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David Copperfield - Teil 1

Charles Dickens: David Copperfield - Teil 1 - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Teil 1
publisherMax Hesses Verlag
volume1
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Siebzehntes Kapitel

Es findet sich jemand.

Ich habe seit meiner Flucht nicht Gelegenheit gefunden, Peggotty zu erwähnen; aber natürlich schrieb ich ihr einen Brief, sowie ich ein Unterkommen in Dover gefunden hatte, und einen zweiten und ganz ausführlichen, als mich meine Tante ausdrücklich unter ihren Schutz genommen hatte. Als ich zu Doktor Strong in die Schule kam, schrieb ich ihr nochmals und setzte ihr meine glückliche Lage und meine guten Aussichten auseinander. Das Vernaschen oder jeder anderweitige Verbrauch des Geldes, das mir Mr. Dick geschenkt hatte, hätte mir nicht so viel Freude gemacht, als seine Verwendung zur Bezahlung meiner Schuld an Peggotty; ich wechselte eine goldene halbe Guinee ein und schickte sie Peggotty mit der Post; und erst bei dieser Gelegenheit erzählte ich ihr die Geschichte von dem Burschen und dem Eselskarren.

Auf diese Briefe antwortete Peggotty so rasch, wenn auch nicht so geschäftsmäßig kurz, wie ein Kommis. Ihre äußerste Fähigkeit, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben – die mit Tinte gewiß nicht groß war – hatte sie bei dem Versuche aufgeboten, den Zustand ihres Innern bei dem Durchlesen meines Reiseberichts zu schildern. Vier Seiten unzusammenhängender und mit Ausrufungen beginnender Satzanfänge, die kein anderes Ende hatten als verschwimmende Kleckse, hatten ihr ersichtlich noch keine Erleichterung gewähren können. Aber die Kleckse waren ausdrucksvoller für mich als die beste Stilisierung; denn sie sagten mir, daß Peggotty während des Schreibens des Briefes geweint hatte, und was wollte ich mehr?

Ohne große Schwierigkeit erkannte ich, daß sie sich noch nicht recht mit meiner Tante aussöhnen konnte. Die Zeit war zu kurz einem so lange Zeit gehegten Vorurteile gegenüber. »Wir lernen nie einen Menschen auskennen,« schrieb sie; »aber zu denken, daß Miß Betsey so ganz anders sei, als man sie sich vorgestellt, das sei eine Moral!« Das war ihr Ausdruck. Sie fürchtete sich offenbar immer noch vor Miß Betsey, denn sie ließ sich etwas schüchtern als ihre gehorsame und dankbare Dienerin empfehlen; und hinsichtlich meiner fürchtete sie offenbar, ich könnte bald noch einmal ausreißen, denn sie machte mir wiederholt bemerklich, daß ich das Fahrgeld nach Yarmouth, wenn ich es brauche, nur von ihr verlangen soll.

Eine Nachricht teilte sie mir mit, die einen sehr schmerzlichen Eindruck auf mich machte; nämlich daß die Möbel in unserm alten Hause auf Auktion verkauft worden waren, und daß Mr. und Miß Murdstone fortgezogen wären und das Haus vermietet oder verkauft werden sollte. Gott weiß es, ich hatte keinen Teil daran, solange sie dort hausten, aber es schmerzte mich, mir das liebe alte Haus ganz verlassen vorzustellen, den Garten voll hohen Unkrauts und die Wege mit welkem, feuchtem Laub bedeckt zu denken. Ich stellte mir vor, wie es der Winterwind umheulen, wie der kalte Regen an die Fenster schlagen, wie der Mond Gespenster an die Wände der leeren Zimmer malen und in ihre Einsamkeit die ganze Nacht hineinsehen würde. Ich dachte wieder an das Grab auf dem Kirchhofe unter dem Baume; und es war mir, als ob das Haus jetzt ebenfalls tot und alles, was an meinen Vater und an meine Mutter erinnerte, von der Erde verschwunden wäre.

Doch es standen auch noch weitere Neuigkeiten in Peggottys Briefen. Sie sagte mir, Mr. Barkis sei ein vortrefflicher Ehemann, »wenn auch immer noch etwas genau«; aber wir hätten alle unsere Fehler und sie selbst eine Menge – obgleich ich mich auf keine besinnen kann –; und er lasse mich grüßen und mir sagen, daß mein kleines Schlafzimmer oben immer für mich bereit sei. Mr. Peggotty befinde sich wohl, und Ham befinde sich wohl, und Mrs. Gummidge befinde sich soso, und die kleine Emily wolle mich nicht grüßen lassen, erlaube es aber Peggotty, wenn sie es tun wolle.

Alle diese Nachrichten teilte ich gewissenhaft meiner Tante mit und unterließ nur, die kleine Emily zu erwähnen, der sie sich nicht sehr zärtlich zuneigen würde, wie ich instinktmäßig fühlte. In den ersten Monaten meiner Schulzeit kam die Tante mehrmals nach Canterbury, um mich zu besuchen und stets zu ungewöhnlichen Stunden, wie um mich zu überraschen. Da sie mich aber stets gehörig beschäftigt fand, ein gutes Zeugnis vernahm und von allen Seiten hörte, daß ich in der Schule rasche Fortschritte machte, stellte sie bald diese Besuche ein. Ich ging alle drei bis vier Wochen Sonnabends zu ihr nach Dover, während ich Mr. Dick einen Mittwoch um den andern sah, wo er mittags mit der Landkutsche ankam und bis nächsten Morgen blieb.

Bei diesen Gelegenheiten reiste Mr. Dick nie ohne Reiseschreibpult mit Schreibmaterialien und der Denkschrift, die ihm jetzt sehr dringlich erschien, und mit deren Vollendung er eifriger beschäftigt war als je.

Mr. Dick aß sehr gern Pfefferkuchen. Um seine Besuche ihm um so angenehmer zu machen, hatte meine Tante mir geheißen, bei einem Konditor eine laufende Rechnung für ihn zu eröffnen, jedoch unter der Bedingung, an einem Tage nie mehr als für einen Schilling zu entnehmen. Dies und der Umstand, daß alle seine kleinen Rechnungen in dem Wirtshaus, wo er übernachtete, meiner Tante vorgelegt werden mußten, bevor sie bezahlt wurden, erregte in mir den Argwohn, daß er mit seinem Gelde nur klappern, es aber nicht ausgeben dürfe. Bei weiterer Nachforschung fand ich, daß dies wirklich so war oder wenigstens, daß zwischen ihm und meiner Tante die Verabredung bestand, daß er ihr von allen seinen Ausgaben Rechenschaft ablegte. Da er nicht den leisesten Gedanken hatte, sie zu hintergehen, und alle ihre Wünsche zu erfüllen bestrebt war, so wurde er dadurch sehr vorsichtig in seinen Ausgaben. Hinsichtlich dieses Punktes, sowie hinsichtlich aller andern möglichen Punkte war Mr. Dick überzeugt, daß meine Tante die weiseste und wunderbarste aller Frauen sei, wie er es mir sehr oft höchst geheimnisvoll und stets flüsternd sagte.

