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David Copperfield - Teil 1

Charles Dickens: David Copperfield - Teil 1 - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Teil 1
publisherMax Hesses Verlag
volume1
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060608
projectiddd23577b
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Zehntes Kapitel.

Ich werde vernachlässigt und später wieder versorgt.

Das, erste, was Miß Murdstone am Tage nach dem Begräbnisse tat, und nachdem die Läden wieder dem Lichte geöffnet waren, bestand darin, daß sie Peggotty binnen vier Wochen den Dienst kündigte. So sehr auch Peggotty der Dienst mißfallen mußte, so hätte sie ihn doch nur um meinetwillen lieber als den besten andern auf der Welt behalten. Sie sagte mir, daß wir uns trennen müßten, und teilte mir auch den Grund mit; und wir beklagten einander in aller Aufrichtigkeit.

In bezug auf mich oder meine Zukunft wurde von Murdstones nichts gesprochen und nichts unternommen. Ich bin aber überzeugt, sie hätten sich glücklich geschätzt, wenn sie mich auch durch Kündigung auf Monatsfrist hätten fortschicken können. Einmal faßte ich mir ein Herz und fragte Miß Murdstone, wann ich wieder in die Schule gehen würde, und sie antwortete trocken, sie glaube nicht, daß ich überhaupt wieder hinkommen werde. Weiter erfuhr ich nichts. Ich hätte aber gar zu gern gewußt, was man mit mir vorhatte, und Peggotty hätte es auch gern gewußt; aber weder sie noch ich konnten das mindeste erkunden.

Indessen hatte sich meine Lage in einer Weise verändert, die mir zwar die Gegenwart viel angenehmer machte, die mir aber, wenn ich ihre Bedeutung hätte gehörig ermessen können, für die Zukunft viele Sorgen hätte machen müssen. Und das kam daher. Der mir sonst auferlegte Zwang hatte ganz aufgehört. Anstatt mir zu befehlen, meinen tödlich langweiligen Platz in der Wohnstube einzunehmen, veranlaßte mich jetzt Miß Murdstones finsterer Blick mehr als einmal, das Zimmer zu verlassen, wenn ich es versucht hatte. Anstatt mir ebenso Peggottys Gesellschaft zu verbieten, fragte man niemals nach mir, wenn ich nur nicht Mr. Murdstone vor die Augen kam. Anfangs fürchtete ich an jedem Morgen, er oder Miß Murdstone würden mich wieder zu unterrichten anfangen; aber ich fand bald, daß diese Besorgnis ganz unbegründet war, und daß ich weiter nichts zu erwarten hatte als Vernachlässigung.

Ich glaube nicht, daß mir diese Entdeckung damals viel Kummer verursachte. Ich war noch immer betäubt von dem Tode meiner Mutter und stand allen andern Dingen mit einer ziemlich gleichgültigen Dumpfheit gegenüber. Ich kann mich erinnern, daß mir zu Zeiten gar nichts mehr daran lag, überhaupt erzogen zu werden, daß ich wie ein Bummler, der sich im Dorfe herumtrieb, hätte aufwachsen mögen; oder ich dachte daran, diese Vorstellung los zu werden durch die andere: irgendwohin zu gehen und wie die Helden meiner Romane mein Glück zu versuchen. Aber das waren rasch vorübergehende Stimmungen, Träumereien mit wachen Augen, die wie Rauch= und Schattenbilder ihre Spuren auf die Wände meines Zimmers zeichneten, und dann wieder spurlos verschwunden waren. ...

»Peggotty,« sagte ich gedankenvoll flüsternd eines Abends, als ich meine Hände am Küchenfeuer wärmte, »Mr. Murdstone hat mich noch weniger gern als früher. Er hat mich nie gern gehabt, Peggotty; aber jetzt möchte er mich am liebsten gar nicht sehen.«

»Vielleicht ist's sein Gram«, sagte Peggotty und strich mir die Haare glatt.

»Ich gräme mich gewiß auch, Peggotty«, erwiderte ich. »Wenn ich glaubte, es wäre sein Gram, so würde ich weiter gar nicht daran denken. Aber das ist's nicht, ach nein, das ist's nicht.«

»Woher weißt du, daß es das nicht ist?« sagte Peggotty nach einer Pause.

»Ach! sein Kummer ist etwas ganz, ganz anderes. Er grämt sich auch jetzt, wo er mit Miß Murdstone am Kamin sitzt; aber wenn ich hineinkäme, Peggotty, so würde er noch anders sein.«

»Wie würde er sein?« fragte Peggotty.

»Zornig«, antwortete ich und ahmte unwillkürlich seinen drohenden Blick nach. »Wenn er sich nur grämte, würde er mich nicht so ansehen, wie er es zu tun pflegt. Ich gräme mich auch, aber mich macht es nur freundlicher gegen andere.«

Peggotty sagte für jetzt weiter nichts, und ich wärmte mir meine Hände, stumm wie sie.

»Davy«, sagte sie endlich.

»Ja, Peggotty.«

»Liebes Kind, ich habe auf alle Weise versucht, hier in Blunderstone einen passenden Dienst zu bekommen, aber es ist hier keiner zu finden.«

»Und was gedenkst du nun zu tun, Peggotty?« sagte ich und sah sie forschend an. »Willst du fortgehen und dein Glück anderwärts versuchen?« »Ich glaube wohl, ich werde nach Yarmouth gehen und dort bleiben müssen«, erwiderte Peggotty.

»Du hättest noch weiter fortgehen können und so gut wie verloren für mich sein,« sagte ich ein wenig erleichtert, »aber dort kann ich dich wenigstens manchmal besuchen, meine gute alte Peggotty. Du bist doch da nicht ganz am andern Ende der Welt, nicht wahr?«

»Ganz das Gegenteil, will's Gott!« rief Peggotty mit großer Lebhaftigkeit. »Solange du hier bist, mein Goldkind, besuche ich dich jede Woche einmal, solange ich lebe – jede Woche einmal, solange ich lebe.«

Dies Versprechen nahm mir eine wahre Last vom Herzen; aber selbst das war noch nicht alles, denn Peggotty fuhr fort:

»Nun, siehst du, Davy, ich gehe erst auf vierzehn Tage zu meinem Bruder auf Besuch, damit ich mich ein bißchen umsehen und wieder ins alte Gleis kommen kann. Nun habe ich mir gedacht, da sie dich hier nicht brauchen, so lassen sie dich vielleicht mit mir gehen.«

Wenn mir damals irgend etwas (abgesehen von einer gänzlichen Umgestaltung des Verhältnisses zu meiner Umgebung, mit Ausnahme von Peggotty) ein Gefühl der Freude einzuflößen vermocht hätte, so wäre es dieser Vorschlag gewesen. Der Gedanke, wieder von jenen ehrlichen Gesichtern umgeben zu sein, von ihnen herzlich empfangen zu werden, wieder einen so friedlich stillen Sonntagmorgen zu erleben, die Glocken klingen zu hören, die Steine plätschernd in das Wasser zu werfen und zu sehen, wie die schattenhaften Schiffe aus dem Nebel auftauchten. Wieder mit der kleinen Emily umherzuschweifen, ihr meine Leiden klagen zu können und Zaubermittel dagegen in den Muscheln und Steinen auf dem Strand zu suchen: das beruhigte mir wundersam das Herz. Doch diese Ruhe wurde im nächsten Augenblick durch den Zweifel gestört, ob Miß Murdstone ihre Erlaubnis dazu geben würde, allein selbst dieser wurde rasch beschwichtigt. Denn Miß Murdstone erschien sehr bald, während wir uns noch unterhielten, um eine nächtliche Untersuchung des Vorratsschrankes anzustellen, und Peggotty brachte die Sache mit einer mich in Staunen setzenden Kühnheit alsbald zur Sprache.

