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Das Wesen des Christentums

Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums - Kapitel 14
Quellenangabe
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typeessay
authorLudwig Feuerbach
titleDas Wesen des Christentums
publisherPhilipp Reclam jun. Stuttgart
seriesUniversal-Bibliothek
volumeNr. 4571 (7)
year1988
isbn3150046711
firstpub1849
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zwölftes Kapitel

Die Bedeutung der Kreation im Judentum

Die Kreationslehre stammt aus dem Judentum; sie ist selbst die charakteristische Lehre, die Fundamentallehre der jüdischen Religion. Das Prinzip, das ihr hier zugrunde liegt, ist aber nicht sowohl das Prinzip der Subjektivität, als vielmehr des Egoismus. Die Kreationslehre in ihrer charakteristischen Bedeutung entspringt nur auf dem Standpunkt, wo der Mensch praktisch die Natur nur seinem Willen und Bedürfnis unterwirft, und daher auch in seiner Vorstellungskraft zu einem bloßen Machwerk, einem Produkt des Willens herabsetzt. Jetzt ist ihm ihr Dasein erklärt, indem er sie aus sich, in seinem Sinne erklärt und auslegt. Die Frage: woher ist die Natur oder Welt? setzt eigentlich eine Verwunderung darüber voraus, daß sie ist, oder die Frage: warum sie ist. Aber diese Verwunderung, diese Frage entsteht nur da, wo sich der Mensch bereits von der Natur abgesondert und sie zu einem bloßen Willensobjekt gemacht hat. Der Verfasser des Buchs der Weisheit sagt mit Recht, daß »die Heiden vor Bewunderung der Schönheit der Welt sich nicht zum Begriffe des Schöpfers erhoben hätten«. Wem die Natur ein schönes Wesen ist, dem erscheint sie als Zweck ihrer selbst, für den hat sie den Grund ihres Daseins in sich selbst, in dem entsteht nicht die Frage: warum ist sie? Der Begriff der Natur und Gottheit unterscheidet sich nicht in seinem Bewußtsein, seiner Anschauung von der Welt. Die Natur, wie sie in seine Sinne fällt, ist ihm wohl entstanden, erzeugt, aber nicht erschaffen im eigentlichen Sinne, im Sinne der Religion, nicht ein willkürliches Produkt, nicht gemacht. Und mit diesem Entstandensein drückt er nichts Arges aus; die Entstehung hat für ihn nichts Unreines, Ungöttliches an sich; er denkt sich seine Götter selbst als entstanden. Die zeugende Kraft ist ihm die erste Kraft: er setzt als Grund der Natur daher eine Kraft der Natur – eine gegenwärtige, in seiner sinnlichen Anschauung sich betätigende Kraft als Grund der Dinge. So denkt der Mensch, wo er sich ästhetisch oder theoretisch – denn die theoretische Anschauung ist ursprünglich die ästhetische, die Ästhetik die prima philosophia – zur Welt verhält, wo ihm der Begriff der Welt der Begriff des Kosmos, der Herrlichkeit, der Göttlichkeit selbst ist. Nur da, wo solche Anschauung den Menschen beseelte, konnten Gedanken gefaßt und ausgesprochen werden, wie der des Anaxagoras: der Mensch sei geboren zur Anschauung der Welt. Bei Diogenes L. lib. II. c. III. § 6 heißt es wörtlich »zur Anschauung der Sonne, des Mondes und des Himmels«. Ähnliche Gedanken bei andern Philosophen. So sagten auch die Stoiker: »Der Mensch ist geboren zur Betrachtung und Nachahmung der Welt.« Cicero (de nat.). Der Standpunkt der Theorie ist der Standpunkt der Harmonie mit der Welt. Die subjektive Tätigkeit, diejenige, in welcher der Mensch sich befriedigt, sich freien Spielraum läßt, ist hier allein die sinnliche Einbildungskraft. Er läßt hier, indem er sich befriedigt, zugleich die Natur in Frieden gewähren und bestehen, indem er seine Luftschlösser, seine poetischen Kosmogonien nur aus natürlichen Materialien zusammensetzt. Wo dagegen der Mensch nur auf den praktischen Standpunkt sich stellt und von diesem aus die Welt betrachtet, den praktischen Standpunkt selbst zum theoretischen macht, da ist er entzweit mit der Natur, da macht er die Natur zur untertänigsten Dienerin seines selbstischen Interesses, seines praktischen Egoismus. Der theoretische Ausdruck dieser egoistischen, praktischen Anschauung, welcher die Natur an und für sich selbst Nichts ist, lautet: die Natur oder Welt ist gemacht, geschaffen, ein Produkt des Befehls. Gott sprach: es werde die Welt, und es ward die Welt, d. i. Gott befahl: es werde die Welt, und ohne Verzug stand sie auf diesen Befehl hin da. »Die Hebräer sagen, daß die Gottheit alles durch das Wort bewirke, daß alles durch ihren Befehl gleichsam erschaffen sei, um damit anzuzeigen, wie leicht sie ihren Willen ins Werk setze und wie groß ihre Allmacht sei. Psalm 33, 6: Der Himmel ist durch das Wort des Herrn gemacht. Psalm 148, 5: Er gebietet, so wird es geschaffen.« J. Clericus (Comment. in Mosern. Genes. I. 3).