»Trotwood,« sagte Mr. Dick an einem Mittwoch, als er mir das anvertraut hatte, mit geheimnisvoller Miene zu mir, »wer ist der Mann, der sich bei unserm Hause versteckt hält und sie erschreckt?«

»Meine Tante erschreckt?« fragte ich zurück.

Mr. Dick nickte. »Ich dachte, nichts könnte sie erschrecken,« sagte er, »denn sie ist« – hier fing er an leiser zu sprechen – »die klügste und wunderbarste aller Frauen. Aber bitte sage es niemand wieder.« Nachdem er dies gesagt hatte, trat er ein paar Schritte zurück, um die Wirkung dieser Worte auf mich zu beobachten.

»Das erstemal kam er,« sagte Mr. Dick, – »warte einmal. – Im Jahre 1649 wurde Karl I. hingerichtet. Ich glaube, du sagtest 1649?«

»Ja, Sir.«

»Ich weiß gar nicht, wie das sein kann«, sagte Mr. Dick, in arger Verlegenheit den Kopf schüttelnd. »Ich glaube nicht, daß ich so alt bin.«

»Ist der Mann in diesem Jahre erschienen, Sir?« fragte ich.

»Ich weiß nicht, wie es in diesem Jahre gewesen sein soll, Trotwood«, sagte Mr. Dick. »Hast du die Jahreszahl aus der Geschichte?«

»Ja, Sir.«

»Ich glaube, die Geschichte lügt wohl niemals?« sagte Mr. Dick, mit einem Strahl von Hoffnung auf dem Gesicht.

»O niemals, niemals!« erwiderte ich sehr bestimmt. Ich war vertrauensvoll und jung und hegte diesen Glauben.

»Dann kann ich nicht daraus klug werden«, sagte Mr. Dick, den Kopf schüttelnd. »Etwas ist da nicht in Ordnung. Jedenfalls war es aber nicht lange nach der Zeit, wo sie aus Versehen einen Teil der Sorgen aus König Karls Kopf in den meinigen steckten, als der Mann zum erstenmal kam. Ich ging gleich nach Dunkelwerden mit Miß Trotwood spazieren, und da fanden wir ihn dicht bei unserm Hause.«

»Er ging dort herum?« fragte ich.

»Ob er herumging?« wiederholte Mr. Dick. »Wart' einmal. Ich muß mich ein bißchen besinnen. N – nein – nein; er ging nicht herum.«

Ich fragte, was er denn getan habe.

»Er war eigentlich gar nicht da,« sagte Mr. Dick, »bis er plötzlich hinter ihr war und ihr etwas zuflüsterte. Dann drehte sie sich um und wurde ohnmächtig und ich stand still und sah ihn an, und er ging fort; aber daß er sich seit der Zeit immer versteckt gehalten hat – unter der Erde oder sonst wo – ist das allermerkwürdigste!«

»Hat er sich seitdem nicht wieder sehen lassen?« fragte ich.

»Doch!« entgegnete Mr. Dick und nickte ernst mit dem Kopfe. »Erst gestern ist er wieder zum Vorschein gekommen. Wir gingen gestern abend miteinander spazieren, und er war wieder auf einmal hinter ihr, und ich erkannte ihn wieder.«

»Und erschreckte wieder meine Tante?«

»Sie zitterte und bebte«, sagte Mr. Dick, indem er diese Bewegung nachmachte und mit den Zähnen klapperte, hielt sich an das Geländer, schrie. »Aber Trotwood, komm einmal her,« sagte er, indem er mich dicht an sich heranzog, damit er sehr leise sprechen könne; »warum gab sie ihm später im Mondschein Geld?«

»Es war vielleicht ein Bettler«, sagte ich.

Mr. Dick schüttelte lebhaft den Kopf, als ob er diese Vermutung entschieden zurückweise, und nachdem er mit großer Zuversicht und vielmals hintereinander »kein Bettler, kein Bettler, kein Bettler, Sir!« wiederholt hatte, fuhr er fort zu berichten, daß er von seinem Fenster aus gesehen, wie meine Tante spät nachts, als der Mond geschienen, draußen vor der Gartentür dem Unbekannten Geld gegeben habe, worauf dieser verschwunden sei – wahrscheinlich wieder in die Erde – während meine Tante rasch und verstohlen wieder in das Haus ging und noch am andern Morgen sehr aufgeregt gewesen war, was Mr. Dick große Sorge machte.

Ich zweifelte anfangs nicht im mindesten, daß der Unbekannte ein Gebild von Mr. Dicks Phantasie und einer aus der Reihe unglücklicher Fürsten sei, die ihm so viel zu schaffen machten; aber nach einigem Nachdenken fragte ich mich, ob nicht vielleicht ein Versuch oder eine Androhung eines Versuchs, Mr. Dick dem Schutze meiner Tante zu entziehen, stattgefunden, und ob sich nicht meine Tante, deren große Zuneigung für ihren Schützling ich aus ihrem eigenen Munde kannte, veranlaßt gesehen haben könnte, seine Sicherheit mit Geld zu erkaufen. Da ich schon sehr an Mr. Dick hing und seine Wohlfahrt mir sehr am Herzen lag, so unterstützten meine Befürchtungen diese Vermutung; und lange Zeit erschien kaum einer seiner Mittwoche ohne die Befürchtung, ihn diesmal nicht auf seinem gewöhnlichen Platz auf dem Kutscherbocke zu sehen. Aber dort erblickte ich ihn immer, grauköpfig, lachend und glücklich; und er hatte nie wieder etwas von dem Manne, der meine Tante erschrecken konnte, zu erzählen.

