unzertrennlich davon wie mein Kopf.

Auch hatte ich Muße genug, über meine Unruhe zu brüten, denn Steerforth war in Oxford, wie er mir schrieb, und wenn ich nicht im Bureau war, war ich meistens allein. Ich glaube, ich hegte damals schon einen unbestimmten Argwohn gegen Steerforth. Ich beantwortete seinen Brief höchst freundschaftlich, aber ich war im ganzen froh, daß er jetzt nicht nach London kam.

Ich glaube, daß war der Einfluß von Agnes, der sich stärker geltend machte, wenn ihn der Anblick von Steerforth nicht zurückdrängte, und der um so mächtiger wirkte, als Agnes jetzt meine Gedanken so viel beschäftigte.

Unterdessen vergingen Tage und Wochen. Ich kam kontraktmäßig zu Spenlow und Jorkins in die Lehre. Meine Tante gab mir ausschließlich des Hauszinses und einiger damit verwandten Ausgaben neunzig Pfund jährlich. Meine Zimmer waren auf zwölf Monate gemietet, und obgleich sie mir immer noch abends äußerst ungemütlich und die Abende überhaupt sehr lang vorkamen, so hatte ich mich doch allmählich an eine sehr gleichmäßige, melancholische Temperatur und vielen Kaffee gewöhnt; dieses Getränk, glaube ich, genoß ich damals tonnenweise.

Um dieselbe Zeit machte ich auch drei Entdeckungen: erstlich, daß Mrs. Crupp von einer Krankheit gequält wurde, die sie Magenkrämpfe nannte, und die sich besonders dadurch auszeichnete, daß sie stets von einer geröteten Nase begleitet war und mit Pfefferminze behandelt werden mußte; zweitens, daß eine Eigenheit in der Temperatur meiner Vorratskammer alle Kognakflaschen zum Springen brachte; drittens, daß ich allein und verlassen in der Welt war, und diese Entdeckung in Bruchstücken englischer Lyrik niederzuschreiben pflegte.

An dem Tage, wo ich in das Geschäft eintrat und mein Vertragsartikel aufgesetzt wurde, fand keine Feierlichkeit statt; nur die Schreiber traktierte ich mit kalter Küche und Sherry, und ich ging abends allein ins Theater. Ich sah den »Fremdling« als ein meinen zukünftigen Beruf behandelndes Stück und war so erschöpft, daß ich mich bei meiner Nachhausekunft kaum im Spiegel erkannte. Als der Kontrakt unterzeichnet war, meinte Mr. Spenlow, er hatte sich glücklich geschätzt, mich zur Feier des Tages in seinem Hause in Norwood zu sehen, wenn nicht seine Wirtschaft infolge der erwarteten Ankunft seiner Tochter, die aus einer Erziehungsanstalt in Paris zurückkehrte, etwas in Unordnung wäre. Aber er deutete zugleich an, daß er es sich nach ihrer Rückkehr zum Vergnügen machen werde, mich bei sich zu sehen. Ich wußte, daß er ein Witwer war und eine einzige Tochter hatte, und drückte ihm meinen Dank aus.

Mr. Spenlow hielt Wort. In ein paar Wochen kam er auf sein Versprechen zurück und sagte, wenn ich ihm die Ehre erweisen wollte, ihn nächsten Sonnabend zu besuchen und bis Montag zu bleiben, so würde er sich sehr glücklich schätzen. Natürlich sagte ich, ich würde ihm die Ehre erweisen; er versprach mir, mich in seinem Phaethon mitzunehmen und mich wieder zurückzufahren.

Als der bestimmte Tag kam, war sogar meine Reisetasche den alarmierten Schreibern ein Gegenstand der Verehrung, denn ihnen war das Haus in Norwood ein geheiligtes Mysterium. Einer erzählte mir, er habe gehört, Mr. Spenlow speise nur von Silber und Porzellan; und ein anderer bedeutete mich, Champagner werde beständig vom Faß geschenkt wie Tischbier. Der alte Bureauvorsteher in der Perücke, der Mr. Tiffey hieß, war im Verlauf seines Lebens mehrmals in Geschäften dort gewesen und war dann stets bis in das Frühstückszimmer vorgedrungen. Er beschrieb es als ein Gemach von der prunkvollsten Einrichtung und sagte, daß er dort dunkelbraunen, ostindischen Sherry getrunken hätte, so kostbar, daß man dabei die Augen zukneifen müßte, um ihn würdigen zu können.

Wir hatten an diesem Tage eine langvertagte Verhandlung im Konsistorium – es handelte sich um die Exkommunikation eines Bäckers, der sich in einer Kirchenältestenversammlung gegen eine Pflastersteuer gesträubt hatte – und da die Verlesung der Zeugenaussagen nach meiner Berechnung gerade zweimal so lang dauerte wie Robinson Crusoe, so wurde es ziemlich spät, bis wir zu Ende kamen. Zuletzt aber gelang es uns doch, ihn zu sechswöchentlicher Exkommunikation und zu einer Unmasse von Kosten verurteilt zu sehen, und dann verließen der Proktor des Bäckers und der Richter und die Advokaten der beiden Parteien, die alle sehr nahe miteinander verwandt waren, zusammen die Stadt, und Mr. Spenlow und ich setzten uns in den Phaethon.

