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Das Wyler Schlößchen

Edmund Hoefer: Das Wyler Schlößchen - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorEdmund Hoefer
titleDas Wyler Schlößchen
publisherVerlag von Gebrüder Kröner
year1863
correctorJosef Muehlgassner
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Das Wyler Schlößchen.

1863.

1.

Es ist nun schon über vierzig Jahre her, denn es war gleich nach dem großen Kriege, in dem die Franzosen aus Deutschland gejagt wurden, da sah's um die berühmte Handels- und Fabrikstadt bei weitem anders aus, als heutzutage. Von all den Straßen, die gegenwärtig vor ihren Mauern schier eine größere, reichere und lebhaftere Stadt bilden, als die alte drinnen jemals gewesen, war damals wenig die Rede. Vor einigen Thoren gab es zwar schon die sogenannten Vorstädte, meistens aber fand man diesseits der Mauern, Wälle und Gräben nichts als Wiesen und Felder oder höchstens Gemüse- und Obstgärten in armseligen, keinen Neugierigen zurückhaltenden Zäunen; und wenn man ja hie und da auf ein Gebäude stieß, so war's eine Scheune, ein Schuppen oder ein Gartenhäuschen, in welchem die Arbeitsgeräte der Besitzer aufbewahrt wurden.

Vor dem Heiligengeist-Thore war es nicht anders; gleich hinter der alten wackeligen Zugbrücke über den auf dieser Seite sehr breiten und tiefen Graben fingen die Felder und Wiesen an, selbst der Gärten gab es wenige, und die Lerchen sangen ungestört und fröhlich über dem einsamen Gelände. Ging man ein paar hundert Schritte auf der Landstraße fort, so stieß man auf einen Weg, der zu schmal fast für Fuhrwerke und zu breit für Fußgänger, sich rechts abzweigte und zwischen den Feldern, Wiesen und Gärten weiterführte. Man sah's ihm an, daß er nicht häufig betreten wurde; die Besitzer der angrenzenden Grundstücke hatten nur zeitweise hier zu thun, Spaziergänger mochten sich selten in diese Gegend verirren, und so drängte sich Gras und Kraut überall hervor und dämpfte den Schritt eines Wanderers bis zur Unhörbarkeit. Ließ man sich durch diese Einsamkeit indessen nicht abschrecken, sondern ging vorwärts, so erblickte man nach einiger Zeit eine lange, nicht gar hohe und weiß getünchte Mauer vor sich, welche vom Graben bis an den Pfad heraufreichte und sich dann längs desselben fortsetzte. Es sah fast aus, wie ein Kirchhof, und auch die edlen Bäume, welche ihre Kronen und Wipfel hoch über die Mauer hinauf trugen, widersprachen einer solchen Annahme nicht; nur mußte man sich sagen, daß die Todten dann einen langen Weg bis zu ihrer Ruhestätte gehabt haben würden, denn der Fleck war ziemlich gleich weit von beiden Thoren entfernt, zwischen denen er lag, und es mochte von beiden für einen rüstigen Fußgänger immerhin über eine Viertelstunde bis zu der Mauer sein.

Allein es war auch kein Kirchhof. Hatte man die Mauer vollends erreicht, so stieß man, etwa in der Mitte der Vorderseite, auf ein großes mit sehr zierlichen Arabesken durchschlungenes eisernes Gitterthor, durch welches man dann in die geschmackvollen Anlagen eines ausgedehnten Gartens hineinblicken konnte. Da waren Rasenplätze und schöne alte Bäume, Gebüschpartien und Gruppen von blühenden Gesträuchen und Stauden, Rabatten mit ausländischen, damals hier zu Lande noch seltenen, leuchtenden Blumen, und endlich, etwa hundert Schritt rückwärts gelegen, ein nicht großes, aber hübsches Haus. Sein Souterrain trat terrassenartig hervor, aus der Steinbalustrade, welche diese Terrasse einfaßte, erhoben sich schlanke Säulen, die in leichten Bogen mit dem Dache verbunden waren, und Epheu, Kletterrosen und wilder Wein rankten sich üppig empor, verhüllten das Haus und kletterten anmuthig mit ihrem Laub und ihren Blüthen bis auf das Dach und an den Thürmchen hinauf, welche den Bau flankirten. Von den Fenstern war wenig zu sehen; eine Thür erblickte man auf dieser Seite gar nicht. Das alles war so anmuthig und eigenartig, so durchaus überraschend, daß man wohl stehen bleiben und schauen, daß man nach dem fragen durfte, der sich in solcher Einsamkeit angesiedelt und dieselbe sich so zu schmücken verstanden hatte. Die Antwort war dann freilich einfach genug.

Eine reicher Hagestolz, der letzte seiner vordem in der Stadt überaus angesehenen alten Familie und einer der Wenigen, deren Reiselust im vorigen Jahrhundert schon alle Hindernisse und Strapazen überwand und so oft wie möglich in die Ferne trieb, war endlich seiner Reisen überdrüssig geworden und hatte zu seiner Unterhaltung den Garten angelegt und das Haus gebaut – ein Einfall, um dessen Ausführung willen ihn seine Mitbürger für einen noch größeren Narren und einen noch excentrischeren Kopf erklärten, als sie von jeher bereits gethan. Der alte Herr hatte sich durch dieses Urtheil in seinem Vornehmen freilich nicht stören lassen; im Gegentheil war er, wie wir's in ähnlichen Zuständen und Verhältnissen häufig beobachten können, nur noch hartnäckiger hier, noch verdrießlicher gegen alle Welt und noch einsiedlerischer dort geworden, und als seine Schöpfung vollendet war, verließ er sein Erbhaus in der Stadt und zog auf die Cottage – so hieß er sie – hinaus. Dort lebte er, die Stadt sah ihn nicht mehr, und als er in sehr hohen Jahren starb, hinterließ er die Bestimmung, daß seine Besitzung von den, in Nachbarstädten angesiedelten Erben nicht verkauft werden dürfe. Wenn niemand von ihnen sich entschließe, sie zu bewohnen, solle sie in Gottes Namen zerfallen; es müsse denn sein, daß seine Vaterstadt endlich zu der Einsicht komme, wie man für die vielen schwachsinnigen Einwohner ein eigenes Narren-, deutsch gesagt: Tollhaus bedürfe. Zu solchem Zweck möchten die Erben allenfalls Haus und Besitzung abtreten.

Zu dieser Einsicht hatte sich die höchlich entrüstete Stadt inzwischen noch nicht erheben gewollt, und da auch der Erbe und seine Familie sich nicht entschlossen, ihren bisherigen Wohnort zu verlassen, so sah es um das »Wyler Schlößchen« – der Erbauer war ein Herr Peter von Wyle gewesen – oder, wie man es auch hieß: »das Narrenhaus«, nicht zum besten aus.

An Verkauf war, wie gesagt, nicht wohl zu denken; der Erblasser hatte für solchen Fall eine an das städtische Waisenhaus zu entrichtende Strafsumme festgesetzt, welche den Werth des Grundstücks weit überstieg. Man suchte sich daher mit Vermietung zu helfen, ohne jedoch einen recht erwünschten Erfolg zu erzielen, da in diesen Gegenden dazumal schier jedermann noch auf seinem eigenen Erbe wohnte und niemand etwas von den jetzt beliebten Sommerwohnungen wußte. Indessen fand man im Laufe der Zeit ein paarmal Fremde, welchen während ihres Aufenthalts in der Stadt, die Wohnung im Schlößchen anstand, und wenn solche Gelegenheiten auch nur selten kamen, so hatten sie doch die Folge, daß man Haus und Garten nicht völlig zu Grunde gehen ließ.

Viel wurde dadurch für das Grundstück freilich nicht erzielt, und da sich obendrein vom Anfang unseres Jahrhunderts an manche Jahre lang auch kein Miether mehr fand, so verwilderte der Garten allmälig immer mehr, und das Schlößchen lag täglich alter und grauer, einsamer und stiller in den wuchernden Ranken, das Moos setzte sich an und die Flechten zehrten an den festen Steinen; die sauberen Platten der Terrasse wichen auseinander und sanken hie und da ein, und wären nicht die Ranken gewesen, die das Gebäude zusammenhielten und liebevoll seine Schäden verdeckten, so möchte es schon ganz ruinenhaft erschienen sein. In dem grünen Dämmer freilich konnte es einem poetischen Aug' und Herzen jetzt nur noch lauschiger und lockender erscheinen.

So war das Jahr 1811 herangekommen, als sich im Gasthof »zur Post« ein Mann einfand, der sich als Geschäftsführer eines reichen Herrn auswies, für diesen, der ruhebedürftig und kränklich, eine nicht zu kleine, behagliche und vom lebhaften Tagesverkehr entfernte Besitzung suchte und, da man ihm das Wyler Schlößchen nannte, dieses alsbald in Augenschein nahm. Der Zustand desselben gefiel ihm zwar nicht und die sonstigen Verhältnisse nöthigten ihm ein Kopfschütteln über das andere ab, – er suche keine Miethswohnung, sagte er, sondern ein Eigenthum. Trotzdem sagten ihm aber doch die Lage, Einteilung und ursprüngliche Einrichtung augenscheinlich so sehr zu, daß er sich mit dem Eigenthümer in Verbindung setzte und endlich auch mit der Verwaltung des Waisenhauses zu verhandeln begann. Was niemand für möglich gehalten, geschah. Es kam ein Vergleich zu Stande, der Haus und Garten für eine große Summe zum Eigenthum des verborgenen Käufers werden ließ. Der bisherige Besitzer mochte Gott danken, das für ihn nicht nur völlig unbenutzbare, sondern sogar noch kostspielige Grundstück mit einigem Vortheil los zu werden, und die Administratoren des Waisenhauses mußten einsehen, daß bei der damaligen Geldnoth und allen übrigen hoffnungslosen Zuständen und Verhältnissen die ihnen zufallende Abfindungssumme immerhin weit mehr sei, als sie bis dahin jemals hatten erwarten können.

Nun wurde es laut in und bei dem stillen Hause; zahlreiche Arbeiter nahmen das Gebäude und den Garten in Angriff, um es, so zu sagen, erst aus dem Groben heraus zu bringen. Dann kamen Fremde, um die Anlagen zu vervollkommnen und die innere Einrichtung zu vollenden, und im Sommer 1813 zeigte sich alles sauberer und anmuthiger als es je gewesen, trieben die Gartenanlagen, grünten die Rasenplätze auf's üppigste und blühten kostbare, in diesen Gegenden bis dahin noch nie gesehene Blumen. Das Schlößchen selbst lag nach wie vor in seinen grünen Hüllen, äußerlich unverändert. Das sah jedermann, der einmal durch das Gitterthor zu schauen wagte, was man sich aber von der neuen Einrichtung erzählte, grenzte an's Fabelhafte; es sollte wie ein Märchen aus tausend und einer Nacht sein. Gesehen hatte es freilich niemand als die fremden Arbeiter, welche nach Vollendung des Baues wieder davonzogen, ohne eingängliche Mittheilungen gemacht zu haben.

Dies Geheimniß im Verein mit dem Aufwande, der beim Anlauf und bei der Einrichtung stattgefunden haben sollte, reizte das Publikum in nicht geringem Maße. Man hieß das Schlößchen daher fortan auch fast nur noch das »Narrenhaus«.

Die Bewohner waren jetzt da, aber man bekam auch von ihnen nicht viel mehr zu sehen als vom Hause. Der Besitzer war den Behörden, welche dergleichen zu erfahren haben, als ein Herr von Willing genannt worden – ein obscurer Name, von dem niemand bisher gehört und den man nirgends unterzubringen wußte. Indessen konnte man, wenn man ihn einmal in der Umgegend der Stadt spazieren reiten oder zuweilen auch diese selbst passiren sah, nicht umhin, ihn für einen wirklich vornehmen Mann zu halten. Seine ganze Erscheinung und Haltung war die eines alten Soldaten und zwar eines recht hoch gestellten. Ein Sechziger von hoher und ziemlich hagerer Gestalt, mit gebräuntem Gesicht und zugleich finsteren und stolzen Zügen, mit Augen endlich, wie die des alten Fritz, so scharf und durchdringend war der Blick der glänzend blauen Sterne, – saß er auf seinem prachtvollen Pferde wie angegossen. Kurz, er sah genau so aus, wie man sich etwa einen General zu denken pflegt, und auch seine Kleidung widersprach einer solchen Annahme nicht. Denn er trug stets hohe Steifstiefel, einen grauen Rock von militärischem Schnitt, gleich einer Interimsuniform, und einen gleichfalls militärischen Hut, alles freilich ganz schlicht, den Rock ohne Abzeichen, den Hut ohne Bordüre oder Feder, und doch, wie es nur ein Mann von Stande zu tragen versteht.

Man wußte – oder schloß vielmehr, – daß er verheirathet war, und nach dem kleinen Kinde, das man vom alten Stadtwall über den Graben in den Garten hinüberblickend, dort zuweilen unter Aufsicht einer Wärterin spielen sah, mußte die Dame noch jung sein. Ebenso glaubte man eine schöne und feine Frau aus den kostbaren Stoffen und Toilettenbedürfnissen errathen zu dürfen, welche entweder von auswärts anlangend auf dem städtischen Zollhause geöffnet und versteuert oder von einer nur gebrochen deutsch redenden Kammerfrau in den ersten Laden der Stadt ausgewählt wurden. Zu sehen bekam die Dame aber wie bei ihrer Ankunft so auch in den folgenden Jahren niemand; sie schien niemals das Haus zu verlassen. Hie und da wollte zwar jemand, auch wieder vom Walle aus, eine weibliche Gestalt in der Begleitung des alten Herrn oder einer anderen Frau durch den Garten wandernd erblickt haben; allein einerseits wurde sie stets nur auf Augenblicke sichtbar und verschwand alsbald wieder hinter einer anderen Gebüschpartie, andrerseits war die Entfernung zu groß, um mit Sicherheit entscheiden zu lassen, ob man in der Erscheinung die Herrin oder etwa nur die Kammerfrau zu erkennen habe.

Das Kind, welches zuweilen auch in der Nähe des Gitterthors auf dem Rasen spielte, war ein etwa vierjähriger Knabe. Die Wärterin oder Nonne, die man ihm französisch zurufen hörte, war noch jung, die übrige zahlreiche Dienerschaft bestand aber durchgängig aus älteren, grämlichen oder schweigsamen Leuten, welche die Besitzung allein wo es nicht zu vermeiden war, verließen und nur bei nothwendigen Einkäufen in der Stadt gesehen wurden. Ueberhaupt verkehrten sämmtliche Bewohner des Narrenhauses mit keinem Menschen in der Stadt näher, und nur der Medicinalassessor Doctor Bode, ein bejahrter Mann, ward in gelegentlichen Krankheitsfällen hinausgerufen. Seine Einkünfte, um auch das zu erwähnen, schien Herr von Willing durch den früher erwähnten Geschäftsführer zu erhalten, welcher von Zeit zu Zeit sich zeigte, einige Tage im Schlößchen weilte und wieder dahin zurückkehrte, woher er gekommen.

So standen die Dinge im Frühling und Sommer 1813 und so standen sie auch noch drei Jahre später. Die Bewohner des Schlößchens, so viele man von ihnen zu sehen bekam, sahen genau so aus wie früher, und man wußte nicht ein Haarbreit mehr von ihnen als von Anfang an. Der Krieg war nicht in diese Gegenden gedrungen, das Leben immer seinen stillen ruhigen Gang gegangen, und das Einzige, was von diesem Gange abgewichen, waren zwei oder drei Reisen, welche den alten Herrn jedesmal auf drei bis vier Wochen, man wußte nicht recht wohin, von Hause entfernt hatten. Er nahm dann Extrapost, bezahlte die Postillone fürstlich und fuhr die Straße nach der nicht allzu weit entfernten Königsstadt zu. Dort verschwand seine Spur, – denn man forschte derselben wirklich einmal nach – und ließ sich einige Wochen später auf irgend einer benachbarten Poststation wieder finden. Das war alles, und man hieß das Schlößchen immer entschiedener »das Narrenhaus,« denn man ärgerte sich nicht wenig über ein so ungewöhnliches Treiben.

2.

