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Das Wesen des Christentums

Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums - Kapitel 27
Quellenangabe
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typeessay
authorLudwig Feuerbach
titleDas Wesen des Christentums
publisherPhilipp Reclam jun. Stuttgart
seriesUniversal-Bibliothek
volumeNr. 4571 (7)
year1988
isbn3150046711
firstpub1849
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Der Widerspruch in der Trinität

Die Religion oder vielmehr die Theologie vergegenständlicht aber nicht nur das menschliche oder göttliche Wesen überhaupt als persönliches Wesen; sie stellt auch die Grundbestimmungen oder Grundunterschiede desselben wieder als Personen vor. Die Trinität ist daher ursprünglich nichts andres als der Inbegriff der wesentlichen Grundunterschiede, welche der Mensch im Wesen des Menschen wahrnimmt. Je nachdem dieses erfaßt wird, je nachdem sind auch die Grundbestimmungen, worauf die Trinität gegründet wird, verschieden. Diese Unterschiede des einen und selben menschlichen Wesens werden aber, wie gesagt, als Substanzen, als göttliche Personen vorgestellt. Und darin, daß sie in Gott Hypostasen, Subjekte, Wesen sind, soll eben der Unterschied liegen zwischen diesen Bestimmungen, wie sie in Gott, und eben diesen Bestimmungen, wie sie im Menschen existieren, infolge des ausgesprochenen Gesetzes, daß nur in der Vorstellung der Persönlichkeit die menschliche Persönlichkeit ihre eignen Bestimmungen sich entfremdet. Die Persönlichkeit Gottes existiert aber nur in der Einbildungskraft; die Grundbestimmungen sind daher auch hier nur für die Einbildung Hypostasen, Personen, für die Vernunft, für das Denken nur Bestimmungen. Die Trinität ist der Widerspruch von Polytheismus und Monotheismus, von Phantasie und Vernunft, Einbildung und Wirklichkeit. Die Phantasie ist die Dreiheit, die Vernunft die Einheit der Personen. Der Vernunft nach sind die Unterschiednen nur Unterschiede, der Phantasie nach die Unterschiede Unterschiedne, welche daher die Einheit des göttlichen Wesens aufheben. Für die Vernunft sind die göttlichen Personen Phantome, für die Einbildung Wesen. Die Trinität macht dem Menschen die Zumutung, das Gegenteil von dem zu denken, was man sich einbildet, und das Gegenteil von dem sich einzubilden, was man denkt – Phantome als Wesen zu denken. Es ist sonderbar, wie die spekulative Religionsphilosophie gegen den gottlosen Verstand die Trinität in Schutz nimmt und doch mit der Beseitigung der persönlichen Substanzen und mit der Erklärung, daß das Verhältnis von Vater und Sohn nur ein dem organischen Leben entnommenes unangemessenes Bild sei, der Trinität die Seele, das Herz aus dem Leibe reißt. Wahrlich, wenn man die Kunstgriffe kabbalistischer Willkür, welche die spekulativen Religionsphilosophen zugunsten der »absoluten« Religion anwenden, auch den »endlichen« Religionen zugute lassen kommen dürfte oder wollte, so wäre es nicht schwierig, auch schon aus den Hörnern des ägyptischen Apis die Pandorabüchse der christlichen Dogmatik herauszudrechseln. Man bedürfte hierzu nichts weiter als die ominöse, zur Rechtfertigung jedes Unsinns geschickte Trennung von Verstand und spekulativer Vernunft.

