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Das Wunder von Oberpurzelsheim

Georg Hirschfeld: Das Wunder von Oberpurzelsheim - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Wunder von Oberpurzelsheim / Das Recht auf den Tod
authorGeorg Hirschfeld
year1913
firstpub1913
publisherXenien-Verlag
addressLeipzig
titleDas Wunder von Oberpurzelsheim
pages18
created20151102
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Georg Hirschfeld

Das Wunder von Oberpurzelsheim

 


 

Im Xenien-Verlag zu Leipzig
[1913]

 


 

In Oberpurzelsheim, das zwischen Schmusingen und Schmökeritz an der Läpper liegt, soll sich zu Urgroßvaters Zeiten das Merkwürdigste ereignet haben, woran sich die ältesten Leute erinnern konnten. Das will etwas bedeuten; denn erstens ist Oberpurzelsheim besonders reich an diesen ältesten Leuten, und zweitens pflegen in jenem Städtchen die merkwürdigen Ereignisse nicht auszugehen. Es hat nämlich eine seltsame Bewandtnis mit Oberpurzelsheim. Das Leben in diesem Ort unterscheidet sich eigentlich gar nicht von dem in andern Nestern, wenn dieser Ausdruck auf ein so ehrwürdiges Gemeinwesen angewendet werden darf. Die Bewohner sind durch Schafzucht zu Ansehen und Vermögen gelangt, ihre gemäßigten politischen Anschauungen, ihre Frömmigkeit und ihr Gleichmut ließen sie niemals von dem abweichen, was ein reales, durch Zeiten und Moden sickerndes Kleinstadtleben heißt. Sie nähren und mehren sich redlich. Dennoch – soll man es einen leuchtenden Vorzug oder ein trauriges Verhängnis nennen? – es liegt eine Art Hexerei über Oberpurzelsheim. Wer sie anstiftet – die wunderliche, 6 groteske Bauart, welche überall spitzige Schatten wirft und geheimnisvolle Winkel bildet, oder eine besondere Schicht der Atmosphäre vielleicht, die nur über Oberpurzelsheim liegt und strahlenbrechend andere Beleuchtungen, andere Farben schafft – es ist nicht zu erklären. Der Himmel muß wohl die Hand im Spiel haben, denn einen Einfluß der Hölle würden sich die Oberpurzelsheimer verbitten. Jedenfalls verhält es sich dort so, daß die an sich schon buntfarbigen Gassen an heiteren Tagen ein Aussehen bekommen, als ob ein himmlischer Malergeselle sie angestrichen hätte, um gelangweilten Engeln ein hübsches Spielzeug zu verschaffen. Karminrote Dächer ragen über schwefelgelben Hausfronten empor, knallblaue Fensterläden werden vom Farbengeschrei der Blumenbretter nicht erstickt. Daneben können sich giftgrüne Zäune behaupten, und die Kirchturmzwiebel hat kein neutrales, wetterhartes Schwarz, sondern ein fröhliches Lila. Nicht jedermann, der nach Oberpurzelsheim kommt, kann farbenblind sein oder der gleichen Sinnestäuschung verfallen. Das kuglige Pflaster erscheint ihm nicht grau, sondern als Mosaik von schimmernden Halbedelsteinen, natürlich nur, wenn die Sonne es 7 bescheint, aber die Sonne scheint meistens in Oberpurzelsheim. So unverschämt golden und aus so blauem Himmel scheint sie, daß auch da oben das entsetzte Auge keine Ruhe findet. Und schaut es sich näher um in dem Städtchen, so muß ihm die Wirklichkeit doch völlig märchenhaft vorkommen. Tragen die Kinder nicht rote Mützchen, gelbe Jäckchen und blaue Höschen? Hat der Herr Lehrer nicht einen veritablen Löwenkopf, und schaut der Herr Pfarrer nicht einer kampfbereiten Bulldogge gleich? Jene verkleidete Ente dort ist die Frau Bürgermeister, und an ihrem Arme watschelt ihr Neffe, ein winziger Zwerg. An der Kirchentür lehnt der Meßner, der ein Riese ist; denn sein Kopf reicht bis in den gotischen Spitzbogen hinauf. Er ist wirklich ein Riese, doch niemand achtet in Oberpurzelsheim darauf.

