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Das Zeichen der Vier

Arthur Conan Doyle: Das Zeichen der Vier - Kapitel 9
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typenarrative
authorArthur Conan Doyle
titleDas Zeichen der Vier
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesGesammelte Detektivgeschichten von Conan Doyle
volumeII
printrun17.-19. Tausend
illustratorRichard Gutschmidt
year1906
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20111101
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Achtes Kapitel

Das Freikorps aus der Bakerstraße

»Was nun?« fragte ich. »Toby hat den Ruf der Unfehlbarkeit verloren.«

»Er handelte nach seiner Einsicht,« versetzte Holmes und hob den Hund vom Faß herunter. »Es wird ja täglich Kreosot durch London gekarrt, man braucht es hauptsächlich um das Holz zu tränken; kein Wunder, daß unsere Fährte gekreuzt worden ist. Der arme Toby ist ohne Schuld.«

»Sollten wir nicht die erste Spur wieder aufsuchen?«

»Ja, und das ist glücklicherweise nicht weit. Was den Hund an der Ecke des Knights-Platzes verwirrte, war offenbar, daß da zwei verschiedene Spuren in entgegengesetzter Richtung auseinandergingen. Wir sind der falschen gefolgt und brauchen also nur auf die andere zurückzugehen.«

Das machte keine Schwierigkeit. Als wir Toby auf den Platz führten, wo er seinen Fehler begangen hatte, kreiste er in der Runde umher und schoß endlich in einer neuen Richtung fort.

»Wenn uns der Hund nur nicht an den Ort bringt, von wo das Faß Kreosot herkam!« bemerkte ich.

»Davor war mir auch bange, aber sehen Sie, er bleibt auf dem Pflaster des Bürgersteigs, während der Karren den Fahrweg benützt hat. Nein, nein – jetzt sind wir auf der richtigen Fährte.«

Sie leitete uns abwärts auf das Flußufer zu, den Belmont-Platz und die Princestraße kreuzend. Am Ende von Broadstreet lief sie geradeswegs nach dem Wasser hin, wo sich eine kleine, hölzerne Schiffswerft befand. Toby führte uns bis zum äußersten Rande, dann stand er winselnd still und guckte auf den schwarzen Strom hinaus.

»Das Glück ist uns nicht hold,« sagte Holmes. »Hier haben die Flüchtlinge ein Boot genommen.«

Verschiedene kleine Fahrzeuge lagen teils im Wasser, teils auf der Werft umher. Wir brachten Toby zu einem nach dem andern, aber, obgleich er eifrig schnüffelte, gab er kein Erkennungszeichen.

Dicht bei dem Landungsplatz lag ein kleines Ziegelhaus. Auf dem hölzernen Aushängeschild am zweiten Fenster stand in großen Buchstaben zu lesen: ›Mordecai Smith‹ und darunter ›Boote zu vermieten auf Stunden oder tageweise.‹ Eine zweite Inschrift über der Thür that jedermann kund, daß daselbst ein Dampfboot gehalten werde, worauf übrigens auch die großen Haufen Coaks schließen ließen, die auf dem Damme lagen. Holmes sah sich langsam um und sein Gesicht nahm einen unheilverkündenden Ausdruck an.

»Das sieht schlimm aus,« sagte er. »Die Kerle sind geriebener, als ich erwartete. Sie haben gesucht, ihre Spur zu verwischen. Ich fürchte, es handelt sich hier um eine im voraus abgekartete Sache.«

Jetzt öffnete sich die Thür des Hauses und ein kleiner, etwa sechsjähriger Lockenkopf kam herausgelaufen, hinter ihm her eine untersetzte Frau mit rotem Gesicht und einem großen Schwamm in der Hand.

»Gleich kommst du und läßt dich waschen, Jack,« schrie sie; »du Nichtsnutz! Wenn der Vater wieder kommt und dich so schmutzig findet, wird's was setzen.«

»Netter, kleiner Bursch!« sagte Holmes diplomatisch. »Was für ein lieber rotbäckiger Schelm! Sag' mal Jack, was soll ich dir schenken?«

Der Junge sann einen Augenblick nach.

»'nen Schilling,« sagte er.

