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David Copperfield - Teil 1

Charles Dickens: David Copperfield - Teil 1 - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Teil 1
publisherMax Hesses Verlag
volume1
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060608
projectiddd23577b
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Achtes Kapitel.

Die Ferien. Ein glücklicher Nachmittag.

Als wir, noch vor Tagesanbruch, in dem Gasthof ankamen, wo die Postkutsche hielt, der aber nicht der Gasthof war, wo mein Freund, der Kellner hauste, sondern es stand über seiner Tür »Delphin«, wies man mich in ein kleines hübsches Schlafzimmer. Ich weiß noch, wie sehr ich fror, trotz dem heißen Tee, den sie mir unten vor einem großen Feuer eingeschenkt hatten, und legte mich gern ins Bett, wickelte mich in die Bettdecke und schlief ein.

Mr. Barkis, der Fuhrmann, sollte mich morgens früh um neun Uhr abholen. Ich stand um acht Uhr auf, noch etwas benommen von dem kurzen Schlummer, und wartete auf ihn schon vor der bestimmten Zeit, Er empfing mich ganz so, als ob nicht fünf Minuten vergangen gewesen wären, seit wir uns zuletzt gesehen hatten, und als wäre ich nur in das Gasthaus getreten, um mir ein Sixpencestück wechseln zu lassen oder so was ähnliches.

Als ich und mein Koffer im Wagen waren und der Fuhrmann auf dem Bocke Platz genommen hatte, machte sich der faule Gaul in seinem alten trägen Trott mit uns auf den Weg.

»Sie sehen recht wohl aus, Mr. Barkis«, sagte ich, in der Meinung, daß es ihn erfreuen würde.

Mr. Barkis rieb sich die eine Backe mit dem Ärmel und sah dann diesen an, als ob er darauf etwas von der Röte seines Gesichts zu finden erwartete; aber eine andere Anerkennung des Kompliments gab er nicht von sich.

»Ich habe auch Ihre Botschaft ausgerichtet, Mr. Barkis«, sagte ich. »Ich habe an Pegotty geschrieben.«

»So, hm!« sagte Mr. Barkis, und schien verdrießlich zu sein und antwortete sehr kurz angebunden.

»War's nicht richtig, Mr. Barkis?« fragte ich nach einigem Zögern.

»Nu nein«, sagte Mr. Barkis.

»Nicht die Botschaft?«

»Die Botschaft war schon recht«, sagte Mr. Barkis. »Aber damit war's aus.« Da ich nicht verstand, was er meinte, wiederholte ich fragend: »Damit war's aus, Mr. Barkis?«

»Es war mal nichts damit«, sagte er und blickte mich von der Seite an. »Kam keine Antwort.«

»Sie erwarteten also eine Antwort, Mr. Barkis?« sagte ich und tat vor Verwunderung die Augen weit auf, denn nun ging mir ein ganz neues Licht auf.

»Wenn jemand sagt, er ist Willens,« sagte Mr. Barkis und wendete seine Augen langsam wieder auf mich, »dann heißt das so viel, wie der jemand wartet auf eine Antwort.«

»Nun ja, Mr. Barkis.«

»Nun ja«, sagte Mr. Barkis und stierte mit seinen Augen von neuem auf die Ohren des Pferdes. »Der jemand wartet immer noch auf eine Antwort.«

»Haben Sie ihr das gesagt, Mr. Barkis?«

»Hm«, brummte Mr. Barkis nachdenklich, nachdem er ein Weilchen überlegt hatte. »Es ist nicht mein Fall, ihr so etwas zu sagen. Hab' noch keine drei Worte mit ihr gesprochen. Ich kann's ihr so nicht sagen.«

»Soll ich's vielleicht für Sie tun, Mr. Barkis«, sagte ich schüchtern.

»Das könnten Sie schon, wenn Sie wollen,« schmunzelte er, »und sagen, daß Barkis, auf eine Antwort wartet. Sagen Sie mal, wie ist eigentlich der Name?«

»Ihr Name?«

»Hm!« sagte Mr. Barkis mit einem Kopfnicken.

»Peggotty!«

»Taufname oder Vatersname?« sagte Mr. Barkis.

»Oh, das ist nicht ihr Taufname. Der ist Klara.«

»I der Tausend!« machte Mr. Barkis.

Dieser Umstand schien Anlaß zum tiefsten Nachdenken zu geben, denn er saß eine lange Zeit da und pfiff leise vor sich hin.

»Nun ja«, fing er endlich wieder an. »Sagen Sie also: Peggotty, Barkis wartet auf Antwort. Sagt sie vielleicht: ›Antwort worauf?‹ Sagen Sie, auf das, was ich ihr gesagt habe. ›Was ist das?‹ sagt sie. Barkis ist willens, sagen Sie.«

Diesen außerordentlich schlauen Rat begleitete Mr. Barkis mit einen freundschaftlichen Stoß mit dem Ellbogen, daß mir die Seite wehtat. Darauf hockte er wieder wie gewöhnlich ruhig auf seinem Platze, kam nicht wieder auf das Thema zurück, und blieb in dieser Stellung, bis er eine halbe Stunde später ein Stück Kreide aus der Tasche holte und inwendig auf die Seite des Wagens mit großen Buchstaben schrieb: Klara Peggotty – offenbar als Privatnotiz.