Im Herbst 1815, als die Sommerfäden zogen und die ersten gelben Blätter von den Bäumen fielen, stand einmal Abends Herr Henke, der Wirth des Gasthofes »zur Post,« seinen dunkelsten Meerschaumkopf rauchend vor der Thür und dachte einigermaßen mißmuthig über die schlechten Zeiten und die jährlich abnehmende Reiselust nach. Denn selbst in diesem Jahre, wo doch der Erzfeind vollends besiegt und über's Meer geschafft worden, wollte sich Handel und Wandel und Verkehr noch gar nicht wieder in alter Weise regen; die Messe, oder wie man das dort zulande heißt, der Markt, der in diesen Tagen die Stadt sonst mit Fremden zu überfüllen pflegte, war überaus schlecht ausgefallen; Handelsreisende und Probenreiter, Herrn Henke's liebste Gäste, wollten sich noch immer nicht wieder einfinden, und an Vergnügungsreisende, welche vordem um diese Jahrszeit auf ihrem Rückwege vom Süden zum Norden die »Post« häufig heimgesucht hatten, war gar nicht zu denken. Die einzigen Reisenden, die sich neuerdings häufiger fanden, waren von den Armeen in Frankreich heimkehrende beurlaubte oder entlassene Militärs, Leute, die mit ihrem Reisegelde meistens schon ziemlich am Rande waren und wenig aufgehen ließen, und, gegen die man doch, wollte man nicht unpatriotisch gescholten werden, gewisse Rücksichten beobachten, denen man ein recht freundlich Gesicht zeigen mußte.

»Der Teufel hol's!« murmelte Herr Henke häufiger als gerade nöthig, wenn er dergleichen Reisende von dem nahen Postgebäude seinem Gasthofe zusteuern sah, und es kam so weit, daß er diese Nachbarschaft des Posthauses und des Hauses »zur Post,« welche ihm früher zur Freude und Beruhigung gereicht, zuweilen auf´s ernstlichste beklagte, und: »der Teufel hole ihn!« murrte er auch jetzt, da er eben einen solchen Gast erblickte, der die Straße daher und auf sein Haus zukam, »'s ist richtig wieder einer,« fügte er gegen den Hausknecht gewendet, der grade aus der Thür zu ihm trat, leise hinzu. Und der Angeredete machte ein nicht minder verdrießlich Gesicht, da auch er mit derartigen Gästen nichts im Sinn hatte – sie vergüteten seine Geschäfte mit gar zu geringen Trinkgeldern.

Der Beobachter war inzwischen herangekommen, ein mittelgroßer, schlanker Mann mit dunklem Bart und dunklen Augen, in schlichter, ziemlich bestaubter Reisetracht. Seine Bewegungen, seine Haltung rechtfertigten Herrn Henke's Argwohn durchaus, und wie um dem verdrießlichen Wirth auch den letzten Zweifel zu nehmen, erhob er jetzt zwei Finger zum legeren Gruß an den Schirm der Mütze und fragte kurz: »ein Zimmer frei?« – Und als die Antwort nicht gleich erfolgte, denn Herr Henke und der Hausknecht musterten noch die Erscheinung des Fremden und das überaus kleine Ränzel, das er an den Riemen in der Linken hielt, – fügte er in gleich ruhigem Tone hinzu: »ich brauche keines Ihrer besseren, sondern bin auch mit einem Hinterzimmer auf ein paar Tage zufrieden.«

Auf ein paar Tage? Den Teufel auch! dachte Herr Henke, das ist eine böse Geschichte! Und laut sagte er: »auf eine paar Tage, mein Herr, dürfte es gerade jetzt kaum möglich sein können. Mein Haus hat viele alte Kunden, die ich demnächst erwarte und für die ich Zimmer parat halten muß.« – Es war fast, als habe der Fremde den Gedankengang des Wirths durchschaut, denn er zuckte die Achseln und versetzte, jedes weitere Wort desselben abschneidend, kurz wie zuerst: »also ein Zimmer? ich bin müde. Lassen Sie mein Gepäck holen. Da ist der Postschein.« – Gegen diesen Ton und noch mehr, gegen diesen Blick der dunklen Augen war nichts einzuwenden. Das Wort Gepäck klang überdies lieblich in Herrn Henke's Ohren, und zu allem Uebrigen sah er auf dem Postschein, wo der Name des Reisenden angegeben war, trotz der zunehmenden Dämmerung und eines sehr flüchtigen Blicks vor diesem noch unleserlichen Namen einen Titel und ein »von«.

Herr Henke lüftete die Hausmütze. »Laufe, Johann!« sagte er, dem Hausknecht den Schein reichend, und setzte, sich gegen die Thür wendend, mit einer Verbeugung und die Mütze in der Hand, hinzu: »wenn es dem gnädigen Herrn gefällig ist – mir fällt ein, ich kann Nummer 3 noch frei halten; es wird Ihnen conveniren.« Zugleich langte er auch nach dem Ränzel, das der Fremde jedoch mit einem kalten »unnöthig!« zurückhielt, ein Wort und eine Bewegung, die des Wirthes Vermuthung zu bestätigen schienen, daß in dem so hartnäckig bewahrten Gepäckstück am Ende Barschaften und Kostbarkeiten stecken dürften, die man auf einer Reise gern bei der Hand und unter Augen behält. –

Herr Henle zündete selber Licht an, nahm den Schlüssel vom Brett, begleitete den Ankömmling die Treppe hinauf, höflichst zurückleuchtend. »Der gnädige Herr kommen wohl von unserer tapfern Armee in Frankreich?« fragte er dabei. – »Ja, auch,« lautete die kalte Antwort. – »Es ist mir immer eine hohe Ehre, wenn ich einen dieser herrlichen Krieger beherbergen darf,« sprach Herr Henke mit tiefem Gefühl. – »So? Plötzlich?« fragte der Fremdling so scharf, daß der Wirth zusammenschrack, und da sie in diesem Augenblick in das Zimmer Nummer 3 traten, fuhr der Ankömmling, sich in dem sehr sauberen, geräumigen Gemach umschauend, fort: »ich habe Ihnen gesagt, daß ich auch mit einem kleinen Zimmer zufrieden bin und Sie nicht inkommodiren will; ich bleibe bestimmt einige Tage, oder wissen Sie vielleicht gleich eine anständige Miethswohnung für mich?« Er sprach das alles in dem gleichen kalten, ruhigen, bestimmten Tone, den er von Anfang an festgehalten und nur das einemal bei jener oben angeführten scharfen Frage einigermaßen aufgegeben hatte. –

Henke, du bist ein Esel gewesen, sagte sich der Wirth ganz niedergeschlagen, ein ungemeiner Esel! Aber lieber Gott, wer konnte auch so was denken, er sieht doch nach gar nichts aus! Weßhalb sagte er nicht gleich von seinem Gepäck? Und laut sprach er mit einer gewissen treuherzigen Offenheit: »der gnädige Herr inkommodiren mich nicht; sie redeten von einem kleinen Hinterzimmer, und deren habe ich allerdings keine frei – heißt das: auf längere Zeit. Dies Zimmer erwartet gleichfalls seinen Bewohner – den Herrn Präsidenten von Helmar, der mir geschrieben hat. Allein es mag noch immer acht Tage anstehen, und selbst, wenn er früher einträfe, würde ich anderweitig Platz finden, falls der gnädige Herr mir noch die Ehre geben. Sie dürfen mir mein anfängliches Zögern nicht so übel nehmen,« fügte er noch treuherziger hinzu; »es geht Unsereinem so viel durch den Kopf –.« – »Schon recht,« unterbrach der Fremde ihn kurz. »Setzen Sie das Licht hin und lassen Sie mein Gepäck gleich heraufbringen.« – »Sogleich. Weiter befehlen der gnädige Herr nichts?« versetzte der Wirth. – »Nichts für jetzt.«

Herr Henke zog sich einigermaßen geschlagen zurück und ließ seinen Mißmuth an seiner Familie und den Dienstleuten, mit denen er mehr als je zu zanken fand, vorzüglich aber an dem Hausknecht aus, der mit seiner Rückkehr von der Post gar zu lange zögerte. Er mußte indessen zuletzt doch auch seine Entschuldigung gelten lassen, daß das Gepäck zu schwer gewesen und er sich zuerst eine Karre habe borgen müssen, denn der Wirth war im Ganzen kein unbilliger Mann, und die beiden Koffer, welche anlangten, zeigten sich zwar nicht ungewöhnlich groß, aber ganz unerwartet schwer. Ihre Adresse lautete, da man sie jetzt mit Muße lesen konnte: »Hofgerichts-Assessor Arnold von Brandeck, Lieutenant a. D.« – Damit war der Stand und Zweck des Gastes zur Genüge angegeben. Denn das Hofgericht in der Stadt war seit dem Beginn des großen Krieges sehr arm an jüngeren Arbeitern geworden und mußte jetzt voraussichtlich dergleichen mehrere zugewiesen erhalten. Herrn Henke gab dieser Stand seines Gastes aber einen neuen Herzstoß, denn die unverheiratheten Angestellten des Hofgerichts, welche früher alle an seiner Table d'hôte gespeist, hatten sich neuerdings häufig dem »Schwan,« dem Rivalen der »Post« zugewendet. Wie nun, wenn auch Herr von Brandeck –? – Der brave Wirth mochte das gar nicht ausdenken. Er hatte eben seit einiger Zeit gar zu viel und »unverschuldetes« Unglück! Und heut Abend genoß der Assessor obendrein nicht mehr als eine Suppe und ein Glas Wasser auf dem Zimmer!

Am folgenden Morgen schrieb Herr von Brandeck seinen Namen und Stand in's Fremdenbuch und ging dann aus, um seinen Vorgesetzten und Collegen die herkömmlichen Besuche zu machen. Sein Anzug dabei war schicklich und sauber, aber freilich nicht in der Mode, und seine ganze Erscheinung glich der eines in Civil gekleideten Militärs, das heißt, als gehörten ihm die Kleider nicht. Dafür war der alte schwarze Frack mit einigen Orden geziert und unter ihnen auch mit dem eisernen Kreuz erster Klasse, so daß Herr Henke, zumal der Gast von freien Stücken alle Tage seine Rechnung verlangte und bezahlte, in seiner Gegenwart die Mütze gar nicht mehr aufzusetzen wagte. Zu solchem Respekt trug freilich auch das ganze Auftreten des Assessors sein Theil bei. Er war im Allgemeinen nicht grade wortkarg, aber im Gasthause wenigstens stets von einer Kürze und Bestimmtheit, welche die allerpräcisesten Antworten verlangten und jede an ihn zu richtende Frage so gut wie irgend eine längere Unterhaltung von vornherein ausschlossen. Mit seinen Nachbarn an der Tafel und den Collegen, die dort außer ihm speisten, verkehrte er höflich, ja in einer gewissen ruhigen Gemüthlichkeit, nicht jedoch vertraulich, und von Angeregtheit und Munterkeit erblickte man weder in seinem Wesen noch in seinen Mienen jemals auch nur die leiseste Spur.

Diese Beobachtungen konnte Herr Henke Tag für Tag anstellen, denn nachdem der Assessor eine Wohnung in der Nachbarschaft der »Post« gefunden – sie war zwar klein und theuer, aber auch behaglich und gut gelegen – behielt er den Tisch im Gasthof und speiste daselbst auch häufig zur Nacht. Bekannter wurde er trotzdem jedoch weder mit dem Wirth und der Bedienung noch mit der Mehrzahl der übrigen Gaste, ja mit Ausnahme einer einzigen Frage hatte er zu Herrn Henke seit dem ersten Tage nie mehr ein anderes, als ein unumgänglich nothwendiges Wort gesprochen. Und auch diese einzige Frage hatte den Wirth seinem Gast nicht näher gebracht.

Gleich zu Anfang nämlich, da der Assessor noch im Gasthofe wohnte, trat er eines Morgens vor seinem Ausgange in die Gaststube, um zu frühstücken, und da er von Herrn Henke persönlich bedient wurde, fragte er in seiner gewohnten ruhigen Weise so hin: »lebt hier in der Stadt ein Baron von Wollzow, General außer Diensten?« – »Nein, Herr Assessor,« versetzte Henke ohne sich zu bedenken, »es müßte denn erst seit einigen Tagen sein. Und selbst dann würd' ich's vermutlich erfahren haben, wenn ein solcher Herr sich bei uns niederlassen wollte.« – »Von einigen Tagen ist keine Rede,« bemerkte der Assessor im früheren Tone; »es müßte seit Jahren sein.« – »Dann bestimmt nicht,« entgegnete der Wirth. »Ich würde das wissen, denn ich bin ein Stadtkind und kenne jedermann.«

Der Assessor nickte, beendete sein Frühstück und ging, und die Unterhaltung, wenn man's so heißen will, fand wie gesagt keine Fortsetzung. Die Frage beschäftigte Herrn Henke auch nur um dessentwillen noch einige Zeit lang, weil ihm der Name »Wollzow« bekannt klang, ohne daß er wußte von wem und bei welcher Gelegenheit er denselben gehört haben könne. Sein Interesse war indessen trotz dieser Erinnerung auch nicht groß, und da Herr von Brandeck nicht wieder auf die Frage zurückkam, gedachte er ihrer nur, weil sie die einzige war und blieb, deren ihn der Herr jemals würdigte.

Der Assessor von Brandeck lebte in seiner kleinen sauberen Wohnung still fort, galt für einen der fleißigsten und tüchtigsten Arbeiter seines Gerichts und einen braven, bei seinen Jahren nur gar zu ernsten Mann. Zum Theil leitete man seinen Ernst und seine Stille freilich, wie sein zurückgezogenes Leben von den schweren Kopfwunden her, die er im Feldzuge von 1814 erhalten, und von denen die eine, noch jetzt nicht völlig verharscht, mit einem silbernen Plättchen bedeckt war. Brandeck hatte zwar das dunkle Haar darüber gestrichen, aber man bemerkte es dennoch und spürte das Dasein der Wunde überhaupt auch an den Schmerzen, welche den jungen Mann von Zeit zu Zeit heimsuchten und bis in's Mark zusammenschüttelten. Er schloß sich dann tagelang in sein Zimmer ein und war für niemand als seinen alten Diener sichtbar, der einige Zeit nach ihm angelangt war und ein paar schöne Pferde mitgebracht hatte, welche seines Herrn einziges Vergnügen zu bilden schienen. Man sah ihn fast täglich auf dem einen oder anderen spazieren reiten, wie er sich denn auch sonst viel Bewegung machte.

Durch diesen Alten, der schon bei den Eltern des Assessors in Dienst, vernahm man denn auch, daß Herr von Brandeck einige Zeit vor dem Kriege sein väterliches Gut, an dessen Erhaltung er der großen, darauf haftenden Schulden wegen verzweifeln mußte, an einen Nachbar und alten Freund noch ziemlich günstig verkauft und sich seitdem ganz dem Staatsdienst gewidmet hatte. Der Krieg hatte dann ihn, wie viele seines Gleichen, zum Soldaten gemacht und der Friede ihn wieder in seine frühere Laufbahn zurückgeführt, auf der er es, wenn er leben blieb, weit bringen mußte, da man ihm von allen Seiten wohl wollte und seine glänzenden Fähigkeiten anerkannte. Er stand sich mit seiner Besoldung und der Einnahme, welche ihm der Rest seines elterlichen Vermögens abwarf, zumal er denselben mit keinen Geschwistern zu theilen hatte, schon jetzt gut genug und hatte eine Familie auf dem anständigsten Fuß erhalten können. Man erfuhr aber nicht, daß er an dergleichen gedacht habe, und sah mit eigenen Augen, daß er auch gegenwärtig von solchen Gedanken fern war. Denn er verkehrte in keiner einzigen Familie der Stadt und erschien auf keinem Balle, in keiner Gesellschaft, nicht im Theater, nicht im Concert. Sein Kopfschmerz gestatte ihm den Besuch derartiger Vergnügungen nicht, sagte er wohl, und man mußte ihm das glauben, da man ihn, wie bemerkt, ohnehin nur zu häufig an demselben leidend wußte.

