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Das Zeichen der Vier

Arthur Conan Doyle: Das Zeichen der Vier - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenarrative
authorArthur Conan Doyle
titleDas Zeichen der Vier
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesGesammelte Detektivgeschichten von Conan Doyle
volumeII
printrun17.-19. Tausend
illustratorRichard Gutschmidt
year1906
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20111101
projectid8d23c380
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Siebentes Kapitel.

Toby auf der Fährte.

Ich brachte Fräulein Morstan in der Droschke nach Hause, in welcher die Polizei gekommen war. Nach edler Frauen Art hatte sie alles Ungemach ertragen, so lange es galt, jemand beizustehen, der hilfloser war als sie selbst, und so hatte ich sie heiter und gelassen neben der verstörten Haushälterin gefunden. Im Wagen aber fühlte sie sich zuerst schwach und brach dann in einen Strom von Thränen aus – das Abenteuer der Nacht hatte ihre Kräfte erschöpft. Sie hat mir später gesagt, daß ich ihr bei der Fahrt kalt und zurückhaltend erschienen sei. Von dem Kampf in meiner Brust, von der Selbstüberwindung, die es mich kostete, ahnte sie nichts. Mitgefühl und Liebe stürmten auf mich ein; ich fühlte, daß Jahre des gewöhnlichen, gesellschaftlichen Verkehrs mir keinen so tiefen Einblick in ihre tapfere und dabei so echt weibliche Natur hätten gewähren können, als es dieser eine Tag mit seinen seltsamen Erlebnissen gethan. Aber kein Wort der Zuneigung kam über meine Lippen. Sie war schwach und hilflos, in Nerven und Gemüt stark erschüttert. Ihr in solchem Augenblick meine Liebe aufdringen, hieße ihren Zustand mißbrauchen. Schlimmer noch – sie war reich. Wenn Holmes' Nachforschungen sich erfolgreich erwiesen, wurde sie eine Erbin. Wäre es rechtschaffen, wäre es ehrenhaft gewesen, wenn ein Militärarzt auf halbem Sold Vorteil aus einer Vertraulichkeit gezogen hätte, welche der Zufall veranlaßte? Müßte sie mich nicht für einen gemeinen Glücksjäger ansehen? Ich konnte den Gedanken nicht ertragen; wie eine unübersteigliche Mauer lag der Agra-Schatz zwischen uns.

Es schlug bereits zwei Uhr, als wir bei Frau Forrester anlangten. Die Dienerschaft hatte sich schon vor mehreren Stunden zurückgezogen; nur die Frau des Hauses war noch wach, Fräulein Morstans Rückkehr erwartend. Die ganze seltsame Angelegenheit hatte Frau Forrester so sehr beschäftigt, daß sie keine Ruhe fand. Sie öffnete uns selbst die Thür, und es machte mir Freude zu sehen, wie zärtlich sie den Arm um die Heimgekehrte schlang, mit wie mütterlicher Stimme sie dieselbe begrüßte. Sie war ihr offenbar keine bezahlte Untergebene, sondern eine hochgeschätzte Freundin. Frau Forrester, eine anmutige Dame in mittleren Jahren, forderte mich dringend auf, einzutreten und unsere Abenteuer zu erzählen. Ich erklärte indessen, daß ich einen wichtigen Auftrag habe und versprach wiederzukommen und über den weitern Verlauf der Sache getreulich zu berichten. Beim Abfahren warf ich noch einen flüchtigen Blick zurück. Das behagliche Heim, die beiden Frauengestalten auf der Schwelle, die halboffene Thür, das Licht aus der Vorhalle, das durch gefärbte Scheiben auf sie fiel – es war ein anmutiges Bild, das mich begleitete und wohlthuend beruhigte inmitten der wilden, dunkeln Erlebnisse, die mich so völlig eingenommen hatten.