Sicherlich erwacht der steinerne Ritter, der auf dem zierlichen Marktbrunnen steht, in einer Vollmondnacht und schäkert mit schwärmenden Mägdlein. Daß die Tiere in Oberpurzelsheim zuweilen ihre Stummheit verlieren, sich vernünftig und menschlich unterhalten, Madame Katze, Monsieur Hund, daß es ferner in der Küche des »goldenen Hasen« nicht geheuer ist, da man schon nächtlichen Spektakel dort 8 vernahm, und morgens zwei zerbeulte Kupferkessel am Boden fand, die sich mit Quirlen duelliert hatten – all das unterliegt keinem Zweifel. Schafzucht treiben die Bürger, durch Jahrhunderte gleicht ein Tag dem andern – aber es muß noch ein zweites, unbekanntes, dämonisches Leben dahinterstecken, das niemand diesen Schnupfnasen zutraut. Sie lügen viel, zuweilen wird auch eine schauerliche Bluttat in einer abgelegenen Gasse entdeckt. Beträchtliche Gauner stammen aus Oberpurzelsheim. Seiner fürchterlich gesunden Trägheit sind auch zwei Genies entstiegen – ein Philosoph, der in Irrsinn verfiel, und ein verkrüppelter Maler. Das ist verdächtig.

Zu den Genies seiner Vaterstadt zählte Herr Leopold Röhricht, Besitzer der Marktapotheke, durchaus nicht, aber er war doch im höchsten Grade mit seiner Person zufrieden. Sein außerordentlich gleichmäßiger Beruf, der immer dieselben Pillen drehte, dieselben Pulver mischte und dieselben Salben rieb – besondere Krankheiten leistete man sich in Oberpurzelsheim nicht – ließ Herrn Röhricht leider viel zum Nachdenken kommen. Der Denkapparat dieses Apothekers war sein Stolz und das Verhängnis seiner Mitbürger. Er begabte ihn nämlich, da er 9 außerdem noch über eiserne Stimmbänder verfügte, zu einer Dialektik, die weniger beredte Leute einfach umwarf. Herr Röhricht siegte, wo er sprach. Dabei konnte man sein anhaltendes Sprechen nicht einmal Geschwätzigkeit nennen. Dies war eigentlich das Schlimmste daran. Einem Schwätzer brauchte man nicht zuzuhören, und sein Redefluß wäre nur ein leeres Geräusch gewesen. Der Apotheker aber wußte jedem Satz einen unleugbaren Gehalt zu geben. Neulinge, die noch nicht in seiner Schlinge waren, fing er auf die geschickteste Weise ein, indem sein psychologischer Scharfsinn erst flüchtig ein Thema hinwarf, das den Ahnungslosen persönlich interessieren mußte. Sobald nun dieser anbiß und danach verlangte, seine eigenen Ansichten über den merkwürdigen Gegenstand auszusprechen, überholte Herr Röhricht ihn schon siegreich, öffnete eine seiner Gehirnschleusen und redete den Unglücklichen, der immer erregter mitdenken wollte, einfach nieder. Jeder Besuch in der Marktapotheke, mochte das Medikament nun fertig sein oder erst gemacht werden, dauerte mindestens eine Stunde, wenn Herr Röhricht selbst bediente. Ganz gewitzte Leute pflegten deshalb nur einen Spalt der Ladentür zu öffnen, den Kopf 10 hineinzustecken und blitzschnell wieder zurückzuziehen, wenn sie den Apotheker selbst bemerkten. Herr Hinterstoßer, der verträumte Provisor, der wohl durch die Gespräche mit seinem Chef schon einen seelischen Defekt erlitten hatte, bediente dagegen mit mechanischer Schnelligkeit. Stand man aber in der Apotheke, und Herr Röhricht war anwesend, so gab es kein Entrinnen mehr. Man mußte ja auf die Medizin warten und mitansehen, wie die gelenkigen, fleischigen Hände an der zierlichen Wage arbeiteten, während der breite, von einem dünnfusseligen Bart umgebene Mund unaufhörlich sprach. Dabei sprühten dann an der richtigen Stelle einige Funken auf, die den Hörer unbedingt interessieren oder zum Widerspruche reizen mußten. Auch verfehlte die künstliche Gefühlswärme, der Adel seiner Anschauungen niemals Herrn Röhrichts Wirkungen. Was sein Gegenüber empfand oder meinte, war ihm vollkommen gleichgültig. Mit brennendem Kopf, beschämt und zornig ob der Zeitversäumnis, die ihm nun erst zum Bewußtsein kam, wurde der Kunde entlassen, und Röhricht packte ihm in der Tür noch den Gipfel seiner Weltanschauung auf.