Ein Geheimniß, um dies zu erwähnen, umgab ihn nirgends, so wenig er auch über sich und seine Verhältnisse zu sprechen liebte. Er blieb, wie er sich gleich anfangs gezeigt, ein artiger und höflicher, wenn auch stiller Mann, der aus Neigung und Gewohnheit, sowie seines körperlichen Zustandes wegen wenig, und gar keinen vertrauteren, Umgang hatte und die Annäherung Unberufener und Unwillkommener auf das kühlste und bestimmteste abzulehnen verstand. Solche Abgewiesene mochten ihn für stolz und hochmüthig halten, während sein Diener darauf schwor und die wenigen, welche ihn so oder so etwas näher kennen gelernt, alsbald eingesehen hatten, daß es im Grunde keine theilnehmendere, gütigere und, wir müssen wohl sagen: humanere Natur gab als die seine.

3.

Der Frühling des Jahrs 1816 war in diesen Gegenden so früh und schön aufgegangen, wie selten einer und schien nach all den schweren Kriegsjahren den hart geprüften Menschen ein Zeitalter des vollsten Friedens und Segens zu verheißen. Sie ahnten's nicht, daß grade in diesem und dem folgenden Jahre die Noth eine Höhe erreichen sollte, wie man sie in Deutschland seit unvordenklicher Zeit und trotz all der unruhigen Tage nicht kennen zu lernen gehabt. Die Saaten standen im reichsten Grün, die Bäume prangten im üppigsten, frischesten Laube und hie und da im schönsten Blüthenschmuck, die Frühlingsblumen dufteten, und die Lerchen sangen von früh bis spät in der sonndurchglänzten, reinen blauen Höhe.

Auf den alten Stadtwällen zumal war es jetzt fast ergreifend schön. Die mächtigen Linden, welche sie einfaßten, standen im vollen jungen Laube und die lichtgrüne hohe Wölbung erhob sich wie ein riesiges magisch durchleuchtetes Kirchenschiff über den Spaziergängern. Dazu kam, daß man überallhin einen freundlichen und erquickenden Blick hatte, hier auf den längst ausgetrockneten und von den Stadtbewohnern zu hübschen Gärten benützten inneren Stadtgraben; drüben auf den äußeren Graben mit seinem klaren, vom nicht fernen Fluß herüberströmenden Wasser, auf die Gärten und Felder jenseits, auf die Wiesen und das weite Land mit seinen Dörfern und Wäldern. Und die Stille war so groß auf diesen Wegen, das Geräusch der Stadt erstarb hier, und nur der Stundenschlag der Kirchenuhren oder der leise Lerchensang von den Feldern klang friedlich in Ohr und Herz.

Die Bewohner der Stadt machten sich indessen diese Frühlingsfreude im allgemeinen wenig zu Nutz, sie waren keine großen Spaziergänger, und wenn man zur gleichen Tagesstunde mehrmals dem gleichen Wanderer auf den Wällen begegnete, konnte man ziemlich sicher darauf schließen, daß man in ihm keinen Einheimischen, sondern irgend einen Fremden oder Eingewanderten, einen der auf die eine oder andere Weise Angestellten vor sich habe. Derjenige aber, dem man am häufigsten begegnete, war der Assessor Arnold von Brandeck, der, wie er selber sagte, in der freien Luft und bei reichlicher Bewegung von seinen Leiden am wenigsten heimgesucht wurde. Schon im Winter traf man ihn regelmäßig auf diesen Pfaden, und seit dem Beginn der milderen Witterung sah man ihn die alten Wälle täglich mehrmals durchmessen. Auch hier aber war er, wie wir es schon sonst von ihm wissen, meistens allein, und wenn mit irgend jemand einmal zusammen, einsilbiger und ablehnender als je. Er war durch Anlage und Erziehung von Jugend auf ein großer Naturfreund, und ein solcher pflegt allerdings die Einsamkeit auf seinen Wanderungen und bei seinem Schauen und Lauschen jeder Gesellschaft vorzuziehen. – Am häufigsten ging er aber auf dem westlichen Walle, der die ältesten und höchsten Bäume hatte, und wo überdies die alte Brustwehr sich über den Wall erhebend, auf ihrem oberen Rande einen schmalen Fußpfad darbot, von dem aus man einen noch weiteren Ueberblick über die Gegend gewann.

Es läßt sich denken, daß der junge Mann auf diesem Wege dem »Narrenhause,« in dessen Garten er vom Wall aus hineinsah, mehr als einen Blick geschenkt hatte. Wie wir erzählt haben, war es das einzige Grundstück, wo sich mehr als nur die einfachen Gartenbeete fand, und Zierlichkeit und Anmuth der geschmackvollen Anlagen zeigte sich einem kundigen Auge auch während des Winters, wo die Gebüschpartieen, die Rasenplätze, die Baumgruppen, die dazwischen sich hinziehenden bald engen, bald breiten Wege, wenn sie nicht grade vom Schnee verdeckt wurden, auf das sichtbarste hervortraten. Ja man hatte zu dieser laublosen Zeit hie und da sogar einen Blick auf die Rückseite des Hauses gewonnen, welches sonst nur durch das Gitterthor der Vordermauer erblickt werden konnte. Indessen blieb es stets nur bei einem Stückchen Dach oder Mauer oder bei der Ecke eines Fensters, da das Gezweig sich allerwärts zu dicht verschränkte und besonders eine Gruppe von hohen Tannen und anderen Nadelhölzern den größten Theil des Gebäudes vollständig verdeckte.

Im Uebrigen aber war das Grundstück von dieser Seite besser übersehbar als von irgend einer anderen. Denn gegen den Graben zu bestand seine Befriedigung aus anscheinend zwar festen, aber nicht hohen Palissaden mit eisernen Spitzen. In ihnen zeigte sich eine stets verschlossene Thür, die auf eine Art kleiner Landungsbrücke führte. Da lag auch ein Boot angeschlossen, und diesseits zog sich am Rasenabhang des hohen Walles ein schmaler Fußsteig mühsam empor, ein Weg, der von den Bewohnern des »Narrenhauses« nicht grade selten betreten wurde, weil er sie viel schneller in die Stadt und zurück führte als die zu den Thoren führenden Außenstraßen. Arnold hatte neuerdings, wo das Eis vom Wasser war, dergleichen Passagen mehr als einmal mit angesehen, – das Boot führte ein paar Leute herüber, von denen der eine seinen Geschäften in der Stadt nachging, der andere inzwischen der Rückkehr desselben harrend beim Kahne blieb. Zu einer weiteren Annäherung war es trotz solcher Begegnungen natürlich aber nicht gekommen. Wie wir bereits wissen, waren die Leute des Herrn von Willing nicht zugänglich und Arnold Brandeck noch weniger fragelustig.

Trotz alledem ist es jedoch begreiflich, daß der Letztere sich, nachdem ihm das Grundstück und seine eigenthümliche Benennung einmal bekannt geworden und er dasselbe bei gelegentlichen Spazierritten auch von der Vorderseite erblickt hatte, näher nach dem seltsam verschlossenen Hause und seinem Besitzer erkundigte. Die Auskunft, die er erhielt, brauchen wir dem Leser nicht mehr mitzutheilen, da sich in den vergangenen Jahren auf der Besitzung und bei ihren Bewohnern bekanntlich nichts verändert hatte. Wenigstens in der Stadt hatte man nichts von dergleichen erfahren. Nur für den jetzt etwa siebenjährigen Knaben war kürzlich ein Lehrer gekommen, der gleichfalls wenig in den Straßen zu sehen war und sich allein dem Prediger an der Marienkirche, dem Decan Kurzmann, vorgestellt hatte, was von dem Candidaten der Theologie begreiflich war. Nach der Angabe des Decans sollte es ein artiger, bescheidener und in seinem Fache wohl unterrichteter junger Mann sein.

Unsern Bekannten, den Assessor, interessierte aber das in seinem Grün versteckte Haus und der sich zur üppigsten Blüthe, zum reichsten Grün entwickelnde Garten mehr als alles, was darin hauste. Er kannte von den Bewohnern niemand, ja hatte sie mit Ausnahme jener zufällig ihm begegnenden Diener nicht einmal gesehen. Herr von Willing war während dieses Winters kaum ein- oder zweimal in der Stadt erblickt worden und später, wie es hieß, mehrere Wochen auf einer seiner Reisen abwesend, – länger als man es bisher beobachtet haben wollte.

Eines Abends gegen Ende Mai war ein Gewitter mit heftigem Regen so jählings über die Stadt hereingebrochen, daß mancher, der sich grade im Freien befand, nicht mehr seine Wohnung erreichen konnte und schnell bei Bekannten oder im ersten besten öffentlichen Lokal ein Unterkommen suchen mußte. So war es auch Arnold Brandeck ergangen, der in die »Post« getrieben wurde und daselbst eine Menge Leidensgefährten fand, welche sich, wie das fast immer geschieht, jetzt lustig von der überstandenen Noth erzählten, die nassen Kleider trocknen ließen und in Erwartung der von Hause verlangten Schirme, den Speisen und Weinen Herrn Henke's tapfer zusprachen. Der Assessor nahm bei einigen Bekannten Platz und mischte sich in ihre Unterhaltung, ohne auf die übrige, ihm meistens fremde Gesellschaft viel zu achten, bis einer seiner Nachbarn, der Decan Kurzmann, zu einem Nähertretenden heiter sagte: »ei sieh da, Herr Candidat, hat's Sie auch erwischt?« – und dieser antwortete: »ich wollte so frei sein, Sie aufzusuchen, Herr Decan, und kam auf dem Rückwege in den Regen. Es ist mir recht fatal, denn Herr von Willing liebt eine so späte Abwesenheit nicht, und auch Robert wird mich schon längst erwarten.«

Schon bei den ersten Lauten dieser Stimme hatte Herr von Brandeck überrascht aufgesehen und sich dem Sprecher zugewandt. War es diese Bewegung oder etwas Anderes, das auch die Augen des Candidaten auf den Assessor blicken ließ – im nächsten Moment standen beide neben einander, riefen sich mit freudigem Erstaunen an und schlugen Hand in Hand. »Bist du es denn wirklich, Arnold?« sagte der Eine. – »Treffe ich dich hier wieder, Bruderherz?« fragte der Andere so bewegt und zugleich so heiter, wie ihn seine hiesigen Bekannten noch nicht gesehen. Und dann stellte er gleichfalls mit ungewöhnlicher Munterkeit den wiedergefundenen Freund seinen Bekannten als den Candidaten Karl Walisius vor – »denn so hörte ich dich anreden,« fügte er hinzu, »und auch du hast also den Offiziersrock an den Nagel gehängt. Wir standen während der Kriegsjahre bei der gleichen Freiwilligen-Schwadron,« fuhr er erklärend fort, »hielten von Anfang an treulich zusammen, wurden am gleichen Tage Offiziere und kamen erst aus einander, als ich im Februar 1814 so schwer verwundet wurde und in einem französischen Spital blieb. Ich konnte nicht mehr dienen. Und du, mein Alter?« schloß er aufs neue des Freundes Hand ergreifend.

Der Candidat gab den Druck fast mit zärtlichem Blick zurück. »Ich bin vor'm Jahre wieder dabei gewesen,« sprach er, »und dann zu meinem Berufe zurückgekehrt, – jetzt Hauslehrer bei dem Herrn von Willing, da draußen vor dem Thore. Da hast du in der Kürze meinen Lebenslauf. Aber du, Arnold – ich kann mich noch kaum fassen! Ich habe damals deinen Brief von Breslau erhalten, dann aber nichts mehr erfahren, niemand wußte von dir, und so – ich bekenne es offen – hab' ich gefürchtet, du seiest den alten Wunden endlich doch noch erlegen, wie so manche von unseren Freunden. Wo hast du gesteckt? Weßhalb hast du meine Briefe nicht beantwortet?« – Der Assessor schüttelte leicht den Kopf. »Ich habe überhaupt nur einen empfangen,« sagte er, »und daß ich dessen Beantwortung versäumte, hängt mit meiner ganzen damaligen Lage zusammen. Darüber wollen wir ein andermal reden. Jetzt setze dich aber endlich her und lasse uns plaudern; die Herren,« und er verbeugte sich lächelnd gegen die Nachbarn, – »werden es nach einem solchen Zusammentreffen nur natürlich finden, wenn wir uns ein wenig isoliren.«

Der Candidat aber widersetzte sich dem. »Davon kann für jetzt keine Rede sein,« entgegnete er, »denn ich muß heim, so leid es mir auch thut. Herr von Willing ist ein Mann, der auf seine Hausordnung hält, und da er sie mir auf's genauste bekannt gemacht hat – beinah darauf verpflichtet,« fügte er lächelnd hinzu, »so kann ich mich nicht einmal mit Unkenntniß entschuldigen. Für uns, Arnold, wird sich schon eine andere Stunde finden.« Der junge Mann ließ sich durch die Einwendungen des Freundes, durch das Necken der Nachbarn nicht von seinem Vorsatze abbringen. Man ergriff, wie begreiflich, diese Gelegenheit, sich einmal wieder bald scherzender, bald bitterer über den Geheimnißkrämer vor dem Thore ein wenig auszulassen. Aber bei dem jungen Hausgenossen desselben verfing das für jetzt nicht weiter, als daß er endlich nicht ohne Lebhaftigkeit bemerkte: »Sie kennen ihn eben nicht, meine Herren, und werden es mir vor allen Dingen doch wohl zugestehen, daß er so gut, wie jeder selbständige Mensch, das Recht hat nach seinem Geschmack sein Leben einzurichten. Wer sich damit nicht verträgt, muß ihm fern bleiben.«

Damit brach er auf, von Arnold gefolgt, der ihn bis an's Thor begleiten zu wollen erklärte. Der Regen hatte aufgehört, am Himmel zeigten sich Stellen, von denen die Sterne herabglänzten.

»Ich bin lebhafter geworden als billig,« sprach der Candidat nach einigen Schritten, indem er des Freundes Arm in den seinen zog. »Allein ich kann ein solches Bemäkeln und Bekritteln eines Mannes nicht leiden, der uns nichts angeht. Herr von Willing mag anders sein als Andere, aber wenn er seine Eigenheiten hat und streng auf seine Hausordnung hält, ist es jedenfalls nicht meine Sache, das für Pedanterie zu erklären und mich dagegen aufzulehnen. Meine Stellung ist im Uebrigen eine so behagliche, daß es geradezu unvernünftig wäre, wollte ich sie gefährden, zumal,« fügte er achselzuckend hinzu, »meine Aussichten schlecht sind. Mein Vater ist todt, meine Mutter, auf ein sehr geringes Einkommen angewiesen, braucht eher von mir Unterstützung, als daß sie sie mir gewähren könnte. Ich muß verdienen, mein Freund, verdienen! Und da mein Principal selber Gutsbesitzer und Patron ist, wäre es kindisch, wollte ich ihn, der mir am ersten nützen und helfen kann, mir verfeinden.«

»Woher stammt der Willing eigentlich?« fragte Arnold, nur als wolle er mit dieser Wendung von dem bisherigen, dem Freunde sichtbar nicht angenehmen Thema ablenken. »Ich habe seinen Namen früher niemals nennen hören, obgleich es eine Zeit gab, wo auch ich in unseren Ranglisten und Adelsregistern gut daheim war. Wo ist er begütert?« – »Ich meine gehört zu haben, im B.'schen Kreise,« versetzte der Kandidat, »aber es ist nur –.« »Im B.'schen Kreise?« fiel der Assessor verwundert ein; »das ist noch seltsamer. Das ist ja meine eigene Heimat und mir sind dort alle Namen bekannt. Er wird sich vielleicht erst kürzlich angekauft haben?« fügte er im fragenden Tone hinzu. – Der Andere zuckte die Achseln. »Im Gegentheil!« meinte er. »Die Aeußerung, die mich auf diese Annahme brachte, deutete vielmehr darauf hin, daß er früher dort gewohnt. Ob er noch jetzt seine Besitzungen dort oder anderswo hat, weiß ich nicht. Man spricht im Hause nicht von solchen Dingen, und ich mag nicht darnach fragen. Hier laß uns aber scheiden,« redete er weiter, da sie eben an's Thor gelangten. »Es sieht aus, als wolle es wieder regnen und ich muß eilen. Ich werde dich bald aufsuchen, mein Alter,« schloß er mit einem warmen Händedruck. »Zu mir kann ich dich nicht einladen. Der alte Herr hat sich fremde Besuche verbeten.« – So trennten sie sich.

