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David Copperfield - Teil 1

Charles Dickens: David Copperfield - Teil 1 - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Teil 1
publisherMax Hesses Verlag
volume1
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060608
modified20180604
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Fünfzehntes Kapitel

Anfang eines neuen Lebens.

Mr. Dick und ich wurden bald die besten Freunde, und wir gingen oft, wenn er für den Tag fertig war, spazieren, um den großen Drachen steigen zu lassen. Tag für Tag beschäftigte er sich mit seiner Denkschrift, die trotz seines Fleißes nicht die geringsten Fortschritte machte, denn König Karl der Erste kam darin stets früher oder später zum Vorschein, und dann wurde die Arbeit beiseite geworfen und eine andere angefangen. Die Geduld und Hoffnung, womit er die wiederholten Täuschungen ertrug, sein mildes Anerkennen, daß etwas mit König Karl dem Ersten nicht richtig sein könnte, seine schwachen Versuche, ihn fern zu halten, und die Gewißheit, mit der er sich einstellte und die Denkschrift verdarb, machten einen tiefen Eindruck auf mich.

Was die Denkschrift, wenn sie fertig war, bewirken, oder wo sie hingehen sollte, das wußte wohl Mr. Dick ebensowenig als andere Leute. Auch brauchte er sich gar nicht mit solchen Fragen zu quälen, denn das Eine war wenigstens ganz gewiß – daß die Denkschrift nie fertig werden würde.

Mir schien es immer ein rührender Anblick, wenn er dem hoch in der Luft schwebenden Drachen nachsah. Was er mir damals auf seinem Zimmer gesagt hatte über seinen Glauben an die Verbreitung der auf dem Drachen befindlichen Tatsachen (er war aus lauter mißglückten Denkschriften zusammengeklebt), das mochte er sich manchmal einbilden, aber jedenfalls nicht, wenn er draußen war, den Drachen hoch oben am Himmel sah und ihn an seiner Hand zerren und zucken fühlte. Er sah nie so glückselig aus, als in jenen Augenblicken. Wenn ich so gegen Abend neben ihm auf einem grünen Abhang saß und ihn dem Drachen hoch in der Luft nachblicken sah, kam es mir vor, als höbe dieser seinen Geist über die Verwirrung hinaus und trüge ihn, nach meiner kindlichen Vorstellung, in den Himmel. Wickelte er dann den Faden auf, sank er tiefer und tiefer aus der herrlichen Lichtsphäre herab, streifte er den Boden und lag endlich wie ein toter Vogel an der Erde, so schien er allmählich aus einem Traum zu erwachen. Ich entsinne mich, daß er ihn dann aufhob und sich wie verwundert umsah, als seien sie beide zusammen heruntergefallen, und daß ich ihn dann von ganzem Herzen bemitleidete.

Während ich täglich mit Mr. Dick befreundeter und vertrauter wurde, machte ich keine Rückschritte in der Gunst meiner Tante. Sie gewann mich so lieb, daß sie nach Verlauf weniger Wochen meinen Adoptivnamen Trotwood in Trot abkürzte, und ließ mich sogar hoffen, daß ich allmählich in ihrem Herzen auf gleicher Stufe mit meiner nie gewesenen Schwester Betsey Trotwood stehen würde. »Trot,« sagte meine Tante eines Abends, als Janet wie gewöhnlich das Puffbrett für sie und Mr. Dick hinsetzte, »wir dürfen deine Erziehung nicht vergessen.«

Dies war meine einzige Sorge, und ich war sehr erfreut, daß sie darauf zu sprechen kam.

»Möchtest du nach Canterbury in die Schule gehen?« fragte meine Tante.

Ich sagte, daß es mir sehr lieb sein würde, da ich dann in ihrer Nähe blieb.

