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Das wunderbare Schreibzeug

Heinrich Seidel: Das wunderbare Schreibzeug - Kapitel 20
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authorHeinrich Seidel
titleDas wunderbare Schreibzeug
publisherHera-Verlag
printrun2. Auflage
year1950
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Die kleine Marie

Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß Marie. Vater und Mutter waren gestorben, und ein böser alter Mann hatte sie mit sich genommen, der sagte, er sei ihr Onkel. Mit dem wohnte sie in einem großen wilden Walde. Wenn der Mann von der Jagd nach Hause kam, und Marie hatte nicht alles blitzblank geputzt und das Essen gekocht und die Kuh gemolken, dann schalt er sie, schlug sie und gab ihr trockenes Brot zu essen.

Die kleine Marie arbeitete den ganzen Tag, aber sie war noch zu schwach und zu klein, sie konnte es nicht besser machen. Die alte Kuh mit der schönen weißen Blesse war ihre einzige Freundin. Mit der sprach sie und streichelte sie und klagte ihr alles Leid, aber helfen konnte die auch nicht.

Eines Abends hatte der Mann sie wieder geschlagen und sie hungrig zu Bette geschickt. Da lag sie in ihrem kleinen Kämmerlein und weinte. Der Mond aber sah durchs Fenster, streichelte sie mit seinen langen Strahlen und schien auf ihre Bettdecke.

»Ach, du lieber Mond«, sagte die kleine Marie, »hilf mir doch!« Der gute Mond verzog keine Miene, aber er glitt von Maries Angesicht herunter und ließ einen hellen Schein auf ihre Bettdecke fallen. Marie erschrak fast, denn dort saß eine schneeweiße Maus und nickte ihr zu.

Sie fürchtete sich aber nicht vor den kleinen Mäusen, wie wohl andere Mädchen tun, denn wenn der Mann fort war, waren es ihre einzigen Gespielen und manches Brosämlein hatte sie ihnen hingestreut.

Das Mäuschen sprach mit quiekender Stimme, aber ganz deutlich: »Komm mit mir, du kleine Marie, wir Mäuse haben beschlossen, dir zu helfen; ich will dich hinausbringen in den schönen, lustigen Wald, dort sollst du wohnen bei den kleinen Zwergen.«

»Wie soll ich mit dir kommen?« sagte Marie, »die Tür ist verschlossen, die Fenster sind vergittert, und draußen liegt der böse Hund, der mich nicht hinauslassen darf.«

»Wir gehen durch unsere Wohnung«, antwortete die Maus, »wir haben draußen auch eine Haustür.«

»Ach Gott«, meinte Marie, »durchs Mauseloch? Da muß ich mich ja so dünn machen wie eine Wurst!«

Das Mäuschen pfiff hell; da kam eine kohlschwarze Maus auf das Bett gesprungen, die trug eine schwarze Wurzel im Munde, die sie vor Marie niederlegte.

»Da iß«, sagte die weiße Maus, »dann wirst du so klein wie das kleinste Zwerglein.«

»Tut's auch weh?« fragte Marie.

»Nein, aber es schmeckt schlecht«, sagte die Maus.

»Ärks«, machte das kleine Mädchen; die Wurzel schmeckte herbe und sauer wie ein unreifer Holzapfel und zog ihr den Mund zusammen. Da war ihr auf einmal, als schwebe sie in der Luft, es summte und sauste ihr vor den Ohren, und die ganze Stube schien sich herumzudrehen. Dann gab es einen Ruck, und dann lag sie im Bett so nett und niedlich wie ein Wachspüppchen.

»Du, Maus, wo bist du geblieben?« sagte sie, »und was ist das für ein Berg, der auf mir liegt?«

Die Maus sah von oben auf sie herab und piepte vor Vergnügen, als sie die kleine Puppe erblickte.