Arnold ging durch die dunklen Straßen zurück, ohne auf den wirklich wieder beginnenden Regen zu achten, ja ohne auch nur den kürzesten Weg zu wählen. Wer ihn hier hatte beobachten können, würde ihn nachdenklicher und finsterer gefunden haben als je. Die Stirne gefaltet, die Augen kaum vom Pflaster erhebend, schritt er dahin, und als er endlich heim kam, wies er den Diener durch eine Handbewegung zurück, legte den Hut auf den Tisch, trat an's Fenster und schaute in die dunkle Nacht hinaus – lautlos, möchte man sagen. Es regte sich nichts an ihm.

»Willing?« murmelte er endlich vor sich hin. »Willing? Im B.'schen Kreise? – Und dies abgeschlossene Leben? – Dies Geheimniß? – Es ist seltsam – seltsam! – Ich könnte fürchten –.« – Mit einem fast heftigen Kopfschütteln wandte er sich jäh vom Fenster fort und durchmaß mit raschen, unsicheren Schritten ein paarmal das Gemach, bis er, mit der Hand über die Stirn fahrend, zum Schreibtisch trat und sich schweigend zur Arbeit setzte. Aber sie ging ihm nicht von der Hand.

4.

Der Verkehr der beiden so lange getrennten, so unverhofft sich wiederfindenden Freunde spann sich an und setzte sich fort, wie der Candidat es erwartet hatte, beschränkt freilich durch die einmal bestehenden Verhältnisse, dafür aber desto herzlicher und erquickender. Sie hatten so viel mit einander zu reden, so viel Erlebnisse zu berichten, so viel Erfahrungen, Ansichten auszutauschen, das ganze alte, innige, rückhaltslose Vertrauen wieder herzustellen, daß die ihnen knapp zugemessenen Stunden des Zusammenseins im Fluge verstrichen. Der Candidat ergab sich in jeder Weise als der brave, treue und muntere Freund, der er von jeher gewesen, und auch Arnold erschien dem Anderen wenig verändert. Ernster mochte er geworden sein, hatte aber dafür an Ruhe und – sagen wir: Freiheit gewonnen. Den Druck, den der Kamerad vordem an ihm beobachtet, war er los geworden oder hatte ihn wenigstens bemeistert. Worin derselbe bestanden, erfuhr der Freund so wenig wie ein Anderer; so weit ging Arnolds Vertrauen nicht. »Laß das gehen,« hatte er einmal mit fast schmerzlicher Bewegung zu dem Genossen gesagt, der ernstlich in ihn drang, sich durch offene Mittheilung zu erleichtern. »Es ist nichts Besonderes, was mich einmal betroffen, allein für mich war es dennoch so schwer, daß ich es noch heute nur zu ertragen vermag, wenn ich so wenig wie möglich daran rühre. Die Zeit mag es mildern.« – So schien es jetzt auch gekommen zu sein. Aber Arnold sprach nicht davon, und der Andere konnte sich nicht überwinden, von neuem danach zu fragen.

Dagegen zeigte sich etwas Anderes, das dem scharfen, liebevollen Beobachter am Freunde allmälig immer mehr auffiel, seine Theilnahme, gewissermaßen seine Neugier erweckte. Vom Wyler Schlößchen und seinen Bewohnern war eigentlich zwischen ihnen nicht wieder geredet worden, nur Anfangs hatte Arnold einmal wiederholt sein Erstaunen darüber geäußert, daß ihm der in seiner ursprünglichen Heimat Begüterte so gänzlich unbekannt geblieben. Seitdem wurde der Name Willing nicht mehr genannt, allein Karl schloß aus gelegentlichen Bemerkungen und Andeutungen unschwer, daß Arnold sich dennoch mit seinen Hausgenossen innerlich mehr beschäftigte, als ihm recht begreiflich war. Und nun kam plötzlich noch hinzu, daß er zufällig den Freund ein paarmal beobachten konnte, wie er auf dem oben erwähnten schmalen, auf der alten Brustwehr entlang laufenden Pfade dahinschritt, wenn er allein zu sein glauben mochte, der Willingschen Besitzung gegenüber Halt machte und lange und aufmerksam hinüber zu spähen schien. Einmal brachte er sogar ein kleines Fernglas an sein Auge. Und es geschah in der Frühe des Morgens oder gegen Abend, zu Stunden, wo er freilich fast mit Bestimmtheit darauf rechnen konnte, der einzige Spaziergänger auf diesem Walle zu bleiben.

»Was treibst, was hast du nur?« fragte Karl, da er dem Freund nach einer solchen Beobachtung zuerst wieder begegnete, denselben und setzte nicht ohne eine gewisse Verdrießlichkeit hinzu: »ich bitte dich, Arnold, laß dergleichen seltsame – Einfälle unterwegs, die mir von dir noch unerklärlicher bleiben als von jedem Anderen. Nach mir kannst du nicht sehen – wir treffen uns oft genug, um alles Herantretende zu besprechen. Wonach spähst du also? Jetzt habe ich allein es bemerkt; wäre es einer von den Dienern oder gar der alte Herr selber gewesen, so müßte es unweigerlich allerlei Verdruß geben – für mich wie für dich.«

Brandeck hatte ihn ruhig ausreden lassen, seine Miene war kalt wie sein Blick. »In der That,« sagte er nun auch im kalten, herben Ton, »das geht ein wenig zu weit, weiter als ich, so viel es mich angeht, zugestehen dürfte. Was kümmert mich eure Dienerschaft, was Herr von Willing? Was hätten sie einem Spaziergänger, der vom Wall in die Gegend hinaussieht und dabei etwa zufällig auch einmal in jenen Garten hinabblickt, vorzuwerfen, wie wollten sie ihn in seinem Thun hindern oder gar dasselbe untersagen? Sei nicht wunderlich, mein Lieber,« fügte er freundlich hinzu, »und lasse dich von Rücksichten, die du freilich zu nehmen hast, nicht gar zu sehr unterjochen. Schiebe mir keine Motive, keine alberne Neugier zu, deren ich nicht fähig bin. Suche jenen Platz selber auf, schaue dich um und sage, ob man in unserer Gegend nicht schon ein Recht hat, sich dieser Aussicht zu erfreuen, zu ihr zurückzukehren, gleichviel, ob das Wyler Schlößchen dazu gehört oder nicht.«

Wie er das sagte, ließ den Freund nicht nur jetzt jede Erwiderung zurückhalten, sondern auch fortan die Sache nicht mehr bereden. Er schwieg und vermied fortan sogar den Aufenthalt im Garten zu einer Tageszeit, wo er fürchten mußte, Arnold drüben wieder zu erblicken. Daß er auf jener Wallstelle, wie jener es ihm gesagt, allerdings einen weiten, ansprechenden Ausblick gefunden, genügte ihm nicht, ließ ihn wenigstens nicht glauben, daß des Freundes Worte die volle ruhige Wahrheit enthalten. Er verstand freilich selber diese Zweifel nicht – Arnold Brandeck war ihm als ein durchaus wahrhaftiger Mensch bekannt geworden – aber er vermochte dennoch nicht sie los zu werden.

Und er hatte, ohne daß er's wußte, leider nur zu Recht. Arnold ging nicht der Aussicht in die Ferne wegen auf jenen Punkt, kehrte nicht deswegen stets von neuem, gegen seinen Willen und seine Einsicht, mußte er sich selber sagen, dahin zurück. Es war wie ein Zauber, der ihn zu dieser Stelle zog, der ihn von ihr nicht loskommen ließ. Was ihn lockte und fesselte, wußte er freilich, aber er mußte sich auch gestehen, daß es nichts war als ein wieder erwachter alter trauriger Traum, nichts als die tiefe, heiße, unstillbare Sehnsucht nach einem ihm für immer entschwundenen Glück. Der Mensch, selbst der klarste und kühlste, ist einmal so wundersam konstruirt, daß er sich niemals solchem Träumen ganz zu entziehen vermag und in ihm an eine Wirklichkeit und Möglichkeit glaubt, die sein Verstand längst und für immer weit von sich weisen mußte.

Das Jahr war inzwischen fortgeschritten und hatte wenig gute Tage gebracht, der Regen kam schier täglich herab und es war, als ob die Sonne keine Kraft mehr zum Wärmen habe, so eisig wehten die Lüfte. Nur gegen Ende August kamen einige warme und helle Tage, aber sie erschienen wie zum Hohn und erfreuten niemand; die Ernte war längst fast bis auf den letzten Halm verloren und Hunger, Theurung und Noth erhob sich wie ein finsteres Gespenst und ängstigte im Voraus die betrübten, verzweifelnden Menschen.

Es war ein wundervoller Augustmorgen, an dem Arnold seinen gewöhnlichen Spaziergang auf dem Walle machte. Die Sonne war noch nicht hoch, sie warf erst schräge Strahlen drüben auf das thaufrische Gelände, auf den silberglänzenden Rasenabhang des alten Walles und ließ ihn hie und da in den glänzendsten Regenbogenfarben aufschimmern. Und die Luft war nach dem vergangenen heißen Tage und der Nacht in den schwülen Zimmern so erfrischend und belebend, die weite Höhe wölbte sich in so reiner Klarheit, daß es dem einsamen Spaziergänger bis in's Herz hinein wohl und friedlich wurde. Es war ihm fast zu Muth, als habe er noch keinen schöneren Morgen erlebt, und er hatte für jetzt darin beinah Recht, da der traurige Sommer allerdings wenig ähnliche gebracht hatte.

Jetzt war er zu der Stelle gelangt, wo eine Art Treppe, in den Abhang eingeschnitten, zu dem Pfade auf der Brustwehr hinaufleitete. Da stieg er denn wie immer aufwärts und warf den ersten Blick hinüber in den Garten des Wyler Schlößchens – einen nachdenklichen, fast trauervollen Blick, um dann, war er still gekommen, nach kürzerer oder längerer Pause noch stiller weiter zu schreiten. Heut aber leuchtete sein Auge jählings hell auf und über Stirn und Wange zuckte ein dunkles Erröthen; er trat auch unwillkürlich eine Stufe zurück, so daß er nur eben noch über die Höhe hinüber und hinab sehen konnte. Denn zum erstenmal, seit er diesen Weg ging und die einsame Besitzung drüben beobachtete, erblickte er dort einen anderen Menschen als die Diener oder allenfalls einmal den umherspielenden Knaben. Eine Dame war eben aus einer Gebüschgruppe links getreten und ging auf dem, einen Rasenplatz umkreisenden Wege langsam fort; das weiße Morgenkleid hob sich hell von der hinteren Gebüschwand ab und ließ ihre schlanke Gestalt deutlicher erscheinen, als sie sonst in dieser Entfernung zu erblicken gewesen wäre. Sie sah einmal auf und sich um – Arnold erkannte aus der Bewegung leicht, daß es mit Gleichgültigkeit geschah oder mit einer Zerstreutheit, die sie von ihrer Umgebung wenig bemerken lassen mochte. Sie durchmaß den Pfad, auf dem sie ging, bis an sein Ende und verschwand dort hinter einer Baumgruppe, um aber alsbald jenseits wieder zurückzukehren. Und nun setzte sie sich auf eine Bank, die an eine Linde gelehnt stand! da saß sie still und regungslos, die auf dem Schooße lässig ruhende Hand zeichnete mit einem Schirmchen im Kiese des Wegs, das Haupt ruhte tief gesenkt und der Schatten des breitrandigen Strohhuts verdeckte die Züge.

Arnold Brandeck lauschte athemlos; seine Augen hefteten sich brennend, wie mit der ganzen leidenschaftlichen Kraft der Seele an die Erscheinung, allein es war umsonst – sie erhob das Haupt nicht, und die Entfernung war auch gar zu groß, als daß er selbst in solchem Fall die Züge des Gesichts zu unterscheiden vermocht haben würde. Es zuckte etwas durch seine Mienen, wie ein verzweiflungsvoller Entschluß; er trat noch weiter zurück und schaute finster, aufmerksam nach allen Seiten umher – der Wall war noch ganz einsam und todtenstill, nirgends zeigte sich ein Mensch, nirgends war ein Fenster, ein Platz, ein Versteck, von dem er hätte beobachtet werden können. Und da langte er aus der Tasche das kleine Fernglas, trat wieder ein paar Stufen hinauf und blickte hinüber. Das Glück war ihm hold – sie hatte sich inzwischen erhoben und stand und schaute auf, gen Himmel, vielleicht dem Wölkchen nach, das wie ein krauses, weiches Federchen dort leise durch die blaue Höhe schwamm. Es war ein bleiches, stilles Gesicht, mit zarten Zügen, mit dunklen, müden Augen –

Arnold hatte nur den einen Blick gethan, dann war er zurückgewichen und stand, die Hände vor das leichenblasse Gesicht pressend, eine Weile wie gelähmt, wie todt. Erst nach einer langen Zeit richtete er sich wieder auf. Er nahm Hut und Fernglas auf, die ihm entfallen, und stieg noch einmal, zu einem neuen Blick, die Stufen hinan. Aber die Dame war nicht mehr da, der Garten lag so verlassen wie sonst immer, nur ein paar zwitschernde Vögel huschten durch die Bäume, und über den Rasenplätzen schwebten spielend die weißen Schmetterlinge.

Die Thränen traten heiß und drängend in die Augen des einsamen Mannes, allein er ließ sie nicht weiter kommen, sondern zerdrückte sie mit festem Willen zwischen den Lidern. Dann wandte er sich ab und schritt seines Weges weiter, gesenkten Blicks und ein finsteres Träumen auf der stolzen Stirn. »Barmherzigkeit Gottes!« murmelte er einmal vor sich hin, und ein andermal hauchte er schier noch leiser: »arme, arme Regine!« – Das war alles, was sich hervorrang aus dem tief erschütterten Herzen.

5.

»Ich muß dir einige Fragen vorlegen, Karl, von denen nicht nur meine ganze Lebensruhe, sondern auch alles Glück abhängt, das mir vielleicht noch werden mag,« sagte Brandeck zu dem Freunde, der wie häufig auch heut bald nach dem Mittagsessen bei ihm eintrat. »Darf ich auf offene rückhaltlose Antworten rechnen? Versprichst du mir, dich, wenn es kommen sollte, daß ich dir keine nähere Erklärung geben könnte, mit der Ueberzeugung zu begnügen, daß ich dich nichts frage, was ich nicht fragen muß?« –

Der Candidat hatte schon bei seinem Eintritt aus dem ganzen Wesen, dem ganzen Aeußeren des Freundes leicht erkannt, daß in ihm etwas Besonderes vorgegangen sein müßte. Er machte auf die mitgetheilten Worte daher auch keine andere Bemerkung, als daß er mit einem festen Händedruck herzlich entgegnete: »Schieß' los, Alter. Wenn es nicht wider mein Wissen und Gewissen ist, darfst du auf offene Antworten rechnen.«

Da neigte der Assessor das Haupt und ließ eine kleine Pause vergehen, bevor er in der gleichen ernsten und fast eintönigen Weise wie vorhin, fragte: »Herr von Willing ist verheirathet?« – Die Brauen Karls zogen sich flüchtig zusammen, allein er bezwang den aufsteigenden Verdruß und versetzte, wenn auch nicht ohne eine gewisse Kälte: »das wirst du ohne mich wissen.« – »Du kennst die Dame?« fragte Arnold im gleichen Tone weiter. – »Wenig. Sie ist kränklich und kommt selten zum Vorschein,« lautete die Antwort. – »Auch nicht beim Unterricht des Knaben?« – »Doch, aber selten, wiederhole ich.« – »Sie mag etwa siebenundzwanzig Jahre zählen?« – »Ungefähr, ja, aber sie sieht älter aus, da sie augenscheinlich viel gelitten und, wie gesagt, noch leidet.« – »Hast du vielleicht ihren Vor- oder Familiennamen erfahren?« – Der Candidat schüttelte mit einem neuen leichten Stirnrunzeln den Kopf. »Nein,« versetzte er dann, »davon weiß ich nichts und muß dir nur gleich sagen, daß wenn deine Fragen sich alle auf diesen Punkt beziehen, ich nichts mehr erwidern kann, noch es wollen würde, selbst wenn ich's könnte. Wenigstens,« fügte er ernst hinzu, »müßte ich mir zuerst den Beweis deiner Berechtigung zu deinen Fragen so gut wie überhaupt zu deinem Interesse für diese Dame ausbitten.«

Der Assessor stand auf und ging mit über der Brust verschränkten Armen ein paarmal durch das Gemach. »Den sollst du haben,« bemerkte er endlich düster? »vorerst aber –« und er nahm vom Schreibtisch ein kleines goldenes Medaillon und hielt es, durch einen Druck auf die Feder den Deckel öffnend, dem Freunde vor – »auf dein Gewissen, Karl, ist sie das?« – Der Candidat warf nur einen kurzen Blick auf das Miniaturbild, dann erhob er seine scheu, fast angstvoll blickenden Augen zum Freunde und fragte mit tiefer, hörbar bebender Stimme: »Arnold von Brandeck, wie kommst du zu diesem Bilde einer nicht dir gehörenden Frau?«

Arnold nahm das Bild wieder an sich, legte es in eine Schublade des Schreibtisches und kam dann zum Freunde zurück, neben dem er sich niederließ. Er lehnte sich in die Ecke und stützte das Haupt, ohne anscheinend von der steigenden Ungeduld und Bewegung des Anderen etwas bemerken zu wollen. Und erst nach einer langen Pause wandte er sich ihm zu. »Du hast mich vordem und auch jetzt wieder mehr als einmal gefragt, was mich niederdrücke,« fing er an, »und ich habe dich gebeten, das alte, nie mehr gut zu machende Unheil – dafür hielt ich's – ruhen zu lassen. Nun aber – « er schüttelte mit finsterem Lächeln den Kopf – »ist davon nicht mehr die Rede, und ob ich will oder nicht, ich muß sprechen. So lasse dir denn ein Stück aus meinem Leben erzählen, sonst verstehst du's nicht und verlierst dein Mißtrauen nicht, daß ich ein Mensch – nicht anders, ja vielleicht noch armseliger und schlechter als die anderen, die wie ich ihr Herz an eine fremde Frau gehängt.

