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Das zweite Leben

Sinaida Hippius: Das zweite Leben - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorSinaida Hippius
booktitleMeistererzählungen des Russischen Symbolismus
titleDas zweite Leben
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1964
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidab3e3ffa
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Sinaida Hippius

Das zweite Leben

 

I

Zur späten Stunde, gegen Mitternacht saßen fünf alte Freunde vor einem erlöschenden Kamin und erzählten sich Geschichten.

Viele glauben, daß so etwas heutzutage nicht mehr vorkommt. Das sei wohl ab und zu am Anfang und recht oft um die Mitte des vorigen Jahrhunderts vorgekommen. Man hat den Eindruck, daß in der Zeit Turgenjews immer irgendwo irgendwelche alte Freunde vor einem Kamin beisammen saßen und sich Geschichten erzählten; heute hört man aber wirklich nichts mehr davon, weder bei uns noch im Ausland, zum Beispiel in Frankreich. Die Verfasser von Novellen melden wenigstens nichts davon. Fürchten sie, ihre Erzählungen dadurch allzusehr in die Länge zu ziehen und den vielbeschäftigten Leser zu ermüden? Wollen sie den Bericht eines Freundes unbedingt für eine eigene Erfindung ausgeben? Oder gibt es wirklich keine solche, einander angenehme Menschen mehr, die es verstehen, zur späten Stunde am Kamin zu sitzen und einander zuzuhören? – Wer weiß es! Aber es kommt, wenn auch recht selten, auch in unseren Tagen vor. Jedenfalls traf es sich so an jenem Abend, von dem ich berichte.

Sie waren nicht nur alte Freunde, sondern auch alte Herren. Das heißt nicht sehr alt – so zwischen vierzig und fünfzig –, und lauter Junggesellen. Letzteres ist vielleicht auch der Grund dafür, daß sie zusammen am Kamin spät aufblieben und einander zuzuhören verstanden, der eine feine Zigarette, der andere eine still duftende Zigarre rauchend und guten, öligen Wein in langsamen Zügen schlürfend. So ein alter ruhiger Junggeselle hat eine eigenartige milde Würde. Er ist niemals zerstreut, er ist immer dabei, zu jedem Freundschaftsdienst bereit, und wenn er zuhört, so tut er es mit sichtbarem Vergnügen und Behagen. Ihn interessiert die Welt und – in fast gleichem Maße – sein eigenes und fremdes Verhältnis zu der Welt. Den verheirateten Mann interessiert aber vor allen Dingen sein eigenes Verhältnis zu seiner eigenen kleinen Welt; und interessiert es ihn nicht, so macht es ihm Sorgen; und macht es ihm keine Sorgen, so ärgert es ihn; in jedem Fall wird für ihn die große Welt mehr oder weniger von seiner eigenen kleinen verdeckt.

Sie hatten sich bei Ljadskij, einem stattlichen, jugendlich aussehenden Herrn von etwa fünfundvierzig Jahren mit grauen, leicht gelockten Haaren und gutmütigem Lächeln, versammelt. Seine Augen blickten übrigens nicht ohne Strenge. Er war Departementschef an irgendeinem Ministerium, wo er sehr beliebt war. Die übrigen waren fast sämtlich keine Amtskollegen von ihm, sondern alte Schul- und Universitätsfreunde, die verschiedene Wege eingeschlagen, aber die alte Intimität zu bewahren verstanden hatten.

Dunkle Tapeten. Dunkle Vorhänge. Dunkle Teppiche. Schwere dunkle Möbel. Eine einzige, milde elektrische Lampe unter einer tiefen Glocke und milde, himbeerrote Kohlenglut mit auf- und abhüpfenden blauen Flämmchen im Kamin. Sie sprachen von der Zukunft, einfach von dem Dunkel, das die Zukunft eines jeden Menschen einhüllt, vom Bestreben eines jeden, in dieses Dunkel einzudringen, von Vorahnungen und Prophezeiungen. Man könnte sich wundern, daß diese nicht mehr jungen Menschen, die fast ihr ganzes Leben schon hinter sich hatten, sich für die Zukunft interessierten. Sie sprachen aber nicht nur von sich selbst, sondern von allen Menschen, den jungen und den alten, von ihrem Streben und von den Gesetzen des Schicksals.

»In alten Zeiten«, sagte Ljadskij, »als die Menschen noch an das unüberwindliche Schicksal glaubten, stellten sie nichtsdestoweniger Horoskope auf, befragten Orakel und Prophetinnen; man könnte fragen: Wozu? Ödipus, der sein Schicksal kannte, vermochte ihm nicht zu entrinnen. Heute glauben wir aber an die Freiheit des Willens und könnten daher die Prophetinnen, Horoskope und den Glauben an alle diese Dinge viel besser brauchen. Heute könnte die Kenntnis der Zukunft das Leben verändern und ihm einen Sinn verleihen.«

»Glaubst du?« fragte einer der Freunde, ein hagerer, langer, sehr gut gekleideter Herr mit ergrauendem Schnurrbart. Er saß im Sessel dicht vor dem Kamin und schwieg fast die ganze Zeit. An seinem zurückhaltenden, angenehmen Wesen konnte man in ihm einen Diplomaten erkennen, einen Menschen, der meistens zuhört, aber auch zu sprechen versteht. Er hieß Politow.

Ljadskij antwortete bedächtig:

»Ja, so glaube ich. Und du ...«

»Ich glaube etwas anderes. Du hast mir ein seltsames Erlebnis in Erinnerung gebracht ... Eine Begegnung ... Ich hatte sie übrigens niemals vergessen. Es ist eine lange Geschichte, aber wenn ihr wollt, erzähle ich sie euch. Ich habe sie noch keinem Menschen erzählt, ich weiß selbst nicht, warum. Vielleicht hatte ich einfach keine Gelegenheit dazu. Unser heutiges Gespräch berührt aber so eng jene Erinnerung. Es sind auch schon so viele Jahre vergangen ...« Und Politow erzählte.

 

II

In meiner Jugend, als ich eben die diplomatische Laufbahn eingeschlagen hatte, wurde ich an unsere Botschaft in Paris kommandiert. Nachdem ich ein paar Jahre in Paris gelebt hatte, gewöhnte ich mich an das dortige Leben und machte eine Reihe Bekanntschaften, seltsamerweise vorwiegend in Künstler- und Literatenkreisen. Es gab unter ihnen höchst unerträgliche und banale Menschen, es gab auch lebhafte und kluge, mit denen ich mich ohne Langeweile unterhalten konnte. Trotz meiner Jugend – ich war ja kaum fünfundzwanzig – liebte ich die hohle französische Lustigkeit nicht, und sie erschien mir allzu primitiv und etwas langweilig. Übrigens mied ich die Gesellschaft nicht und machte alles mit.

Einmal führte mich ein Freund, der Maler Lebrun, zu einem prunkvollen Bankett, das ein anderer Maler, der berühmte Eldon, in seinem Hotel gab. Das Bankett fand anläßlich ... ich weiß selbst nicht mehr, ob es anläßlich einer Fermeture oder einer Ouverture war; es ging aber sehr feierlich zu, und die ganze Künstlerwelt war anwesend. Es waren auch Damen dabei. Ich erinnere mich noch an die lange funkelnde Tafel, an die betäubend duftenden Blumen und an die gute Madame Eldon, die wohlbeleibte, üppige Dame des Hauses mit dem glänzenden roten Gesicht. Auch sie hielt irgendeine Rede, dankte für etwas und stieß mit sanfter angenehmer Gebärde mit ihren Gästen an.

Mein Freund war ganz vom Gespräch mit seiner Nachbarin zur Linken in Anspruch genommen; auch meine Nachbarin zur Rechten unterhielt sich nicht mit mir; so war ich in der lärmenden Gesellschaft, die ohne mich lachte und sich vergnügte, ganz allein. Ich freute mich, daß ich schweigen durfte. Ich durfte ungestört beobachten. Und ich musterte die Gesichterreihe mir gegenüber. Ich begann von rechts. Ein Gesicht, das zweite, das dritte ... Wenn man seinen Blick schnell von dem einen Menschen auf den anderen richtet, so hat man den Eindruck, als sei es dasselbe Gesicht, das sich seltsam verändere, weil ... nun, weil alle Gesichter, und wenn sie noch so verschieden sind, doch eine unzweifelhafte und höchst unangenehme Ähnlichkeit miteinander haben ... Das vierte, das fünfte, das sechste ... Und plötzlich stand mein Blick still. Ich hatte schon beinahe das linke Ende der Tafel erreicht, und die Dame, auf deren Gesicht mein Blick plötzlich ruhte, saß schräg links von mir gegenüber, fast neben dem Herrn und der Dame des Hauses. Ein Strauß welkender weißer Rosen verdeckte sie ein wenig vor mir, aber wenn ich den Kopf ein wenig neigte, konnte ich sie ganz sehen. Wundert euch nicht, daß ich mich noch all dieser Einzelheiten erinnere: wenn ich morgen jenem Lebrun, und selbst wenn er sehr gealtert ist, begegnete, würde ich ihn sofort wiedererkennen. Und was die Dame betrifft, so würdet auch ihr sie wiedererkennen, wenn ihr sie nach meiner Erzählung irgendwo sähet.

