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David Copperfield - Teil 1

Charles Dickens: David Copperfield - Teil 1 - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Teil 1
publisherMax Hesses Verlag
volume1
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Alte Orte und neue Menschen.

Steerforth und ich blieben über vierzehn Tage in dieser Gegend. Natürlich waren wir viel beisammen, aber mitunter trennten wir uns auch auf ein paar Stunden. Er war ein guter Seemann und ich ein sehr mittelmäßiger, und wenn er mit Mr. Peggotty eine Bootfahrt anstellte, was eine seiner Lieblingsunterhaltungen war, so blieb ich meistens zu Hause. Der Umstand, daß ich bei Peggotty wohnte, legte mir einen Zwang auf, von dem er frei war; denn da ich wußte, mit wie zärtlichem Eifer sie Mr. Barkis pflegte, wollte ich abends nie zu lange wegbleiben, wogegen sich Steerforth, der im Gasthof wohnte, ganz nach Belieben einrichten konnte. Deshalb hörte ich auch von kleinen Gastereien, die er zu einer Zeit, wo ich längst zu Bett war, in Mr. Peggottys Wirtshaus »Zur Herzenslust« den Fischern gab, oder von Seefahrten in Mondscheinnächten, von denen er erst morgens mit der Flut zurückkehrte. Ich wußte jedoch jetzt schon, daß sich seine unruhige Natur und sein feuriger Geist ebenso gern in schwerer Arbeit und bösem Wetter, als in andern Mitteln der Aufregung, die sich ihm darboten, Luft machte, und so überraschten mich diese Unternehmungen nicht.

Die Teilnahme, die ich für Blunderstone fühlte, und mein Wunsch, die alten vertrauten Umgebungen aus meiner Kindheit öfter zu besuchen, war ein anderer Grund, weshalb wir uns manchmal trennten. Es war natürlich, daß Steerforth, nachdem er dort einmal gewesen, kein besonderes Interesse an dem Orte fand. So geschah es, daß wir uns an drei oder vier Tagen, deren ich mich noch erinnere, gleich nach einem zeitigen Frühstück trennten, ein jeder seine eignen Wege ging und wir uns erst beim späten Mittagessen wiedertrafen.

Ich hatte keine Ahnung davon, wie er in der Zwischenzeit seine Zeit verwendete, und wußte nur im allgemeinen, daß er bei allen Leuten sehr beliebt war, und zwanzig Mittel sich die Zeit zu vertreiben hatte, wo ein anderer Mann nicht eines gefunden hätte.

Was mich betrifft, so beschäftigte ich mich auf meinen einsamen Spaziergängen damit, mir jeden Schritt des alten Weges ins Gedächtnis zurückzurufen und auf den alten Stätten zu verweilen und konnte mich nicht so schnell von ihnen losreißen. Ich verweilte auf ihnen, wie es meine Erinnerung so oft getan hatte. Das Grab unter dem Baume, wo meine beiden Eltern ruhten – das ich, als nur mein Vater darin lag, mit einem so seltsamen Mitleid betrachtet hatte, und bei dem ich so unglücklich und verlassen stand, als es meine Mutter und den Säugling aufnahm – das Grab, das Peggottys eigene treue Sorgfalt seitdem gepflegt und zu einem Garten umgewandelt hatte, war mir ein Ort, den ich oft stundenlang besuchte. Es befand sich etwas abseits vom Wege in einer stillen Ecke, aber nicht so weit ab, daß ich nicht im Auf- und Abgehen die Namen auf dem Leichensteine hätte lesen können, während mich manchmal von oben der dumpfe Schall der Kirchenglocken, der wie die Stimme eines Verstorbenen klang, erschreckte. Meine Gedanken beschäftigten sich damals stets mit der Rolle, die ich im Leben spielen, und den großen Dingen, die ich vollbringen würde. Meine hallenden Schritte tönten stets die gleiche Melodie, und ich war dabei so unermüdlich, als hätte ich meine Luftschlösser in Gesellschaft meiner lebenden Mutter gebaut.

In dem alten Vaterhause war vieles anders geworden. Die alten, von ihren Inwohnern längst verlassenen Krähennester waren fort, und die Bäume hatten durch Verstutzen ihre alte Gestalt verloren. Der Garten war verwildert, und die Hälfte der Fenster war mit Läden versetzt. Bewohnt war es jetzt von einem armen, wahnsinnigen Herrn mit seinen Wärtern.

Er saß immer an meinem kleinen Fenster und sah auf den Kirchhof hinaus, und ich fragte mich, ob seine wirrumherschweifenden Gedanken wohl je die Gestalt der Phantasiebilder annähmen, die mich beschäftigt hatten in den rosigen Frühstunden, in denen ich im Nachtröckchen aus dem Fenster guckte und die Schafe ruhig im Morgenschimmer grasen sah.

Unsere alten Nachbarn, Mr. und Mrs. Grayper, waren nach Südamerika gegangen, der Regen hatte sich einen Weg durch das Dach ihres verlassenen Hauses gebahnt und die Wände mit mißfarbigen landkartenartigen Flecken bedeckt. Mr. Chillip hatte sich wieder verheiratet; diesmal mit einer langen, großnasigen Frau. Sie hatten ein kleines, schwächliches Kind mit einem schweren Kopfe, den es nicht in die Höhe halten konnte, und zwei blöden, wässerigen Augen, mit denen es sich immer zu wundern schien, warum es überhaupt geboren sei.

Mit einem seltsamen Gemisch von Trauer und Freude verweilte ich in meinem Geburtsort, bis mich die röter werdende Wintersonne mahnte, daß es Zeit zur Heimkehr sei. Aber als ich den Ort verlassen hatte und vornehmlich, als Steerforth und ich bei dem flackernden Feuer gemütlich am Tisch saßen, war es so wonnig, dort gewesen zu sein und nun an alles zurückzudenken. Dasselbe war aber im gemilderten Grade der Fall, wenn ich mich abends in mein Zimmerchen zurückzog und beim Herumblättern im Krokodilenbuch – das stets auf einem kleinen Tische lag – mit dankbarem Herzen daran dachte, wie glücklich ich sei mit einem Freunde wie Steerforth, einer Freundin wie Peggotty, und einem solchen Ersatz wie der Großmut meiner vortrefflichen Tante für das, was ich verloren hatte.

Der nächste Weg von meinen ausgedehnten Spaziergängen nach Yarmouth zurück führte zu einer Fähre, die mich nach der Ebene zwischen Stadt und Meer brachte, über die ich quer gehen konnte, um einen beträchtlichen Umweg zu vermeiden, den die Landstraße machte. Da Mr. Peggottys Haus kaum hundert Schritte abseits lag, so stattete ich im Vorbeigehen dort immer einen Besuch ab. Steerforth wartete dort fast stets auf mich, und wir gingen alsdann miteinander nach Hause.

An einem dunkeln Abend – es war später als gewöhnlich, denn ich hatte länger in Munderstone verweilt, da es mein Abschiedsbesuch war – fand ich ihn in Mr. Peggottys Haus ganz allein und gedankenvoll vor dem Feuer sitzen. Er war so in Gedanken vertieft, daß er mein Kommen nicht bemerkte. Ich stand dicht neben ihm und sah ihn an, aber immer noch saß er in Gedanken verloren mit düsterer Stirne da.

Als ich aber meine Hand auf seine Schulter legte, erschrak er so sehr, daß ich selbst erschrak.

»Du kommst ja über mich wie ein mahnender Geist«, sagte er fast ärgerlich.

»Ich mußte mich auf irgend eine Weise bemerklich machen«, entgegnete ich. »Habe ich dich von den Sternen herabgerufen?«

»Nein«, antwortete er. »Nein.«

»Woher dann?« sagte ich und setzte mich neben ihn.

»Ich habe mir die Bilder im Feuer betrachtet«, erwiderte er.

»Aber du gönnst sie ja mir nicht«, sagte ich, als er die Flamme rasch mit einem Stück Holz schürte und eine Unmasse feurige Funken herausschlug, die hinauf in die Esse prasselten, um in der Luft zu zerstieben.