Der Phaethon war ein ganz reizendes Dingchen, und die Pferde bäumten den Nacken und hoben die Beine, als ob sie gewußt hätten, daß sie zu Doktors' Commons gehörten. In allen Dingen, die Schaustellung und Prunk betrafen, herrschte in den Commons viel Wetteifer; doch habe ich stets dafür gehalten und werde stets dieser Ansicht bleiben, daß der eigentliche Artikel in dem man sich wetteifernd zu überbieten suchte, Stärkemehl war, das von den Proktoren in ihrer Wäsche in einem Maße getragen wurde, wie es der Menschennatur überhaupt möglich ist, sie an sich zu tragen.

Wir unterhielten uns auf der Hinfahrt sehr angenehm, und Mr. Spenlow gab mir einige Andeutungen über meinen Beruf. Er sagte mir, es sei der anständigste Beruf von der Welt und dürfte durchaus nicht mit dem eines einfachen Anwalts etwa eines Solicitors verwechselt werden, denn er sei etwas ganz anderes, bedeutend exklusiver, weniger mechanisch und viel gewinnreicher.

»Wir machen uns in den Commons die Sachen viel leichter, als es anderswo geschehen könnte,« bemerkte er, »und das macht uns schon zu einer privilegierten Klasse.«

Er sagte, man könne sich allerdings nicht die unangenehme Tatsache verbergen, daß wir hauptsächlich von Anwälten verwendet würden, aber er gab mir zu verstehen, daß sie eine untergeordnete Klasse von Menschen wären und von allen Proktoren mit einigen Ansprüchen geringschätzig angesehen würden.

Ich fragte Mr. Spenlow, was er für die beste Art von Geschäften halte; er entgegnete, daß ein guter Prozeß um ein bestrittenes Testament, wo es sich um ein kleines hübsches Gut von dreißig oder vierzig Tausend handle, vielleicht die beste Sache sei. Bei einem solchen Prozeß, sagte er, fiele nicht nur ziemlich viel durch die Rechtseinwände in jedem Stadium des Verfahrens und unter den Bergeslasten von Zeugenbeweisen bei Vernehmungen und Wiedervernehmungen ab, sondern, da die Kosten doch am Ende auf das Grundstück fielen, so gingen beide Parteien mit gleicher Lebhaftigkeit an den Prozeß, und um die Höhe der Kosten mache man sich keine Sorge. Dann erhob er sich zu einer allgemeinen Lobrede auf die Commons.

Was an den Commons besonders zu bewundern sei, sagte er, sei ihre »Kompaktheit«. Es war der am bequemsten organisierte Platz auf der Welt, der Inbegriff der Behaglichkeit. Alles wie in einer Nußschale beisammen. »Z. B.: Sie bringen einen Scheidungsfall oder eine Restitutionsklage vor das Konsistorium. Schön! Also Sie versuchen's im Konsistorium. Wie ein Gesellschaftsspiel in einem Familienkreise spielen Sie da gemächlich ihr Partiechen zu Ende. Gesetzt nun den Fall, Sie wären mit dem Konsistorium nicht zufrieden, – was dann? Nun dann gehen Sie vor das Oberkonsistorium, vor das sogenannte Archesgericht. Was ist dies? Dasselbe Gericht, im selben Saale, mit derselben Barre und denselben Rechtsgelehrten, aber mit einem andern Richter, denn der Konsistoriumsrichter kann ja an jedem Gerichtstage als Advokat fungieren. Also gut, wieder ein gemütliches Gesellschaftsspielchen. Sie sind wieder nicht befriedigt gewesen. Schön! Was tun Sie dann? Jetzt gehen Sie zum sogenannten Oberappellationsgericht, zum Delegiertengericht. Was ist das Delegiertengericht? Das sind die unbeschäftigten Advokaten, die in den beiden andern Fällen, als Sie Ihr Spielchen vor den zwei Gerichten machten, nichts zu tun hatten, sondern zusahen, wie die Karten gemischt, abgehoben und ausgespielt wurden, sich mit allen Mitspielern darüber besprochen hatten, und jetzt als frische Kräfte drankamen, um als Richter zu jedermanns Zufriedenheit Recht zu sprechen!

Mißvergnügte mögen ja von Korruption in den Commons reden, von dem engen Horizont der Commons und von der Notwendigkeit sie zu reformieren,« schloß Mr. Spenlow zum Schlüsse feierlich; »aber die Commons hatten noch immer am meisten zu tun, wenn der Preis des Weizens per Scheffel am höchsten stand, und man darf die Hand aufs Herz legen und frei vor der ganzen Welt sagen: Rüttelt an den Commons und das Vaterland ist in Gefahr!«

Ich hörte alledem mit großer Aufmerksamkeit zu, und, wennschon ich einigermaßen zweifelte, ob das Vaterland den Commons wirklich so sehr verpflichtet sei, wie Mr. Spenlow behauptete, so beugte ich mich doch ehrerbietig vor seiner Autorität.

Der Weizenpreis per Scheffel – ich fühlte es in aller Bescheidenheit – ging über meinen beschränkten Horizont und entschied die Sache. Ich habe niemals, und bis zur Stunde nicht, mit diesem Scheffel fertig werden können. Er ist immer wieder aufgetaucht, auf den verschiedensten Gebieten und in den mannigfaltigsten Zusammenhängen, um mir eine Schlappe beizubringen. Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich dazu komme und wie er mich bei zahllosen Gelegenheiten hat den Kürzern ziehen lassen können – doch sei's wie es sei: so oft ich meinen alten Freund, den Scheffel mit Kopf und Schultern – so wird er ja immer transportiert – herbeigeschleppt werden sehe, gebe ich's auf.

Doch das ist eine Abschweifung. Ich war jedenfalls nicht der Mann, an den Commons zu rütteln und die Grundfesten des Vaterlandes zu erschüttern.