»Hier bin ich«, sagte sie, »und der Berg ist deine Bettdecke; nun komm, wir wollen fort.«

»Ach, Maus, ich kann nicht herunterkommen!« rief die kleine Marie, als sie vom Rande des Bettes in die Tiefe sah.

»Das ist schlimm, daran habe ich nicht gedacht«, sagte diese.

Doch glücklicherweise hing ein Handtuch dicht am Bettpfosten, das bis auf die Erde hinunterreichte. Die weiße Maus erfaßte Mariechens Kleider mit den Zähnen und kletterte mit ihr hinab.

»Ach, da ist's aber dunkel!« rief Marie, »habt ihr kein Licht hier?«

»Nur Geduld, Marie, fasse mich an den Schwanz und gehe mutig vorwärts!«

Eine ganze Strecke ging es den dunkeln Gang hinunter. Es roch gar nicht angenehm darin, nach Speckschwarten und altem Käse – das war Mäuseparfüm.

Jetzt ward es etwas heller; ein Mondstrahl fiel durch eine Mauerritze und erhellte einen ziemlich großen Raum, wie es der kleinen Marie erschien, er war aber nur so groß wie eine Schachtel.

»Das ist der Familiensaal«, sagte die weiße Maus, »hier mußt du bei uns bleiben, kleine Marie, bis es hell wird, sonst findest du nicht den Weg durch den Wald.« Da war ein Rascheln und Ruscheln in den Gängen und ein Gepiepe und Gekrabbel, daß Marie ganz ängstlich ward. »Fürchte dich nicht«, sagte die Maus, »es geht heute hier etwas wild her, denn wir werden diese Nacht einen Ball haben, da muß alles in Ordnung gebracht werden; es macht viel Arbeit.«

In dem Gesellschaftssaal wurden große Vorbereitungen gemacht. Einige Mäuse leckten die Wände ab, daß sie glänzten, und der Boden ward mit Talg gebohnt. Von außen kamen Waldmäuse zu Besuch, die hatten braunrote Kleider an und weiße Westen. Eine von ihnen brachte eine hohle Walnuß gerollt, daraus schüttete sie eine Menge Leuchtwürmer.

»Ei, die glänzen«, sagte die kleine Marie. Diese wurden allenthalben als Lichter auf die Vorsprünge gesetzt, und in der Mitte hatten die Mäuse an der Decke ein paar Kornähren befestigt, auf die wurden auch Leuchtwürmer gesetzt.

»Ein guter Kronleuchter«, sagte die weiße Maus, »wenn man ihn genug gebraucht hat, kann man ihn essen.«

»Schmeckt Korn gut?« fragte Marie.

»Talglicht esse ich lieber«, antwortete die Maus; »aber das sind Geschmackssachen. Hier sollst du sitzen, kleine Marie, auf dieser halben Nußschale – nun geht's gleich los.«

Der ganze Raum war nun festlich erleuchtet, zwar nicht recht hell, aber man konnte doch sehen, und die Mäuslein haben scharfe Augen. Oben in der Wand war eine Vertiefung, da saß die Musikmaus.

»Wir haben eine Musikmaus im Walde, die wird Musik machen«, sagte die weiße Maus. »Sie bekommt zwanzig Pfoten voll Talg und vier Walnüsse, billiger tut sie's nicht.«

»Du bist wohl hier Obermaus?« fragte die kleine Marie.

»Ja, diese wählt man immer aus dem Geschlechte der weißen Mäuse; man sagt, wir seien vornehmer als die grauen.«

Nun waren alle Mäuse bereit, und die Musikmaus fing an zu singen, beinahe wie ein Vogel zwitschert. Da huschten die Mäuse hin und her, durcheinander und übereinander, es war ein sonderbarer Tanz.

»Die singt aber schön«, sagte Marie.

»Ja, sie kann gut quieken«, meinte die weiße Maus.