Es ist leicht, ihre Züge zu beschreiben, und es war an ihnen nichts Bemerkenswertes. Hübsch, blaß und ruhig. Sie kam mir jung vor, schien noch nicht dreißig Jahre alt zu sein. Die Augenbrauen fein, rund und ebenmäßig wie auf alten Bildnissen. Dunkle, glanzlose, nicht allzu üppige, eng an die Wangen anliegende Haare. Das ist alles. Ein schwarzes Kleid mit einem merkwürdigen sehr tiefen und sehr engen Ausschnitt, der einen schmalen Streifen weißer Haut sehen ließ. Ihre Augen konnte ich noch nicht sehen, denn sie hielt sie gesenkt. Und sie schwieg ebenso wie ich.

Da begann sie zu sprechen. Sie lächelte. Der Mund war sehr klein und leuchtend rot; die Zähne standen eng beieinander. Hübsch. Jung. Eine recht gewöhnliche Schönheit, und sie gefiel mir nicht besonders. Sie weckte in meiner Seele weder ein Entzücken noch einen Ekel, sondern ein Grauen. Es war jenes Grauen, jene unerklärte, böse, schwarze Angst, die wir alle einmal in unserer Kindheit, nachts, allein im Dunkeln empfunden haben. Diese Angst unterscheidet sich von jeder anderen dadurch, daß sie sich mit einem Entzücken, einem bösen, schwarzen Entzücken paart, das mit jedem anderen Entzücken ebensowenig zu vergleichen ist wie jene Angst mit jeder anderen Angst.

Ich war aber kein Kind mehr und begann unwillkürlich nachzudenken: Was ist an ihr eigentlich so grauenhaft? Sie ist gewöhnlich. Hübsch. Jung ...

Jung! Das ist es. Sie ist sicher sehr jung. Noch keine dreißig. Siebenundzwanzig ... achtundzwanzig.

Warum nicht gar! Siebenundzwanzig und zugleich fünfzig, achtzig, hundertzwanzig, nein, zweihundert, dreihundert – ich weiß nicht –, sie ist tausend Jahre alt! Und zugleich steht es fest, daß sie höchstens achtundzwanzig ist.

Ich wandte mich zu meinem Freund um.

»Hören Sie, einen Augenblick: Wer ist diese Dame links von Eldon?«

Lebrun, den ich in seiner Unterhaltung gestört hatte, streifte mich mit einem schnellen, zerstreuten Blick.

»Welche? Die in Rosa?«

»Nein, weiter links, die in Schwarz. Wie heißt sie?«

»Ach so, diese! Wie sie heißt? Komtesse Yvonne de Susor.«

»Ist auch ihr Mann hier? Welcher ist es?«

Mein Freund, der sich schon wieder von mir weggewandt hatte, sagte erstaunt:

»Ihr Mann? Sie ist unverheiratet. Sie ist die Tochter des bekannten Grafen de Susor, der ...«

Und er verließ mich endgültig, wahrscheinlich überzeugt, meine Neugier restlos befriedigt zu haben.

Ich fragte ihn auch nicht mehr. Ich sah wieder die Komtesse an, und in diesem Moment hob sie ihre Augen. Was für niederschmetternde, unangenehme Augen! Ganz blaß, groß, vielleicht bläulich, vielleicht auch grau – ich weiß es nicht, aber sehr blaß, durchscheinend, wie aus farbigem Kristall – und alt. Tot. Und doch junge, lebendige Augen. Ihren Augen sah ich an, daß ich mich geirrt, daß ich mich einer unwillkürlichen poetischen Übertreibung schuldig gemacht hatte, als ich mir sagte, sie sei »dreihundert, fünfhundert, tausend Jahre alt«.

Nein. Tausend Jahre sind fast eine Ewigkeit für uns. Das Ewige ist niemals alt. Die Komtesse war aber bei all ihrer Jugend alt – ich meine jenes menschliche Altsein, das hart an das menschliche Sterben grenzt.

Ich sah, daß die bleichen Augen auf mir ruhten. Der Blick war durchaus ruhig, aber nicht gleichgültig und wohl auch nicht zufällig. Sie sah mich an, als ob sie mich schon längst kannte, sich aber über das Wiedersehen weder freute noch wunderte. Als ob es selbstverständlich wäre, daß ich so starr und unverwandt, beinahe jeden Anstand verletzend, in ihr zweifellos schönes, zweifellos junges Gesicht blickte. Lebrun wandte sich plötzlich selbst nach mir um und zwang mich, von ihr endlich wegzublicken.

»Sie haben mich wegen der Komtesse gefragt? Ein interessantes Gesicht, nicht wahr? Obwohl darin auch etwas ... Abstoßendes ist. Finden Sie es nicht?«

Ich glaubte, daß er nichts verstehe und nichts verstehen werde, und sagte darum ausweichend:

»Mag sein ...«

»Ja, ein reizendes junges Mädchen und ein guter Kamerad, obwohl ich sagen muß, daß ich nicht zu den glühendsten Verehrern ihrer Kunst gehöre. Sie hat wohl eine eigene Manier, eine Schule, wenn Sie wollen, auch viel Eigenart, aber ...«

»Entschuldigen Sie, von welcher Kunst sprechen Sie?«

»Von ihren Bildern, parbleu! Habe ich denn Ihnen noch nicht gesagt, daß sie Malerin ist? Im letzten Salon hatte sie ein Bild und einige Studien hängen. Sie ist sehr bekannt. Sie haben die Bilder sicher bemerkt. Sie nennt sich Ré.«

Ré! Sie ist es also, die ihre Bilder mit diesen zwei Buchstaben zeichnet. Ich kann nicht sagen, daß diese Entdeckung mir etwas erklärt hätte. Im Gegenteil, alles wurde noch verworrener und komplizierter. Wie sollte ich Ré nicht kennen? Von Ré wurde viel gesprochen. Man sagte, daß ihre Bilder »einen schweren Eindruck machten« – das verstanden alle, d.h. alle faßten ihre Bilder so auf. Ich hatte aber nichts verstanden. Ich kann mich noch erinnern, daß ihre Sachen mir nicht nur den Kopf, sondern mein ganzes Wesen verwirrten. Ich mußte sofort an ihren »Scheiterhaufen« denken, den ich ein Jahr vorher gesehen hatte. Man kann ein Bild unmöglich beschreiben, es ist wohl auch nicht nötig. Und was mich an diesem »Scheiterhaufen« so sehr verblüfft hatte, läßt sich erst recht nicht in Worte kleiden. Wenn ich es erzähle, so klingt es allzu alltäglich. Ich glaube, es war nicht schlecht gemalt. Finsternis. Ein großes Feuer in der Mitte. Links eine halbnackte Alte, rechts eine ebensolche Alte. Die eine wirft einen Schatten, und man glaubt drei alte Weiber zu sehen, von denen das eine riesengroß ist. Das ist alles. In den Weibern ist eine knöcherne Unbeweglichkeit, eine Erdenschwere. Die dritte, die vom Schatten gebildete, ist riesengroß, aber leicht. Das ist alles. Einen Sinn konnte ich im Bild nicht entdecken – wer kennt sich auch darin aus, was ein Künstler mit seinem Bild sagen will? Aber das Bild prägte sich dem Gedächtnis ein und wühlte meine Seele auf.

Das Bankett zog sich sehr in die Länge. Lebrun fing wieder an, mit mir zu plaudern, und kam wieder auf die Ré zu sprechen, da er merkte, daß ich sie immer ansah. Er sagte: »Als ihr Vater, dieser Sonderling, starb ...«

Ich unterbrach ihn:

»Von ihrem Vater habe ich noch nichts gehört.«

»Wirklich? Ich dachte, Sie hätten von ihm manches gehört. Das Schicksal der Komtesse ist sehr merkwürdig. Der Graf de Susor, ein Millionär und Einsiedler, wollte sie sechzehn Jahre lang nicht als seine Tochter anerkennen. Sie lebte beinahe in Armut mit ihrer halbverrückten Mutter und lief in ihren wenigen freien Stunden in den Louvre und in eine Zeichenschule ... Plötzlich wurde alles anders: der Vater nahm sie zu sich, sie und ihre Mutter, die übrigens bald darauf starb, und umgab sie mit königlichem Prunk; er nahm ihr die besten Lehrer auf, ließ sie weite Reisen machen und gab ihr Freiheit und seine Liebe. Man sagt, daß er in ihren Armen gestorben sei, weil er in seinen letzten Jahren niemand außer der Tochter in seiner Nähe geduldet hätte.«

»Und jetzt?«

»Jetzt wohnt sie ganz allein in ihrem Schloß. Natürlich nicht als Einsiedlerin, aber beinahe ...«

»Und hat nicht geheiratet?«

»Que voulez-vous? Une artiste! ...« antwortete mein Freund ungewöhnlich leichtsinnig und gleichgültig, und wir sprachen nicht mehr von der Komtesse.