Durch Schweigen drückte ich meine ehrerbietige Zustimmung zu allem aus, was mir mein an Jahren und Kenntnissen überlegener Gesellschafter sagte; wir unterhielten uns vom »Fremdling« und dem Theater im allgemeinen und dem Gespann vor dem Wagen, bis wir Mr. Spenlows Tür erreichten.

Mr. Spenlows Haus lag in einem wunderschönen Garten, und obwohl dies nicht die beste Jahreszeit war, um einen Garten zu sehen, war er dennoch so vorzüglich gehalten, daß er mich ganz entzückte. Er hatte einen hübschen Rasenplatz, Baumgruppen und anmutig verschlungene Wege mit Spalieren überdeckt, an dem sich in der Blütezeit Schlinggewächse rankten. Dort geht Miß Spenlow gewiß oft allein spazieren! Ach! dachte ich.

Wir traten in das Haus, das sehr hell erleuchtet war, und in eine Vorhalle, wo alle Arten Hüte, Mützen, Überröcke, Mantel, Handschuhe, Peitschen und Spazierstöcke aufbewahrt waren. »Wo ist Miß Dora?« sagte Mr. Spenlow zu dem Bedienten. »Dora!« dachte ich, »was für ein schöner Name!«

Wir traten in das nächste Zimmer (ich glaube, es war das durch den braunen, ostindischen Sherry merkwürdig gewordene Frühstückszimmer) und ich hörte eine Stimme sagen: »Mr. Copperfield, meine Tochter Dora und die vertraute Freundin meiner Tochter Dora.« Ohne allen Zweifel war es Mr. Spenlows Stimme, aber ich wußte es nicht und kümmerte mich auch nicht darum. In einem Augenblick war alles vorbei mit mir. Mein Schicksal war erfüllt. Ich war ein Gefangener und ein Sklave. Ich liebte Dora Spenlow zum Wahnsinnigwerden.

Sie war für mich mehr als ein irdisches Wesen. Sie war eine Fee, eine Sylphe, ich weiß nicht mehr was – alles, was noch niemand gesehen, und alles, wonach sich jedermann jemals gesehnt hatte. Ich war in einem Augenblick in einen Abgrund von Liebe versunken; da war von keinem Zögern an seinem Rande, von keinem Hinuntersehen oder Zurückbleiben die Rede; Hals über Kopf war ich hineingestürzt, ehe ich auch nur die Besinnung gehabt hatte, ein Wort zu ihr zu sagen.

»Ich,« bemerkte eine wohlbekannte Stimme, nachdem ich mich verbeugt und ein paar Worte gemurmelt hatte, »ich habe Mr. Copperfield schon früher gesehen.«

Das war nicht Dora, nein, sondern die vertraute Freundin Miß Murdstone!

Ich glaube nicht, daß ich sehr überrascht war. So viel wie ich noch urteilen kann, hatte ich die Fähigkeit zu erstaunen verloren. In der ganzen irdischen Welt war nichts des Erstaunens wert, außer Dora Spenlow. Ich sagte: »Wie befinden Sie sich, Miß Murdstone? Ich hoffe, Sie befinden sich wohl?«

Sie erwiderte: »Sehr wohl.«

Ich sagte: »Was macht M. Murdstone?«

Sie erwiderte: »Mein Bruder ist recht wohl, ich danke Ihnen recht sehr.«

Mr. Spenlow, den wahrscheinlich unser früheres Bekanntsein überraschte, mischte sich jetzt ins Gespräch.

»Es freut mich zu erfahren, Copperfield,« sagte er, »daß Sie und Miß Murdstone bereits miteinander bekannt sind.«

»Mr. Copperfield und ich,« sagte Miß Murdstone mit strenger Fassung, »sind Verwandte. Wir waren einmal ein wenig miteinander bekannt. Es war in seinen Kinderjahren. Verhältnisse haben uns seitdem voneinander getrennt. Ich hätte ihn nicht wieder erkannt.«

Ich entgegnete, daß ich sie unter allen Umständen wiedererkannt hätte, und das war auch wirklich wahr.

»Miß Murdstone ist so gütig gewesen,« sagte Mr. Spenlow, »das Amt – wenn ich es so nennen darf – der vertrauten Freundin meiner Tochter Nora anzunehmen. Da meine Tochter Nora leider keine Mutter hat, ist Miß Murdstone so gütig gewesen, ihre Gefährtin und Beschützerin zu werden.«

Ein schnell wieder verschwindender Gedanke sagte mir, daß Miß Murdstone gleich dem Taschenwerkzeug, das man gewöhnlich einen Lebensreiter nennt, vielmehr zu Angriffs- als zu Verteidigungszwecken geeignet war.

Aber da ich keine Minute lang an etwas anderes als an Dora denken konnte, so warf ich einen Blick auf sie und dachte gleich darauf, daß dieses hübsche, mutwillige Gesicht nicht sehr geneigt sein dürfte, allzu vertraulich gegen ihre Gefährtin und Beschützerin zu sein. Da wurde aber geläutet, zum Zeichen, daß es Zeit zum Ankleiden vor dem Mittagsessen sei, und Mr. Spenlow führte mich in mein Zimmer.

Der Gedanke, sich in diesem Zustande des Verliebtseins anzuputzen, oder überhaupt etwas zu tun, war zu lächerlich. Ich konnte mich nur vor das Feuer hinsetzen, mit dem Schlüssel meiner Reisetasche spielen und an die entzückende, jugendliche lebhafte Nora mit den herrlichen Augen denken. Welche Gestalt, welches Antlitz, welch anmutiges, schelmisches, bezauberndes Wesen!