Ach welch seltsames Gefühl war es doch, sich dem heimischen Hause zu nähern, in dem man sich nicht mehr heimisch fühlt, und zu finden, daß jeder Gegenstand, den man erblickt, uns an das alte liebe Daheim erinnert, das wie ein Traum erscheint, den man nie wieder träumen kann! Die Tage, da meine Mutter, Peggotty und ich einander alles in allem waren, da sich niemand zwischen uns drängte, stiegen unterwegs so schmerzlich vor meinem Geiste auf, daß ich nicht wußte, ob es nicht besser gewesen wäre, fern geblieben zu sein und jene Zeiten in Steerforths Gesellschaft zu vergessen. Aber ich war einmal da, und schon stand ich vor unserm Hause, – die kahlen alten Ulmen reckten alle ihre Arme in die schaurig kalte Winterluft wie verzweifelnd empor und Stücke der alten Krähennester trieben im Winde.

Der Fuhrmann lud meinen Koffer an der Gartentür ab, verließ mich dann, und ich ging durch den Garten auf das Haus zu, sah nach den Fenstern und fürchtete jeden Augenblick Mr. Murdstone oder Miß Murdstone zu erblicken. Es zeigte sich jedoch kein Gesicht. Ich erreichte indessen das Haus und, da ich die Tür bei Tage ohne anzuklopfen zu öffnen wußte, trat ich leise und schüchtern ein.

Gott weiß, wie kindlich die Erinnerung gewesen sein mag, die in mir erwachte, als ich draußen im Flur vor der alten Wohnstube meiner Mutter Stimme vernahm. Sie sang leise vor sich hin. Ich glaube, ich muß in ihren Armen gelegen und sie so singen gehört haben, als ich noch ein Säugling war. Das Lied war mir neu und doch so altvertraut; daß es mein Herz zum Überströmen erfüllte, wie ein alter Freund, der nach langer Abwesenheit zurückkehrt.

Aus der versonnenen träumerischen Art, in der meine Mutter das Lied sang, schloß ich, daß sie allein sei, und ich trat leise in das Zimmer. Sie saß beim Feuer und säugte ein Kind, dessen kleines Händchen an ihrer Brust ruhte. Ihre Augen ruhten auf seinem Gesicht und sie sang ihm etwas vor. Sonst war sie ganz allein.

Ich sprach sie an, und sie fuhr zusammen, und ein Schrei der Überraschung tönte aus ihrem Munde. Aber als sie mich sah, nannte sie mich ihren lieben Davy, ihr geliebtes Kind, und kam mir entgegen, kniete vor mir nieder und küßte mich, und zog meinen Kopf an ihren Busen neben den kleinen Säugling, der dort ruhte, und drückte sein Händchen gegen meine Lippen.

Ich wollte, ich wäre dabei gestorben. Ich wollte, ich hätte dabei sterben können mit diesem Gefühle im Herzen! Ich hätte damals besser für den Himmel gepaßt, als seitdem zu irgend einer Zeit.

»Das ist dein Brüderchen«, sagte meine Mutter Und liebkoste mich. »Davy, mein armes Kind!« Dann küßte sie mich immer wieder und umhalste mich. So lag ich an ihrer Brust, als Peggotty hereingelaufen kam; sie stürzte auf den Boden neben uns hin und war eine Viertelstunde lang ganz verrückt.

Ich war nicht so zeitig erwartet worden, und der Fuhrmann war eher angekommen als gewöhnlich. Ich erfuhr auch, daß Mr. und Miß Murdstone einen Besuch in der Nachbarschaft machten und vor Schlafengehen nicht zurückkommen würden. Das hatte ich nicht zu hoffen gewagt. Ich hatte mir nie vorgestellt, daß wir drei noch einmal allein und ungestört zusammen sein könnten, und mir war in jenem Augenblick zumute, als sei die alte Zeit zurückgekehrt! Wir aßen unser Mittag vor dem Kamin. Peggotty wollte uns bedienen, aber meine Mutter litt es nicht, und sie mußte mit uns am Tische essen. Ich bekam meinen alten Teller mit der braunen Ansicht eines Kriegsschiffs mit vollen Segeln, den Peggotty wahrend der ganzen Zeit meiner Abwesenheit irgendwo versteckt gehalten hatte, und den zu zerbrechen sie nicht um hundert Pfund erlauben würde, wie sie sagte. Auch meinen alten Krug, mit dem David darauf, bekam ich, sowie die kleinen stumpfen Messer und Gabel.

Als wir bei Tische saßen, hielt ich es für eine günstige Gelegenheit, den Auftrag von Mr. Barkis an Peggotty auszurichten. Ehe ich damit fertig war, fing sie an zu lachen und hielt die Schürze vors Gesicht.

»Peggotty!« sagte meine Mutter. »Was gibt's denn?«

Peggotty lachte nur noch mehr und hielt die Schürze noch fester vor ihr Gesicht, als sie meine Mutter wegziehen wollte, und ihr Kopf sah aus, als steckte er in einem Sack.

»Was hast du denn, du schnurriges Ding?«sagte meine Mutter.

»Ach, zum Kuckuck mit dem dummen Kerl!« rief Peggotty. »Er will mich heiraten.«

»Das wäre eine ganz gute Partie für dich,« sagte meine Mutter, »nicht wahr?«

»Ach, ich weiß es nicht«, sagte Peggotty. »Fragen Sie mich nicht. Ich möchte ihn nicht haben und wenn er von Gold wäre. Ich will gar niemand, haben.«

»Nun, warum sagst du's ihm nicht, du närrisches Ding?« sagte meine Mutier.