Nun huschten die Mäuse bald an den Wänden herum, bald drängten sie sich zur Mitte in dichtem Knäuel, bald sprangen sie gegeneinander an, als wollten sie sich beißen, aber sie taten nur so. Dazwischen tönte immer das Gezwitscher der Musikmaus, und als Marie hinhorchte, verstand sie den Gesang:

»Rischel, raschel, Mäuslein klein
Schlüpfen aus und schlüpfen ein,
Huschen hin und huschen her,
Lang und breit und kreuz und quer.
Kribbel, krabbel, in den Ecken
Weiß sich Mäuslein zu verstecken.
Mäuslein kriecht in Strauch und Busch,
Rischel, raschel, husch, husch, husch! – Quiek!
Mäuslein huscht mit leisem Tritt,
Katze schleicht mit sanftem Schritt,
Mäuslein, Mäuslein, habe acht,
Wenn die böse Katze wacht.
Katze springt mit schnellem Satz ...
Pfeift die Maus, hat sie die Katz' – quiek! – Husch!«

Husch, waren alle Mäuse in den Löchern verschwunden, als wenn wirklich eine Katze gekommen wäre. Bald aber schlüpften sie alle wieder hervor, und dann begann der Tanz von neuem.

Das kam der kleinen Marie sehr lustig vor. Sie sang immer mit, und wenn das »Husch« kam, klatschte sie vor Vergnügen in die kleinen Hände.

Jetzt wurden alle Mäuse hungrig vom vielen Tanzen. Ein vortreffliches Nachtessen ward aufgetragen: Speckschwarten mit altem Käse und als Dessert: Walnüsse und Talg. Die kleine Marie bekam auch eine halbe Walnuß, davon aß sie etwas und steckte das übrige als Reisekost in die Tasche.

Das Essen war verzehrt, und die fremden Mäuse machten sich auf den Weg nach Hause. Da sprach die weiße Maus: »Jetzt, kleine Marie, wird es draußen Tag, nun müssen wir gehen. Ich werde dich selbst begleiten und dich zu den guten kleinen Zwergen führen, die tief im Walde am Zwergensee wohnen, dort bist du sicher.«

»Muß ich nun immer so ganz piepsig klein bleiben?« fragte die kleine Marie.

»Nein«, sagte die Maus, »die Zwerge kennen die Wurzel, die dich wieder groß macht.«

Nun gingen sie durch einen langen dunklen Gang, der in einen Holzhaufen im Walde auslief.

Die Sonne war aufgegangen und glitzerte in den Tautropfen an den Grashalmen, durch die Marie mit der Maus dahinschlich, leise, damit der böse Hund nichts merken möchte. Nachher kamen sie an einen alten Holzweg, da kletterten sie in das Geleise hinunter und liefen darin entlang, bis sie an den Bach kamen, der sich durch den Wald zog.

»Hier müssen wir weiter hinuntergehen«, sagte die weiße Maus, »dort ist ein Baum über den Bach gefallen, da können wir hinüberkommen.«

Als sie eine kleine Weile neben dem Bach gegangen waren, hörten sie plötzlich Hundegebell hinter sich.

»Ach Gott«, rief die kleine Marie, »nun hat der Mann gemerkt, daß ich fort bin, und schickt den bösen Hund hinter uns her!«

Da hörten sie schon den Hund ganz dicht hinter sich durch die Büsche brechen.

»Verstecke dich, Marie!« rief die weiße Maus, »ich kann dir auch nicht helfen!« und – husch, war sie verschwunden.

Marie lief durch das hohe Gras, schon hörte sie den Hund hinter sich schnuppern, da verlor sie auf einmal den Boden unter den Füßen und stürzte das hohe Bachufer hinab.

Der Hund schnupperte umher, denn er hatte die Spur verloren und heulte kläglich. Dann kam der Mann dazu, fluchte und prügelte ihn und ging mit ihm fort. Bald ward alles wieder ganz still. Die Maus kam aus ihrem Schlupfwinkel hervor und rief: »Marie, Marie!«, aber niemand antwortete ihr. »Sie ist gewiß in den Bach gefallen und ertrunken«, dachte sie und ging traurig zurück.