Die Glocke läutete so bald wieder, daß ich mich zuletzt in aller Hast anziehen mußte, anstatt diesem Geschäft die Aufmerksamkeit zu widmen, die ich unter diesen Umständen gewünscht hätte. Als ich hinunter kam, fand ich einige Gesellschaft vor. Dora sprach mit einem alten grauköpfigen Herrn. Obgleich er grau war – und noch dazu ein Urgroßvater, wie er selbst sagte – war ich doch fürchterlich eifersüchtig auf ihn. Ach! In welcher Gemütsstimmung ich mich überhaupt befand! Ich war auf jeden eifersüchtig. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß jemand Mr. Spenlow besser kannte als ich! Es war eine Qual für mich, von Vorfällen sprechen zu hören, von denen ich nichts wußte. Als ein sehr liebenswürdiger Mann mit einem glänzenden, kahlen Kopfe mich über den Tisch fragte, ob ich das erstemal hier sei, hätte ich die fürchterlichste Rache an ihm nehmen können.

Ich glaube, ich genoß nur Dora, ich weiß nicht im mindesten, wer sonst noch anwesend war und schickte ein halbes Dutzend Schüsseln unberührt fort! Nur Dora existierte für mich! Ich saß neben ihr! Ich sprach mit ihr! Sie hatte das lieblichste Stimmchen, das heiterste Lächeln, die anmutigsten und entzückendsten kleinen Launen, die jemals einen verlornen Jüngling in hoffnungslose Sklaverei schmiedeten. Sie war niedlich in allem, ein richtiges Porzellanpüppchen, aber sie erschien mir dadurch nur um so interessanter und ungewöhnlicher!

Als sie mit Miß Murdstone das Speisezimmer verließ – die Gesellschaft zählte keine andern Damen –, verfiel ich in ein träumerisches Brüten, das nur von der quälenden Furcht, gestört wurde, Miß Murdstone möchte mich in ihren Augen herabsetzen. Der liebenswürdige Mann mit dem kahlen, glänzenden Kopfe erzählte mir eine lange Geschichte, ich glaube, von einem Garten. Ich glaube, er sagte mehrere Male: »Mein Gärtner.« Ich tat, als ob ich ihm die tiefste Aufmerksamkeit widmete, aber ich wandelte die ganze Zeit über mit Dora in dem Garten Eden.

Meine Befürchtung, dem Gegenstande meiner alles verzehrenden Neigung nachteilig dargestellt zu werden, wurde wieder wach, als wir in den Salon traten, und ich das strenge und kalte Angesicht der Miß Murdstone sah. Aber sie wurde bald in sehr unerwarteter Weise zerstreut.

»David Copperfield«, sagte Miß Murdstone und winkte mich in ein Fenster. »Auf ein Wort!« Ich stand allein vor Miß Murdstone.

»David Copperfield,« sagte Miß Murdstone, »ich brauche mich nicht über Familienverhältnisse zu verbreiten. Sie sind kein sehr verlockender Gegenstand.«

»Durchaus nicht, Madame«, erwiderte ich.

»Durchaus nicht«, stimmte Miß Murdstone bei. »Es liegt mir nichts daran, die Erinnerung an alte Streitigkeiten oder Beleidigungen aufzufrischen. Ich bin von einer Person beleidigt worden – einer Frau, muß ich leider zur Unehre meines Geschlechts sagen – deren Namen ich nicht ohne Zorn und Entrüstung erwähnen kann, und deswegen will ich sie lieber nicht erwähnen.«

Diese Anspielung auf meine Tante reizte meinen Zorn; aber ich sagte, es wäre sicherlich besser, sie nicht zu erwähnen. »Ich könnte nicht mit Mißachtung von ihr sprechen hören«, fügte ich hinzu, bestimmt, aber so höflich, als es mir möglich war.

Miß Murdstone machte die Augen zu und senkte voll Verachtung den Kopf; dann öffnete sie wieder langsam die Augen und sagte: »David Copperfield, ich werde nicht versuchen die Tatsache zu verhehlen, daß ich in Ihrer Kindheit eine sehr ungünstige Meinung von Ihnen gefaßt hatte, Ich kann mich damals geirrt haben, oder Sie haben aufgehört, mein Urteil zu rechtfertigen. Aber darum handelt es sich jetzt nicht zwischen uns. Ich gehörte einer Familie an, die sich, wie ich glaube, durch einige Festigkeit des Charakters ausgezeichnet hat – ich bin kein Geschöpf der Verhältnisse oder des Wechsels und lasse mich durch so was nicht umstimmen. Ich kann meine Meinung von Ihnen haben. Sie können Ihre Meinung von mir haben.«

Die Reihe mich zu verbeugen war jetzt an mir.