»Giebt es nichts, was du noch lieber haben möchtest?«

»Doch, zwei Schillinge,« rief der kleine Thunichtgut rasch.

»Nun gut. Paß' auf und fang' einmal! – Ein hübsches Kind, Frau Smith.«

»Jawohl, Herr, und groß und stark für sein Alter. – Er läßt sich kaum mehr regieren, besonders wenn mein Mann den ganzen Tag über fort ist.«

»Ist er fort?« sagte Holmes mit enttäuschtem Ton. »Das thut mir leid, ich wollte ihn sprechen.«

»Seit gestern früh schon ist er fort, Herr, und ich fange wahrhaftig an Angst zu bekommen, weil er so lange bleibt. – Wenn es aber wegen eines Bootes ist, könnte ich Sie vielleicht auch bedienen.«

»Ich möchte sein Dampfboot mieten.«

»Ach, Herr, im Dampfboot ist er ja gerade fort. Das macht mich so stutzig, denn ich weiß, es hat nicht genug Kohlen bis nach Woolwich und wieder zurück. Hätte er die Barke genommen, dann wäre es ein ander Ding. Die hat ihn schon oft in Geschäften bis nach Gravesend gebracht, und wenn's dann dort viel zu schaffen gab, ist er wohl über Nacht geblieben. Aber was nützt ihn ein Dampfboot ohne Kohlen?«

»Vielleicht hat er auf einer Werft unten am Fluß Kohlen gekauft?«

»Möglich; aber das sähe ihm nicht gleich. Er schimpft ja immer über das Heidengeld, das sie verlangen, wenn man nur ein paar Säcke kauft. Auch traue ich dem Stelzfuß nicht recht mit seinem häßlichen Gesicht und dem ausländischen Geschwätz. Was der nur mit meinem Alten zu schaffen haben mag!«

»Ein Stelzfuß?« – sagte Holmes und machte große Augen.

»Ja, Herr, ein brauner Bursch mit einem Affengesicht, der mehr als einmal hier nach meinem Alten gefragt hat. Letzte Nacht hat er ihn herausgeklopft; mein Mann muß wohl gewußt haben, daß er kommen würde, denn er hatte Dampf im Boot. Ich sage Ihnen gerade heraus, Herr, die Sache ist mir nicht geheuer.«

»Aber liebe Frau Smith,« sagte Holmes, die Achseln zuckend, »Sie beunruhigen sich ohne alle Not. Wie können Sie denn wissen, daß es der Stelzfuß war, der bei Nacht kam? Ich verstehe nicht, wie Sie das mit solcher Bestimmtheit annehmen können.«

»Seine Stimme, Herr, die erkannte ich gleich. Sie klingt so rauh und verschleiert. Er klopfte an die Scheiben – es kann um drei Uhr gewesen sein. ›Steh' auf, Kamerad,‹ rief er, ›'s ist Zeit, auf Wache zu ziehen.‹ Mein Alter weckte den Jim – das ist mein Aeltester – und fort gingen sie, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen. Ich konnte den hölzernen Stumpf auf den Steinen klappern hören.«

»War denn der Stelzfuß allein?«

»Das kann ich wirklich nicht sagen, Herr. Ich habe niemand sonst gehört.«

»Es thut mir leid, Frau Smith, ich hätte gern ein Dampfboot gehabt und die Leute loben Ihr Fahrzeug – wie heißt es doch?«

»Die ›Aurora‹, Herr.«

»Richtig! – Das ist aber nicht das alte, grüne Boot mit den gelben Streifen, das so breit im Vorderteil ist?«

»Bewahre; ein so schmuckes, kleines Ding, als nur je eines auf dem Fluß war. Es ist frisch angestrichen, schwarz, mit zwei roten Streifen.«

»Besten Dank, Frau Smith. Hoffentlich bekommen Sie bald Nachricht von Ihrem Mann. Ich gehe gerade den Fluß hinunter und wenn ich etwas von der ›Aurora‹ sehen sollte, will ich ihn wissen lassen, daß Sie in Sorge sind. Ein schwarzer Dampfschlot, sagten Sie?« –