Die kleine Marie aber lag wohlbehalten in einer weißen Wasserrose, denn in eine solche war sie gefallen. Sie war nur betäubt von der Angst und dem Fall, so daß sie nichts weiter mehr gehört hatte.

Als sie wieder zu sich kam, sah sie sich verwundert um, denn sie glaubte in einem goldenen Bette mit weißen Wänden zu liegen, und über sich sah sie vom Bachufer bunte Blumen und Gras nicken. Sie richtete sich vorsichtig auf – denn die Wasserrose schwankte, wenn sie sich bewegte – und sah über den Blumenrand hinaus. Aber da war Wasser ringsum und hohe Ufer. Nahebei schwammen noch andere Wasserrosen mit breiten grünglänzenden Blättern, und große schlanke Libellen tanzten in der Luft. Auf einmal aber duckte sie sich erschrocken hinter die Blumenblätter, denn dort auf einem breiten Blatte saß ein entsetzlich großer Frosch und starrte sie mit seinen blanken Augen an. Aber er hatte sie doch gesehen und – plumps – sprang er ins Wasser und schwamm auf sie zu. »Koarx, Koarx!« sagte er, »was ist das? was ist das? Mal sehn, mal sehn!«

Die Wasserrose schwankte heftig, als das dicke Tier herankam und mit seinen Vorderbeinen daran herumtappte. Marie hatte sich vor Angst ganz zusammengekauert, da hörte sie ein Schwirren über sich, und ein wisperndes Stimmchen rief: »Steig auf, steig auf, kleines Mädchen, steig auf, schnell, schnell!«

Eine große Libelle saß auf dem Rande der Wasserrose und zitterte mit den durchsichtigen Flügeln. Marie kletterte schnell auf ihren Rücken, und surr! ging's in die Luft. Plumps! sprang der dicke Frosch aus dem Wasser in die Höhe, riß sein rotes Maul auf und reckte seine dicke Zunge heraus, aber er konnte sie nicht erreichen. »Koarx, koarx!« sagte er, »Dummheiten, Dummheiten!« und damit stieg er wieder auf sein Blatt.

Das ging prächtig schnell durch die Luft dahin, und so sicher und ruhig, daß Marie sich gar nicht fürchtete. »Libelle, wohin fliegen wir?« fragte sie.

»Zur Insel«, sagte die Libelle, »die hat steile Ufer, da kann kein Frosch hinaufkommen.« Mitten im Bach lag ein Felsblock mit steilen, abschüssigen Seiten. Er war nicht größer als ein Tisch und mit Moos und Blumen, Erdbeeren und Heidelbeerstrauch bewachsen.

Auch ein Busch Farnkraut neigte sich über das Wasser hin, und in der Mitte auf der höchsten Stelle stand sogar eine ganz kleine Fichte, so niedlich wie ein Weihnachtsbaum für Puppen. Dahin brachte die Libelle die kleine Marie und sagte: »Kleines Mädchen, hier kannst du wohnen, baue dir ein Hüttlein unter dem Baum!«

»Ich danke dir, du gute Libelle«, sagte Marie. Aber die surrte schon wieder hoch in der Luft und tanzte über den glänzenden Blättern der Buchen.

Da blieb die kleine Marie den ganzen Sommer lang. Sie baute sich ein winziges Hüttchen aus Moos, Gras und Spinnenfäden mit einem dichten Dach, daß der Regen nicht durchdringen konnte, und spielte mit den Schmetterlingen, die zu Besuch kamen, und mit den kleinen Käfern, die im Moose saßen. Wenn sie hungrig war, pflückte sie eine Erdbeere, daran hatte sie einen ganzen Tag genug, und dürstete sie, ließ sie eine Glockenblume an einem Spinnfaden in den Bach hinab und holte sich ein Tröpfchen Wasser herauf.