Es war schon vorgekommen, daß Patienten, die 11 vergebens auf ein rettendes Medikament gewartet hatten, gestorben waren, und man hätte annehmen können, daß ein Selbstschutzverband die Oberpurzelsheimer von Herrn Röhricht ferngehalten hätte. Aber es gab sonst keine Apotheke in dem Städtchen, die Familie hatte das Privilegium, und Leopold war einer der reichsten, mächtigsten Männer des Ortes. Er saß im Magistrat, wo er aus unergründlicher Diplomatie nur ganz wenig sprach, aber alles durchsetzte. Er war ein Klatschmaul und ein gefährlicher Gegner. Trotzdem wäre das Glück dieses Mannes nicht eine so starke und uneinnehmbare Festung gewesen, wenn er nicht seine Laura, seine Frau, gehabt hätte. Diese Laura war eine Gattin, wie Leopold Röhricht sie sich nicht idealer hätte vorstellen können. Zunächst schenkte sie ihm nach dem ersten Jahre schon einen Sohn und hatte damit nach ihres Mannes Anschauung ihrer ganzen Ehepflicht genügt; denn ein Sohn mußte da sein, der die Apotheke erben konnte. Ferner war sie ein hübsches, sanftes Wesen mit einem Madonnenkopf, und ihre dunklen Augen blickten mit ernster Güte ins Leben. Sie war auch geschäftstüchtig, kannte die Medikamente und rechnete genau. Was sie aber für Leopold 12 Röhricht geradezu unschätzbar machte, war ein schwerer Mangel, der ihr bei allen andern Menschen tiefstes Mitgefühl eintrug – Laura war stumm. Zum Glück nicht taub, nur stumm – die Leichtfertigkeit ihrer Stiefmutter hatte in der Kindheit das angeborene Hindernis nicht bekämpfen lassen, und ihre Vereinsamung steigerte das Gebrechen so, daß man nie mehr ein Wort von Laura vernahm. Der Apotheker aber nahm das hübsche, blasse Mädchen dennoch zur Frau, und niemand konnte ahnen, wie erleuchtet, wie absichtlich er dies tat. Nicht nur, weil sie Vermögen hatte, sondern sie konnte ihm auch zuhören, wie sonst niemand auf der Welt. Laura wurde im wahrsten Sinne sein Geschöpf. Mochte sich noch so viel eigene Überzeugung, energischer Widerstand in ihr regen – sie kam ja nie dazu, Röhricht zu unterbrechen, ein Wort von ihrer Überzeugung laut werden zu lassen. Ein sanftes Lächeln, ein chinesisches, ergebenes Nicken war ihr Teil – so verlangte es Leopold von seiner Frau. Im Anfang, bei der Brautwerbung war er auch ihr gegenüber der schlaue Menschenkenner gewesen. Er hatte die schlummernde Phantasie des stummen Mädchens geweckt, niemand hatte sich bisher um sie gekümmert – nun war der reiche, mächtige 13 Apotheker gekommen und achtete sie würdig, sie mit seinen Gedanken zu überschütten. Bis einen Monat vor der Hochzeit war es Laura ein Genuß gewesen, Röhricht zuzuhören. Dann merkte sie, worin er sie verstrickt hatte. Er hörte nicht auf zu sprechen, und ihre Nerven bebten, ihr armer Kopf blieb Tag für Tag in einer dumpfen Glut. Zuhören mußte sie, denn wenn sie einschlief, war Röhricht beleidigt, ja, er wurde brutal und zwang sie zur Aufmerksamkeit. Durch die blanken Brillengläser bohrten sich seine scharfen Augen in ihr Antlitz fest, und es blieb ihr nichts übrig, als das Reservoir zu sein für alles Kluge und Dumme, alles Feine und Niedrige, was über des Apothekers Zunge kam. Laura wurde wie ein Topf bis zum Rande mit seinen Meinungen angefüllt. Sie mußte mit seinen Augen sehen, mit seinem Gehirn denken – so wollte es Röhricht, und er genoß die Bildsamkeit seines Geschöpfes ekstatisch bis zu den Nachtstunden. Dann erst bekam Laura Ruhe. So lange aber mußte sie zu jeder Zeit, die er nicht an andere fortschwatzte, ihm zur Verfügung sein. Da die Arme nichts sagen konnte, machte sie auch immer den Eindruck, als ob sie nie genug von ihm vernahm. Sie wartete stets von neuem auf seine 14 Rede, und ihre Bescheidenheit wußte nicht, wie der »Geistreiche« ihr schönes Schweigen, ihre keusche Resignation genoß.