»Nein, Herr. Schwarz mit einem weißen Rundstreifen.«

»Ja, ja, natürlich. Es waren die Bootseiten, die schwarz sind. Guten Morgen, Frau Smith. – Jetzt wollen wir uns dort in der Fähre übersetzen lassen, Watson, der Bootsmann wartet eben.« – Wir nahmen auf der Bank der Fähre Platz. »Die Hauptsache bei Leuten der Art,« sagte Holmes, »ist, sie niemals merken zu lassen, daß ihre Mitteilungen von irgend welcher Wichtigkeit für uns sind. Sobald sie das denken, sind sie augenblicklich stumm wie eine Auster. Wenn man ihnen dagegen gleichsam widerwillig zuhört, erfährt man meist alles, was man zu wissen wünscht.«

»Unser Kurs scheint jetzt ziemlich klar,« sagte ich.

»Nun, was würden Sie denn zuerst thun?«

»Ich würde ein Boot mieten und der ›Aurora‹ nachfahren, den Fluß hinunter.«

»Lieber Freund, das wäre eine Riesenaufgabe. Das Dampfboot kann auf jeder beliebigen Werft an der einen oder andern Seite des Stromes, zwischen hier und Greenwich, angelegt haben. Jenseits der Brücke ist meilenlang ein vollständiges Labyrinth von Landungsplätzen. Diese sämtlich zu durchforschen, würde uns Tage und Tage kosten, wenn wir es allein unternehmen.«

»So wenden Sie sich an die Polizei!«

»Nein. Ich werde Athelney Jones wahrscheinlich erst im letzten Augenblick herbeirufen. Er ist kein schlechter Bursch, und ich möchte nichts thun, was ihm in seinem Beruf zum Schaden gereichen kann. Aber ich habe mir in den Kopf gesetzt, ohne ihn fertig zu werden, nun wir es einmal so weit gebracht haben.«

»Vielleicht sollten wir eine Anzeige einrücken und uns von den Werftmeistern Nachricht erbitten.«

»Das wäre höchst verfehlt! Unsere Leute wüßten gleich, daß die Jagd ihnen dicht auf den Fersen ist und würden auf und davon gehen, wahrscheinlich außer Landes. So lange sie sich noch sicher wähnen, haben sie wenigstens keine Eile. Mit Rücksicht hierauf kommt uns Jones' Vorgehen sehr zu statten; ein Bericht seiner Thaten dringt sicherlich in die Zeitungen und die Flüchtlinge werden daraus entnehmen, daß die Polizei sehr geschäftig ist – auf der falschen Fährte.«

»Was fangen wir denn aber jetzt an?« fragte ich, als wir bei Millbank landeten.

»Wir nehmen am besten eine Droschke, fahren nach Hause, lassen uns ein Frühstück geben und schlafen ein paar Stunden. Es ist sehr möglich, daß wir gegen Abend wieder auf den Beinen sein müssen. – Nach dem nächsten Telegraphenbureau, Kutscher! Toby wollen wir bei uns behalten; er kann uns vielleicht noch nützlich sein.« –

Wir hielten vor dem Postamt in der Großen Petersstraße und Holmes gab seine Drahtbotschaft auf.

»An wen glauben Sie, daß ich telegraphiert habe?« fragte er, als wir die Fahrt fortsetzten.

»Wie soll ich das wissen!«

»Erinnern Sie sich an das Freiwilligenkorps aus der Bakerstraße, das mir in Jeffersohn Hopes Fall Polizeidienste leistete?«

»Das will ich meinen,« rief ich lachend.

»Dies ist gerade eine Gelegenheit, bei der sich die Buben unschätzbar erweisen können. Mißlingt es ihnen, so habe ich noch andere Hilfsquellen; den Versuch mache ich jedenfalls. Das Telegramm ist an meinen kleinen, schmutzigen Leutnant Wiggins abgegangen, und ich erwarte, daß er mit seiner Truppe vor uns erscheinen wird, ehe wir noch mit dem Frühstück fertig sind.«