»Aber es ist deshalb nicht notwendig,« sagte Miß Murdstone, »daß diese Meinungen hier in Kollision kommen sollten. Unter obwaltenden Umständen ist es in jeder Hinsicht ebensogut, daß dies nicht geschehe. Da die Wechselfälle des Lebens uns wieder zusammengeführt haben und uns auch öfter wieder zusammenführen können, wollte ich Ihnen vorschlagen, uns gegenseitig als entfernte Bekannte zu behandeln. Die obwaltenden Familienverhältnisse rechtfertigen es vollkommen, wenn wir uns auf diesem Fuße behandeln, und es ist gar nicht notwendig, daß einer von uns den andern zum Gegenstände von unliebsamen Bemerkungen machen sollte. Sind Sie damit einverstanden?«

»Miß Murdstone,« erwiderte ich, »ich glaube, Sie und Mr. Murdstone haben mich sehr grausam und ungerecht behandelt und meiner armen Mutter das Leben schwer gemacht. Dessen werde ich gedenken, solange ich lebe. Aber mit Ihrem Vorschlage bin ich ganz einverstanden.«

Miß Murdstone machte wieder die Augen zu und verbeugte sich, dann berührte sie eben noch den Rücken meiner Hand mit den Spitzen ihrer kalten, steifen Finger und verließ mich, indem sie die kleinen Stahlfesseln an ihrem Handgelenk und an ihrem Halse zurechtschob. Es schienen mir noch die alten zu sein, und auch noch in demselben Zustande, wie ich sie zuletzt gesehen hatte. Zusammengehalten mit Miß Murdstones Charakter, erinnerten sie mich an die Ketten über einer Kerkertür, die allen Vorübergehenden schon an der Außenseite sagen, was drinnen zu erwarten ist.

Ich weiß weiter nichts mehr von dem ganzen Abend, als daß ich die Königin meines Herzens entzückende Balladen in französischer Sprache singen hörte, wozu sie sich selbst auf einem vielgepriesenen, gitarrenähnlichen Instrumente begleitete, meist des Inhalts, daß wir, was auch los sei, mit »Trallalla« durchs Leben tanzen sollten, so daß ich in seliges Entzücken verloren war und jede angebotene Erfrischung zurückwies, und namentlich vor Punsch zurückschauderte. Daß, als Miß Murdstone sie hinwegführte, Dora lächelte und mir ihr entzückendes Händchen gab. Daß ich einen Blick in einen Spiegel tat und ganz blöde und einfältig aussah. Das ich in einer höchst sentimental-weinerlichen Gemütsverfassung zu Bette ging, und noch im Zustande einer schwachen Betörung wieder aufwachte. Es war ein schöner Morgen und noch sehr früh; ich kam auf den Einfall, in den Laubengängen zwischen den Drahtspalieren einen kleinen Spaziergang zu machen und meiner Leidenschaft nachzuhängen, indem ich mir das Bild der Angebeteten hervorrief. Als ich durch die Vorhalle ging, begegnete ich ihrem kleinen Hunde, namens Jip. Ich näherte mich ihm zärtlich, denn ich liebte selbst ihn; aber er zeigte mir grimmig alle seine Zähne, verkroch sich unter einen Stuhl, um zu knurren, und wollte sich nicht die mindeste Vertraulichkeit gefallen lassen.

Der Garten war morgenfrisch und einsam. Ich ging auf und ab und fragte mich verwundert, wie unendlich glücklich ich mich fühlen müßte, wenn ich jemals mit diesem herrlichen Engel verlobt sein sollte. An Heirat und Vermögen und ähnliche Sachen dachte ich in meiner Unschuld damals ebensowenig, wie zu der Zeit, wo ich die kleine Emilie liebte. Sie »Dora« nennen, ihr schreiben, sie anbeten und glauben zu dürfen, daß sie in Gesellschaft anderer Leute doch noch an mich denke, das erschien mir als der Gipfel menschlichen Ehrgeizes – sicherlich als Gipfelpunkt des meinigen. Ohne allen Zweifel war ich ein sentimentaler, halb kindischer, bis über die Ohren verliebter Knabe; aber doch trugen alle diese Gefühle einen Charakter der Herzensreinheit, daß ich unmöglich mit Verachtung darauf zurückblicken kann, obgleich ich jetzt manchmal darüber herzlich lache.

Ich war noch nicht lange spazieren gegangen, als ich ihr, um eine Ecke biegend, begegnete. Schon bei der Erinnerung an dieses Zusammentreffen durchzuckt es mich jetzt noch von Kopf bis zu Fuß, und die Feder zittert mir in der Hand.

»Sie – sind – recht früh aufgestanden, Miß Spenlow«, stotterte ich.

»Es ist so langweilig im Hause,« sagte sie »und Miß Murdstone ist so dumm, sie redet solchen Unsinn von der Notwendigkeit, daß der Erdboden erst trocken werden müsse, bevor ich ausginge.«

»Trocken!« – sie lachte hier auf die anmutigste Weise – »Sonntags morgens, wenn ich drinnen nichts zu tun habe muß ich doch etwas tun! Deshalb sagte ich dem Vater schon gestern abend, ich müßte heute sehr früh spazieren gehen. Außerdem ist es die schönste Zeit des ganzen Tages. Meinen Sie nicht auch?«

Ich wagte einen kühnen Anlauf und sagte nicht ohne Stottern, daß es allerdings ein heiterer Tag sei, daß er mir aber vor einer Minute noch sehr finster vorgekommen sei.

»Soll das ein Kompliment sein,« sagte Dora, »oder hat sich das Wetter wirklich geändert?«

Ich stotterte noch schlimmer als vorher heraus, daß es kein Kompliment, sondern die einfache Wahrheit sei, daß ich aber von einer Änderung des Wetters nichts wüßte. Der Grund liege im Zustande meines Herzens, setzte ich beschämt hinzu, um die Erklärung zu vollenden.

Noch nie sah ich solche Locken – wie konnte das auch sein, denn es gab keine solche Locken mehr auf der Welt – wie die ihren, die sie jetzt schüttelte, um ihr Erröten zu verbergen. Und der Strohhut und die blauen Bänder, die ihre Locken bedeckten, wären für mich ein unbezahlbarer Schatz gewesen, wenn ich sie in meinem Zimmer in der Buckinghamstraße hätte aufhängen können.

