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Das Wesen des Christentums

Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums - Kapitel 16
Quellenangabe
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typeessay
authorLudwig Feuerbach
titleDas Wesen des Christentums
publisherPhilipp Reclam jun. Stuttgart
seriesUniversal-Bibliothek
volumeNr. 4571 (7)
year1988
isbn3150046711
firstpub1849
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel

Das Geheimnis des Glaubens – das Geheimnis des Wunders

Der Glaube an die Macht des Gebets – und nur da, wo dem Gebete eine Macht und zwar eine Macht über die Gegenstände außer dem Menschen zugeschrieben wird, ist noch das Gebet eine religiöse Wahrheit – ist eins mit dem Glauben an die Wundermacht und der Glaube an Wunder eins mit dem Wesen des Glaubens überhaupt. Nur der Glaube betet; nur das Gebet des Glaubens hat Kraft. Der Glaube ist aber nichts andres als die zuversichtliche Gewißheit von der Realität, d. i. unbedingten Gültigkeit und Wahrheit des Subjektiven im Gegensatz zu den Schranken, d. i. Gesetzen der Natur und Vernunft. Das charakteristische Objekt des Glaubens ist daher das Wunder – Glaube ist Wunderglaube, Glaube und Wunder absolut unzertrennlich. Was objektiv das Wunder, oder die Wundermacht, das ist subjektiv der Glaube – das Wunder ist das äußere Gesicht des Glaubens – der Glaube die innere Seele des Wunders – der Glaube das Wunder des Geistes, das Wunder des Gemüts, das sich im äußern Wunder nur vergegenständlicht. Dem Glauben ist nichts unmöglich – und diese Allmacht des Glaubens verwirklicht nur das Wunder. Das Wunder ist nur ein sinnliches Beispiel von dem, was der Glaube vermag. Unbegrenztheit des Gemüts, Überschwenglichkeit des Gefühls, mit einem Worte: Supranaturalismus, Übernatürlichkeit ist daher das Wesen des Glaubens. Der Glaube bezieht sich nur auf Dinge, welche, im Widerspruch mit den Schranken, d. i. Gesetzen der Natur und Vernunft, die Allmacht des menschlichen Gemüts, der menschlichen Wünsche vergegenständlichen. Der Glaube entfesselt die Wünsche des Menschen von den Banden der natürlichen Vernunft; er genehmigt, was Natur und Vernunft versagen; er macht den Menschen darum selig, denn er befriedigt seine subjektivsten Wünsche. Und kein Zweifel beunruhigt den wahren Glauben. Der Zweifel entsteht nur da, wo ich aus mir selbst herausgehe, die Grenzen meiner Subjektivität überschreite, wo ich auch dem andern außer mir, dem von mir Unterschiedenen Wahrheit und Stimmrecht einräume, wo ich mich als ein subjektives, d. i. beschränktes Wesen weiß und nun durch das andere außer mir meine Grenzen zu erweitern suche. Aber im Glauben ist das Prinzip des Zweifels selbst verschwunden, denn dem Glauben gilt eben an und für sich das Subjektive für das Objektive, das Absolute selbst. Der Glaube ist nichts andres als der Glaube an die Gottheit des Menschen. »Der Glaube ist ein solcher Mut im Herzen, da man sich zu Gott alles Guts versieht. Einen solchen Glauben, da das Herz alle Zuversicht auf Gott allein setzet, fordert Gott im ersten Gebot, da er spricht: Ich bin der Herr dein Gott... Das ist, ich will allein dein Gott sein, du sollst keinen andern Gott suchen; ich will dir helfen aus aller Not... Du solt auch nicht denken, daß ich dir feind sei und dir nicht helfen wolle. Wo du also denkest, so machest du mich in deinem Herzen zu einem andern Gott, denn ich bin. Darum halt's gewiß dafür, daß ich dir wolle gnädig sein.