»Es ihm sagen?« entgegnete Peggotty und sah unter ihrer Schürze hervor. »Er hat mir noch nie ein Wort davon gesagt. Er weiß auch warum. Wenn er sich unterstehen wollte, so gäbe ich ihm eine ins Gesicht.«

Ihr Gesicht war so rot, wie ich es kaum jemals gesehen hatte, und wiewohl nie ein anderes so rot werden kann: sie deckte es denn auch gleich wieder zu und brach in heftiges Lachen aus, und nachdem sich dieser Anfall zwei- oder dreimal wiederholt hatte, aß sie ruhig weiter. Ich bemerkte, daß meine Mutter, obgleich sie lächelte, wenn Peggotty sie ansah, immer ernster und nachdenklicher wurde. Ich hatte von vorherein bemerkt, daß sie sich verändert hatte. Ihr Gesicht war noch sehr hübsch, aber es war viel hagerer geworden, und der Gram hatte tiefe Spuren darauf zurückgelassen; ihre Hand war so weiß und dünn, daß sie mir fast durchsichtig vorkam. Aber dazu kam noch eine andere Veränderung, die ich jetzt bemerkte, nämlich ein beklommenes und aufgeregtes Wesen. Endlich legte sie ihre Hand liebevoll auf die Hand ihrer alten Dienerin und sagte:

»Liebe Peggotty, du willst doch nicht jetzt heiraten?«

»Ich, Ma'am«, erwiderte Peggotty und sah sie mit großen Äugen an. »Behüte mich der Himmel, nein!«

»Nicht gerade jetzt?« sagte meine Mutter zärtlich.

»Nie!« rief Peggotty aus.

Meine Mutter ergriff ihre Hand und sagte:

»Verlaß mich nicht, Peggotty. Bleibe bei mir. Es wird vielleicht nicht lange nötig sein. Was sollte ich ohne dich anfangen?«

»Ich dich verlassen, Goldkind?« rief Peggotty. »Nicht um die ganze Welt. Wer hat das in das kleine törichte Köpfchen gesetzt?« – denn Peggotty war aus alter Zeit her gewohnt, mit meiner Mutter manchmal wie mit einem Kinde zu sprechen.

Aber meine Mutter gab ihr keine Antwort, außer einem einfachen Dank, und Peggotty fuhr in ihrer Weise fort:

»Ich Sie verlassen? Da möchte ich mich doch sehen.« Peggotty von Ihnen fortgehen? Da wollte ich sie kriegen! Nein, nein«, sagte Peggotty heftig, schüttelte den Kopf und schlug entschlossen die Arme übereinander. »Freilich gibt's ein paar Katzen, die sich darüber freuen würden, aber sie sollen sich nicht freuen. Sie sollen sich ärgern. Ich bleibe bei Ihnen, bis ich eine alte, mürrische Frau bin. Und wenn ich zu taub, zu lahm und zu blind bin, um noch von Nutzen sein zu können, und als zahnlose Alte nur noch mummeln kann, und sich keiner selbst nicht mehr die Mühe nimmt, mich zu schelten, dann gehe ich zu meinem Davy und bitte ihn, mich aufzunehmen.«

»Und ich werde mich freuen, dich zu sehen, Peggotty, und dich aufnehmen wie eine Königin«, sagte ich.

»Gott segne dein gutes Herz!« rief Peggotty. »Ich wußte das ja!« Und sie küßte mich im voraus in dankbarer Anerkennung meiner Gastlichkeit. Darauf deckte sie das Gesicht wieder mit der Schürze zu und lachte noch einmal über Mr. Barkis. Hierauf nahm sie den Säugling aus der Wiege und schaukelte ihn auf dem Arme. Dann räumte sie den Tisch ab, und erschien wieder mit einer andern Haube und ihrem Arbeitskästchen und dem Ellenmaß und dem Stückchen Wachslicht, ganz wie vor alters.

Wir saßen beim Feuer um den Kamin und unterhielten uns ganz prächtig! Ich erzählte Ihnen, welch strenger Schulmeister Mr. Creakle sei, und sie bedauerten mich sehr. Ich sagte ihnen, was für ein prächtiger Kerl Steerforth sei und wie er mich unter seinen Schutz nehme, und Peggotty sagte, sie hätte zwanzig Meilen gehen können, um ihn zu sehen. Ich nahm den Säugling, als er wieder aufwachte, auf meine Arme und wiegte ihn zärtlich. Als er wieder eingeschlafen war, setzte ich mich dicht neben meine Mutter nach altem Brauch und schlang die Arme um ihren Hals, wie ich es so lange nicht getan hatte, legte meine kleine rote Wange auf ihre Schulter und fühlte wieder einmal ihr schönes üppiges Haar mich umwehen – wie einen Engelsfittich, dachte ich immer – und war sehr glücklich.

Während ich so dasaß und ins Feuer sah und Gestalten in den glühenden Kohlen erblickte, kam es mir fast vor, als wäre ich niemals von Hause entfernt gewesen, und Mr. und Miß Murdstone wären nur Schattenbilder und würden wieder verschwinden, wenn das Feuer ausging, und von allen meinen Erinnerungen sei nichts wirklich und wahr, außer meine Mutter, Peggotty und ich.

Peggotty stopfte darauf los, solange sie noch sehen konnte, und blieb dann, den Strumpf wie einen Handschuh über die linke Hand gezogen, damit sitzen und wartete, die Stopfnadel in der Rechten bereit, bis ein neues Aufflackern der Flamme im Kamin erfolgte. Ich kann noch heute nicht begreifen, was sie nur ohne Ende für Strümpfe stopfte, und wo ein solcher nie versiegender Vorrat von Strümpfen herkam oder für wen sie eigentlich angefertigt wurden? Von meiner frühesten Kindheit an scheint sie nur zu solchem Zwecke die Nadel geführt zu haben und zu keiner anderen Handarbeit.