Kaum war aber die Tafel aufgehoben, als ich, ohne zuvor irgendeinen bestimmten Entschluß gefaßt zu haben, mir den Weg zwischen den Gästen zu diesem seltsamen Wesen bahnte. Es war mir seltsamerweise gar nicht eingefallen, Lebrun zu bitten, mich ihr vorzustellen.

 

III

In der Nähe sah sie genauso aus wie aus der Ferne. Ich stellte nur noch fest, daß sie von mittlerem Wuchse und schmächtig war und ein Kleid mit langer Schleppe anhatte. Sie stand mit dem Rücken zu mir am Klavier (die Gesellschaft hatte sich inzwischen in den Salon begeben) und unterhielt sich mit irgendeinem alten Herrn. Kaum war ich aber in ihre Nähe gekommen, als sie sich zu mir umwandte, mir zu meinem größten Erstaunen, wie einem alten Bekannten, die Hand entgegenstreckte und sagte:

»Bonjour, Monsieur Politow!«

Der alte Herr ging sofort weg. Ich konnte das eine nicht begreifen: War ich der einzige, der an ihr all das sah, und sahen die anderen nichts? Vielleicht hatten sich alle an ihren Anblick gewöhnt. Aber selbst der leichtsinnige Lebrun hatte von ihr gesagt: »Étrange figure – es ist gar kein Leben in ihr.« Die Bemerkung war vielleicht dumm und banal, aber von seinem Standpunkt aus vielleicht nicht unberechtigt.

In der Nähe sah ich, daß sie noch sehr frisch war, von der zarten Frische einer blassen Frau. Sie war auch jünger, als ich geglaubt. Vielleicht fünfundzwanzig ...

Was sollte ich ihr sagen? Sie blickte mich unverwandt mit ihren blassen, durchscheinenden, gleichsam leeren, achtzigjährigen, doch reizenden Augen an und lächelte leise.

Was sollte ich ihr sagen? Ich wollte ihr etwas aus dem Bereiche des Möglichen sagen, vielleicht von ihren Bildern sprechen, sagte aber etwas beinahe Unmögliches:

»Sie kommen mir sehr seltsam vor.«

Sie blickte mich noch immer ruhig an.

»Sie sind sich darüber klar, warum ich Ihnen so seltsam scheine.«

Ihre Stimme klang leise, sogar etwas dumpf, doch jugendlich, und sie sprach gedehnt und langsam. Sie betonte diese Worte durchaus nicht wie eine Frage. In ihrer Stimme selbst war etwas leise Bejahendes, als ob sie sich zu einer Frage überhaupt nicht hätte erheben können.

»Zum Teil bin ich mir darüber klar«, sagte ich, indem ich mir Mühe gab, mich möglichst präzise auszudrücken. »Doch nicht ganz. In meiner Seele ist noch manches verworren.«

»Ja. Ganz können Sie es auch nicht verstehen. Doch in den Grenzen des Möglichen haben Sie recht. Sie gefallen mir. Sie sind tief.«

»Aber Sie gefallen mir nicht!« rief ich beinahe gegen meinen Willen aus. »Das heißt, Sie gefallen mir furchtbar und gefallen mir zugleich auch nicht! Es ist ein Entzücken und ein Grauen! Es ist mir ganz unerklärlich ...«

»Und das quält Sie«, sprach sie meinen Gedanken zu Ende. »Sagen Sie alles, was Sie mit Worten aussprechen können.« Und ich erzählte ihr mit zwingender Genauigkeit alles, was ich über sie während des Essens gedacht hatte. Ja, ich erzählte ihr alles und suchte nicht einmal die Härten zu mildern. Meine Freunde, ihr kennt mich gut. Ihr werdet mir glauben, daß in jener Frau etwas Ungewöhnliches, etwas Außerordentliches war; wie hätte ich mich sonst als ein wohlerzogener Mensch von zurückhaltendem Wesen und obendrein Diplomat von Beruf, gegen eine unbekannte Französin, eine Malerin usw., in dieser Weise benehmen können? Ich schwöre euch aber, daß es ganz undenkbar war, ihr nicht nur eine Lüge, sondern auch die geringste Ungenauigkeit zu sagen. Mir wenigstens war es ganz unmöglich. Wie es den anderen ging, weiß ich nicht. Ich glaube, die anderen sprachen überhaupt sehr wenig mit ihr.

Sie hörte mir mit unbeweglicher Ruhe zu, wie wenn ich vor ihr zum zehnten Male meine Rolle aufsagte. Ein anderer Vergleich fällt mir gar nicht ein. Als ich zu Ende war, sagte sie:

»Sie sind auf dem richtigen Wege. Es sind zwar nur die ersten Ahnungen, aber diese sind richtig. Sie sind nicht ganz im Unrecht, wenn Sie von mir so denken. Ich bin wirklich sechsundzwanzig und zugleich einundachtzig Jahre alt. Es ist so.«

»Was sind das für Rätsel!« rief ich beinahe erbost aus. »Sie wollen sich meinen unerklärlichen Einfall zunutze machen und ihn unterstreichen, ich weiß selbst nicht, wozu!« Sie lächelte aber nicht einmal.

»Sie dürfen nicht zürnen! Wollen wir lieber Freunde sein. Besuchen Sie mich einmal. Abends bin ich immer zu Hause. Jetzt wollen wir aber von etwas anderem sprechen. Zu diesem Thema können wir immer noch zurückkehren.«

Und sie brachte das Gespräch mit merkwürdiger leichter Überlegenheit auf andere Dinge, auf irgend etwas Einfaches, aber wahrscheinlich Wichtiges, denn ich merkte nicht nur nichts Unnatürliches in dem Übergang, sondern auch den Übergang selbst nicht. Wir sprachen lange, ich glaube, von allem möglichen, auch von ihren Bildern. In ihrer Stimme, in ihren Worten war immer noch dieselbe leise Bejahung, eine unbewegliche, beinahe bodenlose, traurige Tiefe, dieselbe frische, jugendliche Greisenhaftigkeit, die auch in ihren Augen lag; hier wie dort flößte sie mir das gleiche Entzücken und das gleiche Grauen ein. Unvereinbares, und noch mehr: Dinge, die man gar nicht vereinigen darf, vereinigten sich in ihr.

Wovon ich mit ihr auch sprach, immer sprach ich nur von dem einen: von ihr selbst.

 

IV

Wenn ich euch sagen wollte, daß ich mich in diese Frau verliebt hätte, so wäre es eine Lüge. Ich hatte sie auch nicht liebgewonnen; auch das nicht. Doch je öfter ich sie sah (ich besuchte sie aber jede Woche und später sogar zweimal in der Woche), je mehr ich mit ihr sprach und je mehr ich sie ansah, um so größer wurde jenes bezaubernde Grauen, jenes erschreckende Entzücken, und ich konnte und wollte nicht mehr gegen ihre Gewalt über mich ankämpfen.

Sie lebte allein. Sie verließ selten das Haus. Sie arbeitete viel. Manchmal kamen Gäste, doch ohne besondere Lust, wie sie auch selbst die Gäste ungerne empfing. Ich merkte, daß in ihr wirklich etwas Abstoßendes war, etwas Abstoßendes – für die anderen. Es war wohl dasselbe, was mich so seltsam und lieblos an sie fesselte. Die Leute gingen von ihr, ohne sich viel Gedanken zu machen: es ist etwas Unangenehmes an ihr und fertig.

Zuweilen schien es mir, daß wenn in ihr nicht jenes rätselhafte, meinen Willen lähmende Grauen läge, ich wohl imstande wäre, sie ganz einfach wie ein schönes Weib mit großer, ernster Liebe zu lieben. Anfangs hatte sie mir nicht gefallen; genauer gesagt, war ich anfangs so sehr von dem Unbegreiflichen in ihrem Gesicht erschüttert, daß ich an nichts anderes denken konnte. Später gelang es mir aber manchmal, wenn auch mit größter Mühe, mir dieses blasse Gesicht nur lebensfroh und jung vorzustellen; aber jedesmal stellte sich sofort wieder jenes frühere Gefühl des Grauens ein, noch verstärkt durch den Schmerz über einen großen, unwiederbringlichen Verlust, wie wenn ich an der Bahre eines geliebten Wesens stünde.

Dann dachte ich aber nicht mehr an eine mögliche oder unmögliche Liebe und stand vor diesem schrecklichen Weibe, nur von ihren unweiblichen und unmenschlichen Ketten gefesselt.

Meistens saßen wir im kleinen Salon oder, richtiger, Kabinett neben ihrem Atelier; die Möbel waren darin fast ebenso schwer und dunkel wie hier; und im Kamin glühten manchmal ebenso wie jetzt die Kohlen. Ihr Haus glich einem düsteren Schloß; um die Treppe, die zu ihrem Kabinett und Atelier hinaufführte, zu erreichen, mußte ich jedesmal eine Reihe schweigender Säle passieren.

