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David Copperfield - Teil 1

Charles Dickens: David Copperfield - Teil 1 - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Teil 1
publisherMax Hesses Verlag
volume1
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060608
modified20180604
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Meine erste Ausschweifung.

Es war wunderbar herrlich im einzigen Besitz dieses hohen Schlosses zu sein und mich, wenn ich die Tür draußen zumachte, wie Robinson Crusoe zu fühlen, wenn er sich in seiner Festung befand und die Leiter hinter sich aufgezogen hatte. Es war wunderbar herrlich, mit dem Hausschlüssel in der Tasche in der Stadt herumzugehen und zu wissen, daß man jeden zu sich einladen könnte, ohne jemandes Unzufriedenheit zu erregen als seine eigene. Es war so wunderbar herrlich, zu kommen und zu gehen, ohne jemand zu fragen und Mrs. Crupp keuchend aus den Tiefen der Erde herauszuläuten, wenn ich sie brauchte und wenn sie Lust hatte zu kommen. Das war alles wunderbar herrlich, aber ich muß gestehen, daß es auch manchmal recht langweilig war.

Es war sehr hübsch, vorzüglich früh am schönen Morgen, es war frisch und lebendig bei Tage, und noch frischer und lebendiger bei Sonnenschein. Aber wie der Tag sank, schien das Leben ebenfalls zu sinken. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es war selten hübsch bei Lampenlicht. Ich hätte jemand haben mögen, um mich mit ihm zu unterhalten. Agnes fehlte mir. An ihre Stelle, die immer lächelnd meine Herzensergießungen aufgenommen hatte, war eine entsetzliche Leere getreten. Bis zu Mrs. Crupp schien es weit, so weit zu sein. Ich dachte an meinen Vorgänger, der vom Trinken und Rauchen gestorben war; und ich hätte wünschen können, er wäre so gut gewesen leben zu bleiben, anstatt mich mit seinem Tode zu ärgern.

Nach zwei Tagen und Nächten kam es mir vor, als ob ich schon ein Jahr dort gewohnt hätte; und doch war ich noch nicht um vieles älter, aber meine große Jugend quälte mich so sehr wie früher.

Da Steerforth noch immer nicht erschien und ich fast fürchtete, er möchte krank sein, so machte ich am dritten Tage früh vom Gericht weg einen Abstecher nach Highgate. Mrs. Steerforth freute sich sehr mich zu sehen, und sagte mir, er sei zu einem seiner Oxforder Freunde auf Besuch nach St. Albans gegangen, sie erwarte ihn aber morgen zurück. Ich liebte ihn so sehr, daß ich auf seinen Oxforder Freund ordentlich eifersüchtig war.

Ihre dringende Einladung, zum Essen dazubleiben, mußte ich annehmen; und ich glaube, wir sprachen von nichts als von ihm den ganzen Tag über. Ich erzählte ihr, wie sehr er den Leuten in Yarmouth gefalle und was er für ein angenehmer Gesellschafter gewesen. Miß Dartle war wie gewöhnlich mit Andeutungen und geheimnisvollen Fragen geladen, aber sie hörte auch so mit großem Interesse zu und fragte: Wäre es wirklich so? usw. so oft, daß sie von mir alles erfuhr, was sie wissen wollte. Sie sah noch eben so aus, wie ich sie nach meinem ersten Besuch beschrieben habe, aber die Gesellschaft der beiden Damen erschien mir so angenehm und stand in so wohltuendem Gegensatz zu meinem zweitägigen Einsiedlerleben, daß ich mich wirklich ein ganz klein wenig im Laufe des Abends in Miß Dartle verliebte, und vornehmlich bei meinem Nachhauseweg drängte sich auch mir mehrmals der Gedanke auf, was für eine angenehme Gesellschaft sie für mich in der Buckinghamstraße sein würde.

Ich saß am andern Tage beim Kaffee und aß gerade mein Brötchen – und ich muß bei dieser Gelegenheit bemerken, daß es wirklich erstaunlich war, wieviel Kaffee Mrs. Crupp brauchte und wie schwach er dabei war – als zu meiner allergrößten Freude Steerforth eintrat.