»Der Junge wird dort freilich nur faulenzen,« sagte Miß Murdstone, indem sie in einen Krug mit sauer eingelegten Früchten guckte, »und Nichtstun ist die Wurzel alles Übels. Aber er wird hier ebensowenig etwas tun – hier und überall: das ist meine Meinung!«

Auf Peggottys Lippen schwebte eine heftige Antwort; aber sie verschluckte sie meinetwegen und blieb stumm.

»Hm!« sagte Miß Murdstone und guckte immer noch in den Krug mit dem Eingemachten hinein, »es ist jetzt von großer Wichtigkeit – von größerer sogar als alles andere, daß mein Bruder durchaus nicht gestört wird. Ich glaube daher, es ist besser, ich willige ein.«

Ich dankte ihr, ohne Freude an den Tag zu legen, damit sie nicht etwa ihre Einwilligung zurückziehe. Und ich konnte nicht umhin, dies für klug zu halten, als sie mich jetzt wieder mit einem so sauern Gesicht ansah, als hätte sie mit ihren schwarzen Augen den ganzen Inhalt des Kruges mit sauerm Eingemachten verzehrt. Die Erlaubnis war jedoch erteilt und wurde nicht zurückgenommen; denn als der Monat vorüber war, waren Peggotty und ich zur Abreise bereit.

Mr. Barkis kam ins Haus, um Peggottys Koffer abzuholen. Soviel ich weiß, hatte er noch nie die Schwelle der Gartentür überschritten, aber bei dieser Gelegenheit kam er bis ins Haus. Und als er den größten Koffer auf seine Schultern lud und hinausging, warf er mir einen vielsagenden Blick zu, wenn Mr. Barkis' Gesicht überhaupt jemals etwas sagen konnte.

Peggotty war natürlich sehr betrübt über ihren Abschied von dem Orte, wo sie soviele Jahre heimisch gewesen war und wo die beiden stärksten Neigungen ihres Lebens – zu meiner Mutter und mir – entstanden waren. Sie war schon ganz früh auf dem Kirchhof gewesen; und als sie in den Wagen stieg und sich setzte, hielt sie das Taschentuch vor die Augen.

Solange sie dies tat, gab Mr. Barkis kein Lebenszeichen von sich. Er saß auf seinem gewöhnlichen Platz und in seiner gewöhnlichen Haltung, wie eine große ausgestopfte Strohpuppe. Aber als sie das Taschentuch entfernt hatte und mit mir zu sprechen anfing, nickte er mehrmals und zeigte grinsend die Zähne. Ich hatte nicht die leiseste Vorstellung davon, was er damit meinte.

»Ein schöner Tag heute, Mr. Barkis«, sagte ich, um ein Gespräch anzuknüpfen.

»Nicht schlecht«, sagte Mr. Barkis, der selten ganz offen heraus sprach und alle seine Bemerkungen vorsichtig abwog.

»Peggotty befindet sich jetzt ganz wohl, Mr. Barkis«, bemerkte ich zu seiner Befriedigung.

»Wirklich?« sagte Mr. Barkis.

Nachdem Mr. Barkis mit wahrhaft philosophischer Miene darüber nachgedacht hatte, sah er sie an und sagte:

»Hm, befindet Ihr Euch jetzt wirklich recht wohl?«

Peggotty lachte und antwortete bejahend.

»Aber wirklich und wahrhaftig, meine ich. Wirklich?« brummte Mr. Barkis und rutschte auf der Bank näher an sie heran und gab ihr einen zärtlichen Stoß mit dem Ellbogen. »Wirklich? Wirklich und wahrhaftig wohlauf? Wirklich? He?«

Bei jeder dieser Fragen rutschte Mr. Barkis ihr näher und gab ihr einen Stoß mit dem Ellbogen, so daß wir alle zuletzt in der linken Ecke des Wagens zusammengedrängt waren und ich so eingeklemmt dasaß, daß ich es kaum mehr aushalten konnte.

Peggotty machte ihn auf meine Drangsal aufmerksam, worauf Mr. Barkis sogleich etwas Platz machte und nach und nach wieder weiter abrückte. Aber ich bemerkte doch, daß er zu glauben schien, er sei auf ein herrliches Mittel verfallen, sich angenehm, fein und deutlich auszudrücken, ohne viel mühsame und zeitraubende Worte zu gebrauchen. Eine Zeitlang lachte er vergnügt vor sich hin. Allmählich wandte er sich wieder zu Peggotty um und fragte von neuem: »Seid Ihr hübsch wohlauf?« und wiederholte das vorige Manöver des Zusammenrückens, bis ich fast keinen Atem mehr hatte. Es dauerte nicht lange, so tat er dasselbe noch einmal mit denselben Folgen. Endlich stand ich auf, wenn ich ihn herankommen sah, und tat, als ob ich mir die Gegend ansähe; und dabei befand ich mich ganz wohl.

Er war so zuvorkommend, nur unsertwegen an einem Wirtshause anzuhalten und uns mit Hammelbraten und Bier zu bewirten. Aber selbst einmal, während Peggotty trank, hatte er einen seiner alten Drängelanfälle und brachte sie fast zum Ersticken. Als wir jedoch dem Ziele der Reise näher kamen, hatte er mehr zu tun und weniger Zeit galant zu sein, und als wir erst das Pflaster von Yarmouth erreichten, wurden wir viel zu sehr durcheinandergeschüttelt, als daß wir zu etwas anderm Zeit gehabt hätten.

Mr. Peggotty und Ham erwarteten uns an der alten Stelle. Sie empfingen mich und Peggotty sehr freundlich, und schüttelten Mr. Barkis die Hand, der mit weit zurückgeschobenem Hut, einem einfältigen Lächeln auf dem Gesichte und weit auseinandergespreizten Beinen dastand. Jeder von den beiden nahm einen von Peggottys Koffern, und wir wollten eben fortgehen, als Mr. Barkis mir feierlich zuwinkte, mit ihm unter einen Torweg zu treten.

»Was ich sagen wollte,« brummte Mr. Barkis, »alles in Ordnung.«

Ich sah ihn an und antwortete mit einem Versuch, ein sehr kluges Gesicht zu machen: »Ah!«

»Damals war's noch nicht aus«, sagte Mr. Barkis mit einem vertraulichen Nicken. »Alles in Ordnung.«

Wieder antwortete ich: »Ah!« »Sie wissen, wer willens war«, sagte mein Freund. »Es war Barkis und nur Barkis.«

Ich nickte beistimmend.