In den ersten Jahren jammerte Laura Röhricht noch leise in sich hinein, ob der unwürdigen, nie geahnten Sklaverei, der ihr Leben verfallen war. Der grausame Apotheker hielt sie absichtlich von allen andern Menschen fern, weil ihr Mitleid sie hätte aufhetzen können. Er zeigte sich mit ihr nur selten auf der Straße, in der Kirche. Sonntagspromenaden in den Stadtwald gab es lediglich an seinem Arm, und sie mußte das sanfte Lächeln des Glückes zeigen. Das Theater liebte Herr Röhricht nicht, nur in den wenigen Konzerten des Winters fand Laura Stunden seelischer Befreiung. Wie gern hätte sie zu Hause am Klavier gesungen – sie glaubte nämlich seltsamerweise trotz ihrer Stummheit, daß sie eine schöne Stimme besaß. Sie hörte sich immer selbst, und alle Lieder von Schubert hatte sie schon in sich vernommen. Aber Laura war in Oberpurzelsheim geboren. Phlegma war die Grundeigenschaft dieses Menschenschlages, und so gewann es auch in der armen Apothekersfrau die Herrschaft. Sie nahm sich nicht das Leben, sie hatte Appetit, 15 schlief gut und freute sich an ihrem gesunden Jungen. Da sie sich auch für die Medikamente interessierte, und ihre guten botanischen Kenntnisse dabei verwenden konnte, zimmerte sie sich noch ein dürftiges Eigenglück zurecht. Sie gewann eine Technik im Zuhören und ließ sich von der Redegewalt ihres Gatten nicht mehr in den Grund bohren. Mit falschen Antworten konnte er sie ja nicht fangen. Laura verstand als hübsche, junge Frau auch genügend Komödie zu spielen, um immer ein reizvolles Interesse zu heucheln. Insgeheim gewann sie aber auch endlich ein Gegengewicht gegen Röhricht. Sie pflegte ein schüchternes, aber starkes und im Innersten brennendes Rachegefühl gegen den Apotheker. Sie haßte ihn eigentlich, denn sie fühlte sich von ihm beleidigt und mißbraucht. Aber diese stolze Empfindung genügte ihr und gab ihr den letzten Widerstand. Sie setzte sie nicht in die Tat um. Allmählich gewöhnlicher werdend, genoß sie, was der Schwätzer ihr darbot: Wohlleben, bürgerliche Sicherheit und sinnliches Behagen. –