»Sie sind eben von Paris zurückgekehrt?« sagte ich.

»Ja«, antwortete sie. »Sind Sie einmal dort gewesen?«

»Nein.«

»O, dann müssen Sie bald hingehen. Es wird Ihnen sehr gefallen.«

Spuren tiefen Schmerzes zeigten sich auf meinem Gesicht. Daß sie mein Fortgehen wünschen sollte, daß sie es nur für möglich hielt, ich könnte gehen, war mir unerträglich. Ich wollte nichts von Paris, nichts von Frankreich wissen. Ich sagte, ich würde unter den gegenwärtigen Umständen unter keiner Bedingung England verlassen. Nichts würde mich dazu bringen.

Kurz, sie schüttelte schon wieder ihre Locken, als zum Entsatz meiner Verlegenheit ihr Hündchen den Gang hergelaufen kam. Er war entsetzlich eifersüchtig auf mich und bellte mich heftig an. Sie nahm Jip auf ihren Arm, – o du mein Himmel, wie beneidenswert! – und liebkoste ihn, aber er fuhr fort zu bellen. Er wollte nicht leiden, daß ich ihn angriff; und da bekam er Schläge von ihr. Meine Leiden wurden nicht wenig vergrößert, als ich sah, wie sie ihn auf seine Mopsnase eher streichelte als schlug, während er mit den Augen zwinkerte und ihr die Hände leckte, und innerlich immer noch murrte wie ein kleiner Brummbaß.

Endlich war er still – er konnte gut still sein, denn ihr rosiges Kinn mit dem niedlichen Grübchen ruhte auf seinem Kopfe! Dann gingen wir weiter, um uns das Gewächshaus zu besehen.

»Sie sind nicht sehr genau bekannt mit Miß Murdstone?« fragte Nora.– »Mein Liebling!« – dies galt dem Hunde. – O, wenn ich damit gemeint gewesen wäre!

»Nein,« antwortete ich, »durchaus nicht.«

»Sie ist ein sehr lästiges Geschöpf«, sagte Dora schmollend. »Ich kann gar nicht begreifen, woran Papa gedacht hat, als er sie zu meiner Beschützerin wählte. Wer braucht denn Schutz? Ich gewiß nicht, Jip kann mich viel besser beschützen als Miß Murdstone – nicht wahr, guter Jip?«

Er zwinkerte bloß schläfrig mit den Augen, als sie ihn auf den runden Kopf küßte.

»Papa nennt sie meine vertraute Freundin, aber das ist sie ganz und gar nicht – nicht wahr, Jip? Wir beide, Jip und ich, schenken solchen grämlichen Leuten unser Vertrauen gewiß nicht. Wir schenken unser Vertrauen nach unserm eigenen Ermessen und suchen uns selbst unsere Freunde aus, anstatt sie uns überweisen zu lassen –nicht wahr, Jip?«

Jip brummte bejahend, so ungefähr wie ein summender Teekessel. Für mich war jedes Wort eine neue, der alten hinzugefügte Fessel.

»Es ist recht schlimm, weil wir keine gute Mama haben, an ihrer Stelle ein brummiges altes unfreundliches Geschöpf, wie Miß Murdstone, immer auf den Hacken zu haben – nicht wahr, Jip? Aber das ist uns einerlei, Jip. Wir wollen nicht mit ihr vertraut sein, und wir wollen trotz ihr so glücklich sein, wie wir können, und wir wollen sie peinigen und ihr nichts zu Gefallen tun – nicht wahr, Jip?«

Wenn das noch viel langer gedauert hätte, so wäre ich wahrhaftig vor ihr auf die Knie gefallen mit der Aussicht, sie mir auf dem Kies wund zu scheuern und obendrein sofort aus dem Hause geworfen zu werden. Aber zum Glück war das Gewächshaus nicht weit, und wir standen jetzt an seinem Eingange.

Es enthielt einen wahren Schatz von schönen Geranien. Wir gingen die Reihe entlang, und Dora blieb oft stehen, um diese oder jene Blume zu bewundern; ich folgte ihrem Beispiele und bewunderte dieselbe Blume, und Dora hielt scherzend das Hündchen in die Höhe, damit es an den Geranien rieche. Und wenn wir uns nicht alle drei im Feenlande befanden, so war ich doch ganz bestimmt darin.

Der Duft eines Geraniumblatts erfüllt mich noch heute mit halb ernstem, halb heiteren Staunen über die Wandlung, die so schnell über mich gekommen war, und ich sehe dann einen Strohhut mit blauen Bändern, einen Lockenkopf und ein schwarzes Hündchen, das von zwei zarten Armen in die Höhe gehalten wird, vor einem Gestell von Blüten und blanker Blätter stehen.

Miß Murdstone hatte uns gesucht. Sie fand uns hier und bot ihre gestrenge Wange, deren kleine Runzeln mit Puder gefüllt waren, Dora zum Kuß. Dann nahm sie Doras Arm und führte uns in feierlichem Schritt zum Frühstück, so steif, als ob wir zum Begräbnis eines Soldaten gingen.

Wieviel Tassen Tee ich trank, weil Dora ihn bereitete, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß noch, daß ich Tee hinuntergoß, bis mein ganzes Nervensystem, wenn ich damals eins hatte, in Glut und Feuer war.