Je mehr ich über die ganze Begebenheit nachdachte, um so verwirrter und düsterer wurde sie. Während die Droschke mit mir durch die stillen, gasbeleuchteten Straßen dahinrasselte, rief ich mir noch einmal alle Einzelheiten ins Gedächtnis. Das ursprüngliche Problem war jetzt so ziemlich gelöst. Der Tod Hauptmann Morstans, die Uebersendung der Perlen, die Zeitungsanzeige, der Brief – über dies alles waren wir nun aufgeklärt, aber es hatte uns nur zu einem noch rätselhafteren und schrecklicheren Geheimnis geführt. Der indische Schatz, der seltsame Grundriß, der in Morstans Brieftasche gefunden worden, die Szene beim Tode des Majors Scholto, die Wiederauffindung des Schatzes, auf welche unmittelbar die Ermordung des Entdeckers gefolgt war, die merkwürdigen Indizien, von denen das Verbrechen begleitet war, die Fußspuren, die fremdartige Waffe, das Zeichen der Vier auf dem Grundriß und dieselben Worte auch jetzt wieder auf dem Stück Papier – in der That ein verzweifeltes Labyrinth, aus dem nur Holmes mit seiner eigenartigen Begabung hoffen durfte, sich herauszufinden. Die im untern Teil von Lambeth gelegene Pinchin-Gasse bestand meist aus unansehnlichen, zweistöckigen Ziegelhäusern. Ich klopfte bei Nro. 3 längere Zeit, aber ohne Erfolg. Endlich zeigte sich indessen ein Lichtschein hinter dem Vorhang und ein Gesicht guckte aus dem oberen Fenster.

»Fort mit Euch, betrunkener Ruhestörer,« schallte es herunter, »wenn Ihr hier noch weiter Lärm macht, schließe ich den Hundestall auf und lasse dreiundvierzig Hunde auf Euch los.«

»Ihr sollt nur einen herauslassen – deshalb komme ich eben.«

»Fort mit Euch!« schrie die Stimme wieder. »Meiner Seel', ich hab' eine Natter hier im Sack; die werf' ich Euch auf den Kopf, wenn Ihr Euch nicht davon macht.«

»Ich brauche aber einen Hund,« rief ich.

»Aufgepaßt! Wenn ich ›drei‹ sage – kommt die Schlange herunter.«

»Herr Sherlock Holmes,« begann ich von neuem – die Worte übten eine wahrhaft magische Wirkung. Das Fenster wurde augenblicklich zugeworfen und in einer Minute war die Hausthür aufgeschlossen. Der alte Sherman, ein langer, schmächtiger Mann mit starkem Nacken und gebückten Schultern, trug eine blaugefärbte Brille. Er hielt sein Licht in die Höhe.

»Ein Freund von Herrn Sherlock ist mir zu jeder Zeit willkommen,« sagte er. »Treten Sie ein. Nehmen Sie sich vor dem Köter in acht: der beißt. Ach du Nichtsnutz, du Nichtsnutz! hast du Lust nach dem Herrn zu schnappen?« Das war an ein Hermelin gerichtet, das den boshaften Kopf mit den roten Augen durch die Stäbe seines Käfigs drängte. – »Um die Schlange dort kümmern Sie sich nicht, es ist nur eine Ringelnatter. Sie ist nicht giftig, darum lasse ich sie durch die Stube laufen; sie schafft mir die Käfer fort. Sie dürfen mir's nicht verübeln, daß ich Sie zuerst ein bißchen grob angelassen habe; denn sehen Sie, es giebt so manchen, der mich 'raus klopft aus reinem Uebermut. Womit kann ich Herrn Sherlock dienen?«

»Er braucht einen Ihrer Hunde.«

»Aha! das wird der Toby sein.«

»Ja, Toby nannte er ihn.«

»Toby wohnt hier links in Nro. 7.«

Langsam schritt er mit seinem Licht voraus, mitten durch die merkwürdige Tierfamilie, die er um sich versammelt hatte. Bei dem unsichern Licht sah ich nur, wie bald hier, bald da funkelnde Augen aufblitzten, die aus Spalten und Winkeln auf uns niederguckten. Selbst auf den Balken über unseren Köpfen saßen würdevolle Vögel, die lässig das eine Bein, auf dem ihr Körper ruhte, mit dem andern wechselten, als unsere Stimmen ihren Schlummer störten.

Toby war ein häßliches, langhaariges Geschöpf, halb Wachtel- halb Dachshund, braun und weiß gefleckt, mit Hängeohren und ungeschicktem, wackeligem Gang. Nach einigem Zögern nahm er das Stück Zucker, welches sein Herr mir zugesteckt hatte, aus meiner Hand an. Dies besiegelte unser Bündnis; er folgte mir nun in die Droschke und machte keinerlei Schwierigkeit während der Fahrt. Es schlug drei auf der Schloßuhr, als ich Pondicherry-Lodge wieder erreichte. Mc. Murdo, der Hauswärter, war als Helfershelfer verhaftet worden, und statt seiner bewachten zwei Polizisten das enge Thor. Als ich jedoch den Namen des Detektivs nannte, ließen sie mich ungehindert mit dem Hunde passieren. Holmes stand, die Hände in den Taschen, auf der Hausschwelle und rauchte eine Pfeife.