Diese Mittwoche waren die glücklichsten Tage in Mr. Dicks Leben, und sie waren keineswegs die am wenigsten glücklichen in dem meinigen. Er war bald mit jedem Knaben der Schule bekannt, und obwohl er an den Spielen, mit Ausnahme des Drachensteigenlassens, keinerlei tätigen Anteil nahm, so interessierte er sich doch für alle so sehr als nur irgendeiner von uns. Wie oft sah er ganz vertieft dem Murmel- oder Kreiselspiele zu und wagte in kritischen Momenten kaum zu atmen! Wie oft stand er beim Hasen- und Hundespiel auf einem Hügelchen, und munterte die ganze Gesellschaft mit frohem Zurufen auf, und schwenkte den Hut um sein graues Haupt, und hatte dann das unglückliche Haupt Karls I. und alles, was damit zusammenhing, vergessen! Wie war ihm so manche Sommerstunde zur bloßen seligen Minute geworden auf dem Kricketplatz! Und an so manchem Wintertage stand er im Schnee und bei Ostwind mit blaugefrorner Nase da und sah den Schülern zu, wenn sie die lange Schlidderbahn dahinflogen, und klatschte entzückt in die wollbehandschuhten Hände!

Er war aller Liebling, und seine Handgeschicklichkeit in kleineren Dingen war wunderbar. Er konnte Apfelsinen in Figuren schneiden, an die keiner von uns im entferntesten gedacht hatte. Aus fast jedem Gegenstände konnte er ein Boot machen. Brustknochen der Hühner wußte er in Schachfiguren zu verwandeln; Spielkarten in römische Triumphwagen, Zwirnrollen in Speichenräder und alten Draht in Vogelbauer. Aber am stärksten war er in künstlichen Sachen aus Bindfaden und Stroh, woraus er, wie wir alle überzeugt waren, alles machen konnte, was Menschenhände zu machen fähig waren.

Mr. Dicks Ruhm blieb nicht lange auf unsern Kreis beschränkt. Nach einigen Mittwochen erkundigte sich Doktor Strong bei mir nach ihm, und ich sagte ihm alles, was mir meine Tante erzählt hatte, was den Doktor so sehr für ihn einnahm, daß er mich hieß, ihm meinen Freund Mr. Dick bei dessen nächstem Besuche vorzustellen. Dies geschah, und der Doktor bat Mr. Dick, wenn er mich nicht am Postkutschenbureau treffen sollte, nach der Schule zu kommen und zu warten, bis die Schulstunden zu Ende wären. Bald wurde es ihm zur Gewohnheit, nach dem Schulhause zu kommen, und wenn es etwas später wurde, was Mittwochs häufig der Fall war, auf dem Hofe spazieren zu gehen. Hier machte er die Bekanntschaft der schönen jungen Frau des Doktors, die jetzt immer viel bleicher als sonst aussah, mir oder den andern seltener zu Gesicht kam, und wenn sie auch minder heiter schien, nicht weniger reizend war. Und so wurde er allmählich immer bekannter, bis er zuletzt in die Klasse selbst kam und wartete. Er saß stets in einer besonderen Ecke, auf einem besonderen Stuhle, der nach ihm »Dick« hieß, das graue Haupt vorgebeugt und mit großer Aufmerksamkeit und tiefer Verehrung der Gelehrsamkeit, die er sich selbst nie hatte zu eigen machen können, den Vorträgen zuhörend.

Diese Verehrung dehnte Mr. Dick auch auf den Doktor aus, den er für den scharfsinnigsten und vollendetsten Philosophen aller Zeiten hielt. Es dauerte lange, ehe Mr. Dick anders als barhäuptig mit ihm sprach; und selbst als er und der Doktor Freundschaft miteinander geschlossen hatten, und stundenlang an der Seite des Hofes, die dem Doktor ausschließlich vorbehalten war, spazieren gingen, legte Mr. Dick seine Ehrfurcht vor der Wissenschaft dadurch an den Tag, daß er von Zeit zu Zeit den Hut abzog. Wie es dazu kam, daß der Doktor auf diesen Spaziergängen Bruchstücke aus dem berühmten Wörterbuch vorlas, weiß ich nicht; vielleicht war es ihm anfangs ganz dasselbe, als ob er sie sich vorlese. Doch es wurde auch zur Gewohnheit, und Mr. Dick, der mit einem vor Stolz und Freude glänzenden Gesicht zuhörte, hielt im Innersten seines Herzens das Wörterbuch für das angenehmste Buch von der Welt.

Wenn ich mir die beiden vorstelle, wie sie an den Klassenfenstern vorübergingen – der Doktor mit zufriedenem Lächeln, oder einer bekräftigenden Handbewegung oder ernstem Neigen des Kopfs, vorlesend, und Mr. Dick gespannt zuhörend, während sein armer Verstand auf den Flügeln der schweren Worte, Gott weiß wohin, entführt wurde – erscheint mir das Bild als eines der liebenswürdigsten und beruhigendsten, das ich je gesehen habe. Mir ist, als ob sie für alle Zeiten so auf und ab gehen sollten, und als ob die Welt dann viel besser daran wäre, und tausend Dinge, um die man jetzt großen Lärm macht, für die Welt und für mich nicht halb so viel wert wären wie dies.

Agnes wurde ebenfalls bald mit Mr. Dick befreundet; und da er oft zu uns ins Haus kam, wurde er auch mit Uriah bekannt. Die Freundschaft zwischen Mr. Dick und mir nahm täglich zu und regelte sich in der Art, daß mich Mr. Dick, der formell als mein Vormund kam, immer über alle seine kleinen Zweifel zu Rate zog und stets meinen Ratschlägen folgte; denn er hatte nicht nur hohe Achtung vor meinem angebornen Scharfsinn, sondern glaubte auch, daß ich einiges von den Gaben meiner Tante geerbt hätte.

An einem Donnerstag morgens, als ich Mr. Dick nach dem Postkutschen-Bureau begleitete, ehe ich mich wieder in die Schule begab (denn wir hatten eine Lehrstunde vor dem Frühstück, begegnete ich Uriah auf der Straße, und er erinnerte mich an mein Versprechen, zu ihm und seiner Mutter zum Tee zu kommen; mit einem Krümmen des Körpers fügte er hinzu: »Aber ich erwarte nicht, daß Sie Wort halten würden, Master Copperfield; wir sind so geringe Leute.«

Ich war mir wirklich noch nicht klar geworden, ob ich Uriah leiden konnte oder nicht; und ich wußte es auch jetzt nicht, wie ich ihn vor mir sah. Aber die Voraussetzung, ich sei stolz, betrachtete ich fast wie eine Beleidigung, und ich sagte, ich hätte nur erst eine förmliche Einladung abgewartet.