Später gingen wir in die Kirche. Miß Murdstone saß zwischen Dora und mir, aber ich hörte sie singen, und die Gemeinde verschwand. Ich hörte eine Predigt – natürlich über Dora – und ich fürchte das ist alles, was ich von dem Gottesdienste weiß. Der Sonntag verging sehr still. Keine Gesellschaft, ein Spaziergang, ein Familiendiner von vier Personen, während der Abend mit dem Besehen von Büchern und Bildern verging und Miß Murdstone mit einem Predigtbuch vor sich da saß und über uns aufmerksam Wache hielt.

Ach! wie wenig ahnte wohl Mr. Spenlow, als er mir nachmittags gegenüber saß, sein Taschentuch über den Kopf gebreitet, wie innig ich ihn schon in Gedanken als sein Schwiegersohn umarmte! Wie wenig ahnte er, als ich am Abend Abschied von ihm nahm, daß er soeben seine volle Zustimmung zu meiner Verlobung mit Nora gegeben hatte, und daß ich des Himmels Segen auf sein Haupt herabrief!

Wir fuhren am Montag früh morgens nach der Stadt, denn wir hatten im Admiralitätsgericht einen Bergungsfall, der eine ziemlich genaue Kenntnis der Schiffahrt verlangte und zu dem – da wir in den Commons von solchen Sachen nicht viel verstehen konnten – der Richter zwei alte Mitglieder vom Schifffahrtsbureau zugezogen hatte, damit sie ihm aus der Klemme helfen möchten. Doch war Dora wieder am Frühstückstisch, um den Tee zu machen; ich hatte das schmerzliche Vergnügen, noch am Phaethon den Hut vor ihr abzunehmen, als sie mit Jip auf den Armen in der Tür stand.

Ich will nicht den fruchtlosen Versuch machen, zu beschreiben in welchem Lichte mir an jenem Tage die Admiralität erschien; welch unseliger Wirrwarr in meinem Kopfe herrschte, als ich den Verhandlungen zuhörte; wie ich den Namen Dora auf dem silbernen Ruder las, das als Emblem des hohen Gerichts auf dem grünen Tische lag, und wie sehr ich mir, als Mr. Spenlow ohne mich nach Hause fuhr – ich hatte mir mit der wahnsinnigen Hoffnung geschmeichelt, Mr. Spenlow werde mich noch einmal mitnehmen –, wie ein Seemann vorkam, der von seinem Schiff auf einer wüsten Insel zurückgelassen ist.

Wenn der langweilige Gerichtshof auferstehen und in greifbarer Form die wachen Träume wiedergeben könnte, die ich über Dora geträumt hatte, so würde er die Wahrheit dessen bezeugen.

Ich meine nicht nur die Träume, die ich an jenem Tage träumte, sondern Tag für Tag, Woche für Woche, von Sitzungstermin zu Sitzungstermin! Ich ging hin, nicht um den Verhandlungen zu folgen, sondern um an Dora zu denken.

Wenn ich jemals den Verhandlungen, wie sie sich langsam hinschleppten, einen Gedanken schenkte, so geschah es nur, um mich bei Ehesachen mit einer Erinnerung an Nora zu fragen, wie sich verheiratete Leute überhaupt veruneinigen könnten, und bei Erbschaftssachen zu überlegen, was ich in bezug auf Dora getan hätte, wenn das streitige Geld mir vermacht worden wäre. In der ersten Woche meines Verliebtseins kaufte ich vier prachtvolle Westen – nicht für mich; ich machte mir nichts daraus, aber für Dora – trug gelbe Glacehandschuhe auf der Straße und legte den Grund zu all meinen Hühneraugen, die ich je besessen hatte. Wenn meine damaligen Stiefel mit der natürlichen Größe meiner Füße verglichen werden könnten, würden sie auf die rührendste Weise Zeugnis von dem Zustande meines Herzens ablegen.

Und trotzdem, daß ich mich auf diese Weise Dora zu huldigen, zum Krüppel machte, ging ich doch täglich meilenweit, um sie zu sehen. Ich war nicht nur auf der Straße nach Norwood bald so bekannt wie die Briefträger des Distriktes, sondern ich durchstreifte auch London. Ich wandelte in den Straßen, wo die besten Läden für Damen waren, auf und ab, ich trieb mich am Wasser herum wie ein ruheloser Geist, ich trieb mich noch in den Parks herum, nachdem ich schon längst todmüde war.

Manchmal, in langen Zwischenräumen, sah ich sie auch richtig. Einmal winkte sie mir mit dem Handschuh zum Wagenfenster hinaus, ein andermal begegnete ich ihr mit Miß Murdstone, ging dann ein Stückchen mit ihnen und sprach mit ihr. Im letzteren Falle war mir hinterdrein immer recht elend zumut, weil ich nichts recht zur Sache Gehöriges gesprochen hatte, oder weil mich der Gedanke peinigte, daß sie von der Tiefe meiner Gefühle für sie keine Ahnung habe, oder daß ihr an mir nichts gelegen sei. Wie leicht zu glauben, erwartete ich stets eine neue Einladung von Mr. Spenlow. Aber ich erlebte fortwährende Enttäuschungen, denn es kam keine Einladung.