»Ich möchte eigentlich wissen,« sagte Peggotty, die manchmal einen Anfall der Verwunderung über einen höchst unerwarteten Gegenstand bekam, »ich möchte eigentlich wissen, was aus Davys Großtante geworden ist?«

»Mein Gott, Peggotty,« bemerkte meine Mutter, die sinnend dagesessen hatte, »was du da schwatzest!«

»Nun ja, aber ich möcht' es doch wissen«, sagte Peggotty

»Wie kommst du nur auf so etwas?« sagte meine Mutter. »Warum kommt dir grade die Großtante in den Kopf und sonst kein anderer?«

»Ich weiß nicht, wie's zugeht,« sagte Peggotty, »wenn's nicht meine Einfältigkeit ist, aber mein Kopf kann sich die Leute nicht aussuchen, die ihm einfallen. Sie kommen und sie gehen, und sie kommen nicht und sie gehen nicht, gerade wie's ihnen gefällt. Ich möchte aber wohl wissen, was aus ihr geworden ist?«

»Wie einfältig du bist«, erwiderte meine Mutter. »Man sollte wahrhaftig meinen, du möchtest sie zum zweitenmal hier sehen.«

»Gott behüte!« rief Peggotty.

»Nun so sprich nicht von so unangenehmen Dingen, wenn du ein gutes Mädchen sein willst«, sagte meine Mutter, »Miß Betsey sitzt gewiß in ihrem Häuschen am Meere und verläßt es nicht. Jedenfalls wird sie uns schwerlich noch einmal beunruhigen.«

»Nein«, meinte Peggotty nachdenklich, »Nein, wahrscheinlich nicht. – Ich möchte aber wissen, ob sie dem Davy wohl etwas vermacht, wenn sie stirbt?« »Tu lieber Himmel, Peggotty!« rief meine Mutter. »Was du für ein schnurriges Geschöpf bist! Du weißt ja recht gut, sie nahm es gerade übel, daß der liebe Junge geboren wurde!«

»Aber vielleicht verziehe sie ihm jetzt«, bemerkte Peggotty.

»Warum sollte sie ihm jetzt verzeihen?« fragte meine Mutter etwas gereizt.

»Nun, weil er jetzt einen Bruder hat«, sagte Peggotty.

Meine Mutter fing sogleich an zu weinen und wunderte sich, wie Peggotty so etwas sagen könne.

»Als ob das arme kleine Wesen da in der Wiege dir oder sonst jemand etwas zu leide getan hätte, du eifersüchtiges Geschöpf!« sagte sie. »Geh lieber hin und heirate Mr. Barkis, den Fuhrmann. Warum tust du das nicht?«

»Weil ich damit Miß Murdstone einen Gefallen tun würde«, sagte Peggotty.

»Was für ein schlechtes Herz du hast, Peggotty!« entgegnete meine Mutter. »Du bist auf Miß Murdstone so eifersüchtig, wie es ein lächerliches Geschöpf nur sein kann. Du willst wahrscheinlich selbst die Schlüssel haben und die Sachen ausgeben, nicht wahr? Das sollte mich gar nicht wundern. Du weißt aber, daß sie es nur mit der besten Absicht tut! Das weißt du, Peggotty – du weißt es recht gut!«

Peggotty brummte etwas vor sich hin, das beinahe klang wie: »Zum Kuckuck mit den besten Absichten« und noch etwas anderes des Inhalts, daß man leider zuviel von den »besten Absichten« spüre!

»Ich weiß, was du mit deinem Gebrummel meinst, du böses Mädchen«, sagte meine Mutter. »Ich verstehe dich vollkommen, Peggotty. Das weißt du auch, und es wundert mich nur, daß du darüber nicht schamrot wirst. Aber eins nach dem andern, und jetzt handelt es sich um Miß Murdstone, und du sollst mir nicht entschlüpfen. Hast du nicht oft genug von ihr gehört, daß sie denkt, ich sei zu unerfahren und zu – zu –«

»Hübsch«, ergänzte Peggotty. »Nun meinetwegen«, erwiderte meine Mutter lächelnd. »Und wenn sie töricht genug ist, dies zu sagen, so kann man mich deshalb doch nicht tadeln!«

»Kein Mensch behauptet das«, sagte Peggotty.

»Nun, das wollte ich meinen!« entgegnete meine Mutter. »Hast du nicht immer und immer wieder von ihr gehört, wie sie mir deshalb viele Arbeiten ersparen will, für die sie mich nicht geeignet hält und für die ich mich auch wahrhaftig selbst nicht geeignet halte, und wie sie früh und spät auf den Beinen ist und alles besorgt und selbständig herumwirtschaftet, und sich im Kohlenkeller und in Speisekammern und ich weiß nicht wo sonst, wo es nicht sehr angenehm sein kann, zu tun macht – und willst du etwa zu verstehen geben, daß sich darin nicht eine Art von Aufopferung zeigt?«

»Das will ich gar nicht zu verstehen geben«, sagte Peggotty.

»Und doch tust du das, Peggotty«, entgegnete meine Mutter. »Du tust nie etwas anderes, außer wenn du arbeitest. Du sprichst immer durch die Blume. Das macht dir Freude. Und wenn du von Mr. Murdstones guten Absichten sprichst –«

»Von denen habe ich noch nicht gesprochen«, sagte Peggotty.