»O, wenn das alles ist, Master Copperfield,« sagte Uriah, »und Sie sich nicht von dem Umstande abhalten lassen, daß wir geringe Leute sind, so kommen Sie heute abend. Aber wenn Sie es nicht tun wollen, weil wir geringe Leute sind, so sagen Sie es nur offen, Master Copperfield, denn wir kennen unsere bescheidene Stellung.«

Ich versprach, Mr. Wickfield um Erlaubnis, die nicht ausbleiben würde, zu fragen, und sagte, ich würde mit Vergnügen kommen. Um sechs Uhr abends, denn es wurde an diesem Tage gerade zeitig geschlossen, meldete ich mich bei Uriah als zum Gehen bereit.

»Die Mutter wird wirklich stolz sein«, sagte er, als wir zusammen fortgingen. »Oder sie würde stolz sein, wenn es keine Sünde wäre, Master Copperfield.«

»Und doch setzten Sie heute früh bei mir dieselbe Sünde voraus«, sagte ich.

»Ach lieber Himmel, nein, Master Copperfield!« entgegnete Uriah. »O nein, glauben Sie mir das! So ein Gedanke ist mir nie in den Sinn gekommen! Ich hätte es gar nicht für Stolz gehalten, wenn Sie geglaubt hätten, wir wären zu unbedeutende Leute für Sie. Denn wir sind so sehr niedrige Leute.«

»Haben Sie neuerdings viel studiert?« fragte ich, um das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen.

»Ach, Master Copperfield,« sagte er mit selbstverleugnender Miene, »mein Lesen ist kein Studieren zu nennen. Ich habe abends manchmal ein oder zwei Stunden in Gesellschaft mit Mr. Tidd verbracht.«

»Er ist wohl ziemlich schwer?« sagte ich.

»Mir wird er manchmal schwer«, erwiderte Uriah. »Aber wie es bei einem Begabteren sein würde, weiß ich nicht.«

Nachdem er mit den beiden Fingern seiner magern rechten Hand ein Weilchen auf seinem Kinn getrommelt hatte, fuhr er fort:

»Sehen Sie, Master Copperfield, es kommen in Mr. Tidd Ausdrücke vor – lateinische Wörter und Phrasen – die einem Leser von meinen geringen Kenntnissen sicher schwer werden.«

»Wollen Sie Latein lernen?« fragte ich rasch. »Ich will Ihnen das recht gern beibringen, je nachdem ich in den Lektionen weiterkomme.«

»O, ich danke Ihnen, Master Copperfield«, antwortete er mit einem Kopfschütteln. »Es ist sehr freundlich von Ihnen, mir das Anerbieten zu machen, aber ich bin eine viel zu geringe Person, um es annehmen zu können.«

»Dummes Zeug, Uriah!«

»Sie müssen mich wirklich entschuldigen, Master Copperfield! Ich bin Ihnen sehr verbunden, und ich würde es außerordentlich gern tun, aber ich bin eine viel zu geringe Person. Es gibt Leute genug, die mich in meiner Bedeutungslosigkeit mit Füßen treten, ohne daß ich sie durch Gelehrsamkeit beleidige. Gelehrsamkeit ist nicht für mich. Eine Person wie ich läßt lieber hochfliegende Pläne beiseite. Wenn eine solche Person im Leben fortkommen soll, so muß es auf bescheidene Weise sein, Master Copperfield.«

Ich sah seinen Mund noch nie so weit offen oder die Falten in seinen Wangen so tief gezogen, als während dieser Rede, die er mit einem Kopfschütteln und einem demütigen Krümmen des Körpers begleitete.

»Ich glaube, Sie haben unecht, Uriah«, sagte ich. »Ich glaube doch, ich könnte Sie manches lehren, wenn Sie es nur lernen wollten.«

»O, daran zweifle ich nicht, Master Copperfield,« antwortete er; »nicht im mindesten. Aber da Sie selbst keine niedrige Person sind, so urteilen Sie freilich anders. Ich will die über mir Stehenden nicht durch Kenntnisse gegen mich reizen, dafür bedanke ich mich. Ich bin eine viel zu geringe Person. Hier ist meine bescheidene Wohnung, Master Copperfield.«

Wir traten unmittelbar von der Straße in ein niedriges, altmodisches Zimmer und fanden dort Mrs. Heep, ein Ebenbild Uriahs, nur in kleinerem Maßstabe. Sie empfing mich mit der größten Demut und bat mich um Verzeihung, daß sie ihren Sohn küßte, mit dem Bemerken, daß sie, so unbedeutende Personen sie wären, doch auch Gefühle hätten, die hoffentlich andere nicht verletzen würden. Es war ein ganz anständiges Zimmer, halb Wohnstube und halb Küche, aber durchaus nicht traulich. In der Stube stand eine Kommode, die oben ein Schreibpult bildete, an dem Uriah abends lesen und schreiben konnte, darauf lag Uriahs blaue Mappe, aus der sich ein Schwall von Akten ergoß. Dann stand eine Kolonne von Uriahs Büchern da, überragt von Mr. Tidd. In der Ecke befand sich ein Schrank und was sonst noch zum Hausrat gehört. Das Teezeug stand auf dem Tisch, und der Kessel kochte über dem Feuer. Ich wüßte nicht, daß irgend ein besonderer Gegenstand einen kahlen oder ärmlichen Anblick geboten hätte; aber das Ganze machte diesen Eindruck.

Es war vielleicht auch ein Teil von Mrs. Heeps Demut, daß sie immer noch Trauer trug, obgleich Mr. Heep schon sehr lange Zeit tot war. Nur in der Haube bemerkte man einige Milderung; aber sonst trug sie noch eben so tiefe Trauer wie am ersten Tage.

»Es ist ein Tag, den wir nie vergessen werden, mein Uriah,« sagte Mrs. Heep, indem sie den Tee bereitete, »an dem Master Copperfield uns besucht.«

»Ich sagte gleich, du würdest der Meinung sein, Mutter«, erwiderte Uriah.

»Wenn ich den seligen Vater aus einem Grunde zu uns zurückwünschte,« sagte Mrs. Heep, »so wäre es der, daß er unsern Gast diesen Nachmittag sehen könnte.«

Mich setzten diese Komplimente in Verlegenheit, aber ich empfand es auch, daß ich als geehrter Gast empfangen würde, und Mrs. Heep erschien mir als eine angenehme Frau.