Die Tiere liebten die kleine Marie alle und taten ihr zuliebe, was sie konnten. Sie brauchte nur ein Blumenblatt vor ihre Haustür zu breiten, dann legte die erste Biene, die vorbeikam, ein Tröpfchen Honig darauf. Auf den Libellen ritt sie aus über die grünen Zweige dahin im Sonnenschein. Ja, einmal hatte eine große, starke Libelle sie hoch emporgetragen über die Wipfel der Bäume. Da hatte sie weit hinausgesehen, Wipfel an Wipfel, und nirgends ein Ende, wie ein großes grünes Meer. Der dicke Frosch war den Bach hinuntergeschwommen und wohnte jetzt auf einem Blatt in der Nähe; zuweilen kam er angerudert, steckte seinen flachen Kopf mit dem breiten Maule aus dem Wasser und glotzte sie an und quakte recht von Grund auf: »Koarx, koarx!« Und so glotzte er und quakte abwechselnd, bis es ihm langweilig ward und er wieder auf sein Blatt zurückschwamm. Dann bildete er sich ein, er hätte ihr etwas vorgesungen. Einmal warf sie ihm eine Erdbeere hinab. Er schwamm ihr nach und stieß mit dem Maule daran. »Koarx, koarx!« sagte er, »Dummheiten!« und ließ sie schwimmen.

Nun ward es hoher Sommer, die Erdbeeren waren aufgezehrt, aber die Heidelbeeren saßen dunkelblau an ihren kleinen Bäumchen, und Marie bekam einen ganz blauen Mund von dem Heidelbeersaft. Ihre Kleider waren schadhaft geworden, und sie saß unter der Farnkrautlaube über dem Wasser und machte sich neue aus Blumenblättern. Eine getrocknete Glockenblume gab einen hübschen blauen Rock. Sie nähte mit einem Wespenstachel und Spinnenfäden und besetzte ihre Kleider mit Fliegenflügeln und bunten Schilddecken von ganz kleinen Käfern, die sie tot auf der Insel gefunden hatte. Als Mütze trug sie eine kleine rote Blüte auf dem Kopfe.

Dann kam der Herbst heran, und es ward schon kalt des Nachts. Bei Tage aber war der Himmel blau, und die Sonne schien warm, und in der Luft flogen weiße Spinnenfäden. Einmal in der Nacht, als der Mond hell schien, erwachte sie in ihrem Bettchen von Blumenwolle durch anmutiges Singen und Gelächter lieblicher Stimmen. Sie schaute aus dem Türchen, da wimmelte die ganze Insel von zierlichen Gestalten, nicht größer als Marie, aber so leicht und luftig wie ein Hauch. Sie tanzten Ringelreihen, und fortwährend kamen noch mehr durch die Luft auf Sommerfäden angefahren. Darauf saßen sie dichtgedrängt in langen Reihen, das sah Marie ganz deutlich im Mondschein. Plötzlich erblickten die kleinen Gestalten Marie und umringten sie.

»Wer bist du?« riefen sie. »Bist du ein Zwerg?« – »Nein, nein, das ist ein Menschlein, ein ganz kleines Menschlein!« riefen andere.

Dann kam ein wunderschönes Fräulein, das war gewiß die Königin, denn sie trug einen feinen Goldreif im Haar, und die anderen machten ihr alle ehrerbietig Platz.

»Wie kamst du hierher, kleines Menschenkind?« fragte sie. Marie erzählte ihre Geschichte.