« »Wie du dich kehrest und wendest, also kehret und wendet sich Gott. Denkest du, er zürne mit dir, so zürnet er. Denkest du, er sei dir unbarmherzig und wolle dich in die Hölle stoßen, so ist er also. Wie du von Gott gläubest, also hast du ihn.« »Gläubst du es, so hast du es; gläubst du es aber nicht, so hast du nichts davon.« »Darum wie wir glauben, so geschieht uns. Halten wir ihn für unsern Gott, so wird er freilich nicht unser Teufel sein. Halten wir ihn aber nicht für unsern Gott, so wird er freilich auch nicht unser Gott, sondern muß ein verzehrend Feuer sein.« »Durch den Unglauben machen wir Gott zu einem TeufelLuther (T. XV. p. 282, T. XVI. p. 491–493). Wenn ich also einen Gott glaube, so habe ich einen Gott, d. h. der Glaube an Gott ist der Gott des Menschen. Wenn Gott das und so ist, was ich und wie ich glaube, was ist das Wesen Gottes anders als das Wesen des Glaubens? Kannst du aber an einen dir guten Gott glauben, wenn du dir selbst nicht gut bist, wenn du am Menschen verzweifelst, wenn er dir nichts ist? Glaubst du, daß Gott für dich ist, so glaubst du, daß nichts gegen dich ist und sein kann, nichts dir widerspricht. Glaubst du aber, daß nichts gegen dich ist und sein kann, so glaubst du – was? –nichts Geringeres, als daß du Gott bist. »Gott ist allmächtig; der aber glaubt, der ist ein Gott.« Luther (T. XIV. p. 320). An einer andern Stelle nennt Luther geradezu den Glauben den » Schöpfer der Gottheit«; freilich setzt er, auf seinem Standpunkt notwendig, sogleich die Einschränkung hinzu: »nicht daß er an dem göttlichen ewigen Wesen etwas schaffe, sondern in uns schaffet er es.« (T. XI. p. 161.) Daß Gott ein andres Wesen ist, das ist nur Schein, nur Einbildung. Daß er dein eignes Wesen, das sprichst du damit aus, daß Gott ein Wesen für dich ist. Was ist also der Glaube anders als die Selbstgewißheit des Menschen, die zweifellose Gewißheit, daß sein eignes subjektives Wesen das objektive, ja absolute Wesen, das Wesen der Wesen ist?

Der Glaube beschränkt sich nicht durch die Vorstellung einer Welt, eines Weltganzen, einer Notwendigkeit. Für den Glauben ist nur Gott, d. h. die schrankenfreie Subjektivität. Wo der Glaube im Menschen aufgeht, da geht die Welt unter, ja sie ist schon untergegangen. Der Glaube an den wirklichen Untergang, und zwar an einen demnächst bevorstehenden, dem Gemüt gegenwärtigen Untergang dieser den christlichen Wünschen widersprechenden Welt ist daher ein Phänomen von dem innersten Wesen des christlichen Glaubens, ein Glaube, der sich gar nicht abtrennen läßt von dem übrigen Inhalt des christlichen Glaubens, mit dessen Aufgebung das wahre positive Christentum aufgegeben, verleugnet