»Alles in Ordnung«, sagte Mr. Barkis und schüttelte mir die Hand. »Ich bin dafür Ihr Freund. Sie haben es zuerst ins Lot gebracht. Alles in Ordnung.«

In seinem Bestreben, besonders klar zu sein, war Mr. Barkis so erstaunlich rätselhaft, daß ich ihn eine Stunde hätte ansehen können, ohne mehr von ihm zu erfahren, als von einer Uhr, die still steht, wenn mich nicht Peggotty weggerufen hätte. Unterwegs fragte sie mich, was er gesagt habe, und ich wiederholte ihr seine Worte: »Alles in Ordnung.«

»O über seine Unverschämtheit!« sagte Peggotty. »Aber das ist mir gleich! Lieber Davy, was meinst du wohl, wenn ich mich verheiratete?«

»Nun, du würdest mich doch wohl ebenso lieb haben, wie jetzt, Peggotty?« erwiderte ich nach einiger Überlegung.

Zum großen Erstaunen der Vorübergehenden und der beiden voranschreitenden Peggottys mußte die gute Seele stehen bleiben und mich mit vielen Beteuerungen ihrer unveränderlichen Liebe umarmen.

»Sage mir, was du dazu meinst, lieber Schatz?« fragte sie wieder, als sie damit fertig war und wir unsern Weg fortsetzten.

»Wenn du dich verheiratetest – mit Mr. Barkis, Peggotty?«

»Ja«, sagte Peggotty.

»Ich glaube, es wäre ganz vortrefflich. Denn siehst du, Peggotty, du hättest immer das Pferd und den Wagen, um mich zu besuchen, und könntest umsonst kommen und wann du willst.«

»Wie klug das Goldkind ist!« rief Peggotty. »Das habe ich immer schon den ganzen Monat gedacht! Ja, lieber Schatz; und ich glaube, ich wäre im ganzen viel unabhängiger, und es würde mir jetzt viel leichter, im eignen Hause zu arbeiten, als bei Fremden. Ich weiß nicht, ob ich's jetzt als Dienstbote bei Fremden aushalten könnte. Und ich wäre immer in der Nähe der Ruhestätte meines Engels,« sagte Peggotty nachdenklich, »– könnte sie sehen, wann ich wollte; und wenn ich mich zur Ruhe lege, könnten sie mich neben meiner lieben Frau legen.«

Wir schwiegen beide eine Weile.

»Aber ich würde kein einzigesmal wieder daran denken,« sagte Peggotty heiter, »wenn mein Davy etwas dagegen hätte – und wenn ich auch dreimal dreißigmal in der Kirche aufgeboten sein würde und den Ring mein lebelang in der Tasche herumtragen müßte.«

»Sieh mich an, Peggotty,« erwiderte ich, »und sieh, ob ich mich wirklich nicht freue und es wahrhaftig wünsche!« – was ich auch von ganzem Herzen tat.

»Liebes Herz,« sagte Peggotty und drückte mich an sich, »ich habe es Tag und Nacht überlegt und in jeder Weise daran gedacht, und ich glaube, in der rechten Weise; aber ich will noch einmal darüber nachdenken und mit meinem Bruder darüber sprechen, unterdessen wollen wir es aber für uns behalten, Davy. Er ist ein einfacher, guter Mann,« sagte Peggotty, »und wenn ich versuchte, meine Pflicht gegen ihn zu tun, so glaube ich, wäre es meine Schuld, wenn ich nicht – wenn ich mich nicht recht wohl mit ihm befände«, sagte Peggotty und lachte herzlich.

Dieses Zitat von Mr. Barkis war so passend und kitzelte uns beide so sehr, daß wir immer von neuem zu lachen anfingen und sehr heiterer Laune waren, als wir Mr. Peggottys Häuschen erblickten.

Es sah noch ganz aus wie früher, nur daß es vielleicht in meinen Augen ein wenig kleiner geworden war; Mrs. Gummidge wartete in der Tür, als ob sie seit jener Zeit immer noch dort stände. Inwendig war alles noch beim alten geblieben einschließlich des Seegrases im blauen Krug in meinem Schlafzimmer. Ich ging in den Seitenschuppen, um mich umzusehen, und dieselben Hummern, Krabben und Krebse, erfüllt von demselben Verlangen, alles in der Welt zu kneifen, lagen in demselben wirren krabbelnden Durcheinander in derselben alten Ecke.

Aber keine kleine Emilie war zu sehen, und ich fragte daher Mr. Peggotty, wo sie sei.

»Sie ist in der Schule, Sir«, sagte Mr. Peggotty und wischte sich den Schweiß von der Stirn ab, den ihm das Tragen von Peggottys Koffer verursacht hatte. Dann sah er nach der Wanduhr und sagte: »Sie kommt in zwanzig Minuten oder in einer halben Stunde. Wir vermissen sie auch alle, das weiß Gott!«

Mrs. Gummidge seufzte. '

»Na, immer munter, Mutter!« rief Mr. Peggotty.

»Ach,« sagte Mrs. Gummidge, »ich bin ein einsames, verlassenes Geschöpf.«

Das Haus war noch so hübsch wie immer, oder hätte mir ebenso erscheinen sollen, aber dennoch machte es nicht denselben Eindruck auf mich wie früher. Ich fühlte mich sogar etwas enttäuscht. Vielleicht war die Abwesenheit der kleinen Emilie schuld daran. Ich wußte, welchen Weg sie kommen würde, und ging ihr daher immer langsam entgegen.

Es dauerte auch nicht lange, so erschien in der Ferne eine Gestalt, und ich erkannte bald Emilien, die, obgleich gewachsen, immer noch klein und zierlich war. Aber als sie näher kam und ich sah, wie ihre blauen Augen noch blauer, ihr Gesicht mit den Grübchen noch heiterer und ihr ganzes, reizendes Ich noch hübscher und schelmischer geworden war, da überkam mich ein seltsames Gefühl der Scheu, das mich veranlaßte, zu tun als ob ich sie nicht kennte, und vorbeizugehen, als ob ich nach etwas, draußen in der Ferne sähe. Ich habe so etwas auch noch später im Leben getan, oder ich müßte mich sehr irren.

Die kleine Emilie kümmerte sich gar nicht darum. Sie sah mich recht gut; aber anstatt sich umzudrehen und mich zu rufen, rannte sie lachend fort. Das trieb mich, ihr nachzueilen, aber sie lief so schnell, daß ich sie erst nahe beim Häuschen einholen und fangen konnte.

»O, du bist's?« sagte die kleine Emilie – »du also?«

»Na, du wußtest doch, wer's war, Emilie!«

»Und wußtest du es nicht, wer's war?« sagte Emilie.

Ich wollte sie küssen, aber sie bedeckte ihre Kirschenlippen mit den Händen und sagte, sie sei kein kleines Kind mehr, lief fort ins Haus und lachte toller als vorher.

Sie schien einen Gefallen daran zu finden, mich zu necken, und das war eine Veränderung an ihr, über die ich mich sehr wunderte. Der Teetisch war fertig, unsere kleine Sitzlade stand auf dem alten Flecke, aber anstatt sich neben mich zu setzen, leistete sie der alten brummigen Mrs. Gummidge Gesellschaft; und als Mr. Peggotty fragte, warum, vermuschelte sie das Gesicht mit den krausen Locken ihres Stirnhaars und konnte nicht aufhören zu lachen.

»Ein kleines Miesekätzchen, nicht wahr?« sagte Mr. Pegotty und streichelte sie mit seiner großen Hand.

»Das ist sie! das ist sie!« rief Ham. »Mas'r Davy, das ist sie!« und er saß da und lachte sie eine Zeitlang an in einem gemischten Zustande von Wonne und Bewunderung, der sein Gesicht brennendrot machte.

