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David Copperfield - Teil 1

Charles Dickens: David Copperfield - Teil 1 - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Teil 1
publisherMax Hesses Verlag
volume1
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060608
modified20180604
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Neuntes Kapitel.

Ich feiere einen denkwürdigen Geburtstag.

Ich übergehe alles, was in der Schule vorging, bis zu meinem Geburtstage im März.

Ich erinnere mich auch an nichts mehr aus dieser Periode, außer daß Steerforth bewundernswürdiger war als je. Er sollte Ende dieses Semesters, wenn nicht noch eher, abgehen, und kam mir lebhafter und unabhängiger und daher noch bezaubernder als früher vor; aber sonst weiß ich weiter nichts. Das große Ereignis, das diese Zeit in meiner Seele auszeichnet, scheint alle kleinen Erinnerungen verdrängt und getilgt zu haben und allein übrig geblieben zu sein.

Ich kann sogar kaum glauben, daß zwischen meiner Rückkehr nach Salemhaus und meinem Geburtstage eine Zeit von zwei Monaten liegt. Ich begreife nur, daß es so gewesen ist, weil es notwendigerweise so gewesen sein muß, denn ich würde meinen, es sei keine Zeit dazwischen verstrichen, und ein Ereignis wäre dem andern unmittelbar gefolgt.

Wie klar ich mich noch an den Tag erinnern kann. Ich rieche noch den Nebel, der durch das ganze Haus zu spüren war, sehe durch ihn den gespenstisch bleichen Rauhreif, fühle, wie mir mein lockiges Haar klamm um das Gesicht hängt, sehe das lange Schulzimmer, in dem einzelne verstreute tropfende Lichter den nebligen Morgen erhellen sollen, sehe, wie der Atem der Jungen sichtbar in der bitteren Kälte aufsteigt, während sie sich in die Finger blasen und mit den Füßen an der Erde scharren.

Es war nach dem Frühstück, und wir waren eben von dem Spielplatz hereingerufen worden, als Mr. Sharp eintrat und sagte:

»David Copperfield soll ins Sprechzimmer zum Direktor kommen!«

Ich erwartete ein Geburtstagsgeschenk von Peggotty und mein Gesicht heiterte sich auf. Ein paar Knaben in meiner Nähe riefen mir zu, sie bei der Verteilung der guten Dinge nicht zu vergessen, als ich mit großer Schnelligkeit aufstand.

»Beeile dich nicht, David«, sagte Mr. Sharp. »Du hast Zeit genug, mein Sohn, beeile dich nicht.«

Der teilnahmsvolle Ton, mit dem er dies sprach, hätte mich überraschen sollen, aber er fiel mir weiter nicht auf. Ich eilte nach dem Sprechzimmer, wo Mr. Creakle beim Frühstück saß, das Rohrstöckchen und eine Zeitung vor sich, und Mrs. Creakle einen offenen Brief in der Hand hielt. Aber ein Geburtstagskorb war nicht da.

»David Copperfield«, sagte Mrs. Creakle und führte mich nach dem Sofa, wo sie sich neben mich setzte. »Ich habe etwas Besonderes mit dir zu reden. Ich habe dir etwas mitzuteilen, mein Kind!«

Mr. Creakle, den ich natürlich ansah, schüttelte den Kopf, ohne mich anzusehen, und unterdrückte einen Seufzer mit einem sehr großen Stück fetten Butterbrotes.

»Du bist noch zu jung, um zu wissen, wie sich die Welt jeden Tag ändert«, sagte Mrs. Creakle, »und wie die Menschen vergehen und schwinden. Aber wir alle müssen es lernen, David: manche in ihrer Jugend, manche in ihrem Alter, manche zu jeder Zeit ihres Lebens.«

Ich sah sie mit ängstlichem Ernste an.

»Als du nach den Ferien von Hause weg reistest,« sagte Mrs. Creakle nach einer Pause, »befanden sich da alle wohl?« Nach einer andern Pause: »War deine Mama wohl?«

Ich zitterte, ohne recht zu wissen, warum, und sah sie immer noch mit erschrecktem Ernste an, versuchte aber nicht, ihr zu antworten.

»Weil ich dir zu meinem großen Leidwesen sagen muß,« fuhr sie fort, »daß deine Mutter, wie ich diesen Morgen höre, sehr krank ist.«

Ein Nebel erhob sich zwischen Mrs. Creakle und mir, und sie schien sich darin einen Augenblick lang zitternd zu bewegen. Dann stürzten mir die brennenden Tränen aus den Augen und ich sah sie wieder deutlich vor mir sitzen.