»Du weißt es schon von anderen Mittheilungen her, daß ich das einzige Kind meiner Eltern. Ich habe ein sehr glückliche Jugend gehabt; meine Mutter war eine vortreffliche Frau, mein Vater ein zwar etwas wilder Lebemann, aber ein Cavalier bis in die Fingerspitzen. Und auch aus seinem Leben kann ich ihm keinen Vorwurf machen, denn es war in unserem Kreise einmal Stil, viel daraufgehen zu lassen, sich einer unbeschränkten Geselligkeit und Gastfreiheit hinzugeben, mit einem Wort, am wenigsten an die Ausgleichung der Ausgaben und Einnahmen zu denken. Es würde auch alles gut gegangen sein, wären nicht die schrecklichen Jahre von 1806 an gekommen, die unser ganzes Land ruinirten und selbst das grüßte Vermögen erschütterten oder zersplitterten. Da gingen denn auch wir zu Grunde.

»Wir waren eine der ältesten, und was besser ist, durch die Persönlichkeit der Meinen auch eine der angesehensten und beliebtesten Familien des Kreises, mit allen Nachbarn im herzlichsten Verkehr. Nur bei einem zeigte sich eine Ausnahme, – bei dem reichsten von allen, dem Baron von Wollzow, der aber, als General in D. stehend, selten daheim war, und überdies, wenn er ja einmal auf seinen Gütern weilte, nicht allein mit uns, sondern auch mit allen übrigen Angesessenen im schlechten Einvernehmen stand. Mit meinem Vater gab es freilich noch einen besonderen Span, ohne daß ich jemals erfahren hätte, was sie aus einander gebracht; nur das Eine schloß ich aus gelegentlichen Aeußerungen meiner Eltern, daß die Veranlassung zu ihrer Feindschaft weit zurück und zwar in jener Zeit zu suchen sein müßte, als beide vordem im gleichen Regiment gedient hatten. Wie dem aber auch sei, von diesem Zerwürfniß zeigte sich in Wirklichkeit wenig, da der General, wie gesagt, sehr selten auf seinen Gütern weilte – so selten, daß ich ihn niemals gesehen habe und ihn bis auf den heutigen Tag nicht kenne. Ist er damals mit mir zugleich einmal daheim gewesen, so kam er nicht zum Vorschein. Ich muß nur gleich hier erwähnen, daß ich schon seit meinem zwölften Jahre in B. in Pension war und nur in den Ferien zu den Eltern kam; ich hatte keine Neigung zum Soldatenstand und wollte mich für die Diplomatie ausbilden.

»Unser nächster Nachbar war ein Herr von Grieben, sein Gut lag keine halbe Stunde von unserem Hof, und seine und unsere Familie war im vertrautesten, innigsten Verkehr. Er war von frühster Jugend an mit meinem Vater befreundet gewesen, hatte mit ihm zusammen gedient, und bei seiner Frau hatte mein Vater meine Mutter, deren Freundin, kennen gelernt, um sie geworben. Grieben hatte fünf Kinder, und das jüngste von ihnen, zwei Jahre jünger als ich, hieß Regine. Das ist sie.

»So lange ich zu denken weiß,« redete Arnold nach einer Pause weiter, »habe ich sie geliebt und mich von ihr geliebt gesehen. Es war auch nirgends ein Hinderniß für diese Liebe, im Gegentheil zeigten sich die Eltern durchaus damit einverstanden, und seit wir in einigermaßen zurechnungsfähigem Alter, war es so gut wie abgemacht, daß wir uns, sobald ich meine Studien absolvirt und eine Anstellung erhalten, vereinigen sollten. Ja es war schon bestimmt, daß Grieben uns dann für's erste einen bedeutenden Zuschuß geben würde, was er sehr wohl konnte, da er überaus wohlhabend und auf's beste rangirt war, während mein Vater, wie schon angedeutet, für Andere in der That nichts übrig hatte. Ich sage dir von Reginen nichts, ich sage dir von mir nichts. Wir hingen an einander mit voller Liebes- und Lebenskraft, und wir waren heiter und glücklich. Das ist alles.

»Im Jahr 1804 bezog ich die Universität Göttingen, absolvirte meine Studien und reiste im Frühling 1807 zum erstenmal wieder nach Hause. Da sah es böse aus. Von den unglücklichen öffentlichen Zuständen rede ich nicht weiter, aber auch in unseren Familien stand es mehr als traurig. Frau von Grieben war vor einigen Tagen gestorben und zwei Tage nach meiner Ankunft folgte ihr auch meine Mutter an der gleichen Krankheit, dem Lazareth-Typhus. Und um das Unglück auch in einer anderen Richtung voll zu machen, gestand mir mein Vater in der ersten ruhigen Stunde, daß er das Gut schwerlich werde halten können; es dürfe uns bei einem Verkauf, zumal in jener Zeit, sehr wenig übrig bleiben. Grieben sei noch seine einzige Stütze, aber er scheue sich ihn immer von neuem in Anspruch zu nehmen, da seine Vorschüsse ohnehin schon eine sehr bedeutende Summe bildeten und kaum noch durch den Werth des Gutes gesichert würden.

»Ich brauche dir nicht erst zu sagen, wie qualvoll mir das war; trotzdem ergriff ich aber die erste Gelegenheit, mit dem Nachbar davon zu reden und fand mich von ihm aufs herzlichste getröstet. »Beruhige dich, Arnold,« sagte er. »Du weißt, ich bin ein guter Wirth und bedenke zuerst die Zukunft der Meinen. Da aber auch du zu ihnen gehörst, kann ich mehr für dich thun, als mir sonst möglich sein würde. So rechne ich. Ich habe meinem alten Freunde nicht mehr gegeben, als ich verantworten, als euer Gut tragen kann. Ueber diese Zeit muß euch fortgeholfen werden, sonst freilich ist's vorbei, aber ich denke, es soll sich auch thun lassen. – Wenn nur dein Vater sich ein wenig menagiren könnte! – Wie wär's, Arnold,« fügte er sinnend hinzu, »wenn der Alte dir das Gut übergäbe und dich wirthschaften ließe? Deine Carriere freilich –«

»Da er seinen Satz nicht schloß, mich vielmehr nur fragend ansah, so versetzte ich nach einer Weile fast traurig: »auf meine Carriere kommt's nicht an, Papa. Aber glauben Sie im Ernst, daß mein Vater sich auf dergleichen einließe? Oder hülfe uns das etwas? Würde er seine Ansprüche und Gewohnheiten aufgeben oder könnten wir ihnen entgegentreten?« – »Freilich, freilich,« meinte auch er in betrübtem Tone, »ich weiß das nur zu gut! Nun – lasse die Ohren nicht hängen, mein Junge, es muß und wird sich Hülfe finden,« setzte er hinzu. »Geh jetzt zu deiner Kleinen, das arme Ding guckt nach dir aus, wie die Blume nach Sonnenschein.« – Und indem er mir die Hand schüttelte, schloß er: »ich gehe auf's Feld. Grüße deinen Alten daheim und sag' ihm: gestern wäre der Wollzow bei uns gewesen – weiß nicht, wie ich zu der Ehre komme, 's ist noch immer der widerwärtige Bursch' wie vor dreißig Jahren.« –

»Ich habe dir dies Gespräch so ausführlich mitgetheilt, – halb um dir den Mann und seine Gesinnung zu zeichnen, halb, weil es das letzte war, das ich in dieser Art mit ihm führen durfte. Damals ahnte oder erwog ich dergleichen nicht, ich kannte ihn als einen treuen Freund der Meinen. – Bei Reginen fand ich es wie immer, oder vielmehr noch inniger, noch einiger mit mir, als wir jetzt zum erstenmal nicht allein über das Glück, sondern auch über den Ernst unserer Zukunft sprachen. Dabei dachten wir an nichts Fremdes. Aber auch sie sagte mir von Wollzows Besuch und daß ihr der Mann, den sie gleichfalls jetzt zum erstenmal gesehen, gründlich mißfallen, ohne daß sie wüßte, weßhalb. Denn er war nur als artiger, theilnehmender Nachbar aufgetreten.

»Ich muß hier anführen, daß er als Wittwer und pensionirt zurückgekehrt war; wie ich nachher erfuhr, hatte er sich bei dem Unglück des Staats ebenso schwach und kopflos benommen, wie viele seines Gleichen. Er lebte nun auf seinen Gütern und besuchte in der nächsten Zeit noch ein paarmal Griebens, wie auch andere Nachbarn, meinen Vater ausgenommen; aber seltsamerweise begegnete ich ihm auch jetzt wieder nirgends – ich habe mich seither zuweilen gefragt: sollte das so sein? – Freilich reiste ich bald ab. Es war gleich nach dem Tilsiter Frieden, man ging mit Eifer an die Wiederaufbauung des Staats und verwandte dabei dankbar die frischen Kräfte, welche sich leider in nur zu geringer Zahl herbeifanden. So erhielt auch ich sogleich eine Anstellung beim Ministerium des Aeußern und damit so viel zu thun, daß ich's kaum zu leisten vermochte. Da dachte ich denn nur an das Allernächste und bekümmerte mich um nichts, was mich nicht direkt anging. Es kam hinzu, daß ich von daheim stets im Ganzen erträgliche Nachrichten empfing. Nur Wollzows Besuche bei Grieben sagten mir nicht recht zu, und noch weniger, daß er Reginen eine Aufmerksamkeit widmete, die ihr beschwerlich wurde. Nach Hause kam ich nicht, es gab damals keinen Urlaub, und so verging über ein Jahr.

»Im Herbst 1808 war ich mit Depeschen an unseren Gesandten in Paris geschickt worden. Man hatte mir bei meiner Rückkehr einen Urlaub in Aussicht gestellt und ich war mit Reginen übereingekommen, daß ich dann daheim alles in Ordnung bringen und die Geliebte so bald wie möglich heimführen sollte. Es fanden sich aber zuerst noch Geschäfte und Verzögerungen, und als ich etwa vier Wochen nach meiner Heimkehr endlich den Urlaub in der Tasche hatte, sagte mir auf dem Wege in meine Wohnung ein begegnender Bekannter: »nun, wenn's so rasch ging, hätte Grieben auch wohl auf dich warten können.« – »Grieben?« fragt' ich ganz verwundert. »Wie so?« – »Nun, du wirst ihn doch gesehen haben,« sagt er, »er war ja fast acht Tage hier, in der »Stadt Rom,« und ist gestern abgereist.« – »Acht Tage hier? Aber das ist ja gar nicht möglich!« rief ich; Grieben mußte es wissen, daß ich in Berlin war und demnächst kommen wollte. Es war mir freilich aufgefallen, daß ich seit meiner Rückkehr von Paris noch gar kein Lebenszeichen von Hause empfangen, und ich hatte mich in meinem letzten Briefe darüber beklagt, – allein da ich von Tag zu Tag reisen zu können hoffte, so hatte ich darin auch einen Grund für Regine gefunden, einstweilen nicht mehr zu schreiben. Nun aber – Grieben hier und nicht bei mir? – »Es ist ja nicht möglich!« wiederholte ich und eilte fort. Allein es zeigte sich bald leider als sicher. Er war da gewesen, acht volle Tage lang, und gestern abgereist.

»Ich kam ganz betäubt in meine Wohnung und – fand, was mich vollends niederdrückte: eine Stafette unseres Gutsverwalters, der mir den auf der Jagd erfolgten Tod meines Vaters meldete. Lasse mich über dies Unglück, über meine Heimreise hingehen, mein Freund,« fügte Brandeck gepreßt hinzu: »es genügt, wenn ich erwähne, daß ich daheim nur zu bald erfuhr, was der Verwalter mir in seinem Briefe verschwiegen – daß mein Vater aller Vermuthung nach durch eigene Hand geendet, Die Veranlassung war leider klar genug – es waren sämmtliche Hypotheken von einem Geschäftsmann in der Kreisstadt gekündigt worden, und zugleich hatte auch Grieben plötzlich auf das unfreundlichste gedrängt. Ich wiederhole, was ich früher schon gesagt: das hieß, zumal in jener vertrauenslosen Zeit, uns zu mehr als Bettlern machen. Bei dem damaligen Werth des Grundbesitzes deckte das Gut die Schulden nicht.

»Und endlich, um Unglück und Räthsel, muß ich wohl sagen, voll zu machen, gab mir der Verwalter einen Brief Griebens, der am Morgen für mich abgegeben war. Darin schrieb der alte freundliche Nachbar etwa: Gründe, die ich noch besser kennen und würdigen würde als er, machten es ihm zur Pflicht, jedes Verhältniß zwischen uns als aufgehoben anzusehen und meinen Besuch einfürallemal abzulehnen. Da eine Verständigung in dem bei mir etwa vorauszusetzenden Sinn unmöglich, weise er nutzlose Erörterungen zurück, um so mehr, da er demnächst auf unbestimmte Zeit verreise. Er ersuche mich um Zurückgabe der Briefe sowie alles Uebrigen, was ich von Reginen erhalten, und um baldmögliche Ordnung der pekuniären Verhältnisse. Meine eigenen Briefe und kleinen Geschenke an die Geliebte lagen bei, mit der Bemerkung, daß Regine mit diesem Ende einverstanden sei. –

»Hiermit bin ich, so unglaublich dir das klingen mag, eigentlich fertig,« redete Arnold nach einer langen Pause weiter. »Denn da er kein Kind, sondern ein Mann war, blieb es bei der Entscheidung. Regine habe ich nicht wiedergesehen, nie direkt von ihr etwas erfahren, niemals eine Aufklärung erhalten. Grieben begegnete ich an einem der nächsten Tage bei einem meiner Versuche, eine Erklärung zu erzwingen, auf der Landstraße. Er blieb nicht unartig, aber kalt und bestimmt bei seinem Ausspruch; meine Leidenschaft führte nur zu einer schnelleren Beendigung dieses trostlosen Gesprächs, und als ich zum Schluß verzweiflungsvoll schwor, daß ich Regine, ohne sie selber zu sehen und zu sprechen, niemals aufgeben, sie stets als die Meine in Anspruch nehmen werde, da schied er mit den kalten Worten: »so wird man sie also nur um so ernstlicher zu schützen haben.« Das war das Letzte, was ich von ihm vernahm. Am folgenden Morgen war er mit Reginen abgereist, ohne daß ich erfuhr, wohin. Etwa anderthalb Jahre später ist er gestorben und soll, wie ich von einem gemeinsamen Bekannten erfuhr, damals milder über mich gedacht, ja sich der Härte gegen mich angeklagt und sogar beabsichtigt haben, mir Erklärungen zu geben. Daran hat ihn sein Tod verhindert, wie es scheint, ich erfuhr wenigstens nichts.