Ja, die kleine Emilie wurde von ihnen in allem verzogen und von niemand mehr als von Mr. Peggotty, dem sie alles abschmeicheln konnte, wenn sie nur zu ihm ging und ihre Wangen an seinen stacheligen Backenbart legte. So glaubte ich wenigstens, als ich sah, daß sie es so machte, und ich fand, daß Mr. Peggotty vollkommen recht hatte. Denn sie war so zärtlich und herzig und hatte eine so angenehme Art, neckisch und schüchtern zugleich zu sein, daß ich mehr als je ihr Sklave war.

Sie hatte aber auch ein weiches Gemüt; denn als wir nach dem Tee um das Feuer saßen und Mr. Peggotty eine Hindeutung auf den Verlust, den ich erlitten hatte, machte, traten ihr die Tränen in die Augen, und sie sah mich über den Tisch so freundlich an, daß ich ihr wirklich dankbar war.

»Ah!« sagte Mr. Peggotty, indem er ihre Locken nahm und sie wie Wasser über die Hand laufen ließ, »hier ist auch eine Waise, Sir. Und hier,« sagte Mr. Peggotty und gab Ham mit der Rückseite der Hand einen leisen Schlag auf die Brust, »hier ist noch eine Waise, obgleich man es ihnen nicht sehr anmerkt.«

»Wenn ich Sie zum Vormund hätte, Mr. Peggotty,« sagte ich und schüttelte mit dem Kopf, »so glaube ich wohl, ich würde es auch nicht so sehr fühlen.«

»Schön gesagt, Master Davy!« rief Ham ganz entzückt. »Hurra! Schön gesagt! Nein, das täten Sie auch nicht! Hört, hört!« – Hierbei klopfte er in freundschaftlicher Erwiderung des erhaltenen Puffs Mr. Peggotty auf die Brust, und die kleine Emilie stand auf und küßte Mr. Peggotty.

»Und was macht Ihr Freund, Sir?« sagte Mr. Peggotty zu mit.

»Steerforth?« sagte ich.

»Ja ja, den meine ich«, erwiderte Mr. Peggotty. »Ich wußte doch, sein Name gehörte zu unserm Gewerbe.«

»Du sagtest immer, er hieße Rudderforth«, lachte Ham.

»Na« – verteidigte sich Mr. Peggotty – »Ruder oder Steuer, das ist kein so großer Unterschied. – Also wie geht's ihm, Sir?«

»Er war ganz wohl, als ich ihn verließ, Mr. Peggotty.«

»Ja, das ist ein Freund!« sagte Mr. Peggotty und streckte seinen Arm mit der Pfeife vor sich aus. »Das ist ein Freund, wenn Ihr von Freunden sprecht! Gott soll mich ewig leben lassen, wenn es nicht eine Freude ist, ihn anzusehen.«

»Er ist sehr hübsch, nicht wahr?« sagte ich, und mein Herz wurde warm bei diesem Lobe.

»Hübsch!« rief Mr. Peggotty. »Er steht vor einem wie – wie ein – na, ich weiß wahrhaftig nicht, wie er vor einem steht. Er ist so, er hat so etwas keckvornehmes!«

»Ja, das ist gerade sein Charakter«, sagte ich. »Er ist mutig wie ein Löwe; Sie können sich nicht denken, wie freimütig er ist, Mr. Peggotty.«

»Und ich vermute,« sagte Mr. Peggotty und sah mich durch den Rauch seiner Pfeife an, »daß ihm in der Gelehrsamkeit fast keiner nahe kommt.«

»Ja,« sagte ich voll Freuden, »er weiß alles. Er ist wunderbar gescheit.«

»Das nenne ich einen Freund!« murmelte Mr. Peggotty mit einem ernsten Wiegen des Kopfes.

»Nichts scheint ihm auch nur die geringste Mühe zu machen«, sagte ich. »Er kann seine Aufgaben, nachdem er sie kaum angesehen hat. Er ist der beste Ballschläger, den ich kenne; im Brettspiel gibt er Ihnen so viel Steine vor, als Sie wollen, und er schlägt Sie ohne Mühe.«

Mr. Peggotty nickte wieder mit dem Kopfe, als wollte er sagen: Das versteht sich von selbst.

»Und ein Redner ist er,« fuhr ich fort, »daß er jeden für sich gewinnen kann, Sir; und ich weiß nicht, was Sie sagen würden, wenn Sie ihn singen hörten, Mr. Peggotty.«

Mr. Peggotty nickte wieder mit dem Kopfe, als wollte er sagen: Das glaube ich recht gern.

»Und er ist so edelmütig, eine so vornehme Natur,« sagte ich, ganz von meinem Gegenstande eingenommen, »daß man ihn überhaupt kaum nach Gebühr loben kann. Ich kann nie genug Dankbarkeit fühlen für die edelmütige Art, wie er mich, den soviel jüngeren und geringeren, auf der Schule beschützt hat.«

So redete ich eifrig fort, und mitten in meinem Eifer fielen meine Augen auf die kleine Emilie. Sie saß da, über den Tisch gebeugt, und hörte mit der tiefsten Aufmerksamkeit zu, während ihr Atem stockte, ihre blauen Augen wie Saphire glänzten und ihr das Blut in die Wangen stieg. Sie sah so wunderbar begeistert und lieblich aus, daß ich erstaunt innehielt: mit mir zugleich beobachteten sie die andern alle, denn als ich innehielt, lachten sie und sahen sie an. »Emilien geht's wie mir,« sagte meine Peggotty, »sie möchte ihn auch gern mal sehen.«

Emilie war ganz verlegen geworden, ließ den Kopf hängen und wurde noch röter als vorher. Als sie gleich danach wieder aufblickte, durch die ihr in die Stirn hängenden Locken blinzelte und bemerkte, daß man sie immer noch ansah (ich meinesteils hätte sie stundenlang ansehen können), lief sie fort und blieb weg, bis es fast Schlafenszeit war.

Ich legte mich in das alte kleine Bett im Bootsspiegel, und der Wind strich klagend über die Dünen, wie ehedem. Doch jetzt konnte ich mich nicht des Gedankens erwehren, daß er um die Dahingeschiedene klagte. Aber statt der Vorstellung, daß die See in der Nacht anschwellen und das Boot fortschwemmen könnte, dachte ich an das Unwetter, das dahergebraust war, seit ich zuletzt diesen Ton gehört, und das meine glückliche Heimat zerstört hatte. Ich weiß, als das Tosen des Windes und das Branden der Wellen schwächer zu werden schien, schob ich noch einen kleinen Zusatz in mein Abendgebet, daß ich ein Mann werden und Klein-Emily heiraten möchte, und schlief dann ganz glückselig ein.