»Sie ist sehr gefährlich krank«, fügte sie hinzu.

Ich wußte jetzt alles.

»Sie ist tot!«

Sie brauchte es mir nicht zu sagen. Ich hatte schon einen verzweifelten Schmerzensschrei ausgestoßen und fühlte mich als Waise allein in der weiten Welt.

Sie war sehr gütig gegen mich, behielt mich den ganzen Tag bei sich im Zimmer und ließ mich manchmal allein. Ich weinte, bis ich vor Erschöpfung einschlief und erwachte und wieder weinte. Als ich nicht mehr weinen konnte, fing ich an nachzudenken, und dann war die Beklemmung meines Gemütes am schwersten und mein Gram ein dumpfer Schmerz, für den es keine Linderung gab.

Und doch schweiften meine Gedanken umher und sammelten sich nicht auf das Unglück, das mich niederdrückte. Ich dachte wie still jetzt unser Haus mit dem verschlossenen Laden wäre. Ich dachte an den Säugling, der, wie Mrs. Creakle sagte, seit einiger Zeit kränkelte und wohl auch sterben würde. Ich dachte an meines Vaters Grab auf dem Friedhofe neben unserem Hause, und wie meine Mutter jetzt auch unter dem so wohlbekannten Baume ruhte. Ich stellte mich auf den Stuhl, als ich allein war, und blickte in den Spiegel, um zu sehen, wie rot meine Augen und wie bekümmert meine Züge waren. Ich fragte mich nach einigen Stunden, ob meine Tränen wirklich versiegt wären, wie es der Fall zu sein schien, was mich außer meinem Verlust mit am meisten betrübte, wenn ich an das Nachhausegehen dachte – denn ich sollte dem Leichenbegängnis beiwohnen. Ich fühlte, daß mich etwas wie eine Würde vor den übrigen Schülern auszeichnete und absonderte, und daß ich in meiner Betrübnis eine wichtige Person war.

Wenn jemals ein Kind einen aufrichtigen Schmerz fühlte, so war ich es. Aber ich erinnere mich dennoch, daß mir diese Wichtigkeit eine Art Befriedigung gewährte, als ich nachmittags während der Schulstunden auf dem Spielplatze spazieren ging, während die andern in der Klasse waren; und als ich sah, wie die Knaben an den Fenstern nach mir herunterblickten, fühlte ich mich ausgezeichnet und nahm ein bekümmertes Aussehen an und ging langsamer. Als die Schule vorüber war und sie herauskamen und mich anredeten, rechnete ich es mir fast hoch an, daß ich gegen keinen stolz war und alle ebenso sehr beachtete wie früher.

Ich sollte nächsten Abend nach Hause zurückkehren, nicht mit der Eilpost, sondern mit der langsamen Landkutsche, die man den »Pächter« nannte und die meistens von Landleuten benutzt wurde, die nur kurze Strecken auf der Tour reisten. Das Geschichtenerzählen unterblieb für diesen Abend, und Traddles bestand darauf, mir sein Kissen zu leihen. Ich weiß nicht, was es mir nützen sollte, denn ich besaß selber eines, aber der arme Kerl hatte weiter nichts zu verschenken außer einem Bogen Briefpapier voll Gerippe, und den gab er mir zum Abschied als Tröster für meinen Schmerz und Wiederhersteller meines Seelenfriedens.

Ich verließ Salemhaus am nächsten Nachmittag, ohne im mindesten zu ahnen, daß ich nicht wieder zurückkehren sollte. Wir fuhren die ganze Nacht hindurch sehr langsam und erreichten Yarmouth erst um neun oder zehn Uhr am nächsten Morgen. Ich sah mich nach Mr. Barkis um, aber er war nicht da; anstatt seiner erschien am Kutschenfenster ein dicker, kurz atmender, lustig aussehender, kleiner, alter Mann, in schwarzem Rock und Hosen mit fadenscheinigen schwarzen Schleifen an den Knien und einem breitkrempigen Hut, kam an das Wagenfenster gekeucht und sagte:

»Master Copperfield?«

»Ja, Sir!«

»Wenn Sie mich begleiten wollen, junger Herr,« sagte er und machte die Tür auf, »so werde ich das Vergnügen habe, Sie mit nach Hause zu nehmen.«