»Du hättest sie ja doch nicht gesehen«, entgegnete er. »Mir ist die Zwitterzeit, die weder Tag noch Nacht ist, verhaßt. Wie lange du ausbleibst! Wo warst du?«

»Ich habe von meinem gewöhnlichen Spaziergang Abschied genommen«, erwiderte ich.

»Und ich habe hier gesessen,« sagte Steerforth und sah sich im Zimmer um, »und gedachte, daß alle die Leute, die wir am Abende unserer Ankunft hier so glücklich beisammen fanden, nach dem wüsten Eindruck, den jetzt die Umgebung macht, tot, zerstreut oder wer weiß zu welchem Schaden gekommen sein könnten. David, ich sage dir, bei Gott, ich wollte, ich hätte in den zwanzig Jahren meines Lebens einen verständnisvollen Vater gehabt!«

»Lieber Steerforth, was ist dir?«

»Ich wollte von ganzem Herzen, ich wäre besser geleitet worden!« rief er aus. »Ich wollte von ganzem Herzen, ich könnte mich selbst besser beherrschen!«

Er sprach dies mit einer leidenschaftlichen Niedergeschlagenheit, die mich ganz in Erstaunen setzte. Er war sich unähnlicher, als ich es je für möglich gehalten hätte.

»Es wäre besser, diese arme Peggotty oder dieser Lümmel von einem Neffen zu sein«, sagte er, indem er aufstand und sich mit finsterer Stirne an den Kamin lehnte, – »als ich, der zwanzigmal reicher und zwanzigmal klüger und sich so zur Qual ist, wie ich es mir während der letzten halben Stunde in diesem verwünschten Boote war!«

Diese Veränderung an ihm verblüffte mich so, daß ich ihn anfangs nur stillschweigend beobachten konnte, als er, das Haupt auf die Hand gestützt, trübe ins Feuer sah. Endlich bat ich ihn mit aller Innigkeit, mir zu sagen, was ihm so ungewöhnlicherweise das Herz bedrücke, und mir zu erlauben, an seinen Empfindungen teilzunehmen, wenn ich ihm nicht raten könne. Aber ehe ich ganz fertig war, fing er an zu lachen – anfangs noch verdrießlich, aber bald mit wiederkehrender Heiterkeit.

»Ach, es ist nichts, Blümchen! nichts!« erwiderte er. »Ich sagte dir ja schon in London, daß mir manchmal mit mir selber die Zeit lang wird. Ich ängstige mich manchmal selbst mit so bösen Träumen und habe wohl eben wieder ein so böses Albdrücken gehabt, das ist alles. Es gibt närrische Zeiten, wo einem in stiller Stunde Märchen im Gedächtnis aufsteigen, ohne daß man weiß, was sie eigentlich sind. Ich glaube, ich habe mich verwechselt mit dem bösen Knaben, der nicht folgen wollte und von Löwen gefressen wurde – nur ein feineres Bild für zum Teufel gehen, glaube ich. Was die alten Weiber das Gruseln nennen, hat mich von Kopf bis Fuß überlaufen – sonst nichts! Ich habe mich vor mir selber gefürchtet!«

»Du fürchtest dich vor weiter nichts, glaube ich.«

»Vielleicht nicht – und kann doch noch vielerlei zu fürchten haben«, antwortete er. »So. Nun ist's vorbei! Es wird mich nicht noch einmal überlaufen, David; aber mein lieber Junge, ich sage dir noch einmal, daß es gut für mich und andere Leute gewesen wäre, wenn ich einen charakterfesten und einsichtsvollen Vater gehabt hätte!« Sein Angesicht war immer sehr ausdrucksvoll, aber ich hatte darin doch nie einen so düstern Ernst bemerkt als jetzt, wie er, in das Feuer schauend, diese Worte sprach.

»Damit wären wir fertig!« sagte er und machte eine Handbewegung, als ob er etwas Leichtes wegwerfe.

›Nun, da's vorüber, bin ich wieder Mann.‹

um mit Macbeth zu reden! – Jetzt zu Tisch. Hoffentlich habe ich nicht auch wie Macbeth die Luft verscheucht, das Fest gebrochen durch wundersame Krankheit.«

»Aber ich möchte wissen, wo sie nur alle sind!« sagte ich.

»Das weiß der Himmel«, meinte Steerforth. »Nachdem ich dich an der Fähre erwartet hatte, trat ich hier ein und fand das Haus leer. Darauf fing ich an nachzugrübeln, und bei dieser Beschäftigung fandest du mich.«

Die Ankunft der Mrs. Gummidge mit einem Marktkorbe erklärte, warum das Haus leer gestanden hatte. Sie war fortgelaufen, um etwas zum Abendessen für Mr. Peggotty einzuholen, wenn er mit der Flut zurückkehrte, und hatte unterdessen die Tür offen stehen lassen, im Fall, daß Ham und die kleine Emilie nach Hause kommen sollten. Nachdem Steerforth Mrs. Gummidges Laune durch eine heitere Begrüßung und eine scherzende Umarmung sehr gehoben hatte, nahm er meinen Arm, und wir eilten fort.

Seine eigene Laune hatte nicht nur Mrs. Gummidge, sondern auch ihn selbst erheitert, denn er war wieder ganz in seinem gewöhnlichen Zuge und unterhielt mich mit großer Lebhaftigkeit.

»Also morgen geben wir dieses Piratenleben auf, nicht wahr?« sagte er lustig.

»So haben wir's ausgemacht«, gab ich lustig zurück. »Und du weißt, unsere Plätze in der Landkutsche sind bestellt.«

»Nun, dann kann es nichts helfen«, sagte Steerforth. »Ich habe fast vergessen, daß es noch etwas anderes auf der Welt zu tun gibt, als sich auf dem Meere draußen von den Wellen herumwerfen zu lassen. Ich wollte, es gebe weiter nichts.«

»Solange die Sache für dich neu ist«, sagte ich lachend.

»Leicht möglich,« erwiderte er, »obgleich für einen, der so liebenswürdig und unschuldig wie mein junger Freund ist, eine fast zu sarkastische Meinung in der Bemerkung versteckt ist. Ja, ich bin ein launischer Mensch, David, das weiß ich. Aber solange das Eisen warm ist, kann ich es auch tüchtig schmieden. Ich glaube, ich könnte schon ein leidliches Examen als Lotse in diesen Gewässern machen.«

»Mr. Peggotty sagte, du wärest ein reines Wunder«, gab ich zur Antwort.

»Ein nautisches Phänomen?« lachte Steerforth,

»Freilich sagte er das, und du weißt mit welchem Rechte, da du so eifrig betreibst, was du einmal angegriffen hast, und es so leicht erlernst. Doch was mich am meisten bei dir in Erstaunen setzt, Steerforth, ist, daß du dich begnügst, deine Anlagen in so planloser Weise zu verwenden.«

»Begnügst«? antwortete er lustig. »Ich bin nie genügsam, außer mit deiner Naivität, mein sanftes Blümchen. Und was die Planlosigkeit betrifft, so habe ich nie die Kunst gelernt, mich an eines der Räder, auf denen sich die modernen Ixions unserer Tage herumdrehen, festzubinden. Das ist mir in meiner schlechten Lehrzeit nicht eingebleut worden, und jetzt ist mir's einerlei. – Du weißt doch, ich habe mir hier ein Boot gekauft?«

»Was für ein wunderbarer Mensch du bist!« rief ich aus und stand still – denn ich hörte jetzt das erstemal davon. »Du kommst vielleicht in deinem Leben nicht wieder hierher.«

»Das weiß ich nun eben nicht«, entgegnete er. »Ich habe Gefallen an dem Ort gefunden. Jedenfalls«, fuhr er fort und führte mich rasch weiter, »habe ich ein Boot gekauft, das ausgeboten wurde – einen Schnellsegler, ein wackeres Boot, wie Mr. Peggotty sagt, und recht hat er – und Mr. Peggotty soll es während meiner Abwesenheit unter seine Obhut nehmen.«

»Jetzt versteh' ich dich, Steerforth!« sagte ich frohlockend, »Du tust, als hättest du es für dich gekauft, aber du willst ihm im Grund ein Geschenk damit machen. Das hätte ich gleich wissen können, wie ich dich kenne. Mein lieber Steerforth, wie kann ich nur ausdrücken, wie sehr ich deinen Edelmut fühle,«

»Still!« sagte er und wurde rot, »je weniger du Worte machst, desto besser!«

»Wußte ich das nicht?« rief ich aus, »sagte ich nicht, daß dir keine Freude, kein Leid oder keine Empfindungen dieser ehrlichen Herzen gleichgültig bleiben können?«

»Ja, ja,« antwortete er, »alles das hast du mir gesagt. Aber laß es dabei bewenden. Wir haben genug Worte darüber gemacht.«

In der Besorgnis, ihn zu verletzen, wenn ich länger bei dieser Angelegenheit verweilte, beschäftigte ich mich nur in Gedanken damit, während wir noch rascher als vorhin unsern Weg zurücklegten.

