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Das wunderbare Schreibzeug

Heinrich Seidel: Das wunderbare Schreibzeug - Kapitel 15
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authorHeinrich Seidel
titleDas wunderbare Schreibzeug
publisherHera-Verlag
printrun2. Auflage
year1950
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Die drei Brüder

In einem Dorfe wohnte eine Witwe mit drei Söhnen. Sie besaß ein Häuschen, ein kleines Ackerfeld und ein Stücklein Wiese, allein der Ertrag aus diesem Gute war so gering, daß er kaum genügte, sie und ihre drei Söhne zu ernähren. In guten Jahren ging es noch an, allein als einmal Dürre und Mißwachs im Lande herrschten, da ward Schmalhans Küchenmeister, und die arme Witwe wußte nicht, wie sie durchkommen sollte, denn das Häuflein Kartoffeln und der wenige Mehlbrei, den sie auf den Tisch bringen konnte, genügten kaum, den notdürftigen Hunger zu stillen. Dies war besonders Kilian, dem ältesten der Söhne, sehr wehmütig, denn er aß gerne etwas Gutes, und zwar recht viel davon, wenn es sein konnte. Wenn Teller und Schüssel so recht blank abgeputzt waren, ging er trübselig vor die Haustür, setzte sich auf die Bank und träumte von Speckklößen und Eierkuchen und von Schweineknöchlein mit Sauerkraut.

Früher da hatte es an den Sonntagen zu einem Schöpplein Weines gereicht, aber nun gab es auch nicht einen Tropfen mehr. Dies griff Fabian, dem zweiten der Brüder, sehr ans Herz, denn es erschien ihm nichts anmutiger, als ein Glas Wein im Kreise guter Gesellen zu trinken. Jetzt aber blieb seine Zunge dürr, so sehr sie auch nach einem guten Trunke lechzte, und am Sonntagabend strich er schmachtenden Gemütes um die Schenke herum und schaute sehnsüchtig durch das Fenster hinein, allwo die reichen Bauern mit roten, glänzenden Gesichtern saßen und ein Schöpplein über das andere leerten.

Am besten ertrug Florian, der jüngste, dies ärmliche Schicksal, denn er war zufriedenen Gemütes, heiter und von freundlichen Sitten. Die schmale Kost gedieh ihm also, daß er mit roten Wangen und klaren Augen einherging. Er hatte eine liebliche Stimme, und es gefiel ihm zu den Zeiten, da er von der Arbeit frei war, in den Wald zu gehen und mit den Singvögeln um die Wette zu singen, daß es gar anmutig von den grünen Wipfeln widerhallte. Die Not aber ward immer größer, und eines Tages, da die Mutter ihre Vorräte nachgezählt und gefunden hatte, daß nur noch für wenige Wochen zu leben da war, überwältigte sie das Bewußtsein ihrer traurigen Lage also, daß sie in bittere Tränen ausbrach. Den drei Söhnen ging das sehr zu Herzen, und Kilian, der älteste, stand auf und sprach: »Backt mir einen Stollen, Frau Mutter, auf daß ich eine gute Reisezehrung habe, so will ich hinausziehen in die Welt und mein Glück probieren. Ihr habt dann einen Esser weniger, und ich will sehen, ob ich nicht unsere Not zu lindern vermag.«

Es war noch ein Restchen Butter, einige Eier und ein wenig Honig vorhanden; die Mutter tat einen tiefen Griff in den fast geleerten Mehlkasten und buk einen köstlichen Stollen, der das ganze Haus lieblich durchduftete. Diesen steckte Kilian schmunzelnd in seinen Quersack, umarmte seine Mutter und seine Brüder und zog wohlgemut in die Welt hinaus.

Noch nicht weit war er gewandert, als sich der Hunger gewaltig regte und der liebliche Duft, der aus dem Quersack aufstieg, ihm keine Ruhe mehr ließ. Er lagerte sich unter einem Baume an der Landstraße, und da er lange nichts so Gutes mehr gegessen hatte, da geschah es, daß nach einer Weile der ganze große Stollen bis auf das letzte Krümlein verzehrt war. So schön satt wie nach langer Zeit nicht, legte sich Kilian ins Gras und schlief ein wenig. Als er wieder aufwachte, war es bereits Nachmittag. In der Ferne hinter sich sah er noch den Kirchturm seines Dorfes mit blankem Knopf aus dem Grün der Obstbäume hervorblitzen, und vor ihm lag die fremde, unbekannte Welt. Nun wäre er gern wieder umgekehrt, allein dazu schämte er sich doch zu sehr. Er stand seufzend auf, nahm den Weg zwischen die Beine und marschierte vorwärts. Gegen Abend gelangte er an eine weite, flache Heide, wo unzählige Lerchen im letzten Sonnenschimmer ihre Lieder sangen. In der Ferne hob es sich aus dem glühenden Abendrot dunkel hervor wie mächtige Baumwipfel und die ragenden Türme eines Schlosses. Er marschierte gerade darauf los, bis es ganz finster ward; dann legte er sich in das Heidekraut und schlief ein.