»Lieber Steerforth,« rief ich aus, »ich fing schon an zu glauben, ich würde dich nie wiedersehen!«

»Sie haben mich ja gewaltsam entführt,« sagte Steerforth; »und zwar am nächsten Morgen nach meiner Heimkehr. Aber Blümchen, welche herrliche Junggesellenwirtschaft!«

Ich zeigte ihm die ganze Wohnung und vergaß nicht die Vorratskammer; er lobte alles herzlich. »Ich will dir was sagen, alter Junge,« setzte er hinzu, »ich hätte Lust, das zu meinem Absteigequartier zu machen, bis du mir kündigst.«

Das war mir wonnig zu hören. Ich sagte ihm, wenn es darauf ankäme, könnte er bis zum jüngsten Tage warten.

»Aber du mußt etwas zum Frühstück haben!« sagte ich und griff nach der Klingel; »Mrs. Crupp soll frischen Kaffee kochen, und ich will dir hier auf meiner Junggesellenmaschine etwas Schinken rösten.«

»Nein, nein!« sagte Steerforth, »klingle nicht! Ich kann nicht! Ich habe versprochen, mit meinen Leuten im Piazza-Hotel in Coventgarden zu frühstücken.«

»Dann kommst du doch zum Essen?« sagte ich.

»Ich kann nicht, auf mein Wort. Nichts würde mir angenehmer sein, aber ich muß bei diesen beiden Leuten bleiben. Wir wollen alle drei morgen früh wieder fort.«

»Nun, dann bring sie mit hierher zu Tisch«, erwiderte ich. »Würden sie wohl kommen?«

»O, sie würden gern genug kommen,« sagte Steerforth, »aber wir würden dir Ungelegenheiten machen. Speise du lieber mit uns.«

Damit konnte ich mich in keiner Weise einverstanden erklären, denn es fiel mir ein, daß ich doch eigentlich einen kleinen Einzugsschmaus geben müßte; und eine bessere Gelegenheit konnte sich nicht finden. Ich war auf meine Wohnung noch einmal so stolz, nachdem er sie gelobt hatte, und brannte vor Verlangen, alle ihre Hilfsquellen zu entwickeln. Er mußte mir daher auf das Bestimmteste im Namen seiner Freunde auf sechs Uhr zusagen.

Als er fort war, klingelte ich Mrs. Crupp und machte sie mit meinem hochtrabenden Entschluß bekannt. Mrs. Crupp sagte ernstlich, natürlich lasse sich nicht erwarten, daß sie bei Tische aufwarte, aber sie kenne einen gewandten jungen Mann, der für fünf Schilling und ein kleines Trinkgeld vielleicht dazu bereit sein würde. Ich bestellte natürlich diesen jungen Mann. Zunächst sagte Ms. Crupp, sie könne jedoch an zwei Orten nicht zugleich sein (was ich ganz begreiflich fand) und ein Mädchen mit einer Küchenlampe in der Vorratskammer, um Teller zu waschen, sei durchaus unentbehrlich. Ich fragte, was so ein Mädchen kosten werde, und Mrs. Crupp sagte, sie glaube, achtzehn Pence würden mich weder glücklich machen noch zu Grunde richten. Ich war auch der Meinung, und so war das abgemacht. Dann sagte Mrs. Crupp: »Jetzt also das Essen.«

Es war ein merkwürdiges Beispiel von Mangel an Vorbedacht seitens des Maurers, der Mrs. Crupps Küchenherd gebaut hatte, daß man darauf nur Koteletten und Kartoffelbrei kochen konnte. Was dann ein Fischgericht betrifft, sagte Mrs. Crupp, so sollte ich nur in die Küche kommen und mir den Herd ansehen. Mehr könnte sie nicht sagen. Wollte ich ihn ansehen? Da dies doch nichts helfen konnte, so schlug ich es aus und sagte: »Auf den Fisch kommt es mir dann nicht an.« Aber Mrs. Crupp sagte: »Sprechen Sie nicht so; es gibt um diese Jahreszeit frische Austern, und warum wollen Sie die nicht nehmen?« So war das abgemacht.