»Mein Uriah hat die Stunde lange herbeigesehnt, Sir«, sagte Mrs. Heep. »Er befürchtete, unsere Niedrigkeit sei ein Hindernis, und ich stimmte mit ihm überein. Niedrig sind wir, niedrig waren wir und niedrig werden wir bleiben«, sagte Mrs. Heep.

»Gewiß haben Sie keinen Grund zu dieser übertriebenen Bescheidenheit, Ma'am«, antwortete ich.

»Ich danke Ihnen, Sir«, entgegnete Mrs. Heep. »Wir kennen unsere bescheidene Stellung und sind dankbar dafür.«

Ich fand, daß Mrs. Heep mir allmählich näherrückte und daß Uriah ebenso mir gegenüberrückte und daß sie mir ehrerbietig die auserlesensten Sachen auf dem Tisch zuschoben. Freilich war nichts besonders Ausgezeichnetes da, aber ich nahm den guten Willen für die Tat und fühlte, daß sie sehr aufmerksam waren. Alsbald fingen sie an von Tanten zu sprechen und dann erzählte ich ihnen von meiner Tante; und dann fing Mrs. Heep an, von Stiefvätern zu sprechen, und ich begann von meinem zu erzählen, hörte aber bald auf, da meine Tante mir geboten hatte, darüber zu schweigen. Aber ein weicher, frischer Kork hätte nicht mehr Aussicht auf Rettung vor ein paar Korkziehern gehabt, oder ein zarter junger Zahn vor ein paar Zahnärzten, oder ein kleiner Federball vor ein paar derben Schlegeln, als ich in den Händen Uriahs und Mrs. Heeps hatte. Sie machten mit mir, was sie wollten und lockten Dinge aus mir heraus, die ich ihnen um keinen Preis erzählen wollte, und zwar um so leichter, als ich in meiner kindlichen Arglosigkeit mir etwas darauf einbildete, so vertraulich zu sein und mich als Gönner meiner beiden ehrerbietigen Wirte fühlte.

Sie hatten einander sehr lieb, das war gewiß. Das machte wahrscheinlich auch einige Wirkung auf mich, als ein Zug der Natur; aber die Geschicklichkeit, mit der sich beide unterstützten, war ein Zug der Kunst, dem ich noch weniger gut widerstehen konnte. Als nichts mehr aus mir herauszulocken war – denn über das Leben hei Murdstone und Grimby und über meine Reise beobachtete ich ein unverbrüchliches Schweigen –, fingen sie von Mr. Wickfield und Agnes an. Uriah warf den Ball Mrs. Heep zu, Mrs. Heep fing ihn und warf ihn Uriah zurück; Uriah spielte eine Zeitlang damit und sandte ihn dann wieder seiner Mutter zu, und so ging es hinüber und herüber, bis ich gar nicht mehr wußte, wer ihn habe und ganz verwirrt war. Auch wurde der Ball stets ein anderer. Bald war es Mr. Wickfield, bald Agnes, bald Mr. Wickfields vortrefflicher Charakter, bald meine Bewunderung für Agnes, dann wieder Mr. Wickfields Geschäft, unser häusliches Leben nach dem Essen, Mr. Wickfields Weintrinken und die Ursache, warum er so viel trank, und wie schade das sei, jetzt das eine, dann das andere und dann alles auf einmal, und die ganze Zeit über, ohne daß ich sehr oft sprach, außer daß ich sie manchmal etwas aufmunterte, aus Furcht, sie würden ganz in Demut ersterben, ertappte ich mich immer, wie ich etwas ausgeplaudert hatte, was ich hätte bei mir behalten sollen, und merkte es an Uriahs scharfhakigen zitternden Nasenflügeln.

Es wurde mir schon etwas unbehaglich, und der Wunsch regte sich in mir, dem Besuch ein Ende zu machen, als eine Gestalt an der Tür, die wegen der schwülen Luft offen stand, vorüberging, wieder umkehrte, hereinsah und mit dem Ausrufe: »Ist's möglich, Copperfield!« in die Stube trat.

Es war Mr. Micawber! Es war Mr. Micawber mit seiner Lorgnette, seinem Spazierstocke, seinen Vatermördern, seinem hochtrabenden Wesen und dem herablassenden Ton seiner Stimme, wie er leibte und lebte.

»Mein lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber und bot mir die Hand, »das ist wahrhaftig eine Begegnung, die ganz geeignet ist, den Geist hinzulenken auf die Ungewißheit und Wandelbarkeit alles Menschlichen – kurz, es ist eine außerordentliche Begegnung. Indem ich auf der Straße herumgehe, beschäftigt mit Nachdenken über die Möglichkeit, daß ich etwas finden könnte – und meine Hoffnung in dieser Hinsicht ist jetzt ziemlich lebhaft –, finde ich einen jungen, aber geschätzten Freund, der mit der ereignisreichsten Periode meines Lebens in Verbindung steht; ich kann wohl sagen, mit dem Wendepunkt meines Daseins. Und nun, mein bester Copperfield, was machen Sie?«

Ich kann nicht sagen, nein wirklich nicht, daß ich hier Mr. Micawber sehr gern sah; aber doch freute es mich, ihn überhaupt zu sehen, und ich schüttelte ihm herzlich die Hand, indem ich ihn nach dem Befinden der Mrs. Micawber fragte.

»Ich danke Ihnen«, sagte Mr. Micawber mit der alten gnädigen Handbewegung und zog das Kinn in den hohen Kragen zurück. »Sie befindet sich munter. Die Zwillinge saugen ihre Nahrung nicht mehr an dem Quell der Natur, kurz,« sagte Mr. Micawber mit einem seiner Ausbrüche von Vertraulichkeit, »sie sind entwöhnt und Mrs. Micawber ist jetzt meine Reisegefährtin. Sie wird sich freuen, Copperfield, ihre Bekanntschaft mit einem jungen Manne zu erneuern, der in jeder Hinsicht ein würdiger Priester am heiligen Altar der Freundschaft gewesen ist.«

Ich sagte, es würde mich freuen, sie zu sehen.

»Sie sind sehr freundlich«, sagte Mr. Micawber.

Alsdann lächelte Mr. Micawber, senkte das Kinn in das Halstuch und sah sich im Zimmer um.