Die Komtesse empfing mich immer gleich freundlich, immer schön, immer in langem, schwarzem Kleid, als trüge sie ewig Trauer.

Sie war immer gleichgestimmt, ja ... aber ich merkte, und sie verheimlichte es auch gar nicht, daß ihre Freundlichkeit mir gegenüber gleichsam anschwoll und stärker wurde. Ich war immer offenherzig gegen sie; ich konnte gar nicht anders; sie wußte alles, was ich selbst von meinem Gefühl ihr gegenüber wußte; sie kannte alle Qualen des Grauens und des Entzückens, die in mir anwuchsen; und es schien mir, daß sie sie nicht nur kannte, sondern auch die Kraft hatte, sie zu lösen; und doch löste sie sie nicht. Es kam vor, daß ich etwas sprach und sie schweigend zuhörte oder mit einer stillen, traurigen, immer fernen Freundlichkeit einige leise bejahende Worte sagte. Und ich drang niemals in sie ein, ich flehte nicht, ich fragte sie nicht aus und trieb sie nicht zur Eile an: ich konnte es nicht. Als ob ich irgendeinen Weg langsam abschließen müßte und nicht abkürzen dürfte.

Wenn ich allein blieb, war mein Schmerz stärker und brennender; in ihr war aber eine strenge und demütige Stille, der ich mich fügen mußte.

So verging der Winter. Wir waren beinahe intime Freunde geworden, und ich verstand mich und sie ebensowenig wie am Tage unserer ersten Begegnung.

Ich glaubte, ohne sie nicht leben zu können. Aber auch in ihrer Nähe war für mich kein Leben. Die unbegreifliche Last auf meinem Herzen wurde immer schwerer. Ich versuchte einmal, mich ganze acht Tage von ihr ferne zu halten. Es war in den Tagen des Vorfrühlings. Endlich entschloß ich mich, sie wieder zu besuchen, doch nicht sofort, sondern erst in drei Tagen. Dieser Entschluß wurde aber umgestoßen. Denn am nächsten Morgen bekam ich von ihr einen Zettel – es waren die ersten Zeilen, die ich von ihr erhielt –, auf dem sie schrieb:

»Mein Freund, besuchen Sie mich heute abend. Yvonne de Susor.«

Mir kam gar nicht der Gedanke, ihr nicht zu gehorchen. Und zur angegebenen Stunde war ich wieder bei ihr.

 

V

Die Komtesse empfing mich unten. Wir gingen zusammen durch die Reihe leerer Säle und stiegen zusammen die Treppe hinauf.

Im Kamin brannten die Kohlen. Die Decke war beleuchtet, die Wände blieben im Schatten. Sie setzte sich in einen hohen Sessel mit gerader Rückenlehne dicht vor den Kamin. Ein hellroter Widerschein lag auf ihrem stolzen, jugendlichen, beinahe schrecklichen Gesicht. Die durchscheinenden alten Augen nahmen die heißen Strahlen nicht auf und blieben bleich, leblos und schön.

Ehe ich aber in diese Augen blickte, sagte ich ihr, was ich mir in allen diesen Tagen gedacht hatte:

»Sie waren erstaunt, Komtesse, daß ich mich bei Ihnen so lange nicht sehen ließ ...«

Sie antwortete: »Nein. Ich war nicht erstaunt.«

Und ich begriff sofort, daß sie nicht erstaunt war und gar nicht erstaunt sein konnte.

Sie fuhr fort:

»Sehen Sie: ich muß Ihnen etwas von mir selbst erzählen. Bisher durfte ich es nicht. Es war nicht nötig. Aber jetzt ist es nötig. Denn ... denn es steht uns wahrscheinlich eine Trennung bevor.«

Vor dem Worte »wahrscheinlich« machte sie eine Pause, dann sprach sie es mit sichtbarer Anstrengung aus. Es fiel mir unwillkürlich ein, daß ich dieses Wort zum ersten Male aus ihrem Munde hörte. Sie gebrauchte niemals die Worte: »wahrscheinlich«, »ich hoffe«, »ich glaube«, »vielleicht« ... Aber meine ganze Aufmerksamkeit war auf das Wort »Trennung« gerichtet.

»Sie reisen fort?« schrie ich beinahe auf. »Wir müssen uns trennen?«

»Ja. Aber ich reise nicht fort. Doch Sie ... wahrscheinlich ...«

Wieder »wahrscheinlich« und wieder die gleiche Anstrengung.

»Ich reise gar nicht fort! Ich denke nicht daran! Warum müssen wir uns trennen?«

Sie schwieg.

»Es ist ganz gleich«, sagte sie nach einer Weile. »Es ist ganz gleich, ob Sie daran denken oder nicht. Heute muß ich Ihnen etwas erzählen, was Sie nicht wissen. Ich werde es Ihnen erzählen, weil ich Sie liebe.«

Sie sprach diese Worte so einfach und befehlend, so demütig und still, daß es auch mir ebenso still ums Herz wurde. Es kam mir gar nicht in den Sinn, ihr darauf zu sagen, daß ich sie liebe oder nicht liebe. Was ich ihr gegenüber empfand, war größer und unbegreiflicher als jede Liebe.

»Erzählen Sie es mir, wenn es sein muß«, sagte ich. »Auch ich habe das Gefühl, daß es jetzt geschehen muß.«

Eine seltsame Ruhe, beinahe eine Erstarrung bemächtigte sich meiner für einige Zeit. Und so hörte ich ihren langen, stillen, verständlichen und zugleich erschreckenden Bericht an. Und sie erzählte mir folgendes:

 

VI

– Sie wissen, daß der Graf de Susor mich aus gewissen Gründen nicht als seine Tochter anerkennen wollte und daß ich mit meiner Mutter siebzehn Jahre lang fern von ihm leben mußte. Bis zu meinem siebzehnten Jahre, bis zu dem Tage, an dem alles so anders wurde, hatte ich ihn kein einziges Mal gesehen. Wir lebten hier in Paris und litten beinahe Not, um so mehr, als meine Mutter krank war. Ich gewöhnte mich notgedrungen an Selbständigkeit und genoß eine Freiheit, wie sie junge Mädchen in meinem Alter, in meinem damaligen Alter nur selten genießen. Ich hatte viele Schulfreundinnen: es war mir gelungen, in eine Kunstschule zu kommen, denn ich fühlte in mir einen unüberwindlichen Drang, die Malerei zu erlernen. Ich war für mein jugendliches Alter ungewöhnlich energisch, lebhaft und temperamentvoll. Die Ungerechtigkeit des Grafen gegen meine Mutter quälte und empörte mich immer und zwang mich, beim bloßen Gedanken daran vor Wut die Fäuste zu ballen; ich haßte meinen Vater. Ich machte ihn auch für mein unglückliches Geschick verantwortlich. Ich hätte ja ordentlich lernen und berühmt werden können ... Ich hatte viel Selbstvertrauen und glaubte fest an mich selbst. Aber wenn das Leben mich unterkriegt, so dachte ich mir, kann auch ich zugrunde gehen.

– Die Gedanken an mein Schicksal bedrückten mich sehr. Oft hatte ich Furcht vor unbekannten, unvermeidlichen kommenden Schrecken und Mißgeschicken und überlegte mir, wie ich gegen sie ankämpfen könnte, was aus mir und meiner Mutter werden würde, – und ich fand keinen Rat und weinte ganze Nächte hindurch. Manchmal aber war meine Seele von einer lebendigen Hoffnung auf ein leuchtendes grenzenloses Glück erfüllt; ich wollte handeln, wollte meinem Glück entgegeneilen – doch wie sollte ich handeln? Wohin sollte ich gehen? Sie dürfen nicht vergessen, daß ich allein mit meiner halbverrückten Mutter lebte und nur sechzehn Jahre alt war.

– Einmal erzählte mir eine Kollegin, ein junges Mädchen aus guter Gesellschaft, daß ganz Paris jetzt für einen neu aufgetauchten Wahrsager und Propheten schwärme. Man erzählte sich, er sei ein vornehmer Franzose, der viele Jahre in Ägypten, Indien und noch irgendwo verbracht und die alten Geheimwissenschaften in ihrer ganzen abgrundtiefen Weisheit erlernt hätte; daß er mit den neueren Scharlatanen, Hypnotiseuren und Taschenspielern nicht verwechselt werden dürfe und so einfach und einfältig sei wie ein Seher des Altertums. Er sei reich und nehme kein Geld an – dieser letztere Umstand gestatte auch den ärgsten Skeptikern nicht, ihn für einen Scharlatan zu halten. Die vornehmsten Leute lüden ihn zu sich ein, er gehe aber niemals in große Gesellschaften.

– Einige Zeit später las ich fast dasselbe in der Zeitung. Ich dachte einige Tage darüber nach und faßte einen Entschluß. Und eines Abends (am Tage war ich immer beschäftigt) begab ich mich zu ihm.