»Das Gut verkauft' ich an einen Freund, der eine Freundessumme dafür bezahlte, so daß ich nicht nur alle Schulden tilgen konnte, sondern sogar auch noch einiges Vermögen übrig behielt. Als ich beim Abschluß dieses Geschäfts nochmals in der Heimat war, begegnete ich einmal Reginens älterer, längst verheirateter Schwester, die mir von jeher wohlgewollt und dies auch jetzt bewies. Was ihren Vater von uns entfernt, wußte sie nicht; er hatte sich nie darüber äußern wollen; doch war es ziemlich klar, daß wir verläumdet worden und zwar von Wollzow. – Wollzow war auch der Besitzer jener Hypotheken gewesen, deren Kündigung unsern Ruin herbeiführte, und Wollzow war gegenwärtig Reginens Gatte.

»Wie das alles gekommen, weiß ich nicht, armer Arnold,« sagte mir die Dame zum Schluß. »Regine hat nie darüber reden wollen, aber an ihrem Hochzeitstage äußerte sie gegen mich, wenn ich dich sähe, sollte ich dir sagen, daß sie dir nie gezürnt und nie an dir gezweifelt. Auch du solltest die Sünde, die an euch begangen, vergeben und dich in das Unvermeidliche fügen, wie sie es gemußt. – Ich selbst habe sie seitdem nicht wieder gesehen, da der General gleich mit ihr abreiste, und da er, wie du weißt, seine Güter verkauft hat, seitdem bald hier, bald da lebt. Ich weiß nicht einmal immer das Wo; unsere Correspondenz ist eine sehr spärliche, geht auch meistens durch seinen Banquier, und Reginens Briefe sind so kalt und kurz, daß ich sie für unnatürlich und unwahr halten muß. Glücklich kann sie nicht sein. Gott verzeihe unserem Vater dies Elend.«

»Da wiederholte ich im Innern jenen Schwur, den ich damals gegen Grieben ausgesprochen, aber zu seiner Ausführung gelangte ich nicht. Denn wie ich suchte, ich entdeckte Wollzows Aufenthalt nicht und konnte nichts Näheres über ihn und Regine erfahren. Nur so viel wurde mir klar, daß er sich absichtlich verbergen – hatte er von meinem Vorsatz gehört? – und zu jener Zeit wenigstens, außer Landes sein müsse.

»Und nun, Karl, finde ich ihn dennoch, hier, nachdem ich fast ein Jahr in derselben Stadt gewohnt, nachdem ich fast ebenso lange sein Haus gekannt und in seinem Hausgenossen seit Monaten einen alten Freund gefunden. Und nun sehe ich Regine, und höre von dir, daß sie es wirklich ist. Das Einzige, was ich noch nicht begreife, ist, daß er so lange hier neben mir leben mochte. Mein Name muß ihm zu Ohren gekommen sein, und dann –«

Der Candidat schüttelte den Kopf. »Sag' das nicht,« meinte er tief gedämpft und man hört' es seiner Stimme an, wie erschüttert er von dem Vernommenen war. »Du glaubst nicht, wie zurückgezogen man draußen lebt; ich habe noch niemals die leiseste Hindeutung auf die Stadt und ihre Bewohner vernommen, welche über den Auftrag zu irgend einer Besorgung an die Dienerschaft hinausgegangen wäre. Herr von Willing kennt vermuthlich außer dem Arzt keine Menschenseele und fragt auch nach keiner. Bei seiner Gemahlin ist es bestimmt nicht anders.« – »Und doch!« wandte Brandeck ein; »nach allem, was du mir von deinem Principal gesagt, wie er seine Hausgenossen, selbst dich controlirt – sollte er nicht erfahren haben, zu wem du jetzt so häufig gehst?« – Der Freund schüttelte wieder den Kopf »Gefragt hat er mich wenigstens nicht,« sagte er.

Arnold stand auf und ging einigemale schweigend und mit finster zum Boden gewendetem Aug' im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor dem tief nachdenklichen Freunde stehen und sprach entschlossenen ruhigen Tons: »was jetzt wird, Karl, das ahn' ich noch nicht. Aber mein Schwur besteht, und was ein Mann zu seiner Ausführung zu thun vermag, das geschieht von mir. Du sollst und mußt dabei ganz aus dem Spiel bleiben. Ich will nichts von dir, als daß du die Dinge ihren Gang gehen läß'st, in dem weder du, noch irgend ein anderer sie würde aufhalten können. Nur wenn mich ein schleunig Ende fortnehmen sollte – dann vertritt mich und mein Angedenken – bei ihr.«

Karl stand gleichfalls auf. »Ich verspreche nichts, ich nehme keinerlei Verpflichtung auf mich,« erwiderte er, und man hört' es wohl, daß er nicht minder entschlossen war als Arnold. »Ich sage auch zu dir nichts als: gedenke deiner und ihrer Ehre.«

6.

»Lieber Arnold, von meiner Mutter erhalte ich so üble Nachrichten, daß ich auf das schleunigste abreisen muß. Da ich Dich in der Session weiß und nicht auf Deine Heimkehr warten kann, will ich Dir schriftlich Adieu sagen und den Brief selber in Deiner Wohnung abgeben. – Deine Mittheilungen sind seit dem Mittwoch mir nicht aus dem Sinn gekommen; sie gehen Tag und Nacht mit mir herum, und ich leugne nicht, daß ich in meinem ganzen Leben noch nichts erfahren, was mich so durchaus, so qualvoll unsicher gemacht hätte. Ich kann mich nicht für, ich kann mich nicht wider Dich entscheiden. Ich kann und will mit dieser traurigen Sache nichts zu thun haben, aber ich vermochte es nicht von hier fortzugehen, ohne wenigstens einen Versuch gemacht zu haben, mir eine Art von ruhiger und klarer Anschauung der Dinge zu verschaffen, ohne die ich weder in diesem Hause, noch mit Dir weiter zu leben vermöchte. Es ist mir durch einen Zufall leichter geworden, als ich gehofft.

»Als ich vor dem Frühstück mit Robert im Garten war und grade an einem Stöckchen für ihn schnitzelte, kam Frau von Willing zu uns heran, um mir ihre Theilnahme in Betreff meiner Mutter auszusprechen und mir Adieu zu sagen. Sie sah das Messer, das ich auf die Bank gelegt, nahm es auf und fand es hübsch.

»Es ist nicht minder praktisch und dauerhaft,« sagte ich. »Seit Arnold Brandeck es mir im Sommer 1813 schenkte, ist es stets im Gebrauch gewesen und hat sich erprobt.« – Ich beobachtete sie – sie blieb vollkommen gefaßt und unverändert, und fragte erst nach einer Weile, von dem Messer, das noch in ihrer Hand lag, zu mir aufsehend, sanft: »Arnold Brandeck, sagten Sie? Den haben Sie gekannt?« – »Ja wohl,« versetzte ich, »es war mein liebster Kamerad. Kennen auch Sie ihn, gnädige Frau?« – »Er war mein ältester Jugendfreund,« sprach sie wieder so sanft und fügte dann noch weicher, möcht' ich's heißen, hinzu: »also Ihr Kamerad im Felde, Herr Candidat? Sind Sie auch bei seinem Tode zugegen gewesen?« – »Bei seinem Tode, gnädige Frau?« rief ich wirklich bestürzt, dies kam mir gar zu unerwartet. »Er lebt ja heute noch!« – Da erbleichte sie sichtbar und sah mich eine Weile starr an, als fasse sie meine Worte kaum, und erst nach einer ziemlich langen Pause sagte sie stockend: »aber meine Schwester schrieb mir doch –.« – »Daß er bei Montmirail gefallen?« fiel ich ein. »Nein, gnädige Frau, er wurde dort nur schwer verwundet und wie fast alle unsere Verwundeten an jenem unglücklichen Tage auch gefangen. Aber er kam davon und ist, wenn er auch nicht mehr dienen konnte, jetzt wieder wohl auf. Doch ist das Gerücht von seinem Tode begreiflich. Wir selbst erfuhren erst nach Wochen von seinem Leben.« – »Und wo und wie lebt er seitdem?« fragte sie nach einer neuen Pause. – »Hier in der Stadt, gnädige Frau, als Assessor beim Hofgericht,« versetzte ich, »ich sehe ihn oft – es ist seltsam, daß Sie nichts davon erfuhren.« – Um ihren Mund zuckte es flüchtig, ihr Auge sah mich wieder so starr an, allein das wahrte nur einen Moment und dann sagte sie weich: »Sie wissen, wie zurückgezogen wir leben, Herr Candidat, wir hören nichts aus der Stadt. Auch glaube ich nicht, daß Herr von Brandeck den Namen meines Gatten kennt. – Aber es ist Frühstückszeit,« brach sie ab. »Sie werden auch auf Ihre Reise zu rüsten haben. Nochmals, Herr Candidat, mögen Sie Ihre Mutter besser finden, als Sie fürchten. Leben Sie wohl und Gott stärke Sie.« Damit ging sie.

»Ich habe Dir dies nicht verhehlen wollen, Arnold. Benütze es, wie Du es vor Gott und Deinem Gewissen verantworten kannst. Neulich sagte ich zu Dir: gedenke ihrer und Deiner Ehre. – Heute füge ich hinzu: ehre und schone ihre Ruhe. – Gott befohlen, Arnold – sage ich aus meinem tiefsten Herzen.

»Dein Karl Walisius.«

Das war der Brief, den Arnold, als er Mittags aus der Session kam, auf seinem Schreibtische fand, während ihm der alte Diener zugleich die mündlichen Abschiedsgrüße des Freundes und das letzte Wort desselben bestellte: er möge nicht zu rasch handeln.

Als er den Brief gelesen hatte, saß er lange, bleich und regungslos vor sich hinschauend, und auch da er sich aufgerafft, den Brief verschlossen hatte und seinen Geschäften, dem Leben und Treiben des Tages nachging, blieb er wie im Traume. Schwerer mag selten ein Mensch mit sich gerungen haben als Arnold Brandeck in diesen ersten Stunden, während der nächsten Tage. Hier verstand er nur zu gut, daß die Geliebte seiner längst nur noch als eines Todten gedacht, daß sie mit allem, was das Leben ihnen beiden noch gebracht haben könnte, abgeschlossen, daß jedes Gefühl für ihn in ihr zur stillen Erinnerung geworden. Und unmittelbar daneben stand nun die Erkenntniß, daß sie aus der Ruhe und dem Frieden dieses Erinnerns erweckt worden war – nicht durch ihn und doch für ihn! Und wenn es war, wie er es glaubte, so war nun alles wieder da und wach, was sie, Gott nur wußte wie, beschwichtigt und eingewiegt, und die müden Augen sahen von neuem in das alte scharfe, blendende und schmerzende Licht.

Der Freund hatte gut sagen: schone ihre Ruhe! – War ihr diese Ruhe denn nicht schon genommen und konnte sie dieselbe jetzt, im Bewußtsein des Lebens, der Nähe Arnolds, wieder gewinnen? Hatte sie Arnold wirklich geliebt, hatte sie ihm nur gezwungen entsagt, hatte sie ihn wirklich nicht allein wie einen ihr Verlorenen, sondern wie einen Todten betrauert, so mußte alles, was sie einst bewegt, was sie so oder so überwunden, mit doppelter Stärke, zu gesteigerter Qual erwacht sein. Und war es da die Hülfe, die ihr geboten werden mußte, die wenn irgend eines Menschen, Arnolds Pflicht zu sein schien, wenn er sie allein den alten traurigen Kampf noch einmal kämpfen ließ, jetzt wo er lebte, jetzt wo er ihr nahe, jetzt wo er endlich auch sie lebend sich nahe wußte?

Und das alles war nur die Entsagung! Aber daneben bestand und lebte jener Schwur des verzweifelnden Jünglings im Herzen des Mannes in unverminderter Kraft: niemals der Geliebten zu entsagen, ohne sie gesehen und gesprochen zu haben.

– Wie ruhig und fast kalt Arnold Brandeck auch zum Freunde von seiner Liebe gesprochen haben mochte, – sie füllt' noch heute sein Herz aus bis in die stillste Tiefe, und durchdrang und beherrschte noch heut sein ganzes Sein und Wesen, wie sie es vordem in der glücklichsten Zeit seines Lebens gethan. Und wie zerdrückt sein Herz auch in den langen traurigen Jahren geworden, es hatte nie entsagt und nie vergessen, daß es ein Recht habe auf das Glück, das voreinst sein eigen gewesen und ihm widerrechtlich entzogen, daß es ein Recht habe nach diesem Glück von neuem mit allen Kräften zu ringen, sobald es als wieder erreichbar vor ihm aufgegangen. Denn ein solches Recht auf sein als wahr erkanntes Glück hat das Menschenherz, und es bleibt unverjährbar.

»Ich kann sie nicht aufgeben, ich will sie nicht aufgeben,« sagte er zum Schluß dieser Reihe von Gedanken, Erwägungen und Zweifeln mit voller Entschlossenheit vor sich hin. »Ich muß Aufklärung haben und sie mir, wenn nicht anders erzwingen. Das bin ich ihrer und meiner Ehre schuldig, Karl, das! Was diese Ehre dann weiter noch erheischt, das wird erst danach ihr und mir klar werden.«

Ueber den Weg, den er einzuschlagen hatte, war er keinen Augenblick im Zweifel; von Heimlichkeit, von Schleichwegen konnte hier am wenigsten die Rede sein. Und so stand er einige Tage nach seines Freundes Abreise, in ernst-ruhiger, entschlossener Haltung, in einem Zimmer des Wyler Schlößchens vor dem Besitzer desselben, dem er sich als einen aus dem B.'schen Kreise kommenden Fremden hatte melden lassen. Er hatte Grund genug zu der Annahme, daß ihm sein Name Brandeck die Pforten zu diesen aller Welt verschlossenen Räumen schwerlich öffnen würde. Schon jetzt war ihm der Eintritt kaum gestattet worden, und erst die Erwähnung des B.'schen Kreises hatte Herrn von Willing vermocht, den Fremden vorzulassen.

»Sie kommen aus dem B.'schen Kreise, Herr,« sprach der alte Mann sichtbar in übelster, ja gereizter Laune zu dem vor ihm stehenden Arnold und musterte ihn mit durchdringendem, finsterem und hochmüthigem Blick, »und da ich dort allerdings noch Bekannte und Verbindungen habe, welche irgend eine Mittheilung an mich persönlich erklärlich machen könnten, so habe ich mich darauf hin herbeigelassen, jemand, dessen Name mir nicht gemeldet wurde, anzunehmen. Jetzt aber muß ich vor allem nach diesem Namen fragen, denn ich kenne Sie nicht, Herr.« – Arnold verbeugte sich kalt; er hatte den Andern ebenso fest beobachtet, wie dieser ihn. Das war also der Mann, dem er aller Vermuthung nach den Ruin seines Vaters, die Vernichtung seines eigenen Glücks zuschieben durfte! »Und doch kennen Sie mich unzweifelhaft, Herr General,« sagte er langsam und deutlich. »Ich darf wenigstens wohl annehmen, daß der General Freiherr von Wollzow Namen und Gesichtszüge seines früheren Nachbars Brandeck nicht vergessen hat. Und ich soll meinem Vater ähnlich sein, Herr Baron.«

Der stolze alte Mann war bei dem Namen Brandeck sichtbar zusammengefahren und seine harten, hochmüthigen Gesichtszüge verzerrten sich für einen Augenblick wie unter einem jähen Krampf. »Natter!« knirschte er, die Faust ballend und indem die großen blauen Augen sich mit einem Blick auf den Gegner hefteten, als hätten sie ihn am liebsten damit vernichtet. »Natter – möchtest du aus dem Grabe noch stechen? Aber nimm dich in Acht, Mensch,« fuhr er mit steigendem Grimm und lauter fort, »nimm dich in Acht – wer du auch seiest, wer dich zu diesem Ueberfall angestiftet, ich zertrete euch, wie ich jene ganze Brut zertrat! Heraus damit – wer bist du? Der Bube, den du nanntest, schreckt mich ebensowenig, wie sein banquerotter Vater. Er liegt tief genug in französischer Erde. Also heraus, Mensch, Lügner, Betrüger – wer bist du? Wer hat dich gegen mich aufgehetzt?«

Arnold schüttelte leise den Kopf; diese sinnlose Heftigkeit, die jeder Form und aller Rücksichten vergaß, vermochte ihn nicht zu reizen, gab ihm im Gegentheil eine Ruhe und Zuversicht seinem Gegner gegenüber, welche ihm, so sehr er sie äußerlich auch zu erzwingen verstanden, doch in der tiefen Erregtheit der vergangenen Tage und noch mehr bei dem jetzigen entscheidenden Schritt im Grunde fern genug geblieben war. »Mein Herr Baron,« sagte er jetzt ernst, und sein fester dunkler Blick bannte so zu sagen den zornflammenden des Gegners, »ich habe mich bisher mit Ihnen und Ihrem Leben nicht mehr beschäftigt als es mich anging, und daher auch nicht gewußt, daß Sie der Feinde so viele hätten. Ich merke eben, wie sehr ich mich getäuscht; Sie sehen Feinde und Angriffe auf einem Terrain, wo ich meines Wissens allein stehe. Für das, was ich hier eben vernommen, werde ich später Rechenschaft fordern. Gegenwärtig handelt es sich zwischen uns um eine ältere Rechnung, zwischen Ihnen, dem General, Baron von Wollzow, der seit dem Jahre 1809 sich versteckt hielt –.« – »Herr!« brauste der General auf und trat Arnold einen Schritt näher.