»Gut«, sagte meine Tante. »Möchtest du morgen fort?«

Da ich die rasche Entschlossenheit meiner Tante schon gewohnt war, so konnte mich dieser Vorschlag nicht überraschen, und ich sagte: »Ja.«

»Gut«, sagte meine Tante wieder. »Janet, bestelle für morgen früh um zehn Uhr den grauen Pony und die Chaise, und packe heute abend Master Trotwoods Sachen ein.«

Ich war sehr erfreut über diese Anordnungen, aber ich fühlte einen Stich im Herzen über meine Selbstsucht, als ich den Eindruck der bevorstehenden Veränderung auf Mr. Dick bemerkte. Die Aussicht auf unsere Trennung machte ihn so niedergeschlagen, und er spielte infolgedessen so schlecht, daß meine Tante, nachdem sie ihm als Erinnerung mit dem Würfelbecher ein paar Klapse auf die Finger gegeben, das Brett zumachte und erklärte, nicht weiter spielen zu wollen. Aber er wurde wieder heiter, als er von meiner Tante vernahm, daß ich Sonnabend manchmal herüberkommen, und daß er mich manchmal Mittwochs besuchen sollte, und gelobte mir zur Feier dieser Tage einen neuen Drachen anzufertigen, viel größer als den jetzigen. Am andern Morgen war er wieder niedergeschlagen, und er hätte sich nur damit getröstet, daß er mir all sein Geld, Gold und Silber, gab, wenn ihn meine Tante nicht abgehalten und das Geschenk auf fünf Schillinge, die später auf sein dringendes Anliegen auf zehn vermehrt wurden, beschränkt hätte. Wir schieden am Gartentor in der herzlichsten Weise, und Mr. Dick kehrte erst in das Haus zurück, als wir seinen Blicken entschwunden waren.

Meine Tante, die sich nicht im mindesten um die Leute kümmerte, leitete den grauen Pony in meisterlicher Weise durch Dover. Sie saß regungslos und gerade wie ein Staatskutscher, verfolgte jeden Schritt des Pferdes mit stetigem Blick und schien etwas Besonderes darin zu suchen, ihm nie den Willen zu lassen. Als wir auf die Landstraße hinauskamen, ließ sie ihm etwas mehr freien Willen, und sah auf mich herab, der ich, in einem ganzen Berg von Kissen versunken, neben ihr saß, und fragte mich, ob ich mich glücklich fühle.

»Sehr glücklich, danke Ihnen, Tante«, erwiderte ich.

Sie freute sich sehr darüber, und da sie beide Hände voll hatte, klopfte sie mir nur mit dem Peitschenstiel auf den Kopf.

»Ist's eine große Schule, Tante?« fragte ich.

»Ich weiß es noch nicht«, sagte meine Tante. »Wir gehen erst zu Mr. Wickfield.«

»Ist das ein Schulvorsteher?« fragte ich.

»Nein, Trot«, sagte meine Tante. »Er hat ein Anwaltsbureau.«

Ich fragte weiter nicht nach Mr. Wickfield, und wir sprachen über andere Sachen, bis wir nach Canterbury kamen. Da gerade Markttag war, hatte meine Tante viel Gelegenheit, den grauen Pony zwischen Karren, Körbe, Gemüse und Stände hineinzuschieben. Die künstlichen Wendungen, die wir mit unserm Wagen machten, zogen uns eine Anzahl nicht immer schmeichelhafter Äußerungen von den Leuten zu, aber meine Tante fuhr höchst unbekümmert weiter, und ich bin überzeugt, sie wäre ebenso unbekümmert durch feindliches Land gefahren.

Endlich hielten wir vor einem uralten Hause, das in die Straße hineinsprang, mit langen, schmalen, vergitterten Fenstern, die sich noch mehr vordrängten, und Schrägbalken mit geschnitzten Köpfen an den Enden, die ebenfalls weit vorragten, so daß es mir vorkam, das ganze Haus lehne sich vor, um zu sehen, was unten auf dem schmalen Pflaster vorgehe. Es war in seiner Sauberkeit vollkommen fleckenlos. Der altertümliche Klopfer an der niedrigen Bogentür, die mit geschnitzten Gewinden von Früchten und Blumen verziert war, funkelte wie ein Stern, die beiden steinernen Stufen, die zur Tür herabführten, waren so weiß, als wären sie mit frischgebleichter Leinwand bezogen, und alle Kanten und Ecken, alles Schnitzwerk, jeder Zierat, die altmodischen kleinen Butzenscheiben und die noch altmodischeren kleinen Fenster waren zwar uralt, aber blitzblank.