wird. Dieser Glaube ist der Bibel so wesentlich, daß sie ohne ihn gar nicht begriffen werden kann. Die Stelle 2. Petri 3, 8 spricht nicht, wie dies aus dem ganzen Kapitel hervorgeht, gegen einen nahen Untergang, denn wohl sind 1000 Jahre wie ein Tag vor dem Herrn, aber auch ein Tag wie 1000 Jahre, und die Welt kann daher schon morgen nicht mehr sein. Daß überhaupt in der Bibel ein sehr nahes Weltende erwartet und prophezeit, obgleich nicht Tag und Stunde bestimmt wird, kann nur ein Lügner oder ein Blinder leugnen. S. hierüber auch Lützelhergers Schriften. Die religiösen Christen glaubten daher auch fast zu allen Zeiten an die Nähe des Weltunterganges – Luther z. B. sagt öfter, daß »der jüngste Tag nicht weit ist« (z. B. T. XVI. p. 26) – oder sehnten sich wenigstens in ihrem Gemüte nach dem Ende der Welt, wenn sie gleich aus Klugheit es unbestimmt ließen, ob es nahe oder ferne sei. S. z. B. Augustin (de fine saeculi ad Hesychium c. 13). Das Wesen des Glaubens, welches sich durch alle seine Gegenstände bis ins Speziellste hinein bestätigen läßt, ist, daß das ist, was der Mensch wünscht – er wünscht unsterblich zu sein, also ist er unsterblich; er wünscht, daß ein Wesen sei, welches alles vermag, was der Natur und Vernunft unmöglich ist, also existiert ein solches Wesen; er wünscht, daß eine Welt sei, welche den Wünschen des Gemüts entspricht, eine Welt der unbeschränkten Subjektivität, d. i. der ungestörten Gemütlichkeit, der ununterbrochnen Seligkeit; nun existiert aber dennoch eine dieser gemütlichen Welt entgegengesetzte Welt, also muß diese Welt vergehen – so notwendig vergehen, als notwendig ein Gott, das absolute Wesen des menschlichen Gemüts, besteht. Glaube, Liebe, Hoffnung sind die christliche Dreieinigkeit. Die Hoffnung bezieht sich auf die Erfüllung der Verheißungen – der Wünsche, die noch nicht erfüllt sind, aber erfüllt werden; die Liebe auf das Wesen, welches diese Verheißungen gibt und erfüllt, der Glaube auf die Verheißungen, die Wünsche, welche bereits erfüllt, historische Tatsachen sind.

Das Wunder ist ein wesentlicher Gegenstand des Christentums, wesentlicher Glaubensinhalt. Aber was ist das Wunder? Ein verwirklichter supranaturalistischer Wunsch – sonst nichts. Der Apostel Paulus erläutert das Wesen des christlichen Glaubens an dem Beispiel Abrahams. Abraham konnte auf natürlichem Wege nimmer auf Nachkommenschaft hoffen. Jehova verhieß sie ihm gleichwohl aus besonderer Gnade. Und Abraham glaubte, der Natur zum Trotz. Darum wurde ihm auch dieser Glaube zur Gerechtigkeit, zum Verdienst angerechnet; denn es gehört viele Einbildungskraft dazu, etwas im Widerspruch mit Erfahrung, wenigstens vernünftiger, gesetzmäßiger Erfahrung dennoch als gewiß anzunehmen. Aber was war der Gegenstand dieser göttlichen Verheißung? Nachkommenschaft: der Gegenstand eines menschlichen Wunsches. Und woran glaubte Abraham, wenn er Jehova glaubte? an ein Wesen, welches alles vermag, alle menschlichen Wünsche erfüllen kann. »Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?« 1. Mose 18, 14.