Es war jetzt zwischen acht und neun Uhr und ich fühlte mich nach den mannigfachen Aufregungen geistig und körperlich müde und abgespannt. Ich konnte den Fall weder als reine Verstandesaufgabe betrachten, noch mich leidenschaftlich dafür begeistern, wie mein Gefährte. Von Bartholomäus Scholto hatte ich so wenig Gutes gehört, daß mir seine Mörder keinen allzugroßen Abscheu einflößten. Die Wiedererlangung des Schatzes freilich erschien auch mir von Wichtigkeit. Ein Teil desselben kam ohne Frage Fräulein Morstan zu, und ich war bereit, alles daran zu setzen, damit sie ihr Recht erlange. Zwar wenn ich ihn fand, so hob sein Besitz sie wahrscheinlich für immer aus meinem Bereich, aber das müßte eine kleinliche und selbstsüchtige Liebe sein, die sich durch solche Gedanken beeinflussen ließe. Wenn Holmes keine Anstrengung scheute, um die Verbrecher zu finden, so hatte ich einen noch zehnfach stärkeren Antrieb, den Schatz zu entdecken. Nachdem ich zu Hause ein Bad genommen und mich völlig umgekleidet hatte, fühlte ich mich wunderbar erfrischt. In unserm Wohnzimmer fand ich das Frühstück bereit und Holmes schenkte den Kaffee ein.

»Da haben Sie's,« sagte er lachend und deutete auf einen Zeitungsartikel; »der energische Jones und der allweise Berichterstatter machen den Fall schon unter sich zurecht. Aber Sie haben die Geschichte gewiß satt, Watson. Besser, Sie essen erst Ihren Schinken und Ihre Eier.«

Ich nahm das Blatt und las den kurzen Artikel, dessen Ueberschrift lautete:

Geheimnisvolle Begebenheit in Ober-Norwood.

»Wie uns der Standard meldet, wurde letzte Nacht gegen zwölf Uhr Herr Bartholomäus Scholto von Pondicherry-Lodge in seinem Zimmer tot aufgefunden, und zwar unter Umständen, welche auf ein Verbrechen schließen lassen. Zwar fanden sich keine Spuren einer Gewaltthat an Herrn Scholtos Person, aber eine wertvolle Sammlung indischer Edelsteine, welche der Verstorbene von seinem Vater geerbt hatte, ist verschwunden. Die Entdeckung wurde zuerst von den Herren Sherlock Holmes und Dr. Watson gemacht, welche mit Thaddäus Scholto, dem Bruder des Verstorbenen ins Haus gekommen waren. Ein besonderer Glücksfall wollte, daß Athelney Jones, das wohlbekannte Mitglied der Geheimpolizei, schon eine halbe Stunde nach dem ersten Alarm an Ort und Stelle sein konnte. Bei seiner vorzüglichen Befähigung und großen Erfahrung kam er bald den Verbrechern auf die Spur, und wir hören, daß bereits der Bruder, Thaddäus Scholto, die Wirtschafterin, Frau Bernstone, ein indischer Hausmeister Namens Lal Rao und der Pförtner, Mc. Murdo in Gewahrsam gebracht worden sind. Die Diebe mußten mit der Einrichtung des Hauses genau bekannt sein; denn sie sind, wie Herrn Jones' scharfsinnige Untersuchung feststellte, weder durch die Thür, noch durch das Fenster hereingekommen, sondern über das Dach, von wo aus sie durch eine Fallthür in einen Raum gelangten, der mit dem Zimmer, in welchem die Leiche gefunden wurde, in Verbindung steht. Aus dieser Thatsache ergiebt sich klar, daß der Einbruch kein unvorbereiteter gewesen ist. Dem sofortigen und thatkräftigen Eingreifen der Beamten des Gesetzes gebührt das größte Lob. Die glänzenden Eigenschaften unserer Geheimpolizei haben sich bei dieser Gelegenheit einmal wieder trefflich bewährt.«

»Ist es nicht wundervoll?« sagte Holmes über seine Kaffeetasse hinweg.

»Ich denke, wir können von Glück sagen, daß wir nicht selbst als Verbrecher festgenommen sind.«

»Ohne Zweifel. Auch stehe ich noch gar nicht für unsere Sicherheit. Jones könnte leicht einen neuen Anfall von Energie haben.«

In diesem Augenblick wurde heftig an der Hausglocke gezogen und gleich darauf hörten wir Frau Hudson, unsere Wirtin, laut klagen und schelten.