Der Utilismus, der Nutzen ist das oberste Prinzip des Judentums. Der Glaube an eine besondere göttliche Vorsehung ist der charakteristische Glaube des Judentums; der Glaube an die Vorsehung der Glaube an Wunder; der Glaube an Wunder aber ist es, wo die Natur nur als ein Objekt der Willkür, des Egoismus, der eben die Natur nur zu willkürlichen Zwecken gebraucht, angeschaut wird. Das Wasser teilt sich entzwei oder ballt sich zusammen, wie eine feste Masse, der Staub verwandelt sich in Läuse, der Stab in eine Schlange, der Fluß in Blut, der Felsen in eine Quelle, an demselben Orte ist es zugleich Licht und Finsternis, die Sonne steht bald stille in ihrem Laufe, bald geht sie zurück. Und alle diese Widernatürlichkeiten geschehen zum Nutzen Israels, lediglich auf Befehl Jehovas, der sich um nichts als Israel kümmert, nichts ist als die personifizierte Selbstsucht des israelitischen Volks, mit Ausschluß aller andern Völker, die absolute Intoleranz – das Geheimnis des Monotheismus.

Die Griechen betrachteten die Natur mit den theoretischen Sinnen; sie vernahmen himmlische Musik in dem harmonischen Laufe der Gestirne; sie sahen aus dem Schaume des allgebärenden Ozeans die Natur in der Gestalt der Venus Anadyomene emporsteigen. Die Israeliten dagegen öffneten der Natur nur die gastrischen Sinne; nur im Gaumen fanden sie Geschmack an der Natur; nur im Genüsse des Manna wurden sie ihres Gottes inne. Der Grieche trieb Humaniora, die freien Künste, die Philosophie; der Israelite erhob sich nicht über das Brotstudium der Theologie. »Zwischen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen Brots satt werden und innewerden, daß ich der Herr euer Gott bin2. Mose 16, 12. »Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: So Gott wird mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der Herr mein Gott sein.« 1. Mose 28, 20. Essen ist der feierlichste Akt oder doch die Initiation der jüdischen Religion. Im Essen feiert und erneuert der Israelite den Kreationsakt; im Essen erklärt der Mensch die Natur für ein an sich nichtiges Ding. Als die siebenzig Ältesten mit Mose den Berg hinanstiegen, da » sahen sie Gott und da sie Gott geschauet hatten, tranken und aßen sie«. 2. Mose 24, 10. 11. Tantum abest, ut mortui sint, ut contra convivium hilares celebrarint. (Clericus.) Der Anblick des höchsten Wesens beförderte also bei ihnen nur den Appetit zum Essen.