Als ich das Haus musterte, sah ich an einem kleinen Fenster im Erdgeschoß – in einem kleinen runden Turm, der die eine Seite des Hauses bildete – ein leichenhaftes Gesicht erscheinen und rasch wieder verschwinden. Die niedrige, rundüberwölbte Tür ging dann auf, und das Gesicht kam heraus. Es war ganz so leichenfahl, wie es vom Fenster aus erschienen war, obwohl es jenen rötlichen Anflug hatte, den man häufig in der Gesichtsfarbe rothaariger Leute bemerkt. Das Gesicht gehörte einem rotköpfigen Menschen – einem Jüngling von fünfzehn Jahren, wie ich jetzt glaube, der aber viel älter aussah – dessen Haar ganz kurz geschoren war, der kaum Augenbrauen, keine Augenwimpern und rötlichbraune Augen hatte; letztere so unbeschützt und unbeschattet, daß ich mich wundere, wie er nur einschlafen konnte. Er war hochschultrig und hager, ganz in Schwarz gekleidet, mit einem schmalen weißen Halstuch, bis oben zugeknöpft, und hatte eine lange, schmale, hagere Hand, die besonders meine Aufmerksamkeit auf sich zog, als er bei dem Pferde stand, sich mit der Hand das Kinn rieb, und zu uns am Wagen hinaufsah.

»Ist Mr. Wickfield zu Hause, Uriah Heep?« sagte meine Tante.

»Mr. Wickfield ist zu Hause, Ma'am«, sagte Uriah Heep, »wenn Sie gefälligst dort eintreten wollen.«

Wir stiegen aus, ließen den Wagen unter seiner Obhut und traten in ein langes niedriges Zimmer, das auf die Straße hinaussah, durch dessen Fenster ich Uriah Heep erblickte, wie er dem Pony in die Nüstern blies, und sie dann mit der Hand zudeckte, als ob er einen Zauber über das Tier verhängte.

Dem hohen alten Kamin gegenüber hingen zwei Porträts: das eine war ein Herr mit grauem Haar, obgleich keineswegs alt, und schwarzen Augenbrauen, über mit rotem Band zusammengebundenen Papieren beschäftigt; das andere eine Dame mit einem sehr stillen, lieblichen Gesicht.

Ich glaube, ich sah mich nach Uriahs Person um, als sich eine Tür am andern Ende des Zimmers öffnete und ein Herr erschien, bei dessen Eintritt ich unwillkürlich nach dem erwähnten Porträt blickte, halb mit der Furcht, es sei aus dem Rahmen herausgetreten. Es war aber noch dort, und als der Herr näher kam, sah ich in der bessern Beleuchtung, daß er einige Jahre älter war als zu der Zeit, wo er gemalt worden.

»Miß Betsey Trotwood,« sagte der Herr, »bitte, treten Sie ein. Ich war für den Augenblick beschäftigt, aber Sie werden mich entschuldigen. Sie kennen meinen Beweggrund. Ich habe nur einen im Leben.«

Miß Betsey dankte ihm, und wir traten in sein Zimmer, das als Expeditionsraum mit Büchern, Papieren, Kästen von Weißblech usw. ausgestattet war. Die Fenster gingen auf den Garten hinaus, und in die Wand war ein eiserner Geldschrank eingelassen, und zwar so unmittelbar über dem Kaminsims, daß ich mich beim Hinsetzen wunderte, wie die Schornsteinfeger beim Kaminkehren daran vorbei könnten.

Mr. Wickfield, denn ich merkte bald, daß er es selbst sei, war Advokat und Geschäftsführer für einen der reichen Grundbesitzer in der Gegend.