An einem heißen Sommertage ereignete sich der seltene Fall, daß Apotheker Röhricht Frau und Kind im Hause allein ließ und mit dem Kegelverein 16 »Saunagel«, dessen Vorsitzender er war, einen Ausflug nach dem Nachbardorfe Krummsimbach machte. Laura hatte sich schon lange auf diesen doppelt stillen Tag gefreut. Sie erfüllte die Bitte des kleinen Heinrich, mit ihr einen Spaziergang zu machen, nur für eine halbe Stunde und genoß dann bis zum Abend im bequemen Negligee die süße Trägheit des Heims. Es war auch unerträglich schwül draußen. Der Ausflug des Kegelvereins »Saunagel« mußte kein Vergnügen sein. Lächelnd vergegenwärtigte Laura sich, wie Röhricht in Hemdsärmeln, ganz naß und erschöpft über die staubige Landstraße wanderte. Es war eine Fußtour, welche die deutschen Männer unternahmen. Sicherlich aber würden einige von ihnen am Wege liegen bleiben, nicht vom Hitzschlage getroffen, sondern von einer Dauerrede des Apothekers, dem die Kegelbrüder heute stundenlang ausgeliefert waren. Lachen konnte Laura – ein leises, ängstlich kicherndes Lachen war es, das wie durch einen Schleier klang. Heute war sie Herrn Röhricht los. Sie tänzelte ganz vergnügt in der Stube umher. Der kleine Heinrich, der dergleichen an seiner Mutter noch nie gesehen hatte, sprang freudig auf sie zu und bat sie mit heller Stimme um ein Spiel. Die 17 Spiele, welche die arme Laura ihrem Kinde bieten konnte, waren nur kümmerlich; denn sie konnte ihm keine Märchen erzählen, und alles mußte dramatische Gebärde bleiben. Aber willig ging sie auf Heinrichs Bitte ein. Sie wußte eine so graziöse, lebendige und lustige Pantomime mit ihm aufzuführen, indem sie sich oftmals verkleidete und auf allen Vieren herumkroch, daß das stille Apothekershaus von fröhlichem Gelächter hallte, und die alte Magd erstaunt hereinkam, um nachzuschauen, was es gäbe. Schließlich, als es dämmerte, wurde der verspielte Heinrich müde, und Laura brachte ihn zu Bett. Nun war sie ganz allein in dem alten, winkligen Hause: denn die Magd klatschte gewiß beim Nachbar. Einsamkeit tat Laura wohl und wehe zugleich. Langsam ging sie zum Klavier und blätterte in Schuberts Liedern, die dort immer aufgeschlagen standen. Ganz leise spielte sie die Begleitung – ihre Lippen bewegten sich dabei, und ohne daß ein Ton hörbar wurde, sang sie den Frühlingsglauben. Violette Dämmerung leuchtete noch am Fenster – die Winkel des Zimmers lagen schon im Dunkel. Laura wollte es völlig Nacht werden lassen. Heute würgten sie die Lieder, die sie nicht singen konnte. Sie wurde immer ruhiger, 18 je dunkler es wurde, sie konnte die Noten nicht mehr erkennen und schloß ihre Augen. Die heißen Hände blieben auf den kühlen Tasten liegen. Jetzt fühlte sie den Tränenstrom sich regen in ihrer Brust, der nie geöffnet worden war, den sie in banger Pflicht zurückgedrängt hatte. Er suchte Lösung. Sie war nicht stumm, sie hatte die Stimme des Lebens. Tief zusammengekauert verharrte sie in ihrem Leid.

Da hörte sie plötzlich draußen den Donner eines Gewitters murren. Darum also brach die Nacht so schnell herein. Regentropfen kollerten an den Scheiben, ein fahles, gelbliches Leuchten kam und erhellte die Stube gespensterhaft – es hatte sich ein außerordentliches Wetter angesammelt. Nun forderten die vielen glühenden Tage ihren Tribut. Daß ihr Mann jetzt mit dem Kegelverein vielleicht schutzlos unterwegs war, fiel Laura nicht ein – sie beeilte sich nur, ihren Jungen zu beruhigen, der durch den Donner erwacht war und ängstlich weinte. Laura konnte ihn aber nicht so trösten, wie es nötig war; denn ihr Trost hatte etwas fremdartig Hastiges, sie war keine Mutter mehr in dieser Stunde, und ihre Seele trachtete losgebunden den entfesselten Elementen nach. Zum Fenster starrte sie, während sie 19 Heinrich streichelte. Angstvoll betrachtete er seine Mutter. Noch niemals hatte er sich vor ihrer Stummheit gefürchtet – heute sah er, daß ein Dämon in ihr rang, daß sie sprechen wollte, sprechen, aber nicht zu den alltäglichen, gemeinen Menschen. Es zuckte in ihrer eingesunkenen, kindlichen Kehle. Sie stöhnte und schluchzte auf, und, o Schrecken, wenn draußen ein Donnerschlag kam, nickte sie, als ob sie Ja dazu sagte. Immer bedrohlicher wurde das Wetter. Unmittelbar folgten sich Blitzstrahl und Donnerschlag, die gespenstische, zuckende Helligkeit wurde beständig. Jetzt kam die alte Magd durchnäßt herein – sie war beim Nachbar gewesen, ihr Gewissen hatte sie nun doch zurückgetrieben. Die Erscheinung des dürren Weibes, das sich zum Schutz gegen das Wetter den Rock über den Kopf geschlagen hatte, entsetzte Heinrich, obwohl die Magd ihm sonst vertraut war. Er schrie laut auf und versteckte sich hinter der Mutter. In diesem Augenblick wurde das Zimmer in gelben Feuerschein gehüllt. Laura riß Heinrich an sich und sank zu Boden. Aber das Bewußtsein verlor sie nicht. Es war nur, als ob eine Herrgottsfaust an ihre Kehle gegriffen und die ganze Frau machtvoll hin und her geschüttelt hätte. Sie duckte sich zusammen, es kam 20 etwas wunderbar Freies in sie, und sie fühlte sofort, daß Heinrich unversehrt war. Nur die Magd jammerte. Der Blitz war durch das Fenster in den Ofen geschlagen und hatte den Ableiter erreicht, der ihn im Keller begrub. Das Haus brannte nicht, und das Wetter war nach dieser größten Explosion beruhigt. Heinrich wimmerte leise und umschlang den Hals der Mutter. »Tut dir was weh, Mama?« war seine erste Frage. Da hörte er ihre Antwort, ohne daß er in seiner namenlosen Erregung darüber erstaunt gewesen wäre: »Nichts, nichts, mein Kind. Und du?« Das hatte Laura Röhricht gesagt. Sie vernahm sich selbst und erstarrte.