»Willst du mit uns kommen?« sprach das Fräulein; »wir reisen nach den warmen Ländern.«

»Ach ja«, sagte Marie, »denn wenn erst Schnee fällt, dann frieren mir hier die Beine ab, und ich habe auch nichts zu essen.«

Die ganze Nacht tanzten die Elfen auf der Insel im Mondschein, und Marie sah ihnen zu. Am Morgen aber setzten sie sich auf ihre Spinnenfäden, nahmen Marie zwischen sich und flogen mit ihr im Morgenwind davon. Der grüne Frosch hatte alles mit offenem Maule angesehen. Ganz verwundert schwamm er anfangs hinterher. Dann ließ er sich mit gestreckten Beinen treiben und glotzte den Sommerfäden so lange nach, wie er sie sehen konnte. Sie verschwanden bald in der blauen Luft, und nachdenklich schwamm er wieder auf sein Blatt zurück. »Koarx, koarx! Dummheiten! Dummheiten!« sagte er und verachtete die Elfen unbeschreiblich.

Den ganzen Tag flogen diese im Sonnenschein über die Wipfel der Bäume dahin. »Wir fahren zum See«, sagten die Elfen, »dort im Schilfe übernachten die Schwalben, die nehmen uns mit in die warmen Länder.«

Gegen Abend glänzte das Wasser durch die Baumwipfel. Viele tausend Sommerfäden, mit Elfen dicht besetzt, kamen geflogen. Diese sammelten sich alle in einer mächtigen Eiche, die am Seeufer zwischen den mit Moos bewachsenen Steinen stand; die Sommerfäden ließen sie weiterfliegen in die weite Welt. Als die Sonne unterging, kamen die Schwalben angesaust wie eine schwarze Wolke und warfen sich zwitschernd und lärmend in das hohe Uferschilf. Viele Elfen flogen zu ihnen hinunter und flatterten mit ihnen im Schilf herum oder verkrochen sich in ihre warmen Federn, denn es war kühl in der Nacht und windig. Marie aber blieb bei den anderen im Baume. Die Elfen hatten sie in ein kleines Astloch gebracht, da schlief sie in einem verlassenen Vogelnest, denn sie war müde. In der Nacht aber erhob sich ein gewaltiger Sturm und Regen, und die frierenden Elfen flüchteten sich ins Schilf zu den Schwalben, und niemand dachte an die kleine Marie. Am Morgen aber in aller Frühe flogen sie alle davon über das Meer in die warmen Länder.

Die kleine Marie erwachte von dem Gekrächze eines Raben, der über ihr im Baume sein hungriges Morgenlied sang, und rieb sich verwundert die Augen. Sie kletterte mühsam aus dem engen Astloch in die Höhe und schaute sich um. Da saß sie hoch in der alten Eiche, und ringsum war alles einsam und still, nur der alte Rabe auf dem Aste krächzte beweglich und melancholisch, denn er hatte noch kein Frühstück gegessen und ihn hungerte sehr. Plötzlich erblickte er die kleine Marie und verstummte. Er neigte den Kopf auf die Seite und betrachtete sie nachdenklich mit dem rechten Auge, dann neigte er ihn auf die andere Seite und beschaute sie lüstern mit dem linken Auge, denn es schien ihm, das kleine Geschöpf müsse einen vortrefflichen Morgenimbiß abgeben. Plötzlich schwang er sich von seinem Ast und fuhr mit aufgesperrtem Schnabel auf die kleine Marie los, die vor Schreck in das Astloch zurückpurzelte. Es war nur gut, das es so eng war, sonst hätte der alte Rabe sie gewiß mit seinem Schnabel herausgeholt. Nun aber flog er ärgerlich und hungrig fort über den See, und lang noch hörte die zitternde Marie sein heiseres, dumpfes Krächzen.