Doch wozu versteigen wir uns bis zu Abraham hinauf? Die schlagendsten Beweise haben wir ja viel näher. Das Wunder speist Hungrige, heilt von Natur Blinde, Taube, Lahme, errettet aus Lebensgefahren, belebt selbst Tote auf die Bitten ihrer Verwandten. Es befriedigt also menschliche Wünsche – Wünsche, die aber zugleich, zwar nicht immer an sich selbst, wie der Wunsch, den Toten zu beleben, doch insofern, als sie die Wundermacht, wunderbare Hülfe ansprechen, überschwengliche, supranaturalistische Wünsche sind. Aber das Wunder unterscheidet sich dadurch von der natur- und vernunftgemäßen Befriedigungsweise menschlicher Wünsche und Bedürfnisse, daß es die Wünsche des Menschen auf eine dem Wesen des Wunsches entsprechende, auf die wünschenswerteste Weise befriedigt. Der Wunsch bindet sich an keine Schranke, kein Gesetz, keine Zeit; er will unverzüglich, augenblicklich erfüllt sein. Und siehe da! so schnell als der Wunsch, so schnell ist das Wunder. Die Wunderkraft verwirklicht augenblicklich, mit einem Schlag, ohne alles Hindernis die menschlichen Wünsche. Daß Kranke gesund werden, das ist kein Wunder, aber daß sie unmittelbar auf einen bloßen Machtspruch hin gesund werden, das ist das Geheimnis des Wunders. Nicht also durch das Produkt oder Objekt, welches sie hervorbringt – würde die Wundermacht etwas absolut Neues, nie Gesehenes, nie Vorgestelltes, auch nicht einmal Erdenkbares verwirklichen, so wäre sie als eine wesentlich andere und zugleich objektive Tätigkeit faktisch erwiesen – sondern allein durch den Modus, die Art und Weise unterscheidet sich die Wundertätigkeit von der Tätigkeit der Natur und Vernunft. Allein die Tätigkeit, welche dem Wesen, dem Inhalt nach eine natürliche, sinnliche, nur der Art oder Form nach eine übernatürliche, übersinnliche ist, diese Tätigkeit ist nur die Phantasie oder Einbildungskraft. Die Macht des Wunders ist daher nichts andres als die Macht der Einbildungskraft.

Die Wundertätigkeit ist eine Zwecktätigkeit. Die Sehnsucht nach dem verlornen Lazarus, der Wunsch seiner Verwandten, ihn wieder zu besitzen, war der Beweggrund der wunderbaren Erweckung – die Tat selbst, die Befriedigung dieses Wunsches, der Zweck. Allerdings geschah das Wunder » zur Ehre Gottes, daß der Sohn Gottes dadurch geehret werde«, aber die Schwestern des Lazarus, die nach dem Herrn schicken mit den Worten: »siehe, den Du lieb hast, der liegt krank« und die Tränen, die Jesus vergoß, vindizieren dem Wunder einen menschlichen Ursprung und Zweck. Der Sinn ist: der Macht, die selbst Tote erwecken kann, ist kein menschlicher Wunsch unerfüllbar. »Der ganzen Welt ist's unmöglich, einen Toten aufzuwecken, aber dem Herrn Christo ist's nicht allein nicht unmöglich, sondern es ist ihm auch keine Mühe noch Arbeit... Solches hat Christus getan zum Zeugnis und Zeichen, daß er aus dem Tode erretten könne und wolle. Er tut's nicht allezeit und an jedermann ... Es ist gnug, daß er's etliche Mal getan hat, das andere sparet er bis auf den jüngsten Tag.« Luther (T. XVI. p. 518). Die positive, wesentliche Bedeutung des Wunders ist daher die, daß das göttliche Wesen kein andres als das menschliche ist. Die Wunder bestätigen, beglaubigen die Lehre. Welche Lehre? Die eben, daß Gott ein Heiland der Menschen, ein Retter aus aller Not, d. h. ein den Bedürfnissen und Wünschen des Menschen entsprechendes, also menschliches Wesen ist. Was der Gottmensch mit Worten ausspricht, das demonstriert mit Taten das Wunder ad oculos. Und die Ehre des Sohnes besteht eben darin, daß er erkannt und verehrt wird als das Wesen, welches kann, was der Mensch nicht kann, aber wünscht zu können. Die Zwecktätigkeit beschreibt bekanntlich einen Kreis: sie läuft im Ende auf ihren Anfang zurück. Aber die Wundertätigkeit unterscheidet sich dadurch von der gemeinen Verwirklichung des Zwecks, daß sie einen Zweck ohne Mittel verwirklicht, daß sie eine unmittelbare Einheit des Wunsches und der Erfüllung bewirkt, daß sie folglich einen Kreis beschreibt, aber nicht in krummer, sondern in gerader, folglich der kürzesten Linie. Ein Kreis in gerader Linie ist das mathematische Sinn- und Ebenbild des Wunders. So lächerlich es daher wäre, einen Kreis in gerader Linie konstruieren zu wollen, so lächerlich ist es, das Wunder philosophisch begründen zu wollen. Das Wunder ist für die Vernunft sinnlos, undenkbar, so undenkbar, als ein hölzernes Eisen, ein Kreis ohne Peripherie. Ehe man die Möglichkeit bespricht, ob ein Wunder geschehen kann, zeige man die Möglichkeit, ob das Wunder, d. h. das Undenkbare denkbar ist.