»Das Boot muß nun aufgetakelt werden,« sagte Steerforth, »und ich werde Littimer zur Aufsicht dalassen, bis es ganz fertig ist. Habe ich dir schon gesagt, daß Littimer hier ist?«

»Nein.«

»Ja, er kam heute früh mit einem Brief von meiner Mutter.«

Als sich unsere Augen begegneten, bemerkte ich, daß er ganz erblaßt war, obgleich er mich sehr gefaßt ansah. Ich fürchtete, ein Streit zwischen ihm und seiner Mutter habe ihn in die Stimmung versetzt, in der ich ihn bei Peggottys gefunden hatte. Ich tat eine Äußerung in diesem Sinne.

»Ach nein!« sagte er, schüttelte den Kopf und lachte leise. »Nichts von der Art! Ja. Er ist wieder hier, mein Bedienter.«

»Und ganz der Alte?« fragte ich.

»Ganz der Alte,« sagte Steerforth, »kalt und still wie der Nordpol! Er soll Sorge tragen, daß das Boot umgetauft wird. Es heißt jetzt der ›Sturmvogel‹. Was kümmert sich Mr. Peggotty um Sturmvögel! Ich will es umtaufen lassen.«

»Wie soll es denn heißen?« fragte ich.

»Klein-Emily.«

Da er mich immer noch scharf ansah, hielt ich es für einen Wink, daß er wegen seiner Aufmerksamkeit nicht nochmals gelobt zu sein wünschte. Ich konnte nicht umhin, zu verraten wie sehr ich mich darüber freute, aber ich sagte wenig, und er ließ wieder wie gewöhnlich sein Lächeln blicken und schien leichtern Herzens geworden zu sein.

»Aber sieh da,« rief er, »da kommt die kleine Emilie selbst und dieser Bursche mit ihr! Wahrhaftig, ein echter Ritter. Er verläßt sie nie.«

Ham war Bootbauer und hatte seine natürlichen Anlagen so ausgebildet, daß er für einen sehr geschickten Handwerker galt. Er hatte seinen Arbeitsrock an und sah ziemlich unmanierlich, aber auch männlich aus, und erschien als ein sehr passender Beschützer für das kleine, blühende Wesen an seiner Seite. Auch sprach sich in seinem Gesicht eine solche Offenheit aus, eine Ehrlichkeit und ein unverhülltes Darlegen seines Stolzes auf sie und seiner Liebe zu ihr, die mir als die beste Schönheit erschienen. Ich sagte zu mir, als sie uns näher kamen, daß sie selbst darin gut zueinander paßten.

Sie entzog ihm schüchtern die Hand, als wir stehen blieben, um sie zu begrüßen, und errötete, als sie Steerforth und mir die Hand reichte. Als sie weiter gingen, nachdem wir einige Worte miteinander gesprochen hatten, legte sie ihre Hand nicht wieder in seinen Arm, sondern ging schüchtern mit gezwungenem Wesen neben ihm her. Mir kam dies alles sehr hübsch und anmutig vor, und Steerforth schien dasselbe zu denken, als wir dem im Dämmerlichte des aufgehenden Mondes verschwindenden Paare nachsahen.

Plötzlich strich an uns, und offenbar jenen folgend, ein Weib vorbei, deren Annäherung wir nicht bemerkt hatten, deren Gesicht mir aber bekannt vorkam. Sie war leicht angezogen, hatte ein freches, ärmliches und abgezehrtes Aussehen, schien aber für jetzt an weiter nichts zu denken als jenen nachzugehen. Aber da der dunkle Boden, der die beiden andern Gestalten gleichsam verschluckt hatte, nichts sehen ließ zwischen uns und der See und den Wolken, so verschwand auch diese Gestalt, ohne daß sie für uns jenen beiden näher gekommen zu sein schien.

»Was für ein schwarzer Schatten folgt da dem Mädchen nach?« sagte Steerforth und blieb stehen; »was soll das bedeuten?« Er sprach dies in einem leisen Tone, der mich fast erschreckte, weil er mir so fremd klang.

»Sie mag wohl von ihnen betteln wollen«, sagte ich.

»Eine Bettlerin wäre keine Seltenheit,« entgegnete Steerforth, »aber es ist seltsam, daß eine Bettlerin heute abend gerade diese Gestalt annehmen muß.«

»Warum?«

»Aus keinem andern Grunde, als weil ich an ein ähnliches Gesicht dachte, wie sie vorbeiging. Wo zum Teufel mag sie hergekommen sein?« fragte er nach einigem Schweigen.

»Wahrscheinlich hat sie im Schatten dieser Mauer gewartet«, bemerkte ich, als wir einen Weg erreichten, der an einer Mauer hinging.

»Sie ist fort!« sagte er und sah sich um. »Und möge alles Böse mit ihr verschwunden sein. Jetzt zu Tisch.«

Aber er sah sich noch ein paarmal nach der ferndämmernden See um, als er noch verschiedene Male seine Verwunderung über die Erscheinung äußerte, und schien sie erst zu vergessen, als wir in der warmen Stube bei Kerzenschein und behaglichem Kaminfeuer fröhlich bei Tische saßen.

Littimer war auch da und brachte die gewöhnliche Wirkung auf mich hervor. Als ich gegen ihn die Hoffnung aussprach, daß Mrs. Steerforth und Miß Dartle sich wohl befinden möchten, antwortete er ehrerbietig, sie befänden sich leidlich und ließen sich mir empfehlen. Weiter sagte er nichts, und doch schien er mir so deutlich wie möglich zu verstehen zu geben: Sie sind sehr jung, Sir, über alle Maßen jung.

Wir waren fast mit dem Essen fertig, als er an die Tafel herantrat und zu seinem Herrn sagte:

»Ich bitte um Vergebung, Sir, Miß Mowcher ist hier.«

»Wer?« rief Steerforth sehr überrascht.

»Miß Mowcher, Sir.«

»Was zum Kuckuck will die hier?« fragte Steerforth.

»Sie scheint aus dieser Gegend gebürtig zu sein, Sir. Sie erzählte mir, sie mache jedes Jahr eine Geschäftsreise hierher. Ich traf sie heute nachmittag auf der Straße, und sie läßt anfragen, ob sie die Ehre haben kann, Ihnen nach dem Essen ihre Aufwartung zu machen.«

»Kennst du die fragliche Riesin, Blümchen?« fragte Steerforth.

Ich mußte leider gestehen – ich schämte mich selbst wegen dieses Mangels vor Littimer – daß mir Miß Mowcher eine gänzlich unbekannte Größe war.