»Nein, Peggotty,« erwiderte meine Mutter, »aber du stichelst auf ihn. Das sagte ich dir eben. Das ist das Schlimmste an dir. Du mußt immer in versteckten Anspielungen sprechen. Ich sagte dir soeben, daß ich verstand, wo du hinaus willst, und du siehst selbst ich habe recht. Wenn du von Mr. Murdstones guten Absichten sprichst und sie zu unterschätzen vorgibst (denn dein wirklicher Ernst kann das doch nicht sein, Peggotty), so mußt du so gut wissen wie ich, wie gut sie sind und wie sie ihn in allem, was er vornimmt, bestimmen. Wenn er manchmal strenge gegen einen gewissen Jemand gewesen ist, Peggotty – du weißt natürlich und ich hoffe, auch Davy weiß es, daß ich nicht von Anwesenden spreche – so geschieht es nur, weil er überzeugt ist, daß es zum Besten einer gewissen Person geschieht. Er liebt natürlich einen gewissen Jemand meinetwegen und handelt lediglich für das Beste einer gewissen Person. Das versteht er besser zu beurteilen als ich, denn ich weiß recht gut, daß ich ein schwaches, unselbständiges, unerfahrenes Wesen bin und er ein fester, ernster, entschiedener Mann. Und er gibt sich so viel Mühe mit mir (dabei flossen ihr die Tränen die Wangen herab, die ihr liebevolles Gemüt so leicht hervorrief), und ich bin ihm so viel Dank schuldig und so viel Gehorsam, selbst in Gedanken. Und wenn ich es nicht bin, Peggotty, quäle ich mich und klage mich selbst an und werde irre an meinem eigenen Herzen und weiß nicht, was ich machen soll.«

Peggotty saß da, das Kinn auf die mit dem Strumpfe überzogene Faust gestützt, und sah in das Feuer.

»Also, liebe Peggotty,« sagte meine Mutter und nahm einen andern Ton an, »wir wollen uns nicht erzürnen, denn ich könnte es sonst nicht aushalten. Ich weiß, du bist meine wahre Freundin, wenn ich auf der Welt überhaupt noch eine habe! Wenn ich dich ein einfältiges oder ein lächerliches Geschöpf nannte, Peggotty, so meinte ich damit nur, daß du immer meine wahre Freundin warst und bist, schon seit jenem Abend, wo mich Mr. Copperfield zuerst hierher brachte und du mir an der Gartentür entgegen kamst.«

Peggotty ließ mit ihrer Antwort nicht warten und besiegelte den Freundschaftsvertrag damit, daß sie mich mit einer ihrer herzhaften Umarmungen drangsalierte.

Ich glaube, ich hatte auch damals schon eine Art von Einsicht in den verborgenen Sinn dieser Unterhaltung: aber heute bin ich fest davon überzeugt, daß sie die gute Seele nur aufbrachte und ihre Rolle darin durchführte, um meiner Mutter die Befriedigung dieser kleinen sich selbst so sehr widersprechenden Strafpredigt zu ermöglichen, die sie sich nun auch gewährt hatte. Dieses Mittel bewies sich äußerst wirksam, denn ich erinnere mich, daß meine Mutter für den Rest der Zeit unbefangener war und Peggotty sie weniger beobachtete.

Nach dem Tee las ich zur Erinnerung an alte Zeiten Peggotty ein Kapitel aus dem Krokodilenbuche vor – sie holte es aus ihrer Tasche, und ich weiß wahrhaftig nicht, ob es seit meiner Abreise immer darin gesteckt hatte – und dann unterhielten wir uns von Salemhaus, was mich wieder auf Steerforth brachte, von dem ich immer reden mußte. Wir waren sehr glücklich; und dieser Abend, der letzte in seiner Art und bestimmt, diesen Lebensabschnitt auf ewig zu beschließen, wird nie aus meinem Gedächtnis entschwinden.

Es war fast zehn Uhr geworden, als ein Wagen vor die Tür rollte. Wir standen jetzt alle auf, und meine Mutter sagte ängstlich zu mir, da es so spät sei und Mr. und Miß Murdstone es gern sähen, wenn junge Leute früh zu Bette gehen, so wäre es wohl besser, wenn ich gleich schlafen ginge. Ich küßte sie und ging eilig mit meinem Lichte hinauf, noch ehe sie eintraten. Indem ich nach dem Schlafzimmer ging, in dem ich damals eingesperrt worden war, kam es meiner kindlichen Phantasie vor, als ob mit den beiden ein eisiger Luftzug in das Haus gekommen wäre, der das alte, heimlich-traute Gefühl wie eine Feder hinwegwehte.

Es war mir sehr unbehaglich, als ich den andern Morgen zum Frühstück hinuntergehen sollte, denn ich hatte Mr. Murdstone seit jenem Tage, wo ich das große unvergessene Verbrechen an ihm begangen hatte, nicht wieder gesehen. Aber es mußte doch einmal geschehen, und ich erreichte die Stubentür, nachdem ich halbwegs mehrmals schüchtern nach meinem Stübchen umgekehrt war. Endlich trat ich ins Zimmer.

Er stand vor dem Kamine, den Rücken dem Fenster zugekehrt, wahrend Miß Murdstone den Tee bereitete. Er sah mich fest an, als ich eintrat, aber regte sich nicht im mindesten.

Nach einigem verlegenen Zögern ging ich auf ihn zu und sagte:

»Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir. Was ich getan habe, tut mir sehr leid, und ich hoffe, Sie werden es mir vergeben.«

»Es freut mich, daß du es bereust, David«, erwiderte er. Die Hand, die er mir reichte, war dieselbe, die ich gebissen hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, meinen Blick eine Weile auf einer roten Narbe ruhen zu lassen; aber sie war nicht so rot wie ich, als ich aufblickte und seinem falschen Blick begegnete.