»Ich habe meinen Freund Copperfield«, sagte Mr. Micawber vornehm herablassend und ohne sich an eine besondere Person zu wenden, »nicht in der Einsamkeit gefunden, sondern bei einem geselligen Mahl in Gesellschaft einer Witwe und eines jungen Mannes, der wahrscheinlich ihr Sprosse ist – kurz –« sagte Mr. Micawber mit einem neuen Vertraulichkeitsausbruch, »ihr Sohn. Ihnen vorgestellt zu werden, würde ich für eine Ehre erachten.«

Unter diesen Umständen konnte ich nicht weniger tun, als Mr. Micawber mit Uriah Heep und seiner Mutter bekannt zu machen, was ich denn auch tat. Da sie sich vor ihm demütigten, nahm Mr. Micawber einen Stuhl an und bewegte mit vornehmer, wahrhaft königlicher Gebärde die Hand.

»Jeder Freund meines Freundes Copperfield«, sagte Mr. Micawber, »hat einen persönlichen Anspruch auf mich.«

»Wir sind zu geringe Personen, sowohl mein Sohn als ich,« sagte Mrs. Heep, »um Master Copperfields Freunde sein zu können. Er ist so gut gewesen, zu uns zum Tee zu kommen, und wir sind ihm dankbar für seine Gesellschaft, so wie Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, Sir.«

»Madame,« sagte Mr. Micawber mit einer Verbeugung, »Sie sind sehr gütig; und was machen Sie, Copperfield? Immer noch im Weingeschäft?«

Es lag mir außerordentlich viel daran, Mr. Micawber fortzubringen; ich erwiderte, den Hut in der Hand und wahrscheinlich mit einem sehr roten Gesicht, daß ich bei Doktor Strong in der Schule sei.

»In der Schule?« sagte Mr. Micawber und zog die Brauen in die Höhe. »Es freut mich außerordentlich, dies zu hören. Obgleich ein Talent, wie mein Freund Copperfield ist,« – das sagte er zu Uriah und Mrs. Heep – »nicht des Studierens bedarf, das er ohne seine Kenntnisse der Menschen und der Verhältnisse brauchen würde, so ist es doch ein fruchtbarer Boden für noch schlummernde Keime, kurz –« sagte Mr. Micawber lächelnd, in einem abermaligen Ausbruch seiner Vertraulichkeit – »ein Talent, fähig, es mit den Klassikern in unbeschränktem Maße aufzunehmen.«

Uriah machte, die schmalen weißen Hände langsam umeinander windend, eine drehende Bewegung mit dem Oberleib, um seine Beistimmung auszudrücken.

»Wollen wir zu Mrs. Micawber gehen, Sir?« sagte ich, um Mr. Micawber fortzubringen.

»Wenn Sie ihr diese Gunst erweisen wollen, Copperfield«, erwiderte Mr. Micawber und stand auf. »Ich stehe nicht an, vor unsern Freunden hier zu sagen, daß ich ein Mann bin, der mehrere Jahre lang mit Geldverlegenheiten gekämpft hat.« Ich wußte im voraus, daß etwas derart herauskommen werde; er prahlte immer gern mit seinen Geldverlegenheiten. »Manchmal habe ich mich über meine Verlegenheiten siegreich erhoben,« fuhr er fort, »manchmal haben meine Verlegenheiten mich niedergeschmettert. Manchmal habe ich nicht ohne Erfolg mit ihnen gerungen; oftmals wurden sie zu zahlreich für mich, und ich unterlag, und sagte zu Mrs. Micawber mit Catos Worten: ›Plato, wohl hast du recht. Es ist vorbei. Nicht länger kann ich ringen.‹ Aber zu keiner Zeit meines Lebens habe ich mich mehr befriedigt gefühlt, als damals, wo ich meinen Schmerz (wenn ich Verlegenheiten Schmerzen nennen darf, die hauptsächlich durch Exekutionsdekrete und Schuldscheine auf zwei oder vier Monate Sicht entstanden), in den Busen meines Freundes Copperfield ausschütten konnte.«

Mr. Micawber schloß diese schöne schwungvolle Rede mit den Worten: »Mr. Heep! Guten Abend. Mrs. Heep! Ihr ergebener Diener«, und ging dann mit einer eleganten Schwenkung hinaus, wobei er mit seinen Schuhen ziemliches Geklapper auf dem Bürgersteig machte und ein Liedchen summte.

Mr. Micawber war in einem kleinen Gasthause abgestiegen und bewohnte darin ein kleines Zimmer, das von dem großen Absteigezimmer abgeteilt war und stark nach Tabaksqualm roch. Es muß auch über der Küche gewesen sein, denn durch den Flur drang zuweilen ein warmer Fettgeruch, und ein feuchter Wrasen beperlte die Wände. Ein Duft nach Branntwein und ein Geklirr von Gläsern belehrte mich, daß das Büfett ebenfalls in der Nähe sein müsse. Hier lag auf einem kleinen Sofa, unter der Abbildung eines Rennpferdes, Mrs. Micawber. Sie hielt den Kopf dicht gegen den Kamin und hatte die Füße an den stummen Diener am andern Ende des Zimmerchens gestemmt, so daß sie beinahe die Mostrichbüchse herunterstieß. Mr. Micawber trat zuerst ein und sagte:

»Liebe Frau, erlaube mir, dir einen Schüler des Doktor Strong vorzustellen.«

Ich bemerke beiläufig, daß es Mr. Micawber stets als etwas sehr Gentiles hervorhob, daß ich Schüler bei Doktor Strong sei, obschon er noch so konfus wie immer über mein Alter und meine Stellung war.

Mrs. Micawber war erstaunt, aber sehr erfreut, mich zu sehen. Ich war ebenfalls sehr erfreut, sie wiederzusehen, und nach einer freundlichen Begrüßung von beiden Seiten setzte ich mich neben sie auf das kleine Sofa.

»Meine Liebe,« sagte Mr. Micawber, »wenn du Copperfield über unsere gegenwärtige Lage aufklären willst, die er gewiß gern wird wissen wollen, so will ich einstweilen die Zeitungen lesen gehen, um zu sehen, ob sich unter den Annoncen nichts Passendes findet.«

»Ich glaubte, Sie wären in Plymouth«, sagte ich zu Mrs. Micawber, als er fort war.

»Mein lieber Master Copperfield,« erwiderte sie, »wir waren in Plymouth.«

»Um rechtzeitig da zu sein«, ergänzte ich.