Dann sagte Mrs. Crupp, sie würde folgendes empfehlen: ein paar gebratene Hühner – vom Koch; ein Gericht gedämpftes Rindfleisch mit Gemüse – vom Koch; zwei Zwischengerichte, etwa ein Auflauf und gedämpfte Niere – vom Koch; eine Torte und vielleicht etwas Gelee – vom Koch. Das, sagte Mrs. Crupp, würde ihr volle Zeit lassen, ihre geistige Tätigkeit auf die Kartoffeln zu konzentrieren und den Käse und den Sellerie so zu servieren, wie sie ihn serviert sehen möchte.

Ich handelte nach Mrs. Crupps Rat und gab selbst dem Koch die nötigen Aufträge. Als ich nachher an den Strand ging, und in einem Fleischladen eine harte marmorierte Substanz mit der Aufschrift »Mock-Turtle« bemerkte, ließ ich mir ein Stück davon abschneiden, das, wie ich später erfuhr, für fünfzehn Personen gereicht hätte. Nicht ohne einige Skrupel verstand sich Mrs. Crupp dazu, das Präparat aufzuwärmen, und es war, als sie es nachher servierte, sonderbarerweise so sehr »zusammengelaufen«, daß es nach Steerforths Urteil »für vier Mann etwas knapp« war.

Außerdem kaufte ich noch ein kleines Dessert auf dem Coventgardenmarkt und gab einem Weinhändler in der Nachbarschaft einen nicht ganz unbedeutenden Auftrag. Als ich nachmittags nach Hause kam und das stattliche Viereck von Flaschen auf dem Fußboden der Vorratskammer stehen sah, kamen sie mir so zahlreich vor – obgleich zwei fehlten, was Mrs. Crupp sehr unangenehm war –, daß ich wirklich darüber erschrak.

Der eine von Steerforths Freunden hieß Grainger, der andere Markham. Beide waren sehr heitere und lebhafte Gesellen; Grainger etwas älter als Steerforth; Markham von jüngerem Aussehen und höchstens zwanzig. Ich bemerkte, daß der letzte stets von sich in unbestimmtem Sinne als von einem dritten sprach, aber niemals in der ersten Person des Singulars,

»Hier könnte sich der Mensch recht wohl befinden, Mr. Copperfield«, sagte Markham – damit meinte er sich.

»Es ist keine schlechte Lage,« erwiderte ich, »und die Wohnung ist wirklich recht bequem.«

»Ich hoffe, ihr habt beide guten Appetit mitgebracht?« sagt Steerforth.

»Auf Ehre,« erwiderte Markham, »die Stadt scheint einem Menschen Appetit zu machen. Hier kann der Mensch den ganzen Tag in einem fort essen!«

Da ich anfangs etwas verlegen war und mir zu jung vorkam, um den Wirt zu machen, so bat ich Steerforth, sich obenan zu setzen, und nahm den Platz gegenüber ein. Alles war sehr gut: der Wein wurde nicht geschont, und Steerforth gab sich so viele Mühe, damit alles gut von statten gehe, daß nie eine Pause eintrat. Ich war während des Essens kein so guter Gesellschafter als ich hätte wünschen können, denn mein Stuhl war der Tür gegenüber und meine Aufmerksamkeit wurde immer dadurch in Anspruch genommen, daß der gewandte junge Mann sehr oft das Zimmer verließ und daß ich seinen Schatten stets unmittelbar darauf mit einer Flasche am Munde an der Wand sah. Auch das Mädchen machte mir einige Sorgen – nicht, weil sie die Teller zu waschen versäumte, sondern weil sie sie zerbrach. Denn da sie sehr wißbegierig war und es nicht über sich bringen konnte, sich auf die Vorratskammer zu beschränken, wozu sie ausdrücklich gemietet worden war, so guckte sie uns beständig durch die halb geöffnete Tür zu und glaubte ebensooft, sie sei entdeckt; in diesem Glauben zog sie sich zu wiederholten Malen auf die Teller zurück – mit denen sie sorgfältig den Boden bepflastert hatte – und richtete solcherart viel Unheil an.