Von draußen kamen erregte Stimmen näher. Es war der heimgekehrte Kegelverein, der seinem Vorsitzenden helfen wollte; denn es hieß, daß der Blitz in die Apotheke eingeschlagen hätte. Feuer war nicht zu bemerken, aber was war mit der armen Frau und dem Kinde geschehen? Allen voran stürzte Leopold Röhricht in seine Wohnung. Er schrie vor Freude auf, als Laura und Heinrich ihm wohlbehalten entgegenkamen. Schon wollte er ihnen die Kraft des Gewitters schildern, wie er es unterwegs erlebt hatte, und sie ausführlich darüber belehren, wie man 21 sich in solchen Gefahren zu verhalten habe, als die sonst so ergebene Laura ihn mit großem Kraftaufwand unterbrach. Eine fremde, helle, jubelnde Stimme scholl ihm entgegen: »Ich rede, Leopold! Ich rede!« Der Apotheker prallte zurück. Diese Stimme! Wie vom Himmel kam sie – kindlich und sieghaft! Aber ihm graute, wie einem Teufel, der von Engeln niedergerungen war. Mit Entsetzen starrte er die Verwandelte an. »Freust du dich nicht? Der Blitz!« rief Laura mit größter Lebendigkeit. Ja, es war ihre Stimme, aber er freute sich nicht. Es griff jetzt ihm an die Kehle und schnürte sie zusammen, und er schlug mit den Händen um sich, wie ein Ertrinkender. Er wollte die Stimme seiner Frau nicht hören. Was forderte diese Gestalt von ihm? Warum näherte sie sich und lachte hell und sprach und war ihm völlig fremd geworden? Jetzt hatten die Kegelbrüder das Zimmer betreten. Sie sahen, daß der Apotheker einer Ohnmacht nahe war, umdrängten ihn und fragten angstvoll, was ihm denn wäre? Aber Röhricht, der Sprachgewaltige, bewegte nur die Lippen. Röhricht deutete verzweifelt auf seine Kehle, die keinen Laut von sich gab. Während Laura mit sprudelnder Beredsamkeit das Wunder erklärte, das 22 an ihr getan worden, stierte der Apotheker vor sich hin und nickte, als begriffe er Gott. Er blieb sonst ein gesunder, tatkräftiger Mann, aber niemand vernahm mehr ein Wort von ihm. Lauras endlich befreiter Redestrom war indessen unerschöpflich. Lange noch lebten sie miteinander und konnten ihrem Sohn die Apotheke übergeben, das wunderlichste Paar von Oberpurzelsheim.

Das ist der Ort, wo karminrote Dächer über schwefelgelben Fronten ragen, und die Kirchturmzwiebel nicht schwarz ist, sondern lila.

 


 








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