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Das Zeichen der Vier

Arthur Conan Doyle: Das Zeichen der Vier - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleDas Zeichen der Vier
translatorarno.niemer@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderhille@abc.de
created20000215
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Die Beschreibung des Falles

Mit festem Schritt und äußerst gefaßt betrat Fräulein Morstan das Zimmer. Sie war eine blonde junge Dame, klein, zierlich, und geschmackvoll gekleidet. Die Einfachheit ihres Kostüms zeigte aber auch ihre begrenzten Mittel, die sie für Bekleidung ausgeben konnte. Das Kleid war in düsterem gräulichem Beige, ohne Besatz und ohne Bordüren, und sie trug einen kleinen Turban der gleichen stumpfen Farbe, der nur von einer weißer Feder an der Seite aufgelockert wurde. Ihr Gesicht hatte weder besondere Merkmale noch sonstige Charakteristika, aber ihr Eindruck war nett und liebenswürdig, und die großen blauen Augen waren außerordentlich sinnlich und teilnahmsvoll. In meiner Erfahrung mit Frauen, die sich über viele Nationen und drei getrennten Kontinente erstreckt, habe ich kein Gesicht mit einer klareren Verheißung einer so feinen und empfindsamen Natur gesehen. Ich konnte nichts anderes tun als zu beobachten, wie ihre Lippen und ihre Hand zitterten, als sie den Platz nahm, den Sherlock Holmes ihr anbot. Sie zeigte deutliche Anzeichen intensiver innerer Erregung.

»Ich bin zu Ihnen, Herr Holmes, gekommen,« sagte sie, »weil Sie meinem Arbeitgeber – Frau Cecil Forrester – halfen, einige häusliche Komplikationen zu entwirren. Sie war von Ihrer Freundlichkeit und Ihren Fähigkeiten sehr beeindruckt.«

»Frau Cecil Forrester,« wiederholte er gedankenvoll. »Ich glaube, daß ich ihr einen kleinen Gefallen tat. Aber es war ein sehr einfacher Fall, wenn ich mich recht erinnere«.

»Sie denkt anders darüber. Aber wenigstens können Sie von mir nicht das Gleiche sagen. Ich kann mir kaum etwas Seltsameres, etwas gänzlich Unerklärbareres vorstellen, als die Situation, in der ich mich befinde.«

Holmes rieb seine Hände und seine Augen funkelten. Er lehnte sich mit einem Ausdruck außerordentlicher Konzentration auf seinen klaren, falkenähnlichen Zügen in seinem Stuhl vor. »Beschreiben Sie Ihren Fall,« sagte er in lebhaftem Geschäftston.

Ich empfand mich in einer peinlichen Lage. »Sie werden mich sicherlich entschuldigen,« sagte ich und erhob mich von meinem Stuhl.

Zu meiner Überraschung hob die junge Dame ihre behandschuhte Hand, um mich aufzuhalten. »Wenn Ihr Freund hierbleiben würde,« sagte sie, »könnte er von unschätzbarem Dienst für mich sein.«

Ich fiel in meinen Stuhl zurück.

»Kurz gesagt,« setzte sie fort, »die Tatsachen sind diese. Mein Vater, der mich nach Hause schickte, als ich noch ein Kind war, war Offizier in einem indischen Regiment. Meine Mutter war tot, und ich hatte keine Verwandten in England. Ich wurde in einer komfortablen Pension bei Edinburgh untergebracht, und dort blieb ich, bis ich siebzehn Jahre alt war. Im Jahr 1878 erhielt mein Vater, der der ranghöchste Kapitän seines Regimentes war, zwölf Monate Urlaub und kam nach Hause. Er telegrafierte mir von London aus, daß er sicher angekommen war, und bat mich nach London zu kommen. Er gab das Langham Hotel als seine Adresse an. Seine Mitteilung war, wie ich mich erinnere, freundlich und liebvoll. In London angekommen, fuhr ich zum Langham Hotel und wurde dort informiert, daß Kapitän Morstan dort wohne, aber daß er in der vorigen Nacht das Hotel verlassen hatte und noch nicht zurückgekommen sei. Ich wartete mehrere Tage ohne Nachricht von ihm. Eines abends, auf Rat des Hotelmanagers, sprach ich mit der Polizei, und am nächsten Morgen inserierten wir in allen Zeitungen. Unsere Nachforschungen waren ohne Ergebnis; und seit jenen Tagen ist kein Wort mehr von meinem unglücklichen Vater gehört worden. Er kam nach Hause mit dem Herzen voller Hoffnung, Frieden zu finden, und stattdessen –« Sie führte die Hand zu ihrer Kehle, und ein würgender Schluchzer beendete den Satz.

»Das Datum?« fragte Holmes und öffnete sein Notizbuch.