Mrs. Crupp muß eine sehr scharfblickende Frau gewesen sein, denn als ich mich kaum ein paar Wochen verliebt und noch nicht den Mut gehabt hatte, an Agnes etwas anderes zu schreiben, als daß ich Mr. Spenlow, »dessen Familie aus einer Tochter bestehe«, wie ich hinzufügte, in seinem Hause besucht habe – hatte sie es schon herausgefunden. Als ich eines Abends sehr schwermütig zu Hause saß, kam sie herauf zu mir (sie litt an ihrer früher erwähnten Krankheit, den Magenkrämpfen) und fragte mich, ob ich ihr mit etwas Kardamomtinktur mit Rhabarber, mit sieben Tropfen Nelkenessenz vermischt, – das beste Mittel für ihr Übel – aushelfen könnte, oder, wenn ich das nicht habe, mit ein klein wenig Kognak, der das nächstbeste Mittel war. Da ich von dem ersten Mittel nie etwas gehört und das zweite stets im Vorrat hatte, schenkte ich Mrs. Crupp ein Glas Kognak ein, das sie in meiner Anwesenheit trank, um jedem Verdacht zu begegnen, es könnte unrecht verwendet werden.

»Seien Sie doch munter,« sagte Mrs. Crupp; »es schneidet mir ins Herz, Sie so zu sehen; ich bin selbst eine Mutter.«

Ich sah nicht recht ein, was mich dieser Umstand eigentlich anging, aber ich lächelte Mrs. Crupp so gnädig an wie mir möglich war.

»Ach, Sie müssen mir die Freiheit verzeihen«, sagte Mrs. Crupp. »Ich weiß ja, was es ist. Es steckt eine Herzensangelegenheit dahinter!«

»Mrs. Crupp«, sagte ich und wurde rot.

»Ach du lieber Himmel! Nur frischen Mut!« sagte Mrs. Crupp und nickte mir Ermutigung zu. »Nur nicht die Hoffnung verloren! Wenn sie Ihnen nicht lächelt, so gibt es noch andere genug! Sie sind ein junger Herr, der das Anlächeln schon wert ist, erst müssen Sie aber Ihren Wert kennen lernen, Mr. Copperfull!«

Mrs. Crupp nannte mich stets Mr. Copperfull, erstens weil ich nicht so hieß, und zweitens weil das bei ihr wohl eine unklare Vorstellung von einem Waschkessel hervorrief.

»Warum vermuten Sie, daß es eine Herzensangelegenheit ist, Mrs. Crupp?« sagte ich.

»Mr. Copperfull,« sagte Mrs. Crupp mit vielem Gefühl, »ich bin selbst eine Mutter.«

Einige Zeitlang konnte Mrs. Crupp nur ihre Hand auf ihren Nankingbusen legen und sich gegen die Wiederkehr des Schmerzes mit kleinen Schlückchen ihrer Medizin stärken. Endlich ergriff sie wieder das Wort.

»Als Ihre liebe Tante diese Zimmer mietete, Mr. Copperfull, sagte ich, jetzt hätte ich jemand, um den ich mich bekümmern könnte. Dem Himmel sei Dank! sagte ich, ich habe jetzt jemand, um den ich mich kümmern kann. – Sie essen nicht genug und trinken nicht, Mr. Copperfield.«

»Gründen Sie darauf Ihre Vermutungen, Mrs. Crupp?« sagte ich.

»Sir,« erwiderte Mrs. Crupp mit fast strengem Tone, »ich habe für andere junge Herren gewaschen, außer für Sie. Ein junger Herr kann zuviel auf sich halten oder kann zuwenig auf sich halten. Er kann sein Haar zuwenig bürsten oder zuviel bürsten. Er kann viel zu große Stiefel tragen oder viel zu kleine. Das geschieht ganz nach der Art, wie der junge Herr seinen ursprünglichen Charakter ausgebildet hat. Aber mag er sich in das eine oder in das andere Extrem verlieren, Mr. Copperfield, jedenfalls ist eine junge Dame im Spiel.«

Mrs. Crupp schüttelte den Kopf dabei so entschieden und bedeutsam, daß ich zu meiner Verteidigung auch gar nichts gegen sie vorbringen konnte.

»Ich will nur den Herrn anführen, der hier vor Ihnen starb«, sagte Mrs. Crupp. »Er verliebte sich – in ein Schenkmädchen – und ließ sich die Westen enger machen, obgleich er sehr dick geworden war vom vielen Trinken.«

»Mrs. Crupp,« sagte ich, »ich muß Sie bitten, die junge Dame, von der wir jetzt sprechen, nicht mit einem Schenkmädchen oder etwas ähnlichem zu vergleichen.«

»Mr. Copperfull,« entgegnete Mrs. Crupp, »ich bin selbst eine Mutter und deshalb wird mir so etwas nicht einfallen. Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich zudringlich bin. Es fällt mir nie ein zudringlich zu sein, wo ich nicht willkommen bin. Aber Sie sind noch jung, Mr. Copperfull, und mein Rat ist, fassen Sie sich ein Herz, lassen Sie den Kopf nicht hängen und lernen Sie erst Ihren eigenen Wert kennen. Wenn Sie sich zur Zerstreuung auf etwas legen wollten,« sagte Mrs. Crupp, »wie z. B. auf das Kegelspielen, das sehr gesund ist, so würde das recht gut sein.«

Mit diesen Worten nahm Mrs. Crupp sehr behutsam ihr Glas, als wollte sie nichts verschütten, obwohl gar kein Kognak mehr darin war, dankte mir mit einer majestätischen Verbeugung und verließ mich. Wie ihre Gestalt in dem dunkeln Eingangsraum verschwand, erschien mir ihr Rat allerdings als eine kleine Zudringlichkeit; aber zu gleicher Zeit ließ ich ihn mir von einem andern Gesichtspunkte aus als ein Wort für die Klugen und eine Warnung für mich, in Zukunft mein Geheimnis besser zu bewahren, gefallen.

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