Das waren jedoch geringfügige Unannehmlichkeiten, die leicht vergessen waren, als das Tischtuch weggenommen war und das Dessert auf der Tafel stand, zu einer Zeit, wo beiläufig bemerkt der gewandte junge Mann kaum noch lallen konnte. Ich schickte daher ihn und das junge Mädchen auf eigene Verantwortung zu Mrs. Crupp hinunter und überließ mich ganz der Feststimmung.

Ich fing damit an sehr heiter zu sein; allerlei halbvergessene Sachen kamen mir in den Kopf und machten mich wider meine Art ganz ungewöhnlich gesprächig. Ich lachte herzlich über meine eigenen und der andern Späße, rief Steerforth zur Ordnung, weil er den Wein nicht hatte herumgehen lassen, gab mehrfache Versprechungen nach Oxford zu kommen, erklärte, daß ich auf weiteres jede Woche ein solches Diner geben werde, und nahm wahnsinnigerweise soviel Tabak aus Graingers Dose, daß ich in die Vorratskammer hinausgehen und mich zehn Minuten lang ausniesen mußte.

Immer rascher und rascher ließ ich den Wein herumgehen und war stets bereit, eine neue Flasche aufzumachen, bevor es nötig war. Ich brachte Steerforths Gesundheit aus. Ich sagte, er sei mein teuerster Freund, der Beschützer meiner Jugend und der Gefährte meiner Jünglingsjahre. Ich sagte, ich sei ihm mehr schuldig als ich ihm jemals vergelten, und ich bewundere ihn mehr als ich ausdrücken könnte. Ich schloß also: »Steerforth! Gott, segne ihn! Hurra!« Wir brachten ihm dreimal drei Hurras und ein noch recht ordentliches, um es voll zu machen. Ich zerbrach mein Glas, als ich um den Tisch ging, um ihm die Hand zu schütteln, und zu ihm ziemlich lallend sagte: »Steer–forth, du bist der, Leit–stern mei–nes Le–bens!«

So ging's fort, bis ich plötzlich entdeckte, daß schon jemand inmitten eines Liedes war. Markham sang und zwar:

»Wenn Gram beschwert das Menschenherz.«

Nach dem Schlusse sagte er, er wolle die Gesundheit »der Weiber« ausbringen. Ich erhob dagegen Einwand und konnte es nicht gestatten. Ich fand die Form nicht ehrerbietig genug, und wollte keinem in meinem Hause einen andern Toast gestatten, als auf die Damen! Ich kanzelte ihn ordentlich ab, wohl hauptsächlich, weil ich glaubte, Steerforth und Grainger über mich oder uns beide lachen zu sehen. – Er sagte, er wäre nicht der jemand, sich etwas vorschreiben zu lassen! – Ich sagte, das täte ich doch! – Er sagte, man dürfe nicht beleidigen! – Ich sagte, er habe da ganz recht – wenigstens sollte das niemals unter meinem Dach geschehen, wo die Laren und die Gesetze der Gastfreundschaft heilig gehalten würden! – Er sagte, es sei eines jemandes nicht unwürdig zu gestehen, daß ich ein verteufelt guter Kerl sei! – Ich brachte sofort seine Gesundheit aus! –

Es rauchte jemand. Wir rauchten bald alle. Ich rauchte und versuchte einen angehenden Ekel zu unterdrücken. Steerforth hatte eine Rede über mich gehalten, die mich fast bis zu Tränen rührte. Ich dankte in einer Gegenrede und hoffte, die Anwesenden würden morgen bei mir speisen und übermorgen – jeden Tag um fünf Uhr, damit wir einen langen Abend vor uns hätten. Ich fühlte mich veranlaßt, einen Toast auszubringen. Ich trank auf das Wohl meiner Tante, Mrs. Betsey Trotwood, die beste ihres Geschlechts!

Es sah jemand aus meinem Schlafzimmerfenster heraus und kühlte sich die Stirn an dem steinernen Simse. Der jemand war ich. Ich redete mich an als Copperfield und sagte: »Copperfield, warum versuchtest du zu rauchen? Du hättest wissen können, daß du es nicht vertragen kannst.« Jetzt betrachtete jemand sein wankendes Gesicht im Spiegel. Das war auch ich. Ich sah sehr blaß aus; meine Augen waren stier, und mein Haar – nur mein Haar, weiter nichts – war betrunken.