– Es war mir, als mache ich einen ganz wahnsinnigen Schritt. Wie kann man auch ganz allein, beinahe nachts, zu einem Wahrsager gehen! ... Welcher Unsinn! Welch ein dummer Aberglaube! Er ist doch sicher ein Scharlatan ... Ja, und wenn auch! Warum sollte ich nicht hingehen? Es wird doch sicher interessant sein. Ich malte mir die Ausstattung seiner Wohnung aus und die seltsamen Dinge, die er sich wohl aus Indien und Tibet mitgebracht hat ...

– Schon der Aufgang zu seiner Wohnung enttäuschte mich und bestärkte mich im Gedanken, daß er ein Scharlatan sei. Man hatte von seinem Reichtum gesprochen – keine Spur! Eine ganz gewöhnliche, sogar ärmliche Wohnung in einem billigen Viertel. Ich läutete klopfenden Herzens und hoffte, bei ihm eine große Menschenansammlung vorzufinden. Dieser Gedanke machte mir Mut.

– Statt eines roten oder schwarzen Dieners aus Indien machte mir eine recht schmutzige femme de ménage die Tür auf und führte mich sofort in ein kleines, sehr dürftig ausgestattetes Empfangszimmer. Keine Seele war darin. Ich wollte mich schon hinsetzen, als plötzlich aus dem Nebenzimmer ein ganz gewöhnliches altes Männchen im grauen Schlafrock, ein wenig kahl, mit kurzem grauen Bärtchen, hereinkam. Das war der Wahrsager selbst.

– Sein kleines, runzliges, freundlich und verschmitzt lächelndes Gesicht mißfiel mir. Es war auch etwas Komisches an ihm.

– Er fragte mich weder nach meinem Namen noch nach dem Zweck meines Besuchs; es war auch zu leicht zu erraten, wozu ich hergekommen war. Er setzte sich vor einen schmalen und langen Tisch, auf dem eine Lampe brannte, und ließ mich ihm gegenüber Platz nehmen. Freundlich, beinahe einschmeichelnd bat er mich, ihm meine Hand zu geben, und ich reichte sie ihm ohne jedes Zögern. Welch ein Unsinn, dachte ich mir. Er betrachtete lange meine Handfläche und fragte mich nach dem Jahr und dem Datum meiner Geburt. Dann blickte er mir einige Male in die Augen.

– Er schwieg eine Weile und begann zu sprechen.

– Je länger er sprach, um so mehr bemächtigten sich meiner Ärger und Zorn. Ich wollte ihn einfach auslachen. Endlich riß ich meine Hand los und lachte ihm nicht ohne Verachtung ins Gesicht.

– »Nicht wahr, das ist wohl alles, was Sie mir sagen können?«

– »Ja, mein Kind ... Ich lese es in Ihrer Hand und in Ihren Augen. Ein beneidenswertes Schicksal erwartet Sie. Sie werden reich und berühmt sein ... Sie haben jetzt auch manche Unannehmlichkeiten zu ertragen, aber die werden vergehen. Ein langes Leben in Glanz und Reichtum, eine einzige glückliche Liebe ... Sie werden wohl einige Male krank sein, werden aber genesen, denn ein langes Leben ...«

– Mit einem Worte, er wiederholte, fast in den gleichen Ausdrücken, alles, was er schon einmal gesagt hatte, und fügte nur weniges hinzu. Diese häßlichen, nichtssagenden, nichts und alles versprechenden banalen Phrasen versetzten mich beinahe in Raserei. Irgendein Dämon bemächtigte sich meiner immer mehr, und ich schrie auf:

– »Gehen Sie mit Ihrer ekelhaften Scharlatanerie! Wenn doch nur einer von Ihresgleichen ein bißchen Phantasie hätte! Alle Wahrsager in der ganzen Welt sagen allen Narren die gleichen Phrasen, die für alle gleich gelten! Langes Leben ... Liebe ... Krankheit ... Unannehmlichkeiten ... die aber vergehen werden ... Jede Köchin versteht die gleichen Dinge aus den Karten zu lesen! Wozu dann alle die Weisheiten, alle die alten Wissenschaften Indiens?! Wie langweilig!«

– »Mein Kind ...«, begann der Alte wieder.

– Ich unterbrach ihn aber. Ich war allzu aufgeregt und bitter empört. Ich sprang von meinem Stuhl auf und fuhr fort, vor ihm stehend, mit unerwarteter Heftigkeit:

– »Nein, ich werde Ihnen nur dann glauben, wenn Sie mir meine Zukunft, so wie sie wirklich sein wird, voraussagen, und zwar meine Zukunft, hören Sie, meine eigene! Es gibt keine zwei gleichen Schicksale, wie es auch keine zwei gleichen Seelen gibt, und ich will mein eigenes Geschick, mein Glück, mein Unglück, mein Herz mit meinen zukünftigen Gefühlen wissen – nur dies will ich wissen, sagen Sie mir alles, wenn Sie es können, nennen Sie mir die Farbe der Tapeten in dem Zimmer, wo mich mein Glück erwartet! Zeigen Sie mir die Augen des Menschen, den ich lieben werde! Dann, nur dann werde ich glauben, daß es eine Weisheit, ein Wissen, ein Voraussehen gibt! Sie können es aber nicht. Also schweigen Sie lieber. Trösten Sie die anderen mit Ihren alten Wissenschaften!«

– »Mein Kind ...«, sagte der Alte wieder.

– Ich sah ihn an. Er lächelte nicht mehr. Er erschien mir plötzlich erschrocken und zugleich erschreckend. Ich verstummte. Auch er schwieg. Dann sagte er mit seltsam veränderter Stimme:

– »Sie sind es also?«

– Und er lächelte, aber schon ganz anders. Boshafte Freude und Mitleid waren in diesem Lächeln.

– Ich wußte nicht, was ihm zu sagen.

– »Sie sind es also?« wiederholte er.

– Und er fuhr fort, ohne meine Antwort abzuwarten:

– »Sie wollen Ihr Schicksal wissen, Ihr ganzes Schicksal, restlos, bis zur Farbe der Augen Ihres Geliebten? Bis zur letzten Regung Ihres zukünftigen Herzens? Bis ...«

– »Sie verhöhnen mich! Sie wiederholen zwecklos meine eigenen Worte! Ja, gewiß, ich will es! Und ich weiß, daß es unmöglich ist, und ich verachte Sie mit allen Ihren Wissenschaften, weil ich nichts anderes will. Leben Sie wohl.«

– Ich ging einen Schritt zur Tür. Ich muß gestehen, daß er gar keinen Versuch machte, mich zurückzuhalten. Als ich ihn aber ansah, mußte ich stehenbleiben.

– Dann sagte er:

– »Ja, Sie sind es. Es war mir gesagt worden, daß einmal, ein einziges Mal, zu mir eine Frau kommen und das zu wissen begehren wird, was Sie begehren. Und es wird mir erlaubt sein – nur dieses eine Mal! – ihren Wunsch zu erfüllen. Erlaubt und nicht befohlen. Ich darf den Wunsch auch nicht erfüllen, wenn Sie auf ihn verzichten.«

– Er sagte dies so, daß ich ihm glauben mußte.

– »Niemals werde ich darauf verzichten! Niemals! Oh, ich flehe Sie an! Schnell, schnell, sofort, wenn Sie es nur können!«

– »Sie brauchen mich nicht anzuflehen«, sagte er beinahe streng. »Ich tue es, wenn Sie den Wunsch nicht zurückziehen. Doch heute und sofort werde ich es nicht tun. Sie müssen sich Ihre Bitte noch überlegen. Gehen Sie nach Hause und denken Sie darüber nach. Wenn Sie auch dann noch nicht verzichten, so kommen Sie morgen um dieselbe Zeit. Und wenn Sie morgen nicht kommen ...«

– Ich fühlte, daß ich ihm nicht widersprechen durfte. Und ich sagte ihm nur:

– »Gut, ich komme morgen. Gewiß komme ich! Ich habe mir nichts zu überlegen und brauche gar nicht nachzudenken.«

– »Nein, das brauchen Sie wohl«, entgegnete er eindringlich und stand auf, um mich hinauszubegleiten. »Überlegen Sie es sich, überlegen Sie es sich, mein Kind. Und ...«, fügte er plötzlich leise hinzu, die Tür schließend, »wenn Sie daran denken, so beten Sie zu irgendwem ... zu wem Sie wollen.«

 

VII

– Vor Erwartung, Aufregung und Freude schlief ich fast die ganze Nacht nicht. Es war mir ganz unmöglich gewesen, dem Alten nicht zu glauben, als er seine letzten Worte sprach. Ich glaubte ihm blind und ärgerte mich nur darüber, daß er aus Eigensinn die Sache vierundzwanzig Stunden hinausschob. Was sollte ich mir noch überlegen? Was sollte ich noch zweifeln? Mir wird ein so außergewöhnliches Glück gewährt, die Macht des Wissens! Es werden vor mir die verborgensten Geheimnisse der Zukunft aufgetan! Andere Menschen setzen ihre Seele darauf, um nur einen Teil zu erfahren, ich aber werde alles wissen! Welch ein Wahnsinniger würde darauf verzichten?! Ich lachte über den Rat des Alten, mir die Sache zu überlegen, und fragte mich nur, auf welche Weise ich wohl alles erfahren würde. Wird er es mir erzählen? Worte können aber keine volle Vorstellung geben. Wird er es mir zeigen? Mit den Augen kann man aber seine eigenen Gefühle und Gedanken nicht schauen. Er versprach aber, mir alles, alles zu geben! Ich werde meinen Vater kennenlernen und erfahren, wie ich mich an ihm rächen werde. Daß ich mich an ihm rächen würde, stand für mich fest.