Die Juden haben sich in ihrer Eigentümlichkeit bis auf den heutigen Tag erhalten. Ihr Prinzip, ihr Gott ist das praktischste Prinzip von der Welt – der Egoismus, und zwar der Egoismus in der Form der Religion. Der Egoismus ist der Gott, der seine Diener nicht zuschanden werden läßt. Der Egoismus ist wesentlich monotheistisch, denn er hat nur eines, nur sich zum Zweck. Der Egoismus sammelt, konzentriert den Menschen auf sich; er gibt ihm ein festes, dichtes Lebensprinzip; aber er macht ihn theoretisch borniert, weil gleichgültig gegen alles, was nicht unmittelbar auf das Wohl des Selbst sich bezieht. Die Wissenschaft entsteht daher, wie die Kunst, nur aus dem Polytheismus, denn der Polytheismus ist der offne, neidlose Sinn für alles Schöne und Gute ohne Unterschied, der Sinn für die Welt, für das Universum. Die Griechen sahen sich in der weiten Welt um, um ihren Gesichtskreis zu erweitern; die Juden beten noch heute mit gen Jerusalem gekehrtem Gesichte. Kurz, der monotheistische Egoismus raubte den Israeliten den freien theoretischen Trieb und Sinn. Salomo allerdings übertraf »alle Kinder gegen Morgen« an Verstand und Weisheit und redete (handelte, agebat) sogar »von Bäumen, von der Zeder zu Libanon bis zu dem Ysop, der an der Wand wächst«, auch von »Vieh, Vögeln, von Gewürme und von Fischen« 1. Könige 4, 30-34. Aber Salomo diente auch dem Jehova nicht mit ganzem Herzen; Salomo huldigte fremden Göttern und Weibern; Salomo hatte also polytheistischen Sinn und Geschmack. Der polytheistische Sinn, wiederhole ich, ist die Grundlage der Wissenschaft und Kunst.

Eins nun mit dieser Bedeutung, welche die Natur überhaupt für den Hebräer hatte, ist auch die Bedeutung ihres Ursprungs. In der Art, wie ich mir die Entstehung eines Dings erkläre, spreche ich nur unverhohlen meine Meinung, meine Gesinnung von demselben aus. Denke ich verächtlich davon, so denke ich mir auch einen verächtlichen Ursprung. Das Ungeziefer, die Insekten leiteten sonst die Menschen vom Aas und sonstigem Unrat ab. Nicht weil sie das Ungeziefer von einem so unappetitlichen Ursprung ableiteten, dachten sie so verächtlich davon, sondern weil sie so dachten, weil ihnen ihr Wesen so verächtlich erschien, dachten sie sich einen diesem Wesen entsprechenden, einen verächtlichen Ursprung. Den Juden war die Natur ein bloßes Mittel zum Zwecke des Egoismus, ein bloßes Willensobjekt. Das Ideal, der Abgott des egoistischen Willens ist aber der Wille, welcher unbeschränkt gebietet, welcher, um seinen Zweck zu erreichen, seinen Gegenstand zu verwirklichen, keiner Mittel bedarf, welcher, was er nur immer will, unmittelbar durch sich selbst, d. h. den bloßen Willen ins Dasein ruft. Den Egoisten schmerzt es, daß die Befriedigung seiner Wünsche und Bedürfnisse eine vermittelte ist, daß für ihn eine Kluft vorhanden ist zwischen dem Gegenstand und dem Wunsche, zwischen dem Zwecke in der Wirklichkeit und dem Zwecke in der Vorstellung. Er setzt daher, um diesen Schmerz zu heilen, um sich frei zu machen von den Schranken der Wirklichkeit, als das wahre, als sein höchstes Wesen das Wesen, welches durch das bloße: Ich will den Gegenstand hervorbringt. Deswegen war dem Hebräer die Natur, die Welt das Produkt eines diktatorischen Wortes, eines kategorischen Imperativs, eines zauberischen Machtspruchs.