Das dunkle, düstere Auge begegnete dem flammenden mit dem gleichen festen, bannenden Blick. »Mein Herr Baron, ich habe vorhin Sie ausreden lassen und verlange gegenwärtig von Ihnen, daß Sie diese Rücksicht auch mir gegenüber bewahren,« sprach Arnold. »Zwischen Ihnen, der Sie sich versteckten, sagte ich, und zwischen mir, Arnold von Brandeck, der nicht in Frankreich fiel, sich nicht verbarg, sondern nach seiner Verwundung seine frühere Carriere wieder aufnahm und seit fast einem Jahre hier in der Stadt beim Hofgericht als Assessor angestellt ist. Wenn Sie wunderbarer Weise bisher nichts von mir erfuhren, so ist das Ihre Sache; von meiner Identität aber werden Sie sich jetzt leicht überzeugen können. Und nun, mein Herr General, frage ich Sie auf Ihr Ehrenwort: wenn Sie in dem Fremden, der Sie zu sprechen verlangte, mich, Arnold von Brandeck, den Sohn des von Ihnen ruinirten und in den Tod gejagten alten Kameraden und Gutsnachbars, den Verlobten Reginens, welche man ihm stahl und zu Ihrer Frau machte, – wenn Sie in dem Fremden den erkannt hätten, frage ich, vor dem Sie sich seit sechs Jahren verbargen, – hätten Sie mich angenommen, Herr General?«

Der alte Herr war seit den Worten, welche ihn von Arnolds langer Anwesenheit in seiner nächsten Nähe unterrichteten und ihm damit zugleich jeden Zweifel an der Persönlichkeit des bitter gehaßten und wir müssen wohl sagen: gefürchteten Feindes nehmen mußten, aus seiner bisherigen Haltung so körperlich wie geistig zurückgesunken. Man sah es ihm an, daß der Schlag ihn schwer getroffen hatte, und wie sehr er sich auch zusammennahm, er konnte weder das bleiche Braun wegwischen, das seine Züge jetzt statt der früheren unnatürlichen Röthe bedeckte, noch vermochte er das leichte Beben seiner Stimme zu unterdrücken, als er nach einer Pause versetzte: »Ich wüßte in der That nichts, mein Herr, was wir mit einander zu reden haben könnten, geschweige denn, was mich nach einer Unterhaltung mit Ihnen hätte lüstern machen sollen. Ich habe Ihrem Vater gegenüber meine Rechte verfolgt – ist er dabei zu Grunde gegangen – was geht's mich an? Und ebenso wahre ich meine Rechte auch dem Sohn gegenüber, verlassen Sie sich darauf. Das genügt, denke ich. Und nun – was wollen Sie von mir?« –

»Zweierlei für jetzt,« entgegnete Arnold, der seinen Gegner nicht aus dem Auge gelassen, mit unveränderter Kälte, »Zuerst wünsche ich die Verleumdung kennen zu lernen, durch welche Sie Herrn von Grieben damals meinem Vater und mir entfremdeten. Zweitens verlange ich eine Unterredung mit Reginen, die man von meiner Braut zu Ihrer Frau machte. Ich weiß, daß Sie von Ihrem Schwiegervater meinen Schwur erfahren haben: Reginen niemals anders als auf ihren persönlich gegen mich geäußerten Willen hin aufzugeben. Entscheiden Sie sich.«

Man sah's, wie furchtbar sich der alte Herr zusammennehmen mußte, um sich nicht einem neuen Ausbruch seines Zorns zu überlassen. Wiederum verzerrte jener frühere Krampf momentan seine Züge, ging diesmal jedoch alsbald in ein finsteres und hohnvolles Lächeln über. »Was Sie und Ihren Vater angeht,« sagte er, »so fragen Sie ihn und sich selbst – ich habe darüber nichts zu sagen. Ich habe die Rechte verfolgt, die ich hatte – sind die Brandeck daran zu Grunde gegangen, wiederhole ich – was geht's mich an? In Betreff meiner Gemahlin, mein Herr – so verweigere ich Ihr Verlangen. Und endlich, was Ihren – jenen Schwur betrifft, nun, Sie sind ja Ihrer Angabe nach selbst Jurist und werden so gut wissen, wie ich, was es mit diesem Schwure dem rechtmäßigen Gatten gegenüber auf sich hat. – Ich glaube, wir sind fertig, mein Herr?«

»Doch nicht ganz, Herr Baron,« erwiderte Arnold kalt und noch einmal bannte sein dunkles stolzes Aug' den Anderen, der sich bereits der Thür zugewendet hatte, so daß er stehen blieb. »Sie müssen zum wenigsten noch mein letztes Wort hören – ich kämpfe nicht mit verschlossenem Visir. Also geben Sie wohl Acht! Ich werde Sie mit allen, einem Siebzigjährigen gegenüber mir zu Gebot stehenden Mitteln zu der Aufdeckung jener Verleumdung so gut wie zur Erklärung der Ausdrücke zu zwingen versuchen, mit denen Sie vorhin meinen Vater und mich zu beschmutzen wagten. Ich werde ebenso auf jede mir mögliche Weise jene Unterredung mit Ihrer Frau erstreben, vorausgesetzt, daß sie selbst dieselbe nicht verweigert. Und nun thun und machen Sie was Sie wollen; reisen Sie, verbergen Sie sich, wechseln Sie den Namen von neuem, – es nützt Ihnen nichts. Ich verliere Sie nicht mehr, bevor Sie mir gerecht geworden.«

Er neigte leicht das Haupt, wandte sich und verließ Gemach und Haus. Der General starrte ihm wie betäubt nach.

7.

Romanschreiber haben gewöhnlich das Glück, daß sie in ihren »wahrhaften Geschichten« bei allem und jedem, was anderen Menschenkindern verborgen blieb, zugegen sein dürfen, halb Aug', halb Ohr und ganz und gar die hellste Erkenntniß des von ihnen beobachteten Menschenkindes. Sie gehen zu solchem Zweck durch alle Thüren und Fenster, ja im Nothfall durch Wände und Decke und Fußboden, durch die leichtesten modernen Häuser und durch die stärksten Mauern alter Feudalschlösser, und bringen alles heraus, ob sich's auch noch so tief verbirgt.

In der Wirklichkeit des täglichen Lebens ist dem bekanntlich leider nicht ganz so. Wer Menschen beobachten und ihre Geschichten erzählen will, findet sich oft übel genug daran. Ueberall stößt er auf ungelöste Räthsel, auf niemals beantwortete Fragen, auf durch keine noch so kluge Combination auszufüllende Pausen und Lücken, und steht vor Mauern und Schranken, welche ihm so gut wie jedem Anderen den weiteren Weg versperren, einen tieferen, richtigeren Einblick unmöglich machen. Es gibt freilich Leute, welche durch Neigung und Geschick, begünstigt von allerlei Umständen und Zufällen, zur Stellung eines Chronisten ihrer Zeit und ihrer Gesellschaftskreise wie berufen erscheinen, in alle Zustände und Verhältnisse, ja sogar in manche Menschenherzen einen Blick werfen, und jede Spur eines Geheimnisses bis an ihr Ende zu verfolgen suchen. Allein grade diese, wenn sie ehrlich gegen sich selbst und gegen uns sein wollen, können am besten bestätigen, daß allem Sehen und Hören, allem Erfahren und Erkennen am Ende doch sehr bestimmte, unübersteigliche Schranken gesetzt sind, daß mit einem Wort im Leben des Tags und der Gesellschaft Räthsel und Geheimnisse genug übrig bleiben, welche niemals aufgelöst werden. Denn mag man so gescheut sein und sich so klug geberden wie man will, in einen Menschen hinein sieht man doch nur dann, wenn er selbst Einem, sei es freiwillig, sei es unabsichtlich die Pforten seines Inneren öffnet, und sein Erlebtes, sowie den Gang desselben so oder so darlegt. Es gibt aber noch der Menschen genug, die sich zu dergleichen nicht herbeilassen.

Herr Henke, der Wirth zur »Post« war ein solcher Alles-Wisser und Stadtchronist; er wußte in den meisten Fällen nicht nur was die Menschen gethan, sondern auch was und wie sie gesprochen, ja sogar was sie gedacht. Aber selbst Herr Henke erfuhr nicht, wie es möglich gemacht worden, daß an einem der letzten Augustabende der Hofgerichts-Assessor Arnold von Brandeck von der Wasserseite her den Garten des Wyler Schlößchens betreten und dort der Gemahlin des Herrn von Willing, der nun plötzlich nicht mehr so, sondern General Baron von Wollzow titulirt werden sollte, von keinem Unberufenen beobachtet, begegnen konnte.

Er erfuhr, wie noch mehrere in der Stadt, von einer Unterredung des Generals mit dem jungen Mann, ohne jedoch von jenen offenen, drohenden Abschiedsworten dieses Letzteren zu hören, welche uns am Schluß des vorigen Abschnitts bekannt geworden. Er würde sich dann noch mehr verwundert und es nicht begriffen haben, daß der General diese Begegnung trotzdem nicht zu verhindern gewußt. Allein auch hierüber wäre ihm keine Erklärung geworden.

Es klang nichts aus dem alten Herrn heraus, nicht, ob er zu hochmüthig die Kraft seines Gegners unterschätzt; nicht, ob er in gerechtfertigter Scheu der Gattin alles Geschehene verborgen und sich mit einer heimlichen, nicht ausreichenden Beobachtung begnügt; nicht endlich, ob er die schnelle Abreise, die ihn am ersten allen Widerwärtigkeiten entziehen konnte, nur aus einem gewissen Trotz, nur deßhalb unterlassen, um seinem Gegner nicht das Feld zu räumen. Es war freilich in diesen Tagen noch nichts an ihn gelangt, was Arnolds Drohungen zu verwirklichen schien.

Es war eine für jenen traurigen Sommer und diese Gegend ungewöhnlich warme und stille Nacht, als Arnold in später Stunde den Kahn, welcher ihn hinübergeführt, an der kleinen Landungsbrücke befestigte und die jetzt unverschlossene Pforte in den Pallisaden öffnete. Der Himmel droben war ganz rein und die Sterne blickten ungestört herunter, allein trotzdem war es so dunkel, daß allein ein an diese Schatten gewöhntes Auge über die allernächste Umgebung hinaus irgend etwas zu erkennen vermochte. Nur wenn zuweilen vom Rande des Horizontes ein bleiches Wetterleuchten heraufzuckte, wurde das murmelnde Wasser des Stadtgrabens einmal sichtbar, tauchten drüben der hohe Abhang des Walles und die obenstehenden alten Linden auf Augenblicke in geisterhaften Umrissen aus der Nacht empor. Und ebenso war es im Garten, den der junge Mann jetzt betrat; kaum erkennbar erhoben sich die Bäume, die Gebüschpartieen, und nur von dem hellen Kies des Weges aus verbreitete sich ein leiser unbestimmter Schimmer.

Er stand und sah sich horchend um. Alles blieb still und dunkel, vom Schlößchen war nichts zu bemerken. Er zögerte unsicher und zweifelnd auf dem durch den Baumschatten noch mehr verdunkelten Platz. Die Pforte war freilich geöffnet gewesen, – aber hatte ihre oder eine andere, feindliche Hand das gethan? Und sie – war sie schon hier oder konnte sie gar nicht kommen, oder kam statt ihrer ein Anderer, der das Geheimniß durchschaut? – Arnold langte unwillkürlich unter den Rock, wo er die treuen Pistolen verborgen hatte, welche ihm vor dem Feind mehr als einmal das Leben gerettet. –

Und da war es ihm, als vernehme er plötzlich in seiner nächsten Nähe einen leisen, leisen Ton – war es ein zurückgedrängtes Schluchzen? – Und wie er erbebend sich dahin wandte, sagte eine vor Bewegung zitternde Stimme: »ich bin hier, Arnold.« – »Regine!« murmelte er, denn es war die Stimme, die ihm vordem so tief zu Herzen geklungen und noch immer unvergessen in ihm wiederklang, und im nächsten Moment stand er bei ihr, die auf der kleinen Bank saß, in den dunklen Gewändern kaum bemerkbar, wie ein Theil nur des rings verbreiteten Schattens. Und er hielt ihre Hand, und er lag vor ihr auf den Knieen. »Regine!« murmelte er noch einmal mit einer Stimme, welche die tiefe Erschütterung fast gebrochen klingen ließ. – »Arnold!« erwiderte sie nicht lauter, nicht fester, und ihr Kopf lehnte sich schwer gegen seine Stirn.

Es war eine lange Pause vergangen, als sie das Haupt wieder erhob und die milden Augen, wie er es in solcher Nähe wohl erkannte, auf die seinen gerichtet, mit unendlich weicher, inniger, banger Stimme fragte: »Arnold, thue ich recht, daß ich deinem Rufe folgte? Ist es recht, daß wir uns so, zu dieser Stunde, an diesem Platze begegnen? War es auf keine andere, uns vor Gott und den Menschen rechtfertigende Weise möglich? Sage mir es ehrlich, Arnold!« – »Nein, Regine, das war es nicht,« versetzte er, ohne ihre Hand aus der seinen zu lassen. »Ich habe von dem General neulich diese Begegnung offen gefordert, wie etwas, was dein und mein Recht, und er hat sie mir ebenso offen und bestimmt verweigert. Sie erzwingen durften wir um deinet- und der Welt willen nicht, und entsagen konnten wir ihr auch nicht. Das siehst du ein, Regine.« – – »Ja, das sehe ich ein,« wiederholte sie leise. – »Bist du sicher, daß du unbeobachtet hieher gekommen?« fragte er nach einer Pause. »Ich muß das wissen, denn meine nächsten Schritte hängen von deiner Antwort ab. Deine Ruhe darf und will ich nicht stören lassen, nicht den Frieden, so viel dir von ihm geworden. Also, Regine?« – »Ich glaube nicht bemerkt worden zu sein, obgleich ich bestimmt weiß, daß man mich zu jeder Stunde beobachtet,« sagte sie. »Jetzt aber schläft alles drinnen.«

»Wohlan,« sprach er wieder nach einer Pause, »unsere Zeit ist heut eine gemessene, und wir wissen nicht, ob und wann wir uns wieder treffen. Wir dürfen uns nicht der Erinnerung an unser früheres Glück überlassen und nicht dem Schmerz darüber, wie man es uns gestohlen. Aber wie man dich mir gestohlen, Regine, wie du es ertragen, und was du nun über uns beschließest, das muß ich von dir erfahren.« – »Das ist mehr, als ich zu sagen vermag, Arnold,« versetzte sie, immer in dem gleichen, leisen und sanften Ton. »Ich habe niemals tief in diese traurigen Zustände hineinzublicken vermocht. Wie mein Vater gegen den deinen eingenommen wurde, weiß ich am wenigsten. Von dir erzählte man plötzlich vor meinen Ohren etwas wie eine Untreue und allerlei Züge eines ausgelassenen Lebenswandels – ich habe aber niemals daran geglaubt, Arnold,« setzte sie mit tiefer Innigkeit hinzu, »ich kannte dich ja wie mich selbst und wußte wohl, daß du meiner nicht vergessen würdest.« – »Du hattest Recht, Regine,« sagte er ruhig. »Es ist auch nicht wahr gewesen.«