– Die Nacht verging, unendlich lange zog sich der Tag hin. Ich blieb den ganzen Tag zu Hause. Ich dachte wirklich genügend nach! Den anderen Rat des Alten, zu jemand zu beten, hatte ich vergessen. Ich war niemals besonders religiös gewesen. Um was sollte ich auch beten, was sollte ich mir erflehen, wo ich doch alles wissen würde?!

– Der Dämon des Lachens hatte sich meiner bemächtigt. Den ganzen Tag lachte ich grundlos und beantwortete jede Frage, die man an mich richtete, mit Gelächter. Sobald es dunkel geworden war, setzte ich mir den Hut auf und irrte lange Zeit durch die Straßen. Ein feiner Herbstregen ging nieder. Ich enthielt mich kaum des Lachens beim Anblick der armen farblosen Menschen, die durch den Schmutz wateten, vor jedem ihrer Schritte zitterten und mit jedem Schritt ins Unbekannte, ins Ungewisse, ins Dunkle traten. Sie wußten nicht, was sie hinter der nächsten Straßenbiegung erwartete. Diese Armen, diese Elenden!

– Die Zeit verging. Die festgesetzte Stunde rückte heran. Und zur festgesetzten Stunde stand ich vor der Tür des Alten.

– Er machte mir sofort selbst auf. Ich sah keinen Menschen, auch die Magd von neulich nicht. Der Alte hielt eine brennende Kerze in der Hand, obwohl im Vorzimmer und im Empfangszimmer Lampen brannten.

– »Da sind Sie, mein Kind«, sagte der Alte. »Sie sind gekommen. Ich habe es mir auch gedacht.«

– Er hatte den gleichen grauen Schlafrock an und sah genauso wie gestern aus und doch ganz anders: Er zitterte wie vor einer berauschenden heimlichen Freude, die sich mit boshafter Angst, beinahe Grauen paarte. Er erinnerte an einen scheuen, abstoßenden, grauen alten Vogel und zog wie ein Vogel seinen kahlen Kopf in den breiten Kragen seines Schlafrocks ein. Gleich im ersten Augenblick spürte ich seine Macht und fühlte wieder, daß er mich nicht betrügen würde.

– Der Alte blieb im Empfangszimmer, ohne die Kerze aus der Hand zu lassen, stehen, wie von noch größerer Angst ergriffen, und sagte:

– »Sie haben es sich überlegt, mein Kind, Sie haben sich selbst entschlossen ... Ich riet Ihnen nachzudenken. Und nun sind Sie nach freier Überlegung zu mir gekommen, nicht wahr, mit der gleichen Forderung, daß ich ...«

– »Ja, ja!« rief ich ungeduldig aus. »Sie werden doch nicht dieselben Worte wiederholen! Es ist beschlossen!«

– Sein Zittern steckte auch mich an. Ich lachte nicht mehr und freute mich auch nicht mehr. Mich ergriff eine unangenehme, dunkle Unruhe. Ich fürchtete, daß mich Entsetzen packen würde. Das Entsetzen war irgendwo ganz in der Nähe ... obwohl gar kein Grund dafür da war. – »Werden Sie noch lange Geschichten machen?!« schrie ich ihn fast grob an.

– Der Alte wandte sich sofort zu mir und sagte mit unerwarteter Ruhe und Strenge: »Folgen Sie mir!« Dann ging er zur Tür in der Ecke, die ich vorhin gar nicht bemerkt hatte. Er machte die Türe auf und trat ein.

– Ich zögerte einen Augenblick an der Schwelle, nur einen kurzen Augenblick ... als ob mich eine sanfte, liebevolle Hand zurückhalten wollte. Die Hand wurde aber zurückgezogen, eine plötzliche Angst lief mir wie eine kalte Maus über den Körper und verschwand gleich wieder. Und ich folgte dem Alten.

– Ein sehr großes, riesengroßes, ganz leeres Zimmer mit niederer Decke. Nichts als Fußboden, Decke und sehr glatte, sehr weiße Wände. Ich sah sogar keine Fenster. An der einen Wand befand sich übrigens ein Kamin, groß und schwarz wie ein gähnender alter Mund. Auf diesen Kamin setzte mein Begleiter die Kerze. Nun sah ich fast in der Mitte des Zimmers einen Stuhl, einen einzigen, ganz gewöhnlichen hölzernen Stuhl.

– Mir schien nun, daß ich wieder etwas Besonderes: Dämmerlicht, geheimnisvolle Teppiche, betäubendes Räucherwerk, etwas Zauberhaftes und Erschreckendes, erwartet hätte, und die seltsame weiße Leere des Zimmers enttäuschte mich; das Entsetzen, das irgendwo in der Nähe herumschlich, war nicht das Entsetzen, das ich mir vielleicht ersehnte, sondern ein unangenehmes, dunkles, stumpfes, schwüles Gefühl, dem trüben Schein einer Kerze im riesengroßen Zimmer verwandt.

– »Setzen Sie sich, mein Kind, setzen Sie sich auf den Stuhl«, sagte der Alte geschäftig, mit der gleichen boshaften und freundlichen Scheu. »Setzen Sie sich. Sofort ... Sofort ...«

– Ich setzte mich gehorsam hin, so wie der Stuhl stand, mit dem Rücken zum Kamin und mit dem Gesicht zu der endlosen weißen Wand, die mit der Decke und den anderen beiden Wänden zusammenfloß. Ich hatte mich schon wieder etwas erholt und dachte sogar an die Dinge, die mich früher beschäftigt hatten. Er wird mir offenbar nichts erzählen. Vielleicht werde ich alles auf dieser weißen Wand sehen.

– Die Wand war aber weiß, glatt und tot.

– Der Alte sagte sicher und kühl:

– »Mein Kind, ich trage die Verantwortung, wenn ... Zum letzten Male: Wollen Sie es ...?«

– »Ja, ja!« sagte ich. Ich sagte es aber, ohne mir dabei etwas zu denken; meine Zunge sagte es und nicht ich.

– Der Alte holte ein weißseidenes Tuch aus der Tasche seines Schlafrocks.

– »Schön. Schön. Es sei!« sagte er schnell. »Bleiben Sie ruhig sitzen. Es geschieht nichts. Ich werde Ihnen nur meine Hände auf den Kopf legen. Ich selbst darf aber nichts sehen. Ich darf es nicht. Ich werde mir die Augen verbinden.«

– Und er schlang mit zitternden Händen die Enden des Tuches um seinen kahlen Kopf. Das Tuch war zu groß, und die Enden hingen komisch herab. Der Alte trat aber sofort hinter meinen Stuhl, und ich hörte nur noch sein Flüstern:

– »Sofort. Sofort. Sind Sie es? Ich werde meine Hände auf Ihren Kopf legen. Ich werde sie senken und dann wieder heben. Und sonst nichts ... und sonst nichts ...«

– Das Flüstern verstummte. Ich fühlte, daß er langsam die anscheinend gefalteten Hände auf meinen Kopf herabsenkte, ohne ihn noch zu berühren. Da berührte er ihn schon ... Ach, was für schwere Hände! Er berührte meinen Kopf und ...

– Und hob die Hände sofort wieder. Zwischen der Abwärts- und der Aufwärtsbewegung war gar keine Zeit vergangen. Wir können eine Zeitspanne noch so sehr verkleinern – bis zu einer Tausendstel, bis zu einer Millionstel Sekunde –, es wird doch immer eine Zeitspanne bleiben; hier war aber gar keine Zeit. Und es wäre doch eine Lüge, wenn ich sagte, daß es gar nichts war. Gar nichts! Nein, alles, – nur keine Zeit.

– Ich stand auf. Ich wandte mein Gesicht dem Alten zu. Er riß seine Binde herunter und blickte mein neues, jetziges Gesicht aus der Nähe an – ich kann mich noch an seine Augen erinnern: unglückliche, klagende Augen voller Bosheit und Todesangst. Mit solchen Augen blickt der Mörder oder Gewalttäter auf das Werk seiner Hände.

– Er blickte mich an und wandte sich weg. Ich ging hinaus, ohne mich umzuschauen. Er blieb zurück.