Was für mich keine theoretische Bedeutung hat, was mir kein Wesen in der Theorie oder Vernunft ist, dafür habe ich auch keinen theoretischen, keinen wesentlichen Grund. Durch den Willen bekräftige, verwirkliche ich nur seine theoretische Nichtigkeit. Was wir verachten, das würdigen wir keines Blickes. Was man ansieht, achtet man; Anschauung ist Anerkennung. Was man anschaut, das fesselt durch geheime Anziehungskräfte, das überwältigt durch den Zauber, den es auf das Auge ausübt, den frevelnden Übermut des Willens, der alles nur sich unterwerfen will. Was einen Eindruck auf den theoretischen Sinn, auf die Vernunft macht, das entzieht sich der Herrschaft des egoistischen Willens; es reagiert, leistet Widerstand. Was der vertilgungssüchtige Egoismus dem Tode weiht, das gibt die liebevolle Theorie dem Leben wieder.

Die so sehr verkannte Ewigkeit der Materie oder Welt bei den heidnischen Philosophen hat also keinen andern Sinn, als daß ihnen die Natur eine theoretische Wahrheit war. Übrigens dachten sie bekanntlich verschieden hierüber. (S. z.B. Aristoteles de coelo lib. I. c. 10.) Aber ihre Differenz ist eine untergeordnete, da das schaffende Wesen bei ihnen mehr oder weniger selbst ein kosmisches Wesen ist. Die Heiden waren Götzendiener, d. h., sie schauten die Natur an; sie taten nichts andres, als was die tief christlichen Völker heute tun, wenn sie die Natur zum Gegenstande ihrer Bewunderung, ihrer unermüdlichen Forschung machen. »Aber die Heiden beteten ja die Naturgegenstände an.« Allerdings; allein die Anbetung ist nur die kindliche, die religiöse Form der Anschauung. Anschauung und Anbetung unterscheiden sich nicht wesentlich. Was ich anschaue, vor dem demütige ich mich, dem weihe ich das Herrlichste, was ich habe, mein Herz, meine Intelligenz zum Opfer. Auch der Naturforscher fällt vor der Natur auf die Knie nieder, wenn er eine Flechte, ein Insekt, einen Stein selbst mit Lebensgefahr aus der Tiefe der Erde hervorgräbt, um ihn im Lichte der Anschauung zu verherrlichen und im Andenken der wissenschaftlichen Menschheit zu verewigen. Naturstudium ist Naturdienst, Götzendienst im Sinne des israelitischen und christlichen Gottes, und Götzendienst nichts als die erste Naturanschauung des Menschen; denn die Religion ist nichts andres als die erste, darum kindliche, volkstümliche, aber befangene, unfreie Natur- und Selbstanschauung des Menschen. Die Hebräer dagegen erhoben sich über den Götzendienst zum Gottesdienste, über die Kreatur zur Anschauung des Kreators, d. h. sie erhoben sich über die theoretische Anschauung der Natur, welche den Götzendiener bezauberte, zur rein praktischen Anschauung, welche die Natur nur den Zwecken des Egoismus unterwirft. »Daß du auch nicht deine Augen aufhebest gen Himmel und sehest die Sonne und den Mond und die Sterne, das ganze Heer des Himmels und fallest ab und betest sie an und dienest ihnen, welche der Herr, dein Gott, verordnet hat (d. i. geschenkt, largitus est) allen Völkern unter dem ganzen Himmel.« »Obgleich die Himmelskörper nicht Werke der Menschen sind, so sind sie doch der Menschen wegen erschaffen. Keiner bete also die Sonne an, sondern erhebe sich zu dem Schöpfer der Sonne.« Clemens Alex. (Coh. ad gentes). Nur in der unergründlichen Tiefe und Gewalt des hebräischen Egoismus hat also die Schöpfung aus Nichts, d. h. die Schöpfung, als ein bloßer befehlshaberischer Akt, ihren Ursprung.