Am anderen Morgen sah er, daß wirklich am Ende der Heide zwischen Bäumen ein Schloß gelegen war; die Morgensonne blitzte in den Fenstern, und aus dem Schornstein ging kerzengerade in die klare Morgenluft ein schmaler Rauchfaden empor. Dies war ihm ein tröstlicher und verheißungsvoller Anblick, denn wo es Rauch gibt, da wird auch gekocht, und ihm dünkte schon, ein tüchtiges Frühstück sei gerade das, was er brauchen könne. Allein bis zum Mittag mußte er noch durch Sonnenbrand und heißen Sand einherstapfen, bis er dorthin gelangte, und da kann man sich denken, welchen Hunger der brave Kilian bekam.

In der Nähe des Schlosses ging die unfruchtbare Heide allmählich in einen herrlichen Garten über, mit rieselnden Quellen und schattigen Bäumen, und so köstliche Blumen, wie dort blühten, hatte Kilian noch nirgendwo gesehen. Aber mehr als dieses gefiel ihm, daß überall auf den Rasenplätzen die prächtigsten Obstbäume verstreut standen, gebeugt von der Last ihrer verlockenden Früchte. Die Aprikosen waren gerade reif und hingen wie goldene Trauben an den Zweigen; die allerreifsten waren bereits abgefallen und lagen also verlockend im weichen Grase, daß sich Kilian nicht enthalten konnte, im Vorübergehen einige aufzuraffen und zu verzehren.

Zu dem Haupteingang des Schlosses führte eine mächtige Freitreppe aus Marmor; allein dort wagte er nicht emporzusteigen, sondern er wandte sich zur Rechten und fand eine zweite Tür. Dort trat er ein und geriet in einen Gang, an dem die Küche gelegen war. Oh, welche herrlichen Gerüche drangen dort hervor. Da loderten mächtige Feuer, an denen sich zartes Geflügel an Spießen drehte; dort in dem bläulichen Dunste, der den hohen Raum erfüllte, hantierten Köche und Köchinnen in schneeweißen Gewändern, und unter ihren Händen gingen die herrlichsten Kunstwerke der Kochkunst hervor. Fürwahr, dies dünkte ihn ein Paradies zu sein. Plötzlich trat ein reichgekleideter Diener aus der Küche hervor, sorgfältig eine dampfende Suppenschüssel vor sich her tragend. Diesem zu folgen, trieb es Kilian mit magnetischer Gewalt, und indem er ihm nachging, gelangte er in einen überaus prächtigen Saal, wo sich ein gedeckter Tisch befand, auf dem die kostbarsten Geräte von Gold und Silber zu sehen waren. An diesem Tische saß ein Mädchen, schön wie die Sonne, so daß Kilian vor Verwunderung fast erstarrte. Jedoch die Jungfrau forderte ihn mit lieblichen Worten auf, sich zu ihr an den Tisch zu setzen und an der Mahlzeit teilzunehmen. Dies ließ sich der hungrige Kilian nicht zweimal sagen, und da nun ein köstliches Gericht dem anderen folgte, so vergaß er bald alle Scheu und fing an, ganz mörderisch einzuhauen und recht nach Herzenslust zu schlecken und zu schlampampen. Nachdem er sich nun so rund gegessen hatte wie eine Trommel und fast mit Seufzen gewahr ward, daß er nichts mehr vermochte, da lehnte er sich behaglich in den Stuhl zurück, faltete die Hände über den Magen und fühlte sich so recht innerlich glücklich und zufrieden. Die schöne Prinzessin aber, die ihm gegenübersaß, fragte ihn, indem sie holdselig dazu lächelte: »Nun saget mir, mein werter Gast, was Euch bei mir in Schloß und Garten von allem, was Ihr sähet, am besten gefallen hat!«