»Dann sollst du sie kennen lernen,« sagte Steerforth, »denn sie ist eines der sieben Weltwunder. Wenn Miß Mowcher kommt, so lassen Sie die Miß eintreten.«

Ich war nicht wenig neugierig auf die Dame, hauptsächlich da Steerforth stets zu lachen anfing, wenn ich sie erwähnte, und sich entschieden weigerte, irgend eine sie betreffende Frage zu beantworten. Ich blieb daher in einem Zustande ziemlicher Spannung, bis nach einer halben Stunde – so lange war das Tischtuch weggenommen und wir saßen bei unserm Weine – die Tür aufging und Littimer mit seiner gewöhnlichen unstörbaren Ruhe meldete:

»Miß Mowcher«.

Ich blickte nach der Tür und sah nichts. Ich sah immer noch nach der Tür und dachte für mich, Miß Mowcher lasse recht lange auf sich warten, als zu meinem endlosen Erstaunen um die Ecke eines bei der Tür stehenden Sofas eine Zwergin gewackelt kam, dick, vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt, mit einem sehr großen Kopf und Gesicht, schelmischen grauen Augen und so außerordentlich kleinen Armen versehen, daß sie, um einen Finger verschmitzt an ihr Stumpfnäschen legen zu können, als sie Steerforth anschielte, dem Finger entgegenkommen und die Nase daran legen mußte. Ihr Doppelkinn war so fett, daß die Bänder ihres Huts samt der Schleife darin verschwanden. Hals fehlte, Rumpf gleichfalls; die Beine waren nicht der Erwähnung wert, denn obgleich die Gestalt von mehr als gewöhnlicher Größe bis dahin war, wo die Taille hätte beginnen sollen, und obgleich ihr Körper wie bei andern Menschen unten in ein Paar Füße auslief, so war sie doch so klein, daß sie vor einem gewöhnlichen Stuhl, wie vor einem Tische stand, und auf seinen Sitz ihren Strickbeutel legte. Diese Dame, in etwas auffällig koketter Tracht von eigener Erfindung, blieb, den Zeigefinger an die Nase gelegt und das eine ihrer schlauen Äuglein zugekniffen, mit lustigem Gesicht noch eine Weile vor uns stehen und machte dann ihrem Herzen durch einen Strom von Worten Luft.

»Was, mein Goldsohn!« fing sie scherzend an und drohte ihm mit ihrem großen Kopfe. »Sie sind also hier! O, Sie böser Mensch, schämen Sie sich! – Was tun Sie so weit von Hause weg? Auf bösem Wege, will ich wetten. Ah, Sie sind ein verschmitztes Kerlchen, Steerforth, und ich auch, nicht wahr? Ha ha ha! Sie hätten hundert Pfund gegen fünf gewettet, daß Sie mich hier nicht sehen würden, nicht wahr? Ich sage Ihnen, mein Männchen, ich bin überall. Ich bin hier – und da – und dort nicht, wie die halbe Krone des Taschenspielers im Taschentuch der Dame. Aber da wir einmal von Taschentüchern sprechen und von Damen – welch' ein Segen Sie für Ihre liebe Mutter sind, nicht wahr, lieber Sohn? Man kann gar nicht sagen, ein wie großer Segen.«

Miß Mowcher band jetzt ihren Hut ab und setzte sich keuchend auf einen Fußschemel vor das Feuer, wo der Speisetisch, der seine Mahagonidecke über sie breitete, eine Art Laube für sie bildete.

»O du meine Sterne und wie alle heißen!« fuhr sie fort, indem sie mit den Händen auf die kleinen Knie schlug und mich listig anschielte, »die Sache ist die, daß ich zu stark werde, Steerforth. Wenn ich eine Treppe hinaufgegangen bin, wird mir jeder Atemzug so schwer, als ob er ein Eimer voll Wasser wäre. Wenn Sie mich aus einem oberen Fenster herausblicken sähen, würden Sie mich für eine ansehnliche Frau halten, nicht wahr?«

»Ich würde das überall tun, wo ich Sie sähe«, entgegnete Steerforth.

»Gehen Sie, Sie Schelm Sie!« rief die kleine Frau aus und schlug nach ihm mit dem Taschentuch, mit dem sie sich das Gesicht wischte – »und seien Sie nicht zu unverschämt! Aber ich versichere Sie auf Wort und Ehre, ich war vorige Woche bei Lady Mithers – das ist eine Frau! Wie die sich hält! – und Mithers selbst trat in das Zimmer, als ich auf sie wartete – ist das ein Mann! Wie der sich hält! und auch seine Perücke, denn er hat sie schon zehn Jahre, – und er fing an, mir solche Komplimente zu machen, daß ich wirklich glaubte, ich würde um Hilfe klingeln müssen. Ha ha ha! Er ist ein angenehmer Schwerenöter – aber er hat keine Grundsätze.«

»Was hatten Sie bei Lady Mithers zu tun?« fragte Steerforth.

»Das hieße ausplappern,, mein kleines Engelchen«, gab sie zur Antwort, indem sie den Finger an die Nase legte, das eine Auge zumachte und uns mit dem andern wie ein Kobold von übernatürlicher Schlauheit anblinzelte. »Darüber lassen Sie sich kein graues Haar wachsen! Sie möchten gern wissen, ob ich verhüten soll daß ihr die Haare ausfallen, oder ob ich sie färben muß, oder ob ich ihrem Teint oder ihren Augenbrauen nachhelfe? nicht wahr? Und Sie sollen's erfahren, mein Schätzchen – wenn ich's Ihnen sage! Wissen Sie, wie mein Urgroßvater hieß?«

»Nein«, sagte Steerforth.

»Wart-a-bissel hieß er, mein Goldkind; er stammte von einer langen Reihe von Wart-a-bissels, und alle meine Besitzungen in ›Großgeduld‹ habe ich von ihm geerbt.«

Ich habe nie etwas gesehen, was Miß Mowchers Augenzwinkern gleichgekommen wäre, außer Miß Mowchers Unverfrorenheit. Sie hatte auch eine absonderliche Art jemand zuzuhören oder auf Antwort zu warten, wenn sie etwas gesagt hatte, indem sie den Kopf verschmitzt auf eine Seite neigte und mit dem betreffenden Auge wie eine Elster in die Höhe lugte. Ich wußte mich vor Staunen gar nicht zu lassen und starrte sie fortwährend an; wie ich dasaß, war wohl sehr gegen alle Regeln der Höflichkeit.

Sie hatte indessen den Stuhl an sich herangezogen und holte geschäftig aus dem Beutel (indem sie bei jedem Griff den kleinen Arm bis an die Achsel darin versenkte) eine Anzahl von Fläschchen hervor, Schwämmchen, Kämme, Bürsten, Flanelläppchen, Brenneisen und andere Instrumente, die sie in einem Haufen auf den Stuhl legte. Aber plötzlich unterbrach sie sich in dieser Beschäftigung und sagte zu Steerforth, sehr zu meiner Verwirrung:

»Wer ist Ihr Freund?«

»Mr. Copperfield,« sagte Steerforth; »er wünscht Sie kennen zu lernen.«

»Nun, das Vergnügen soll er haben! Er sah mir gleich danach aus!« erwiderte Miß Mowcher und watschelte lächelnd auf mich zu. »Ein Gesicht wie ein Pfirsich!« sagte sie, indem sie sich auf die Zehen stellte und mich in die Wange kniff. »Ganz verführerisch! Ich habe die Pfirsiche gern. Ich schätze mich glücklich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mr. Copperfield.«

Ich antwortete, daß ich mir Glück wünschte, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben und daß das Glück gegenseitig sei.

»Ach du meine Güte, wie höflich wir sind!« rief Miß Mowcher aus und machte einen lächerlichen Versuch, ihr großes Gesicht mit ihrer winzigen Hand zu bedecken. »Was für eine Welt von Dunst und Schwindel es ist, nicht wahr?«

Das sagte sie vertraulich zu uns beiden, als sie die Hand wieder vom Gesicht entfernte und samt dem Arme im Strickbeutel versenkte.

»Was meinen Sie damit, Miß Mowcher?« sagte Steerforth.