Ich gab ihm meine Hand, im stillen überlegend, wer es sein mochte, und wir gingen nach einem Laden in einem engen Gäßchen, über dem geschrieben stand: »Omer«, Tuchhändler, Schneider, Schnittwarenhändler, Leichenbesorger usw. Eine drückende und dumpfe Atmosphäre herrschte in dem kleinen Laden, der vollgepfropft war mit fertigen und halbfertigen Kleidern aller Art mit Einschluß eines Fensters voll Filzhüte und Mützen. Wir traten alsdann in ein kleines Stübchen hinter dem Laden, wo drei Mädchen eine große Menge schwarzen Stoff bearbeiteten, der über den ganzen Tisch ausgebreitet war und von dem kleine Schnitzel ringsum auf dem Fußboden zerstreut lagen. In der Stube brannte ein scharfes Feuer, und es roch stark nach schwarzem Krepp – aber ich kannte damals diesen Geruch noch nicht und habe ihn erst später kennen gelernt!

Die drei Mädchen, die sehr fleißig und vergnügt zu sein schienen, blickten auf, um mich anzusehen, und nähten dann unermüdlich weiter. Stich stich stich! Zu gleicher Zeit erklang aus einem Arbeitsschuppen auf einem kleinen Hofe vor dem Fenster ein takt- und ewig gleichmäßiges Hämmern: Ratt tatat tatt – tatat tatt – tatat!

»Nun«, sagte mein Geleitsmann zu einem der drei Mädchen, »wie weit seid ihr, Mimi?«

»Wir werden zur rechten Zeit zum Anpassen fertig«, erwiderte sie munter, ohne aufzublicken. »Sei ohne Sorgen, Vater.«

Mr. Omer nahm den breitkrempigen Hut ab, setzte sich hin und keuchte. Er war so dick, daß er einige Zeit weiter keuchen mußte, ehe er sagen konnte:

»Das ist schön.«

»Vater,« sagte Mimi lächelnd, »wie entsetzlich dick du wirst!«

»Ja, ich weiß nicht, wie es kommt, liebes Kind«, sagte er nach einigem Überlegen. »Aber es ist nunmal wirklich so.«

»Du hast es zu gut, daher kommt's«, sagte Mimi. »Und dann nimmst du die Dinge alle auf die leichte Schulter!«

»Es hilft nichts, Kind, wenn man sie anders nimmt«, sagte Mr. Omer.

»Freilich, freilich«, entgegnete seine Tochter. »Wir sind alle ziemlich munter hier, Gott sei Dank! Nicht wahr, Vater?«

»Das will ich hoffen, mein Kind«, sagte Mr. Omer. »Da ich jetzt wieder zu Atem gekommen bin, will ich diesem jungen Studenten hier Maß nehmen. Wollen Sie so gut sein und mit mir in den Laden kommen, Master Copperfield?«

Ich erfüllte seinen Wunsch und ging in den Laden, und nachdem er mir ein Stück Tuch gezeigt hatte, das, wie er mir sagte, extrasuperfein, und für alles andere, als für Trauer um Eltern, zu fein war. Dann nahm er mir das Maß und schrieb die Zahlen in sein Buch ein. Während er sie buchte, lenkte er meine Aufmerksamkeit auf seine Waren, und zeigte mir verschiedene Moden, die, wie er sagte, »eben aufkämen«, und andre, die »eben abgekommen« wären.

»Dabei verlieren wir oft ein schweres Stück Geld«, sagte Mr. Omer. »Aber mit den Moden ist's wie mit den menschlichen Wesen. Sie kommen, niemand weiß wann, wie oder warum, und sie gehen wieder, und niemand weiß wann, wie und warum? Alles gleicht dem Leben, meiner Meinung nach, wenn Sie's von dem Standpunkt aus ansehen.«

Ich war zu betrübt, um auf die Frage einzugehen, die aber vielleicht selbst unter andern Umständen für mich zu schwierig zum Lösen gewesen wäre, und Mr. Omer komplimentierte mich in die Stube zurück, selbst auf diesem kurzen Wege schweratmend.

Dann rief er eine hinter der Tür gelegene schmale, halsbrecherische Stiege hinunter: »Bringt Tee und Butterbrot herauf.« Ich setzte mich hin, sah mich um, grübelte, horchte auf das Sticheln im Zimmer und auf die Melodie, die dort hinten im Hofe gehämmert wurde, und nach einiger Zeit wurde ein Brett mit Tee und Butterbrot gebracht, und zwar für mich.

»Ich kenne Sie schon seit sehr langer Zeit, mein junger Freund«, sagte Mr. Omer, nachdem er mich eine Zeitlang beobachtet hatte und während der ich von dem Frühstück nur wenig genoß, denn die schwarze Umgebung benahm mir den Appetit.

