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Das wunderbare Schreibzeug

Heinrich Seidel: Das wunderbare Schreibzeug - Kapitel 3
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authorHeinrich Seidel
titleDas wunderbare Schreibzeug
publisherHera-Verlag
printrun2. Auflage
year1950
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Die grüne Eidechse

Der große Garten des Pfarrhauses, in dem ich geboren bin, schloß sich dem Kirchhof an. Dieser war bedeutend höher gelegen und durch eine Mauer aus großen Feldsteinen von dem Garten, der sich an einer Stelle buchtartig dort hinanzog, abgegrenzt. Den abgelegenen Winkel, der sich dadurch bildete, nannten wir die Kapellenecke, weil an dieser Stelle auf dem darüber liegenden Kirchhof zwischen Busch und Baum die gräfliche Grabkapelle gelegen war. Dieser versteckte Ort war mein Lieblingsspielplatz, denn selten kam jemand in diese abgeschiedene Einsamkeit. In dem Buschwerk, das dort wucherte, konnte ich ungestört meine Hütten bauen und geheime Vorratskammern anlegen, in die ich wie ein Eichhörnchen Nüsse und Obst zusammentrug. Wenn aber die Sonne schien und auf die große Feldsteinmauer ihre Strahlen sendete, da konnte ich stundenlang auf der Lauer liegen, ob sich die grüne Eidechse nicht zeigen würde. Damit hatte es folgende Bewandtnis: Unser früheres Dienstmädchen, das jetzt im Dorfe verheiratet war, hatte mir erzählt, sie sei in der Mittagsstunde einmal in die Kapellenecke gekommen, da habe ein schöner blauer Vogel auf einem Aste gesessen und immer gerufen: »'s is Zeit! 's is Zeit!« Als sie nun hinzugegangen wäre, um ihn näher zu sehen, da habe der Vogel ganz deutlich gelacht wie ein kleines Kind und sei fortgeflogen. Ihr sei ganz sonderlich dabei zumute geworden, denn es sei in dieser Ecke niemals recht richtig gewesen, aber sie habe wieder Mut gefaßt, da man sich am hellen Mittag doch nicht fürchten dürfe –, doch plötzlich sei in der Mauer etwas Blitzendes gewesen, das ordentlich Funken in ihre Augen geworfen habe. »Und da«, fuhr sie fort, »saß denn in einer Mauerfuge eine große grüne Eidechse, die trug eine feine goldene Krone, aus der die Sonne förmlich Feuer zog. Als ich das Tier nun starr ansah und vor Verwunderung große Augen machte, da richtete es sich ganz hoch auf und machte mir schnell drei ordentliche Diener, wobei das Krönchen jedesmal einen Funkenblitz warf, und witsch! war es weg, und in der Mauer fing es an, mit feinen Stimmen zu kichern und zu lachen, wie wenn die Mäuse pfeifen. Aus der Ferne hörte ich noch einmal den Vogel rufen, aber nun klang es wie: »Vorbei! Vorbei!« Mir lief es kalt den Rücken hinunter, und die Hacken wurden mir lang, so daß ich mich schnell davonmachte und nicht eher zur Ruhe kam, als bis ich in meiner Kammer war.«