»Schön, daß Sie ihn bringen!« rief er erfreut. »Athelney Jones ist inzwischen fortgegangen. Er hat während Ihrer Abwesenheit eine außerordentliche Kraft entfaltet und nicht allein unsern Freund Thaddäus, sondern auch den Thürhüter, die Haushälterin und den indischen Diener festgenommen. Jetzt haben wir den Schauplatz oben ganz für uns; nur der Sergeant ist da. Lassen Sie den Hund hier und kommen Sie mit.«

Wir banden Toby an ein Tischbein im Vorsaal und stiegen die Treppe hinauf. Im oberen Zimmer fanden wir alles unverändert, nur die Gestalt in der Mitte war mit einem Linnentuch verhüllt worden.

»Leihen Sie mir Ihre Blendlaterne, Sergeant,« sagte mein Gefährte zu dem schläfrigen Polizisten, der im Winkel saß. – »Danke. – Nun muß ich Stiefel und Strümpfe ausziehen, die nehmen Sie wohl mit hinunter, Watson. Ich habe eine kleine Kletterpartie vor. Bitte, tauchen Sie mein Taschentuch in das Kreosot. Recht so! Nun kommen Sie noch einen Augenblick mit mir nach dem Dachboden.« Wir stiegen wieder durch das Loch hinauf. Holmes beleuchtete mit der Laterne die Fußstapfen im Staube.

»Bitte, betrachten Sie einmal diese Fußspuren recht genau. Fällt Ihnen irgend etwas Absonderliches dabei auf?«

»Sie stammen von einem Kinde oder einem kleinen Frauenzimmer,« sagte ich.

»Aber, abgesehen von dem Maß, – bemerken Sie sonst nichts?«

»Sie scheinen mir so ziemlich wie andere Fußspuren.«

»Durchaus nicht. Sehen Sie her! Dies ist der Abdruck eines rechten Fußes im Staube. Nun mache ich einen daneben mit meinem nackten Fuß. Was ist der Hauptunterschied?«

»Ihre Zehen sind alle zusammengepreßt; bei dem andern Abdruck dagegen trennen sich die Zehen deutlich von einander.«

»Richtig. Merken Sie sich das, es ist von Wichtigkeit. Nun riechen Sie, bitte, an dem Holzrahmen des Klappfensters!«

Ich folgte seiner Anweisung und spürte augenblicklich einen starken Kreosotgeruch.

»Da hat er beim Hinaussteigen den Fuß aufgesetzt. Wenn Sie das riechen können, wird doch Toby sicherlich keine Schwierigkeit haben, die Spur zu finden. Nun machen Sie unten den Hund los und schauen Sie dann meine Seiltänzerkünste an.«

Als ich ins Freie gelangte, stand Sherlock Holmes schon auf dem Dach; ich konnte ihn wie einen ungeheuren Glühwurm langsam am Dachrande hinkriechen sehen. Hinter einem Rauchfang verlor ich ihn einen Augenblick aus dem Gesicht, doch erschien er sogleich wieder, um dann nach der entgegengesetzten Seite zu verschwinden. Ich ging um das Haus herum und sah ihn oben auf einer der Dachrinnen sitzen.

»Sind Sie es, Watson,« rief er.

»Ja.«

»Dies ist die Stelle. Was ist das für ein schwarzes Ding da unten?«

»Ein Wasserfaß.«

»Deckel darauf?«

»Ja.«

»Keine Leiter zu sehen?«

»Nein.«

»Der Henker hole den Kerl! Das ist ja ein halsbrecherisches Kunststück. Ich sollte aber doch imstande sein, hinunter zu kommen, wo er heraufklettern konnte. Das Wasserrohr fühlt sich ziemlich fest an. Vorwärts also, auf gut Glück.«

Nun hörte man ein Klappern und Rutschen; die Laterne begann langsam an der Seite der Mauer weiter zu gleiten. Bald sprang auch Holmes leichten Fußes auf das Faß und von da auf den Boden herab.