 

VIII

– Es ist Ihnen noch nicht klar, was mit mir damals war, in jener ... Spanne zwischen seinen beiden Handbewegungen, als es keine Zeit gab. Ein gewöhnlicher, glücklicher, lebendiger Mensch kann das wohl schwer verstehen. Ich will versuchen, es Ihnen zu erzählen, und wenn Sie darin etwas nicht verstehen, so setzen Sie an Stelle des Unverständlichen den Glauben: Sie können es.

– Ich wollte mein zukünftiges Schicksal wissen, mein ganzes künftiges Erdenleben, so wie ich es leben werde. So wie ich es fühlen werde. Alles bis zu meiner Sterbestunde, jeden Augenblick meiner Zukunft. Um das zu wissen, müßte ich meine Zukunft leben. Und ich durchlebte sie auch. Sie müssen mir glauben, wenn ich es Ihnen sage: in jenem ... Stück Zeitlosigkeit oder Ewigkeit zwischen den beiden Handbewegungen des Alten habe ich, ich selbst, die ich nicht sah, sondern von innen heraus fühlte (ebenso wie ich mich auch jetzt nicht sehe, sondern von innen heraus empfinde) – alle Augenblicke, Stunden und Jahre, die mir beschieden sind, durchlebt, alle Gedanken, die ich schon hatte und die ich noch haben werde, durchdacht, alle Tränen, die ich dereinst vergießen werde, vergossen, alle Mühe ertragen, alle Krankheit durchgemacht, alle Worte, von denen ich manche erst später hören werde, gehört, alles, was ich je wissen werde, erfahren und alles, was ich je sehen werde, gesehen; ich habe alles durchgemacht, alles bis zur letzten Zuckung meines Körpers im letzten Todeskampf ... –

Komtesse Yvonne hielt inne. Sie hatte recht gehabt: ich konnte ihre Worte noch nicht verstehen, noch nicht aufnehmen.

»Glauben Sie!« sagte sie nach einer Weile. »Nur mit dem Glauben können Sie begreifen und sich vorstellen, was es ist und was ich jetzt bin. Alle kennen ihre Vergangenheit. Ich aber kenne meine Zukunft ebenso genau, wie die anderen ihre Vergangenheit kennen. Ich erinnere mich an meine Zukunft.«

»Komtesse ...«, stammelte ich, »wir vergessen doch oft unsere Vergangenheit ... Kann man sich denn an alles erinnern ... Auch Sie können vergessen ...«

»Wir vergessen ... ja, gewiß, man kann sich nicht an alles mit der gleichen Lebendigkeit erinnern. Das ändert aber nichts an der Sache. Kaum richten Sie Ihre Gedanken auf irgend etwas in Ihrer Vergangenheit, und sofort steht es wieder vor Ihnen in erprobter Klarheit. So geht es auch mir: wenn ich nur an etwas aus meinem Leben denke, so steht es sofort vor mir. Und ich weiß sogar, wann und mit welchen Gefühlen ich daran denken werde. Jeden Gedanken, jede Regung des Körpers und der Seele erlebe ich zum zweiten Male, und ich kenne die Zeit, wann sie kommen. Ich habe das zweite Leben sogar doppelt durchlebt, denn auch mein erstes Erleben, damals im Abgrund der Zeitlosigkeit, war nur eine klare, treue Spiegelung dieses zweiten Lebens, war also dieses selbe Leben mit dem Wissen! Mein Freund, Sie sind der Mensch, den ich liebe, den ich schon einmal geliebt habe, den ich verlieren werde und schon verloren habe – Sie werden, wenn nicht mit der Vernunft, so doch mit dem Herzen, mit der ganzen Freiheit und dem ganzen Glück Ihres Herzens verstehen, wie beispiellos, wie abgrundtief mein Leid ist: ich habe Sie niemals zum ersten Male geliebt; ich liebe Sie wieder und wieder zum zweiten Male! Und ich werde Sie wieder verlieren, nur weil ich eine erste Liebe niemals kannte ...«

Ich wußte selbst nicht, ob ich sie verstand. Inmitten eines grauen, erstickenden, flachen Entsetzens drängten sich in meinem Kopf Bruchstücke von Gedanken, abgerissene Fragen. Und ich brachte mit Anstrengung hervor:

»Komtesse ... Komtesse ... Ist Ihnen denn kein freier Wille gegeben? Es ist ja das alte Fatum ... Ich kann unmöglich glauben, daß wir nicht die Gewalt hätten, unser Schicksal zu meistern.«

»Ja, es gibt wohl einen freien Willen. Und ich nahm diesen freien Willen und verausgabte ihn auf einmal ... an jenem Abend beim Alten. Ich änderte mein Schicksal, indem ich mich aus freiem Willen entschloß, zu wissen. Mein Schicksal änderte sich durch meinen Willen. Und ich lernte das schon veränderte (durch meinen Willen veränderte) Schicksal kennen; aber jenes Schicksal, das sich erfüllt hätte, wenn ich es nicht zu wissen begehrte – jenes Schicksal kenne ich nicht. Jenes Schicksal erwartet mich ja auch nicht. Jenes Schicksal hat mir der Alte am ersten Abend vorausgesagt. Äußerlich sieht es meinem Schicksal ähnlich. Eine einzige Liebe ... Er sagte aber: eine glückliche. Und ich habe eine unglückliche Liebe erlebt und werde sie noch erleben. Unglücklich ist sie aber nur darum, weil ich alles habe wissen wollen, und dadurch, daß ich alles erfuhr, alles änderte.«

»Wenn Sie aber nur wollten, Komtesse«, begann ich von neuem. »Wenn Sie doch noch etwas ändern wollten ... Vor der vorbestimmten Stunde sterben? ... Ändern, ändern ...«

»Bevor ich etwas will, weiß ich schon, daß ich es wollen und darum auch tun werde. Ich weiß, wieviel Male ich noch diesen qualvollen Wunsch haben werde, gegen das Unabwendbare anzukämpfen und das Unvermeidliche vor dem Ende abzubrechen ... Und ich weiß, welche Gedanken und Gefühle mich davon abhalten werden. Ich will es Ihnen sagen.«

Sie stand auf und lehnte sich an den Kamin. Ganz schwarz, so schrecklich wie das Schicksal selbst stand sie vor mir. Ich sah sie nicht mehr als einen Menschen an.

»Zur Strafe dafür, daß ich aus freiem Willen das wohltätige Gesetz des Nichtwissens übertreten habe, bin ich von allem Menschlichen losgerissen; ich bin allein. Die Menschen leben, das heißt, sie wollen, sie glauben, zweifeln, streben, freuen sich, hoffen, verzweifeln, fürchten, beten ... Für mich gibt es aber im Leben weder Furcht noch Hoffnung. Ich habe nichts zu erwarten, nichts zu bezweifeln, nichts zu erflehen. Eine Zeit – in der Zeit – gibt es für mich nicht. Es gibt nichts. Doch ... nur in der Zeit! Nur im Leben! Und dort? Wenn ich wieder, zum zweiten und letzten Male, den Todeskampf durchgemacht und die Augen geschlossen habe – was kommt dann? Sehen Sie, da frage ich, weil ich da noch das ganze Glück des Nichtwissens, des Glaubens, der Erwartung, der Hoffnung habe! Darin bin ich den Menschen gleich und verwandt. Darin hoffe und fürchte ich – und darum will und kann ich nicht wollen, eigenmächtig das Maß der Strafe abzukürzen: ich will es voll abtragen. Und vielleicht ... ja, vielleicht – werde ich dort Ruhe und meine menschliche Kraft und eine neue, ewige Freiheit finden.«

Sie stand vor mir, das Gesicht dem Kaminfeuer und mir zugewandt. Ihr Gesicht veränderte sich plötzlich, für einen kurzen Augenblick, so daß ich es nicht wiedererkannte: von den roten Strahlen übergossen, jung, nur jung und ewig, war es so herrlich schön, daß ich nicht wagte, sie anzublicken, und zitternd meine Augen senkte. Als ich meinen Blick wieder hob, war schon alles vorüber. Das frühere schreckliche Weib blickte mich mit den früheren alten, leeren Augen an.

Nun hatte ich sie wohl verstanden. Denn ein unsagbares Entsetzen erfüllte meine Seele; aber in diesem Entsetzen war nicht mehr jenes bezaubernde, anziehende, den Willen lähmende Entzücken, das sich immer mit der Angst paart, wenn wir den Grund der Angst nicht kennen oder nicht verstehen. An Stelle des Unverständlichen, Unbekannten war das Wissen getreten – das Entsetzen verzehnfachte sich und mischte sich mit Schmerz und stechendem Mitleid, aber das Entzücken war verschwunden. Es blieb wohl ein Entzücken vor dem ewig unfaßbaren Wesen der unmenschlichen Gesetze, doch nicht vor ihr, nicht vor dieser Frau, denn das schreckliche Schicksal dieser Frau war mir nun klar.

Im Entsetzen der Verzweiflung ist kein Entzücken. Es ist nur eine stumpfe Stille. Meine Seele füllte sich mit dem Entsetzen der Verzweiflung und mit Stille.