»Wirklich, Sir?«

»Ihr ganzes Leben lang«, sagte Mr. Omer. »Ich könnte sagen, vorher schon. Ich kannte schon Ihren Vater. Er war 5 Fuß 9½ Zoll lang und er liegt 25 Fuß tief.«

Ratt – tatat tatt – tatat tatt – tatat ging es draußen im Hofe.

»Er liegt 25 Fuß tief, ganz genau«, sagte Mr. Omer munter. »Es geschah entweder auf sein oder auf ihr Verlangen, ich weiß nicht mehr recht.«

»Wissen Sie, was mein kleiner Bruder macht, Sir?« fragte ich.

Mr. Omer schüttelte mit dem Kopfe.

Ratt – tatat tatt – tatat tatt – tatat.

»Er liegt in seiner Mutter Armen«, sagte er.

»Ach, der arme Kleine! Ist er tot?«

»Grämen Sie sich nicht mehr darum, als Sie müssen«, sagte Mr. Omer. »Ja, das Kind ist tot.«

Meine Wunde brach bei dieser Nachricht von neuem auf. Ich ließ das kaum berührte Frühstück stehen, stand auf und legte den Kopf auf den andern Tisch in einer Ecke des kleinen Zimmers, den Mimi hastig aufräumte, damit ich nicht die Trauersachen, die darauf lagen, mit meinen Tränen benetze. Sie war ein hübsches, gutherziges Mädchen, und strich mir mit sanfter freundlicher Hand das Haar aus den Augen; aber sie war sehr heiter, weil sie ihre Arbeit getan hatte und rechtzeitig fertig geworden war, und ihr war ganz anders zumute als mir.

Jetzt hörte das Hämmern auf, und ein junger hübscher Bursche kam über den Hof in das Zimmer. Er hatte einen Hammer in der Hand und den Mund voll kleiner Nägel, die er herausnehmen mußte, ehe er reden konnte.

»Nun, Joram!« sagte Mr. Omer. »Wie weit seid Ihr?«

»Alles in Ordnung«, sagte Joram. »Fertig, Sir.«

Mimi wurde ein wenig rot, und die andern beiden Mädchen lächelten einander an.

»Was? Ihr habt also gestern bei Lichte gearbeitet, als ich im Klub war? Nicht wahr?« sagte Mr. Omer und kniff das eine Auge zu.

»Ja«, sagte Joram. »Da Sie sagten, wir könnten eine kleine Landpartie damit verknüpfen und zusammen hinüberfahren, wenn wir fertig würden, Mimi und ich – und Sie –«

»O, und ich dachte, Ihr wolltet mich ganz weglassen«, sagte Mr. Omer und lachte, bis er husten mußte und beinahe erstickte.

»Und da Sie so gut waren, das zu sagen,« fuhr der junge Mann fort, »so habe ich mich recht ordentlich darüber hergemacht, sehen Sie. Wollen Sie sich's einmal ansehen, ob es gut ist?«

»Ja«, sagte Mr. Omer und stand auf. »Junger Herr,« sagte er und blieb vor mir stehen, »wollen Sie vielleicht Ihrer –«

»Nein, Vater«, unterbrach ihn Mimi.

»Ich dachte, es wäre ihm vielleicht angenehm«, sagte Mr. Omer. »Aber vielleicht hast du recht.«

Ich weiß nicht, wieso ich es erriet, daß er sich meiner guten Mutter Sarg besehen wollte. Ich hatte noch nie einen zimmern hören, ich hatte meiner Erinnerung nach überhaupt noch nie einen Sarg gesehen, aber es wurde mir allmählich klar, was das Hämmern bedeutete, während ich es hörte, und als der junge Mann eintrat, wußte ich ganz bestimmt, womit er sich beschäftigt hatte.

Da die Arbeit jetzt fertig war, klopften die beiden Mädchen, deren Namen ich nicht kannte, die Schnitzel und Fäden von ihren Kleidern und gingen in den Laden hinaus, um dort aufzuräumen und auf Kunden zu warten. Mimi blieb zurück, um die fertiggewordene Arbeit zusammenzulegen und in zwei Körbe zu packen. Das tat sie auf ihren Knien und summte dabei ein munteres Lied. Joram, in dem ich sogleich ihren Schatz erkannte, kam herein und raubte ihr einen Kuß, während sie sich so beschäftigte (er schien sich gar nicht um mich zu bekümmern) und sagte, ihr Vater sei nach dem Wagen gegangen und er müsse sich beeilen und sich reisefertig machen. Dann ging er wieder fort. Mimi steckte Fingerhut und Schere in die Tasche und eine Nähnadel mit schwarzem Faden vorsorglich vorn an ihr Kleid, ordnete ihren Umhang zierlich vor dem kleinen Spiegel hinter der Tür, in dem ich das mit ihrer eignen Erscheinung zufriedene Gesicht sehen konnte.