»Ha ha ha! Was für eine köstliche Gesellschaft von Schwindlern wir sind, nicht wahr, mein Süßer?« erwiderte die Kleine und suchte, den Kopf auf eine Seite gelegt und mit dem einen Auge nach der Decke blickend, im Strickbeutel herum. »Sehen Sie her!« rief sie, indem sie etwas herausnahm. »Schnitzelchen von den Nägeln des russischen Fürsten, Fürst Zungenbrecher, wie ich ihn nenne, denn in seinem Namen befinden sich sämtliche Buchstaben des Alphabets durcheinandergewürfelt,«

»Der russische Fürst ist einer Ihrer Kunden, nicht wahr?« fragte Steerforth.

»Aber natürlich, mein Schatz«, entgegnete Miß Mowcher. »Ich habe seine Nägel in Ordnung zu halten. Zweimal die Woche! An den Fingern und an den Zehen!«

»Er bezahlt hoffentlich gut?« fragte Steerforth.

»Er bezahlt, wie er spricht, mein Engel – durch die Nase«, entgegnete Miß Mowcher. »Er läßt es auf ein Härchen nicht ankommen, der Fürst. Das werden Sie zugeben, wenn Sie seinen Schnurrbart sehen. Rot von Natur, schwarz durch Kunst.«

»Durch Ihre Kunst natürlich«, sagte Steerforth.

Miß Mowcher nickte beistimmend. »Mußte nach mir schicken. Konnte nicht anders. Das Klima hatte auf seine Farbe Einfluß, in Rußland ging sie; aber hier nicht. So einen rostigen Fürsten haben Sie Ihr lebelang nicht gesehen. Wie altes Eisen!«

»Und deswegen redeten Sie vorhin von Schwindel?« fragte Steerforth.

»O, Sie sind ein Nichtsnutz, ein Prachtkerl, nicht wahr?« rief Miß Mowcher und schüttelte heftig den Kopf. »Ich sage, was wir für Schwindler sind, wir Menschen im allgemeinen, und zeigte Ihnen zum Beweis die Schnitzel von den Nägeln des Fürsten. Die Nägel des Fürsten empfehlen mich mehr in den einzelnen Familien vornehmer Art, als alle meine Talente zusammengenommen. Ich trage sie stets bei mir. Sie sind die beste Einführung. Wenn Miß Mowcher dem Fürsten die Nägel verschneidet, so muß was Rechtes an ihr sein. Ich schenke sie den jungen Damen. Ich glaube wahrhaftig, sie legen sie in ihre Albums. Ha ha ha! Wahrhaftig, das ganze soziale System (wie's die Leute nennen, wenn sie Reden im Parlament halten) ist ein System von Fürstennägeln!« meinte die kleine Frau, indem sie ihre kleinen Arme übereinander zu legen suchte und mit ihrem großen Kopfe nickte.

Steerforth lachte herzlich, und ich lachte auch. Miß Mowcher fuhr die ganze Zeit über fort, den Kopf zu schütteln und mit dem einen Auge nach der Decke zu gucken und das andere einzukneifen,

»Ei,« sagte sie, schlug auf ihre Knie und stand auf, »das nenne ich nicht das Geschäft betreiben. Kommen Sie her, Steerforth, lassen Sie uns die Polarregionen erforschen.«

Sie suchte sich dann zwei oder drei von ihren kleinen Werkzeugen heraus und ein Fläschchen, und fragte zu meinem Erstaunen, ob sie der Tisch aushalten würde. Auf Steerforths bejahende Antwort schob sie einen Stuhl daran, bat um meine Hand zum Beistand und stieg ziemlich rasch hinauf, wie auf eine Bühne.

»Wenn einer von Ihnen meine Knöchel gesehen hat,« sagte sie, als sie sicher oben stand, »so sagen Sie es nur, und ich gehe nach Hause und nehme mir das Leben.«

»Ich habe sie nicht gesehen«, sagte Steerforth.

»Ich auch nicht«, entgegnete ich.

»Nun, dann will ich noch weiter leben«, rief Miß Mowcher. »Nun Putt, Putt, Putt komm zu Miß Bond und laß dich schlachten!«

Das war eine Einladung an Steerforth, sich ihren Händen zu übergeben; er setzte sich demgemäß mit dem Rücken gegen den Tisch, das lachende Gesicht mir zugewendet, und ließ sich den Kopf besehen, offenbar zu keinem andern Zweck, als zu unserer beiderseitigen Unterhaltung. Miß Mowcher übrigens stehen zu sehen, wie sie sein reiches braunes Haar durch ein großes, rundes Vergrößerungsglas beschaute, war wirklich ein staunenswerter Anblick.

»Sie sind ein schöner Bursch!« sagte Miß Mowcher nach kurzem Mustern. »Ohne mich hätten Sie in einem Jahre eine Glatze wie ein echter Mönch. Nur eine halbe Minute halten Sie still, junger Freund, und ich will Ihren Locken eine Frisur geben, daß Sie Ihr Haar noch für die nächsten zwölf Jahre behalten sollen.«

Mit diesen Worten goß sie ein Paar Tröpfchen aus einer ihrer kleinen Flaschen auf ein Flanellfleckchen, rieb damit eins von ihren Bürstchen und fing an, Steerforths Kopf in der geschäftigsten Weise zu bearbeiten, ohne während der Zeit mit Sprechen aufzuhören.

»Sie kennen doch Charley Pyegrave, des Herzogs Sohn«, fragte sie. »Nicht wahr?« und sie sah ihm ins Gesicht.

»Ein wenig«, sagte Steerforth.

»Was für ein Mann das ist! der hat einen Schnurrbart! Und Charleys Waden würden es mit allen andern aufnehmen, wenn sie nur gleichmäßig wären. Können Sie glauben, er versucht es ohne mich – und noch dazu wo er in der Garde steht?«

»Verrückt!« sagte Steerforth.

»Er sieht ganz danach aus. Aber verrückt oder nicht, er hat's versucht«, fuhr Miß Mowcher fort. »Denken Sie, was er tut: er geht zu einem Parfümeur und verlangt eine Flasche Madagaskar-Balsam!«

»Charley?« fragte Steerforth.

»Charley. Aber sie hatten keinen Madagaskar-Balsam.«

»Was ist das? Etwas zu trinken?« fragte Steerforth.

»Zu trinken?« erwiderte Miß Mowcher und hielt inne, um ihm im Scherze einen Schlag auf die Wange zu geben. »Um seinem Schnauzbart damit aufzuhelfen, das wissen Sie recht gut. Im Laden war eine Frau – eine ältliche Frau – die nie davon gehört hatte – selbst nicht den Namen. ›Ich bitte um Verzeihung, Sir‹; sagte die Frau zu Charley. ›Sie meinen doch nicht – nicht Schminke?‹; ›Schminke?‹ sagte Charley zu der Frau. ›Was zum Kuckuck soll ich mit Schminke tun?‹ war die Antwort. ›Es war nicht böse gemeint,‹ sagte die Frau; ›es wird bei uns unter so vielen Namen danach gefragt, daß ich dachte, es könnte Schminke sein‹.– Nun sehen Sie, mein Kind«, fuhr Miß Mowcher fort und rieb dabei mit unverminderter Geschäftigkeit, »das ist ein anderes Beispiel der erhebenden Schwindelei, von der ich vorhin sprach. Ich mache selbst darin einige Geschäfte – vielleicht viel – vielleicht wenig – aber schlau ist die Parole, mein Sohn!«

»Worin meinen Sie? in Schminke?« sagte Steerforth,

»Addieren Sie dies und das, mein liebes Kind,« erwiderte die vorsichtige Mowcher und legte den Finger pfiffig an die Nase; »dividieren Sie es nach der Regel des Geschäftsgeheimnisses und das Fazit wird sein, wie Sie es wünschen. Ich sage, ich mache auch einige Geschäfte damit. Die eine nennt es Lippenpomade; bei einer andern heißt es Handschuhe; bei einer dritten Spitzenbesatz; bei einer vierten ein Fächer. Ich nenne es, wie sie es nennen. Ich besorge es ihnen, aber wir verstellen uns so gegeneinander, daß sie ebensogut vor einer ganzen Gesellschaft, wie vor mir auflegen würden. Und wenn ich sie besuche, so sagen sie manchmal zu mir – während es ihnen dick auf den Wangen liegt – ›wie sehe ich aus, Mowcher? sehe ich blaß aus?‹ Ha! Ha! Ha! Ha! Ist das nicht heiter, junger Freund!«

Ein Schauspiel, wie Mowcher, auf dem Tische stehend, sich an dieser heitern Sache über die Maßen belustigte, geschäftig Steerforths Kopf bearbeitete und mir schlau zuwinkte, war mir noch nicht vorgekommen.