Es sind drei Personen, aber sie sind nicht wesentlich unterschieden. Tres personae, aber una essentia. Soweit geht es natürlich zu. Wir denken uns drei und selbst mehrere Personen, die im Wesen identisch sind. So wir Menschen unterscheiden uns voneinander durch persönliche Unterschiede, aber in der Hauptsache, im Wesen, in der Menschheit sind wir eins. Und diese Identifikation macht nicht nur der philosophierende Verstand, sondern selbst das Gefühl. Dieses Individuum da ist Mensch wie wir; punctum satis; in diesem Gefühle verschwinden alle andern Unterschiede – ob reich oder arm, gescheut oder dumm, schuldig oder unschuldig. Das Gefühl des Mitleids, der Teilnahme ist daher ein substantielles, wesenhaftes, ein philosophisches Gefühl. Aber die drei oder mehrere menschlichen Personen existieren außer einander, haben eine getrennte Existenz, auch wenn sie die Einheit des Wesens noch außerdem durch innige Liebe verwirklichen, bestätigen sollten. Sie begründen durch die Liebe eine moralische Person, aber haben, jede für sich, eine physikalische Existenz. Wenn sie auch gegenseitig noch so sehr voneinander erfüllt sind, sich nicht entbehren können, so haben sie doch immer ein formelles Fürsichsein. Fürsichsein und Außerandernsein ist eins, wesentliches Merkmal einer Person, einer Substanz. Anders bei Gott, und notwendig anders, denn es ist dasselbe in ihm, was im Menschen, aber als ein Andres, mit dem Postulat: es soll ein Andres sein. Die drei Personen in Gott haben keine Existenz außer einander; sonst würden uns im Himmel der christlichen Dogmatik mit aller Herzlichkeit und Offenheit zwar nicht wie im Olymp viele, aber doch wenigstens drei göttliche Personen in individueller Gestalt, drei Götter entgegenkommen. Die Götter des Olymps hatten das Wahrzeichen der wirklichen Persönlichkeit in ihrer Individualität; sie stimmten im Wesen, in der Gottheit überein, aber waren jeder einzeln für sich ein Gott; sie waren wahrhafte göttliche Personen. Die drei christlichen Personen dagegen sind nur vorgestellte, eingebildete, vorgeheuchelte Personen – allerdings andere Personen, als die wirklichen Personen, eben weil sie nur eingebildete, nur scheinbare Persönlichkeiten sind, zugleich aber dennoch wirkliche Personen sein wollen und sollen. Das wesentliche Merkmal persönlicher Wirklichkeit, das polytheistische Element ist ausgeschlossen, negiert als ungöttlich. Aber eben durch diese Negation wird ihre Persönlichkeit nur zu einem Scheine der Einbildung. Nur in der Wahrheit des Plurals liegt die Wahrheit der Personen. Die drei christlichen Personen sind nicht tres Dei, drei Götter – sie sollen es wenigstens nicht sein –, sondern unus Deus. Die drei Personen endigen nicht, wie zu erwarten, in einem Plural, sondern Singular; sie sind nicht nur Unum, Eins – solches sind auch die Götter des Polytheismus –, sondern nur Einer, Unus. Die Unität, Einheit, hat hier nicht die Bedeutung des Wesens nur, sondern zugleich der Existenz; die Einheit ist die Existenzform Gottes. Drei ist Eins: der Plural ein Singular. Gott ist ein aus drei Personen bestehendes persönliches Wesen. Die Einheit hat nicht die Bedeutung des Genus, nicht des Unum, sondern des Unus. (S. Augustin und Petrus Lomb. lib. 1. dist. 19. c. 7, 8, 9.) Hi ergo tres, qui unum sunt propter ineffabilem conjunctionem deitatis, qua ineffabiliter copulantur, unus Deus est. (Petrus Lomb. 1. c., c. 6.) »Wie kann sich die Vernunft darin schicken oder das glauben, das drei eines und eines drei sei.« Luther (T. XIV. p. 13).