Alles dies beobachtete ich, während ich an dem Tisch in der Ecke saß, den Kopf in die Hand stützte und meine Gedanken mit ganz andern Dingen beschäftigt waren.

Der Wagen fuhr bald danach vor dem Laden vor, und nachdem man zuerst die Körbe und dann mich hineingehoben, stiegen die drei andern ein. Ich erinnere mich noch, es war halb ein Korbwagen und halb ein Möbelwagen, dunkel angestrichen und gezogen von einem Rappen mit langem Schweif. Drinnen war genügend Platz für uns alle.

Ich glaube, ich habe niemals ein so seltsames Gefühl gehabt (jetzt bin ich vielleicht weiser), als auf dieser Fahrt, wenn ich daran dachte, womit sie sich beschäftigt hatten und wie vergnügt sie jetzt waren. Ich zürnte ihnen nicht; ich fürchtete mich vielmehr vor ihnen, als ob ich unter Geschöpfe gekommen wäre, die keine Gemeinschaft mit mir hätten. Sie waren alle sehr heiter. Der Alte saß auf der vordern Bank und kutschierte, die beiden jungen Leutchen saßen hinter ihm, und wenn er sprach, beugten sie sich vor, der eine auf der einen Seite des Vollmondgesichts und die andere auf der andern, und machten sich viel mit ihm zu schaffen. Sie wollten auch mit mir sprechen, aber ich zog mich scheu in eine Ecke zurück, entsetzt über ihr Liebeln und ihre Heiterkeit, obgleich sie nicht lärmend waren, und wunderte mich fast, daß vom Himmel keine Strafe für ihre Hartherzigkeit herunterkam.

Als sie anhielten, um das Pferd zu füttern, und aßen und tranken und sich's wohl sein ließen, konnte ich nichts anrühren und blieb nüchtern. Als wir unser Haus erreichten, schlüpfte ich so rasch wie möglich hinten aus dem Wagen, damit ich nicht in ihrer Gesellschaft vor diese feierlichen Fenster trete, die mich mit ihren zugemachten Läden ansahen wie geschlossene Augen, die einst glänzten. Und ach, wie wenig hatte ich Ursache zu besorgen, daß ich zuletzt keine Tränen mehr haben würde, wenn ich nach Hause käme –: als ich jetzt die Fenster von meiner Mutter Stube erblickte und neben ihnen das Zimmer, das in besseren Zeiten das meinige war!

Peggotty schloß mich in ihre Arme, bevor ich noch die Tür erreichte, und führte mich in das Haus. Ihr Schmerz brach von neuem hervor, als sie mich erblickte, aber sie bewältigte ihn bald und sprach so flüsternd, und ging so sacht auf den Zehen, als ob die Toten aus ihrer tiefen Ruhe gestört werden könnten. Sie war, wie ich später erfuhr, seit langer Zeit in kein Bett gekommen. Sie war immer aufgeblieben und wachte noch jetzt jede Nacht. Solange ihr armer lieber, hübscher Engel über der Erde sei, sagte sie, werde sie ihn nicht verlassen.

Mr. Murdstone nahm keine Notiz von mir, als ich in die Wohnstube trat, sondern saß ruhig in seinem Lehnstuhle neben dem Kamine und weinte still vor sich hin. Miß Murdstone, die eifrig an dem mit Briefen und Papieren bedeckten Tische schrieb, gab mir ihre kalten Fingerspitzen und fragte mich mit teilnahmslosem Flüstern, ob mir die Trauerkleidung angemessen sei?