Diese Erzählung hatte einen unvergeßlichen Eindruck auf mich gemacht, und ich hätte alles darum gegeben, ebenfalls dieses wunderbaren Tieres ansichtig zu werden. Zwar hatte mein Vater über die Geschichte gelacht und mich belehrt, daß grüne Eidechsen in unserer Gegend gar nicht vorkämen, und nun gar solche mit goldenen Kronen und dergleichen besonderen Angewohnheiten, und hatte gemeint, die gute Trina hätte wohl einmal bei hellem Tage und mit offenen Augen geträumt, allein trotzdem konnte ich noch immer die Hoffnung nicht aufgeben, desselben Glückes teilhaftig zu werden, und ward nicht müde, mich immer wieder auf die Lauer zu legen und die Fugen und Ritzen der Mauer mit wachsamem Auge zu mustern; allein immer war es vergebens gewesen. Jedoch eines Tages im Juli, als die Sonne gegen die Mittagszeit mit besonderer Glut vom Himmel strahlte, befand ich mich an einem ganz entgegengesetzten Teile des Gartens, wo er an das Feld angrenzte, und war, bewogen durch den seltsamen Ruf eines mir unbekannten Vogels, auf den Zaun geklettert und schaute in die schwerreifen Kornfelder hinaus. Der leichte Wind brachte ein leises Wiegen und Flüstern der Halme hervor, und weiter hin stand mitten im Felde ein Busch mit schwankenden Zweigen, auf dessen höchster Spitze der fremde Vogel hin- und hergeschaukelt wurde. Es lag etwas merkwürdig Herausforderndes und die Aufmerksamkeit Erweckendes in dem unablässig wiederholten Rufe dieses Tieres, so daß man sich unwillkürlich veranlaßt fühlte, sich nach seinen Wünschen zu erkundigen. Plötzlich erhob sich der Vogel, schoß in ruckweisem Fluge durch die Luft und setzte sich auf einen Baum, der über mich hin seine Zweige streckte. Mich dünkte, es ginge mich ganz besonders an, was er unausgesetzt rief, nur konnte ich keinen Sinn damit verbinden. Dann setzte er seinen Flug fort, quer durch den Garten, immer rufend und lockend, so daß ich wie durch einen inneren Zwang veranlaßt wurde, ihm zu folgen, bis ich schließlich in der Kapellenecke anlangte. Dort saß er auf einem der Bäume, die die Kapelle umgaben, im Sonnenschein, und ich sah, daß ein blauer Schimmer von ihm ausging, und ich verstand plötzlich seinen Ruf: »'s is Zeit! 's is Zeit!« Und weiter flog er von Wipfel zu Wipfel, bis sein Ruf in der Ferne verklang. Unwillkürlich fielen meine Blicke auf die Kirchhofsmauer, allein, so sehr ich auch spähte und meine Augen umgehen ließ – ich vermochte nichts zu entdecken. Sie lag in dem hellen Glanz der Mittagssonne ganz still da, die Fugen und Löcher zwischen den Steinen erschienen tiefschwarz, und jedes Gräschen und jede Ranke, die an ihr hervorwuchs, warf einen feinen, zierlichen Schatten hinter sich. Einige Mauerwespen schwebten und tanzten an den Steinblöcken, und zuweilen kam ein Schmetterling, glättete seine Flügel behaglich auf einer besonnten Fläche, stieg dann schwankend empor und verschwand nach dem Kirchhof zu.

Mich überkam die Empfindung: wenn ein Geheimnis in dieser Mauer verborgen war, so mußte es sich heute lösen; ich setzte mich geduldig in den Sand und wendete kein Auge von ihr. So mochte ich wohl eine Viertelstunde gewartet haben, da fing in der Luft ein Singen und Klingen an, das mich fast in Verwunderung setzte. Unten in der Tiefe war es ganz windstill, während oben ein leichter Sommerhauch die Wipfel der Bäume regte und auf den leicht bewegten Zweigen gleichsam wie auf Harfensaiten spielte, indes allerlei süße, klagende Stimmen in der Luft entstanden und verschwebten, und aus der Ferne ein sanftes, sehnsüchtiges Rufen zu kommen schien. Es schwoll an und dämpfte sich wieder in einer müden, traumseligen Weise, wie wenn eine Mutter ihr Kind leise in Schlaf singt, und plötzlich tönte ein dumpfes Dröhnen hindurch und wiederholte sich taktmäßig zwölfmal. Es war die Kirchenuhr, die die Mittagsstunde schlug; allein obgleich dies ganz in der Nähe war, klang es doch traumhaft und gedämpft, wie aus weiter Ferne. Als der letzte Schlag verhallt war, blieb nur ein leises singendes Sieden in der Luft, sonst war es ganz still.

Warum war es plötzlich so hell vor meinen Augen? Es brannte dort in der Mauer – jetzt flammte und blitzte es stärker auf – wie kam das Feuer dorthin?