»Ah!« sagte sie. »Nach solchen Sachen fragt man hier nicht viel. Das bringt mich wieder auf etwas! Ich habe kein hübsches Mädchen gesehen, seitdem ich hier bin, Jemmy.«

»Nicht?« sagte Steerforth.

»Nicht den Schatten von einem Schatten von hübschen Mädchen«, erwiderte Miß Mowcher.

»Wir können ihr eine Lebendige zeigen, glaub' ich«, fragte Steerforth und sah mich an. »Nicht wahr, Blümchen?«

»Jawohl«, sagte ich.

»Aha!« rief die Kleine aus und sah erst mich und dann Steerforth mit schlauem Blick an. – »Hm?« Der erste Ausruf klang wie eine Frage an uns beide, der zweite wie eine, die nur an Steerforth gerichtet war.

»Ihre Schwester, Mr. Copperfield?« fing sie nach einer kleinen Pause wieder an. »Nicht wahr?«

»Nein«, sagte Steerforth, ehe ich antworten konnte. »Nichts von der Art. Im Gegenteil, Mr. Copperfield war ein großer Bewunderer von ihr, wenn ich nicht irre.«

»So, und jetzt nicht mehr?« entgegnete Miß Mowcher. »Ist er unbeständig? O pfui! Schwebt er von Blume zu Blume in schnellwechselndem Flug, bis Polly ihn zärtlich im Herzen trug? – Heißt sie nicht Polly?«

Die koboldartige Schnelligkeit, mit der sie mich mit dieser Frage überfiel, und ihr forschender Blick brachten mich für einen Augenblick ganz außer Fassung.

»Nein, Miß Mowcher,« erwiderte ich, »sie heißt Emilie.«

»Aha!« rief sie gerade wie vorhin. »Hm? Was für eine Plaudertasche ich bin! Mr. Copperfield, nicht wahr?«

In ihrem Ton und Blick lag etwas, was mir in Verbindung mit dieser Sache nicht angenehm war. Deshalb sagte ich ernster, als bis jetzt einer von uns gesprochen hatte:

»Sie ist eben so tugendhaft wie schön. Sie ist mit einem sehr vortrefflichen Manne von ihrem eigenen Stande verlobt. Ich achte sie wegen ihrer Verständigkeit ebensosehr, als ich sie wegen ihrer Schönheit bewundere.«

»Gut gesagt!« rief Steerforth. »Hört! Hört! Hört! Jetzt will ich die Neugier dieser kleinen Fatime dadurch befriedigen, liebes Blümchen, daß ich ihr nichts zu erraten übrig lasse: Sie ist jetzt in der Lehre bei Omer und Joram, Putzmacher usw. hier in der Stadt. Verstehen Sie wohl? Omer und Joram. Verlobt ist sie mit ihrem Vetter, Vorname Ham, Zuname Peggotty, Beruf Schiffszimmermann, Aufenthalt Yarmouth. Sie wohnt bei ihrem Verwandten, Vorname unbekannt, Zuname Peggotty, Beruf Schiffer, Wohnort ebenfalls Yarmouth. Sie ist die hübscheste kleine Fee von der Welt. Ich bewundere sie ebensosehr wie mein Freund. Und wenn es nicht den Anschein hätte, als wollte ich ihrem Bräutigam unrecht tun, was mein Freund, wie ich weiß, nicht gern sieht, so würde ich hinzufügen, daß sie mir zu gut für ihn zu sein scheint, daß ich überzeugt bin, sie könnte einen Bessern finden, und daß ich schwöre, sie ist zu einer vornehmen Dame geboren.«

Miß Mowcher hörte diesen Worten, die sehr langsam und deutlich gesprochen wurden, mit nach der Decke gewendeten Augen zu, als ob sie immer noch von dort eine Antwort erwartete. Als er aufhörte, wurde sie wieder ganz rührig und fuhr fort mit wunderbarer Schnelligkeit zu plaudern.

»Oh! Und das ist alles?« rief sie aus, während sie seinen Backenbart mit einer kleinen Schere beschnitt, die in allen Richtungen um seinen Kopf glänzte. »Sehr gut; sehr gut! Eine lange Geschichte. Sollte eigentlich schließen: ›und sie führten zusammen ein glückliches Leben‹; nicht wahr? Ah! Wie heißt es doch im Pfänderspiel? Ich liebe meine Geliebte mit einem E, weil sie entzückend ist; ich hasse sie mit einem E, weil sie für einen andern eingenommen ist. Ich führte sie in das Wirtshaus ›Zum Einhorn‹ und traktierte sie mit einer Entführung, ihr Name ist Emilie, und sie wohnt an der Ecke? Ha! Ha! Ha! Mr. Copperfield, bin ich nicht eine närrische Frau?«

Sie sah mich dabei mit ausnehmender Schlauheit an und wartete keine Antwort ab, sondern fuhr ohne Atem zu schöpfen fort:

»So! Wenn jemals ein Taugenichts vollkommen zurecht geputzt worden ist, so sind Sie's, Steerforth. Wenn ich jemandes Kopf verstehe, so verstehe ich Ihren. Hören Sie, was ich Ihnen sage, mein Schatz! Ich verstehe Sie«, wiederholte sie und sah ihm ins Gesicht. »Jetzt können Sie sich drücken, Jemmy – wie wir bei Hofe sagen –, und wenn Mr. Copperfield Platz nehmen will, so will ich ihn bearbeiten.«

»Was meinst du, Blümchen?« fragte Steerforth lachend und stand auf. »Willst du dich verschönern lassen?«

»Ich danke Ihnen, Miß Mowcher, heute nicht.«

»Sagen Sie nicht nein,« entgegnete die Kleine und sah mich mit Kennermiene an, »ein bißchen mehr Augenbrauen?«

»Ich danke Ihnen,« erwiderte ich, »ein andermal.«

»Einen Viertelzoll weiter nach den Schläfen zu«, sagte Miß Mowcher. »Das läßt sich in vierzehn Tagen machen.«

»Nein, ich danke Ihnen. Jetzt nicht.«

»Kommen Sie, um einen Anfang zu machen«, drang sie in mich. »Nicht? Nun wollen wir den Grund zu einem Backenbart legen. Kommen Sie her!«

Ich konnte nicht umhin zu erröten, als ich es ausschlug, denn ich fühlte, daß sie jetzt meine schwache Seite berührt hatte. Aber da Miß Mowcher fand, daß ich vorderhand nicht geneigt war, von ihrer kunstfertigen Hand Gebrauch zu machen, und da ich ungerührt blieb von den Reizen des kleinen Fläschchens, das sie mir zur Unterstützung ihrer Überredungskunst vor die Augen hielt, so sagte sie, wir wollten nächstens einmal anfangen, und bat mich, ihr von ihrer Höhe herabzuhelfen. Auf meine Hand gestützt, sprang sie mit vieler Gewandtheit herunter und band ihr Doppelkinn in ihren Hut.

»Das Honorar«, – sagte Steerforth.

»Fünf Schilling,« entgegnete Miß Mowcher, »und spottbillig ist das, mein Puttchen. Bin ich nicht eine närrische Frau, Mr. Copperfield?«

Ich erwiderte höflich: »Durchaus nicht!« Aber innerlich war ich ganz mit ihr einverstanden, als sie die beiden halben Kronen wie ein Miniaturtaschenspieler in die Luft warf, wieder auffing, in die Tasche fallen ließ und dieser einen Schlag gab.