»Nun, Miss Trotwood, was für ein Wind bläst Sie her?« fragte er. »Hoffentlich kein schlimmer?«

»Nein,« sagte meine Tante, »ich komme nicht in Prozeßangelegenheiten.«

»Das ist recht, Madame«, sagte Mr. Wickfield. »Es ist besser, Sie lassen das ganz beiseite.«

Sein Haar war schon ganz weiß, seine Augenbrauen waren aber immer noch schwarz. Er hatte ein angenehmes Gesicht und war meiner Ansicht nach ein schöner Mann. Sein Gesicht hatte eine gewisse Röte, die ich seit langer Zeit durch Peggottys Belehrung mit Portwein in Verbindung brachte, auch die Fülle seiner Stimme und seine angehende Korpulenz schrieb ich dieser Ursache zu. Er trug sich außerordentlich nett und hatte einen blauen Frack, gestreifte Weste und Nankinghosen, sein feines gefälteltes Hemd und batistenes Halstuch sahen ungewöhnlich glatt und weiß aus, und erinnerten mich unwillkürlich an das Gefieder auf der Brust eines Schwanes.

»Das ist mein Neffe«, sagte meine Tante.

»Wußte nicht, daß Sie einen hätten, Miß Trotwood«, entgegnete Mr. Wickfield.

»Eigentlich mein Großneffe«, bemerkte meine Tante.

»Ich versichere Sie, ich wußte nicht, daß Sie einen Großneffen hätten«, sagte Mr. Wickfield.

»Ich habe ihn adoptiert«, sagte meine Tante mit einer Handbewegung, als ob es ihr ganz gleich wäre, ob er von meinem Dasein etwas wüßte oder nicht, »und habe ihn jetzt mitgebracht, um ihn in eine Schule zu tun, wo er sehr guten Unterricht und gute Behandlung findet. Nun sollen Sie mir sagen, wo diese Schule ist, wie sie eingerichtet ist und alles übrige.«

»Ehe ich Ihnen einen passenden Rat erteilen kann,« sagte Mr. Wickfield, »muß ich die alte Frage stellen: Was ist Ihr Beweggrund?«

»Das ist doch nicht zum Aushalten mit dem Manne!« rief meine Tante. »Immer spürt er nach Beweggründen, wenn sie auf der Hand liegen! Mein Gott, ich will das Kind glücklich und zu einem nützlichen Menschen machen.«

»Ich glaube, es muß ein gemischter Beweggrund sein«, sagte Mr. Wickfield, indem er den Kopf schüttelte und ungläubig lächelte.

»Ein gemischter Pappenstiel!« entgegnete meine Tante. »Sie beanspruchen selbst bei allem, was Sie tun, nur einen einfachen Beweggrund zu haben. Glauben Sie etwa, Sie sind der einzige?«

»Ja, aber ich habe überhaupt nur einen Lebenszweck bei allem, was ich tue, Miß Trotwood«, erwiderte er lächelnd. »Andere haben sie dutzend- und hundertweise. Ich habe nur einen. Das ist der Unterschied. Doch das gehört nicht hierher. – Die beste Schule? Also das heißt, Sie wollen ohne Rücksicht auf den Beweggrund die beste kennen lernen?«

Meine Tante nickte beistimmend.

»In unserer besten«, sagte Mr. Wickfield nachdenklich, »könnte Ihr Neffe jetzt nicht Wohnung und Kost erhalten.«

»Aber ich könnte ihn doch anderswo in Quartier und Kost geben?« sagte meine Tante.

Mr. Wickfield meinte, das ginge wohl. Nach einigem Hin- und Herreden schlug er meiner Tante vor, sie nach der Schule zu bringen, damit sie selbst urteilen könne, und ihr auch einige Häuser zu zeigen, wo ich wohnen könnte. Meine Tante ging auf diesen Vorschlag ein, und wir wollten alle drei miteinander ausgehen, als er stehen blieb und sagte:

»Unser junger Freund könnte vielleicht einen Beweggrund haben, gegen unsere Entschlüsse Einwendungen zu erheben. Ich glaube, es ist besser, wir lassen ihn hier.«

Meine Tante schien nicht abgeneigt, diesen Punkt zu bestreiten; aber um die Sache zu erleichtern, sagte ich, ich würde gern zurückbleiben, wenn sie es wünschten, und kehrte in Mr. Wickfields Expedition zurück, wo ich mich in Erwartung ihrer Rückkehr wieder auf den Stuhl setzte, den ich schon vorhin eingenommen hatte.