Es war ja kein Feuer, es war der Sonnenschein, der auf einer kleinen goldenen Krone blitzte, die auf dem Kopfe einer grünen Eidechse saß. Nun war meine Sehnsucht doch erfüllt, das schöne lichtgrüne Tier, dessen Seiten lasurblau schimmerten, saß dort am Eingang seiner Höhle und schaute mit den klugen goldenen Augen auf mich hin. Aber als ich das Wunderding nun unverwandt anstarrte, da war es mir, als wiche es immer weiter in die Ferne zurück, vor meinen Augen fing es an, gar seltsam zu schwimmen und zu fließen in grüngoldigem Schimmer, wie wenn man in sonndurchglänztes Gezweige schaut; dieses Geleuchte nahm allmählich Form und Gestalt an, und dann sah ich wohl, es war keine Eidechse mehr, sondern die kleine Ella, die Tochter jener jungen Gräfin, die dort oben in der Grabkapelle so einsam in ihrem Sarge lag. Das Mädchen trug ein lichtgrünes, blauschillerndes Kleid und silberne Schuhe, und ein goldenes Krönchen blitzte in seinem dunklen Haar. Aber es war doch nicht die kleine Ella, denn deren Augen waren dunkelblau, und diese da hatte so seltsame goldene Augen wie eine Eidechse.

Auf einmal sagte sie, indem sie auf die Mauer zeigte: »Kommst du mit hinein?« Ich wunderte mich, wie das geschehen sollte, da doch die Spalte eben nur einer Eidechse oder einer Maus durchzuschlüpfen erlaubte; allein in dem Augenblick trat das Mädchen beiseite, und ich sah eine dunkle Öffnung in der Mauer gleich dem Eingang einer kleinen Höhle.

Da es mir unmöglich schien, diesem wunderbaren Mädchen etwas abzuschlagen, so sagte ich: »Ja!«, das Kind ergriff meine Hand und zog mich hinter sich her in den engen Raum, wo es kühl und finster war. Von dieser Berührung ging ein seltsamer Schauer durch meinen Körper, denn die feine, schmale Hand war kalt wie der Tod.

»Du bist doch nicht die kleine Ella!« sagte ich.

»Ich bin, wer ich bin«, sagte sie, »die kleine Ella sitzt auf dem Schloß und ißt Rosenbonbons.«

Ich dachte, ich säße am liebsten bei ihr, um ihr zu helfen, denn es war schauerlich, immer weiter in diesen dunklen, feuchten Gang hineinzutappen. Zugleich fiel mir ein, daß wir uns bald in dem Bereich der Kapelle befinden mußten, und indem sah ich auch schon einen schwachen Lichtschimmer vor mir glimmen.

»Wohin führst du mich?« fragte ich das seltsame Wesen. »Das wirst du sehen«, antwortete das Mädchen, »und es wird sich zeigen, ob du die Tat vermagst!«

Dann ward es ganz hell vor uns, und wir traten in einen schwarz ausgeschlagenen Raum, in dem eine Menge Wachslichter auf silbernen Leuchtern brannten. In der Mitte stand auf einem düsteren Unterbau ein offener Sarg mit silbernen Zieraten, und darin lag die schöne junge Gräfin, ganz wie ich sie damals gesehen hatte, als sie im Schlosse zum letztenmal ausgestellt war. Sie trug ein Kleid von weißem Atlas mit silbernen Spitzen, und ihre schmalen Hände, die noch weißer schimmerten als die Seide, waren still über der Brust gefaltet. Zu beiden Seiten über die Schultern hinweg lagen die schweren Zöpfe ihres dunklen Haares, und die Wimpern ihrer geschlossenen Augen schatteten über die wachsbleichen Wangen des friedlich schlafenden Angesichts. Es war, als seien die langen Jahre über sie hinweggegangen wie eine kurze Nacht.

Es war totenstill in dem Räume, selbst die Lichter knisterten nicht und standen mit gleichsam versteinerten Flammen ruhig da – nur von ferne kam ein leises, getragenes Tönen wie gedämpfter Orgelklang.

Endlich wagte ich zu flüstern: »Ich dachte, sie läge oben in der Kapelle in dem geschlossenen Sarge.«

»Der Sarg ist leer«, sagte das Mädchen, »sie liegt hier unten schon lange Jahre und schläft. Sie ist nur verzaubert, und der Tod hat noch keine Macht über sie. Jetzt ist die Stunde, da sie erlöst werden kann.« Dann deutete sie nach oben und fuhr fort: »Hörst du es wohl pochen und scharren?«

Ich horchte und vernahm deutlich ein Geräusch, wie es ein Pferd hervorbringt, wenn es auf dem Boden stampft und mit den Hufen kratzt.