»Ganz recht«, sagte Mrs. Micawber. »Um rechtzeitig am Platze zu sein. Aber das Schlimme ist, sie wollen kein Talent beim Zollamte. Der lokale Einfluß meiner Familie genügte durchaus nicht, in diesem Departement einen Platz für einen Mann von Mr. Micawbers Fähigkeiten zu finden. Sie wollten einen Mann von Mr. Micawbers Fähigkeiten lieber nicht haben. Er hätte nur die Mangelhaftigkeit der andern ans Licht gestellt. Und außerdem will ich Ihnen nicht verhehlen, mein lieber Master Copperfield, als der Zweig der Familie, der in Plymouth seinen Wohnsitz hat, erfuhr, daß Mr. Micawber von mir, von dem kleinen Wilkins und seiner Schwester und den beiden Zwillingen begleitet sei, wir nicht mit der Wärme empfangen wurden, die wir so kurz nach unserer Befreiung hätten erwarten können. Mit einem Wort,« sagte Mrs. Micawber mit leiser Stimme, – »doch das unter uns – unsere Aufnahme war kühl.«

»Wie schade!« erwiderte ich.

»Ja«, sagte Mrs. Micawber. »Es ist wahrhaft peinlich, die Menschheit in diesem Lichte zu sehen, Master Copperfield, aber unsere Aufnahme war entschieden kühl. Daran läßt sich nicht zweifeln. Ja, der Zweig meiner Familie, der seinen Wohnsitz in Plymouth hat, war vor Ablauf einer Woche entschieden verstimmt gegen Mr. Micawber.«

Ich dachte und sprach es aus, daß sich solche Leute über sich selbst schämen sollten.

»Aber es war einmal so«, fuhr Mrs. Micawber fort. »Was konnte unter diesen Umständen ein Mann von Mr. Micawbers Charakter tun! Es blieb ihm nur ein Weg übrig. Wir mußten von diesem Zweig unserer Familie das Geld zur Rückkehr nach London borgen und um jeden Preis abreisen.«

»Und so kehrten Sie alle zurück, Ma'am?« fragte ich.

»Wir kehrten alle zurück«, erwiderte Mrs. Micawber. »Seitdem habe ich andere Zweige meiner Familie über den nun von Mr. Micawber einzuschlagenden Weg zu Rate gezogen – denn ich behaupte, daß Mr. Micawber einen Weg einschlagen muß«, sagte Mrs. Micawber. »Es ist klar, daß eine Familie mit sechs Personen, selbst ohne Dienstboten, nicht von der Luft leben kann.«

»Gewiß, Ma'am«, sagte ich.

»Die Meinung dieser andern Zweige meiner Familie,« fuhr Mrs. Micawber fort, »ist, daß Mr. Micawber seine Aufmerksamkeit sofort der Steinkohle zuwenden solle.«

»Wie sagen Sie, Ma'am?«

»Der Steinkohle,« sagte Mrs. Micawber, »ich meine dem Steinkohlenhandel. Mr. Micawber sah sich bei näherer Erkundigung zu der Meinung veranlaßt, daß für einen Mann von seinen Talenten im Medway-Kohlenhandel etwas zu machen wäre. Nun war, wie Mr. Micawber sehr richtig sagte, offenbar der erste Schritt, der zu tun war, eine Reise, um den Medwayfluß zu sehen. Und diese Reise traten wir an. Ich sage ›wir‹, Master Copperfield,« sagte Mrs. Micawber bewegt, »denn ich werde nie Mr. Micawber verlassen.«

Ich gab halblaut meine Bewunderung zu verstehen.

»Wir kamen also an und sahen den Medway«, fing Mrs. Micawber wieder an. »Mein Urteil über den Kohlenhandel auf diesem Fluß war, daß er vielleicht Talent, jedenfalls aber Kapital verlangt. Talent besitzt Mr. Micawber; Kapital besitzt Mr. Micawber nicht. Ich glaube, wir sahen den größten Teil des Medway, und das ist mein individuelles Urteil. Da wir einmal in der Nähe von Canterbury waren, so war Mr. Micawber der Meinung, es sei kein Leichtsinn, auch hierher zu gehen und uns den Dom zu besehen. Erstens, weil er wirklich des Sehens wert ist und wir ihn noch nicht gesehen haben, und zweitens, weil in einem erzbischöflichen Sitz sich leicht etwas finden kann. Bis jetzt hat sich noch nichts gefunden, und es wird Sie, lieber Master Copperfield, nicht so sehr wundern, wie das bei einem Fremden der Fall wäre, wenn ich Ihnen sage, daß wir jetzt auf Geld aus London warten, um unsere Rechnung im Gasthaus zu bezahlen. Bis zur Ankunft dieses Geldes«, sagte Mrs. Micawber mit vielem Gefühl, »bin ich getrennt von meinem Herde (ich meine unsere möblierte Stube in Pentonville), von meinem Knaben und meinem Mädchen und von meinen Zwillingen.«

Ich fühlte das größte Mitgefühl für Mr. und Mrs. Micawber in dieser bedrängten Lage und sprach dies auch gegen Mr. Micawber aus, der eben zurückkehrte, und setzte hinzu, daß ich nur wünschte, im Besitz des nötigen Geldes zu sein, um ihnen aushelfen zu können. Mr. Micawbers Antwort verriet seine schwere Sorge. »Copperfield,« sagte er und schüttelte mir die Hand, »Sie sind ein wahrer Freund; aber wenn es zum schlimmsten geht, so ist kein Mann ohne Freund, wenn er Rasierzeug besitzt.« Bei diesem schrecklichen Winke fiel Mrs. Micawber ihrem Mann um den Hals und bat ihn, sich zu beruhigen. Er fing an zu weinen, erholte sich aber gleich wieder so weit, daß er dem Kellner klingeln und einen warmen Nierenpudding und einen Teller voll Seekrabben zum Frühstück bestellen konnte.

Als ich von ihnen Abschied nahm, drangen sie so sehr in mich, mit ihnen einmal zu essen, ehe sie fortgingen, daß ich es unmöglich ausschlagen konnte. Aber da ich den nächsten Tag nicht Zeit hatte, versprach Mr. Micawber morgen (er hatte eine Ahnung, daß das Geld kommen werde) zu Doktor Strong zu kommen und den darauffolgenden Tag vorzuschlagen, wenn er mir besser passen sollte. Wirklich wurde ich nächsten Vormittag in der Schule herausgerufen und fand Mr. Micawber im Sprechzimmer, der mir sagte, daß das Essen am nächsten Tag stattfinden werde. Als ich ihn fragte, ob das Geld gekommen sei, drückte er mir nur schweigend die Hand und ging.

