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Das Zeichen der Vier

Arthur Conan Doyle: Das Zeichen der Vier - Kapitel 11
Quellenangabe
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typenarrative
authorArthur Conan Doyle
titleDas Zeichen der Vier
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesGesammelte Detektivgeschichten von Conan Doyle
volumeII
printrun17.-19. Tausend
illustratorRichard Gutschmidt
year1906
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Zehntes Kapitel.

Das Ende des Insulaners.

Unser Mahl war ein sehr heiteres. Holmes befand sich in vortrefflicher Stimmung; ich habe ihn nie so glänzend in der Unterhaltung gesehen. Er sprach über die verschiedenartigsten Gegenstände – über Passionsspiele, mittelalterliche Töpferarbeit, berühmte Violinen, den Buddhismus von Ceylon und die Kriegsschiffe der Zukunft – so eingehend, als hätte er aus jedem ein spezielles Studium gemacht. Sein guter Humor bildete den größten Gegensatz zu der düstern Niedergeschlagenheit der vorhergehenden Tage. Jones erwies sich als liebenswürdiger Gesellschafter und genoß sein Mahl mit der Miene eines Feinschmeckers. Mich selbst erregte der Gedanke, daß wir uns dem Ende unserer Aufgabe näherten, auf das angenehmste, und ich ließ mich durch Holmes' Heiterkeit fortreißen. Keiner von uns machte auch nur eine Anspielung auf den Grund unseres Beisammenseins.

Als der Tisch abgeräumt war, sah Holmes nach der Uhr und füllte drei Gläser mit Portwein.

»Ein Glas auf das glückliche Gelingen unserer kleinen Expedition. Und nun ist es hohe Zeit, aufzubrechen. Haben Sie eine Pistole, Watson?«

»Nur den alten Revolver in meinem Pult.«

»Nehmen Sie ihn ja mit. Es ist gut, auf alles vorbereitet zu sein. Die Droschke steht vor der Thür; ich habe sie auf halb sieben bestellt.«

An der Westminster-Werft fanden wir das Boot schon für uns bereit; Holmes prüfte es mit kritischen Blicken.

»Woran läßt sich erkennen, daß dies ein Polizeiboot ist?« fragte er.

»An der grünen Lampe auf der Seite.

»Dann schaffen Sie sie fort.«

Die kleine Veränderung war bald gemacht, wir bestiegen das Boot und die Seile wurden gelöst. Jones, Holmes und ich saßen auf dem Hinterdeck. Ein Mann war am Steuerruder, ein anderer bediente die Maschine und zwei stämmige Polizeibeamte standen auf dem Vorderteil.

»Wohin?« fragte Jones.

»Nach dem Tower. Sagt ihnen, daß sie gegenüber Jakobsons Werft halten.«

Unser Fahrzeug war augenscheinlich ein sehr schnelles. Die langen Reihen beladener Kähne, an denen wir vorüberschossen, schienen uns still zu stehen. Holmes lächelte vor Zufriedenheit, als wir einen Flußdampfer überholten und hinter uns zurückließen.

»Wenn es so weiter geht, sollte uns, denke ich, nichts auf dem Flusse entgehen können,« sagte er.

»Das meine ich auch, und es giebt gewiß nicht viele Boote, die es uns zuvor thun werden.«

»Wir müssen es mit der ›Aurora‹ aufnehmen, die als ein Schnellsegler bekannt ist; das wird nicht leicht sein. Nun lassen Sie sich aber erzählen, wie es mir ergangen ist, Watson:

»Um mich von meinem Aerger über das Hindernis zu zerstreuen, das uns im Wege lag, hatte ich mich, wie Sie wissen, in eine chemische Analyse gestürzt. Einer unserer größten Staatsmänner sagt, daß ein Wechsel in der Arbeit die beste Ruhe ist. Und er hat recht. Nachdem mir das Experiment mit dem Kohlenwasserstoff gelungen war, kehrte ich zu unserm Scholto-Problem zurück und dachte die ganze Geschichte von neuem durch. Meine Jungen hatten stromaufwärts und -abwärts gesucht, ohne Erfolg. Das Boot war an keinem Landungsplatz, an keiner Werft, und war auch nicht zurückgekommen. Daß sie es versenkt haben sollten, hielt ich für unwahrscheinlich. Ich traute dem Small einen gewissen Grad von Schlauheit zu; die hatte er bewiesen bei seiner fortgesetzten Wacht über Pondicherry-Lodge. Er mußte während seines Aufenthalts in London irgend ein geheimes Versteck gehabt haben, das er gewiß nicht aufgeben würde, ohne erst sicher zu sein, daß er den Zufluchtsort entbehren könne. Besonders mußte ihm daran liegen, seinen Kameraden vor allen Blicken zu verbergen, denn, mochte er ihn zustutzen wie er wollte, seine Erscheinung blieb höchst auffallend. Die beiden waren aus ihrem Schlupfwinkel unter dem Deckmantel der Dunkelheit aufgebrochen und mußten wünschen, ihn vor Tagesanbruch wieder zu erreichen. Nun war es nach Angabe der Frau Smith drei Uhr vorbei, als sie das Boot bekamen. Eine Stunde später wurde es ganz hell und viele Leute waren schon auf den Füßen. Daraus folgerte ich, daß sie nicht weit gefahren sein könnten. Sie bezahlten den Smith gut dafür, daß er reinen Mund hielt, legten einstweilen Beschlag auf sein Boot bis zur schließlichen Flucht, und eilten mit dem Schatz in ihr Versteck. In einer späteren Nacht konnten sie dann unter dem Schutz der Dunkelheit nach irgend einem Schiff bei Gravesend oder in den Downs abdampfen, wo sie ohne Zweifel schon ihre Ueberfahrt nach den Kolonien oder Amerika vorbereitet hatten.«

»Aber das Boot? Das haben sie doch nicht in ihr Versteck genommen.«

»Sehr wahr. Doch konnte die ›Aurora‹ trotz ihrer Unsichtbarkeit nicht weit sein. Ich versuchte, mich an Smalls Stelle zu setzen und die Sache zu betrachten, wie ein Mann von seiner Urteilskraft es thun würde. Das Boot zurückschicken oder es auf irgend einer Werft behalten, hieße der Polizei die Verfolgung erleichtern. Wie konnte er also sein Fahrzeug zugleich verbergen, und es dennoch bei der Hand haben, sobald er es brauchte? Ich überlegte, was ich selbst gethan hätte, wenn ich in seinen Schuhen steckte. Da konnte ich mir nur ein Mittel ausdenken. Ich würde das Boot einem Schiffbauer oder Schiffszimmermann übergeben mit der Weisung, irgend eine unbedeutende Ausbesserung daran vorzunehmen. Der hätte es in seinen Schuppen oder Bauhof bringen lassen, und auf diese Art wirklich verborgen, während man es nach Bedarf in ein paar Stunden wieder haben konnte.«

»Das scheint allerdings einfach.«

»Eben diese allereinfachsten Dinge sind es, die so leicht übersehen werden. Es kam auf einen Versuch an. Als Matrose verkleidet, durchforschte ich alle Schiffsbauhöfe den Fluß entlang. Fünfzehnmal war's vergeblich, aber beim sechzehnten – Jakobsons – erfuhr ich, daß die ›Aurora‹ ihnen vor zwei Tagen von einem Mann, einem Stelzfuß übergeben worden wäre, zur Ausbesserung des Steuers. ›Aber das Steuerruder ist heil und ganz,‹ sagte der Werkführer: ›die dort ist's mit den roten Streifen.‹ Es traf sich merkwürdig, daß ich gerade in dem Augenblick Mordecai Smith zu Gesichte bekam, den verschwundenen Eigentümer des Dampfboots. – Er war stark angetrunken und brüllte selbst seinen Namen und den Namen seines Boots heraus; sonst hätte ich ihn schwerlich erkannt. ›Ich brauch' die ›Aurora‹ heut abend um acht Uhr,‹ rief er – ›wohl zu merken – Punkt acht Uhr; ich hab' zwei Herren, die auf mich warten!‹ Sie hatten ihn offenbar gut bezahlt; denn er war sehr freigebig mit dem Gelde und teilte rechts und links Schillinge aus. Ich folgte ihm eine Weile, bis er in einer Kneipe verschwand; dann ging ich auf den Bauhof zurück und stellte einen Jungen aus meiner Bande, den ich unterwegs traf, als Wache auf. Er soll uns vom Ufer aus mit seinem Taschentuch zuwehen, wenn die ›Aurora‹ abdampft. Wir bleiben mit unserem Fahrzeug abseits im Flusse liegen, und es müßte sonderbar zugehen, wenn es uns nicht gelänge, die Männer, den Schatz, kurz alles zu fangen.«