»Wie geht es Ihnen, Madame?« sagte ich zu Miß Murdstone.

»Ach lieber Himmel!« seufzte Miß Murdstone und gab mir den Teelöffel anstatt ihrer Finger. »Wie lange dauern die Ferien?«

»Vier Wochen, Madame.«

»Von wann an?«

»Von heute an, Madame.«

»O,« sagte Miß Murdstone, »so wäre denn schon ein Tag weniger.«

Sie führte in dieser Art einen Ferienkalender und strich ganz in derselben Weise an jedem Morgen einen Tag ab. Sie machte dabei ein mürrisches Gesicht, bis sie zum zehnten kam; aber ihr Herz wurde erleichtert, wie sie die zweistelligen Zahlen erreichte, und sie wurde förmlich heiter, je näher das Ende heranrückte.

Schon an diesem ersten Tage hatte ich das Unglück, sie in einen Zustand der größten Bestürzung zu versetzen, obgleich sie im allgemeinen solchen Schwächen nicht unterworfen war. Ich kam in das Zimmer, wo sie und meine Mutter saßen, und da der Säugling (der erst ein paar Wochen alt war) auf dem Schoße meiner Mutter lag, nahm ich ihn sehr sorgfältig in meine Arme. Plötzlich stieß Miß Murdstone einen solchen Schrei aus, daß ich ihn beinahe fallen gelassen hätte.

»Liebe Jane!« rief meine Mutter.

»Gütiger Himmel, Klara, siehst du nicht?« rief Miß Murdstone aus.

»Was, liebe Jane?« sagte meine Mutter. »Wo?«

»Er hat ihn!« rief Miß Murdstone. »Der Junge hat das Kind!«

Sie sank fast zusammen vor Entsetzen, aber sie richtete sich wieder auf, um auf mich loszustürzen und mir das Kind wieder zu entreißen. Dann wurde ihr so unwohl, daß sie ihr Kirschbranntwein geben mußten. Als sie sich wieder erholt hatte, untersagte sie mir auf das feierlichste, meinen Bruder jemals wieder unter irgend einem Vorwand anzurühren; und meine arme Mutter, die, wie ich sah, anderer Meinung war, bestätigte demütig das Verbot und sagte:

»Du mußt doch wohl recht haben, liebe Jane.«

Bei einer andern Gelegenheit, als wir drei beisammen waren (und es war mir meiner Mutter wegen wirklich lieb), gab der Säugling abermals die unschuldige Ursache ab, die Miß Murdstone in heftige Aufregung versetzte. Meine Mutter, die die Augen des Säuglings in ihrem Schoße betrachtet hatte, sagte: »Davy, komm einmal her«, und betrachtete dann meine Augen.

Ich sah, wie Miß Murdstone die Stahlperlen hinlegte, die sie aufreihte.

»Wirklich,« sagte meine Mutter erfreut, »sie sind ganz gleich! Ich glaube es sind meine Augen. Ich glaube, sie haben eine Farbe mit meinen Augen. Aber sie sind sich wunderbar gleich!«

»Wovon sprichst du denn, Klara?« sagte Miß Murdstone.

»Liebe Jane,« stammelte meine Mutter etwas beschämt von dem herben Tone dieser Frage, »ich finde, daß der Säugling und Davy ganz dieselben Augen haben.«

»Klara,« sagte Miß Murdstone und stand zornig auf, »du bist geradezu eine Närrin!«

»Liebe Jane«, wendete meine Mutter ein.

»Geradezu eine Närrin!« wiederholte Miß Murdstone. »Wer könnte sonst meines Bruders Kind mit diesem Knaben vergleichen? Sie sind sich gar nicht ähnlich. Sie sind sich in jeder Hinsicht unähnlich, und ich hoffe, daß sie es immer bleiben werden. Ich kann solche Vergleiche nicht ruhig mit anhören!« Damit ging sie feierlichen Schrittes hinaus und schlug die Tür hinter sich zu.

Mit einem Worte, ich war kein Liebling der Miß Murstone, mit einem Worte, es sah mich niemand freundlich an, denn die mich liebten, konnten es nicht zeigen, und die mich nicht liebten, zeigten es so deutlich, daß ich mich nicht von dem beschämenden Bewußtsein losmachen konnte, befangen, ungeschickt und dumm zu erscheinen.

Ich hatte also die Empfindung, daß es mir so unbehaglich mit ihnen, wie ihnen mit mir erging. Trat ich in das Zimmer, wo sie sich unterhielten, und meine Mutter schien heiter, so flog mit dem Augenblick meines Hereinkommens eine Wolke von Spannung über ihre Stirn. War Mr. Murdstone in seiner besten Laune, mein Anblick dämpfte sie. War Miß Murdstone in ihrer schlechtesten Stimmung, ich verschlimmerte sie noch. Ich besaß Einsicht genug, um zu erkennen, daß meine Mutter immer darunter leiden mußte, daß sie sich fürchtete, freundlich zu mir zu sein oder mit mir zu sprechen, damit sie dadurch nicht bei jenen Anstoß erregte und sich hinterher Vorwürfe zuzöge. Ich merkte, daß sie nicht nur beständig fürchtete, anzustoßen, sondern auch daß ich anstieße und deshalb unablässig die Blicke der beiden beobachtete, sobald ich mich nur rührte. Deshalb beschloß ich, mich von ihnen so fern wie möglich zu halten, und saß manche kalte Winterstunde in meinem einsamen Schlafzimmer und las in einem Buche in meinen kleinen Überrock eingewickelt.