Aus diesem Grunde ist auch die Schöpfung aus Nichts kein Gegenstand der Philosophie – wenigstens in keiner andern Weise, als in welcher sie hier es ist –, denn sie schneidet mit der Wurzel alle wahre Spekulation ab, bietet dem Denken, der Theorie keinen Anhaltspunkt dar; sie ist eine für die Theorie bodenlose, aus der Luft gegriffene Lehre, die nur den Utilismus, den Egoismus bewahrheiten soll, nichts enthält, nichts andres ausdrückt, als den Befehl, die Natur nicht zu einem Gegenstande des Denkens, der Anschauung, sondern der Benützung und Genießung zu machen. Aber freilich je leerer sie für die natürliche Philosophie, um so tiefer ist ihre »spekulative« Bedeutung; denn eben weil sie keinen theoretischen Anhaltspunkt hat, läßt sie der Spekulation einen unendlichen Spielraum zu willkürlicher bodenloser Deutelei und Grübelei.

Es ist in der Geschichte der Dogmen und Spekulationen wie in der Geschichte der Staaten. Uralte Gebräuche, Rechte und Institute schleppen sich mit fort, nachdem sie längst ihren Sinn verloren. Was einmal gewesen, das will sich nicht das Recht nehmen lassen, für immer zu sein; was einmal gut war, das will nun auch für alle Zeiten gut sein. Hinterdrein kommen dann die Deutler, die Spekulanten und sprechen von dem tiefen Sinne, weil sie den wahren Sinn nicht mehr kennen. Aber natürlich nur bei der absoluten Religion, denn bei den andern Religionen heben sie die uns fremden, ihrem ursprünglichen Sinn und Zweck nach unbekannten Vorstellungen und Gebräuche als sinnlos und lächerlich hervor. Und doch ist in der Tat die Verehrung des Kuhurins, den der Parse und Indier trinkt, um Vergebung der Sünden zu erhalten, nicht lächerlicher, als die Verehrung des Haarkamms oder eines Fetzens vom Rocke der Mutter Gottes. So betrachtet auch die religiöse Spekulation die Dogmen, losgerissen aus dem Zusammenhang, in welchem sie allein Sinn haben; sie reduziert sie nicht kritisch auf ihren wahren innern Ursprung; sie macht vielmehr das Abgeleitete zum Ursprünglichen und umgekehrt das Ursprüngliche zum Abgeleiteten. Gott ist ihr das Erste; der Mensch das Zweite. So kehrt sie die natürliche Ordnung der Dinge um! Das Erste ist gerade der Mensch, das Zweite das sich gegenständliche Wesen des Menschen: Gott. Nur in der spätem Zeit, wo die Religion bereits Fleisch und Blut geworden, kann man sagen: wie der Gott, so der Mensch, obwohl auch dieser Satz immer nur eine Tautologie ausdrückt. Aber im Ursprung ist es anders und nur im Ursprung kann man etwas in seinem wahren Wesen erkennen. Erst schafft der Mensch ohne Wissen und Willen Gott nach seinem Bilde, und dann erst schafft wieder dieser Gott mit Wissen und Willen den Menschen nach seinem Bilde. Dies bestätigt vor allem der Entwicklungsgang der israelitischen Religion. Daher der Satz der theologischen Halbheit, daß die Offenbarung Gottes gleichen Schritt mit der Entwicklung des Menschengeschlechts hält. Natürlich; denn die Offenbarung Gottes ist nichts andres als die Offenbarung, die Selbstentfaltung des menschlichen Wesens. Nicht aus dem Kreator ging der supranaturalistische Egoismus der Juden hervor, sondern umgekehrt jener aus diesem: in der Kreation rechtfertigte nur gleichsam vor dem Forum seiner Vernunft der Israelite seinen Egoismus.