»Sie haben jedenfalls den Plan sehr fein ausgedacht; mögen es nun die rechten Leute sein oder nicht,« sagte Jones. »Wäre die Sache in meinen Händen gewesen, so hätte ich eine Anzahl Polizisten in die Nähe postiert, um sie festzunehmen, sobald sie zum Vorschein gekommen wären.«

»Die hätten lange warten können. Glauben Sie mir, Small ist ein geriebener Kerl. Er würde erst einen Spion vorausgeschickt haben und sobald er Argwohn schöpfte, sich abermals eine Woche still verhalten.«

»Aber den Mordecai hätten Sie doch festnehmen und benützen können, ihren Versteck aufzufinden,« sagte ich.

»Das hielt ich für verlorene Mühe. Ich möchte wetten, daß Smith gar nicht weiß, wo sie sich aufhalten. Warum sollte er danach fragen, solange er Schnaps und gute Bezahlung hat. Sie schicken ihm nur Botschaft, wenn sie ihn brauchen. Ich habe alles wohl erwogen und auf meine Weise wird es am besten gehen.«

Während dieses Gesprächs war unser Boot unter einer Themsebrücke nach der andern dahingeschossen. Als wir an der City vorbeikamen, vergoldeten die letzten Strahlen der Sonne das Kreuz auf dem St. Paulskirchturm. Als wir den Tower erreichten, herrschte bereits Dämmerlicht.

»Das dort ist Jakobsons Schiffsbauhof,« sagte Holmes, auf ein Gewirr von Masten und Segeln deutend. »Wir wollen hier langsam auf- und abkreuzen unter Deckung jener Leichterboote.«

Er nahm ein Nachtfernglas aus der Tasche und spähte nach dem Ufer hin. »Ich sehe meine Wache auf dem Posten, aber sie giebt kein Zeichen.«

»So lassen Sie uns doch eine Strecke weit den Fluß hinunter fahren und auf die ›Aurora‹ warten,« sagte Jones eifrig.

Wir waren jetzt alle in Aufregung, selbst die Polizisten und die Heizer, die doch nur eine sehr unklare Vorstellung davon hatten, um was es sich handelte.

»Wir können nicht mit Sicherheit annehmen, daß sie flußabwärts fahren,« erwiderte Holmes. »Von diesem Punkt aus sehen wir den Eingang der Werft; uns dagegen können sie kaum gewahr werden. Es wird eine klare Nacht; wir haben Licht genug und müssen vorerst bleiben, wo wir sind. Schauen Sie noch einmal dort hinüber. Flattert da nicht etwas Weißes?«

»Ja, es ist Ihr Junge mit dem Taschentuch. Ich kann ihn deutlich sehen.«

»Und da ist auch die ›Aurora‹,« rief Holmes, »sie schießt davon in Teufelseile! – Fahrt drauf los, Bootsmann, so schnell ihr könnt, hinter dem Dampfer her mit dem gelben Licht! Es wäre doch wahrhaftig zu toll wenn er uns am Ende noch durchginge!«

Von uns ungesehen war die ›Aurora‹ durch einige kleine Fahrzeuge gedeckt, aus der Werft in den Fluß geglitten. Jetzt flog sie stromabwärts, nahe am Ufer hin, mit furchtbarer Geschwindigkeit. Jones sah ihr ernsthaft nach und schüttelte den Kopf.

»Das geht sehr schnell. Ich zweifle, ob wir sie einholen.«

»Wir müssen, wir müssen!« rief Holmes, die Zähne zusammenbeißend. »Schürt das Feuer, ihr Heizer! – das Boot muß sein Aeußerstes thun! Sollten wir auch verbrennen! Haben müssen wir sie!«

In rasender Eile ging es jetzt hinter der ›Aurora‹ her. Die Kesselfeuerung prasselte; die mächtigen Maschinen ächzten und stöhnten wie ein großes, metallenes Herz. Der scharfe Schnabel unseres Dampfers durchschnitt den stillen Fluß, daß rechts und links zwei große Wogen dahinrollten. Mit jedem Herzschlag der Maschinen sprang und bebte das Boot wie ein lebendiges Wesen. Eine große, gelbe Laterne an unserm Bug warf einen langen, flackernden Lichtstrahl vor uns her. Geradeaus sahen wir die ›Aurora‹ wie einen dunklen Fleck, und das Gekräusel des weißen Schaums hinter ihr zeugte von der Schnelligkeit ihres Laufs. Wir schossen an Kähnen, Dampfern, Handelsschiffen vorbei; hinter dem einen fort und um das andere herum. Stimmen riefen uns an aus der Dunkelheit, aber immer raste die ›Aurora‹ vorwärts, und wir immer hinterher.