Ich sagte: »Ja.«

»Und deine Hemden,« sagte Miß Murdstone, »hast du sie mitgebracht?«

»Ja, Madame. Ich habe alle meine Kleider mitgebracht.«

Das war der ganze Trost, den mir ihre Charakterfestigkeit spendete. Ich glaube, daß sie ein auserlesenes Vergnügen daran fand, ihre sogenannte Selbstbeherrschung, ihre Festigkeit, ihren gesunden Menschenverstand und das ganze diabolische Verzeichnis ihrer unliebenswürdigen Eigenschaften bei solchen Gelegenheiten an den Tag zu legen. Sie war besonders stolz auf ihre Geschäftsgewandtheit, und diese zeigte sich jetzt, indem sie alles zu Papier brachte und sich von nichts rühren ließ. Diesen Tag und den nächsten, vom Morgen bis zum Abend, saß sie an diesem Schreibtische, kritzelte hörbar und ruhig gefaßt mit einer harten Feder, sprach zu jedem mit demselben teilnahmslosen Geflüster und kein Muskel ihres Gesichts erschlaffte, kein Ton ihrer Stimme milderte sich einen Augenblick, und kein Fältchen ihrer Kleidung verschob sich je im geringsten.

Ihr Bruder nahm manchmal ein Buch, las aber nie darin, soviel ich bemerkte. Er öffnete es und sah hinein, als ob er lese, aber eine ganze Stunde wendete er kein Blatt um, legte es dann wieder hin und ging im Zimmer auf und ab. Ich saß meistens mit gefalteten Händen da, beobachtete ihn stundenlang und zählte seine Schritte. Er sprach selten mit seiner Schwester und mit mir nie. Er schien außer den Uhren das einzige ruhelose Wesen in dem ganzen totenstillen Hause zu sein.

In diesen Tagen vor dem Begräbnis kam mir Peggotty nur wenig zu Gesicht, ausgenommen wenn ich die Treppe hinauf oder hinab ging, und ich sie immer in unmittelbarer Nähe des Zimmers fand, wo meine Mutter und ihr Kind lagen, und jeden Abend kam sie an mein Bett und blieb bei mir, bis ich einschlief. Ein oder zwei Tage vor dem Leichenbegängnis nahm sie mich mit in das Zimmer: ich vermute, daß es um diese Zeit war, denn meine Erinnerungen an diese schwere Zeit, deren Wandel durch nichts bezeichnet wurde, sind etwas verworren. Ich erinnere mich nur noch, daß unter einem weißen Laken auf dem Bette, das wunderschön rein und frisch war, die Verkörperung der feierlichen Stille, die im Hause herrschte, zu liegen schien, und daß ich, als sie die Decke sanft wegnehmen wollte, ausrief: »O nein, o nein!« und ihre Hand aufhielt.

Wenn das Leichenbegängnis erst gestern gewesen wäre, so könnte ich mich seiner nicht klarer erinnern. Das Aussehen der Putzstube, als ich hereintrat, die eigentümliche Luft, der helle Schein des Feuers, der glänzende Wein in den Karaffen, die Formen der vielen Gläser und Teller, der schwache süße Duft des Kuchens, der Geruch von Miß Murdstones Anzug und von unsern Trauerkleidern – alles steht deutlich vor mir. Mr. Chillip ist im Zimmer und kommt auf mich zu.

»Und wie befindet sich Master David?« fragte er freundlich.

Ich konnte nicht sagen: »Gut.« Ich gab ihm daher nur meine Hand, die er behielt.

»Gott! Gott!« sagte Mr. Chillip und lächelte wehmütig, während etwas in seinen Augen glänzte, »Unsere kleinen Freunde wachsen um uns in die Höhe. Wir verlieren sie fast aus den Augen, Madame.«

Das sagt er zu Miß Murdstone, von der er aber keine Antwort erhält.

»Große Fortschritte hier, Madame!« sagte Mr. Chillip.

Miß Murdstone antwortet nur mit einem zurückweisenden Blick und einem steifen Knicks. Mr. Chillip geht eingeschüchtert in eine Ecke, nimmt mich mit sich und tut den Mund nicht mehr auf. Ich bemerke es, weil ich alles bemerke, was um mich herum vorgeht, nicht weil mir daran lag meinetwegen oder weil mir seit meiner Rückkehr nach Hause daran gelegen hatte.

Und jetzt fängt die Sterbeglocke zu läuten an; Mr. Omer kommt mit einem Gehilfen, uns anzukleiden und zum Leichenbegängnis bereit zu machen. Wie Peggotty mir schon mehr als einmal erzählt hatte, war dies dasselbe Zimmer, worin auch das Leichengefolge meines Vaters mit dem Trauerputz versehen worden war, um ihn zum selben Grabe zu geleiten.

Es sind da Mr. Murdstone, unser Nachbar Mr. Grayper, Mr. Chillip und ich. Als wir zur Türe heraustreten, sind die Träger und ihre Bürde schon im Garten und bewegen sich langsam den Pfad hinab, an den Ulmen vorbei und durch das Gartentor in den Friedhof, wo ich so manchen Sommermorgen die Vögel habe singen hören.