Die Tage vergingen ziemlich ebenso wie früher, nur – und das war freilich ein großer Unterschied – daß die kleine Emilie und ich nur selten am Strande spazieren gingen. Sie hatte Schulaufgaben auswendig zu lernen und zu nähen und war einen großen Teil des Tages abwesend. Aber ich fühlte, daß diese alten Spaziergänge auch unter andern Umständen weggefallen wären. So ausgelassen und voll kindischer Einfälle Emilie war, so war sie doch schon viel mehr Jungfrau, als ich glaubte. Sie schien in wenig mehr als einem Jahre für mich viel weiter entrückt worden zu sein! Sie hatte mich gern, aber sie lachte mich aus und quälte mich; wenn ich ihr entgegen ging, suchte sie sich einen andern Weg aus und empfing mich lachend an der Tür, wenn ich enttäuscht und mißvergnügt zurückkehrte. Die beste Zeit hatte ich, wenn sie an der Tür saß und arbeitete, und ich ihr auf der Schwelle, zu ihren Füßen, vorlas. Es kommt mir noch jetzt so vor, als ob ich niemals wieder solchen Sonnenschein gesehen hätte, wie an jenem schönen Aprilnachmittag, daß ich niemals eine so sonnige kleine Gestalt gesehen habe, als damals an der Tür des alten Bootes, daß ich niemals einen solchen Himmel gesehen habe, solches Wasser und solche herrlichen Schiffe, die in die goldene Luft hinaussegelten.

Schon am ersten Abend nach unserer Ankunft erschien Mr. Barkis mit sehr einfältigem Gesicht und in sehr linkischer Weise, mit einer Anzahl Apfelsinen in einem Taschentuch. Da er weiter nichts von diesem Paket sagte, so glaubten wir, er habe es aus Zufall vergessen, als er wegging, bis Ham, der ihm nacheilte, mit der Nachricht zurückkam, daß es für Peggotty bestimmt sei. Nach diesem Tage erschien er jeden Abend genau um dieselbe Stunde und stets mit einem kleinen Paket, von dem er nie sprach und das er regelmäßig hinter die Tür legte und dort zurückließ. Diese Liebesgaben waren von der verschiedensten und seltsamsten Art. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein paar Schweinsfüße, ein großes Nadelkissen, ungefähr eine halbe Metze Äpfel, ein Paar schwarze Ohrringe, ein Bund Schalotten, ein Dominospiel, einen Kanarienvogel in einem Käfig und im eine gepökelte Schweinskeule.

Mi. Barkis Liebeswerbung war von ganz eigentümlicher Art. Er sprach selten ein Wort, sondern saß meistens beim Feuer, ziemlich in derselben Stellung wie auf seinem Wagen, und glotzte Peggotty an, die ihm gegenüber saß. Eines Abends fuhr er, von Liebe begeistert, hastig auf das Stückchen Wachslicht zu, nahm es weg, steckte es in die Westentasche und hieß es mitgehen. Nach diesem Vorfalle war es sein Hauptspaß, sobald Peggotty danach fragte, es aus der Tasche zu holen, was nicht ganz leicht war, denn es war unterdessen halb geschmolzen und klebte regelmäßig an dem Futter der Tasche fest. Es schien ihm bei uns sehr zu gefallen, aber er fühlte sich durchaus nicht berufen, ein Wort zu sprechen. Selbst wenn er Peggotty ein Stündchen am Strande spazieren führte, war ihm daran schwerlich viel gelegen, denn er begnügte sich dann, manchmal zu fragen, ob sie wohlauf sei; und ich erinnere mich, daß sich Peggotty manchmal, wenn er fort war, die Schürze vor das Gesicht hielt und eine halbe Stunde lang lachte. In der Tat belustigten wir uns alle mehr oder weniger über ihn, außer der unglücklichen Mrs. Gummidge, deren Brautstand wohl ganz ähnlicher Art gewesen sein mußte, denn sie wurde durch diese Fälle beständig daran erinnert.

Als endlich der letzte Tag meines Besuches nahe war, sagte man mir, daß Peggotty und Mr. Barkis zusammen eine Reise machen und Emilie und ich sie begleiten sollten. In Erwartung des Vergnügens, mich einen ganzen Tag der Gegenwart Emiliens zu erfreuen, hatte ich die Nacht vorher nur wenig Ruhe. Schon frühzeitig waren wir alle auf den Beinen; während wir noch beim Frühstück saßen, erschien Mr. Barkis von fern mit seinem Korbwagen, dem Ziel seiner Liebe zusteuernd.

Peggotty hatte wie gewöhnlich ihre netten, bescheidenen Trauerkleider an; aber Mr. Barkis blühte in einem neuen blauen Rocke, zu dem ihm der Schneider so reichlich Maß genommen hatte, daß die Ärmelaufschläge im kältesten Wetter Handschuhe unnötig gemacht hätten, während sich der Kragen so hoch aufsteifte, daß er seine Haare auf dem Scheitel empordrängte. Die gelben Knöpfe waren vom größten Kaliber. Vervollständigt mit hellgrauen Beinkleidern und einer gelben Weste, hielt ich Mr. Barkis für ein Wunder von Vornehmheit.

Als wir alle reisefertig vor der Tür standen, fand ich, daß Mr. Peggotty einen alten Schuh hatte, der des Glückes wegen hinter uns her geworfen werden sollte, und den wir zu diesem Zwecke Mrs. Gummidge anboten.

»Nein, lieber sollte es jemand anders tun«, sagte Mrs. Gummidge. »Ich bin immer ein einsames und verlassenes Geschöpf gewesen; und alles, was mich an ein Geschöpf erinnert, das nicht einsam und nicht verlassen ist, geht konträr mit mir.«

»Ei, nicht doch, Alte!« rief Mr. Peggotty. »Hier nimm und wirf ihn!«

»Nein, Daniel!« winselte Mrs. Gummidge und schüttelte den Kopf mit tränenden Augen. »Wenn mir nicht alles so zu Herzen ginge, könnt ich's tun. Ihr fühlt das nicht so wie ich. Euch geht auch nicht alles so konträr, und Ihr seid auch niemand im Wege. Tut's darum lieber selbst!« –

Aber hier rief Peggotty, die mit großer Eilfertigkeit von einem zum andern gegangen war und alle geküßt hatte, aus dem Wagen, worin wir bereits saßen (Emilie und ich auf zwei kleinen Stühlen nebeneinander), daß es Mrs. Gummidge durchaus tun müsse. Darauf gehorchte Mrs. Gummidge und dämpfte leider durch einen traurigen Schatten den festlichen Charakter unserer Reise, indem sie in Tränen ausbrach und mit der Erklärung, daß sie wisse, aller Welt zur Last zu sein, und wünschte, ins Armenhaus gebracht zu werden, Ham in die Arme sank. Ich fand den Gedanken sehr vernünftig und wünschte im stillen, Ham brächte ihn sofort zur Ausführung.

Wir traten unterdes unsere Vergnügungsfahrt an; und das erste, was wir taten, war, daß wir vor einer Kirche still hielten, wo Mr. Barkis das Pferd an ein Gitter band und mit Peggotty hineinging, wahrend Emilie und ich im Wagen blieben. Ich ergriff diese Gelegenheit, meinen Arm um Emiliens Hüfte zu legen und ihr vorzuschlagen, daß, da ich bald weggehen müsse, wir uns recht gut sein und den ganzen Tag recht glücklich sein wollten. Da mir's die kleine Emilie erlaubte, sie zu küssen, faßte ich mir ein Herz und sagte ihr, daß ich niemals eine andere lieben würde, und bereit sei, das Blut jedermanns zu vergießen, der nach ihrer Liebe zu streben wagte.

Wie die kleine Emilie darüber scherzte, welche gesetzte jungfräuliche Miene sie annahm, als ob sie unendlich viel älter und klüger wäre als ich! Dann sagte die kleine Elfe, ich sei ein törichtes Kind, und lachte dann so liebreizend, daß ich den Schmerz über die demütigende Benennung in der Freude über ihren Anblick vergaß.