»Er verschwand am 3. Dezember 1878, vor beinahe zehn Jahren.«

»Sein Gepäck?«

»Blieb im Hotel. Es enthielt nichts, was einen Hinweis geben könnte – einige Kleider, einige Bücher, und eine beträchtliche Anzahl von Kuriositäten von den Andaman Inseln. Er war dort einer der diensthabenden Offiziere der Strafkolonie.

»Hatte er irgendwelche Freunde in der Stadt?«

»Wir kennen nur einen – Major Sholto. Er ist aus seinem eigenen Regiment, der 34. Bombay Infanterie. Der Major war kurze Zeit vorher in Pension gegangen, und lebte in Upper Norwood. Wir korrespondierten natürlich mit ihm, aber er wußte nicht einmal, daß sein Offiziersfreund in England war.«

»Ein eigenartiger Fall,« bemerkte Holmes.

»Ich habe Ihnen noch nicht den eigenartigsten Teil beschrieben. Vor ungefähr sechs Jahren – um genau zu sein, am 4. Mai, 1882 – erschien eine Anzeige in der Times, in der nach der Adresse von Fräulein Mary Morstan gefragt wurde. Die Anzeige enthielt einen Hinweis, daß es zu ihrem Vorteil wäre. Es gab keinen Namen, keine Adresse war angegeben. Zu dieser Zeit hatte ich gerade meine Stelle als Gouvernante in der Familie von Frau Cecil Forrester angenommen. Auf ihren Rat hin veröffentlichte ich meine Adresse in den Anzeigenspalten. Am gleichen Tag kam eine kleine, an mich adressierte, Pappkiste mit der Post an, die eine sehr große und glänzende Perle enthielt. Es war kein Schreiben beigelegt. Seitdem ist dann jedes Jahr zum gleichen Zeitpunkt immer eine ähnliche Kiste angekommen und enthielt eine ähnliche Perle, ohne irgendeinen Anhaltspunkt über den Absender. Die Perlen sind von einem Experten geschätzt worden. Sie gehören zu einer seltenen Sorte und sind von beträchtlichem Wert. Sie können selbst sehen, daß sie sehr hübsch sind.« Sie öffnete eine flache Kiste, und zeigte mir sechs von den feinsten Perlen, die ich je gesehen hatte.

»Ihre Behauptung ist höchst interessant,« sagte Sherlock Holmes. »Ist Ihnen sonst noch etwas besonderes passiert?«

»Ja, und zwar heute. Darum bin ich zu Ihnen gekommen. Heute morgen bekam ich diesen Brief, wenn Sie ihn bitte lesen würden.«

»Danke,« sagte Holmes. »Den Umschlag bitte auch. Abgestempelt in London, S.W., datiert den 7. Juli. Hmm! Ein Daumenabdruck an der Ecke – wahrscheinlich vom Briefträger. Papier der besten Qualität. Umschläge für Sixpence das Dutzend. Ein wählerischer Mann in seinen Schreibwaren. Keine Adresse.

›Kommen Sie heute abend sieben Uhr zum dritten Pfeiler von links an der Außenmauer des Lyceum Theaters. Wenn Sie mißtrauisch sind, bringen Sie zwei Freunde mit. Sie sind ungerecht behandelt worden, und sollen Ihr Recht bekommen. Bringen Sie keine Polizei mit. Wenn Sie dies doch tun, wird alles vergeblich sein. Ihr unbekannter Freund.‹

Tatsächlich, das ist ein hübsches kleines Rätsel. Was beabsichtigen Sie zu tun, Fräulein Morstan?«

»Das ist genau das, was ich Sie fragen wollte.«

»Dann sollten wir auf jeden Fall hingehen. Sie und ich und – ja, Dr. Watson ist der richtige Mann. Ihr Briefschreiber erwähnt zwei Freunde. Er und ich haben schon früher zusammengearbeitet.«

»Aber käme er mit?« fragte sie mit einem bittenden Ton in ihrer Stimme und entsprechendem Gesichtsausdruck.

»Ich bin stolz und froh,« sagte ich inbrünstig, »Ihnen zu Diensten sein zu können.«

»Sie sind beide sehr freundlich,« antwortete sie. »Ich habe ein zurückgezogenes Leben geführt und habe keine Freunde, an die ich mich wenden könnte. Wenn ich hier um sechs eintreffe, wird es zeitig genug sein, nehme ich an?«

»Sie sollten nicht später hier sein,« sagte Holmes. »Aber es gibt noch einen anderen Punkt. Ist diese Handschrift die gleiche wie die der Adressen auf den Perlenkästchen?«

»Ich habe sie hier,« antwortete sie und zeigte ein halbes Dutzend Papierblätter.