Wir stehen in einem Kreis um das Grab. Der Tag scheint mir anders als jeder andere Tag, und das Licht nicht von derselben Farbe zu sein, sondern trüber. Jetzt ist eine feierliche Stille, die wir mit dem, was im Staube ruht, aus dem Hause mit hergebracht haben, und während wir entblößten Hauptes dastehen, höre ich die Stimme des Geistlichen, die hier im Freien so fern und doch so deutlich und klar klingt: »Ich bin die Auferstehung und das Leben, spricht der Herr!«

Jetzt höre ich schluchzen und sehe, abseits unter den Zuschauern stehend, die gute treue Magd, die ich jetzt von allen Menschen aus Erden am liebsten habe, zu der, wie mein kindliches Herz die felsenfeste Überzeugung hegt, der Herr des Himmels einst sagen wird: »Dein Werk war wohlgetan auf Erden!«

Unter den Umstehenden sind viele Gesichter, die ich kenne; Gesichter, die ich von der Kinderzeit her aus der Kirche kenne; Gesichter, die meine Mutter sahen, als sie in ihrer Jugendblüte in das Dorf kam. Ich kümmerte mich – nur mit meinem Schmerz beschäftigt – nicht um sie, und dennoch sehe und kenne ich sie alle, und sehe selbst im Hintergrund Mimi zuschauen und auf ihren Schatz blicken, der nicht weit von mir steht.

Es ist vorbei – das Grab ist zugeschüttet, und wir wenden uns wieder heimwärts. Vor uns steht das Haus, so hübsch, so unverändert, so eng verknüpft in meinem Geist mit dem jugendschönen Bilde der Geschiedenen, daß all mein bisheriger Schmerz nichts ist gegen den Schmerz, den sein Anblick hervorruft. Aber sie ziehen mich mit sich fort, und Mr. Chillip spricht mir freundlich zu, und als wir nach Hause kommen, gibt er mir etwas Wasser zu trinken, und da ich bitte, ob ich auf mein Zimmer gehen darf, heißt er mich mit weiblicher Zärtlichkeit gehen.

Alles das, sage ich, kommt mir so vor, als wär es erst gestern geschehen. Spätere Ereignisse sind hinübergespült worden zu jenem Strande, wo alles Vergessene wieder auftauchen wird: aber dieses eine Ereignis steht wie ein hoher Fels im weiten Meere.

Ich wußte, daß Peggotty zu mir aufs Zimmer kommen würde. Die Sabbatstille jener Zeit (der Tag war wie ein Sonntag, das vergaß ich zu erwähnen) entsprach so recht unserer beider Stimmung. Sie setzte sich neben mich auf mein kleines Bett; dann nahm sie meine Hand, und während sie diese manchmal an ihre Lippen drückte und streichelte, wie wenn sie meinen kleinen Bruder hätte beruhigen wollen, erzählte sie mir in ihrer einfachen Weise, wie alles gekommen war.

»Sie befand sich seit langer Zeit schon gar nicht mehr recht wohl«, sagte Peggotty. »Sie fühlte sich nicht glücklich. Als das Kleine zur Welt kam, glaubte ich anfangs, es werde sich mit ihr bessern, aber sie war angegriffener als je und nahm mit jedem Tage mehr ab. Vor der Geburt des Kindes pflegte sie viel allein zu sitzen und dann weinte sie; aber später sang sie dem Kinde vor – so leise, daß ich manchmal, wenn ich sie hörte, dachte, es sei wie eine Stimme in der Luft, die immer höher und höher steigt und endlich ganz verschwebt.

Ich glaube, sie wurde in der letzten Zeit immer schüchterner und furchtsamer; und ein hartes Wort war für sie wie ein Schlag, Aber gegen mich blieb sie immer dieselbe. Sie wurde nie anders gegen ihre närrische Peggotty, der liebe Engel.«

Hier hielt Peggotty inne und klopfte mir ein Weilchen sanft die Hand.

