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Das wunderbare Schreibzeug

Heinrich Seidel: Das wunderbare Schreibzeug - Kapitel 22
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authorHeinrich Seidel
titleDas wunderbare Schreibzeug
publisherHera-Verlag
printrun2. Auflage
year1950
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Das Hünengrab

Draußen auf dem Felde zwischen dem Korn lag ein Hünengrab. Eine gewaltige Eiche stand darauf und ringsumher Weißdorn, wilde Rosen und anderes Gesträuch. Eines Tages, da ich noch ein kleiner Knabe war und mir das Korn weit über mein Haupt reichte, ging ich an einem Sonnabendnachmittag hinaus, denn ich wollte mir Spielbaumholz schneiden zu Bolzen für meine Armbrust. Ich saß eine Weile auf den knorrigen Baumwurzeln der alten Eiche und schaute über das Feld hinaus. Es war ein recht sonnenglühender Nachmittag, und nur zuweilen hauchte ein warmer Luftzug über die Felder, daß sich die Halme flüsternd neigten. Am Horizont standen weiße, träumende Wolken, und ringsumher war das schwirrende Getön der sommerlichen Insekten. Aus dem gelben Kornmeer taumelten zuweilen die spielenden Schmetterlinge hervor und verschwanden dann wieder zwischen den Halmen. Als ich einige Zeit so gesessen hatte, hörte ich neben mir im Buschwerk ein Geräusch, ein Knistern im Gras und ein Rascheln in den kleinen Zweigen. Anfangs achtete ich nicht darauf, denn es gab dort viele Mäuse, die im Hügel ihre Nester hatten. Da hörte ich plötzlich eine feine Stimme sagen: »Hackebock, bring auch die große Krone heraus!« Ich erschrak, denn ich sah dort niemand, nur zwischen den Büschen, wo ein kleiner freier Platz war, bemerkte ich etwas Blitzendes. Ich beugte mich vor und spähte vorsichtig durch das Buschwerk. Da sah ich zwei ganz kleine Männlein mit langen grauen Bärten und grauen Gewändern, die viel blitzendes Goldgeschirr und funkelndes Edelgestein in der Sonne ausbreiteten. Ein dritter, dessen weißer Bart bis auf die Erde niederhing, hatte einen feinen Goldreif um die Stirn und stand daneben und sah zu. Dann kamen aus einer kleinen Höhle, die unter dem Buschwerk verborgen war, noch mehr dergleichen kleine Zwerge hervor, die in ihren Armen goldene Becher, Gefäße und Edelsteine getragen brachten und sie zu den übrigen legten. Endlich schleppte der letzte eine mit vielen funkelnden Steinen besetzte Krone herbei, die er mit beiden Armen umspannt hielt, und dann machten sie sich alle daran, diese Dinge recht schön auf dem Platze zu ordnen, daß sie in der Sonne wie Feuer blitzten und funkelten. Ich mochte, als ich mich vorbog, um besser sehen zu können, wohl ein Geräusch gemacht haben, denn auf einmal sahen sie alle von ihrer Arbeit mit zornigen Gesichtern zu mir auf, und einer rief: »Er sieht uns, er ist ein Sonntagskind!« – »Er muß sterben!« rief ein anderer. Auf einmal, ehe ich mich recht besinnen konnte, waren die kleinen Männer um mich herum, und im Nu waren meine Füße mit feinen goldenen Ketten so fest an die Baumwurzeln geschnürt, daß ich sie nicht im geringsten bewegen konnte.

»Was wollt ihr von mir?« rief ich, »ich habe euch nichts getan!«

»Du wirst uns verraten!« sagte der mit dem goldenen Reif um die Stirn, der ihr König war, »du wirst es den großen, plumpen Menschen im Dorf erzählen, und sie werden kommen und mit ihren Schaufeln unseren Berg umwühlen, in dem wir Jahrtausende gewohnt haben!«

»Wir wollen ihn totstechen!« rief einer.

»Er soll den Giftpilz schlucken!« schrie ein anderer.

Ich begann mich sehr zu fürchten, denn die kleinen Männer machten grimmige Gesichter, und einzelne drohten mir mit spitzen Schwertern, die sie schnell aus der Höhle geholt hatten.