Des Abends leistete ich manchmal Peggotty in der Küche Gesellschaft. Dort befand ich mich wohl und brauchte mich nicht zu scheuen, mich zu geben, wie ich eben war! Aber diese Unterhaltungen fanden keine Billigung in der Wohnstube. Die dort herrschende Lust am Quälen machte ihnen bald ein Ende, Man hielt mich immer noch für ein unentbehrliches Hilfsmittel bei der Erziehung meiner armen Mutter, und ich durfte daher als eine der ihr auferlegten Prüfungen nicht abwesend bleiben.

»David,« sagte Mr. Murdstone eines Tages nach dem Essen, als ich mich wie gewöhnlich entfernen wollte, »ich finde zu meinem großen Leidwesen, daß du von mürrischer Gemütsart bist.«

»So brummig wie ein Bär!« sagte Miß Murdstone, Ich blieb vor ihnen stehen und ließ den Kopf sinken.

»Und ich muß dir sagen, David,« sagte Mr. Murdstone, »eine mürrische und verstockte Gemütsart ist von allen die schlimmste.«

»Und die Gemütsart dieses Jungen ist von allen, die ich bis jetzt gefunden habe, die verstockteste«, bemerkte seine Schwester. »Ich glaube, selbst du mußt es bemerken, liebe Klara!«

»Ich bitte um Verzeihung liebe Jane,« sagte meine Mutter, »aber bist du auch wirklich sicher – du wirst es gewiß entschuldigen, liebe Jane – daß du Davy verstehst?«

»Ich würde mich doch wahrhaftig vor mir selbst schämen, Klara, wenn ich den oder jenen andern Bengel nicht verstände«, erwiderte Miß Murdstone. »Ich maße mir nicht an, sehr scharfsinnig zu sein, aber ich mache wenigstens auf gesunden Menschenverstand Anspruch.«

»Gewiß, liebe Jane,« entgegnete meine Mutter, »hast du einen sehr scharfen Verstand –«

»Ach Gott, nein! Bitte, sage das nicht, Klara«, unterbrach sie Miß Murdstone ärgerlich-gereizt.

»Aber ich weiß, daß dies der Fall ist,« begann meine Mutter von neuem, »und jedermann weiß es. Ich habe selbst in mancherlei Art so großen Nutzen davon – oder es sollte wenigstens sein – daß niemand mehr davon überzeugt sein kann als ich; und deshalb sage ich es mit großer Schüchternheit, liebe Jane.«

»Ich will zugeben, daß ich den Knaben nicht verstehe, Klara«, sagte Miß Murdstone und rückte die kleinen Fesseln der Stahlarmbänder um ihre Knöcheln, zurecht. »Ich will zugeben, daß ich ihn gar nicht verstehe. Er ist viel zu tief für mich. Aber meines Bruders Scharfblick genügt vielleicht, einige Einsicht in seinen Charakter zu gewinnen. Und ich glaube, mein Bruder sprach über diese Frage, als wir ihn – nicht sehr höflich – unterbrachen.«

»Ich glaube, Klara,« sagte Mr. Murdstone mit leiser, ernster Stimme, »es gibt bessere und unbefangenere Richter über diese Frage, als du bist.« »Eduard,« sagte meine Mutter schüchtern, »du bist natürlicherweise in solchen Fragen ein viel besserer Richter als ich. Und Jane gewiß auch. Ich sagte nur –«

»Du sagtest nur etwas sehr Rücksichtsloses und Unüberlegtes«, erwiderte er. »Bemühe dich, es nicht wieder zu tun und nimm dich besser in acht, Klara!«

Die Lippen meiner Mutter bewegten sich, als ob sie antwortete: »Ja, lieber Eduard!« Aber sie brachte keinen Laut hervor.

»Ich habe zu meinem Leidwesen bemerkt, David,« sagte Mr. Murdstone von neuem zu mir, »daß du von verstockter Gemütsart bist. Ich werde nicht gestatten, daß sich ein solcher Charakter unter meinen Augen entwickelt, ohne daß ich einen Versuch mache, ihn zu bessern. Du mußt dich anstrengen, anders zu werden, David. Wir müssen uns bemühen, dich anders zu machen.«

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, stotterte ich. »Es fällt mir gar nicht ein, verstockt zu sein, seitdem ich wieder hier bin.«

»Nimm deine Zuflucht nicht zum Lügen, Knabe!« herrschte er mir so rauh zu, daß meine Mutter unwillkürlich ihre zitternde Hand ausstreckte, wie um uns auseinander zu halten. »Du ziehst dich in deiner Verstocktheit auf dein eigenes Zimmer zurück. Du bleibst in deinem Zimmer, wenn du hier sein solltest. Ich sage dir es jetzt ein für allemal, daß ich dich hier und nicht dort zu sehen erwarte. Ferner verlange ich, daß du Gehorsam mit hierher bringst. Du kennst mich, David. Ich will es so.«

Miß Murdstone ließ ein heiseres Lachen vernehmen.

»Ich will, daß du dich achtungsvoll, gehorsam und dienstwillig gegen mich und gegen Jane Murdstone und gegen deine Mutter benimmst«, fuhr er fort. »Ich will nicht haben, daß ein Kind nach seinem Belieben dieses Zimmer scheut, als wäre es verpestet. Setze dich!«

Er befahl mir wie einem Hunde, und ich gehorchte wie ein Hund. »Noch eins«, sagte, er. »Ich bemerke, daß du einen Hang zu niedriger und gemeiner Gesellschaft hast. Du darfst nicht mit Dienstboten umgehen. In der Küche wirst du von den vielen Sachen, die dir noch fehlen, nichts lernen. Von dem Geschöpf, das dich darin bestärkt, Klara, will ich nichts sagen – da du«, fuhr er etwas leiser zu meiner Mutter gewendet, fort, »aus alter Erinnerung und langer Gewohnheit in bezug auf sie eine Schwäche zeigst, die noch nicht überwunden ist.«

»Eine ganz unerklärliche Schwäche!« rief Miß Murdstone.