»Mehr Kohlen, ihr Leute, mehr Kohlen!« schrie Holmes in den Maschinenraum hinunter, während ihm die schreckliche Glut ins erhitzte Gesicht schlug. »Wir brauchen allen Dampf, der sich irgend beschaffen läßt.«

»Ich meine, wir kommen etwas näher,« sagte Jones, die ›Aurora‹ scharf im Auge behaltend.

»Ganz gewiß!« rief ich. In ein paar Minuten haben wir sie erreicht.«

In dem Augenblick wollte jedoch unser böses Geschick, daß ein Bugsierdampfer, mit drei Kähnen im Schlepptau, uns in die Quere kam. Nur durch eine rasche Bewegung des Steuers konnten wir den Zusammenstoß vermeiden. Wir mußten den Schlepper umgehen, und als wir wieder in unserer Bahn waren, hatte die ›Aurora‹ an zweihundert Meter Vorsprung gewonnen. Indessen war sie noch immer gut in Sicht; die nebelige, unsichere Dämmerung ging in eine klare, sternhelle Nacht über.

Unsere Dampfkessel thaten ihr Aeußerstes und das gebrechliche Fahrzeug bebte und krachte, während es mit wilder Gewalt vorwärts getrieben wurde. Wir waren an den West-India-Docks vorbei, hatten die lange Krümmung bei Deptford hinter uns und jetzt ging es wieder geradeaus. Der dunkle Fleck vor uns enthüllte sich immer deutlicher als die schlanke ›Aurora‹. Jones richtete unsere Leuchte auf sie, sodaß wir die Gestalten auf ihrem Deck unterscheiden konnten. Ein Mann saß im Hinterteil, einen schwarzen Gegenstand auf den Knieen, über den er sich niederbeugte. Neben ihm lag eine dunkle Masse, welche wie eine Neufundland-Dogge aussah. Der Junge hielt das Steuer, und im roten Schein des Dampfkessels sah ich den alten Smith stehen, bis zum Gürtel nackt und aus allen Kräften Kohlen schaufelnd. Sie mochten sich anfangs gefragt haben, ob wir sie wirklich verfolgten; aber jetzt, da wir unablässig auf ihrer Fährte blieben, konnten sie nicht mehr im Zweifel darüber sein. Bei Greenwich waren wir ungefähr dreihundert Schritt hinter ihnen. Bei Blackwall konnten es nicht mehr als zweihundertundfünfzig sein. Ich habe manches Tier gehetzt, in aller Herren Länder, während meines wechselvollen Lebens, aber niemals hat ein Sport mich in so wilde Aufregung versetzt, als diese wahnsinnige Menschenjagd auf dem Themsefluß. Beständig näherten wir uns ihnen, einen Meter nach dem andern. In der Stille der Nacht konnten wir das Stöhnen und Klappern ihrer Maschine hören. Der Mann auf dem Hinterdeck kauerte am Boden und bewegte die Arme als verrichte er eine Arbeit. Von Zeit zu Zeit sah er auf, wie um mit den Blicken die Entfernung zu messen, die uns noch trennte. Näher und näher kamen wir. Jones schrie, sie möchten anhalten. Jetzt waren wir nur noch vier Bootslängen hinter ihnen, beide Boote flogen in furchtbarer Eile dahin. Bei unserm Anruf sprang der Mann am Steuer in die Höhe, stieß wilde Flüche aus und schüttelte seine geballten Fäuste gegen uns. Er war ein mittelgroßer, kräftiger Mann, und wie er so breitbeinig dastand, sich im Gleichgewicht haltend, konnte ich sehen, daß er an seinem linken Bein vom Knie an einen hölzernen Stelzfuß trug. Als seine schrille, zornige Stimme erschallte, entstand in der dunkeln Masse auf dem Deck eine Bewegung. Es dehnte und streckte sich, bis ein kleiner, schwarzer Mann dastand – der kleinste, den ich jemals gesehen – mit einem großen, unförmlichen Kopf, den eine Menge wirres, zerzaustes Haar bedeckte. Holmes hatte schon seinen Revolver gespannt und ich ergriff schnell den meinigen bei dem Anblick dieses wilden, mißgestalteten Geschöpfs. Er war in eine Art Mantel oder dunkle Decke gehüllt, die nur sein Gesicht frei ließ, aber das Gesicht mußte einen im Schlaf verfolgen. Nie habe ich Züge gesehen, die so sehr den Stempel tierischer Grausamkeit trugen. Seine kleinen Augen glühten und brannten in dunklem Feuer, aus seinen dicken Lippen starrten die Zähne hervor, mit denen er klapperte und uns angrinste in bestialischer Wut.