Zufällig stand dieser Stuhl einem schmalen Gange gegenüber, an dessen Ende das kleine runde Zimmer lag, wo ich Uriah Heeps bleiches Gesicht am Fenster bemerkt hatte. Uriah, der unterdessen den Pony nach einem benachbarten Stalle geführt hatte, arbeitete wieder in diesem Zimmer an einem Pulte, unter dem sich ein messingener Stab, um Papier darauf zu hängen, befand. Auch jetzt machte er eine Abschrift von einem daran befestigten Papiere. Obgleich sein Gesicht mir zugekehrt war, glaubte ich doch einige Zeit, da sich das Papier zwischen uns befand, er könne mich nicht sehen; aber als ich aufmerksamer hinblickte, machte es einen beängstigenden Eindruck auf mich, wie dann und wann seine schlummerlosen Augen wie zwei rote Sonnen unter dem Papiere hervorlugten, und mich wohl eine ganze Minute verstohlen anstierten, ohne daß seine Feder deshalb still gestanden hätte. Ich machte mehrere Versuche, ihm aus dem Wege zu gehen – einmal stieg ich auf einen Stuhl, um mir eine Karte an der Wand anzusehen, ein andermal vertiefte ich mich in die langen Spalten eines Provinzialblattes – aber stets zogen sie mich wieder an meinen alten Platz zurück, und wenn ich meine Augen den beiden roten Sonnen zuwandte, so erblickte ich sie sicherlich entweder im Aufgehen oder im Untergehen begriffen.

Endlich kehrten zu meiner großen Erleichterung nach ziemlich langer Abwesenheit meine Tante und Mr. Wickfield zurück. Ihr Gang war nicht so erfolgreich gewesen, wie ich gewünscht hätte; denn wenn auch die Vorzüge der Schule zweifellos waren, so hatte meine Tante doch kein passendes Kosthaus gefunden.

»Es ist sehr unangenehm«, sagte meine Tante. »Ich weiß nicht, was ich tun soll, Trot.«

»Es trifft sich in der Tat nicht glücklich«, sagte Mr. Wickfield. »Aber ich will Ihnen sagen, was Sie tun können, Miß Trotwood.«

»Was ist das?« fragte meine Tante.

»Lassen Sie Ihren Neffen vorderhand hier. Er scheint sehr still zu sein. Er wird mich nicht im geringsten stören. Das Haus eignet sich vortrefflich zum Studieren. Es ist so still wie ein Kloster und fast so geräumig. Lassen Sie ihn hier.«

Meiner Tante war das Anerbieten offenbar sehr angenehm, obgleich sie ihr Zartgefühl verhinderte, es anzunehmen. Mir ging es ebenso.

»Schlagen Sie ein, Miß Trotwood«, sagte Mr. Wickfield. »Damit kommen wir aus der Schwierigkeit. Natürlich geschieht es nur auf einige Zeit. Wenn sich der Versuch nicht bewährt oder wenn es unsern gegenseitigen Erwartungen nicht entspricht, kann er ohne Umstände wieder wegziehen. In der Zwischenzeit wird sich schon ein besserer Platz für ihn finden. Es ist das beste, Sie lassen ihn vorderhand hier!«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden,« sagte meine Tante, »und wie mir scheint, auch er; aber –«

»Ach, ich weiß, was Sie sagen wollen«, rief Mr. Wickfield. »Ich will Sie nicht mit einem Geschenk belästigen, Miß Trotwood. Sie können für ihn bezahlen, wenn Sie durchaus wollen. Über die Bedingungen wollen wir schon einig werden, aber bezahlen sollen Sie.«

»Unter dieser Voraussetzung will ich ihn recht gern hier lassen,« sagte meine Tante, »obgleich meine Verpflichtung damit durchaus nicht vermindert wird.«

»Nun, so kommen Sie mit mir zu meinem kleinen Hausmütterchen«, sagte Mr. Wickfield.