»Ich sage nur,« fuhr er wieder zu mir gewendet fort, »daß ich es nicht billigen kann, wenn du solche Gesellschaft, wie Miß Peggotty ist, vorziehst, und daß du sie aufgeben mußt. Jetzt weißt du, was ich meine, David, und weißt auch, was die Folge sein wird, wenn du mir nicht buchstäblich gehorchst.«

Ich kannte diese Folgen wohl – besser vielleicht, als er es dachte, soweit sie meine arme Mutter betraf – und ich gehorchte ihm buchstäblich. Ich zog mich nicht mehr auf mein Zimmer zurück; ich suchte nicht mehr eine Zuflucht bei Peggotty, sondern saß jeden langen Tag in der großen Wohnstube und sehnte mich nach dem Abend und nach dem Schlafengehen.

Unter welchem peinlichen Zwang hatte ich zu leiden, wenn ich in einer Stellung stundenlang dasaß und mich fürchtete, einen Arm oder einen Fuß zu rühren, damit nicht Miß Murdstone (was sie bei jeder Gelegenheit tat) über mein unruhiges Wesen klagte, oder ein Auge zu bewegen, daß es nicht etwa einem Blicke der Abneigung oder des Forschens begegne, der neuen Stoff zur Beschwerde in meinem Blicke fand! Welche unerträgliche Langeweile, dem Ticken der Uhr zuzuhören, zu sehen, wie Miß Murdstone die kleinen glänzenden Stahlperlen aufreihte, sich den Kopf zu zerbrechen ob sie wohl einmal heiraten werde und welchen Unglücklichen, die Absätze am Kaminsims zu zählen und dann mit den Augen durch die labyrinthischen Verschnörkelungen der Tapete hinauf zur Decke zu schweifen.

Wenn ich einsam auf den schmutzigen winterlichen Wegen spazieren ging, schleppte ich immer mit mir das Wohnzimmer herum, eine fürchterliche Last, ein Alpdrücken bei Tage, aus dem es kein Erwachen gab, ein Druck, der auf meinen geistigen Kräften lastete und sie abstumpfte.

Und wie vielmal saß ich am Speisetisch schweigend und verlegen, und fühlte immer, daß ein Messer und eine Gabel zuviel da waren, und zwar meine, ein Appetit zuviel, und zwar meiner, ein Teller und ein Stuhl zuviel, und zwar meiner, eine Person zuviel, und zwar ich!

Welche öden Abende, wenn die Lichter kamen und ich mich beschäftigen sollte, aber da ich ein unterhaltendes Buch nicht zu lesen wagte, eine unverdauliche Abhandlung über Arithmetik hernahm, wenn sich die Maß- und Gewichtstabellen Melodien anpaßten, wie »Heil dir im Siegerkranz« oder »Weg mit den Grillen und Sorgen«, und sich durch ein Ohr in meinen unglücklichen Kopf hineinbohrten und zum andern wieder hinausgingen!

Was habe ich da zusammengegähnt und wie oft bin ich eingenickt, so sehr ich mich auch zusammennahm; wie oft fuhr ich aus meinem Schlafe empor, bemüht, ihn zu bemänteln! Nie habe ich eine Antwort erhalten, wenn ich einmal ein paar Worte wagte, was selten genug geschah; jedermann ignorierte mich, als ob ich nicht dagewesen wäre und doch war ich jedermann im Wege, und es war ein trübseliger Trost, Miß Murdstones Stimme den ersten Glockenschlag von neun Uhr abends verkünden zu hören und zu Bett geschickt zu werden!

So schleppten sich die Ferien hin bis zu dem Morgen, wo Miß Murdstone sagte: Das wäre also der letzte Tag! und mir für die Ferien die letzte Tasse Tee gab.

Der Abschied machte mir keine Schmerzen. Ich war in ein dumpfes Hinbrüten versunken; aber ich erholte mich ein wenig und freute mich auf das Wiedersehen mit Steerforth, obgleich Mr. Creakle hinter ihm dräute. Wieder erschien Mr. Barkis an der Gartentür, und wieder sprach Miß Murdstone warnend: »Klara!« als meine Mutter sich über mich beugte, um nur Lebewohl zu sagen.

Ich küßte sie und meinen kleinen Bruder, und war jetzt wirklich schmerzlich bewegt, aber nicht wegen des Fortgehens, denn die Kluft zwischen uns und die Trennung war jeden Tag vorhanden gewesen. Und weniger ihr Kuß und ihre Umarmung, so inbrünstig beides war, lebt noch so unverlöschlich in meiner Erinnerung, als das was der Umarmung folgte.

Ich saß schon im Wagen, als sie mich noch einmal rief. Ich sah hinaus und sie stand in der Gartentür allein und hielt den Säugling empor, um ihn mir zu zeigen. Die Luft war kalt aber still, und kein Haar auf ihrem Haupte, keine Falte ihres Anzugs regte sich, als sie unverwandt zu mir hinsah und das Kind emporhielt.

So verlor ich sie. So sah ich sie später in meinen Träumen in der Schule – eine stumme, neben meinem Bett stehende Gestalt, die mich mit demselben unverwandten Blick ansah und den Säugling emporhielt.

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