»Ich werde euch ganz gewiß nicht verraten, ihr kleinen Zwerge!« rief ich, »gebt mich frei, ihr sollt es niemals bereuen.«

Der Zwergenkönig strich sich nachdenklich seinen weißen Bart, dann winkte er den anderen, und nun standen sie alle, steckten die Köpfe zusammen und wisperten untereinander. Zuweilen sahen sie nach mir hin, und endlich hob der König drei Finger auf und sprach etwas, wozu sie alle mit den Köpfen nickten. Dann gingen sie wieder auseinander. Der König trat vor mich hin und sprach: »Du hast uns nicht absichtlich belauscht, und wenn du von unseren Heimlichkeiten gesehen hast, so ist es unsere Schuld, da wir uns hätten zuvor überzeugen sollen, ob du nicht ein Sonntagskind seiest. Auch sagte Knisterknick mir, daß er dich schon oft heimlich beobachtet habe, und er glaubt, daß man dir vertrauen könne. Aber du mußt einen feierlichen Schwur tun, daß du niemals von dem sprechen wirst, was du bei uns gesehen hast oder sehen wirst.«

Ich versprach es, und nachdem ich den Schwur geleistet hatte, banden mich die Zwerge los, und nun durfte ich noch dort bleiben und ihnen zusehen. Der König setzte sich neben mich auf eine hervorragende Baumwurzel und sprach: »Jedesmal im Sommer, wenn das Getreide reif wird und es hier recht einsam ist, da bringen wir unsere Kostbarkeiten und Juwelen hinaus, um sie zu putzen und zu sonnen.« Unterdessen waren die anderen Zwerge eifrig beschäftigt, mit feinen Läppchen die Becher, Gefäße und Edelsteine zu reiben, daß sie noch viel feuriger blitzten als zuvor. Ich fragte: »Wohnt ihr schon lange in diesem Hügel?« – »Ihr Menschen, die ihr alle fünfzig Jahre neu seid, mögt es wohl lange nennen«, sagte er. Ich erzählte ihm, daß die Leute diesen Hügel für ein Hünengrab hielten. »Die Leute sind dumm«, sagte er, »als wir von Asien kamen und in diesen Hügel einzogen, da hatte das große Wasser sich hier eben verlaufen, und es gab noch gar keine Menschen in der Welt.«

Unterdes waren die Zwerge fertig geworden und fingen an, alles wieder in den Hügel zu tragen. Der König stand auf, hob die Hand auf und sprach: »Denk an den Schwur!« Ehe er hineinging, drehte er sich noch einmal um und sagte: »Wenn du willst, kannst du uns des Sonnabends um diese Zeit manchmal besuchen. Hast du einmal ein dringendes Anliegen an uns, so poche dreimal an diesen Stein, der gewöhnlich vor unserer Tür liegt, und es wird jemand kommen, der nach deinem Begehr fragt. Aber hüte dich, daß es nichts Törichtes ist, was du verlangst.«

Ich sah die kleinen Zwerge noch oft wieder, denn ich konnte kaum den Sonnabendnachmittag erwarten, um sie aufzusuchen. Ich sah dann ihren Spielen zu oder ließ mir Geschichten von ihnen erzählen. Bald kannte ich sie alle bei Namen. Da war Hackebock der Starke, der konnte mit einer Hand den Stein von der Zwergenhöhle wälzten. Knisterknick war der pfiffigste von ihnen und konnte so schnell und behend in den Büschen klettern wie ein Eichhörnchen. Wurzelbold war der kleinste und unbeholfenste, aber er konnte sehr drollig Kobolz schießen, und Trippelfix tanzte den Zwergentanz so schön wie kein anderer. Alle konnten aber wunderherrliche, zierliche Arbeiten aus Gold, Elfenbein und Edelsteinen verfertigen und aus Holz künstliche und seltsame Dinge schnitzen. Spinnefein vermochte die feinsten goldenen Fäden zu spinnen, und Schiffchentritt webte aus Gold und Seide die herrlichsten Gewänder. Am liebsten waren mir aber Murmelmund und Simmserich. Murmelmund wußte viele tausend Geschichten zu erzählen. Er saß oft stundenlang auf meinem Knie, strich sich den langen Bart und erzählte von Elfen, Riesen, Drachen und Kobolden. Simmserich hatte eine Harfe, sehr fein aus Gold und Elfenbein gearbeitet, darauf waren als Saiten Sirenenhaare gespannt. Wenn er darauf spielte, so erklang es gar fein und lieblich, und er sang viele alte Zwergenlieder; die waren nun zwar in der Zwergensprache, und ich verstand sie gar nicht, allein sie gefielen mir doch sehr. Der König Raschelbart war aber niemals dabei; der saß immer in seiner Höhle, denn er konnte die Außenluft nicht recht vertragen.