Als sie sich von ihrem Schrecken wieder erholt hatte, sah sie von der anderen Seite einen Lichtschein in das Astloch fallen. Die alte Eiche war hohl, und als Marie vorsichtig weiterkletterte, sah sie bald tief in die dunkle Höhlung hinab und über sich den Himmel durch das Loch hereinglänzen. Da saß sie traurig den ganzen Tag, denn sie traute sich nicht wieder hervor aus Angst vor dem Raben. Eine Heidelbeere hatte sie noch in der Tasche, die aß sie, und gegen Abend schlief sie ein. Als es dunkel ward, wachte sie wieder auf und fürchtete sich sehr, denn das feuchte Holz leuchtete im Dunkeln, und über ihr in der Höhlung saß eine große Eule, die schrie: »Schuhu, schuhu!« Bald aber flog sie leise weg und ging auf die Mäusejagd. Es war schon ganz dunkel geworden, da hörte die kleine Marie unten in der Eiche feine Stimmen sprechen, und an den Wänden flackerte ein Lichtschein. Sie schaute über den Rand hinab, da sah sie unten in der hohlen Eiche kleine Männlein, mit grauen und braunen Kleidern angetan, umherlaufen und sich mit Säcken herumschleppen. Einige standen dabei und leuchteten mit Fackeln.

»Ach, das sind gewiß die kleinen Zwerge«, dachte sie, »die sind gut, die werden mir helfen.« Sie rief hinunter: »Zwerglein, Zwerglein, helft mir doch, ich sitze hier oben im Astloch!«

Ganz verwundert hoben die kleinen Männlein ihre Gesichter und schauten hinauf. Einer von ihnen aber sprach: »Wer bist du?«

»Ich bin die kleine Marie. Die Elfen wollten mich mit in die warmen Länder nehmen und haben mich hier sitzen lassen.«

»Ja«, sagte der Zwerg, »das sind Windbeutel, auf die kann man sich nicht verlassen; nun warte nur, wir kommen gleich.« Bald brachten die Zwerge kleine Leitern getragen, mit scharfen Haken daran, die schlugen sie, eine immer über die andere, in den Baum und kletterten immer höher damit, bis sie endlich die kleine Marie erreichten. Der stärkste nahm sie auf den Arm und stieg vorsichtig mit ihr hinunter. »Du bist kein Zwerg«, sagte er unten zu ihr, »du bist ein Menschenkind, das fühle ich an deinem warmen Leben. Wie bist du so klein geworden?« Marie mußte ihre Geschichte erzählen, und die Zwerge saßen mit aufgestützten Gesichtern auf ihren Säcken und hörten zu. »Arme kleine Marie«, sagte der eine, der sie getragen hatte, »wir wollen dich hier behalten in unserer warmen Höhle, daß du nicht frierst im Winter.«

Unter einer knorrigen Baumwurzel hielt ein Wagen, mit sechs Mäusen bespannt. Die Zwerge luden ihre Säcke auf, setzten die kleine Marie oben darauf und gingen dann neben dem Wagen her, der in eine schmale und niedrige Felsenhöhle einfuhr, die sich tief ins Gestein hineinzog. Da blitzte im Fackelschein allerlei buntes Edelgestein in den Felsen, schimmernde Goldadern zogen sich durch die Steine, und von den Wänden rann das Wasser in klaren Tropfen. Zuletzt kamen sie in eine warme trockene Höhle, die war hell erleuchtet. Die Zwerge luden die Säcke ab und schütteten Nüsse und Bucheckern, die darin waren, in Vertiefungen, die in der Wand angebracht waren; dabei waren sie sehr geschäftig. In einiger Höhe über dem, Fußboden, so daß man mit einem Leiterchen hinaufsteigen mußte, waren kleine Nischen in den Felsen eingehauen, mit einer warmen Streu aus Moos und Blumenwolle angefüllt und einer Bettdecke aus Mäusefell darüber; darin schliefen die Zwerge des Nachts. Die kleine Marie mußte sich auf ein Stühlchen setzen und sah den Zwergen zu, wie sie Nüsse auspackten. »Die wollt ihr wohl alle zu Weihnachten aufheben?« fragte sie.