»Das ist die Ladenkasse!« bemerkte Miß Mowcher, die jetzt wieder vor dem Stuhle stand und ihre Siebensachen in den Strickbeutel steckte. »Habe ich alle meine Sachen? Es scheint so. Ich kann es doch nicht machen, wie der lange Ned Beadwood, als sie ihn nach der Kirche brachten, ›um ihn mit jemand zu verheiraten‹, wie er sagt, und die Braut vergaßen. Ha! Ha! Ha! Ein böser Kerl, der Ned, aber ein närrischer Kauz! Nun, ich weiß schon, ich breche Ihnen das Herz, aber ich muß Sie jetzt verlassen. Sie müssen alle Ihre Kraft zusammennehmen und versuchen, wie Sie's tragen können. Leben Sie wohl, Mr. Copperfield! Leben Sie wohl, Hänschen von Norfolk! Wie ich geplappert habe! Da seid ihr beiden bösen Menschen allein daran schuld. Ich verzeihe euch! ›Bong swoar‹, wie der Engländer sagte, der Französisch lernte und glaubte ›Gute Nacht‹ zu sagen. ›Bong swoar!‹ Kinderchen!«

Mit der Tasche am Arm redete sie unaufhörlich weiter, während sie nach der Tür wackelte, blieb aber noch einmal davor stehen und fragte, ob sie uns eine Locke zum Andenken dalassen sollte. »Bin ich nicht fidel?« fügte sie hinzu und legte schlau den Finger an die Nase; dann verschwand sie.

Steerforth lachte so unbändig, daß ich nicht umhin konnte, mitzulachen, was ich sonst vielleicht nicht getan hätte. Als wir uns nach einiger Zeit endlich ausgelacht hatten, erzählte er mir, daß Miß Mowcher eine wirklich sehr ausgebreitete Bekanntschaft habe und sich einer Menge von Leuten in der verschiedensten Weise nützlich mache. Manche trieben ja mit ihr als einer schnurrigen Abnormität nur ihren Spaß, aber sie sei so verschlagen und habe eine so scharfe Beobachtungsgabe, wie nur irgendwer, den er kenne, sagte Steerforth, und ihr Verstand sei so lang, wie ihre Arme kurz. Was sie von ihren Kreuz- und Querfahrten erzählt habe, sei vollkommen richtig; sie mache plötzliche Abstecher in die Provinzen und scheine die Kunden nur überall so aufzulesen und alle Welt zu kennen.

Ich fragte ihn nach ihrer Gesinnung, ob sie boshaft sei und ob ihre Sympathien sich auf der rechten Seite befänden, aber da ich ihn hierfür nicht zu interessieren vermochte, so verschob ich's oder vergaß auch, meine Fragen zum dritten oder vierten Male zu stellen. Statt dessen erzählte er mir zungenfertig mancherlei von ihrer klugen Geschicklichkeit und ihren Einnahmen, und daß sie wie ein gelernter Bader Schröpfköpfe setze – wenn ich mich ihrer einmal in dieser Eigenschaft bedienen wolle.

Sie bildete den Hauptgegenstand unserer Unterhaltung während des Abends, und als ich von Steerforth für die Nacht schied, rief er mir noch über das Treppengeländer nach: »›Bong swoar!‹ Bin ich nicht fidel?«

Als ich Mr. Barkis Haus erreichte, fand ich zu meiner Verwunderung Ham davor auf und ab gehen und hörte zu meiner noch größeren Verwunderung, daß die kleine Emilie drin sei. Ich fragte natürlich, warum er nicht ebenfalls hineingegangen sei, statt hier so einsam auf und ab zu wandeln?

»Ja sehen Sie, Master Davy,« gab er zögernd zur Antwort, »Emilie hat drinnen mit jemand zu reden.«

»Ich sollte meinen,« sagte ich lächelnd, »das wäre für Euch gerade ein Grund darin zu sein, Ham.«

»Im allgemeinen freilich, Davy,« erwiderte er, »aber sehen Sie, Master Davy,« sagte er leise und sehr ernst, »ein Mädchen, Sir, – ein Mädchen – das Emilie einmal kannte und eigentlich nicht mehr kennen sollte.«

Jetzt fiel mir wieder plötzlich die Gestalt ein, die ich vor ein paar Stunden hinter ihr hatte hergehen sehen.

»Es ist ein armer Wurm, Master Davy,« sagte Ham, »den die ganze Stadt hier unter die Füße tritt, in den Gräbern auf dem Kirchhofe ist keiner, vor dem sich die Leute mehr scheuten.«

»Bin ich ihr heute abend nicht begegnet, Ham, als wir Euch trafen?«

»Sie folgte uns!« sagte Ham. »Das ist leicht möglich, Master Davy. Freilich weiß ich es nicht, aber nicht lange darauf kam sie zu Emilie ans Fenster hingeschlichen, als sie es Licht werden sah, und flüsterte: ›Emilie, Emilie! um Christus willen, hab' ein weibliches Herz im Busen. Ich war einmal, was du bist!‹ Das waren feierliche Worte, Master Davy!«

»Jawohl, Ham. Und was tat Emilie?«

»Emilie sagte: ›Martha, bist du's? O Martha, bist du's wirklich?‹ Denn sie hatten manchen Tag bei Mr. Omer gearbeitet.«

»Jetzt besinne ich mich auf sie!« rief ich, denn ich erinnerte mich an eins der beiden Mädchen, die ich bei meinem ersten Besuch dort gesehen hatte. »Ich besinne mich recht gut auf sie!«

»Martha Endell«, sagte Ham. »Zwei oder drei Jahre älter als Emilie, aber eine Schulgenossin.«

»Ich habe ihren Namen nie gehört«, sagte ich. »Ich wollte Euch nicht unterbrechen.«

»Was das betrifft, Master Davy,« erwiderte Ham, »so ist alles fast mit den Worten gesagt: ›Emilie, Emilie! um Christus willen, habe ein weibliches Herz im Busen. Ich war einmal was, was du bist!‹ Sie wollte mit Emilie sprechen; Emilie konnte jetzt nicht mit ihr sprechen, denn ihr guter Onkel war nach Hause gekommen, und er wollte nicht – nein, Master Davy, so gut und weichherzig er ist, so konnte er doch nicht, um alle Schätze, die im Meere liegen, die beiden nebeneinander sehen.«

Ich fühlte, wie wahr das sei, ich fühlte es so deutlich wie Ham.

»Emilie schrieb also mit Bleistift auf einen Zettel«, fuhr er fort, »und reichte es ihr durch das Fenster hinaus. ›Zeige das meiner Tante Mrs. Barkis,‹ sagte sie, ›und sie wird dich aus Liebe zu mir aufnehmen, bis der Onkel ausgegangen ist und ich kommen kann.‹ Und darauf erzählte sie mir, was ich Ihnen erzählt habe, Master Davy, und bat mich, sie hierher zu begleiten. Was kann ich tun? Freilich sollte sie solche Personen nicht kennen, aber ich kann ihr nichts abschlagen, besonders nicht, wenn sie Tränen im Auge hat.«

Er griff in die Brust seiner Flanelljacke und zog sehr sorgfältig eine kleine hübsche Börse hervor.

»Und wenn ich ihr's nicht abschlagen könnte, wenn ihr die Tränen im Auge stehen, Master Davy,« sagte Ham und breitete die Börse vorsichtig auf seiner rauhen Handfläche aus, »wie konnte ich ihr's abschlagen, als sie mir das zu tragen gab – da ich doch wußte wozu? Ein so niedlich Dingelchen«, sagte Ham und sah die Börse gedankenvoll an. »Und so wenig Geld darin!«

Ich schüttelte ihm herzlich die Hand – denn das genügt immer besser als Worte – und wir gingen ein paar Minuten schweigend auf und ab. Da ging die Tür auf; Peggotty erschien und winkte Ham hereinzutreten. Ich wollte mich entfernen, aber sie kam mir nach und bat mich ebenfalls hereinzukommen. Selbst da hätte ich gern den Raum vermieden, in dem sie alle waren, aber dies war die schon öfter erwähnte sauber gepflasterte Küche, und da man in diese unmittelbar von der Straße eintrat, stand ich unversehens mitten unter ihnen.