Allerdings konnte sich auch der Israelite als Mensch, wie leicht begreiflich, selbst schon aus praktischen Gründen, nicht der theoretischen Anschauung und Bewunderung der Natur entziehen. Aber er feiert nur die Macht und Größe Jehovas, indem er die Macht und Größe der Natur feiert. Und diese Macht Jehovas hat sich am herrlichsten gezeigt in den Wunderwerken, die sie zum Besten Israels getan. Es bezieht sich also der Israelite in der Feier dieser Macht immer zuletzt auf sich selbst; er feiert die Größe der Natur nur aus demselben Interesse, aus welchem der Sieger die Stärke seines Gegners vergrößert, um dadurch sein Selbstgefühl zu steigern, seinen Ruhm zu verherrlichen. Groß und gewaltig ist die Natur, die Jehova gemacht, aber noch gewaltiger, noch größer ist Israels Selbstgefühl. Um seinetwillen steht die Sonne stille; um seinetwillen erbebt nach Philo bei der Verkündigung des Gesetzes die Erde; kurz, um seinetwillen verändert die ganze Natur ihr Wesen. »Die ganze Kreatur, so ihre eigene Art hatte, veränderte sich wieder nach deinem Gebote, dem sie dient, auf daß deine Kinder unversehrt bewahrt würden. « Weisheit 19, 6. Gott gab Mose nach Philo Macht über die ganze Natur; jedes der Elemente gehorchte ihm als dem Herrn der Natur. Israels Bedürfnis ist das allmächtige Weltgesetz, Israels Notdurft das Schicksal der Welt. Jehova ist das Bewußtsein Israels von der Heiligkeit und Notwendigkeit seiner Existenz – eine Notwendigkeit, vor welcher das Sein der Natur, das Sein anderer Völker in Nichts verschwindet – Jehova die Salus populi, das Heil Israels, dem alles, was im Wege steht, aufgeopfert werden muß, Jehova das ausschließliche, monarchische Selbstgefühl, das vernichtende Zornfeuer in dem racheglühenden Auge des vertilgungssüchtigen Israels, kurz, Jehova das Ich Israels, das sich als der Endzweck und Herr der Natur Gegenstand ist. So feiert also der Israelite in der Macht der Natur die Macht Jehovas und in der Macht Jehovas die Macht des eignen Selbstbewußtseins. »Gelobt sei Gott! Ist Hülfsgott uns, ein Gott zu unserm Heil.« »Jehova Gott ist meine Kraft.« »Gott selbst des Helden (Josua) Wort gehorchte, denn Er, Jehova selbst, stritt mit vor Israel.« »Jehova ist KriegsgottNach Herder.

Wenn sich gleich im Verlaufe der Zeit der Begriff Jehovas in einzelnen Köpfen erweiterte und seine Liebe, wie von dem Verfasser des Buchs Jona, auf die Menschen überhaupt ausgedehnt wurde, so gehört dies doch nicht zum wesentlichen Charakter der israelitischen Religion. Der Gott der Väter, an den sich die teuersten Erinnerungen knüpfen, der alte historische Gott bleibt doch immer die Grundlage einer Religion. Die Bemerkung stehe noch hier, daß allerdings die Bewunderung der Macht und Herrlichkeit Gottes überhaupt, so auch Jehovas in der Natur zwar nicht im Bewußtsein des Israeliten, aber doch in Wahrheit nur die Bewunderung der Macht und Herrlichkeit der Natur ist. (S. hierüber P. Bayle, Ein Beitrag etc.) Aber dies förmlich zu beweisen, liegt außer unserm Plan, da wir uns hier nur auf das Christentum, d. h. die Verehrung Gottes im Menschen beschränken. Gleichwohl ist jedoch das Prinzip dieses Beweises auch in dieser Schrift ausgesprochen.

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