»Dann muß man auch deine Gesinnung als Patriot verdächtigt haben,« redete sie weiter. – »Es ist noch immer nicht das Rechte,« fiel er in einem seltsamen, zwischen Spott und Bitterkeit schwankenden Tone ein. »Dein Vater konnte sich, da er damals grade in Berlin, gar zu leicht von der Unwahrheit solcher Gerüchte überzeugen. Es muß noch Anderes gewesen sein.« – »Das erfuhr ich eben nicht, Arnold. Er kam zurück und kündigte mir an, daß unser Bund getrennt. Er befahl mir einzupacken und nahm keine Einwendungen, kein Bitten und Flehen an. Ich bin während jener Tage eingeschlossen gewesen. Und dann reisten wir ab. Und dann folgte jene schreckliche Zeit, als Herr von Wollzow meine Hand verlangte und mein Vater mich endlich dazu brachte Ja zu sagen. Davon kann ich nicht weiter reden, selbst zu dir nicht, Arnold. Mein Vater ist längst schon todt und – ob er auch geirrt, er hat mich doch lieb gehabt, und ich will nicht anders als mit Liebe an ihn denken.«

»Und wie hast du seitdem gelebt, Regine?« fragte Arnold endlich gepreßt, da sie ihren Bericht nicht fortsetzte. – »Was soll ich davon sagen?« erwiderte sie traurig. »Wir sind viel auf Reisen gewesen und haben doch stets zurückgezogen gelebt – beides entsprach meinen Neigungen, und seit ich nach unserer Rückkehr meinen Knaben wieder bei mir habe, weiß ich nicht zu klagen. Mein Mann ist nicht hart gegen mich, übt vielmehr alle Rücksichten, die ich erwarten kann, und läßt mich still meinen Weg gehen. Früher freilich,« fügte sie noch leiser hinzu und ihre Stimme schwankte, »war es nicht so gut. Wollzow war furchtbar eifersüchtig, obgleich ich ihm, Gott weiß das, niemals Veranlassung dazu gegeben, und das war auch sicher der Hauptgrund, daß wir die Reisen aufgaben und uns hier ansiedelten. Seitdem ist es wenigstens besser geworden.« – »Du verlässest das Haus gar nicht?« fragte er nach einer langen Pause. – »Ich bin kränklich, Arnold, und fühle mich zufrieden in meiner Stille. Auch würd' es mein Mann nicht gern sehn,« entgegnete sie.

Es war ein langes Schweigen zwischen ihnen. Rings umher regte sich nichts, kein Blatt flüsterte, und allein das leise Fluten des Wassers an den Pfählen der Landungsbrücke ward vernehmbar. Die Nacht war noch dunkler geworden, da sich von Westen her eine Wolkendecke auszubreiten begonnen, und nur wenn einmal das Leuchten der nähergerückten Blitze vorüberflog, sah er ihre Gestalt deutlich vor sich. Sie saß auf der Bank vorübergebeugt, den Arm aufgestützt und den Kopf in die Hand gelegt, während sie die andere, welche er wieder ergriffen, still zwischen seinen Fingern ruhen ließ. Sie war kalt, diese Hand, und dennoch klopfte das Blut darin schnell und unregelmäßig. »Und nun – Regine,« sprach er endlich, »was beschließest du über uns?« – Sie ließ eine Weile vergehen, bevor sie den Kopf erhob und ihn anschaute – er sah das wohl und erkannte die Resignation in ihrem bleichen stillen Gesicht und den müden, sanften Augen – und nach einer neuen Pause sagte sie leise: »wir müssen eben scheiden, Arnold, wieder und für immer. Weißt du es anders?« – Er erwiderte nichts, aber sie fühlte, daß seine Finger ihre Hand losließen.

Allein sie faßte sie nur um desto fester, sie erhob sich auch und legte noch ihre andere Hand auf die seine und hielt sie. Und dann sprach sie mit tief herzlichem, begütigendem, überzeugendem Tone: »Arnold, mein theurer, theurer Freund, ich flehe dich an, laß mir dein Bild, wie es stets in mir geblieben, als das des edelsten, treusten, makellosesten Mannes! Man hat uns getrennt, Arnold, es ist nicht deine Schuld und nicht meine, und die Sünde kann nur Gott denen vergeben, die sie an uns begangen. In meinem Herzen bist du mir stets nahe gewesen und wirst es stets bleiben – Gott verzeihe mir dieses Unrecht, wenn es eines ist. Ich kann nicht anders. Aber für das Leben sind wir geschieden – es ist nicht deine und nicht meine Schuld, wiederhole ich, aber zu ändern ist daran nichts. Das mußt du einsehen, Arnold. Ich kann nicht aus dem Kreise treten, in den ich gebannt bin, denn ich habe da mein Kind – Arnold – wolltest du, daß es dereinst seiner Mutter mit Verachtung gedenken müßte? Und ich habe geschworen, ihm ein treues und gehorsames Weib zu sein, und ob mein Herz auch dabei zuckte, Gott hat den Schwur gehört, und brechen kann ich ihn nicht. Und siehst du wohl,« fügte sie mit zitternder Stimme hinzu, »ich könnte dir doch nichts mehr sein; ich bin nicht mehr fröhlich, ich bin nicht mehr gesund, ich bin müde, Arnold, o so müde!« Sie lehnte sich an ihn und legte den Kopf an seine Schulter.

»So laß uns scheiden,« sprach er eintönig, nach einer Weile. »Du willst es so, Regine, und ich füge mich dem.« – Sie richtete den Kopf auf. »Eines versprich mir,« sagte sie. »Laß alles Vergangene vergangen sein, forsche und frage ihm nicht mehr nach. Die Verleumdungen sind von dir abgeglitten, das Andere ist nicht mehr zu ändern. Laß mich hier in der Ruhe und Stille, die mir so gut thut, und lasse mich von Zeit zu erfahren, wo du weilst, wie es dir ergeht. Du kannst mir das durch meine Schwester sagen lassen, sie schreibt mir zuweilen. Und von mir sollst du auch hören.«

Auf diese Worte erwiderte er nichts. Nach einer Pause sagte er wieder nur: »adieu, Regine, Gott behüte dich!« – Da aber schlang sie die Arme um seinen Nacken und küßte ihn heiß und fest, und dann sprach sie von ihm zurücktretend: »leb' wohl, Arnold. Gott behüte dich und schenke uns Frieden. Leb' wohl, Arnold.« Ihre Hand ließ die seine los; sie wandte sich ab und verschwand im Dunkel.

Einen Augenblick noch sah er ihr nach, er hörte noch ein leichtes Knistern des Kieses unter ihrem Fuß; dann war alles still. Da wandte auch er sich und ging zu der Pforte, in's Boot zurück, löste es und fuhr durch das dunkle Wasser dahin. Die Uhren in der Stadt schlugen Mitternacht. Der Himmel hat sich schwarz verhüllt, hie und da fielen schon einige Regentropfen und von Zeit zu Zeit ließ sich das Rollen des Donners aus der Ferne grollend vernehmen. Arnold achtete auf nichts. Er ruderte lautlos weiter, lautlos legte er den Kahn an der Stelle an, von der er ihn entlehnt, und lautlos ging er durch die dunkle, schweigende Stadt. Es war in ihm eine schwere, dumpfe, endlose Stille.

8.

Es war am nächsten Morgen um neun Uhr, als Brandeck zum Präsidenten seines Gerichtes beschieden wurde. Das Gewitter hatte sich in der Nacht entladen, der Himmel trieb voll schwerer Regenwolken, und in den großen Zimmern der Dienstwohnung des Präsidenten war es ganz dämmerig, da der Assessor sich seinem Chef vorstellte. Dennoch bemerkte dieser die krankhafte Blässe und Abgespanntheit in Brandecks Gesicht und fragte theilnehmend darnach. Und auf die Erklärung des jungen Mannes, daß er an seinem alten Kopfschmerz leide, meinte er freundlich: »das thut mir um so mehr leid, lieber Brandeck, da ich Sie trotzdem kaum von dem Geschäft werde dispensiren können, um welches ich Sie rufen lassen mußte. Es liegt ein dunkler Fall, vielleicht ein Verbrechen vor. Der Assessor Bode, der Arzt, Sie kennen ihn wohl, war eben bei mir und zeigte mir an, daß man ihn bald nach sieben Uhr in das sogenannte Wyler Schlößchen geholt habe, wo die Kammerfrau ihre Dame leblos in ihrem Bett gefunden.« – Arnold sagte nichts, denn sein Herz zog sich zusammen und sein Athem stockte, aber er starrte seinem Chef mit entsetzten Augen nach, als säh' er in ihm ein Gespenst, wie es keine Phantasie jemals furchtbarer sich ausgemalt.

Der Herr fuhr fort: »Der Assessor hat die Dame nicht nur leblos, sondern schon todt gefunden, ja er behauptet, der Tod müsse bereits vor mehreren Stunden erfolgt und allem Anschein nach ein gewaltsamer, die Folge einer Erstickung gewesen sein. Dafür spreche das Lager freilich wieder nicht, es sei in vollster Ordnung, nur daß dieselbe ihm fast zu groß erscheine. Die Kammerfrau, die in der Nähe schläft, hat nach ihrer Angabe nichts gehört, als gleich nach Mitternacht ein paar laute, und wie es ihr vorgekommen, zornige Worte des Herrn von Willing; sie habe aber nicht weiter darauf geachtet, der Herr sei nicht selten sehr heftig gewesen. Bald darauf sei die Thür zugeschlagen worden und dann alles still geblieben. Als Bode nun den Herrn wollte rufen lassen, ergab es sich, daß er in der Nacht mit einem Diener das Haus verlassen, um, wie der andere Diener angab, eine seiner gewöhnlichen Reisen anzutreten. Auch soll er immer in dieser Weise abreisen, zu Pferde bis zur Poststation in G., von wo er dann Post nimmt. Ich habe schon einen Gensd'armen mit einer Anfrage dahin senden lassen. Sie aber, lieber Brandeck – aber um Gotteswillen, was haben Sie?« unterbrach sich der Präsident, der bisher auf- und abgehend, jetzt vor dem Assessor stehen geblieben war und nun mit einemmale die furchtbare Zerstörung in dessen Gesicht bemerkte. »Mann, Sie sind krank, Sie werden ohnmächtig!« rief er ihn am Arm fassend.

Der Unglückliche fuhr sich über die kalte feuchte Stirn. »Ich werde es nicht,« versetzte er dann gewaltsam herausathmend, »aber was Sie mir übertragen wollen, das kann ich nicht übernehmen. Regine Willing, oder vielmehr wie ihr Gatte richtig heißt, von Wollzow, war einmal meine Braut, die man von mir, ich weiß noch immer nicht weßhalb, vordem getrennt und zu der Heirath mit dem alten General gezwungen. Ich habe sie gestern Abend, bis gegen Mitternacht, zum erstenmal seit acht Jahren wieder gesprochen und für immer von ihr Abschied genommen. Jetzt, sagen Sie, ist sie todt, vielleicht durch ein Verbrechen. Die Untersuchung vermag ich nicht zu übernehmen. Ich stehe dem Manne nicht unparteiisch gegenüber,« fügte er mit einem unbeschreiblichen Lächeln hinzu.

Der Präsident war bei dieser Eröffnung sichtbar blaß geworden. »Das müssen Sie mir ein andermal ausführlicher erzählen, Brandeck,« sprach er endlich, und seine Stimme verrieth seine Erschütterung. »Für jetzt werde ich natürlich einen Anderen mit dieser Untersuchung beauftragen. Sie aber – gehen Sie nach Hause und suchen Sie Ruhe und Kraft zu gewinnen, diesen entsetzlichen Schlag zu überwinden, armer Freund.« Er drückte ihm warm die Hand und schaute dem still Scheidenden lange tief gedankenvoll nach. Der alte Beamte meinte noch nie von einem ähnlich erschütternden Fall gehört zu haben.

Und der Fall war nicht nur ein erschütternder, sondern blieb auch dadurch merkwürdig, daß er niemals seine volle Aufklärung fand. Die Angaben des Assessors Bode zeigten sich freilich genau und völlig wahr, allein seine Ansicht, daß hier ein Verbrechen vorliege, stieß bei mehr als einem seiner Collegen auf ernstliche Zweifel. Der Erzähler dieser Geschichte ist zu wenig Sachverständiger, um nach den ihm vorliegenden Angaben der verschiedenen zugezogenen Aerzte ein entscheidendes Urtheil fällen zu können. Er vermag nur anzuführen, daß das Gericht der Ansicht des Hausarztes beigepflichtet zu haben scheint, da der General Baron von Wollzow, genannt von Willing, als eines schweren Verbrechens verdächtig, alsbald steckbrieflich verfolgt wurde.

Erreicht wurde damit nichts. Der General hatte wirklich auf der nächsten Station Post genommen und war in Begleitung seines Dieners gegen die Grenze des Nachbarlandes zu gefahren. Man konnte seine Reise noch ein paar Stationen jenseits verfolgen, dann aber hatte er sich, ebenso wie der Diener aus dem Gasthofe einer kleinen Stadt, wo er die bestellte Extrapost erwarten gewollt, bevor dieselbe anlangte, zu Fuß entfernt, angeblich um einen Gang durch die Straßen zu machen, kehrte jedoch nicht zurück und blieb verschwunden. Seinen Mantelsack hatte er zurückgelassen; der Inhalt desselben bestand nur in einigen Kleidungsstücken und gewährte keinerlei Aufklärung. Nicht mehr Anhalt gewährte, was man vom Banquier und Geschäftsführer des Verschwundenen erkundete. Der General hatte, wie wir wissen, seine Besitzungen im B.'schen Kreise längst verkauft und schon seit Jahren bedeutende Kapitalien an sich gezogen, ohne daß die genannten beiden Geschäftsleute von ihrem Verbleib unterrichtet wurden. Der alte Herr hatte gegen Beide kein Geheimniß daraus gemacht, daß er entschlossen sei, über kurz oder lang mit seiner Familie Deutschland ganz und für immer zu verlassen. Das war alles.

Ob die Kammerfrau, ob der zurückgebliebene alte Diener über die Vorgänge während der Gewitternacht vielleicht Genaueres hätten angeben können, ließ sich nicht ergründen. Sie blieben unerschütterlich bei ihren ersten Angaben – die Eine, daß sie die zornige Stimme des Herrn vernommen, ohne seine Worte zu verstehen; der Andere, daß der General, wie in solchen Fällen stets, ihn Abends von seiner in der Nacht anzutretenden Reise unterrichtet habe und, um ein paar Stunden Schlafs zu finden, zeitig zur Ruhe gegangen sei. Um halb Ein Uhr, da er wie üblich den Herrn habe wecken wollen, sei derselbe schon wach und angekleidet gewesen und bald darauf fortgeritten. Ungewöhnliches habe er nicht an ihm bemerkt.

Als der Candidat, von diesen Vorgängen unterrichtet, dennoch nach einigen Wochen anlangte, um nach seinem Freunde zu sehen, der sich eben von einer schweren Krankheit langsam zu erholen begann, fand er das Wyler Schlößchen bereits verödet. Der Knabe war von der Schwester der Verstorbenen zu ihrem Wohnsitz mit fortgenommen, die Dienerschaft entlassen, die Besitzung selbst in den Zeitungen als verkäuflich angezeigt. Bald darauf wurde sie auch von einem Bewohner der Stadt um eine verhältnißmäßig geringe Summe erworben. Das Haus zeigte sich baufälliger, als man es zu finden vermuthet. Es mußte abgebrochen werden, und jetzt steht dort eine Restauration und Wirthschaft, die um des schönen großen Gartens willen im Sommer viel Zuspruch hat.

Arnold Brandeck ließ sich nach seiner völligen Genesung alsbald versetzen. Er war noch stiller geworden und lebte noch einsamer als bisher, und niemand hat in seinen Zügen jemals wieder ein Lächeln gesehen. Ein paar Jahre später drückte Karl Walisius, der inzwischen in der gleichen Stadt mit ihm seine Anstellung gefunden, ihm die müden Augen zu. Von den Vorgängen in B. war zwischen ihnen niemals mehr geredet worden.

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