»Es war nicht schwer, ihm nachzugehen,« rief er, während er Strümpfe und Stiefel wieder anzog. »Von Zeit zu Zeit hatte er unterwegs einen Ziegel gelockert und in seiner Eile obendrein diesen Gegenstand verloren, der meine Diagnose vollkommen bestätigt – wie ihr Doktoren zu sagen pflegt.«

Er hielt mir einen kleinen Beutel hin, der aus farbigen Gräsern gewebt und mit ein paar Glasperlen verziert, an Form und Größe einem Zigarrentäschchen nicht unähnlich war. Darin fand sich ein halbes Dutzend Stacheln von dunklem Holz, an einem Ende spitz, am andern abgerundet, wie der Dorn, welcher Bartholomäus Scholto getroffen hatte.

»Das sind höllische Dinger,« sagte er. »Geben Sie acht, daß Sie sich nicht stechen. Ich bin glücklich, sie zu haben, denn es sind aller Wahrscheinlichkeit nach die einzigen, die er besaß. Sie und ich, wir brauchen nun nicht mehr zu fürchten, nächstens einmal einen solchen in unsere Haut zu bekommen. Ich meinesteils würde einen Granatsplitter bei weitem vorziehen. Wie steht's, Watson? Wäre Ihnen ein Marsch von sechs Meilen nicht zu viel?«

»Bewahre!«

»Wir wollen uns jetzt Tobys erprobter Führung überlassen, und sehen, was dabei herauskommt. – Ah, da bist du, mein Hundchen! Guter, alter Toby! Hier, riech' einmal, Toby, riech' einmal.« Er hielt dem Hunde das mit Kreosot getränkte Tuch unter die Nase, während das Tier breitbeinig dastand, den Kopf höchst komisch auf die Seite gedreht, wie ein Kenner, der die ›Blume‹ einer berühmten Weinsorte prüft. Holmes warf dann das Taschentuch einige Schritte weit fort, befestigte einen starken Strick an des Köters Halsring und führte ihn an das Wasserfaß. Augenblicklich brach das Tier in ein anhaltendes, schrilles Gekläff aus; die Nase auf der Erde, den Schwanz in der Luft, trabte es der Spur nach, und zwar in so schnellem Lauf, daß wir tüchtig in Atem gehalten wurden und Mühe hatten, die straffgezogene Leine nicht fahren zu lassen.

Im Osten begann es jetzt zu dämmern, und wir konnten bei dem kalten, grauen Morgenlicht eine Strecke weit sehen. Hinter uns lag das große, kastenartige Haus mit seinen dunkeln Fenstern und kahlen Mauern trübselig und verlassen da. Unser Kurs führte quer durch das Grundstück, vorbei an kümmerlichem Buschwerk, verstreuten Kehrichthaufen und aufgewühlten Gruben und Löchern. Das verkommene, unheilverkündende Aussehen des Ortes paßte so recht zu dem Trauerspiel, dessen Schauplatz er war. Als wir die Umfassungsmauer erreichten, lief Toby ungestüm winselnd in ihrem Schatten entlang, bis er den Winkel erreichte, in welchem ein junger Buchenbaum wuchs. Wo die beiden Mauern zusammenstießen, waren mehrere Steine losgebrochen und die Oeffnungen ausgetreten und nach unten abgerundet, als hätten sie schon öfters zur Leiter gedient. Holmes kletterte hinauf, nahm mir den Hund ab und ließ ihn auf der andern Seite wieder fallen.

»Hier hat der Stelzfuß den Abdruck seiner Hand zurückgelassen,« sagte mein Gefährte, als auch ich mich auf die Mauer geschwungen hatte. »Sehen Sie die leichte Blutspur auf dem weißen Kalk? Ein Glück, daß es seit gestern nicht stark geregnet hat; die Fährte wird sich auf dem Wege verfolgen lassen, obwohl die Leute achtundzwanzig Stunden Vorsprung haben.«

Ich gestehe, mir schien die Sache nicht ganz zweifellos, wenn ich an den großen Verkehr dachte, der inzwischen auf der Landstraße stattgefunden hatte. Meine Besorgnis schwand jedoch schnell, denn Toby zögerte und schwankte keinen Augenblick, sondern strebte in seiner absonderlichen Art unaufhaltsam weiter. Offenbar siegte der scharfe Geruch des Kreosots über alle andern Düfte.