»Nein«, sagten sie, »die essen wir im Winter, wenn alles verschneit ist, und wir nicht auf die Jagd gehen und keine Fische fangen können.«

Bei den Zwergen blieb Marie lange Zeit, Winter und Sommer. Sie lebte ganz vergnügt und lustig dort, spielte mit Gold und Edelsteinen und half den Zwergen bei ihrer Arbeit. Sie kletterte auch mit ihnen in den Felsen herum und fuhr mit ihnen in einem kleinen Schifflein auf dem See spazieren, wenn es ruhiges Wetter war. Im Winter fuhren sie in Schlitten mit Mäusen bespannt, oder die Zwerge liefen Schlittschuh in der Seebucht und schoben sie in einem kleinen Schlitten, der aus einer halben Walnuß gemacht war, über das Eis dahin.

Eines Tages im Frühling, es war gerade an Maries sechzehntem Geburtstag, führten die Zwerge sie, an einen Platz am Seeufer, wo große Felsblöcke im hohen Grase lagen. Dazwischen blühten kleine rote Blumen von seltsam betäubendem Duft. Der Oberzwerg riß eine von den Blumen aus und reichte Marie deren Wurzel. »Da iß!« sagte er.

Marie steckte die Wurzel in den Mund und sprach: »Wie süß schmeckt die!« Dann aber wurde ihr auf einmal schwindelig, die Sinne vergingen ihr, und sie sank zu Boden. Als sie wieder zu sich kam, lag sie groß und erwachsen im Grase, und auf einem Fichtenzweige, der über sie hinragte, säßen die kleinen Zwerge beieinander. und betrachteten sie.

»Ach, ihr kleinen Zwerge«, sagte sie, »was soll ich nun machen? Nun kann ich nimmer in eure Höhle hinein und nicht mehr in meinem kleinen Bettlein schlafen.«

Der Oberzwerg aber antwortete: »Es ist zu deinem Besten, Marie, warte nur geduldig; nun wirst du uns bald verlassen, und du wirst es gern tun.«

Die Zwerge zeigten ihr eine Höhle, darin wohnte sie. Marie war wunderschön geworden. Sie schritt leicht einher wie ein Reh, und ihre langen goldenen Haare fielen bis über den Gürtel hinab. Die Zwerge schenkten ihr ein weißes Kleid, darin sah sie aus wie eine Fee. Nahe bei der Höhle weidete ein weißer Hirsch, der kam gelaufen, wenn sie ihn lockte, und ließ sie auf seinem Rücken reiten. Die Zwerge besuchten sie alle Tage und plauderten mit ihr, so daß ihr nie die Zeit lang ward.

Eines Tages hörte sie Hörnerklang im Walde. Das war der junge Graf, der mit seinem Gefolge auf der Jagd war. Die Klänge kamen näher und näher, und plötzlich kam der weiße Hirsch durch die Büsche gebrochen und kniete vor Marie nieder, daß sie aufsteigen sollte. Marie schwang sich auf seinen Rücken, und fort stürmte er über Fels und Busch. Aber der junge Graf hatte ihn schon erschaut, stieß in sein Horn und schwang seinen Spieß und jagte auf seinem schwarzen Renner hinterher. Mit Windeseile flog der Hirsch mit Marie dahin, allein näher und näher kam der Graf. Mit Staunen erblickte er die weiße schlanke Gestalt mit den fliegenden goldenen Haaren. Er warf seinen Spieß beiseite und gab dem Rappen die Sporen – die mußte er lebendig fangen. Der Hirsch wurde matter und matter, nun schnaufte schon das Roß dicht neben ihm, und jetzt schlang der Graf den Arm um Marie und zog sie zu sich hinüber aufs Pferd. Erleichtert stürmte der Hirsch von dannen. Der Graf aber nahm Marie vor sich und ritt mit ihr auf sein Schloß, und da er sah, wie schön und anmutig sie war, machte er sie zu seiner Gemahlin.

Als die Hochzeit gefeiert wurde, war ein Musizieren und Jubilieren, und es ward geschmaust und getrunken nach Herzenslust. Vor dem Brautpaar auf dem Tische hatten die kleinen Zwerge ihr Tischlein stehen und schmausten mit und tranken aus ihren Becherlein und riefen: »Hurra!«, so laut sie konnten.

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