»Das letztenmal, wo sie ganz wieder war wie früher, das war an dem Abend, wo du nach Hause kamst, liebes Kind. An dem Tage, wo du fortgingst, sagte sie zu mir: ›Ich werde meinen lieben Herzensjungen nie wieder sehen. Das sagt mir eine innere Stimme, die die Wahrheit spricht.‹

Sie versuchte aber von da ab, sich aufrecht zu erhalten und ein heiteres Gesicht anzunehmen; und so manchesmal, wenn sie ihr sagten, sie sei leichtsinnig und sorglos, stellte sie sich so; aber damit war es vorbei. Sie sagte ihrem Manne nie, was sie mir gesagt hatte – sie fürchtete sich, es jemand anders zu sagen – bis sie eines Abends, kaum acht Tage bevor es geschah, zu ihm sagte: ›Lieber Mann, ich glaube, ich sterbe bald.‹

›Jetzt habe ich mir das Herz erleichtert, Peggotty,‹ sagte sie zu mir, als ich sie an diesem Abend zu Bett brachte. ›Es wird ihm in den wenigen Tagen immer deutlicher werden, dem Armen; und dann ist's vorbei. Ich bin sehr müde. Wenn das Schlaf ist, so bleibe bei mir sitzen, während ich schlafe. Verlaß mich nicht! Gott segne meine beiden Kinder! Gott beschütze und behüte meinen vaterlosen Knaben!‹

Ich habe sie seitdem nicht verlassen«, sagte Peggotty. »Sie sprach oft mit den beiden da unten – denn sie liebte sie; sie mußte jeden lieben, der in ihre Nähe kam – aber wenn die zwei fort waren, wendete sich sie immer wieder zu mir, als ob für sie nur da Ruhe wäre, wo Peggotty war, und anders konnte sie nie einschlafen.

Am letzten Abend küßte sie mich und sagte: ›Wenn der Säugling mit mir sterben sollte, Peggotty, so sollen sie ihn mir in die Arme legen und uns zusammen begraben.‹ (Es geschah, denn das arme Lämmchen lebte nur noch einen Tag länger.) ›Und mein teuerster Davy soll mit zu meinem Grabe gehen,‹ sagte sie, ›und erzähle ihm, daß seine Mutter als sie hier lag, ihn nicht einmal, sondern tausendmal segnete.‹«

Hier folgte wieder eine Pause des Schweigens, und sie klopfte mir wieder sanft die Hand.

»Es war schon tief in der Nacht,« sagte Peggotty, »als sie zu trinken verlangte; und als sie getrunken hatte, da lächelte sie mich so geduldig an und so lieb und so schön!

Der Tag war schon angebrochen, und die Sonne ging auf, als sie mir erzählte, wie gütig und rücksichtsvoll Mr. Copperfield immer gegen sie gewesen, wie er mit ihr Geduld gehabt, und wie er, wenn sie an sich selbst gezweifelt, zu ihr gesagt hätte, daß ein liebendes Herz besser und stärker sei als Weisheit, und daß er sich glücklich fühle in ihrer Liebe. ›Liebe Peggotty,‹ sagte sie dann, ›lege mich näher an dich heran‹ – denn sie war sehr schwach. – ›Lege deinen lieben Arm unter meinen Kopf‹, sagte sie, ›und wende ihn dir zu, denn dein Gesicht weicht immer ferner und ferner von mir, und ich möchte dir gern so recht nahe sein.‹ – Ich tat, wie sie verlangte; und ach, Davy! die Zeit war gekommen, wo das wahr wurde, was ich beim ersten Abschied von dir gesagt hatte – wo sie froh war, ihren armen Kopf auf den Arm ihrer einfältigen mürrischen, alten Peggotty zu legen – und sie starb wie ein Kind, das in Schlummer sinkt!«

So endete Peggottys Erzählung.

Von dem Augenblicke an, wo ich den Tod meiner Mutter erfuhr, war das Bild, das ich mir zuletzt von ihrem Wesen gemacht hatte, verschwunden. Von diesem Augenblicke an stand sie nur vor mir, als die junge Mutter meiner frühsten Erinnerungen, wie sie sich die hellblonden Locken immer um die Finger wickelte und mit mir im Zwielicht in der Wohnstube tanzte. Was Peggotty mir jetzt erzählt hatte, war weit entfernt, mich an die spätere Zeit zu erinnern, es befestigte nur das frühere Bild in meiner Seele. Es mag seltsam klingen, aber es ist wahr. Mit ihrem Tode schwebte sie zurück zu ihrer ruhigen, ungetrübten Jugend, und alles übrige war verwischt und ausgelöscht.

Die Mutter, die im Grabe lag, war die Mutter meiner ersten Kinderzeit, das kleine Wesen in ihren Armen war ich selbst, wie ich es früher gewesen war, – aber an ihrem Busen auf ewig eingeschlummert.

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