Diese Frage dünkte den guten Kilian gar leicht zu beantworten, und er hatte nicht nötig, sich lange zu besinnen. Alsobald antwortete er: »Von allem Köstlichen und Wunderbaren, das ich hier in Schloß und Garten angetroffen habe, holdseligste Jungfrau, scheint mir des höchsten Preises wert die vortreffliche Küche, aus der so unvergleichliche Meisterwerke hervorgegangen sind.« Die schöne Prinzessin ward dunkelrot vor Zorn und rief: »Ei, du Tölpel, du Fresser, weißt du nichts Besseres zu sagen? Marsch fort mit dir ins Hundeloch!«

Damit klatschte sie in die Hände; zwei handfeste Bediente sprangen vor, ergriffen den erschrockenen Kilian und brachten ihn in ein gewölbtes und vergittertes Zimmer mit eisernen Türen. Eine Schütte Stroh diente ihm zum Nachtlager, und Wasser und Brot war seine Nahrung. Das allerschlimmste aber bestand darin, daß eine sicher mit Eisenstangen verwahrte Öffnung von diesem Raum in die Küche führte, also daß ihm der liebliche Duft und der Anblick der köstlichen Speisen vergönnt war, während er mit Ingrimm in seine trockenen Rinden hineinbiß.

*

Da nun der älteste Bruder nicht zurückkehrte und sich die Not immer vermehrte, sprach eines Tages Fabian: »Gebt mir das Krüglein Weines mit, Frau Mutter, das Ihr noch einsam im Keller heget, so will ich mich auf die Wanderschaft begeben und sehen, daß ich finde, womit unsere Not zu lindern sei.«

Solches geschah, und alsbald an einem schönen Herbstmorgen wanderte er fort in die Welt hinaus. Er gelangte an denselbigen Baum, wo sein Bruder Rast gemacht hatte, und da ihm an diesem Morgen eine ganz ungewöhnlich durstige Luft zu wehen schien, so lagerte er sich dort, um ein wenig seinem Kruge zuzusprechen. Der Wein ging ihm aber also lieblich ein, daß er nach einer kurzen Weile einen leeren Krug und einen vollen Kopf hatte. Nachdem er sein Räuschlein ausgeschlafen, wanderte er desselben Weges weiter wie sein Bruder und gelangte in gleicher Weise am anderen Mittag in den schönen Garten und zu dem prächtigen Schlosse. Auch er wagte es nicht, die breite Marmortreppe emporzusteigen, sondern wandte sich zur Linken und geriet an eine Tür, wo gerade von einem Wagen mächtige Weinfässer abgeladen wurden, denn hier war der Eingang zum Keller. Er blickte mit Wohlgefallen in den mächtigen Raum hinein auf die stattlichen Reihen der gefüllten Fässer und sog behaglich den Weindunst ein, der dort hervorstieg. Ihn dünkte dies ein gar lieblicher Ort zu sein und der Kellermeister, der dort mit wichtiger Miene Wein abzog, wohl zu beneiden. Plötzlich kam ein Diener die Stufen herauf. Er trug in jeder Hand einen geschliffenen Kristallkrug, davon der eine mit rotem, der andere mit goldenem Weine gefüllt war, und schritt damit den Gang hinab. Diesem Diener folgte Fabian ohne weiteres und gelangte in denselben Saal, wo sein Bruder gewesen war. Das schöne Mädchen forderte ihn auf, mit ihr zu speisen, und er ließ sich dies nicht zweimal sagen. Jedoch vor allem sprach er mit Behagen dem köstlichen Weine zu, und ehe er noch entschieden hatte, welcher herrlicher sei, der eine, der golden wie edler Topas in seinem Glase schimmerte und so wunderbar duftete, oder der andere, der funkelte gleich dem Rubin und so sänftlich und milde über seine Zunge floß, hatte er beide Kristallkrüge geleert und sich ein ziemliches Räuschlein erworben. Dieweil er sich nun mit schon etwas schwimmenden Augen nach mehr umsah, fragte ihn die Prinzessin, indem sie holdselig dazu lächelte: »Nun saget mir, mein werter Gast, was Euch bei mir in Schloß und Garten von allem, so Ihr sähet, am besten gefallen hat!«

Diese Frage erschien dem angeheiterten Fabian gar leicht zu beantworten, und mit etwas schwerer Zunge stammelte er: »Der Wei...... Weinkeller, teuerste Prinzessin, natürlich der Weinkeller!«

Die Schöne ward aber sehr zornig und sprach: »Ei, du Tölpel, du Saufaus, weißt du nichts Besseres zu sagen? Marsch mit dir ins Hundeloch!«

Die Diener sprangen zu, und der bestürzte Fabian ward nun bei Wasser und Brot in ein festes Kämmerlein neben dem Keller gesperrt, wo er durch ein Gitterfenster den verlockenden Anblick von vielen hundert mit dem edelsten Weine gefüllten Fässern genoß, indes er trübselig seinen Durst mit schnödem Wasser löschte.