Das Mädchen – dasselbe, das ich auf den Dünen gesehen – saß nicht weit vom Feuer auf dem Fußboden und ließ den Kopf und einen Arm auf einem Stuhl ruhen. Aus ihrer Stellung vermutete ich, daß Emilie eben erst vom Stuhle aufgestanden war und daß die Arme ihren Kopf auf ihrem Schoße hatte ruhen lassen. Ich konnte nicht viel von dem Gesicht des Mädchens sehen, denn es war halb von dem gelösten Haar bedeckt, das ungeordnet war, als ob sie selbst darin gewühlt hätte; aber ich sah, daß sie jung und blond war. Peggotty hatte geweint. Die kleine Emilie ebenfalls. Niemand sprach ein Wort, als wir zuerst eintraten, und die Holländer Wanduhr neben dem Küchentisch schien in der lautlosen Stille doppelt so laut wie gewöhnlich zu ticken.

Emilie fing zuerst an zu sprechen.

»Martha will nach London«, sagte sie zu Ham.

»Warum nach London?« erwiderte Ham.

Er stand zwischen beiden und sah auf das am Boden hingekauerte Mädchen herab mit einem Gemisch von Mitleid und Besorgnis, sie möchte in eine zu nahe Berührung mit der Geliebten seines Herzens kommen. Beide sprachen, als ob sie krank wäre, in einem leisen, gedämpften Ton, aber doch so deutlich, daß ich alles hören konnte.

»Besser dort als hier«, sagte eine dritte Stimme laut. Es war Martha, aber sie regte sich nicht dabei. »Niemand kennt mich dort. Jedermann kennt mich hier.«

»Was will sie dort?« fragte Ham.

Sie hob den Kopf und sah ihn einen Augenblick finster an, dann beugte sie ihn wieder, legte den Arm um den Hals, wie eine Fieberkranke oder eine von einem Schuß Getroffene sich krümmt.

»Sie wird versuchen ordentlich zu sein«, sagte die kleine Emilie. »Du weißt nicht, was sie zu uns gesprochen hat. Nicht wahr, Tante?« Peggotty nickte mitleidig mit dem Kopfe.

»Ich will es versuchen, wenn ihr mir forthelft,« sagte Martha, »schlimmer als hier kann es nicht werden. Vielleicht wird es besser. O!« sagte sie mit angstvollem Schaudern, »bringt mich fort aus diesen schrecklichen Straßen, wo mich die ganze Stadt von Kindheit an kennt!«

Als Emilie Ham die Hand hinhielt, sah ich, wie er ihr einen kleinen Leinwandbeutel hineinlegte, sie nahm ihn in der Meinung, es sei ihre eigene Börse, bemerkte aber bald den Irrtum, und trat wieder an ihn heran.

»Es ist alles dein, Emilie«, hörte ich ihn sagen, »Ich habe nichts in der Welt, was nicht dein ist, liebe Emilie. Es macht mir keine Freude, ausgenommen deinetwegen.«

Die Tränen traten ihr von neuem in die Augen, aber sie wandte sich ab und ging zu Martha. Was sie ihr gab, weiß ich nicht, aber ich hörte, wie sie flüsternd fragte:

»Ist das genug?«

»Mehr als genug«, sagte die andere, nahm ihre Hand und küßte sie.

Jetzt stand Martha auf, nahm ihr Tuch zusammen, bedeckte sich das Gesicht damit und ging laut weinend nach der Tür. Auf der Schwelle blieb sie einen Augenblick stehen, als wollte sie noch etwas sagen oder umkehren, aber kein Wort kam über ihre Lippen. Halblaut in das Tuch weinend ging sie hinaus.

Als die Tür zu war, sah die kleine Emilie uns aufgeregt an, verbarg dann ihr Gesicht in den Händen und fing an zu schluchzen.

»Ich bitte dich, Emilie!« sagte Ham und legte seine Hand sanft auf ihre Schulter. »Ich bitte dich! Du solltest nicht so weinen, liebes Herz!«

»Ach Ham!« rief sie, immer noch bitterlich weinend, aus, »ich bin nicht so gut, wie ich sein sollte! Ich bin manchmal Gott nicht so dankbar, wie ich sein sollte!«

»Du bist es doch«, sagte Ham.

»Nein, nein, nein!« rief die kleine Emilie und schluchzte und schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht so gut als ich sein sollte! Noch lange nicht, noch lange nicht!«

Und sie weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte.

»Ich mute deiner Liebe oft zuviel zu. Ich weiß das wohl!« schluchzte sie. »Ich bin oft mürrisch und launisch gegen dich, wenn ich ganz anders sein sollte. Du bist niemals so gegen mich.«

»Du machst mich immer glücklich, mein Herz«, sagte Ham. »Ich bin glücklich, wenn ich dich sehe. Ich bin den ganzen Tag glücklich, wenn ich an dich denke.«

»Ach, das ist nicht genug!« rief sie aus. »Das geschieht, weil du so gut bist, nicht, weil ich es bin! Ach, Lieber, es wäre vielleicht besser für dich, wenn du eine andere liebtest, eine, die beständiger als ich und deiner würdiger, eine, die ganz in dir aufginge und niemals eitel und veränderlich wäre, wie ich.«

»Das arme, kleine Herzchen«, sagte Ham leise. »Martha hat sie ganz außer sich gebracht.«

»Bitte Tante,« schluchzte Emilie, »komm zu mir und laß mich mein Haupt auf deinen Schoß legen. Ach, ich bin heute sehr unglücklich, Tante! Ach, ich bin lange nicht so gut, wie ich sein sollte. Noch lange nicht, ich weiß es wohl!«

Peggotty setzte sich auf den Stuhl neben dem Feuer. Emilie umschlang sie mit ihren Armen, kniete neben ihr nieder und sah ihr flehend ins Gesicht.

»O, bitte, Tante, steh mir bei! Lieber Ham, steh mir bei! Mr. David, um alter Zeiten willen, bitte, stehen Sie mir doch bei! Ich muß ein besseres Mädchen werden, als ich es bin! Ich muß hundertmal mehr Dankbarkeit empfinden als ich's tue. Ich muß es fühlen lernen, was für ein Segen es ist, das Weib eines guten Mannes zu sein und ein friedliches Leben zu führen! O weh! o weh! O mein armes, armes Herz!«

Sie verbarg ihr Gesicht an dem Busen meiner alten Kindsfrau, unterbrach ihre Klage, die in ihrem Schmerz etwas Kindliches hatte wie ihr ganzes Wesen, und weinte stumm, während Peggotty sie zu beruhigen suchte wie ein kleines Kind.

Sie wurde allmählich ruhiger, und dann sprachen wir ihr Trost zu, bis sie wieder aufblickte und mit uns redete. So unterhielten wir sie, bis sie wieder lächeln konnte und dann lachte, und sich zuletzt halb beschämt wieder aufrecht setzte; während Peggotty ihr die zerstörten Locken wieder zurückstrich, ihr die Augen trocknete und sie wieder schmuck machte, damit der Onkel beim Nachhausekommen nicht frage, warum sein Liebling geweint habe.

Sie tat heute etwas, was ich noch nie bei ihr gesehen hatte. Ich sah, wie sie ihren Bräutigam unschuldig auf die Backen küßte, und sich dicht an die derbe Gestalt andrängte, als wäre er ihre beste Stütze. Als sie im verbleichenden Mondschein zusammen fortgingen und ich ihnen nachblickte, im Stillen ihr Fortgehen mit dem von Martha vergleichend, da sah ich, wie sie seinen Arm mit beiden Händen umschlungen hielt, und sich immer noch dicht an ihn andrängte.

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