Was dem Menschen die Einbildung der Denkbarkeit des Wunders beibringt, ist, daß das Wunder als eine sinnliche Begebenheit vorgestellt wird und der Mensch daher seine Vernunft durch, zwischen den Widerspruch sich einschiebende, sinnliche Vorstellungen täuscht. Das Wunder der Verwandlung des Wassers in Wein z. B. sagt in Wahrheit nichts andres, als: Wasser ist Wein, nichts andres, als die Einheit zweier sich absolut widersprechender Prädikate oder Subjekte; denn in der Hand des Wundertäters ist kein Unterschied zwischen beiden Substanzen; die Verwandlung ist nur die sinnliche Erscheinung von dieser Einheit des sich Widersprechenden. Aber die Verwandlung verhüllt den Widerspruch, weil die natürliche Vorstellung der Veränderung sich dazwischen einschiebt. Allein es ist ja keine allmähliche, keine natürliche, sozusagen organische, sondern eine absolute, stofflose Verwandlung – eine reine Schöpfung aus Nichts. In dem geheimnis- und verhängnisvollen Wunderakt, in dem Akt, der das Wunder zum Wunder macht, ist urplötzlich, ununterscheidbar Wasser Wein – was ebensoviel sagen will, als: Eisen ist Holz, oder ein hölzernes Eisen.

Der Wunderakt – und das Wunder ist nur ein flüchtiger Akt – ist daher kein denkbarer, denn er hebt das Prinzip der Denkbarkeit auf – aber ebensowenig ein Gegenstand des Sinnes, ein Gegenstand wirklicher oder nur möglicher Erfahrung. Wasser ist wohl Gegenstand des Sinnes, auch Wein; ich sehe jetzt wohl Wasser, hernach Wein; aber das Wunder selbst, das, was dieses Wasser urplötzlich zum Wein macht, dies ist, weil kein Naturprozeß, kein Gegenstand wirklicher oder nur möglicher Erfahrung. Das Wunder ist ein Ding der Einbildung – eben deswegen auch so gemütlich, denn die Phantasie ist die dem Gemüte entsprechende Tätigkeit, weil sie alle Schranken, alle Gesetze, welche dem Gemüte wehe tun, beseitigt, und so dem Menschen die unmittelbare, schlechthin unbeschränkte Befriedigung seiner subjektivsten Wünsche vergegenständlicht. Freilich ist diese Befriedigung – eine Bemerkung, die sich übrigens von selbst versteht – insofern beschränkt, als sie an die Religion, den Glauben an Gott gebunden ist. Aber diese Beschränkung ist in Wahrheit keine Beschränkung, denn Gott selbst ist das unbeschränkte, das absolut befriedigte, in sich gesättigte Wesen des menschlichen Gemütes. Gemütlichkeit ist die wesentliche Eigenschaft des Wunders. Wohl macht auch das Wunder einen erhabnen, erschütternden Eindruck, insofern als es eine Macht ausdrückt, vor der nichts besteht – die Macht der Phantasie. Aber dieser Eindruck liegt nur in dem vorübergehenden Akt des Tuns – der bleibende, wesenhafte Eindruck ist der gemütliche. In dem Augenblick, wo der geliebte Tote aufgeweckt wird, erschrecken wohl die umstehenden Verwandten und Freunde über die außerordentliche, allmächtige Kraft, die Tote in Lebende verwandelt; aber in demselben ungeteilten Augenblicke – denn die Wirkungen der Wundermacht sind höchst schnell – wo er aufersteht, wo das Wunder vollbracht ist, da fallen auch schon die Verwandten