Jemand sagte zu mir: »Wir wollen ins Theater gehen, Copperfield!«

Das war aber nicht mehr im Schlafzimmer, sondern an dem mit vielen Gläsern bedeckten wackelnden Tisch; Grainger an meiner rechten Seite, Markham an meiner linken und Steerforth mir gegenüber – alle von einem Nebel umgeben und weit, weit weg. »Ins Theater? Natürlich. Nur fort! Aber Sie müssen mir erst erlauben, alle hinaus zu begleiten und die Lampe auszudrehen – wegen des Feuers.«

Die Finsternis mußte mich irre machen, aber die Tür war fort. Ich tappte danach in den Fenstergardinen, als Steerforth mich lachend beim Arme faßte und hinausführte. Wir gingen die Treppe hinunter, einer nach dem andern. Auf einer der letzten Stufen fiel jemand und kollerte hinunter.

Jemand sagte, es sei Copperfield.

Ich ärgerte mich über die Unwahrheit, bis ich mich in dem Hausflur auf dem Rücken liegen fand und zu glauben anfing, daß doch etwas Wahres daran sein könnte.

Draußen war starker Nebel und um die Straßenlaternen waren große Ringel!

Ich hörte so etwas wie: »Ein feuchter Abend«.

Mir kam er kalt vor. Steerforth stäubte mich unter einer Laterne ab und gab mir meinen Hut wieder, den jemand auf eine höchst außerordentliche Weise irgendwo hervorgeholt hatte, denn ich hatte ihn vorher nicht aufgehabt. Dann sagte Steerforth: »Nun, bist du in Ordnung, Copperfield?« und ich erwiderte lallend: »Alles in Ordnung!«

Ein Mann in einem nebelumringten Taubenschlag tauchte an irgend einem Kassenfenster auf, strich von jemand Geld ein, fragte, ob ich mit zu den Herren gehörte und schien eine Zeitlang zu zweifeln, ob er Geld für mich nehmen sollte oder nicht.

Kurz darauf fand ich mich sehr hoch oben in der schwülen Luft des Theaters wieder, und sah in ein großes Parterre hinab, das mir zu rauchen schien – so wenig konnte ich die Leute darin unterscheiden.

Auch eine große Bühne sah ich, sehr rein und glatt im Vergleich mit der Straße; darauf Personen, die von irgend etwas sprachen, aber nichts weniger als deutlich. Überfluß von Kerzenschein und Musik; Damen in den Logen waren da, und ich weiß nicht was sonst noch. Das ganze Gebäude kam mir vor, als ob es schwimmen lernen wollte; es benahm sich auf eine so seltsame Weise, und wogte hin und her, als ich versuchte, es fest zu halten.

Auf jemandes Vorschlag beschlossen wir, in die erste Rangloge zu den Damen zu gehen. Ein Herr in vollem Gesellschaftsanzuge auf einem Sofa mit einem Operngucker in der Hand schwebte vor meinen Augen vorbei, ebenso mein eigenes Bild im Spiegel. Dann führte man mich in eine der Logen und sagte etwas, und die andern Leute in der Loge riefen jemand »St.« zu, und die Damen sahen mich zürnend an! und – wie! ja! – auch Agnes saß in der Reihe vor mir – neben einem Herrn und einer Dame, die ich nicht kannte. Ich sehe ihr Gesicht jetzt noch, besser als ich es damals zu sagen wagte, mit dem auf mich gerichteten, kaum zu beschreibenden Blick voll Schmerz und Verwunderung.

»Agnes!« lallte ich, »mein Gott! Agnes!«

»Still! ich bitte dich«, sagte sie, ich konnte nicht begreifen warum. »Du störst das Publikum. Sieh nach der Bühne!«

Ich versuchte meinen Blicken eine bestimmte Richtung zu geben, um etwas von dem zu verstehen, was unten vorging, aber ich mühte mich umsonst. Ich sah sie wieder an, und sie rückte scheu in ihre Ecke und hielt die behandschuhte Hand an die Stirn.