»Denken Sie nur nicht,« bemerkte Holmes, »daß der Erfolg unseres Unternehmens auf dem bloßen Zufall beruht, daß einer der Kerle mit dem Fuß in das Kreosot getreten ist. Ich weiß jetzt genug, um imstande zu sein, ihnen auf mancherlei Weise beizukommen. Da jedoch unser Verfahren das nächstliegende war, habe ich es eingeschlagen; ich würde es für unrecht gehalten haben, dies nicht zu thun. Ein so hübsches, geistreiches Problem, wie ich anfangs hoffte, bietet der Fall nun freilich nicht mehr. Es hätte sich, ohne diesen allzudeutlichen Wegweiser, vielleicht einiger Ruhm dabei ernten lassen.«

»An Ruhm und Anerkennung wird es Ihnen diesmal gewiß nicht fehlen, Holmes. Wahrhaftig, ich begreife nicht, durch welche Mittel Sie zu Ihren Ergebnissen gelangt sind. Wie konnten Sie zum Beispiel mit solcher Sicherheit den Mann mit dem hölzernen Bein beschreiben?«

»Bah, Verehrtester! Das ist die Einfachheit selbst – alles offenbar und verständlich. Effekthascherei ist überhaupt meine Sache nicht. Hören Sie nur: Zwei Offiziere, die den Wachtposten in einer Verbrecherkolonie befehligen, erfahren ein wichtiges Geheimnis, das sich auf einen vergrabenen Schatz bezieht. Ein Engländer, Namens Jonathan Small, zeichnet einen Grundriß für sie. Wir sahen den Namen auf der Karte, die Hauptmann Morstan in seiner Brieftasche trug. Small, wie Sie sich erinnern werden, hatte dieselbe für sich und seine Genossen unterschrieben mit dem Zeichen der Vier – wie er sich etwas dramatisch ausdrückte. An der Hand dieses Grundrisses haben nun die Offiziere – entweder beide, oder einer von ihnen – den Schatz gefunden und nach England gebracht; die Bedingung jedoch, unter welcher ihnen derselbe übergeben wurde, vermutlich unerfüllt gelassen. Nun fragt sich, warum hat Jonathan Small den Schatz nicht selbst genommen? Die Antwort ist nicht schwer. Das Datum auf der Karte beweist, daß sie aus der Zeit stammt, als Morstan auf seinem Posten in der Verbrecherkolonie war. – Jonathan Small konnte den Schatz nicht heben, weil er und seine Genossen selbst Sträflinge waren und der Freiheit beraubt.«

»Aber das sind ja alles nur leere Vermutungen.«

»Bewahre, es sind folgerichtige Annahmen, welche sich mit den Thatsachen decken; das zeigt der weitere Verlauf: Major Scholto bleibt ein paar Jahre in der Ruhe, glücklich in dem Besitz des Schatzes. Dann erhält er einen Brief aus Indien, welcher ihm einen großen Schrecken einjagt. Was stand darin?«

»Wahrscheinlich die Mitteilung, daß die Leute, denen er nicht Wort gehalten hatte, jetzt frei wären.«

»Oder, daß sie davongelaufen seien. Letzteres ist viel wahrscheinlicher; denn den Termin ihrer Freilassung kannte er ohne Zweifel – er würde ihm nicht überraschend gekommen sein. Was thut er nun? Er suchte sich vor einem Mann zu schützen, der einen Stelzfuß trägt – vor einem weißen Mann, merken Sie wohl; denn er hält einen englischen Hausierer für einen Feind und schießt sogar eine Pistole auf ihn ab. Auf der Karte steht nur der Name eines einzigen weißen Mannes; die anderen sind Hindus oder Muhamedaner. Deshalb können wir mit Gewißheit annehmen, daß der Stelzfuß und Jonathan Small ein und dieselbe Person sind. Finden Sie einen Fehler in dieser Auseinandersetzung?«