dem Wiedererstandnen in die Arme und führen ihn unter Freudentränen nach Hause, um hier ein gemütliches Fest zu feiern. Aus dem Gemüte entspringt das Wunder, auf das Gemüt geht es wieder zurück. Selbst in der Darstellung verleugnet es nicht seinen Ursprung. Die angemessene Darstellung ist allein die gemütliche. Wer sollte in der Erzählung von der Erweckung des Lazarus, dem größten Wunder, den gemütlichen, behaglichen Legendenton verkennen? Die Legenden des Katholizismus – natürlich nur die bessern, wahrhaft gemütlichen – sind gleichsam nur das Echo von dem Grundton, der schon in dieser neutestamentlichen Erzählung herrscht. – Das Wunder könnte man füglich auch definieren als den religiösen Humor. Besonders hat der Katholizismus das Wunder von dieser seiner humoristischen Seite ausgebildet. Gemütlich ist aber eben das Wunder, weil es, wie gesagt, ohne Arbeit, ohne Anstrengung die Wünsche des Menschen befriedigt. Arbeit ist gemütlos, ungläubig, rationalistisch; denn der Mensch macht hier sein Dasein abhängig von der Zwecktätigkeit, die selbst wieder lediglich durch die Anschauung der gegenständlichen Welt vermittelt ist. Aber das Gemüt kümmert sich nichts um die gegenständliche Welt; es geht nicht außer und über sich hinaus; es ist selig in sich. Das Element der Bildung, das nordische Prinzip der Selbstentäußerung geht dem Gemüte ab. Der klassische Geist, der Geist der Bildung, ist der sich selbst durch Gesetze beschränkende, durch die Anschauung der Welt, durch die Notwendigkeit, die Wahrheit der Natur der Dinge Gefühl und Phantasie bestimmende, der gegenständliche Geist. An die Stelle dieses Geistes trat mit dem Christentum die unbeschränkte, maßlose, überschwengliche, supranaturalistische Subjektivität – ein in seinem innersten Wesen dem Prinzip der Wissenschaft, der Bildung entgegengesetztes Prinzip. Höchst charakteristisch für das Christentum – ein populärer Beweis des Gesagten – ist es, daß nur die Sprache der Bibel, nicht die eines Sophokles oder Plato, also nur die unbestimmte gesetzlose Sprache des Gemüts, nicht die Sprache der Kunst und Philosophie für die Sprache, die Offenbarung des göttlichen Geistes im Christentum galt und heute noch gilt. Mit dem Christentum verlor der Mensch den Sinn, die Fähigkeit, sich in die Natur, das Universum hineinzudenken. Solange das wahre, ungeheuchelte, unverfälschte, rücksichtslose Christentum existierte, solange das Christentum eine lebendige, praktische Wahrheit war, solange geschahen wirkliche Wunder, und sie geschahen notwendig, denn der Glaube an tote, historische, vergangne Wunder ist selbst ein toter Glaube, der erste Ansatz zum Unglauben, oder vielmehr die erste und eben deswegen schüchterne, unwahre, unfreie Weise, wie der Unglaube an das Wunder sich Luft macht. Aber wo Wunder geschehen, da verfließen alle bestimmten Gestalten in den Nebel der Phantasie und des Gemüts; da ist die Welt, die Wirklichkeit keine Wahrheit, da gilt für das wahre, wirkliche Wesen allein das wundertätige, gemütliche, d. i. subjektive Wesen.