»Wahrhaftig, Holmes,« rief ich, mich erhebend, »ich glaube, sie sind schon hinter uns her.«

»Nein, so schlimm ist es nicht. Es sind nur meine Hilfstruppen: das Freikorps aus der Bakerstraße.«

Während er noch sprach, hörte man ein hastiges Trampeln nackter Füße auf den Treppenstufen, ein Durcheinanderschreien hoher Stimmen und herein platzten ein Dutzend schmutziger und zerlumpter kleiner Gassenbuben. Nicht ohne einen gewissen Anstrich von Disziplin, trotz ihres stürmischen Eintritts, stellten sie sich augenblicklich mit erwartungsvollen Gesichtern vor uns in Reih und Glied auf. Einer aus ihrer Zahl, der etwas größer und älter war als die übrigen, trat mit einer überlegenen, selbstbewußten Miene vor, die dem unansehnlichen, kleinen Wicht höchst komisch stand.

»Hab' Ihre Botschaft bekommen, Herr, und hab' die Jungens gleich stramm zusammengebracht. Auslage für Fahrkarten wie gewöhnlich.«

»Schon recht, Wiggins,« sagte Holmes und holte etwas Silbergeld aus der Tasche.

»Künftighin können sie dir Bericht erstatten und du mir. Ihr braucht nicht auf das Haus Sturm zu laufen. Diesmal ist es aber gut, daß ihr alle die Instruktion mit anhört. Ihr sollt ausfindig machen, wo ein Dampfboot, genannt die ›Aurora‹ hingeraten ist, dessen Eigentümer Mordecai Smith heißt. Es ist schwarz mit zwei roten Streifen; der Dampfschlot, schwarz mit weißem Reif ringsum. Einer von euch Jungens muß an Mordecai Smiths Landungsplatz bleiben, Millbank gegenüber, um zu sehen ob das Boot zurückkommt. Ihr andern geht den Fluß hinunter und durchsucht beide Ufer gründlich. Sobald ihr etwas wißt, meldet ihr mir's. Habt ihr alles richtig verstanden?«

»Jawohl,« sagte Wiggins.

»Was den Lohn betrifft – der alte Satz, – und eine Guinee dem Jungen, der das Boot entdeckt. Da habt ihr einen Taglohn im voraus. Nun fort mit euch!« Er gab jedem einen Schilling und sie stürmten die Treppe hinunter. Im nächsten Augenblick sahen wir sie schon auf der Straße rennen.

»Wenn das Boot über Wasser ist, so werden sie es finden,« sagte Holmes, indem er vom Tische aufstand und seine Pfeife anzündete. Sie kommen überall hin, wo es etwas zu sehen und zu hören giebt, und wir brauchen nur den Erfolg abzuwarten. Erst wenn wir entweder die ›Aurora‹ oder Mordecai Smith entdeckt haben, können wir unsere Forschungen wieder aufnehmen.«

»Die Reste hier werden Toby gut schmecken, denke ich. – Gehen Sie jetzt zu Bett, Holmes?«

»Nein, ich bin nicht schläfrig. Ich habe eine sonderbare Konstitution. Ich erinnere mich nicht, bei der Arbeit je müde geworden zu sein; nur das Nichtsthun erschöpft mich vollständig. Ich werde noch bei meiner Pfeife über dies seltsame Geschäft nachdenken, das ich meiner schönen Klientin verdanke. Mir scheint, die Lösung unserer Aufgabe sollte ein Kinderspiel sein. Männer mit hölzernen Beinen sind doch nicht so gewöhnlich, und den andern Mann halte ich für vollkommen einzig in seiner Art.«

»Wieder der andere Mann!«

»O, Ihnen gegenüber will ich gar kein Geheimnis aus seiner Person machen. Sie hätten übrigens schon längst von selbst darauf kommen können. Rufen Sie sich doch einmal alle Einzelheiten ins Gedächtnis. Winzig kleine Fußspuren, Zehen, die niemals in einen Stiefel gepreßt wurden, nackte Füße, ein hölzerner Knüttel mit Steingriff, ungewöhnliche Gewandtheit, kleine vergiftete Dornen. Was läßt sich aus dem allem zusammensetzen?«