Als ich an diesem Abend zum Fenster hinausschaute, sah ich zu meiner Verwunderung und nicht ohne Unruhe Mr. Micawber und Uriah Arm in Arm vorbeigehen. Uriah im demütigen Bewußtsein der ihm angetanen Ehre, Mr. Micawber mit einem herablassenden Vergnügen, seine Gönnerschaft auf Uriah auszudehnen. Noch mehr aber überraschte es mich, am nächsten Tage, als ich zur verabredeten Stunde zu Tisch in das Gasthaus kam, zu vernehmen, daß Mr. Micawber Uriah nach Hause begleitet und dort Grog getrunken hätte.

»Und ich will Ihnen was sagen, mein lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber, »Ihr Freund Heep ist ein junger Mann, der Generalfiskal sein könnte. Wenn ich diesen jungen Mann zu der Zeit, wo meine Verhältnisse zur Krisis kamen, gekannt hätte, so sage ich nur das Eine: meine Gläubiger wären wahrscheinlich viel mürber gemacht worden, als es der Fall gewesen ist.«

Ich konnte mir dies kaum als möglich denken, da Mr. Micawber ihnen ja gar nichts bezahlt hatte, aber ich wollte nicht fragen. Auch wollte ich nicht äußern, ich hoffe, er sei nicht zu mitteilsam gegen Uriah gewesen, oder fragen, ob sie viel von mir gesprochen. Ich scheute mich, Mr. Micawbers oder jedenfalls Mrs. Micawbers Gefühle zu verletzen; aber es war mir unangenehm, und ich dachte später oft daran.

Das kleine Mittagessen war ganz prächtig. Ein feines Fischgericht, ein Kalbsnierenbraten, Fleischklößchen, ein Rebhuhn und ein Pudding. Wir hatten Wein und starkes Ale; und nach dem Essen machte Mrs. Micawber eigenhändig eine Bowle warmen Punsch.

Mr. Micawber war ungewöhnlich gemütlich. Er war noch nie ein so guter Gesellschafter gewesen. Sein Gesicht glänzte von Punsch, daß es wie lackiert aussah. Er hielt eine humoristisch- sentimentale Rede über die Stadt und trank auf ihr Gedeihen, wobei er bemerkte, daß Mrs. Micawber und er sich außerordentlich gemütlich darin befunden hätten und nie die in Canterbury verlebten angenehmen Stunden vergessen würden. Dann brachte er einen Toast auf mich aus, und er, Mrs. Micawber und ich unterhielten uns dann über frühere Zeiten unserer Bekanntschaft, wobei wir das ganze Besitztum der Familie in Gedanken nochmals Stück für Stück verkauften. Dann brachte ich einen Toast auf Mrs. Micawber aus oder sagte wenigstens bescheiden: »Wenn Sie mir erlauben, Mrs. Micawber, so werde ich das Vergnügen haben, auf Ihre Gesundheit zu trinken, Ma'am.« Darauf hielt Mr. Micawber eine Lobrede auf Mrs. Micawbers Charakter, und sagte, sie hatte ihm immer als Führerin, Philosophin und Freundin zur Seite gestanden, und er empfehle mir, seinerzeit eine solche Frau zu heiraten, wenn eine zweite solche zu finden sei.

Je mehr der Punsch auf die Neige ging, je mehr wurde Mr. Micawber gemütlicher und heiterer. Und da auch Mrs. Micawbers Lebhaftigkeit zunahm, sangen wir: »O schöne alte Zeit«, und als wir an die Stelle kamen: »Die Hand darauf, mein Brüderlein!« reichten wir uns rings um den Tisch die Hände und waren sehr gerührt dabei. .

Mit einem Worte, ich sah nie jemand so fidel, als Mr. Micawber an diesem Abend bis zu dem Augenblick war, wo ich von ihm und seiner liebenswürdigen Frau einen herzlichen Abschied nahm. Um so verwunderter war ich, nächsten Morgen um 7 Uhr folgende Mitteilung zu erhalten, datiert von halb zehn Uhr abends, eine Viertelstunde nach meinem Scheiden:

»Mein lieber junger Freund!

Der Würfel ist gefallen – alles ist vorbei. Indem ich die Verzweiflung des Grams unter der künstlichen Maske der Heiterkeit verbarg, sagte ich Ihnen nicht, daß kein Geld zu hoffen sei! Unter diesen Verhältnissen, die zu ertragen, zu betrachten und zu erzählen gleich demütigend wäre, habe ich meine Rechnung hier getilgt mit einer Schuldverschreibung, zahlbar vierzehn Tage nach der Ausstellung in meinem Domizil in Pentonville, London. Bei Verfall wird sie nicht eingelöst werden. Die Folge davon ist der Untergang. Die Axt ist erhoben und der Baum wird fallen.

Möge der Unglückselige, der Ihnen jetzt dieses schreibt, mein lieber Copperfield, Ihnen eine Warnung fürs Leben sein. Er schreibt in dieser Absicht und mit dieser Hoffnung. Wenn er glauben dürfte, noch in dieser Hinsicht zu nützen, so könnte vielleicht ein lichter Strahl in das trübe Kerkerdunkel seiner Zukunft dringen – obgleich ihre lange Dauer, aufrichtig gesagt, vorderhand wenigstens, außerordentlich problematisch ist.

Das ist die letzte Mitteilung, mein lieber Copperfield, die Sie empfangen von dem

an den Bettelstab gebrachten

und ins Elend hinausgestoßenen

Wilkins Micawber

Der Inhalt dieses herzzerreißenden Briefes versetzte mich in so große Bestürzung, daß ich unverzüglich nach dem kleinen Gasthause eilte, um zu versuchen, Mr. Micawber einigen Trost einzuflößen. Aber unterwegs begegnete ich der Londoner Postkutsche, und auf dem Rücksitz thronten Mr. und Mrs. Micawber: ein wahres Bild ruhigen behaglichen Genießens. Er lächelte zu Mrs. Micawbers Unterhaltung, knackte Nüsse aus einem Papiersack und hatte eine Flasche in der Brusttasche des Rockes stecken. Da sie mich nicht sahen, hielt ich es ebenfalls für das beste, sie nicht zu sehen. So lenkte ich denn erleichterten Herzens in eine Nebenstraße ein, die den nächsten Weg nach der Schule bildete, und fühlte mich im ganzen sehr erleichtert, daß sie fort waren, obgleich ich sie nach wie vor sehr gern hatte.

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