Wir stiegen jetzt eine wundervolle alte Treppe hinauf, mit einem Geländer so breit, daß man fast ebenso leicht auf ihm hätte hinaufgehen können, und traten in ein schattiges altes Besuchzimmer, beleuchtet von drei oder vier der seltsamen Fenster, die ich von der Straße aus betrachtet hatte. In ihren Nischen waren alte eichene Sitze, anscheinend von demselben Holze herrührend wie der glänzende eichene Flur und die großen Balken an der Decke. Das Zimmer war hübsch ausgestattet mit einem Piano und rot und grün überzogenen Möbeln und einigen Blumen. Es schien ganz voll alter Winkel und Ecken zu sein, und in jeder Ecke und in jedem Winkel stand ein seltsames Tischchen oder ein Schränkchen oder ein Bücherschrank oder ein Sessel oder etwas anderes, was mich glauben machte, es gäbe weiter keine solche gemütliche Ecke im Zimmer, bis ich die nächste ansah, die mir ebenso, wenn nicht noch hübscher, vorkam. Und alles hatte denselben Anstrich von Zurückgezogenheit und Reinlichkeit wie die Außenseite des Hauses.

Mr. Wickfield klopfte an eine Tür in einer Ecke der getäfelten Wand, und alsbald trat ein Mädchen, etwa von meinem Alter, heraus und küßte ihn. Auf ihrem Gesicht erkannte ich sogleich den stillen und lieblichen Ausdruck des Damenbildes wieder, das ich unten gesehen hatte. Es kam mir vor, als ob das Bild zum Weibe emporgewachsen und das Original ein Kind geblieben wäre.

Obwohl dieses Antlitz von Glück und Heiterkeit strahlte, so lag doch ein Ausdruck von Ruhe darauf und umschwebte ihr ganzes Wesen, eine wahrhaft himmlische Ruhe, die ich nie vergessen habe und nie vergessen werde.

Das wäre sein kleines Hausmütterchen, seine Tochter Agnes, sagte uns Mr. Wickfield. Als ich hörte, wie er das sagte, und sah, wie er ihre Hand hielt, erriet ich, was das einzige Ziel seines Lebens war.

Sie trug ein kleines Körbchen mit Schlüsseln an der Seite, und sah so gesetzt und ernst aus, wie das alte Haus von einer Haushälterin verlangen konnte. Als ihr der Vater von mir erzählte, hörte sie mit regem Interesse zu; und als er fertig war, schlug sie meiner Tante vor, hinauf zu gehen und mein Zimmer anzusehen. Wir gingen alle hinauf, und sie führte uns; es war ein herrliches altes Zimmer mit noch mehr Eichengebälk und Butzenscheiben, und das breite Treppengeländer zog sich bis hinauf.

Ich weiß nicht mehr, wo und wann ich in meiner Kindheit das erste bunte Kirchenfenster sah, noch weiß ich mehr, was es darstellte. Aber das weiß ich, daß mir, wie sie oben in der dämmerigen Beleuchtung der alten Treppe stand, sich umwendete und uns erwartete, jenes Kirchenfenster in den Sinn kam, und etwas von dessen stillbeschaulichem Schimmer blieb für mich immerdar mit Agnes Wickfield verbunden.

Meiner Tante gefiel das getroffene Abkommen ebenso sehr wie mir, und wir verfügten uns sehr befriedigt wieder in das Besuchzimmer hinunter. Da sie durchaus nicht zum Essen dableiben wollte, aus Furcht, vor Dunkelwerden mit dem grauen Pony nicht nach Hause kommen zu können, und Mr. Wickfield sie wahrscheinlich zu gut kannte, um ihr lange zuzusetzen, so wurde ihr ein Lunch vorgesetzt, Agnes kehrte zu ihrer Gouvernante und Mr. Wickfield in seine Expedition zurück. So konnten, wir, ohne geniert zu sein, voneinander Abschied nehmen.

Sie sagte mir, daß Mr. Wickfield alles für mich besorgen würde und daß es mir an nichts fehlen sollte, und gab mir die herzlichsten Versicherungen und besten Ratschläge.