»Nein, wahrlich nicht. Sie ist klar und bündig.«

»Gut denn. Setzen wir uns an die Stelle von Jonathan Small und betrachten wir die Sache von seinem Standpunkt aus. Er kommt nach England, in der doppelten Absicht, wiederzugewinnen, was er als sein Eigentum ansieht, und Rache zu nehmen an dem Manne, der ihn hintergangen hat. Nachdem er herausgefunden, wo Scholto sich aufhält, hat er höchst wahrscheinlicherweise eine Verbindung mit einem Insassen des Hauses anzuknüpfen gesucht. Frau Bernstone erwähnte einen Hausmeister, Namens Lal Rao, von dem sie nichts Gutes zu berichten weiß. Das Versteck des Schatzes zu entdecken, war für Small ein Ding der Unmöglichkeit. Außer dem Major und einem treuen Diener, der nicht mehr am Leben ist, wußte kein Mensch darum. Plötzlich erfährt Small, daß der Major im Sterben liegt. Rasend vor Angst, das Geheimnis des Schatzes könne mit ihm begraben werden, trotzt er der Gefahr, von den Wächtern entdeckt zu werden, und gelangt bis an Scholtos Fenster. Nur die Gegenwart der beiden Söhne verhindert ihn, weiter vorzudringen. Voll Haß und Wut gegen den Toten steigt er jedoch bei Nacht in das Zimmer ein, durchsucht alle Papiere, in der Hoffnung, einen Fingerzeig über den Schatz zu finden, und läßt als Denkzeichen seines Besuchs die bedeutsamen Worte auf der Karte zurück: ›Das Zeichen der Vier.‹ Hätte er den Major erschlagen, so wäre das in seinen Augen kein gewöhnlicher Mord, sondern nur die gerechte Strafe gewesen, die er als Vertreter der vier Genossen vollzog. Wunderliche Selbsttäuschungen dieser Art kommen oft genug bei Verbrechern vor und führen nicht selten zu ihrer Entdeckung. – Haben Sie mir bis hierher folgen können, Doktor?«

»Ohne Schwierigkeit.«

»Was blieb nun Jonathan Small übrig? Er konnte nichts thun, als im geheimen die Versuche überwachen, die gemacht wurden, um den Schatz aufzufinden. Vielleicht hat er inzwischen England verlassen und ist nur von Zeit zu Zeit dahin zurückgekehrt. Von der Entdeckung des vermauerten Dachbodens wurde er sogleich in Kenntnis gesetzt, vermutlich durch den Helfershelfer im Hause. Jonathan wäre mit seinem hölzernen Bein ganz außer stande gewesen, das hochgelegene Zimmer zu erreichen, welches Bartholomäus Scholto bewohnte. Er wird aber von einem merkwürdigen Gefährten begleitet, der diese Schwierigkeit überwindet, jedoch mit seinem nackten Fuß ins Kreosot tritt. Das bringt nun Toby auf den Schauplatz und nötigt einen Militärarzt auf Halbsold, im Morgengrauen meilenweit herumzulaufen.«

»Aber es war der andere, und nicht Jonathan, der das Verbrechen beging.«

»Ganz richtig. Jonathan war sogar entschieden dagegen, nach der Art zu urteilen, wie er umher gestampft ist, sobald er in das Zimmer kam. Er hatte nicht den Wunsch, seinen eigenen Kopf in die Schlinge zu stecken, hegte auch gegen Bartholomäus Scholto keinen Groll. Deshalb würde er es vorgezogen haben, wenn man ihn einfach hätte binden und knebeln können. Indessen, dem war nicht mehr abzuhelfen; die wilde Natur seines Gefährten war zum Ausbruch gekommen und das Gift hatte seine Wirkung gethan: So ließ Jonathan sein Denkzeichen zurück, schaffte die Kiste mit dem Schatz am Strick hinunter und folgte ihr selbst. Das war der Hergang der Ereignisse, so weit ich sie enträtseln kann. Was seine Persönlichkeit betrifft, so muß er natürlich ein Mann in mittleren Jahren sein und auch sonnverbrannt, nachdem er längere Zeit in solch einem Backofen wie die Andamanen zugebracht hat. Seine Größe kann man leicht nach der Weite seiner Schritte schätzen, und daß er einen Bart hat, wissen wir. Sein bärtiges Gesicht war ja Thaddäus Scholto besonders aufgefallen, als er ihn am Fenster sah. Ich wüßte nicht, daß sonst noch etwas zu erörtern übrig bliebe.«

»Aber der Genosse?«

»Ja so. Dabei ist kein großes Geheimnis. Sie werden alles bald genug erfahren. – Die Morgenluft ist doch köstlich. Sehen Sie nur, wie dort die kleine Wolke, gleich der roten Feder eines Riesenflamingos, durch die Luft segelt. Jetzt steigt der Goldrand der Sonne über die Dunstwolke Londons. Ich möchte gleich wetten, daß von allen den Leuten, die sie bescheint, keiner ein so seltsames Unternehmen vorhat, wie wir. – Sie haben doch Ihre Pistole bei sich?«