»Sie sind wirklich ein guter Klient. Sie haben die richtige Intuition. Lassen Sie uns sehen.« Er breitete die Dokumente auf dem Tisch aus, und warf flüchtige Blicke von einem Papier zum anderen. »Die Handschrift ist verstellt, aber nicht im Brief,« sagte er, »aber es kann keine Frage über die Autorschaft geben. Sehen Sie, wie der nicht unterdrückte griechische Buchstabe e ausbrechen will, und sehen Sie das Drehen des letzten s. Sie sind zweifellos von der gleichen Person geschrieben. Fräulein Morstan, ich möchte keine falschen Hoffnungen erwecken, aber gibt es irgendwelche Ähnlichkeit zwischen dieser Handschrift und der Ihres Vaters?«

»Sie könnten nicht verschiedener sein.«

»Ich habe erwartet, daß Sie das sagen. Wir werden dann um sechs nach Ihnen Ausschau halten. Bitte erlauben Sie mir, die Dokumente zu behalten. Ich schaue mir die Sache vielleicht vorher noch einmal an. Es ist jetzt erst halb vier. Au revoir dann.«

»Au revoir,« sagte unsere Besucherin, und mit einem hellen, freundlichen Blick zu jedem von uns verbarg sie ihr Perlenkästchen in ihrem Busen und eilte fort. Am Fenster stehend beobachtete ich, wie sie lebhaft die Straße entlang ging, bis der graue Turban und die weiße Feder nur noch ein Fleck in der dunklen Menschenmenge waren.

»Was für eine attraktive Frau!« rief ich aus und drehte mich zu meinem Begleiter.

Er hatte seine Pfeife wieder angezündet und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück. »Ist sie das?« sagte er träge. »Ich habe es nicht bemerkt.«

»Sie sind wirklich ein Automat, – eine Rechenmaschine!« rief ich aus. »Manchmal haben Sie etwas Unmenschliches an sich.«

Er lächelte sachte. »Es ist von größter Wichtigkeit,« sagte er, »daß Ihr Urteil nicht von persönlichen Empfindungen vorbelastet ist. Ein Klient ist für mich nur eine Größe – ein Faktor in einem Problem. Die emotionalen Aspekte sind dem logischem Denken hinderlich. Ich versichere Ihnen, daß die hübscheste Frau, die ich je kannte, für das Vergiften von drei kleinen Kindern gehängt wurde. Nur weil sie die Versicherungssumme erhalten wollte. Und der häßlichste Mann in meiner Bekanntschaft ist ein Philantrop, der beinahe eine Viertelmillion an die Armen von London verteilt hat.«

»In diesem Fall aber –«

»Ich mache nie Ausnahmen. Eine Ausnahme widerlegt die Regel. Haben Sie je Gelegenheit gehabt, den Charakter eines Menschen anhand von Handschriften zu studieren? Was halten Sie vom Gekritzel dieses Burschen?«

»Es ist lesbar und gleichförmig,« antwortete ich. »Ein Geschäftsmann mit charakterlicher Stärke.«

Holmes schüttelte seinen Kopf. »Schauen Sie seine hohen Buchstaben an,« sagte er. »Sie erheben sich kaum über den Rest. Dieses d könnte ein a sein, und dieses l ein e. Männer von Charakter unterscheiden ihre hohen Buchstaben immer, wie unleserlich sie auch sonst schreiben mögen. Es gibt Schwankungen in seinen k's und Selbstbehauptung in seinen Großbuchstaben. Ich gehe jetzt spazieren. Ich habe einige Dinge zu erledigen. Ich empfehle Ihnen dieses Buch – eines der bemerkenswertesten, das je geschrieben wurden. Es ist Winwood Reades ›Martyrdom of Man‹. Ich werde in einer Stunde zurück sein.«

Ich saß am Fenster mit dem Band in meiner Hand, aber meine Gedanken waren weit weg von den gewagten Spekulationen des Schriftstellers. Meine Gedanken waren bei unserer Besucherin – ihr Lächeln, die tiefen reichen Laute ihrer Stimme, das seltsame Rätsel, das ihr Leben überschattete. Wenn sie beim Verschwindens ihres Vaters siebzehn war, mußte sie jetzt siebenundzwanzig sein – ein süßes Alter, wenn die Befangenheit der Jugend verlorengeht und durch die Erfahrung abgelöst wird. So saß ich und grübelte, bis mir so gefährlichen Gedanken in den Kopf kamen, daß ich zu meinem Schreibtisch eilte und mich wütend in die neueste Abhandlung über Pathologie stürzte. Wer war ich schon, ein Armeechirurg mit einem lädierten Bein und einem ebenfalls lädierten Bankguthaben? Wie konnte ich es wagen, an so etwas zu denken? Sie war eine Größe, ein Faktor – nichts weiter. Sollte meine Zukunft dunkel erscheinen, so war es sicher besser, ihr wie ein Mann entgegen zu treten, als sie durch bloße Phantastereien aufzuwerten.

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