Für den bloßen Gemütsmenschen ist unmittelbar, ohne daß er es will und weiß, die Einbildungskraft die höchste Tätigkeit, die ihn beherrschende; als die höchste, die Tätigkeit Gottes, die schöpferische Tätigkeit. Sein Gemüt ist ihm eine unmittelbare Wahrheit und Autorität; so wahr ihm das Gemüt ist – und es ist ihm das Wahrste, Wesenhafteste; er kann nicht von seinem Gemüte abstrahieren, nicht darüber hinaus –, so wahr ist ihm die Einbildung. Die Phantasie oder Einbildungskraft (die hier nicht unterschieden werden, obwohl an sich verschieden) ist ihm nicht so, wie uns Verstandesmenschen, die wir sie als die subjektive von der objektiven Anschauung unterscheiden, Gegenstand; sie ist unmittelbar mit ihm selbst, mit seinem Gemüte eins, und als eins mit seinem Wesen, seine wesentliche, gegenständliche, notwendige Anschauung selbst. Für uns ist wohl die Phantasie eine willkürliche Tätigkeit, aber wo der Mensch das Prinzip der Bildung, der Weltanschauung nicht in sich aufgenommen, wo er nur in seinem Gemüte lebt und webt, da ist die Phantasie eine unmittelbare, unwillkürliche Tätigkeit.

Die Erklärung der Wunder aus Gemüt und Phantasie gilt vielen heutigentags freilich für oberflächlich. Aber man denke sich hinein in die Zeiten, wo noch lebendige, gegenwärtige Wunder geglaubt wurden, wo die Wahrheit und Existenz der Dinge außer uns noch kein geheiligter Glaubensartikel war, wo die Menschen so abgezogen von der Weltanschauung lebten, daß sie tagtäglich dem Untergang der Welt entgegensahen, wo sie nur lebten in der wonnetrunknen Aussicht und Hoffnung des Himmels, also in der Einbildung – denn mag der Himmel sein, was er will, für sie wenigstens existierte er, solange sie auf Erden waren, nur in der Einbildungskraft –, wo diese Einbildung keine Einbildung, sondern Wahrheit, ja die ewige, allein bestehende Wahrheit, nicht ein tatloses, müßiges Trostmittel nur, sondern ein praktisches, die Handlungen bestimmendes Moralprinzip war, welchem die Menschen mit Freuden das wirkliche Leben, die wirkliche Welt mit allen ihren Herrlichkeiten zum Opfer brachten – man denke sich da hinein und man muß in der Tat selbst sehr oberflächlich sein, wenn man die psychologische Erklärung für oberflächlich erklärt. Kein stichhaltiger Einwand ist es, daß diese Wunder im Angesichte ganzer Versammlungen geschehen sind oder geschehen sein sollen: Keiner war bei sich, alle erfüllt von überschwenglichen, supranaturalistischen Vorstellungen, Empfindungen; alle beseelte derselbe Glaube, dieselbe Hoffnung, dieselbe Phantasie. Wem sollte es aber unbekannt sein, daß es auch gemeinschaftliche oder gleichartige Träume, gemeinschaftliche oder gleichartige Visionen gibt, zumal bei gemütlichen, in und auf sich beschränkten, enge zusammenhaltenden Individuen? Doch dem sei wie es wolle. Ist die Erklärung der Wunder aus Gemüt und Phantasie oberflächlich, so fällt die Schuld der Oberflächlichkeit nicht auf den Erklärer, sondern auf den Gegenstand selbst – auf das Wunder; denn das Wunder drückt, bei Lichte besehen, eben gar nichts weiter aus, als die Zaubermacht der Phantasie, die ohne Widerspruch alle Wünsche des Herzens erfüllt. Manchen Wundern mag wirklich ursprünglich eine physikalische oder physiologische Erscheinung zugrunde gelegen haben. Aber hier handelt es sich nur von der religiösen Bedeutung und Genesis des Wunders.

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