Es vergingen einige Augenblicke.

Yvonne setzte sich wieder in den Sessel. Die Kohlen verglommen.

»Ich will Ihnen noch einige Worte sagen«, sprach sie mit ihrer dumpfen, müden Stimme. »Es fiel mir schwer, Ihnen alles zu erzählen, aber so ist es besser, und es ging auch nicht anders. Nur zwei Menschen in meinem ganzen Leben habe ich dies erzählen müssen. Nur zweien war es gegeben, ganz dicht an mein Leben heranzutreten, das Schreckliche und Geheime in meinem Gesicht zu erkennen und darob Schmerz zu empfinden. Und ich erzählte es ... dem einen, weil ich ihn liebte, dem anderen, weil ich ihn haßte. Hätten Sie es nicht erfahren, so wäre es für Sie schlimmer. Hätte er es nicht erfahren ... Was soll ich übrigens davon sprechen – habe ich denn anders handeln können, als ich handelte? Dieser zweite ... erste ... es ist ja dasselbe – war mein Vater, der Graf de Susor. Wie Sie wissen, hat er sich schließlich mit meiner Mutter ausgesöhnt und uns zu sich genommen. Er gewann mich lieb, es war eine wahnsinnige Liebe – so verstand nur er allein zu lieben und nur mich, seine Tochter, vor der er sich schuldig fühlte. Während seines ganzen ferneren Lebens kannte er nur zwei Gefühle: die Liebe zu mir und die Angst vor dem Tode.«

Die Komtesse hielt inne, blickte mich starr an und fuhr fort: »Ja, Sie haben es erraten, es ist so. Es ist allzu klar: ja, ich kenne meine Zukunft und die Zukunft aller Menschen, die mit mir in Berührung kommen; und zwar gerade in den Berührungspunkten. Ich kenne ja alle Worte, die ich dereinst hören werde und die noch nicht gesprochen worden sind! Sagen wir es so: ich weiß, daß mir jemand in der Zukunft von einem Unglück, das nur ihn allein betrifft, berichten wird. Ich kenne also schon sein Unglück aus seinen künftigen Worten, die er selbst noch nicht kennt. Ich habe aber noch niemals und niemand etwas davon gesagt und werde es auch niemals tun. Niemals! Ich werde das Glück des Nichtwissens niemals stören, ich kann es nicht, ich darf es nicht! Und ich gehe meinen Weg und vermeide jede Berührung mit den Menschen. Es ist gut, daß mein Weg einsam ist. Es ist gut, daß nur zwei Menschen vor meinem Gesicht stehengeblieben sind. Es ist mir gegeben, Sie durch die Enthüllung der Wahrheit vor Unheil zu schützen. Ich liebe Sie. Meinen Vater hat aber die Wahrheit getötet. Ich hasse ihn ... oder haßte ihn. Seine Liebe und sein Scharfblick verurteilten ihn zu ewigen Qualen in meiner Nähe. Ich sagte ihm, daß die Wahrheit ihn töten würde. Er glaubte es mir nicht. Nun sagte ich ihm alles. Und ... ich sagte ihm die Stunde seines Todes. Ihm, nur ihm allein! Aber ich konnte nicht anders! Denn die Stunde, in der ich es ihm sagte, war auch seine Sterbestunde. Ich wußte von seinem Tod, und er starb in meinen Armen. Liebe, Mitleid, Verzweiflung und Angst vor dem unvermeidlichen Tod hatten ihn getötet.«

»Der Tod! Der Tod!«

Dieses Wort, das einzige Wort, das für sie noch eine Hoffnung enthielt, hauchte mich mit der letzten Kälte an. Was tue ich hier noch, ich Elender, Erdrückter, Unwissender – und Glücklicher, weil ich noch lebe? Warum bin ich mit diesem Weibe? Sie liebt mich ... Nein, es ist nicht gut für den Lebenden, wenn ihn ein Toter liebt. Auch ich habe sie geliebt ... oder ich hätte sie geliebt ... ich weiß nicht, ich weiß nicht! Dürfen wir denn noch den Geliebten lieben, wenn sich über ihn der Sargdeckel geschlossen hat?

Ich erhob mich mit großer Mühe, wie ein Schwerkranker. »Komtesse«, sagte ich. »Ich kann jetzt nicht sprechen. Ich weiß nicht, ob es für mich besser oder schlimmer ist, daß Sie mir alles erzählt haben. Ich habe Ihnen aber noch nie eine Unwahrheit gesagt. Und sobald ich nur die Kraft habe, meine Seele zu begreifen, werde ich Ihnen alles ...«

»Sie werden mir schreiben«, sagte sie einfach, sich von ihrem Platz erhebend.

Ich wollte fragen: »Warum schreiben?«, erinnerte mich aber, daß sie alles wußte, daß sie alles besser wußte ... Ja, wahrscheinlich werde ich ihr schreiben ...

Meine Beine waren schwer, wie erstarrt, so daß ich sie kaum bewegen konnte. Vor der Tür blieb sie stehen, nahm meinen Kopf zwischen ihre beiden Hände und küßte mich auf den Mund.

Ich fühlte in diesem Kuß die ganze Kälte, die ganze Feierlichkeit, die ganze unerforschliche Majestät und die ewige, unheimliche Gewalt des Todes, der sich mit Liebe paart.

Und wie ein unwürdiger Pilger vor einem toten, doch heiligen Körper niederkniet, so fiel ich in unsagbarer Andacht vor den Füßen dieses Weibes nieder und küßte den Saum ihres Gewandes. –

 

IX

Ich habe nur noch wenige Worte hinzuzufügen.

Am nächsten Tag erhielt ich ein Telegramm, daß mein Vater schwer krank sei und daß ich sofort nach Rußland reisen müsse. Ich beschloß in der Nacht abzureisen. Vor der Abreise hatte ich aber noch Zeit, der Komtesse zu schreiben ... beiläufig dasselbe, was ich euch eben erzählt habe – von mir und meiner Seele. Ich konnte sie nicht anlügen. Ich schrieb ihr, daß ich verreise, und warum ich verreise. Sie hatte es ja schon gestern gewußt! Sie hatte mir gesagt: »Sie werden verreisen ...« Sie kannte schon gestern meine Seele: ich schrieb ihr heute alles, sie hatte aber den noch nicht geschriebenen Brief schon gelesen!

Ich befand mich in einem seltsamen Zustand: es war halb Schlaf, halb Fieberdelirium. Das Unglück – das Telegramm aus Rußland war für mich ein Glück. Ich mußte verreisen.

Mein Vater starb. Ich kehrte nach Paris nicht mehr zurück. Von der Komtesse bekam ich keine Antwort, und ich erwartete auch keine Antwort. Ich sah sie nie wieder ... Aber ich liebte kein einziges Weib mehr. Und nicht nur meine Liebe – sondern auch noch vieles andere in mir – meine Gedanken an den Tod, meine schrecklichsten, heiligsten Hoffnungen, alles, was im Leben des Menschen nicht Platz hat – ist in mir mit steten Gedanken an sie verquickt. Meine Freunde! Verzeiht, ich habe den Namen geändert, ich habe meine Erzählung viel zu unaufrichtig und leichtsinnig begonnen; ich hoffte, daß ihr sie als eine Erfindung auffassen werdet. Ich sehe aber, daß ihr das ganze Grauen der Wahrheit begriffen und erkannt habt, wie eng diese Erinnerung mit meiner Seele verwachsen ist. Vielleicht ist meine ganze Seele aus diesem Grauen, aus diesem Schmerz gewachsen. Ich möchte, daß ihr es begreift ... und wenn ihr etwas nicht begriffen habt – daß ihr daran glaubt: denn der Glaube ist uns gegeben!

Die Komtesse lebt heute noch, und viele von euch haben schon ihren wahren Namen gehört. Er ist sehr bekannt. Die Komtesse lebt – sie wird das volle Maß der Leiden tragen, weil sie das unübertretbare Gesetz des Nichtwissens übertreten hat. Aber auch ihrem Wissen ist ein wohltuendes Ziel gesetzt – der Tod.

Die Komtesse lebt – und ich denke immer an sie. Ich werde sie aber nicht wiedersehen. Und wenn ich sie wiedersehe, so nicht hier, sondern dort, wo es eine Gnade und ein Verzeihen gibt. –

 

Politow verstummte. Auch die Freunde schwiegen. Die Kohlen verglommen lautlos im Kamin. Dunkle Wände. Dunkle Vorhänge. Eine dunkle, warme und schwere Stille. Die Zeit stand gleichsam still – so still, so stumm rollten die dunklen Wellen der dunklen Zukunft über die unbewegliche Grenze der Gegenwart, um sich in die sichtbare und bekannte Vergangenheit zu verwandeln.

Und alle fürchteten, sich zu rühren, fürchteten, durch die Wirklichkeit der Gegenwart das Bekannte vom Unbekannten zu scheiden.








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