Mr. Barkis und Peggotty blieben lange in der Kirche, kamen aber endlich wieder zum Vorschein, und dann fuhren wir hinaus aufs Land. Unterwegs wendete sich Mr. Barkis an mich und sagte, indem er schlau ein Auge zudrückte (ich hätte gar nicht geglaubt, daß er dazu imstande wäre):

»Was für einen Namen habe ich damals im Wagen angeschrieben?«

»Klara Peggotty!« antwortete ich.

»Welchen Namen müßte ich jetzt hinschreiben, d. h. wenn ein Brett da wäre?«

»Doch wohl wieder Klara Peggotty?« meinte ich.

»Klara Peggotty Barkis!« erwiderte er und lachte, daß der ganze Wagen wackelte.

Mit einem Worte, sie waren verheiratet und waren zu keinem andern Zwecke in die Kirche gegangen. Peggotty hatte gewünscht, daß es in aller Stille geschähe und keine Zeugen zu der Feierlichkeit eingeladen würden. Sie war etwas verlegen, als Mr. Barkis plötzlich mit der Wahrheit herausplatzte, und konnte mich nicht genug umarmen, um mir ihre unveränderte Liebe zu zeigen; aber sie wurde bald wieder gefaßter und sagte, sie sei froh, daß alles vorbei sei.

Wir hielten an einem kleinen Wirtshaus an einer Nebenstraße, wo wir erwartet wurden, ein recht gutes Mittagsmahl einnahmen und den Tag sehr angenehm verbrachten. Wenn Peggotty sich seit zehn Jahren täglich hätte trauen lassen, hätte ihr die Sache nicht geläufiger sein können: es war nicht die mindeste Änderung an ihr zu bemerken, sie war ganz, so wie sonst. Vor dem Tee ging sie noch ein Weilchen mit der kleinen Emilie und mir spazieren, während Mr. Barkis philosophisch seine Pfeife schmauchte und sich vermutlich mit Betrachtungen seines jungen Eheglücks ergötzte. Wenn dem so war, so hatten sie zur Anregung seines Appetits beigetragen, denn ich weiß noch genau, daß er zwar bei Tisch ein gut Teil Schweinebraten und Gemüse, und hinterher noch ein paar Hühner gegessen hatte, aber doch noch kalten gekochten Schinken zum Tee forderte und ohne eine Miene zu verziehen eine tüchtige Portion davon verspeiste.

Ich habe mir seitdem oft gedacht, was für eine seltsame, komische und unschuldige Hochzeit dies war! Bald nach Dunkelwerden stiegen wir wieder in den Wagen und fuhren gemütlich zurück, während wir die Sterne ansahen und von ihnen sprachen. Ich leitete hauptsächlich die Unterhaltung und klärte Mr. Barkis' Geist in ganz erstaunlicher Weise auf. Ich erzählte ihm alles, was ich mußte, aber er würde alles geglaubt haben, was mir eingefallen wäre, ihm zu sagen; denn er fühlte die größte Verehrung für meine Gescheitheit und sagte seiner Frau so laut, daß ich es hörte, ich sei ein Wunderkind.

Als wir das Thema der Sterne erschöpft hatten, oder vielmehr als ich die geistigen Fähigkeiten von Mr. Barkis erschöpft hatte, benutzten die kleine Emilie und ich ein altes Umhängetuch als Mantel und blieben darin eingehüllt während der ganzen Reise sitzen. O, wie sehr ich sie liebte! Welche Seligkeit, dachte ich, wenn wir verheiratet wären und hinaus in die weite Welt gingen, um unter den Bäumen und in den Feldern zu leben, niemals älter und klüger zu werden, immer Kinder zu bleiben, Hand in Hand im Sonnenschein über blumige Wiesen zu wandeln, abends im Schlummer in Kinderunschuld das Haupt auf das samtene Moos zu legen und nach unserm gemeinsamen Tode von den Vögeln vergraben zu werden!

Solche und ähnliche Phantasiebilder, die nicht von dieser Welt waren, verklärt vom Schimmer unserer Unschuld und so hoch in zitternd unbestimmter Ferne über der Wirklichkeit, wie die heiligen Sterne da droben, gingen mir während des ganzen Weges durch den Kopf. Mich freut die Vorstellung, daß auf Peggottys Hochzeit zwei so unverdorbene Herzen waren, wie Emiliens und meins. Mich freut, daß Amor und die Grazien so lieblich bei der schlichten Feier vertreten waren.

Wir erreichten noch ziemlich zeitig des Abends wieder das alte Boot; dort nahmen Mrs. und Mr. Barkis Abschied von uns und fuhren gemütlich nach ihrer eigenen Wohnung. Jetzt fühlte ich das erstemal, daß ich Peggotty verloren hatte. Mit blutendem Herzen hätte ich mich unter jedem andern Dache, das die kleine Emilie nicht beschützte, zu Bette gelegt.

Mr. Peggotty und Ham wußten recht gut, was mir im Kopfe herumging, und hielten ein luxuriöses Abendessen und ihre freundlichen Gesichter bereit, um mich zu zerstreuen. Die kleine Emilie setzte sich neben mich auf den Koffer, das erste und einzige Mal, während ich da war, und so war es im ganzen ein wundervoller Schluß eines wundervollen Tages.

Die Flut war diesmal nachts, und bald nachdem wir uns schlafen gelegt hatten, fuhren Mr. Peggotty und Ham zum Fischen aus.

Ich kam mir sehr wichtig vor in dem einsamen Hause allein als Beschützer Emiliens und der Mrs. Gummidge zurückgelassen zu sein, und wünschte nur, daß ein Löwe oder eine Schlange oder ein anderes greuliches Ungeheuer uns angriffe und ich es vernichten und mich mit Ruhm bedecken könnte. Aber da sich für diesen Abend nichts von dieser Art auf den Dünen von Yarmouth herumzutreiben schien, so träumte ich, um den Mangel möglichst zu ersetzen, von Drachen bis zum Morgen.

Mit dem Morgen erschien Peggotty wie gewöhnlich, die mich von dem Fenster aus rief, als ob Mr. Barkis, der Fuhrmann, von Uranfang an nichts als ein Traum gewesen wäre. Nach dem Frühstück nahm sie mich mit zu sich, es war ganz herrlich bei ihr, in der kleinen hübschen sauberen Wohnung.

Von allen Möbeln in ihrem Heim machte den meisten Eindruck auf mich ein alter Schreibtisch von dunklem Holze, der in der guten Stube stand; die mit roten Steinfliesen gepflasterte Küche diente zugleich als Wohnzimmer. Man konnte den Deckel des Schreibtisches oben zurückschieben, und es wurde ein Pult daraus, worin sich eine große Quartausgabe von Foxes »Martyrologium« befand. Diesen kostbaren Band, aus dem mir kein Wort mehr erinnerlich ist, entdeckte ich sofort und ich machte mich sogleich darüber her; kein einziges Mal habe ich später einen Besuch im Hause gemacht, ohne daß ich auf einen Stuhl kniete, das Schatzkästlein öffnete, worin dies Juwel geborgen war, meine Arme über das Pult breitete und den Inhalt des Buches gierig verschlang. Insbesondere war ich, ich muß es leider sagen, von den zahlreichen Abbildungen erbaut, die alle erdenklichen Greuel und Martern darstellten – aber das Märtyrerbuch und Peggottys Haus waren von Stunde an in meiner Vorstellung unzertrennlich und – sind es noch heute.