»Trot,« sagte meine Tante zum Schluß, »mache dir, mir und Mr. Dick Ehre, und der Himmel sei mit dir!«

Ich war sehr gerührt, und konnte ihr nur immer und immer wieder danken, und meinen freundlichsten Gruß an Mr. Dick senden.

»Nie sei niedrig, nie sei unwahr, nie sei grausam«, sagte meine Tante. »Meide diese drei Fehler, Trot, und ich kann immer Hoffnung auf dich setzen.«

Ich versprach, so gut ich konnte, daß ich ihre Güte nie mißbrauchen und ihre Ermahnungen nie vergessen würde.

»Der Pony steht vor der Tür,« sagte meine Tante, »und ich muß fort! Bleib!«

Mit diesen Worten umarmte sie mich hastig und verließ das Zimmer, dessen Tür sie hinter sich zumachte. Anfangs machte mich diese hastige Trennung betroffen, und ich fürchtete fast, sie verletzt zu haben; aber als ich durch das Fenster blickte und sah, wie niedergeschlagen sie in die Chaise stieg und wegfuhr, ohne aufzublicken, da verstand ich sie besser, und tat ihr dieses Unrecht nicht an.

Um fünf Uhr, Mr. Wickfields Speisestunde, hatte ich wieder frischen Mut gefaßt und war bereit, Messer und Gabel zu führen. Der Tisch war nur für uns beide gedeckt; aber Agnes wartete im Besuchzimmer auf uns, ging mit ihrem Vater hinunter und saß am Tisch ihm gegenüber. Ich glaube nicht, daß er ohne sie hätte etwas genießen können, und es ihm von anderen Händen geschmeckt hätte.

Wir blieben nach dem Essen nicht im Speisezimmer, sondern gingen wieder in das Besuchzimmer hinauf. In einer traulichen Ecke setzte Agnes dort für den Vater Gläser und eine Karaffe Portwein hin. Ich glaube, es hätte dem Wein die gewöhnliche Blume gefehlt, wenn andere Hände ihn hingesetzt hätten.

So saß er zwei Stunden lang und trank seinen Wein und trank ziemlich viel, während Agnes Klavier spielte, arbeitete oder mit ihm und mir plauderte. Er war meist gesprächig und heiter; aber manchmal verweilten seine Augen auf Agnes, und dann wurde er nachdenklich und verstummte. Sie bemerkte dies immer sehr rasch, wie mir vorkam, und erweckte ihn aus seinem Brüten stets mit einer Frage oder einer Liebkosung. Dann riß er sich los von seinen Gedanken und stürzte wieder ein Glas Wein hinunter.

Agnes bereitete den Tee und machte am Teetisch die Wirtin; dann vertrieb man sich die Zeit in derselben Weise wie nach dem Essen, bis sie zu Bett ging; ihr Vater umarmte und küßte sie und bestellte sich Licht in die Expedition. Und ich ging ebenfalls zu Bett.

Aber vorher im Laufe des Abends war ich hinunter an die Tür gegangen und ein wenig auf die Straße hinaus, um die alten Häuser und den grauen Dom noch einmal anzusehen, und ich erinnerte mich, wie ich auf meiner Wanderschaft durch diese alte Stadt gekommen war und ohne es zu ahnen an diesem Hause vorüber, in dem ich nun wohnte.

Als ich zurückkehrte, machte Uriah Heep die Expedition zu, und da ich mich gegen jedermann freundlich gestimmt fühlte, so ging ich zu ihm und sprach mit ihm, und gab ihm beim Abschied die Hand. Aber ach, wie kalt und feucht die Hand war! Dem Gefühl ebenso gespenstig wie dem Gesicht! Ich rieb meine Hand später, um sie zu erwärmen und seine Berührung abzureiben.

So widerlich war mir diese Hand, daß die Erinnerung an ihre feuchte Kälte noch nicht von mir weichen wollte, als ich auf meinem Zimmer war. Als ich mich zum Fenster hinausbog, und eins der Gesichter an den Balkenköpfen mich von der Seite anblicken sah, bildete ich mir ein, es müßte Uriah Heep sein, der irgendwie dort hinaufgekommen war, und machte rasch das Fenster vor ihm zu.

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