»Das ist der silberweiße Schimmel«, sagte das Mädchen. »Er steht und wartet, daß sie kommen soll. Wenn sie erlöst ist, wird sie ihn besteigen und wieder auf das Schloß reiten, und es wird von neuem Hochzeit sein.«

»Wie mag das geschehen?« fragte ich.

»Es steht in deiner Hand«, sprach das Mädchen. »Die Stunde ist da. Wenn du es vermagst, sie zu küssen, so muß der Zauber von ihr weichen.«

Mich dünkte diese Tat leicht zu vollbringen, entschlossen stieg ich die Stufen zum Sarg empor und blickte auf das schöne schlafende Antlitz. Mir war es, als breite sich in diesem Augenblick ein sanfter, rosiger Schein darüber hin, und aus der Ferne kam ein dumpfes Rollen wie ein leiser Donner. Aber wie geschah mir, als ich mich über sie hinbeugte und den bleichen Mund zu küssen versuchte? Ein kalter, durchdringender Eiseshauch wehte mir entgegen und rieselte durch meine Glieder und ließ mir das Herz in der Brust erstarren. Mich schauderte bis in die tiefste Seele hinein, und voll Entsetzen trat ich einen Schritt zurück.

»Mut! Mut!« rief das grüne Mädchen. »Die Zeit verrinnt!«

Aber ein gewaltiges Grauen vor dem eisigen Anhauch des Todes war über mich gekommen, ich taumelte zurück, die Stufen hinab und rief: »Ich vermag es nicht!«

Eine kurze Stille folgte, durch nichts unterbrochen als einen leisen, schmerzlichen Seufzer, der – ich wußte nicht woher – den Raum durchwehte. »Weh! Weh!« rief dann das Mädchen mit klagender Stimme. »Vorbei! Vorbei!« Dann geschah ein langhallender Donner, und der Sarg und die Lichter versanken in die Tiefe, so daß nur die schwarze Finsternis übrigblieb. Ich fühlte mich am Arm ergriffen und geschoben und hörte die Stimme des kleinen Mädchens, das rief: »Fort, ehe es zu spät wird, ehe sich die Höhle verschließt! Fort! Die Zeit ist um!«

Ich tappte fort durch den engen Raum, allein es war, als wenn sich unter dem krachenden Rollen des Donners die Erde zusammenzöge, denn die Wände rückten näher, und es ward enger und enger, indes von der Decke das Wasser reichlich herabrieselte. Schon fühlte ich die feuchte Erde auf beiden Seiten, und mit furchtbarer Angst ward mir klar, daß ich festsaß und vergeblich fortzukommen versuchte. Der entsetzliche Druck auf meiner Brust ward stärker und benahm mir den Atem, vor meinen Augen flammte es plötzlich wie lauter Feuer, ich fühlte einen dumpfen Schlag gegen meine Stirn und verlor die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, war meine erste Empfindung, daß der Regen auf mich herabströmte und daß ein furchtbares, lang anhaltendes Getöse in den Lüften war. Als dies nachließ, kam mir die dumpfe Vorstellung, es möchte wohl ein Donner gewesen sein, und als ich mich aufrichtete, ward ich gewahr, daß ich zusammengekrümmt mit dem Kopfe gegen die Mauer in der Kapellenecke gelegen hatte. Der Regen strömte unablässig herab, dagegen schien die Macht des Gewitters gebrochen zu sein, und nur ein fernes grollendes Rumoren war noch vernehmlich. Ganz verwirrt und halb betäubt stand ich auf und taumelte durch den rauschenden Regen auf das Haus zu. Das ganze Erlebnis mit der grünen Eidechse erschien mir wie ein phantastischer Traum, und doch stand mir alles so wirklich vor Augen, daß ich kaum daran zu zweifeln vermochte. Allein eine seltsame Scheu und die Furcht, keinen Glauben zu finden, hielt mich davon ab, zu irgend jemand davon zu sprechen, und ich bewahrte dies alles wie ein Geheimnis in verschwiegener Brust bis auf den heutigen Tag. Die grüne Eidechse aber sah ich niemals wieder.

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