Schon an diesem Tage verabschiedete ich mich von Mr. Peggotty, von Ham, Mrs. Gummidge und Klein-Emily und brachte die Nacht bei Peggotty zu in einem Dachstübchen (mit dem Krokodilbuch auf einem Brett zu Häupten meines Lagers), das immer für mich da sein und stets für mich in demselben Zustand erhalten werden sollte.

»Solange ich lebe, lieber Davy, und dieses Haus habe,« sagte Peggotty, »sollst du es vorfinden, als ob ich dich jede Minute erwartete. Es soll jeden Tag bereit sein, wie ich dein altes kleines Zimmer bereit hielt; und selbst wenn du nach China gingest, soll es während der ganzen Zeit, wo du abwesend bist, immer bereit gehalten werden.«

Ich fühlte von ganzem Herzen die Wahrheit und Beständigkeit meiner lieben, alten Wärterin und dankte ihr so gut ich konnte. Das war nicht zum besten, denn sie sagte es mir, die Hände um meinen Hals geschlungen, an dem Morgen, wo ich in dem Wagen mit ihr und Mr. Barkis nach Hause fuhr, wo sie mich vor der Gartentür absetzten. Der Abschied war für uns nicht leicht, und es war für mich ein seltsamer Anblick, den Wagen mit Peggotty fortfahren zu sehen, während ich unter den alten Rüstern vor dem elterlichen Hause stand, wo mich kein Gesicht mit Liebe oder Zuneigung betrachtete.

Und jetzt verfiel ich in einen Zustand der Vernachlässigung, auf den ich nicht zurückblicken kann, ohne mich selbst zu bemitleiden. Ich verfiel einer gänzlichen Vereinsamung – ohne freundliche Berücksichtigung, ohne Gesellschaft von andern Knaben meines Alters, ohne eine andere Gesellschaft als meine eigenen trüben Gedanken, die selbst jetzt noch, wo ich dieses schreibe, einen Schatten auf das Papier zu werfen scheinen.

Was hätte ich darum gegeben, wenn man mich wieder in die strengste Schule geschickt, wenn man mich nur etwas gelehrt hätte! Keine solche Hoffnung schimmerte mir. Sie konnten mich nicht leiden, und sie übersahen mich hartnäckig und mürrisch: sie behandelten mich, als ob ich Luft wäre! Ich glaube, Mr. Murdstone hatte damals sehr geringe Mittel; aber das tut wenig zur Sache. Er konnte mich nicht ausstehen; und indem er mich vernachlässigte und später fortschickte, da glaubte ich, wollte er vergessen, daß ich einen Anspruch an ihn hatte–und das gelang ihm.

Man mißhandelte mich nicht tatsächlich; man schlug und tadelte mich nicht, man ließ mich nicht hungern; aber das Unrecht, das ich erlitt, wurde mir ununterbrochen und in systematischer leidenschaftsloser Weise zugefügt. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat wurde ich grundsätzlich so kalt behandelt. Ich wundere mich noch manchmal, wenn ich daran denke, was sie getan hätten, wenn ich krank geworden wäre: ob sie mich in meinem einsamen Zimmer hätten schmachten lassen, oder ob mich jemand gepflegt hätte!

Waren Mr. und Miß Murdstone zu Hause, genoß ich die Mahlzeiten in ihrer Gegenwart, in ihrer Abwesenheit aß und trank ich allein.

Zu allen Zeiten trieb ich mich ganz unbeachtet im Hause und in dessen Nahe herum; nur trugen sie Sorge, daß ich keine Bekanntschaften machte – vielleicht dachten sie, ich könnte mich gegen jemand über sie beklagen. Aus diesem Grunde war es mir wahrscheinlich nur selten erlaubt, einen Nachmittag mit Mr. Chillip zu verleben, obgleich er mich sehr oft einlud: er war Witwer und hatte vor ein paar Jahren seine kleine, dünne, blonde Frau verloren. Und so konnte ich nur selten des Vergnügens teilhaftig werden, einen Nachmittag in seinem Doktorstübchen zu verbringen, ein neues Buch zu lesen, wahrend der Duft sämtlicher Heilkräuter in meine Nase stieg, oder unter seiner freundlichen Anleitung etwas in einem Mörser zu zerstampfen.

Aus demselben Grunde, zu dem vermutlich noch die alte Abneigung gegen sie hinzukam, war es mir nur selten erlaubt, Peggotty zu besuchen. Ihrem Versprechen getreu kam sie entweder die Woche einmal zu mir oder sie traf mich irgendwo und kam nie mit leeren Händen; aber wie viele, viele Male täuschte ich mich bitter in der Hoffnung, Erlaubnis zu erhalten, sie in ihrer Wohnung zu besuchen.

Ein paarmal wurde es mir indessen, wenn auch nur in großen Zwischenräumen bewilligt, und da erfuhr ich denn, daß Mr. Barkis ein kleiner Geizhals und etwas knickerig war (oder wie sich Peggotty ausdrückte, »etwas genau war«) und viel Geld in dem Koffer unter seinem Bette aufbewahrte, der seiner Angabe nach nur voll Kleider war. Mit so zäher Bescheidenheit verbargen sich seine Reichtümer in diesem Koffer, daß die kleinste Summe nur durch listige Kunstgriffe herauszulocken war, und Peggotty mußte mühsam einen langen Plan, eine wahre Pulververschwörung entwerfen, um jeden Sonnabend das Wirtschaftsgeld für die Woche herauszupressen.

Während dieser ganzen Zeit fühlte ich so sehr das Schwinden aller Hoffnungen, die ich gehegt hatte, und meine gänzliche Vernachlässigung, daß ich mich ohne die alten Bücher höchst elend befunden hätte. Sie waren mein einziger Trost und ich las sie, ich weiß nicht, wieviele Male durch. Und nur dadurch geschah es zum Teil, daß die geistigen Fähigkeiten, die ich einst gezeigt hatte, nicht ganz vernachlässigt wurden und versumpften.

Jetzt komme ich zu einem Abschnitt in meinem Leben, dessen Erinnerung sich nie verwischen wird, solange mir das Gedächtnis bleibt, und dessen Bild oft ungerufen und wie ein Gespenst vor mir aufgestiegen ist und mich auch in glücklicheren Zeiten heimgesucht hat.

Ich war in meiner gewöhnlichen zwecklosen und träumerischen Weise eines Tages umhergestreift, als ich, um eine Ecke in der Nähe unseres Hauses biegend, unvermutet auf Mr. Murdstone, in Begleitung von einem Herrn, stieß. Ich wurde verlegen und wollte vorbeigehen, als der Herr rief:

»Sieh da – Brooks!«

»Nein, Sir, David Copperfield!« sagte ich.

»Sei still«, sagte der Herr. »Du bist Brooks, ›Brooks von Sheffield‹. Das ist dein Name.«

Bei diesen Worten sah ich mir den Herrn genauer an. Da mir jetzt auch sein Lachen ins Gedächtnis kam, erkannte ich in ihm Mr. Quinion, den ich damals mit Mr. Murdstone in Lowestoft besucht hatte, ehe – doch ich brauche das nicht noch zu sagen!