»Ich habe meinen Stock.«

»Es wäre nicht unmöglich, daß wir etwas der Art brauchen, wenn wir ihr Nest aufgestöbert haben. Den Jonathan überlasse ich Ihnen, aber wenn der andere widerwärtig wird, so schieße ich ihn nieder.«

Er zog seinen Revolver heraus und ließ ihn, nachdem er zwei Läufe geladen hatte, wieder in die Rocktasche gleiten.

Während der ganzen Zeit waren wir Tobys Führung gefolgt, auf halb ländlichen, mit Villen besetzten Wegen. Nun aber kamen wir in regelrechte Straßen, wo Arbeiter und Fuhrleute schon in Bewegung waren und schlampige Weiber die Fensterläden öffneten und die Thürschwellen fegten. Im Wirtshaus an der Ecke wurde es lebendig. Wüst aussehende Männer kamen heraus nach ihrer Morgenwäsche und trockneten sich den Bart am Aermel. Fremde Hunde kamen herzugelaufen, um uns neugierig zu mustern; aber unser unvergleichlicher Toby blickte weder rechts noch links, sondern trabte immer vor sich hin, mit der Nase am Boden, und hie und da ein ungestümes Geheul ausstoßend, zum Zeichen wie eifrig er der Spur nachging.

Die Leute, deren Fährte wir verfolgten, schienen einen wunderlichen Zickzackweg eingeschlagen zu haben; wahrscheinlich um der Beobachtung zu entgehen. Sie waren niemals auf der Hauptstraße geblieben, wenn sich ihnen eine gleichlaufende Seitenstraße darbot. Am unteren Ende von Kennington-Lane waren sie links durch die Bond- und Milesstraße abgebogen. Wo letztere Straße auf den Knights-Platz mündet, fing Toby plötzlich an, bald vor-, bald rückwärts zu laufen, sein eines Ohr war gespitzt, das andere hing herab: ein wahres Bild hündischer Unentschlossenheit. Dann wackelte er im Kreise umher und blickte von Zeit zu Zeit zu uns empor, als erwarte er Mitgefühl in seiner Verlegenheit.

»Was zum Henker hat der Hund?« brummte Holmes. »Sie werden doch nicht eine Droschke genommen haben, oder in einem Ballon aufgeflogen sein!«

»Vielleicht haben sie hier eine Weile Halt gemacht?«

»Aha! Schon recht. Er läuft wieder!« sagte Holmes, erleichtert aufatmend.

In der That hatte sich Toby wieder in Trab gesetzt. Noch einmal schnüffelte er, dann faßte er plötzlich einen Entschluß und schoß mit einer Kraft und Entschiedenheit davon, wie er sie noch nie gezeigt hatte. Er war jetzt wieder auf so sicherer Fährte, daß er nicht einmal die Nase auf dem Boden zu halten brauchte, wohl aber zerrte er hitzig an der Leine und versuchte sich loszureißen. An Holmes' leuchtenden Augen konnte ich erkennen, daß wir nach seiner Meinung dem Ende unserer Irrfahrt nahe sein müßten.

An der Schenke zum ›Weißen Adler‹ vorbei, stürmte der Hund wie unsinnig in Nelsons großen Holzhof hinein, wo die Arbeiter schon in voller Thätigkeit waren. Durch Sägemehl und Hobelspäne raste Toby weiter, ein Gäßchen hinunter, in einen Durchgang zwischen zwei Holzhaufen hinein und sprang dann endlich mit einem Triumphgebell an einem großen Faß in die Höhe, welches noch auf dem Handkarren stand, auf dem es hergebracht worden war. Mit weit heraushängender Zunge und blitzenden Augen stand Toby jetzt auf dem Faß, bald Holmes bald mich ansehend in Erwartung eines Zeichens der Anerkennung. Die Dauben des Fasses und die Räder des Karrens waren mit einer dunkeln Flüssigkeit getränkt und der Geruch von Kreosot erfüllte die ganze Luft. Eine Weile standen Holmes und ich sprachlos da, und dann brachen wir beide in ein unaufhaltsames, schallendes Gelächter aus.

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