»Agnes!« lallte ich. »Du bist doch nicht unwohl?«

»Ja, ja. Bitte aber, laß mich, Trotwood«, erwiderte sie. »Hör' mich an! Wirst du bald gehen?«

»Du – bald – gehen?« wiederholte ich mit schwerer Zunge.

»Ja.«

Es fuhr mir wie eine verworrene Vorstellung durch den Kopf, ihr zu sagen, daß ich auf sie warten würde, um sie nach dem Wagen zu begleiten. Ich glaube auch, ich sagte ihr ähnliches, denn nachdem sie mich eine Weile aufmerksam angesehen hatte, sagte sie leise:

»Ich weiß, daß du mir folgst, wenn ich sage, daß mir sehr viel daran liegt. Geh jetzt, Trootwod, um meinetwillen, und bitte deinen Freund, dich nach Hause zu bringen.«

Sie hatte mich augenblicklich doch insoweit zur Besinnung gebracht, daß ich mich schämte, obwohl ich mich zugleich über sie ärgerte, und mit einem möglichst kurzen »gute Na–« aufstand, was »Gute Nacht« heißen sollte, und fortging.

Mein Begleiter folgte mir, und ich trat aus der Loge unmittelbar in mein Schlafzimmer (so war mir wenigstens zumute), wo nur noch Steerforth bei mir war und mich auskleiden half, und wo ich ihm wiederholt sagte, Agnes sei meine Schwester, und ihn ebensooft bat, den Korkzieher zu bringen, damit ich noch eine Flasche Wein aufmachen könne.

Wie jemand, in meinem Bette liegend, die ganze Nacht hindurch alles dies in einem Fiebertraum und in buntem Wirrwarr noch einmal tat und sagte – während das Bett wie eine nie ruhende, wogende See ging! Wie ich, als dieser jemand langsam Ich zu werden anfing, mit fieberndem Durst in fieberheißer trockner Haut, die mich umspannte wie ein hartes Brett, dalag, meine Zunge, dem Boden eines leeren Kessels gleich, mit Kesselstein bekrustet von langem Gebrauche und über einem langsamen Feuer röstend, meine Handflächen Platten von glühendem Metall, die kein Eis kühlen konnte!

Aber die Seelenqual, die Reue, die Scham, als ich am Morgen wieder meiner bewußt wurde! Mein Entsetzen, tausend Beleidigungen verschuldet zu haben, die ich vergessen hatte, und die ich nie wieder sühnen konnte – die Erinnerung an Agnes' nie zu vergessenden Blick – das quälende Gefühl der Unmöglichkeit, mich mit ihr zu verständigen, da ich weder wußte, wann sie nach London gekommen war, noch wo sie wohnte – mein Ekel vor dem bloßen Anblick der Stube, wo das Gelage abgehalten worden war, – der Kopfschmerz – der Geruch von dem Zigarrenrauch der vorigen Nacht, der Anblick der Gläser, die Unmöglichkeit auszugehen, ja selbst aufzustehen! O, was für ein Tag war das!

O, was für ein Abend, als ich am Feuer saß mit einem Teller schwacher Suppe, auf der nur einige Fettaugen schwammen, gequält von dem Gedanken, auf demselben Wege wie mein Vorgänger zu sein, der Erbe seiner traurigen Geschichte in seiner Wohnung, und halb Willens, stracks nach Dover zu eilen und alles zu beichten! Welch ein Abend, als Mrs. Crupp, den Suppenteller holend, mir eine Niere auf einem Käseteller als den einzigen Überrest des gestrigen Gelages zeigte, und ich wirklich Neigung fühlte, an ihre nankingumhüllte Brust zu stürzen, und mit aufrichtiger Reue zu ihr zu sagen: »O, Mrs. Crupp, Mrs. Crupp, lassen wir das sein! Mir ist sehr elend zumute!« nur daß ich selbst in diesem Katzenjammer zweifelte, ob Mrs. Crupp ganz die Frau sei, der man vertrauen könne!

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