*

Nach einer Weile, da die beiden älteren Brüder nicht zurückkehrten, beschloß Florian, ebenfalls sein Glück zu probieren: »Gebt mir Euren Segen, Frau Mutter«, sprach er, »ich will fortziehen und meine Brüder aufsuchen und sehen, ob mir das Schicksal günstig ist.«

Die Mutter wollte ihn nicht fortlassen, weil schon der Winter begann und die Tage rauh wurden, allein er ließ sich nicht länger halten und machte sich auf die Wanderschaft. Da er desselbigen Weges zog wie seine Brüder, gelangte er am Mittag des nächsten Tages ebenfalls zu dem bekannten Schlosse. Er stieg geradewegs die Marmortreppe empor, durchschritt einen einsamen Vorsaal und gelangte in das Zimmer, wo die schöne Prinzessin an dem gedeckten Tische aß. Aber von all der Pracht und Herrlichkeit ringsum sah er nichts weiter, denn fast geblendet ward sein Auge von der Schönheit dieses Mädchens. Wie es dasaß in einem Kleide von himmelblauem Sammet, über das das lange Goldhaar wie Sonnenstrahlen hinabfloß, und wie ihn aus dem sanften Antlitz von der Farbe einer aufglühenden Rose zwei dunkelblaue Augen holdselig anblickten, das schien ihm das Herrlichste zu sein, das diese Welt hervorzubringen vermöge. Die liebliche Schönheit einer Blume und der strahlende Glanz der Sonne fanden sich in diesem schönen Geschöpfe vereinigt. Mit Zittern fast setzte er sich an den Tisch, und so befangen war sein Gemüt, daß er vergaß, von den köstlichen Speisen zu genießen und dem edlen Weine zuzusprechen. Wenn das schöne Mädchen ihn aufforderte: »Nun, so esset doch, so trinket doch, es ist Euch wohl gegönnt«, so nahm er wohl in eiligem Gehorsam ein Häppchen oder ein Schlückchen, allein bald vergaß er wieder alles, und es dünkte ihn fast unwürdig, in Gegenwart eines solchen engelschönen Wesens an so geringe Sachen wie Essen und Trinken auch nur zu denken.

Als nun die Mahlzeit beendigt war, stand die Jungfrau auf und fragte, indem sie holdselig dazu lächelte: »Nun saget mir, mein werter Gast, was Euch bei mir in Schloß und Garten von allem, so Ihr sähet, am besten gefallen hat?«

Florian ward dunkelrot und neigte ein wenig sein Haupt. Sodann aber ermannte er sich und sprach: »Wollt es nicht übel vermerken, schönste Prinzessin, wenn ich meines Herzens Meinung freimütig bekenne. Wohl ist dieser Garten von großer Schönheit und dieses Schlosses Pracht und Reichtum von seltener Art, allein was bedeutet dies alles gegen den Glanz Eurer Schönheit, der alles überstrahlt, so daß ich nichts anderes außer Euch zu beachten vermag!«

Da erglühte das Antlitz der Jungfrau in sanftem Schimmer, und ein Lächeln gleich mildem Sonnenschein ging von ihr aus, als sie sprach: »O du freundlicher Geselle, wie lieblich weißt du deine Worte zu setzen. Solchen Mund muß man küssen, der so goldene Worte spricht.«

Damit schritt sie auf ihn zu, umfing ihn sänftlich mit den Armen und küßte ihn auf den Mund. Sie gewannen sich nun gleich so lieb, daß sie gar nicht mehr voneinander lassen konnten, und schon nach drei Tagen ward die Hochzeit mit großem Gepränge gefeiert. Die alte Mutter war auch dabei und die beiden älteren Brüder, die auf Florians Bitten aus ihren trübseligen Gefängnissen befreit waren. Diesen beiden erging es besser, als sie wohl verdient hatten, denn der eine ward zum Küchen-, der andere zum Kellermeister ernannt. Dies gefiel ihnen gar wohl, und es dauerte nicht lange, so hatte sich Kilian ein Wänstlein angemästet, daß er so rund war wie eine Kugel, während Fabian seine ernsthaften Studien über die Vorzüge der verschiedenen Jahrgänge durch ein Antlitz bezeugte so rot wie eine aufgehende Sonne an einem Nebeltag. Florian aber und seine schöne Gattin lebten herrlich und in Freuden bis an ihr seliges Ende.

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