»Ein Wilder!« rief ich aus. »Vielleicht einer von den Hindus, welche die Genossen Jonathan Smalls waren.«

»Kaum,« sagte er. »Als ich die fremdartige Waffe sah, war ich auch zuerst geneigt, das zu denken; aber die merkwürdige Form der Fußstapfen belehrte mich eines Bessern. Es giebt zwar kleine Leute unter den Bewohnern der indischen Halbinsel, aber keiner von ihnen hätte diese Spuren hinterlassen können. Der eingeborene Hindu hat lange, schmale Füße. Bei den sandalentragenden Muhamedanern ist die große Zehe vollständig von den andern getrennt, weil der Riemen gewöhnlich dazwischen durchgezogen ist. Die kleinen Bolzen aber lassen sich nur auf eine einzige Weise abschießen, nämlich durch ein Blasrohr. Nun also, wo wird unser Wilder zu suchen sein?«

»In Süd-Amerika,« schlug ich vor. Er streckte die Hand aus und nahm einen dicken Band vom Bücherbrett herunter.

»Dies ist der erste Band einer Völkerkunde, welche soeben erscheint und als neueste Autorität angesehen wird. – Was steht nun hier? – ›Die Andamanen, eine Inselgruppe, 340 Meilen nördlich von Sumatra, in der Bai von Bengalen gelegen.‹ – Hm! Hm! – Feuchtes Klima, Korallenriffe, Haifische, Port Blair, Sträflings-Baracken, Insel Rutland, Baumwollenwälder. – Ah, da haben wir's. – ›Die Eingeborenen der Andamanen werden von den meisten Anthropologen für die kleinste Menschenrasse auf unserer Erde gehalten. Ihre Durchschnittshöhe ist vier Fuß, doch giebt es viele Erwachsene, die bedeutend kleiner sind. Es ist ein wilder, grimmiger, widerspenstiger Volksstamm; doch sind sie, wenn ihr Vertrauen einmal gewonnen ist, auch einer hingebenden Freundschaft fähig.‹ Merken Sie sich das, Watson, nun hören Sie weiter: ›Sie sind von Natur abschreckend häßlich, haben unförmige Köpfe, kleine funkelnde Augen, verzerrte Gesichtszüge. Auch ihre Füße und Hände sind merkwürdig klein. Sie sind so störrig und unlenksam, daß alle Bemühungen der britischen Beamten, sie auch nur im geringsten zu ihren Gunsten zu stimmen, fehlgeschlagen sind. Für die Mannschaft gestrandeter Schiffe sind sie von jeher ein Schrecken gewesen, da sie den Ueberlebenden mit ihren Steinknütteln den Schädel einschlagen oder sie mit ihren vergifteten Pfeilen erschießen. Dergleichen Metzeleien werden dann regelmäßig mit einem kannibalischen Fest beschlossen.‹ Ein nettes, liebenswürdiges Volk, Watson! Was? Wenn dieser Kerl ganz nach eigenem Gutdünken hätte handeln können, würde die Geschichte noch eine viel gräßlichere Wendung genommen haben. Ich denke, daß selbst wie die Sachen jetzt liegen, Jonathan Small viel darum gäbe, wenn er seine Hilfe nicht in Anspruch genommen hätte.«

»Wie mag er nur zu dem absonderlichen Gefährten gekommen sein?«

»Darüber weiß ich nichts. Da Small jedoch von den Andamanen kommt, so ist es gerade kein Wunder, daß dieser Insulaner ihn begleitet. Aber Watson, Sie sehen aus, als wären Sie halbtot vor Müdigkeit. Legen Sie sich aufs Sofa und ich will versuchen, Sie einzuschläfern.«

Er nahm seine Violine aus der Ecke und fing an, während ich mich behaglich ausstreckte, eine leise, träumerische Melodie zu spielen – ohne Zweifel nach eigener Eingebung, denn er besaß eine ungewöhnliche Gabe zu phantasieren. Zuerst sah ich noch seine hagern Gliedmaßen, sein ernstes Gesicht und das Auf- und Niedergleiten seines Bogens; dann schien ich dahinzuschweben auf sanften Tonwellen, bis ich im Traumlande ankam, wo Mary Morstans liebes Gesicht auf mich hernieder blickte.

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