Die drei Personen sind also nur Phantome in den Augen der Vernunft, denn die Bedingungen oder Bestimmungen, durch welche sich ihre Persönlichkeit bewähren müßte, sind durch das Gebot des Monotheismus aufgehoben. Die Einheit leugnet die Persönlichkeit; die Selbständigkeit der Personen geht unter in der Selbständigkeit der Einheit; sie sind bloße Relationen. Der Sohn ist nicht ohne den Vater, der Vater nicht ohne den Sohn, der heilige Geist, der überhaupt die Symmetrie stört, drückt nichts aus, als die Beziehung beider aufeinander. Die göttlichen Personen unterscheiden sich aber nur dadurch voneinander, wodurch sie sich gegenseitig aufeinander beziehen. Das Wesentliche des Vaters als Person ist, daß er Vater, des Sohnes, daß er Sohn ist. Was der Vater noch außer seiner Vaterschaft ist, das betrifft nicht seine Persönlichkeit; darin ist er Gott, und als Gott identisch mit dem Sohne als Gott. Darum heißt es: Gottvater, Gottsohn, Gott heiliger Geist, Gott ist in allen Dreien gleich, Dasselbe. »Ein anderer ist der Vater, ein anderer der Sohn, ein anderer der heilige Geist, aber nichts Anderes, sondern das, was der Vater, ist auch der Sohn und der heilige Geist«, d.h., es sind verschiedne Personen, aber ohne Verschiedenheit des Wesens. Die Persönlichkeit geht also lediglich in das Verhältnis der Vaterschaft auf, d.h., der Begriff Person ist hier nur ein relativer Begriff, der Begriff einer Relation. Der Mensch als Vater ist gerade darin, daß er Vater ist, unselbständig, wesentlich in bezug auf den Sohn; er ist nicht ohne den Sohn Vater; durch die Vaterschaft setzt sich der Mensch zu einem relativen, unselbständigen, unpersönlichen Wesen herab. Es ist vor allem nötig, sich nicht täuschen zu lassen durch diese Verhältnisse, wie sie in der Wirklichkeit, im Menschen existieren. Der menschliche Vater ist außer seiner Vaterschaft noch selbständiges, persönliches Wesen; er hat wenigstens ein formelles Fürsichsein, eine Existenz außer seinem Sohne; er ist nicht nur Vater mit Ausschluß aller andern Prädikate eines wirklichen persönlichen Wesens. Die Vaterschaft ist ein Verhältnis, das der schlechte Mensch sogar zu einer ganz äußerlichen, sein persönliches Wesen nicht berührenden Relation machen kann. Aber im Gottvater ist kein Unterschied zwischen dem Gottvater und dem Gottsohn als Gott; nur die abstrakte Vaterschaft begründet seine Persönlichkeit, seinen Unterschied von dem Sohne, dessen Persönlichkeit gleichfalls nur die abstrakte Sohnschaft begründet.

Aber zugleich sollen diese Relationen, wie gesagt, nicht bloße Relationen, Unselbständigkeiten, sondern wirkliche Personen, Wesen, Substanzen sein. Es wird also wieder die Wahrheit des Plurals, die Wahrheit des Polytheismus bejaht »Wenn der Vater Gott und der Sohn Gott und der heil. Geist Gott ist, warum heißen sie denn nicht drei Götter? Höre, was Augustin auf diese Frage antwortet: Wenn ich sagte drei Götter, so widerspräche die Schrift, welche sagt: Höre Israel: Dein Gott ist ein einiger Gott. Deswegen sagen wir also lieber drei Personen, als drei Götter, weil diesem nicht die heilige Schrift widerspricht.« (Petrus Lomb., lib. I. dist. 23, c. 3.) Wie sehr stützte sich doch auch der Katholizismus auf die heilige Schrift! und die Wahrheit des Monotheismus verneint. So löst auch in dem heiligen Mysterium der Trinität – inwiefern es nämlich eine vom menschlichen Wesen unterschiedne Wahrheit vorstellen soll – alles sich auf in Täuschungen, Phantasmen, Widersprüche und Sophismen. Eine meisterhafte Darstellung von den zerstörenden Widersprüchen, in welche das Mysterium der Trinität ein unverfälschtes religiöses Gemüt versetzt, findet man in der Schrift meines Bruders Friedrich: »Theanthropos«, Zürich 1838.

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