»Geben Sie Feuer, sobald er die Hand hebt,« sagte Holmes ruhig.

Wir waren nur noch eine Bootslänge entfernt, fast berührten wir unsere Beute. Ich sehe die beiden noch vor mir im Lichte unserer Laterne, den weißen Mann mit dem Stelzfuß, wie er seine Flüche zu uns herüberschleuderte, und den teuflischen Zwerg, mit den großen, gelben, knirschenden Zähnen und dem scheußlichen Gesicht. Es war gut, daß wir ihn so deutlich sehen konnten, denn jetzt zog er unter seiner Umhüllung ein kurzes, rundes Stück Holz hervor, wie ein Schullineal und setzte es an die Lippen. Unsere Pistolen gingen gleichzeitig los. Er taumelte, warf die Arme in die Höhe, gab einen keuchenden Ton von sich und fiel über Bord in den Strom. Noch einmal sah ich den Blick seiner giftigen, drohenden Augen inmitten des weißen Wasserschaums. Im selben Augenblick warf sich der Stelzfuß auf das Steuerruder, drückte es nieder und sein Boot flog dem südlichen Ufer zu. Wir schossen daran vorbei, wendeten jedoch sofort um. Es war schon dicht am Lande, gerade an einer recht wilden und wüsten Stelle, wo das Mondlicht auf weiten Sumpfstrecken glitzerte, mit Pfützen stehenden Wassers und Schichten einer faulenden Vegetation. Mit einem dumpfen Stoß lief das Boot auf das sumpfige Ufer, das Vorderteil in der Luft, die Hinterseite im Wasser. Der Flüchtling sprang heraus; aber sein Stelzfuß sank augenblicklich der ganzen Länge nach in den durchweichten Boden. Vergeblich all seine Anstrengung sich zu befreien; nicht einen Schritt konnte er vor- oder rückwärts machen. Er brüllte vor ohnmächtiger Wut und stieß verzweifelt mit dem andern Fuß in den Schlamm; aber sein Ringen bohrte den hölzernen Stumpf nur noch tiefer in den zähen Ufergrund. Als wir neben der ›Aurora‹ beilegten, war er so fest eingeankert, daß wir nur mit Hilfe eines Taus, welches ihm über die Schultern geworfen wurde, imstande waren, ihn wie einen Riesenfisch über unsern Schiffsrand zu heben und zu ziehen. Die beiden Smith, Vater und Sohn, saßen mürrisch in ihrem Boot, doch kamen sie ganz demütig zu uns an Bord, als es ihnen befohlen wurde. Die ›Aurora‹ selbst machten wir flott und befestigten sie hinten an unserm Boot. Eine starke, eiserne Kiste indischer Arbeit stand auf dem Deck. Das war ohne Frage dieselbe, die den verhängnisvollen Schatz der Scholtos enthielt. Der Schlüssel fehlte, aber sie war von beträchtlichem Gewicht, so brachten wir sie denn vorsichtig in unsere kleine Kajüte. Während wir langsam stromaufwärts dampften, wendeten wir unsere Leuchte nach allen Seiten, aber nirgends war eine Spur von dem Insulaner zu entdecken. Die Gebeine dieses, an unsern Ufern so fremdartigen Gastes, liegen wohl tief auf dem Boden der Themse in irgend einem dunkeln Morast.

»Sehen Sie da,« sagte Holmes, auf das hölzerne Gangbrett deutend. »Wir haben unsere Pistolen gerade noch rechtzeitig abgefeuert.« Und wirklich – dicht hinter der Stelle, auf der wir gestanden hatten, steckte einer der mörderischen Dorne, die wir so gut kannten. Er mußte in dem Augenblick zwischen uns hindurch geschwirrt sein, als wir losschossen.

Holmes lächelte nur und zuckte die Achseln, aber ich gestehe, daß mir schauderte bei dem Gedanken an den gräßlichen Tod, dem wir in dieser Nacht nur knapp entgangen waren.

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