So kam der Herbst heran. Eines Abends saß ich zu Hause hinter dem Ofen und dachte an die Geschichten, die mir Murmelmund erzählt hatte. Der Vater unterhielt sich mit einem fremden Manne, der zu Besuch bei uns war. Der war ein Altertumsforscher und suchte alte Knochen, alte Töpfe und alte Geräte von alten Völkerschaften, die längst tot waren. Ich achtete anfangs nicht darauf, aber bald wurde ich aufmerksam, denn sie sprachen von dem Hünengrab. »Sie geben mir also die Erlaubnis, den alten Hügel aufgraben zu lassen und nach allen Richtungen hin zu untersuchen?« sprach der fremde Mann. Mein Vater antwortete: »Es wäre mir lieb, wenn Sie die alte Eiche schonten, die darauf steht; wenn es jedoch Ihre Forschungen erfordern, so mag auch sie fallen.«

Ich bekam einen heftigen Schreck und, ohne mich zu besinnen, was ich tat, fuhr ich hinter dem Ofen hervor und rief: »Es ist ja gar kein Hünengrab, Vater; der Hügel war ja schon da, als es noch gar keine Menschen gab.« – »Junge, was verstehst du davon«, sagte mein Vater, und der Altertumsforscher sah mich durch seine großen Brillengläser an und lachte. Ich bat meinen Vater nun, er solle doch den Hügel stehen lassen, ich konnte ihm aber nicht sagen warum, und endlich ward er böse und schickte mich hinaus. Ich lief sofort durch den Garten auf das Feld. Es war eine klare Herbstnacht, und der Mond schien hell auf meinen Weg. Als ich auf dem Hügel angelangt war, klopfte ich dreimal an den Stein. Nach einiger Zeit kam Hackebock mit einer kleinen Laterne in der Hand heraus und fragte, was ich wolle. Ich erzählte ihm alles, was ich gehört hatte, und er erschrak so, daß ihm die Laterne aus der Hand fiel und ausging. Dann lief er schnell zurück, und alsbald entstand ein Lamentieren und Wehklagen im Innern des Hügels, und dann kam König Raschelbart selbst und hinter ihm die übrigen Zwerge. Ich mußte nun alles noch einmal erzählen, und sie standen alle um mich herum und machten traurige Gesichter.

»Ich dachte mir, daß es einmal so kommen würde«, sagte König Raschelbart, »lasset uns gleich in dieser Nacht fortziehen zu König Bodeneck im Harz, der wird uns freundlich aufnehmen.«

Die Zwerge gingen alle betrübt in den Berg zurück und kamen nach einer Weile mit vielen Säcken, die ihre Kostbarkeiten enthielten, zurück. Sie reichten mir alle ihre kleinen Hände und nahmen Abschied von mir. Einige schluchzten laut und riefen: »O unser lieber Hügel, wo wir so viele tausend Jahre gewohnt haben!« Dann zündeten sie Fackeln an und zogen den Berg hinab. Voran ging Raschelbart mit seinem weißen Elfenbeinstab in der Hand, dann kamen, schwer beladen mit ihren Säcken, Hackebock, Murmelmund, Simmserich, Knisterknick und alle die anderen, zuletzt keuchte Wurzelbold hintennach, und dann zogen sie hinaus in die Nacht. Eine Zeitlang hörte ich noch ihr Klagen und Lamentieren und sah den kleinen Zug von Zeit zu Zeit hinter den Büschen verschwinden und dann wieder auftauchen, dann hörte ich nichts mehr und sah nur die Fackeln zuweilen aufleuchten. Zuletzt sah ich den Zug fern wie eine leuchtende Raupe über den Berg kriechen – und dann nichts mehr.

Am anderen Tage kam der Altertumsforscher mit vielen Arbeitern und ließ den ganzen Hügel umgraben. Er fand aber nichts als eine alte Bierflasche, die die Feldarbeiter dort einmal vergessen hatten.

Die kleinen Zwerge aber waren fort und kamen niemals wieder.

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