»Und was machst du und wo gehst du in die Schule, Brooks?« sagte Mr. Quinion.

Er legte seine Hand auf meine Schulter und drehte mich um, damit ich mit ihnen gehe. Ich wußte nicht, was ich antworten sollte, und blickte Mr. Murdstone unschlüssig an.

»Er ist jetzt zu Hause«, sagte dieser. »Er geht gar nicht in die Schule. Ich weiß nicht, was ich mit ihm anfangen soll. Es ist ein schwieriger Fall.«

Der alte falsche Blick ruhte wieder ein Weilchen auf mir; dann zog er grollend die Brauen zusammen, als er sich mit Widerwillen von mir abwandte.

»Hm!« sagte Mr. Quinion und sah uns beide an. »Schönes Wetter heute!«

Eine Pause folgte, und ich überlegte, wie ich mich von ihm am besten losmachen und fortgehen könnte, als er sagte:

»Ich glaube, du bist noch ein ziemlich gescheites Kerlchen! He! Brooks?« »Ja, er ist gewitzig genug«, sagte Mr. Murdstone ungeduldig. »Ich rate Ihnen, lassen Sie ihn gehen. Er wird's Ihnen nicht Dank wissen, daß Sie ihn hier festhalten.«

Mr. Quinion ließ mich aus diese Andeutung hin los, und ich beeilte mich, nach Hause zu kommen. Als ich mich beim Eintreten an der Gartentür umdrehte, sah ich, daß Mr. Murdstone am Kirchhofe stehen geblieben war und daß Mr. Quinion auf ihn einsprach. Sie sahen mir beide nach, und ich merkte, daß sie von mir sprachen.

Mr. Quinion blieb diese Nacht bei uns. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen setzte ich meinen Stuhl fort und wollte soeben das Zimmer verlassen, als mich Mr. Murdstone zurückrief. Er ging dann feierlich nach einem andern Tische, wo seine Schwester an ihrem Schreibpult saß. Mr. Quinion sah, die Hände in die Taschen gesteckt, zum Fenster hinaus, und ich stand vor ihnen und blickte sie alle erwartungsbange an.

»David,« sagte Mr. Murdstone, »für die Jugend ist dies eine Welt der Tätigkeit, aber keine Welt zum Brüten und Nichtstun.« –

»Wie du es machst«, fügte seine Schwester hinzu.

»Jane Murdstone, überlasse es mir, wenn es dir gefällig ist. – Ich sage, David, für die Jugend ist dies eine Welt der Tätigkeit und nicht zum Brüten und Nichtstun; hauptsächlich für einen Knaben von deinem Charakter, der sehr der strengen Zucht bedarf und dem kein größerer Dienst geleistet werden kann, als wenn man ihn zwingt, sich den Gewohnheiten der arbeitenden Welt anzubequemen, um seinen Trotz zu biegen und zu brechen.«

»Denn mit Trotz ist es hier nichts«, sagte seine Schwester. »Er muß geduckt werden. Und geduckt soll er werden.«

Er warf ihr einen halb abmahnenden, halb billigenden Blick zu und fuhr fort:

»Ich glaube, du weißt, David, daß ich nicht reich bin. Jedenfalls weißt du es jetzt. Du hast schon eine ziemliche Erziehung und Schulbildung erhalten. Erziehung ist eine teure Sache; und selbst wenn das nicht der Fall wäre und ich das Geld dazu übrig hätte, so halte ich es nicht für vorteilhaft für dich, in einer Schule zu sein. Was vor dir liegt, ist ein Kampf mit der Welt und je eher du damit anfängst, desto besser.«

Ich glaube, ich dachte daran, daß ich solchen Kampf in meiner Weise schon begonnen hatte; jedenfalls denke ich es jetzt.

»Du hast wohl schon von dem Kontor gehört?« sagte Mr. Murdstone.

»Das Kontor, Sir?« wiederholte ich.

»Von Murdstone und Grimbys Weingeschäft«, erwiderte er.

Ich mochte ihn wohl erstaunt angesehen haben, denn er fuhr hastig fort: »Du hast von dem Kontor gehört, oder von dem Geschäft, oder der Kellerei, oder dem Badeplatz oder von irgend etwas, das damit zusammenhängt?«

»Ja, Sir, ich glaube, ich habe von solchem Geschäft gehört«, sagte ich, denn ich erinnerte mich dunkel an das, was ich von seinem und seiner Schwester Einkommen gehört hatte. »Aber ich weiß nicht wann.«

»Das ist auch gleichgültig«,«erwiderte er. »Mr. Quinion führt das Geschäft.«

Ich sah diesen, der noch immer aus dem Fenster blickte, ehrerbietig an.

»Mr. Quinion hat mich wissen lassen, daß er noch ein paar Knaben beschäftigen kann und daß er keinen Grund sieht, warum er nicht auch dich unter denselben Bedingungen dort beschäftigen sollte.«

»Da er keine andern Aussichten hat, Murdstone«, bemerkte Mr. Quinion halblaut und sah sich nach uns um.

Ohne zu beachten, was jener sagte, fuhr Mr. Murdstone mit ungeduldiger, fast ärgerlicher Miene fort:

»Die Bedingungen sind so, daß du genug verdienen kannst, und Essen, Trinken und Taschengeld hast. Deine Wohnung, die ich besorge, bezahle ich; auch deine Wäsche.« »Deren Stückzahl ich festsetzen werde«, sagte seine Schwester.

»Für deine Kleider soll auch gesorgt werden,« sagte Mr. Murdstone, »da du sie für die erste Zeit nicht aus eigenen Mitteln wirst schaffen können. Du gehst jetzt also mit Mr. Quinion nach London, um das Leben selbständig zu beginnen.«

»Kurz, du bist nun versorgt,« bemerkte seine Schwester, »und wirst deine Pflicht und Schuldigkeit tun.«

Obgleich ich recht gut einsah, daß man weiter nichts im Auge hatte, als mich loszuwerden, so weiß ich doch nicht mehr recht, ob ich darob betrübt oder erfreut war. Ich glaube, ich war so bestürzt darüber, daß ich zwischen beiden Empfindungen hin und her schwankte und mich keiner hingab. Auch hatte ich nicht viel Zeit, mit meinen Gedanken klar zu werden, da Mr. Quinion den nächsten Morgen abreisen sollte.

Seht mich nun am Morgen des nächsten Tages in einem sehr abgetragenen kleinen weißen Hute mit einem schwarzen Flor darum, als Trauer für meine Mutter, in einer schwarzen Jacke und in einem Paar steifen Manchesterhosen – die Miß Murdstone für die beste Rüstung der Beine in dem mir bevorstehenden Kampfe mit der Welt hielt, seht mich so gekleidet, alle meine weltliche Habe vor mir in einem kleinen Koffer, als einsames, verlassenes Geschöpf (wie Mrs. Gummidge sagen würde) in der Postchaise sitzen, die Mr. Quinion zu dem Londoner Eilwagen nach Yarmouth brachte! Seht, wie unser Haus in der Ferne entschwindet, wie das Grab unter dem Baume, von den sich dazwischenschiebenden Dingen verdeckt wird, bis ich dann auch nicht mehr den über meinen Spielplatz emporragenden schlanken Kirchturm sehe und mir der ganze Himmel so leer vorkommt!

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